Quelle: MEW 21 Mai 1883 - Dezember 1889


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       [Über den Verfall des Feudalismus
       und das Aufkommen der Bourgeoisie [352]]
       
       Während die  wüsten Kämpfe  des herrschenden Feudaladels das Mit-
       telalter mit  ihrem Lärm  erfüllten, hatte  die stille Arbeit der
       unterdrückten Klassen  in ganz Westeuropa das Feudalsystem unter-
       graben, hatte  Zustände geschaffen,  in denen für den Feudalherrn
       immer weniger Platz blieb. Auf dem Lande freilich trieben die ad-
       ligen Herren noch ihr Wesen, peinigten die Leibeignen, schwelgten
       von ihrem Schweiß, ritten ihre Saaten nieder, vergewaltigten ihre
       Weiber und  Töchter. Aber  ringsherum hatten sich Städte erhoben;
       in Italien,  Südfrankreich, am  Rhein altrömische Munizipien, aus
       ihrer Asche  erstanden; anderswo,  namentlich im  Innern Deutsch-
       lands, neue  Schöpfungen; immer  eingeringt in  schirmende Mauern
       und Gräben,  Festungen, weit  stärker als  die Burgen  des Adels,
       weil bezwingbar  nur durch  ein großes Heer. Hinter diesen Mauern
       und Gräben  entwickelte sich - zunft-bürgerlich und kleinlich ge-
       nug -  das mittelalterliche  Handwerk, sammelten  sich die ersten
       Kapitalien an,  entsprang das  Bedürfnis des  Verkehrs der Städte
       untereinander und  mit der  übrigen Welt, und, mit dem Bedürfnis,
       allmählich auch die Mittel, diesen Verkehr zu schützen.
       Im fünfzehnten  Jahrhundert waren die Städtebürger bereits unent-
       behrlicher in  der Gesellschaft geworden als der Feudaladel. Zwar
       war der  Ackerbau noch  immer die  Beschäftigung der großen Masse
       der Bevölkerung  und damit  der Hauptproduktionszweig.  Aber  die
       paar vereinzelten  Freibauern, die sich hie und da noch gegen die
       Anmaßungen des  Adels erhalten,  bewiesen hinreichend,  daß  beim
       Ackerbau nicht die Bärenhäuterei und die Erpressungen des Adligen
       die Hauptsache  sei, sondern die Arbeit des Bauern. Und dann hat-
       ten sich  die Bedürfnisse  auch des  Adels so vermehrt und verän-
       dert, daß  selbst ihm die Städte unentbehrlich geworden; bezog er
       doch sein  einziges Produktionswerkzeug,  «einen Panzer und seine
       Waffen, aus den Städten! Einheimische Tuche, Möbel und Schmucksa-
       chen, italienische
       
       #393# Verfall des Feudalismus und das Aufkommen der Bourgeoisie
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       Seidenzeuge, Brabanter  Spitzen, nordische Pelze, arabische Wohl-
       gerüche, levantische  Früchte, indische  Gewürze - alles, nur die
       Seife nicht - kaufte er von den Städtern. Ein gewisser Welthandel
       hatte sich  entwickelt; die Italiener befuhren das Mittelmeer und
       darüber hinaus  die atlantischen  Küsten bis  Flandern, die  Han-
       seaten beherrschten bei aufkommender holländischer und englischer
       Konkurrenz noch  immer Nord-  und Ostsee. Zwischen den nördlichen
       und südlichen  Zentren des  Seeverkehrs wurde die Verbindung über
       Land erhalten;  die Straßen,  auf denen  diese Verbindung  statt-
       fand,gingen durch Deutschland. Während der Adel immer überflüssi-
       ger und  der Entwicklung hinderlicher, wurden so die Städtebürger
       die Klasse,  in der  die Fortentwicklung  der Produktion  und des
       Verkehrs, der Bildung, der sozialen und politischen Institutionen
       sich verkörpert fand.
