Quelle: MEW 21 Mai 1883 - Dezember 1889
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Die Rolle der Gewalt in der Geschichte [368]
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Geschrieben Ende Dezember 1887 bis März 1888.
Nach der Handschrift.
Der Teil, für den die entsprechenden Seiten der Handschrift feh-
len, wird nach dem in der "Neuen Zeit", Nr. 25, 14. Jahrgang, 1.
Band. 1895-1896, S. 772-776, veröffentlichten Text gebracht.
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Wenden wir nun unsre Theorie an auf die deutsche Geschichte von
heute und ihre Gewaltspraxis von Blut und Eisen. Wir werden dar-
aus klar ersehen, weshalb die Politik von Blut und Eisen zeitwei-
lig Erfolg haben mußte und weshalb sie schließlich zugrunde gehn
muß.
Der Wiener Kongreß hatte 1815 Europa in einer Weise verteilt und
verschachert, die die totale Unfähigkeit der Potentaten und
Staatsmänner vor aller Welt klarlegte. [369] Der allgemeine Völ-
kerkrieg gegen Napoleon war der Rückschlag des bei allen Völkern
von Napoleon mit Füßen getretenen Nationalgefühls. Zum Dank dafür
traten die Fürsten und Diplomaten des Wiener Kongresses dies Na-
tionalgefühl noch schnöder unter die Füße. Die kleinste Dynastie
galt mehr als das größte Volk. Deutschland und Italien wurden
wieder in Kleinstaaten zersplittert, Polen wurde zum vierten Mal
geteilt, Ungarn blieb unterjocht. Und man kann nicht einmal sa-
gen, daß den Völkern Unrecht geschah, warum ließen sie sich's ge-
fallen, und warum hatten sie im russischen Zaren 1*) ihren Be-
freier begrüßt?
Aber das konnte nicht dauern. Seit dem Ausgang des Mittelalters
arbeitet die Geschichte auf die Konstituierung Europas aus großen
Nationalstaaten hin. Solche Staaten allein sind die normale poli-
tische Verfassung des europäischen herrschenden Bürgertums und
sind ebenso unerläßliche Vorbedingung zur Herstellung des harmo-
nischen internationalen Zusammenwirkens der Völker, ohne welches
die Herrschaft des Proletariats nicht bestehn kann. Um den inter-
nationalen Frieden zu sichern, müssen vorerst alle vermeidlichen
nationalen Reibungen beseitigt, muß jedes Volk unabhängig und
Herr im eignen Hause sein. Mit der Entwicklung des Handels, des
Ackerbaus, der Industrie und damit der sozialen Machtstellung der
Bourgeoisie hob sich also überall das Nationalgefühl, verlangten
die zersplitterten und unterdrückten Nationen Einheit und Selb-
ständigkeit.
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1*) Alexander I.
#408# Aus dem handschriftlichen Nachlaß
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Die Revolution von 1848 war daher überall außerhalb Frankreichs
auf Befriedigung ebensosehr der nationalen wie der freiheitlichen
Forderungen gerichtet. Aber hinter der im ersten Anlauf siegrei-
chen Bourgeoisie erhob sich überall schon die drohende Gestalt
des Proletariats, das den Sieg in Wirklichkeit erkämpft hatte,
und trieb die Bourgeoisie in die Arme der eben besiegten Gegner -
der monarchischen, bürokratischen, halbfeudalen und militärischen
Reaktion, der die Revolution 1849 erlag. In Ungarn, wo dies nicht
der Fall war, marschierten die Russen ein und warfen die Revo-
lution nieder. Damit nicht zufrieden, kam der russische Zar 1*)
nach Warschau und saß dort zu Gericht als Schiedsrichter von Eu-
ropa. Er ernannte den Glücksburger Christian, seine fügsame Krea-
tur, zum Thronfolger Dänemarks. Er demütigte Preußen, wie es noch
nie gedemütigt worden, indem er ihm selbst die schwächsten Gelü-
ste auf Ausbeutung deutscher Einheitsbestrebungen verbot und es
zwang, den Bundestag [175] wiederherzustellen und sich Östreich
zu unterwerfen. [313] Das ganze Resultat der Revolution, auf den
ersten Blick, schien also zu sein, daß in östreich und Preußen
nach konstitutioneller Form, aber im alten Geist, regiert wurde
und daß der russische Zar Europa mehr beherrschte als je zuvor.
In Wirklichkeit aber hatte die Revolution das Bürgertum auch der
zerstückelten Länder, und namentlich Deutschlands, mächtig aus
dem alten ererbten Schlendrian aufgerüttelt. Es hatte einen, wenn
auch bescheidnen, Anteil an der politischen Macht bekommen; und
jeder politische Erfolg der Bourgeoisie wird ausgebeutet in einem
industriellen Aufschwung. Das "tolle Jahr" [370], das man glück-
lich hinter sich hatte, bewies dem Bürgertum handgreiflich, daß
es mit der alten Lethargie und Schlafmützigkeit jetzt ein für al-
lemal ein Ende nehmen müsse. Infolge des kalifornischen und au-
stralischen Goldregens und andrer Umstände trat eine Ausdehnung
der Weltmarktsverbindungen und ein Aufschwung der Geschäfte ein
wie noch nie vorher; es galt, hier anzufassen und sich seinen An-
teil zu sichern. Die Anfänge großer Industrie, die seit 1830 und
namentlich seit 1840 am Rhein, in Sachsen, in Schlesien, in Ber-
lin und in einzelnen Städten des Südens entstanden, wurden jetzt
rasch fortgebildet und erweitert, die Hausindustrie der Landbe-
zirke dehnte sich mehr und mehr aus, der Eisenbahnbau wurde be-
schleunigt, und die bei alledem enorm steigende Auswanderung
schuf eine deutsche transatlantische Dampfschiffahrt, die keiner
Subvention bedurfte. Mehr als je vorher setzten sich deutsche
Kaufleute in allen überseeischen Handelsplätzen fest, vermittel-
ten einen immer größeren Teil des
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1*) Nikolaus I.
#409# Die Rolle der Gewalt in der Geschichte
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Welthandels und fingen allmählich an, den Absatz nicht nur engli-
scher, sondern auch deutscher Industrieprodukte zu vermitteln.
Dieser sich mächtig hebenden Industrie und dem sich an sie knüp-
fenden Handel aber mußte die deutsche Kleinstaaterei mit ihren
vielfachen verschiednen Handels- und Gewerbegesetzgebungen bald
eine unerträgliche Fessel werden. Alle paar Meilen weit ein an-
dres Wechselrecht, andre Bedingungen bei Ausübung eines Gewerbes,
überall, aber überall andre Schikanen, bürokratische und fiskali-
sche Fußangeln, ja oft noch Zunftschranken, gegen die nicht ein-
mal eine Konzession half! Und dazu die vielen verschiednen Hei-
matgesetzgebungen [372] und Aufenthaltsbeschränkungen, die es den
Kapitalisten unmöglich machten, disponible Arbeitskräfte in
genügender Zahl auf die Punkte zu werfen, wo Erz, Kohle, Wasser-
kraft und andre Naturbegünstigung die Anlage von industriellen
Unternehmungen gebot! Die Fähigkeit, die massenhafte Arbeitskraft
des Vaterlands ungehindert auszubeuten, war die erste Bedingung
der industriellen Entwicklung; überall aber, wo der patriotische
Fabrikant Arbeiter von allen Enden zusammenzog, stemmte sich Po-
lizei und Armenverwaltung gegen die Niederlassung der Zuzügler.
Ein deutsches Reichsbürgerrecht und volle Freizügigkeit für alle
Reichsbürger, eine einheitliche Handels- und Gewerbegesetzgebung,
das waren nicht mehr patriotische Phantasien überspannter Studen-
ten, das waren jetzt notwendige Lebensbedingungen der Industrie.
