Quelle: MEW 21 Mai 1883 - Dezember 1889


       zurück

       #383#
       -----
       Die Abdankung der Bourgeoisie [348]
       
       ["Der Sozialdemokrat" Nr. 40 vom 5. Oktober 1889]
       Von allen nationalen Bourgeoisien hat unleugbar die englische bis
       jetzt den  meisten Klassenverstand  - d.h. politischen Verstand -
       sich bewahrt.  Unsere deutsche Bourgeoisie ist dumm und feig; sie
       hat nicht  einmal verstanden,  die ihr  1848 durch  die Arbeiter-
       klasse erkämpfte  politische Herrschaft  zu ergreifen und festzu-
       halten; die  Arbeiterklasse muß in Deutschland erst die Reste des
       Feudalismus und  des patriarchalischen Absolutismus wegfegen, die
       unsere Bourgeoisie  längst aus  der Welt zu schaffen verpflichtet
       war. Die  französische Bourgeoisie,  die geldgierigste und genuß-
       süchtigste von  allen, wird  durch ihre eigene Geldgier geblendet
       über ihre eigenen Zukunftsinteressen; sie sieht nur von heute auf
       morgen, sie  stürzt sich profitwütig in die skandalöseste Korrup-
       tion, erklärt  eine Einkommensteuer  für sozialistischen Hochver-
       rat, kann  keinem Streik anders begegnen als mit Infanteriesalven
       und bringt es damit fertig, daß in einer Republik mit allgemeinem
       Stimmrecht den Arbeitern kaum ein anderes Siegesmittel bleibt als
       die gewaltsame Revolution. Die englische Bourgeoisie ist weder so
       gierig-dumm wie die französische, noch so feig-dumm wie die deut-
       sche. Sie  hat während der Zeit ihrer größten Triumphe den Arbei-
       tern fortwährend  Konzessionen gemacht;  selbst ihr borniertester
       Teil, die konservative Grund-und Finanzaristokratie, scheute sich
       nicht, den  städtischen Arbeitern  das Stimmrecht in einem Maß zu
       übertragen, daß  es nur  die Schuld  dieser Arbeiter  selbst war,
       wenn sie  nicht seit 1868  40-50 der ihrigen im Parlament hatten.
       Und seitdem  hat die gesamte Bourgeoisie - Konservative und Libe-
       rale vereinigt  - das  erweiterte Stimmrecht auch auf die Landbe-
       zirke ausgedehnt, die Größe der Wahlkreise annähernd ausgeglichen
       und damit  der Arbeiterklasse  mindestens dreißig  weitere  Wahl-
       kreise zur Verfügung
       