       Alle diese  Fortschritte der Produktion und des Austausches waren
       in der Tat, nach heutigen Begriffen, sehr beschränkter Natur. Die
       Produktion blieb  gebannt in  die Form des reinen Zunfthandwerks,
       behielt also  selbst noch  einen feudalen  Charakter; der  Handel
       blieb innerhalb der europäischen Gewässer und ging nicht über die
       levantischen Küstenstädte  hinaus, in  denen er  die Produkte des
       Fernen Ostens eintauschte. Aber kleinlich und beschränkt, wie die
       Gewerbe und  mit ihnen  die gewerbtreibenden  Bürger blieben, sie
       reichten hin,  die feudale Gesellschaft umzuwälzen, und sie blie-
       ben wenigstens in der Bewegung, während der Adel stagnierte.
       Dabei hatte  die Bürgerschaft der Städte eine gewaltige Waffe ge-
       gen den  Feudalismus -   d a s  G e l d.  In der feudalen Muster-
       wirtschaft des  frühen Mittelalters  war für  das Geld kaum Platz
       gewesen. Der Feudalherr bezog von seinen Leibeignen alles, was er
       brauchte; entweder  in der Form von Arbeit oder in der von ferti-
       gem Produkt;  die Weiber  spannen und  woben den  Flachs und  die
       Wolle und  machten die  Kleider; die  Männer bestellten das Feld;
       die Kinder hüteten das Vieh des Herrn, sammelten ihm Waldfrüchte,
       Vogelnester, Streu;  die ganze  Familie hatte außerdem noch Korn,
       Obst, Eier,  Butter, Käse, Geflügel, Jungvieh und was nicht alles
       noch einzuliefern. Jede Feudalherrschaft genügte sich selbst; so-
       gar die  Kriegsleistungen wurden  in Produkten eingefordert; Ver-
       kehr, Austausch war nicht vorhanden, Geld überflüssig. Europa war
       auf eine  so niedrige  Stufe herabgedrückt,  hatte so sehr wieder
       von vorn  angefangen, daß  das Geld  damals weit weniger eine ge-
       sellschaftliche als  eine  bloß  politische  Funktion  hatte:  Es
       diente zum   S t e u e r z a h l e n  und wurde hauptsächlich er-
       worben durch  R a u b.
       Alles das  war jetzt  anders. Geld  war wieder  allgemeines  Aus-
       tauschmittel geworden, und damit hatte sich seine Masse bedeutend
       vermehrt; auch der Adel konnte es nicht mehr entbehren, und da er
       wenig oder nichts zu
       
       #394# Aus dem handschriftlichen Nachlaß
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       verkaufen hatte,  da auch  das Rauben  jetzt nicht ganz so leicht
       mehr war,  mußte er  sich entschließen, vom bürgerlichen Wucherer
       zu borgen. Lange ehe die Ritterburgen von den neuen Geschützen in
       Bresche gelegt,  waren sie  schon vom  Geld unterminiert;  in der
       Tat, das  Schießpulver war  sozusagen bloß der Gerichtsvollzieher
       im Dienst des Geldes. Das Geld war der große politische Gleichma-
       chungshobel der  Bürgerschaft. Überall,  wo ein persönliches Ver-
       hältnis durch ein Geldverhältnis, eine Naturalleistung durch eine
       Geldleistung verdrängt wurde, da trat ein bürgerliches Verhältnis
       an die  Stelle eines  feudalen. Zwar blieb die alte brutale Natu-
       ralwirtschaft auf  dem Lande in bei weitem den meisten Fällen be-
       stehn; aber  schon gab es ganze Distrikte, wo, wie in Holland, in
       Belgien, am Niederrhein, die Bauern den Herren Geld statt Fronden
       und Naturalabgaben  entrichteten, wo  Herren und Untertanen schon
       den ersten  entscheidenden Schritt  getan hatten  zum Übergang in
       Grundbesitzer und Pächter, wo also auch auf dem Lande den politi-
       schen Einrichtungen des Feudalismus ihre gesellschaftliche Grund-
       lage abhanden kam.