Dazu in jedem Staat und Stätchen andres Geld, andres Maß und Ge-
wicht, oft genug zweierlei und dreierlei im selben Staat. Und von
allen diesen zahllosen Gattungen von Münze, Maß oder Gewicht
wurde keine einzige auf dem Weltmarkt anerkannt. Was Wunder also,
daß Kaufleute und Fabrikanten, die auf dem Weltmarkt verkehrten
oder mit importierten Artikeln zu konkurrieren hatten, zu all den
vielen Münzen, Maßen und Gewichten auch noch ausländische anwen-
den mußten, daß baumwollne Garne nach englischen Pfunden gehas-
pelt, seidne Zeuge nach Meterlänge angefertigt, Rechnungen fürs
Ausland in Pfund Sterling, Dollars, Francs ausgestellt wurden?
Und wie sollten große Kreditinstitute zustande kommen auf diesen
beschränkten Währungsgebieten, mit Banknoten in Gulden hier, in
preußischen Talern dort, daneben Taler Gold, Taler "Neue
Zweidrittel", Mark Banco, Mark Kurant, Zwanzigguldenfuß, Vierund-
zwanzigguldenfuß [372], bei endlosen Kursberechnungen und Kurs-
schwankungen?
Und wenn es gelang, dies alles schließlich zu überwinden, wieviel
Kraft war bei allen diesen Reibungen draufgegangen, wieviel Geld
und Zeit war verloren! Und man fing endlich auch in Deutschland
an zu merken, daß heutzutage Zeit Geld ist.
#410# Aus dem handschriftlichen Nachlaß
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Auf dem Weltmarkt hatte sich die junge deutsche Industrie zu be-
währen, nur durch die Ausfuhr konnte sie groß werden. Dazu ge-
hörte, daß sie in der Fremde den Schutz des Völkerrechts genoß.
Der englische, französische, amerikanische Kaufmann konnte im
Ausland sich immer noch etwas mehr erlauben als zu Hause. Seine
Gesandtschaft trat für ihn ein und im Notfall auch ein paar
Kriegsschiffe. Aber der Deutsche! In der Levante konnte wenig-
stens der Östreicher sich einigermaßen auf seine Gesandtschaft
verlassen, sonst half sie ihm auch nicht viel. Wo aber ein preu-
ßischer Kaufmann in der Fremde sich bei seinem Gesandten über wi-
derfahrene Unbill beklagte, da hieß es fast immer: "Das geschieht
Euch ganz recht, was habt Ihr hier zu suchen, warum bleibt Ihr
nicht hübsch zu Hause?" Der Kleinstaatler vollends war überall
erst recht rechtlos. Wohin man kam, standen die deutschen Kauf-
leute unter fremdem, französischem, englischem, amerikanischem
Schutz oder hatten sich in der neuen Heimat schleunigst na-
turalisieren lassen. 1*) Und selbst wenn ihre Gesandten sich hät-
ten für sie verwenden wollen, was hätte es genützt? Die deutschen
Gesandten selbst wurden über See behandelt wie die Schuhputzer.
Man sieht hieraus, wie das Verlangen nach einem einheitlichen
"Vaterland" einen sehr materiellen Hintergrund besaß. Es war
nicht mehr der nebelhafte Drang wartburgsfestlicher Burschen-
schafter [373], "wo Mut und Kraft in deutschen Seelen flammten",
und wo es nach einer französischen Melodie "den Jüngling fortriß
mit Sturmeswehn, fürs Vaterland in Kampf und Tod zu gehn" [374],
um die romantische Kaiserherrlichkeit des Mittelalters wiederher-
zustellen, und wo der sturmeswehende Jüngling auf seine alten
Tage ein ganz gemeiner pietistischer und absolutistischer
Fürstenknecht wurde. Es war auch nicht mehr der der Erde schon
bedeutend nähergekommene Einheitsruf der Advokaten und sonstigen
bürgerlichen Ideologen des Hambacher Festes [375], die die Frei-
heit und Einheit um ihrer selbst willen zu lieben glaubten und
gar nicht merkten, daß die Verschweizerung Deutschlands zu einer
Kantönlirepublik, auf die das Ideal der am wenigsten Unklaren un-
ter ihnen hinauslief, ebenso unmöglich war wie das hohenstaufi-
sche Kaisertum [376] jener Studenten. Nein, es war das aus der
unmittelbaren Geschäftsnot hervorbrechende Begehren des prakti-
schen Kaufmanns und Industriellen nach Wegfegung all des histo-
risch überkommenen kleinstaatlichen Plunders, der der freien Ent-
faltung von Handel und Gewerbe im Wege stand, nach Beseitigung
all der überflüssigen Reibung, die der deutsche Geschäftsmann
erst zu Hause überwinden mußte,
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1*) Engels schrieb hier mit Bleistift an den Rand: "Weerth"
#411# Die Rolle der Gewalt in der Geschichte
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wenn er den Weltmarkt betreten wollte, und deren alle seine Kon-
kurrenten überhoben waren. Die deutsche Einheit war eine wirt-
schaftliche Notwendigkeit geworden. Und die Leute, die sie jetzt
forderten, wußten, was sie wollten. Sie waren im Handel und zum
Handel auferzogen, verstanden zu handeln und ließen mit sich han-
deln. Sie wußten, daß man recht hoch fordern, aber auch liberal
ablassen muß. Sie sangen von "des Deutschen Vaterland", darin
auch Steierland, Tirol und "das Östreich, an Ehren und an Siegen
reich", und:
"Von der Maas bis an die Memel,
von der Etsch bis an den Belt,
Deutschland, Deutschland über alles,
über alles in der Welt" [377] -
aber sie waren bereit, auf dieses immer größer sein müssende Va-
terland [378] einen recht beträchtlichen Rabatt für bare Zahlung
- 25 bis 30% zu bewilligen. Ihr Einheitsplan war gemacht und so-
fort praktikabel.
Die deutsche Einheit war aber keine bloß deutsche Frage. Seit dem
Dreißigjährigen Krieg war keine einzige gemeindeutsche Angelegen-
heit mehr entschieden worden ohne die sehr fühlbare Einmischung
des Auslands. 1*) Friedrich II. hatte 1740 Schlesien erobert mit
Hülfe der Franzosen. [380] Frankreich und Rußland hatten 1803 die
Reorganisation des Heiligen Römischen Reichs durch den Reichsde-
putationshauptschluß buchstäblich diktiert. Dann hatte Napoleon
Deutschland nach seiner Konvenienz eingerichtet. Und endlich, auf
dem Wiener Kongreß 2*), war es aufs neue, hauptsächlich durch
Rußland und in zweiter Linie durch England und Frankreich, in
sechsunddreißig Staaten mit über zweihundert besondern großen und
kleinen Landfetzen zersplittert worden, und die deutschen Dyna-
sten, ganz wie 1802/ 1803 auf dem Regensburger Reichstag [381],
hatten dabei redlich mitgeholfen und die Zersplitterung noch är-
ger gemacht. Zudem waren einzelne Stücke von Deutschland fremden
Fürsten überliefert. So war Deutschland nicht nur machtlos und
hülflos, in innerem Hader sich aufreibend, politisch, militärisch
und selbst industriell zur Nichtigkeit verdammt. Sondern, was
noch weit schlimmer, Frankreich und Rußland hatten durch wieder-
holten Brauch ein Recht erworben auf die Zersplitterung Deutsch-
lands, ganz wie Frankreich und östreich ein Recht sich anmaßten,
darüber zu wachen, daß Italien zerstückelt blieb. Es war dies an-
gebliche Recht, das der Zar Nikolaus 1850 geltend gemacht hatte,
indem er, jede eigenmächtige Verfassungsänderung
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1*) Engels schrieb hier mit Bleistift an den Rand: "West[fä-
lischer] [216] und Tesch[ener] Friede [379]" - 2*) Engels schrieb
hier mit Bleistift zwischen die Zeilen: "Deutschland-Polen"
#412# Aus dem handschriftlichen Nachlaß
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sich gröblichst verbittend, die Wiederherstellung des Bundestags,
dieses Ausdrucks der Ohnmacht Deutschlands, erzwang.
Die Einheit Deutschlands mußte also erkämpft werden nicht nur ge-
gen die Fürsten und sonstigen inneren Feinde, sondern auch gegen
das Ausland. Oder aber - mit Hülfe des Auslands. Und wie stand es
damals im Ausland?