       #384# Die Abdankung der Bourgeoisie
       -----
       gestellt. Während  die deutsche  Bourgeoisie die  Fähigkeit,  als
       herrschende Klasse die Nation zu führen und zu vertreten, nie ge-
       habt hat,  während die  französische tagtäglich  - und eben jetzt
       wieder in  den Wahlen  [349] - beweist, daß sie diese Fähigkeit -
       und sie  besaß sie  einst in  höherem Grad  als irgendeine andere
       Mittelklasse -  total verloren  hat, bewies  die englische  Bour-
       geoisie (worin die sog. Aristokratie aufgegangen und einbegriffen
       ist) bis  zuletzt noch  eine gewisse Gabe, ihre Stellung als lei-
       tende Klasse wenigstens einigermaßen auszufüllen.
       Das scheint jetzt aber mehr und mehr anders zu werden.
       In London  ist alles,  was mit dem alten Stadtregiment - der Ver-
       fassung und  Verwaltung der  eigentlichen City  -  zusammenhängt,
       noch reines  Mittelalter. Und dazu gehört auch der Hafen von Lon-
       don, der  erste Hafen  der  Welt.  Die  Besitzer  der  Ladeplätze
       (wharfingers),  die   Ewerführer  (lightermen),   die  Bootsleute
       (watermen) bilden  richtige Zünfte  mit ausschließlichen Privile-
       gien  und   teilweise  noch  mittelalterlichen  Trachten.  Diesen
       altvaterischen Zunftprivilegien  ist nun in den letzten siebenzig
       Jahren das  Monopol der  Dockgesellschaften als  Krone aufgesetzt
       und damit  der ganze  große Hafen von London einer kleinen Anzahl
       privilegierter Korporationen zur rücksichtslosen Ausbeutung über-
       antwortet worden.  Und diese  ganze privilegierte  Mißgeburt wird
       verewigt und  sozusagen unantastbar  gemacht  durch  die  endlose
       Reihe verwickelter und widerspruchsvoller Parlamentsakte, wodurch
       sie geschaffen  und großgezogen  wurde, derart, daß dies juristi-
       sche Labyrinth  ihre beste Schutzmauer geworden ist. Während aber
       gegenüber dem  handeltreibenden Publikum  diese Korporationen auf
       ihre mittelalterlichen  Vorrechte pochen und London zum kostspie-
       ligsten Hafen  der Welt  machen, haben sich die Mitglieder dieser
       Gesellschaft in  reine Bourgeois verwandelt, die außer ihren Kun-
       den noch  ihre Arbeiter in der schnödesten Weise ausbeuten und so
       die Vorteile der mittelalterlich-zünftigen und der , modern-kapi-
       talistischen Gesellschaft gleichzeitig einsacken.
       Da aber  diese Ausbeutung  im Rahmen  der modern-kapitalistischen
       Gesellschaft vor sich ging, blieb sie trotz der mittelalterlichen
       Verkleidung den  Gesetzen dieser  Gesellschaft  unterworfen.  Die
       Großen fraßen die Kleinen auf oder ketteten sie wenigstens an ih-
       ren Siegeswagen.  Die großen Dockgesellschaften wurden die Herren
       über die  Zünfte der Werftbesitzer, Ewerführer und Bootsleute und
       damit über  den ganzen  Londoner Hafen.  Sie sahen damit die Aus-
       sicht auf  grenzenlosen Profit  eröffnet. Diese Aussicht blendete
       sie. Sie  warfen Millionen  zum Fenster hinaus in törichten Anla-
       gen; und  da dieser Gesellschaften mehrere waren, ließen sie sich
       auf einen  gegenseitigen Konkurrenzkrieg ein, der weitere Millio-
       nen kostete, neue sinnlose
       