       Wie sehr  die Feudalität  am Ende  des  fünfzehnten  Jahrhunderts
       schon vom  Geld unterhöhlt  und innerlich ausgefressen war, tritt
       schlagend hervor an dem Golddurst, der sich um diese Zeit Westeu-
       ropas bemächtigt.   G o l d  suchten die Portugiesen an der afri-
       kanischen Küste, in Indien, im ganzen Fernen Osten;  G o l d  war
       das Zauberwort,  das die Spanier über den Atlantischen Ozean nach
       Amerika trieb;   G o l d   war  das erste, wonach der Weiße frug,
       sobald er  einen neuentdeckten  Strand betrat. Aber dieser Drang,
       in die Ferne auf Abenteuer auszuziehn, um Gold zu suchen, so sehr
       er auch  im Anfang  in feudalen und halbfeudalen Formen sich ver-
       wirklicht, war  doch in seiner Wurzel schon unverträglich mit dem
       Feudalismus, dessen Grundlage der Ackerbau und dessen Eroberungs-
       züge wesentlich  auf   L a n d e r w e r b  gerichtet waren. Dazu
       war die  Schiffahrt ein entschieden  b ü r g e r l i c h e s  Ge-
       werbe, das  seinen antifeudalen  Charakter  auch  allen  modernen
       Kriegsflotten aufgeprägt hat.
       Im fünfzehnten  Jahrhundert war also die Feudalität in ganz West-
       europa in vollem Verfall; überall hatten sich Städte mit antifeu-
       dalen Interessen,  mit eignem  Recht und  mit bewaffneter Bürger-
       schaft in  die feudalen Gebiete eingekeilt, hatten die Feudalher-
       ren teilweise schon gesellschaftlich, durch das Geld, und hie und
       da sogar auch politisch in ihre Abhängigkeit gebracht; selbst auf
       dem Lande,  da, wo der Ackerbau durch besonders günstige Verhält-
       nisse sich  gehoben, fingen  die alten  Feudalbande an, unter der
       Einwirkung des Geldes sich zu lösen; nur in neueroberten Ländern,
       wie die  ostelbischen Deutschlands, oder in sonst zurückgebliebe-
       nen, von den
       
       #395# Verfall des Feudalismus und das Aufkommen der Bourgeoisie
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       Wegen des Handels abgelegenen Strichen blühte die alte Adelsherr-
       schaft fort.  Überall aber  hatten sich  - in den Städten wie auf
       dem Land  - die  Elemente der  Bevölkerung gemehrt, die vor allem
       verlangten, daß das ewige sinnlose Kriegführen aufhöre, jene Feh-
       den der  Feudalherren, die  den innern  Krieg permanent  machten,
       selbst wenn der fremde Feind im Lande war, jener Zustand ununter-
       brochener, rein  zweckloser Verwüstung, der das ganze Mittelalter
       hindurch gewährt  hatte. Selbst  noch zu  schwach,  ihren  Willen
       durchzusetzen, fanden  diese Elemente  einen starken  Rückhalt in
       der Spitze  der ganzen  feudalen Ordnung  - im Königtum. Und hier
       ist der Punkt, wo uns die Betrachtung der gesellschaftlichen Ver-
       hältnisse zu  der der  staatlichen führt, wo wir aus der Ökonomie
       übertreten in die Politik.