In Frankreich hatte Louis Bonaparte den Kampf zwischen Bour-
geoisie und Arbeiterklasse benutzt, um sich mit Hülfe der Bauern
in die Präsidentschaft und mit Hülfe der Armee auf den Kai-
serthron zu schwingen. Aber ein neuer, von der Armee gemachter
Kaiser Napoleon innerhalb der Grenzen des Frankreichs von 1815 -
das war ein totgebornes Unding. Das wiedergeborne napoleonische
Kaiserreich, das hieß die Ausdehnung Frankreichs bis an den
Rhein, die Verwirklichung des erblichen Traums des französischen
Chauvinismus. Zunächst aber war der Rhein für Louis Bonaparte
nicht zu haben; jeder Versuch in dieser Richtung hätte eine euro-
päische Koalition gegen Frankreich zur Folge gehabt. Dagegen bot
sich eine Gelegenheit, die Machtstellung Frankreichs zu heben und
der Armee neue Lorbeeren zuzuwenden durch einen im Einklang mit
fast ganz Europa geführten Krieg gegen Rußland, das die revolu-
tionäre Periode Westeuropas benutzt hatte, um in aller Stille die
Donaufürstentümer zu besetzen und einen neuen türkischen Erobe-
rungskrieg vorzubereiten. England verband sich mit Frankreich,
Östreich war beiden günstig, nur das heroische Preußen küßte die
russische Rute, die es gestern noch gezüchtigt, und blieb in rus-
senfreundlicher Neutralität. Aber weder England noch Frankreich
wollten eine ernstliche Besiegung des Gegners, und so endete der
Krieg in einer sehr gelinden Demütigung Rußlands und in einer
russisch-französischen Allianz gegen Östreich. *)
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*) Der Krimkrieg war eine einzige kolossale Komödie der Irrungen,
wo man sich bei jedem neuen Auftritt fragt: Wer soll hier ge-
prellt werden? Aber die Komödie kostete ungezählte Schätze und
reichlich eine Million Menschenleben. Kaum war der Kampf im Gang,
so marschierte östreich in die Donaufürstentümer; die Russen zo-
gen sich vor ihnen zurück. Dadurch war, solange östreich neutral
blieb, ein Krieg an der russischen Landgrenze gegen die Türkei
unmöglich gemacht. Aber östreich war für einen Krieg an dieser
Grenze als Alliierter zu haben, vorausgesetzt, daß der Krieg
ernsthaft geführt wurde, um die Wiederherstellung Polens und die
dauernde Zurückschiebung der russischen Westgrenze. Dann hätte
auch Preußen mitgemußt, durch das Rußland jetzt noch alle seine
Zufuhren bezog; Rußland wäre zu Lande wie zu Wasser blockiert ge-
wesen und mußte rasch erliegen. Aber das war nicht die Absicht
der Alliierten. Sie waren im Gegenteil froh, jetzt aller Gefahr
eines ernsthaften Kriegs enthoben
#413# Die Rolle der Gewalt in der Geschichte
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Der Krimkrieg machte Frankreich zur leitenden Macht Europas und
den Abenteurer Louis-Napoleon zum größten Mann des Tages, was
freilich nicht viel sagen will. Aber der Krimkrieg hatte
Frankreich keinen Gebietszuwachs gebracht und trug daher in sei-
nem Schoß einen neuen Krieg, worin Louis-Napoleon seinen wahren
Beruf erfüllen sollte als "Mehrer des Reichs" [382]. Dieser neue
Krieg war schon während des ersten eingefädelt worden, indem Sar-
dinien erlaubt wurde, sich der westmächtlichen Allianz anzu-
schließen als Satellit des kaiserlichen Frankreichs und speziell
als sein Vorposten gegen - Östreich; er wurde weiter vorbereitet
beim Friedensschluß durch das Einverständnis Louis-Napoleons mit
Rußland [383] dem nichts genehmer war als eine Züchtigung
Östreichs.
Louis-Napoleon war jetzt der Abgott der europäischen Bourgeoisie.
Nicht nur wegen seiner "Gesellschaftsrettung" vom 2. Dezember
1851 [384], wo er zwar die politische Herrschaft der Bourgeoisie
vernichtet, aber nur um ihre soziale Herrschaft zu retten. Nicht
nur weil er gezeigt, wie das allgemeine Stimmrecht unter günsti-
gen Umständen in ein Werkzeug zur Unterdrückung der Massen ver-
wandelbar sei; nicht nur weil unter seiner Herrschaft Industrie
und Handel und namentlich Spekulation und Börsenschwindel einen
nie gekannten Aufschwung genommen. Sondern vor allem, weil die
Bourgeoisie in ihm den ersten "großen Staatsmann" erkannte, der
Fleisch von ihrem Fleisch, Bein von ihrem Bein war. Er war Empor-
kömmling, wie jeder echte Bourgeois auch. "In allen Wassern gewa-
schen",
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zu sein. Palmerston schlug vor, den Kriegsschauplatz nach der
Krim zu verlegen - was Rußland wünschte - und Louis-Napoleon ging
nur zu gern darauf ein. Der Krieg konnte hier nur noch ein
Scheinkrieg bleiben, und so waren alle Hauptbeteiligten zufrie-
dengestellt. Aber der Kaiser Nikolaus setzte sich in den Kopf,
hier einen ernstlichen Krieg zu führen und vergaß dabei, daß, was
für einen Scheinkrieg sein günstigstes, für einen ernstlichen
Krieg sein ungünstigstes Terrain war. Die Stärke Rußlands in der
Verteidigung - die ungeheuere Ausdehnung seines dünnbevölkerten,
unwegsamen und an Hülfsquellen armen Gebiets - kehrt sich bei je-
dem russischen Angriffskrieg gegen Rußland selbst, und nirgends
mehr als in der Richtung der Krim. Die südrussischen Steppen, die
das Grab des Angreifers hätten werden müssen, wurden das Grab der
russischen Armeen, die Nikolaus mit brutal-dummer Rücksichtslo-
sigkeit eine nach der anderen - zuletzt mitten im Winter - nach
Sewastopol trieb. Und als die letzte, eiligst zusammengeraffte,
kaum notdürftig ausgerüstete, elend verpflegte Heersäule an zwei
Drittel ihres Bestands auf dem Marsch verloren hatte (ganze Ba-
taillone kamen im Schneesturm um) und der Rest nicht imstande
war, die Feinde vom russischen Boden zu vertreiben, da brach der
aufgeblasene Hohlkopf Nikolaus jämmerlich zusammen und vergiftete
sich. Von da an wurde der Krieg wieder Scheinkrieg und führte
bald zum Friedensschluß.
#414# Aus dem handschriftlichen Nachlaß
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karbonaristischer Verschwörer [385] in Italien, Artillerieoffi-
zier in der Schweiz, verschuldeter vornehmer Lumpazivagabundus
und Spezial-Konstabler in England [386], aber stets und überall
Prätendent, hatte er sich durch eine abenteuerliche Vergangenheit
und durch moralische Bloßstellung in allen Ländern zum Kaiser der
Franzosen und Leiter der Geschicke Europas vorbereitet, wie der
Musterbourgeois, der Amerikaner, durch eine Reihe ehrlicher und
betrügerischer Bankerotte sich vorbereitet zum Millionär. Als
Kaiser machte er nicht nur die Politik dem kapitalistischen Er-
werb und dem Börsenschwindel dienstbar, sondern betrieb auch die
Politik selbst ganz nach den Grundsätzen der Fondsbörse und spe-
kulierte auf das "Nationalitätsprinzip" [387]. Die Zersplitterung
Deutschlands und Italiens war der bisherigen französischen Poli-
tik ein unveräußerliches Grundrecht Frankreichs gewesen; Louis-
Napoleon schickte sich sofort an, dies Grundrecht stückweise zu
verschachern gegen sogenannte Kompensationen. Er war bereit, Ita-
lien und Deutschland zur Beseitigung der Zersplitterung behülf-
lich zu sein, vorausgesetzt, daß Deutschland und Italien jeden
Schritt zur nationalen Einigung hin ihm bezahlten mit der Abtre-
tung von Gebiet. Damit wurde nicht nur der französische Chauvi-
nismus befriedigt und das Kaiserreich allmählich auf die Grenzen
von 1801 13881 gebracht, sondern Frankreich auch wieder als die
spezifisch aufgeklärte und völkerbefreiende Macht und Louis-Napo-
leon als der Beschützer der unterdrückten Nationalitäten hin-
gestellt. Und die ganze aufgeklärte und nationalitätsbegeisterte
- weil bei der Hinwegräumung aller Geschäftshindernisse vom Welt-
markt lebhaft interessierte - Bourgeoisie jubelte dieser weltbeí-
reienden Aufklärung einstimmig zu.