       #385# Die Abdankung der Bourgeoisie
       -----
       Bauten hervorrief  und die  Gesellschaften an  den Rand des Bank-
       rotts brachte,  bis sie  endlich vor etwa zwei Jahren sich einig-
       ten.
       Inzwischen hatte der Londoner Handel seinen Höhepunkt überschrit-
       ten. Havre,  Antwerpen, Hamburg,  und  seit  dem  neuen  Seekanal
       Amsterdam, zogen  einen wachsenden  Anteil des  Verkehrs an sich,
       der früher in London seinen Mittelpunkt gefunden. Liverpool, Hull
       und Glasgow  nahmen ebenfalls  ihr Teil.  Die  neugebauten  Docks
       blieben leer,  die Dividenden  schrumpften ein  und  verschwanden
       teilweise ganz,  die Aktien sanken, die Dockdirektoren, eigensin-
       nige, durch die alte gute Zeit verwöhnte, hochmütige Geldprotzen,
       wußten keinen  Rat. Die wirklichen Ursachen des relativen und ab-
       soluten Rückgangs  des Londoner  Hafenverkehrs wollten  sie nicht
       eingestehen. Und  diese Ursachen,  soweit sie lokaler Natur, sind
       einzig und  allein ihre  eigne hochnäsige  Verkehrtheit und deren
       Mutter, ihre privilegierte Stellung, die mittelalterliche, längst
       überlebte Verfassung  der City und des Hafens von London, die von
       Rechts wegen ins Britische Museum gehört, neben ägyptische Mumien
       und assyrische steinerne Ungeheuer.
       Nirgendwo sonst in der Welt würde eine derartige Verrücktheit ge-
       duldet werden.  In Liverpool, wo ähnliche Zustände in der Bildung
       begriffen waren, wurden sie im Keim erdrückt und die ganze Hafen-
       verfassung modernisiert.  Aber in London leidet der Handel darun-
       ter, knurrt, und - läßt es über sich ergehn. Die Bourgeoisie, de-
       ren Masse  die Kosten  dieser Abgeschmacktheiten  zu zahlen  hat,
       beugt sich  vor dem  Monopol -  widerwillig zwar,  aber sie beugt
       sich. Sie  hat nicht mehr die Energie, den Alp abzuschütteln, der
       mit der  Zeit die  Lebensbedingungen von ganz London zu erdrücken
       droht.
       Da bricht  der Streik  der Dockarbeiter  aus. [346] Nicht die von
       den Dockgesellschaften  geplünderte  Bourgeoisie  rebelliert;  es
       sind die von ihnen ausgebeuteten Arbeiter, die Ärmsten der Armen,
       die unterste Schicht der Proletarier des Ostends, die den Dockma-
       gnaten den  Fehdehandschuh hinwerfen. Und da endlich besinnt sich
       die Bourgeoisie,  daß auch  sie in  den Dockmagnaten  einen Feind
       hat, daß  die streikenden Arbeiter nicht nur in ihrem eigenen In-
       teresse, sondern  indirekt auch  im Interesse der Bourgeoisklasse
       den Kampf  aufgenommen haben. Das ist das Geheimnis der Sympathie
       des Publikums  mit dem Streik und der bisher unerhört freigebigen
       Geldbeiträge aus  bürgerlichen Kreisen.  Aber dabei blieb's auch.
       Die Arbeiter  gingen ins  Feuer unter  dem Beifallsruf und Hände-
       klatschen der Bourgeoisie; die Arbeiter fochten den Kampf aus und
       bewiesen nicht nur, daß die stolzen Dockmagnaten besiegbar waren,
       sondern wühlten  auch durch  ihren Kampf und Sieg die gesamte öf-
       fentliche Meinung derartig auf,
       
       #386# Die Abdankung der Bourgeoisie
       -----
       daß Dockmonopol und feudale Hafenverfassung jetzt nicht länger zu
       halten sind  und demnächst wohl ins Britische Museum wandern wer-
       den.
       Dies Stück  Arbeit hätte  die Bourgeoisie längst besorgen sollen.
       Sie hat  es nicht gekonnt oder nicht gewollt. Jetzt haben die Ar-
       beiter es  in die  Hand genommen  und jetzt wird es erledigt. Mit
       andern Worten,  hier hat  die Bourgeoisie  von ihrer eignen Rolle
       abgedankt zugunsten der Arbeiter.
       Nun ein  anderes Bild.  Aus dem  mittelalterlichen Londoner Hafen
       gehen wir  in die  modernen Baumwollspinnereien  von  Lancashire.
       Hier sind wir augenblicklich in der Periode, wo die Baumwollernte
       von 1888  erschöpft und die von 1889 noch nicht auf dem Markt an-
       gekommen ist, also in der Periode, wo die Spekulation im Rohstoff
       die besten  Aussichten hat.  Ein reicher  Holländer namens Steen-
       strand hat  mit anderen  Spießgesellen einen  "Ring" gebildet zum
       Aufkauf aller verfügbaren Baumwolle und zur entsprechenden Preis-
       treiberei. Die Baumwollspinner können dem nur entgegentreten, in-
       dem sie  die Konsumtion  einschränken, d.h. ihre Fabriken mehrere
       Tage der Woche oder ganz stillsetzen, bis neue Baumwolle in Sicht
       ist. Das  haben sie denn auch seit sechs Wochen versucht. Aber es
       will nicht gehen, wie es schon bei früheren Gelegenheiten nie hat
       gehen wollen.  Denn unter den Spinnern sind viele so verschuldet,
       daß teilweiser  oder ganzer Stillstand sie an den Rand des Unter-
       gangs bringt.  Und andere wünschen sogar, daß die Mehrzahl still-
       setze und damit die Garnpreise herauftreibe; sie selbst aber wol-
       len fortarbeiten  und von diesen höheren Garnpreisen profitieren.
       Es hat  sich auch schon seit reichlich zehn  J a h r e n  heraus-
       gestellt, daß  es nur ein Mittel gibt, den allgemeinen Stillstand
       aller Baumwollfabriken - gleichviel für welchen Endzweck - zu er-
       zwingen. Nämlich indem man eine Lohnherabsetzung, sage von 5 Pro-
       zent, ins  Werk setzt.  Dann gibt's  einen Streik oder auch einen
       Fabrikenschluß durch  die Fabrikanten  selbst, und dann, im Kampf
       gegen die  Arbeiter, herrscht  unbedingte Einigkeit unter den Fa-
       brikanten, und selbst diejenigen setzen ihre Maschinen still, die
       nicht wissen,  ob sie je wieder im Stand sein werden, sie in Gang
       zu setzen.
       Wie die  Dinge liegen, ist heute eine Lohnherabsetzung nicht rät-
       lich. Wie  aber ohne  sie die  allgemeine Schließung der Fabriken
       durchsetzen, ohne  die die Spinner den Spekulanten auf etwa sechs
       Wochen an  Händen und  Füßen gebunden  ausgeliefert  sind?  Durch
       einen Schritt,  der in der Geschichte der modernen Industrie ein-
       zig dasteht.
       Die Fabrikanten, durch ihr Zentralkomitee, wenden sich "offiziös"
       an das Zentralkomitee der Fachvereine der Arbeiter mit der Bitte,
       die organisierten  Arbeiter möchten  im gemeinsamen Interesse die
       widerspenstigen
       