       Aus dem Völkergewirr des frühesten Mittelalters entwickelten sich
       nach und  nach die  neuen Nationalitäten, ein Prozeß, bei dem be-
       kanntlich in  den meisten ehemals römischen Provinzen die Besieg-
       ten den Sieger, der Bauer und Städter den germanischen Herrn sich
       assimilierten. Die  modernen Nationalitäten  sind also  ebenfalls
       das Erzeugnis  der unterdrückten  Klassen. Wie  die Verschmelzung
       hier, die  Grenzscheidung dort  vor sich ging, davon gibt uns ein
       anschauliches Bild  die Menkesche  Gaukarte des  mittleren  Loth-
       ringens *).  Man braucht  bloß auf  dieser Karte die Grenzscheide
       romanischer und  deutscher Ortsnamen  zu verfolgen,  um  sich  zu
       überzeugen, daß  diese für  Belgien und  Niederlothringen mit der
       noch vor  hundert Jahren  bestehenden Sprachgrenze  des Französi-
       schen und  Deutschen in  der Hauptsache zusammenfällt. Hie und da
       findet sich  noch ein  schmales streitiges  Gebiet, wo die beiden
       Sprachen um  den Vorrang  kämpfen; im ganzen aber steht fest, was
       deutsch, was  romanisch bleiben soll. Die altniederfränkische und
       althochdeutsche Form  der meisten  Ortsnamen der  Karte aber  be-
       weist, daß  sie dem neunten, spätestens zehnten Jahrhundert ange-
       hören, daß  also die  Grenze gegen  Ende der  kardlingschen  Zeit
       schon im wesentlichen gezogen war. Auf der romanischen Seite fin-
       den sich nun, besonders in der Nähe der Sprachgrenze, Mischnamen,
       aus einem  deutschen Personennamen  und einer romanischen Ortsbe-
       zeichnung zusammengesetzt, z.B. westlich der Maas bei Verdun: Ep-
       pone curtis, Rotfridi curtis, Ingolini curtis, Teudegisilo-villa,
       heute Ippécourt,  Récourt la Creux, Amblaincourt sur Aire, Thier-
       ville. Es  waren dies fränkische Herrensitze, kleine deutsche Ko-
       lonien auf  romanischem Boden, die früher oder später der Romani-
       sierung verfielen.  In den  Städten und  in einzelnen  ländlichen
       Strichen saßen stärkere
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       *) Spruner-Menke, "Hand-Atlas zur Geschichte des Mittelalters und
       der neueren Zeit", 3. Aufl., Gotha 1874, Karte Nr. 32.
       
       #396# Aus dem handschriftlichen Nachlaß
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       deutsche Kolonien,  die ihre Sprache noch längere Zeit beibehiel-
       ten; aus  einer solchen  ging z.B.  Ende des neunten Jahrhunderts
       noch das  "Ludwigslied" [353]  hervor; daß  aber schon früher ein
       großer Teil  der fränkischen Herren romanisiert war, beweisen die
       Eidformeln der Könige und Großen von 842, in denen das Romanische
       schon als Amtssprache Frankreichs auftritt [354].
       Die Sprachgruppen  einmal abgegrenzt  (vorbehaltlich späterer Er-
       oberungs- und Ausrottungskriege, wie sie z.B. gegen die Elbslawen
       [355] geführt  wurden), war es natürlich, daß sie der Staatenbil-
       dung zur  gegebenen Grundlage dienten, daß die Nationalitäten an-
       fingen, sich  zu Nationen zu entwickeln. Wie mächtig dies Element
       schon im neunten Jahrhundert war, beweist das rasche Zusammenbre-
       chen des  Mischstaats Lotharingien  [356]. Zwar blieben das ganze
       Mittelalter durch Sprachgrenzen und Landesgrenzen weit davon ent-
       fernt sich zu decken; aber es war doch jede Nationalität, Italien
       etwa ausgenommen,  durch einen  besondern großen  Staat in Europa
       vertreten, und  die Tendenz,  nationale Staaten herzustellen, die
       immer klarer  und bewußter  hervortritt, bildet einen der wesent-
       lichsten Fortschrittshebel des Mittelalters.