Der Anfang wurde in Italien gemacht. 1*) Hier herrschte seit 1849
Östreich unbeschränkt, und östreich war damals der allgemeine
Sündenbock Europas. Die Magerkeit der Resultate des Krimkriegs
wurden nicht der Unentschlossenheit der Westmächte zugeschoben,
die nur einen Scheinkrieg gewollt, sondern der unentschiednen
Haltung Östreichs, an der niemand mehr schuld gewesen als die
Westmächte selbst. Rußland aber war durch den Vormarsch der
Östreicher an den Pruth - den Dank für die russische Hülfe in Un-
garn 1849 - so verletzt (obwohl grade dieser Vormarsch Rußland
gerettet), daß es jeden Angriff auf Östreich mit Freuden sah.
Preußen zählte nicht mehr und wurde schon auf dem Pariser
Friedenskongreß en canaille behandelt. Und so wurde der Krieg zur
Befreiung Italiens "bis zur Adria" mit Rußlands Mitwirkung
eingefädelt, im Frühjahr 1859
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1*) Engels schrieb hier mit Bleistift an den Rand: "Orsini"
#415# Die Rolle der Gewalt in der Geschichte
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unternommen und im Sommer schon am Mincio beendigt, Östreich war
nicht aus Italien hinausgeworfen, Italien war nicht "frei bis zur
Adria" und nicht geeinigt, Sardinien hatte Zuwachs erhalten, aber
Frankreich hatte Savoyen und Nizza erworben und damit, gegen Ita-
lien, die Grenzen von 1801. [389]
Aber damit waren die Italiener nicht zufrieden. In Italien
herrschte damals noch die eigentliche Manufaktur vor, die große
Industrie war noch in den Windeln. Die Arbeiterklasse war noch
bei weitem nicht durchgängig expropriiert und proletarisiert; in
den Städten besaß sie noch ihre eignen Produktionsmittel, auf dem
Lande war die industrielle Arbeit Nebenerwerb kleiner grundbesit-
zender oder pachtender Bauern. Daher war die Energie der Bour-
geoisie noch nicht gebrochen durch den Gegensatz gegen ein mo-
dernes klassenbewußtes Proletariat. Und da in Italien die Zer-
splitterung nur durch die östreichische Fremdherrschaft bestand,
unter deren Schutz die Fürsten die Mißregierung bis aufs äußerste
getrieben, so stand auch der großgrundbesitzende Adel und die
städtische Volksmasse auf Seite der Bourgeoisie als der Vorkämp-
ferin der nationalen Unabhängigkeit. Die Fremdherrschaft aber war
1859, außer in Venetien, abgeschüttelt, ihre fernere Einmischung
in Italien durch Frankreich und Rußland unmöglich gemacht, nie-
mand fürchtete sie mehr. Und Italien besaß in Garibaldi einen
Helden von antikem Charakter, der Wunder tun konnte und Wunder
tat. Mit tausend Freischärlern warf er das ganze Königreich Nea-
pel über den Haufen, einigte Italien tatsächlich, zerriß das
künstliche Gewebe bonapartischer Politik. Italien war frei und
der Sache nach geeint - aber nicht durch Louis-Napoleons Ränke,
sondern durch die Revolution.
Seit dem italienischen Krieg war die auswärtige Politik des zwei-
ten französischen Kaiserreichs niemandem ein Geheimnis mehr. Die
Besieger des großen Napoleon sollten gezüchtigt werden - aber
l'un après l'autre, einer nach dem andern. Rußland und Östreich
hatten ihr Teil erhalten, der nächste an der Reihe war Preußen.
Und Preußen war verachteter als je; seine Politik während des
italienischen Kriegs war feig und jämmerlich gewesen, ganz wie
zur Zeit des Baseler Friedens 1795 [390]. Mit der "Politik der
freien Hand" [391] war es dahin gekommen, daß es ganz vereinsamt
in Europa stand, daß alle seine großen und kleinen Nachbarn sich
auf das Schauspiel freuten, wie Preußen in die Pfanne gehauen
werde, daß seine Hand frei war nur noch für dies eine: das linke
Rheinufer an Frankreich abzutreten.
In der Tat war in den ersten Jahren nach 1859 überall und nir-
gends mehr als am Rhein selbst die Überzeugung verbreitet, daß
das linke Rheinufer unrettbar Frankreich verfallen sei. Man
wünschte es nicht grade, aber
#416# Aus dem handschriftlichen Nachlaß
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man sah es kommen wie ein unabwendbares Verhängnis, und - geben
wir der Wahrheit die Ehre - man fürchtete es auch nicht eben
sehr. Bei den Bauern und Kleinbürgern wurden die alten Erinnerun-
gen an die Franzosenzeit, die wirklich die Freiheit gebracht
hatte, wieder wach; von der Bourgeoisie war die Finanzaristokra-
tie, besonders in Köln, schon tief in die Mogeleien des Pariser
Crédit mobilier [392] und andrer bonapartistischen Schwindelkom-
panien verwickelt und schrie laut nach der Annexion. *)
Aber der Verlust des linken Rheinufers, das war die Schwächung
nicht nur Preußens, sondern auch Deutschlands. Und Deutschland
war gespaltner als je. Östreich und Preußen einander entfremdeter
als je durch Preußens Neutralität im italienischen Krieg, das
kleine Fürstengezücht halb ängstlich, halb lüstern nach Louis-Na-
poleon schielend als dem Protektor eines erneuerten Rheinbunds
[393] - das war die Lage des offiziellen Deutschlands. Und das in
einem Moment, wo nur die vereinigten Kräfte der ganzen Nation im-
stande waren, die Gefahr der Zerstückelung abzuwenden.
Wie aber die Kräfte der ganzen Nation einigen? Drei Wege lagen
offen, nachdem die fast ausnahmslos nebelhaften Versuche von 1848
gescheitert waren, aber auch eben dadurch manchen Nebel zerstreut
hatten.
Der erste Weg war der der wirklichen Einigung durch Beseitigung
aller Einzelstaaten, also der offen revolutionäre Weg. Dieser Weg
hatte soeben in Italien zum Ziel geführt; die savoyische Dynastie
hatte sich der Revolution angeschlossen und dadurch die Krone
Italiens eingeheimst. Solch kühner Tat aber waren unsre deutschen
Savoyer, die Hohenzollern, und selbst ihre verwegensten Cavours à
la Bismarck absolut unfähig. Das Volk hätte alles selbst tun müs-
sen - und in einem Krieg um das linke Rheinufer wäre es wohl im-
stande gewesen, das Nötige zu tun. Der unvermeidliche Rückzug der
Preußen über den Rhein, stehender Krieg an den Rheinfestungen,
der dann unzweifelhafte Verrat der süddeutschen Fürsten konnten
hinreichen, eine nationale Bewegung zu entfachen, vor der die
ganze Dynastenwirtschaft zerstob. Und dann war Louis-Napoleon der
erste, der den Degen einsteckte. Das zweite Kaiserreich konnte
als Gegner nur reaktionäre Staaten gebrauchen, denen gegenüber es
als Fortführer der französischen Revolution, als Völkerbefreier
erschien. Gegen ein selbst in Revolution begriffenes Volk war es
ohnmächtig; ja die siegreiche deutsche Revolution konnte den An-
stoß geben zum Sturz des ganzen französischen Kaisertums.
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*) Daß dies damals die allgemeine Stimmung am Rhein, davon haben
Marx und ich uns an Ort und Stelle oft genug überzeugt. Links-
rheinische Industrielle trugen mich u.a., wie sich ihre Industrie
unter dem französischen Zolltarif befinden werde.