       #387# Die Abdankung der Bourgeoisie
       -----
       Fabrikanten zum  Stillstand   z w i n g e n   durch Organisierung
       von Streiks. Die Herren Fabrikanten, im Eingeständnis ihrer eige-
       nen Unfähigkeit  zu geschlossenem  Handeln, bitten  die früher so
       gehaßten Gewerkschaften  der Arbeiter,  doch gütigst  Zwang gegen
       sie selbst,  die Fabrikanten,  anwenden zu wollen, damit sie, die
       Fabrikanten, durch  die bittre Not endlich dahin gebracht werden,
       einheitlich, als Klasse im Interesse ihrer eigenen Klasse zu han-
       deln. Durch  die Arbeiter  gezwungen, denn  sie selbst  bringen's
       nicht fertig!
       Die Arbeiter  willigten ein.  Und die  bloße Drohung der Arbeiter
       genügte. In 24 Stunden war der "Ring" der Baumwollspekulanten ge-
       brochen. Das beweist, was die Fabrikanten können, und was die Ar-
       beiter.
       Hier also,  in der  modernsten aller modernen Großindustrien, er-
       weist sich  die Bourgeoisie ebenso unfähig, ihre eigenen Klassen-
       interessen durchzusetzen  wie im  mittelalterlichen  London.  Und
       noch mehr.  Sie gesteht  es offen ein, und, indem sie sich an die
       organisierten Arbeiter  wendet mit  der Bitte,  ein  wesentliches
       Klasseninteresse der  Fabrikanten gegen die Fabrikanten selbst zu
       erzwingen, dankt  sie nicht nur selbst ab, sondern erkennt in der
       organisierten Arbeiterklasse ihre zur Herrschaft berufene und be-
       fähigte Nachfolgerin.  Sie proklamiert  es selbst, daß, wenn auch
       noch jeder  einzelne Fabrikant  seine eigene  Fabrik leiten kann,
       einzig und  allein die organisierten Arbeiter noch imstande sind,
       die Leitung der gesamten Baumwollindustrie in die Hand zu nehmen.
       Und das heißt auf deutsch, daß die Fabrikanten keinen anderen Be-
       ruf mehr  haben als  den, die bezahlten Geschäftsführer im Dienst
       der organisierten Arbeiter zu werden.
       F. Engels
       Geschrieben Ende September bis Anfang Oktober 1889.
       

       zurück