       In jedem  dieser mittelalterlichen  Staaten bildete nun der König
       die Spitze  der ganzen  feudalen Hierarchie, eine Spitze, der die
       Vasallen nicht  entraten konnten  und gegen die sie sich zugleich
       im Stand  permanenter Rebellion befanden. Das Grundverhältnis der
       ganzen feudalen  Wirtschaft, Landverleihung gegen Leistung gewis-
       ser persönlicher  Dienste und  Abgaben, lieferte  schon in seiner
       ursprünglichen, einfachsten  Gestalt Stoff  genug zu Streitigkei-
       ten, besonders  wo so  viele ein  Interesse hatten, Händel zu su-
       chen. Wie nun erst im späteren Mittelalter, wo die Lehnsbeziehun-
       gen in allen Ländern unentwirrbare Knäuel von bewilligten, entzo-
       genen, wieder erneuerten, verwirkten, veränderten oder anders be-
       dingten Berechtigungen  und Verpflichtungen  bildeten?  Karl  der
       Kühne z.B.  war für  einen Teil  seiner Länder Lehnsmann des Kai-
       sers, für  andre Lehnsmann des Königs von Frankreich; andrerseits
       war der  König von  Frankreich, sein  Lehnsherr, zugleich für ge-
       wisse Gebiete  der Lehnsmann  Karls des Kühnen, seines eignen Va-
       sallen; wie  da Konflikten  entgehn? -  Daher dieses jahrhundert-
       lange Wechselspiel  der Attraktion  der Vasallen  zum königlichen
       Zentrum hin, das allein sie gegen außen und gegen einander schüt-
       zen kann,  und die  Repulsion vom Zentrum, in die jene Attraktion
       unaufhörlich und  unvermeidlich umschlägt;  daher der ununterbro-
       chene Kampf  zwischen Königtum,  und Vasallen, dessen ödes Getöse
       alles andre übertäubte während jener langen Zeit, wo der Raub die
       einzige, des freien Mannes würdige
       
       #397# Verfall des Feudalismus und das Aufkommen der Bourgeoisie
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       Erwerbsquelle war;  daher jene endlose, sich immer neu erzeugende
       Reihe von  Verrat, Meuchelmord,  Vergiftung, Heimtücke  und aller
       nur erdenklichen Niederträchtigkeiten, die sich hinter dem poeti-
       schen Namen  der Ritterlichkeit  versteckt und  in einem fort von
       Ehre und Treue redet.
       Daß in  diesem allgemeinen  Wirrwarr das Königtum das progressive
       Element war,  liegt auf  der Hand.  Es vertrat die Ordnung in der
       Unordnung, die  sich bildende Nation gegenüber der Zersplitterung
       in rebellische Vasallenstaaten. Alle revolutionären Elemente, die
       sich unter der feudalen Oberfläche bildeten, waren ebenso auf das
       Königtum angewiesen wie das Königtum auf sie. Die Allianz von Kö-
       nigtum und  Bürgertum datiert  aus dem  zehnten Jahrhundert;  oft
       durch Konflikte  unterbrochen, wie  denn  im  ganzen  Mittelalter
       nichts stetig  seine Bahn  verfolgt, erneuerte sie sich immer fe-
       ster, immer gewaltiger, bis sie dem Königtum zum endgültigen Sieg
       verhalf und  das Königtum seinen Verbündeten zum Dank unterjochte
       und ausplünderte.
       Könige wie Bürger fanden eine mächtige Stütze an dem aufkommenden
       Stande der   J u r i s t e n.  Mit der Wiederentdeckung des römi-
       schen Rechts  trat die  Teilung der Arbeit ein zwischen den Pfaf-
       fen, den Rechtskonsulenten der Feudalzeit, und den nicht geistli-
       chen Rechtsgelehrten.  Diese neuen  Juristen waren von vornherein
       wesentlich bürgerlicher  Stand; dann  aber war auch das von ihnen
       studierte, vorgetragne  und ausgeübte Recht seinem Charakter nach
       wesentlich antifeudal  und in  gewisser Beziehung bürgerlich. Das
       römische Recht  ist so  sehr der  klassische juristische Ausdruck
       der Lebensverhältnisse und Kollisionen einer Gesellschaft, in der
       das reine Privateigentum herrscht, daß alle späteren Gesetzgebun-
       gen nichts  Wesentliches daran zu bessern vermochten. Das bürger-
       liche Eigentum  des Mittelalters war aber noch stark mit feudalen
       Beschränkungen verquickt,  bestand z.B.  großenteils in  Privile-
       gien; das  römische Recht war also insofern auch den bürgerlichen
       Verhältnissen von  damals weit voraus. Die weitere geschichtliche
       Entwicklung des  bürgerlichen Eigentums konnte aber nur darin be-
       stehn, daß  es sich, wie auch geschehn, zum reinen Privateigentum
       fortbildete. Diese  Entwicklung mußte  aber einen mächtigen Hebel
       finden im  römischen Recht,  das alles das schon fertig enthielt,
       dem die  Bürgerschaft des späteren Mittelalters nur noch unbewußt
       zustrebte.