#417# Die Rolle der Gewalt in der Geschichte
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Das war der günstigste Fall; im ungünstigsten, wenn die Dynasten
der Bewegung Herr wurden, verlor man zeitweilig das linke Rhei-
nufer an Frankreich, legte den aktiven oder passiven Verrat der
Dynasten vor aller Welt bloß und schuf eine Zwangslage, worin
Deutschland kein andrer Ausweg blieb als die Revolution, die Ver-
jagung sämtlicher Fürsten, die Herstellung der deutschen einheit-
lichen Republik.
Wie die Dinge lagen, konnte dieser Weg zur Einigung Deutschlands
nur betreten werden, wenn Louis-Napoleon den Krieg um die Rhein-
grenze anfing. Dieser Krieg unterblieb jedoch - aus bald zu er-
wähnenden Gründen. Damit aber hörte auch die Frage der nationalen
Einigung auf, eine unaufschiebbare Lebensfrage zu sein, die ge-
löst werden mußte von heute auf morgen, bei Strafe des Unter-
gangs. Die Nation konnte einstweilen warten.
Der zweite Weg war die Einigung unter der Vorherrschaft
Östreichs, östreich hatte 1815 die ihm durch die napoleonisehen
Kriege aufgedrängte Lage eines kompakten, abgerundeten Staatsge-
biets willig beibehalten. Seine vormaligen abgetrennten Besitzun-
gen in Süddeutschland beanspruchte es nicht wieder; es begnügte
sich mit der Anfügung alter und neuer Landstriche, die sich geo-
graphisch und strategisch an den noch übrigen Kern der Monarchie
anpassen ließen. Die durch die Schutzzölle Josephs II. einge-
leitete, durch die italienische Polizeiwirtschaft Franz' I. ver-
schärfte, durch die Auflösung des Deutschen Reichs [394] und den
Rheinbund auf die Spitze getriebne Scheidung Deutsch-Östreichs
vom übrigen Deutschland blieb auch nach 1815 faktisch in Kraft.
Metternich umgab seinen Staat nach der deutschen Seite hin mit
einer förmlichen chinesischen Mauer. Die Zölle hielten die
stofflichen, die Zensur die geistigen Produkte Deutschlands drau-
ßen, die namenlosesten Paßschikanen beschränkten den persönlichen
Verkehr auf das notwendigste Minimum. Im Innern sicherte eine
selbst in Deutschland einzig dastehende absolutistische Willkür
vor jeder, auch der leisesten, politischen Regung. So hatte
Östreich der ganzen bürgerlich-liberalen Bewegung Deutschlands
absolut ferngestanden. Mit 1848 fiel wenigstens die geistige
Scheidewand großenteils hinweg; aber die Ereignisse jenes Jahrs
und ihre Folgen waren wenig geeignet, Östreich dem übrigen
Deutschland näherzubringen; im Gegenteil, Östreich pochte mehr
und mehr auf seine unabhängige Großmachtsstellung. Und so kam es,
daß, obwohl die östreichischen Soldaten der Bundesfestungen [395]
beliebt und die preußischen verhaßt und verspottet waren, und ob-
wohl östreich im ganzen vorwiegend katholischen Süden und Westen
noch immer populär und angesehn war, dennoch niemand ernstlich an
eine Einigung Deutschlands
#418# Aus dem handschriftlichen Nachlaß
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unter östreichischer Vorherrschaft dachte, außer etwa ein paar
deutsche kleine und Mittelstaatsfürsten.
Es konnte auch gar nicht anders sein, Östreich hatte es selbst
nicht anders gewollt, trotzdem es in der Stille romantische Kai-
serträume großzog. Die östreichische Zollgrenze war mit der Zeit
die einzige noch übrige materielle Scheidewand innerhalb Deutsch-
lands geblieben und wurde um so schärfer empfunden. Die unabhän-
gige Großmachtspolitik hatte keinen Sinn, wenn sie nicht die
Preisgebung deutscher zugunsten spezifisch östreichischer, also
italienischer, ungarischer etc. Interessen bedeutete. Wie vor so
nach der Revolution blieb Östreich der reaktionärste, der moder-
nen Strömung am widerwilligsten folgende Staat Deutschlands und
dazu - die einzige noch übrige, spezifisch katholische Großmacht.
Je mehr die nachmärzliche Regierung [396] die alte Pfaffen- und
Jesuitenwirtschaft wiederherzustellen strebte, desto unmöglicher
wurde ihr die Hegemonie über ein zu zwei Dritteln protestanti-
sches Land. Und endlich war eine Einigung Deutschlands unter
Östreich nur möglich durch Sprengung Preußens. Sowenig aber diese
an sich ein Unglück für Deutschland bedeutet, so wäre doch die
Sprengung Preußens durch östreich ebenso unheilvoll gewesen, wie
die Sprengung Östreichs durch Preußen sein würde vor dem bevor-
stehenden Sieg der Revolution in Rußland (nach welchem sie über-
flüssig wird, weil das dann überflüssig gemachte östreich von
selbst zerfallen muß).
Kurz, die deutsche Einheit unter Östreichs Fittichen war ein
romantischer Traum und erwies sich als solcher, als die deutschen
Klein- und Mittelfürsten 1863 in Frankfurt zusammentraten, um
Franz Joseph von östreich zum deutschen Kaiser auszurufen. Der
König von Preußen blieb einfach weg, und die Kaiserkomödie fiel
elend ins Wasser. [397]
Blieb der dritte Weg: die Einigung unter preußischer Spitze. Und
dieser, weil wirklich eingeschlagen, führt uns aus dem Gebiet der
Spekulation wieder herab auf den solideren, wenn auch ziemlich
unflätigen Boden der praktischen, der "Realpolitik" [398].
Seit Friedrich II. sah Preußen in Deutschland wie in Polen ein
bloßes Eroberungsgebiet, von dem man nimmt, was man kriegen kann,
von dem es sich aber auch von selbst versteht, daß man es mit an-
dern zu teilen hat. Teilung Deutschlands mit dem Ausland -
zunächst mit Frankreich - das war der "deutsche Beruf" Preußens
seit 1740. "Je vais, je crois, jouer votre jeu; si les as me
viennent, nous partagerons" (ich glaube, ich werde Euer Spiel
spielen; bekomme ich die Asse, so teilen wir) - das waren Fried-
richs Abschiedsworte an den französischen Gesandten 1*), als er
in seinen ersten
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1*) Beaurau
#419#
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Seite aus Engels' Handschrift
"Die Rolle der Gewalt in der Geschichte"
#420#
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#421# Die Rolle der Gewalt in der Geschichte
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Krieg [380] zog. Getreu diesem "deutschen Beruf" verriet Preußen
1795 Deutschland im Baseler Frieden, willigte (Vertrag vom 5. Au-
gust 1796) gegen Zusicherung von Gebietszuwachs im voraus in die
Abtretung des linken Rheinufers an Frankreich und kassierte bei
dem von Rußland und Frankreich diktierten Reichsdeputationshaupt-
schluß den Lohn des Reichsverrats auch wirklich ein. [399] 1805
verriet es seine Bundesgenossen Rußland und Östreich nochmals,
sobald ihm Napoleon Hannover vorhielt - den Köder, worauf es je-
desmal anbiß -, verfing sich aber in seiner eignen Dummschlauheit
dermaßen, daß es nun doch in Krieg mit Napoleon kam und bei Jena
die verdiente Züchtigung erhielt. [400] Im Nachgefühl dieser
Hiebe wollte Friedrich Wilhelm III. selbst nach den Siegen von
1813 und 1814 auf alle westdeutschen Außenposten verzichten, sich
auf den Besitz von Nordostdeutschland beschränken, sich, ähnlich
wie östreich, möglichst aus Deutschland zurückziehn - was ganz
Westdeutschland in einen neuen Rheinbund unter russischer oder
französischer Schutzherrschaft verwandelt hätte. Der Plan gelang
nicht; ganz wider den Willen des Königs wurden ihm Westfalen und
die Rheinprovinz aufgezwungen und damit ein neuer "deutscher Be-
ruf".