       Wenn auch in sehr vielen Einzelfällen das römische Recht den Vor-
       wand bot  zu erhöhter  Bedrückung der Bauern durch den Adel, z.B.
       wo die  Bauern keine schriftlichen Beweise beibringen konnten für
       ihre Freiheit von sonst üblichen Lasten, so ändert das an der Sa-
       che nichts.  Der Adel  hätte auch  ohne das römische Recht solche
       Vorwände gefunden und fand sie
       
       #398# Aus dem handschriftlichen Nachlaß
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       täglich. Jedenfalls  war es  ein gewaltiger  Fortschritt, als ein
       Recht zur  Geltung kam,  das die Feudalverhältnisse absolut nicht
       kennt und  das das  moderne  Privateigentum  vollständig  antizi-
       pierte.
       Wir sahen,  wie der  Feudaladel anfing, in ökonomischer Beziehung
       in der  Gesellschaft des  späteren Mittelalters  überflüssig,  ja
       hinderlich zu  werden; wie er auch bereits politisch der Entwick-
       lung der  Städte und  des damals nur in monarchischer Form mögli-
       chen nationalen Staats im Wege stand. Trotz alledem hatte ihn der
       Umstand gehalten,  daß er bis dahin das Monopol der Waffenführung
       hatte, daß  ohne ihn  keine Kriege  geführt, keine Schlachten ge-
       schlagen werden konnten. Auch dies sollte sich ändern; der letzte
       Schritt sollte  getan werden, um dem Feudaladel klarzumachen, daß
       die von  ihm beherrschte gesellschaftliche und staatliche Periode
       zu Ende,  daß er  in seiner  Eigenschaft als Ritter, auch auf dem
       Schlachtfeld, nicht mehr zu brauchen sei.
       Die Feudalwirtschaft mit einem selbst feudalen Heer zu bekämpfen,
       worin die  Soldaten durch  engere  Bande  an  ihre  unmittelbaren
       Lehnsherrn gebunden  waren als  an das königliche Armeekommando -
       das hieß  offenbar, sich in einem lasterhaften Zirkel bewegen und
       nicht vom  Fleck kommen.  Vom Anfang des vierzehnten Jahrhunderts
       an streben die Könige danach, sich von diesem Feudalheer zu eman-
       zipieren, ein  eignes Heer zu schaffen. Von dieser Zeit an finden
       wir in  den Armeen der Könige einen stets wachsenden Teil geworb-
       ner oder gemieteter Truppen. Anfangs meist Fußvolk, aus dem Abhub
       der Städte und aus weggelaufenen Leibeignen bestehend, Lombarden,
       Genuesen, Deutsche,  Belgier usw.,  zur Besetzung  der Städte und
       zum Belagerungsdienst  gebraucht, in  offner Feldschlacht anfangs
       kaum zu  verwenden. Aber schon gegen Ende des Mittelalters finden
       wir auch Ritter, die sich mit ihren wer weiß wie zusammengebrach-
       ten Gefolgschaften  in Mietdienst fremder Fürsten begeben und da-
       mit den rettungslosen Zusammenbruch des feudalen Kriegswesens be-
       kunden.
       Gleichzeitig erstand  die  Grundbedingung  eines  kriegstüchtigen
       Fußvolks in  den Städten  und in den freien Bauern, da, wo solche
       noch vorhanden  oder sich  neu gebildet hatten. Bis dahin war die
       Ritterschaft mit  ihren ebenfalls  berittenen Gefolgsleuten nicht
       sowohl der Kern des Heers, als vielmehr das Heer selbst; der Troß
       der mitlaufenden  leibeignen Fußknechte zählte nicht, er schien -
       im freien  Feld -  bloß vorhanden zum Ausreißen und zum Plündern.
       Solange die  Blütezeit des Feudalismus währte, bis Ende des drei-
       zehnten Jahrhunderts,  schlug und  entschied  die  Reiterei  alle
       Schlachten. Von  da an  ändert sich  die Sache,  und zwar an ver-
       schiedenen Punkten gleichzeitig. Das allmähliche Verschwinden der
       Leibeigenschaft in  England schuf  eine zahlreiche  Klasse freier
       Bauern, Grundbesitzer (yeomen)
       
       #399# Verfall des Feudalismus und das Aufkommen der Bourgeoisie
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       oder Pächter,  und damit  den Rohstoff  zu einem  neuen  Fußvolk,
       geübt in  der Führung des Bogens, der damaligen englischen Natio-
       nalwaffe. Die  Einführung dieser  Bogenschützen, die stets zu Fuß
       fochten, sie mochten auf dem Marsch beritten sein oder nicht, gab
       Anlaß zu einer wesentlichen Änderung in der Taktik der englischen
       Heere. Vom  vierzehnten Jahrhundert  an ficht  die englische Rit-
       terschaft mit  Vorliebe zu  Fuß, da, wo Terrain oder sonstige Um-
       stände dies  angemessen machen. Hinter den Bogenschützen, die den
       Kampf einleiten  und den  Feind mürbe machen, harrt die geschlos-
       sene Phalanx  der abgesessenen  Ritterschaft des  feindlichen An-
       griffs oder  des geeigneten  Moments zum  Vorbrechen, während nur
       ein Teil zu Pferde bleibt, um durch Flankenangriffe die Entschei-
       dung zu  unterstützen. Die  damaligen ununterbrochenen  Siege der
       Engländer in  Frankreich [357] beruhen wesentlich auf dieser Wie-
       derherstellung eines  defensiven Elements im Heere und sind meist
       ebensosehr Verteidigungsschlachten  mit offensivem  Rückstoß  wie
       diejenigen Wellingtons  in Spanien  und Belgien.  Mit der Annahme
       der neuen  Taktik durch  die Franzosen  - möglich, seit bei ihnen
       gemietete italienische Armbrustschützen die Stelle der englischen
       Bogenschützen vertraten - hörte der Siegeslauf der Engländer auf.
       Ebenfalls zu  Anfang des  vierzehnten Jahrhunderts hatte das Fuß-
       volk der  flandrischen Städte  es gewagt  - und oft mit Erfolg -,
       sich der französischen Ritterschaft in offner Feldschlacht entge-
       genzustellen, und hatte Kaiser Albrecht durch seinen Versuch, die
       reichsfreien Schweizer  Bauern zu  verraten an  den Erzherzog von
       Östreich, der  er selbst  war, den Anstoß gegeben zur Bildung der
       ersten modernen  Infanterie von  europäischem Ruf.  [358] In  den
       Triumphen der  Schweizer über  die Östreicher und namentlich über
       die Burgunder  erlag endgültig die Panzerreiterei - beritten oder
       abgesessen  -  dem  Fußvolk,  das  Feudalheer  den  Anfängen  des
       modernen Heers,  der Ritter dem Bürger und freien Bauern. Und die
       Schweizer, um  von vornherein  den bürgerlichen  Charakter ihrer,
       der ersten unabhängigen Republik in Europa festzustellen,  v e r-
       s i l b e r t e n   sofort  ihren  Kriegsruhm.  Alle  politischen
       Rücksichten  verschwanden:   die  Kantone  verwandelten  sich  in
       Werbtische, um  Söldlinge für  den Meistbietenden zusammenzutrom-
       meln. Auch sonstwo, und namentlich in Deutschland, ging die Werb-
       trommel um;  aber der  Zynismus einer Regierung, die nur zum Ver-
       kauf ihrer Landeskinder dazusein schien, blieb unerreicht, bis in
       der Zeit  der tiefsten  nationalen Erniedrigung  deutsche Fürsten
       ihn übertrafen.