Mit den Annexionen - den Ankauf einzelner winziger Landfetzen
ausgenommen - war es jetzt vorderhand vorbei. Im Innern kam all-
gemach die alte junkerlich-bürokratische Wirtschaft wieder in
Flor; die in bittrer Not dem Volk gemachten Verfassungszusagen
wurden beharrlich gebrochen. Aber bei alledem kam das Bürgertum
auch in Preußen immer mehr auf, denn ohne Industrie und Handel
war selbst der hochnäsige preußische Staat jetzt eine Null. Lang-
sam, widerhaarig, in homöopathischen Dosen mußten ökonomische
Konzessionen an das Bürgertum gemacht werden. Und nach einer
Seite hin boten diese Konzessionen die Aussicht, Preußens
"deutschen Beruf" zu unterstützen: indem Preußen, um die fremden
Zollgrenzen zwischen seinen beiden Hälften zu Beseitigen, die an-
schließenden deutschen Staaten zur Zolleinigung einlud. So ent-
stand der Zollverein, bis 1830 frommer Wunsch (nur Hessen-Darm-
stadt war beigetreten), dann aber, bei dem etwas rascheren Tempo
der politischen und ökonomischen Bewegung, bald den größten Teil
Innerdeutschlands ökonomisch an Preußen annektierend. [329] Die
nichtpreußischen Küstenländer blieben bis nach 1848 noch draußen.
Der Zollverein war ein großer Erfolg Preußens. Daß er einen Sieg
über den östreichischen Einfluß bedeutete, war noch das wenigste.
Die Hauptsache war, daß er das ganze Bürgertum der Mittel- und
Kleinstaaten auf Seite Preußens stellte. Sachsen ausgenommen, war
kein deutscher Staat vorhanden,
#422# Aus dem handschriftlichen Nachlaß
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dessen Industrie sich nur annähernd in dem Maße entwickelt hatte
wie die preußische; und das war nicht allein natürlichen und ge-
schichtlichen Vorbedingungen geschuldet, sondern auch dem größe-
ren Zollgebiet und innern Markt. Und je mehr der Zollverein sich
ausbreitete und die Kleinstaaten in diesen innern Markt aufnahm,
desto mehr gewöhnten sich die angehenden Bourgeois dieser Staa-
ten, nach Preußen zu blicken als ihrer ökonomischen und dereinst
auch politischen Vormacht. Und wie die Bourgeois sangen, so pfif-
fen die Professoren. Was in Berlin die Hegelianer philosophisch
konstruierten, daß Preußen an die Spitze Deutschlands zu treten
berufen sei, das demonstrierten in Heidelberg die Schüler Schlos-
sers historisch, namentlich Hausser und Gervinus. Dabei war na-
türlich vorausgesetzt, daß Preußen sein ganzes politisches System
andre, die Forderungen der Ideologen der Bourgeoisie erfülle. *)
Alles dies geschah aber nicht aus besondrer Vorliebe für den
preußischen Staat, wie etwa die italienischen Bourgeois Piemont
als leitenden Staat akzeptierten, nachdem es sich offen an die
Spitze der nationalen und konstitutionellen Bewegung gestellt.
Nein, es geschah widerwillig, die Bourgeois nahmen Preußen als
das kleinste Übel: weil Östreich sie von seinem Markt ausschloß
und weil Preußen, verglichen mit östreich, immer noch einen ge-
wissen bürgerlichen Charakter hatte, schon wegen seiner finan-
ziellen Filzigkeit. Zwei gute Einrichtungen hatte Preußen vor an-
dern Großstaaten voraus: die allgemeine Wehrpflicht und den all-
gemeinen Schulzwang. Es hatte sie eingeführt in Zeiten verzwei-
felter Not und hatte sich, in bessern Tagen, damit begnügt, sie
durch nachlässige Ausführung und absichtliche Verhunzung ihres
unter Umständen gefahrvollen Charakters zu entkleiden. Aber sie
bestanden auf dem Papier fort, und damit erhielt sich Preußen die
Möglichkeit, die in der Volksmasse schlummernde potentielle Ener-
gie eines Tags in einem Grade zu entfalten, der für eine gleiche
Volkszahl anderswo unerreichbar blieb. Die Bourgeoisie fand sich
in diese beiden Einrichtungen; die persönliche Dienstpflicht der
Einjährigen, also der Bourgeoissöhne, war um 1840 leicht und
ziemlich wohlfeil durch Bestechung zu umgehn, zumal damals in der
Armee selbst nur wenig Wert auf aus kaufmännischen und industri-
ellen Kreisen rekrutierte Landwehroffiziere [401]
---
*) Die "Rheinische Zeitung" von 1842 diskutierte von diesem
Standpunkt aus die Frage von der preußischen Hegemonie. Gervinus
sagte mir schon im Sommer 1843 in Ostende: Preußen muß an die
Spitze Deutschlands treten; dazu ist aber dreierlei nötig: Preu-
ßen muß eine Verfassung geben, es muß Preßfreiheit geben und es
muß eine auswärtige Politik annehmen, die Farbe hat.
#423# Die Rolle der Gewalt in der Geschichte
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gelegt wurde. Und die vom Schulzwang noch übrige, unbestreitbar
in Preußen vorhandne, größere Anzahl von Leuten mit einer gewis-
sen Summe Elementarkenntnissen war der Bourgeoisie im höchsten
Grad nützlich; sie wurde, mit dem Fortschritt der großen Indu-
strie, schließlich sogar ungenügend. *) Die Klagen über die sich
in starken Steuern ausdrückenden hohen Kosten beider Einrichtun-
gen 1*) wurden vornehmlich beim Kleinbürgertum laut; die empor-
kommende Bourgeoisie rechnete sich heraus, daß die allerdings fa-
talen, aber unvermeidlichen künftigen Großmachtskosten reichlich
durch die gesteigerten Profite aufgewogen würden.
Kurz, die deutschen Bourgeois machten sich über die preußische
Liebenswürdigkeit keine Illusionen. Wenn seit 1840 die preußische
Hegemonie bei ihnen in Ansehn kam, so geschah dies nur, weil und
in dem Maß wie die preußische Bourgeoisie, infolge ihrer rasche-
ren ökonomischen Entwicklung, wirtschaftlich und politisch an die
Spitze der deutschen Bourgeoisie trat, weil und in dem Maß wie
die Rotteck und Welcker des altkonstitutionellen Südens von den
Camphausen, Hansemann und Milde des preußischen Nordens, die Ad-
vokaten und Professoren von den Kaufleuten und Fabrikanten in den
Schatten gestellt wurden. Und in der Tat war in den preußischen
Liberalen der letzten Jahre vor 1848, namentlich in den rheini-
schen, ein ganz anders revolutionärer Hauch zu spüren als in den
Kantönli-Liberalen des Südens [403]. Damals entstanden die beiden
besten politischen Volkslieder seit dem 16. Jahrhundert, das Lied
vom Bürgermeister Tschech und das von der Freifrau von Droste-Vi-
schering [404], über deren Frevelhaftigkeit sich heute dieselben
Leute im Alter entsetzen, die 1846 flott mitsangen:
Hatte je ein Mensch so'n Pech
Wie der Bürgermeister Tschech,
Daß er diesen dicken Mann
Auf zwei Schritt nicht treffen kann!
Aber das sollte alles bald anders werden. Die Februarrevolution
kam und die Wiener Märztage und die Berliner Revolution vom 18.
März. Die Bourgeoisie hatte gesiegt, ohne ernsthaft zu kämpfen,
sie hatte den ernsthaften Kampf, als er kam, gar nicht einmal ge-
wollt. Denn sie, die noch vor
---
*) Noch zur Zeit des Kulturkampfs [402] klagten mir rheinische
Fabrikanten, sie könnten sonst vortreffliche Arbeiter nicht zu
Aufsehern befördern wegen Mangel genügender Schulkenntnisse. Dies
sei besonders in den katholischen Gegenden der Fall.