       Dann wurde  im vierzehnten Jahrhundert ebenfalls das Schießpulver
       und die  Artillerie von  den Arabern über Spanien nach Europa ge-
       bracht. Bis  Ende des  Mittelalters blieb die Handfeuerwaffe ohne
       Wichtigkeit, was sich
       
       #400# Aus dem handschriftlichen Nachlaß
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       begreift, da  der Bogen  des englischen Schützen von Crécy ebenso
       weit und vielleicht sicherer traf - wenn auch nicht mit derselben
       Wirkung -  wie das  glatte Gewehr  des Infanteristen von Waterloo
       [359]. Das  Feldgeschütz war  ebenfalls noch  in seiner Kindheit;
       dagegen hatten  die schweren  Kanonen das  freistehende Mauerwerk
       der Ritterburgen  schon vielfach in Bresche gelegt und dem Feuda-
       ladel angekündigt,  daß mit dem Pulver das Ende seines Reichs be-
       siegelt sei.
       Die Verbreitung der Buchdruckerkunst, die Wiederbelebung des Stu-
       diums der  antiken Literatur,  die ganze Kulturbewegung, die seit
       1450 immer  stärker, immer  allgemeiner wird  - alles das kam dem
       Bürgertum und Königtum zugunsten im Kampf gegen den Feudalismus.
       Das Zusammenwirken  aller dieser  Ursachen, von  Jahr zu Jahr ge-
       kräftigt durch  ihre zunehmende, mehr und mehr in derselben Rich-
       tung vorantreibende  Wechselwirkung aufeinander, entschied in der
       letzten Hälfte  des fünfzehnten Jahrhunderts den Sieg, noch nicht
       des Bürgertums,  wohl aber  des Königtums  über den  Feudalismus.
       Überall in  Europa, bis hinein in die entfernten Nebenländer, die
       den Feudalzustand nicht durchgemacht, bekam auf einmal die könig-
       liche Macht  die Überhand.  Auf der Pyrenäischen Halbinsel verei-
       nigten sich zwei der dortigen romanischen Sprachstämme zum König-
       reich Spanien  und unterwarf sich das provenzalisch redende Reich
       Aragon der  kastilischen Schriftsprache  [360]; der  dritte Stamm
       vereinigte sein Sprachgebiet (mit Ausnahme Galiciens), zum König-
       reich Portugal, dem iberischen Holland, wandte sich vom Inland ab
       und bewies  durch seine  Tätigkeit zur  See seine Berechtigung zu
       gesonderter Existenz.
       In Frankreich gelang es Ludwig XI. endlich nach dem Untergang des
       burgundischen Zwischenreichs  [361] die durch das Königtum reprä-
       sentierte nationale  Einheit auf dem damals noch sehr beschnitte-
       nen französischen  Gebiet so  weit herzustellen, daß bereits sein
       Nachfolger 1*)  sich in  italienische Händel [362] mischen konnte
       und daß  diese Einheit  nur noch  einmal -  durch die Reformation
       [363] -  auf kurze  Zeit in  Frage gestellt  wurde. England hatte
       endlich, seine  quichottischen Eroberungskriege in Frankreich, an
       denen es auf die Dauer verblutet wäre, aufgegeben; der Feudaladel
       suchte Ersatz in den Rosenkriegen [384] und fand mehr, als er ge-
       sucht hatte:  Er rieb sich gegeneinander auf und brachte das Haus
       Tudor auf  den Thron, dessen Königsmacht die aller seiner Vorgän-
       ger und  Nachfolger übertraf.  Die skandinavischen  Länder  waren
       längst geeinigt,  Polen ging  seit der  Vereinigung  mit  Litauen
       [365] seiner Glanzperiode mit noch ungeschwächter Königsmacht
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       1*) Karl VIII.
       
       #401# Verfall des Feudalismus und das Aufkommen der Bourgeoisie
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       entgegen, und  selbst in Rußland waren Niederwerfung der Teilfür-
       sten und Abschüttlung des tatarischen Jochs Hand in Hand gegangen
       und von  Iwan III. endgültig besiegelt. In ganz Europa gab es nur
       zwei Länder,  in denen das Königtum und die ohne es damals unmög-
       liche nationale Einheit gar nicht oder nur auf dem Papier bestan-
       den: Italien und Deutschland.
       Geschrieben Ende 1884.
       Nach der Handschrift.

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