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1*) Engels schrieb hier an den Rand: "Mittelschulen für die Bour-
geoisie'
#424# Aus dem handschriftlichen Nachlaß
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kurzem mit dem Sozialismus und Kommunismus jener Zeit kokettiert
hatte (am Rhein namentlich), merkte jetzt plötzlich, daß sie
nicht nur einzelne Arbeiter gezüchtet hatte, sondern eine Arbei-
ter k l a s s e, ein zwar noch halb im Traum befangnes, aber
doch allmählich erwachendes, seiner innersten Natur nach revolu-
tionäres Proletariat. Und dies Proletariat, das überall den Sieg
für die Bourgeoisie erkämpft hatte, stellte, namentlich in
Frankreich, bereits Forderungen, die mit dem Bestand der ganzen
bürgerlichen Ordnung unvereinbar waren; in Paris kam es zum er-
sten furchtbaren Kampf zwischen beiden Klassen am 23. Juni 1848;
nach viertägiger Schlacht unterlag das Proletariat. Von da an
trat die Masse der Bourgeoisie in ganz Europa auf die Seite der
Reaktion, verband sich mit den eben erst von ihr mit Hülfe der
Arbeiter gestürzten absolutistischen Bürokraten, Feudalen und
Pfaffen gegen die Feinde der Gesellschaft, eben dieselben Arbei-
ter.
In Preußen geschah dies in der Form, daß die Bourgeoisie ihre
eignen gewählten Vertreter im Stich ließ und ihrer Zersprengung
durch die Regierung im November 1848 mit heimlicher oder offner
Freude zusah. Das junkerlich-bürokratische Ministerium, das jetzt
an die zehn Jahre lang in Preußen sich breitmachte, mußte zwar in
konstitutionellen Formen regieren, rächte sich aber dafür durch
ein System kleinlicher, bisher selbst in Preußen unerhörter Schi-
kanen und Plackereien, unter dem niemand mehr zu leiden hatte als
die Bourgeoisie. [408] Diese aber war bußfertig in sich gegangen,
nahm die herabregnenden Hiebe und Tritte demütig hin als Strafe
für ihre einstigen revolutionären Gelüste und lernte jetzt all-
mählich das denken, was sie später aussprach: Hunde sind wir ja
doch!
Da kam die Regentschaft. Um seine Königstreue zu beweisen, hatte
Manteuffel den Thronfolger, jetzigen Kaiser 1*), gradeso mit
Spionen umgeben lassen, wie jetzt Puttkamer die Redaktion des
"Sozialdemokrat". Als der Thronfolger Regent wurde, erhielt Man-
teuffel natürlich sofort einen beseitigenden Fußtritt, und die
Neue Ära brach an. [405]. Es war nur ein Dekorationswechsel. 'Der
Prinzregent geruhte, den Bourgeois zu erlauben, wieder liberal zü
sein. Die Bourgeois machten mit Vergnügen Gebrauch von dieser Er-
laubnis, bildeten sich aber ein, sie hätten jetzt das Heft in der
Hand, der preußische Staat müsse nach ihrer Pfeife tanzen. Das
war aber keineswegs die Absicht "in maßgebenden Kreisen", wie der
Reptilienstil lautet. Die Armeereorganisation sollte der Preis
sein, mit dem die liberalen Bourgeois die Neue Ära bezahlten. Die
Regierung verlangte damit nur die Durchführung der allgemeinen
Wehrpflicht bis zu dem Grad, der um 1816
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1*) Wilhelm I.
#425# Die Rolle der Gewalt in der Geschichte
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üblich gewesen. Vom Standpunkt der liberalen Opposition ließ sich
dagegen absolut nichts sagen, das nicht ihren eignen Phrasen von
Preußens Machtstellung und deutschem Beruf ebenfalls ins Gesicht
geschlagen hätte. Die liberale Opposition knüpfte aber an ihre
Bewilligung die Bedingung der gesetzlichen zweijährigen Maximal-
dienstzeit. Dies war an sich ganz rationell, es frug sich aber,
ob diese zu erzwingen sei, ob die liberale Bourgeoisie des Landes
bereit sei, für diese Bedingung bis zum äußersten, mit Gut und
Blut einzustehn. Die Regierung beharrte fest auf drei Dienst-
jahren, die Kammer auf zwei; der Konflikt brach aus. [407] Und
mit dem Konflikt in der Militärfrage wurde die äußere Politik
wieder entscheidend, auch für die innere.
Wir haben gesehn, wie Preußen durch seine Haltung im Krimkrieg
und im italienischen Krieg sich um den letzten Rest von Achtung
gebracht hatte. Diese jämmerliche Politik fand eine teilweise
Entschuldigung im schlechten Zustand der Armee. Da man auch schon
vor 1848 ohne ständische Bewilligung keine neuen Steuern auflegen
oder Anleihen aufnehmen konnte, aber auch keine Stände dazu ein-
berufen wollte, war nie Geld genug für die Armee vorhanden, und
diese verkam unter der grenzenlosen Knickerei gänzlich. Der unter
Friedrich Wilhelm III. eingerissene Paraden- und Gamaschengeist
tat den Rest. Wie hülflos diese Paradearmee sich 1848 auf den dä-
nischen Schlachtfeldern bewies, kann man beim Grafen Waldersee
nachlesen. Die Mobilmachung 1850 war ein vollständiges Fiasko; es
fehlte an allem, und was vorhanden, war meist untauglich. [313]
Dem war nun zwar durch Geldbewilligung von Seiten der Kammern ab-
geholfen; die Armee war aus dem alten Schlendrian aufgerüttelt
worden, der Felddienst verdrängte, wenigstens großenteils, den
Paradedienst. Aber die Stärke der Armee war noch immer dieselbe
wie um 1820, während alle andern Großmächte, namentlich
Frankreich, von dem grade jetzt die Gefahr drohte, ihre Heeres-
macht bedeutend gesteigert hatten. Und dabei bestand in Preußen
allgemeine Wehrpflicht; jeder Preuße war Soldat auf dem Papier,
während doch die Bevölkerung von 10 1/2 Millionen (1817) auf
17 3/4 Millionen (1858) gewachsen war und die Rahmen der Armee
nicht hinreichten, mehr als ein Drittel der wehrfähigen Leute
aufzunehmen und auszubilden. Jetzt verlangte die Regierung eine
Verstärkung der Armee, die fast genau dem seit 1817 eingetretenen
Bevölkerungszuwachs entsprach. Aber dieselben liberalen Abgeord-
neten, die in einem fort von der Regierung verlangten, sie solle
an die Spitze Deutschlands treten, Deutschlands Machtstellung
nach außen wahren, sein Ansehn unter den Nationen wiederherstel-
len - diese selben Leute knickerten und schacherten und wollten
nichts bewilligen, es sei denn
#426# Aus dem handschriftlichen Nachlaß
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auf Grund der zweijährigen Dienstzeit. Hatten sie denn die Macht,
ihren Willen, auf dem sie so hartnäckig bestanden, auch durch-
zusetzen? Stand denn das Volk oder auch nur die Bourgeoisie hin-
ter ihnen, zum Losschlagen bereit?
Im Gegenteil. Die Bourgeoisie jubelte ihren Redekämpfen gegen
Bismarck zu, aber in Wirklichkeit organisierte sie eine Bewegung,
die, wenn auch unbewußt, so doch tatsächlich gegen die Politik
der preußischen Kammermehrheit gerichtet war. Die Eingriffe Däne-
marks in die holsteinische Verfassung, die gewaltsamen Dänisie-
rungsversuche in Schleswig entrüsteten den deutschen Bürger.
[408] Von den Großmächten geschurigelt zu werden, das war er
gewohnt; aber von dem kleinen Dänemark Fußtritte zu erhalten, das
entflammte seinen Zorn. Der Nationalverein [409] wurde gebildet;
die Bourgeoisie grade der Kleinstaaten bildete seine Stärke. Und
der Nationalverein, durch und durch liberal wie er war, verlangte
vor allen Dingen nationale Einigung unter Führung Preußens, eines
liberalen Preußens womöglich, eines wie immer beschaffnen Preu-
ßens im Notfall. Daß endlich einmal vorangemacht, daß die elende
Stellung der Deutschen auf dem Weltmarkt als Menschen zweiter
Klasse beseitigt, daß Dänemark gezüchtigt, den Großmächten in
Schleswig-Holstein die Zähne gezeigt würden, das war es vor al-
lem, was der Nationalverein forderte. Und dabei war jetzt die
Forderung der preußischen Spitze von allen den Unklarheiten und
Duseleien befreit, die ihr bis 1850 noch angehaftet hatten. Man
wußte ganz genau, daß sie die Hinauswerfung Östreichs aus
Deutschland, die tatsächliche Beseitigung der kleinstaatlichen
Souveränität bedeute, und daß beides ohne den Bürgerkrieg und
ohne Teilung Deutschlands nicht zu haben war. Aber man fürchtete
den Bürgerkrieg nicht mehr, und die Teilung zog nur das Fazit aus
der östreichischen Zollabsperrung. Die Industrie und der Handel
Deutschlands hatten sich zu einer Höhe entwickelt, das Netz deut-
scher Handelshäuser, das den Weltmarkt umspannte, war so ausge-
breitet und so dicht geworden, daß die Kleinstaaterei zu Hause
und die Recht- und Schutzlosigkeit im Ausland nicht länger zu er-
tragen waren. Und während die stärkste politische Organisation,
die die deutsche Bourgeoisie je besessen, ihnen dies tatsächliche
Mißtrauensvotum gab, feilschten die Berliner Abgeordneten an der
Dienstzeit herum!
Das war die Lage, als Bismarck sich anschickte, in die äußere Po-
litik tätig einzugreifen.
Bismarck ist Louis-Napoleon, übersetzt aus dem französischen
abenteuernden Kronprätendenten in den preußischen Krautjunker und
deutschen Korpsburschen. Ganz wie Louis-Napoleon ist Bismarck ein
Mann
#427# Die Rolle der Gewalt in der Geschichte
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von großem praktischem Verstand, und großer Schlauheit, ein ge-
borner und geriebner Geschäftsmann, der unter andern Umständen
auf der New-Yorker Börse den Vanderbilts und Jay Goulds den Rang
streitig gemacht hätte, wie er denn auch sein Privatschäfchen
hübsch ins trockene gebracht hat. Mit diesem entwickelten Ver-
stand auf dem Gebiet des praktischen Lebens ist aber häufig eine
entsprechende Beschränktheit des Gesichtskreises verknüpft, und
hierin übertrifft Bismarck seinen französischen Vorgänger. Denn
dieser hatte doch seine "napoleonischen Ideen" [410] während sei-
ner Vagabundenzeit sich selbst herausgearbeitet - sie waren auch
darnach -, während Bismarck, wie wir sehn werden, nie auch nur
die Spur einer eignen politischen Idee zustande brachte, sondern
nur die fertigen Ideen andrer sich zurechtkombinierte. Diese Bor-
niertheit war aber grade sein Glück. Ohne sie hätte er es nie
fertiggebracht, die ganze Weltgeschichte vom spezifisch preußi-
schen Gesichtspunkt aus sich vorzustellen; und hatte diese seine
stockpreußische Weltanschauung ein Loch, wodurch das Tageslicht
hineindrang, so war er irr an seiner ganzen Mission, und es war
aus mit seiner Glorie. Freilich, als er seine besondre, ihm von
außen vorgeschriebne Mission in seiner Weise erfüllt hatte, da
war er dann auch am Ende seines Lateins; wir werden sehn, zu wel-
chen Sprüngen er genötigt war infolge seines absoluten Mangels an
rationellen Ideen und seiner Unfähigkeit, die von ihm selbst ge-
schaffne geschichtliche Lage zu begreifen.
Wenn Louis-Napoleon durch seine Vergangenheit sich angewöhnt
hatte, in der Wahl seiner Mittel wenig Rücksichten zu beobachten,
so lernte Bismarck aus der Geschichte der preußischen Politik,
namentlich der des sog. großen Kurfürsten 1*) und Friedrichs II.,
darin noch weniger skrupulös zu verfahren, wobei er sich das er-
hebende Bewußtsein erhalten konnte, er bleibe hierin der vater-
ländischen Tradition getreu. Sein Geschäftsverstand lehrte ihn,
seine Junkergelüste zurückzudrängen, wo es sein mußte; als dies
nicht mehr nötig schien, traten sie wieder grell hervor; es war
dies freilich ein Zeichen des Niedergangs. Seine politische Me-
thode war die des Korpsburschen; die burlesk-wörtliche Interpre-
tation des Bierkomments, wodurch man sich auf der Korpskneipe aus
der Schlinge zieht, wandte er in der Kammer ganz ungeniert auf
die preußische Verfassung an; sämtliche Neuerungen, die er in die
Diplomatie eingeführt, sind dem Korpsstudententum entlehnt. Wenn
aber Louis-Napoleon oft in entscheidenden Momenten unsicher
wurde, wie beim Staatsstreich 1851, wo Morny ihm positiv Gewalt
antun mußte, damit er das Angefangne auch durchführe, und wie am
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1*) Friedrich Wilhelm
#428# Aus dem handschriftlichen Nachlaß
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Vorabend des Kriegs 1870, wo seine Unsicherheit ihm seine ganze
Stellung verdarb, so muß man Bismarck nachsagen, daß ihm das nie
passiert ist. Den hat seine Willenskraft nie im Stich gelassen;
viel eher schlug sie in offne Brutalität um. Und hierin vor allem
liegt das Geheimnis seiner Erfolge. Sämtlichen in Deutschland
herrschenden Klassen, Junkern wie Bourgeois, ist der letzte Rest
von Energie so sehr abhanden gekommen, es ist im "gebildeten"
Deutschland so sehr Sitte geworden, keinen Willen zu haben, daß
der einzige Mann unter ihnen, der wirklich noch einen Willen hat,
eben dadurch zu ihrem größten Mann und zum Tyrannen über sie alle
geworden ist, vor dem sie wider beßres Wissen und Gewissen, wie
sie selbst es nennen, bereitwillig "über den Stock springen". Al-
lerdings, im "ungebildeten" Deutschland ist man noch nicht so
weit; das Arbeitervolk hat gezeigt, daß es einen Willen hat, mit
dem auch der starke Wille Bismarcks nicht fertig wird.
Eine brillante Laufbahn lag vor unserm altmärkischen Junker, wenn
er nur Mut und Verstand hatte zuzugreifen. War nicht Louis-Napo-
leon der Abgott der Bourgeoisie grade dadurch geworden, daß er
ihr Parlament zersprengt, aber ihre Profite erhöht hatte? Und
hatte Bismarck nicht dieselben Geschäftstalente, die die Bour-
geois so sehr an dem falschen Napoleon bewunderten? Zog es ihn
nicht nach seinem Bleichröder wie Louis-Napoleon nach seinem
Fould? Lag nicht 1864 in Deutschland ein Widerspruch vor zwischen
den Bourgeoisvertretern in der Kammer, die an der Dienstzeit ab-
knickern wollten, und den Bourgeois draußen im Nationalverein,
die um jeden Preis nationale Taten wollten, Taten, wozu man Mili-
tär braucht? Ein ganz ähnlicher Widerspruch wie der in Frankreich
1851 zwischen den Bourgeois in der Kammer, die die Macht des Prä-
sidenten im Zaum halten, und den Bourgeois draußen, die Ruhe und
starke Regierung wollten, Ruhe um jeden Preis - und welchen Wi-
derspruch Louis-Napoleon gelöst hatte, indem er die Parlaments-
krakeeler zersprengte und der Masse der Bourgeois Ruhe gab? Lagen
die Dinge in Deutschland nicht noch viel sichrer für einen kühnen
Griff? War nicht der Reorganisationsplan fix und fertig geliefert
von der Bourgeoisie, und verlangte nicht sie selbst laut nach dem
energischen preußischen Staatsmann, der ihren Plan ausführen,
Östreich von Deutschland ausschließen, die Kleinstaaten unter
Preußens Vorherrschaft einigen sollte? Und wenn man dabei die
preußische Verfassung etwas unsanft behandeln, die Ideologen in
und außerhalb der Kammer nach Verdienst beiseite schieben mußte,
konnte man nicht, wie Louis Bonaparte, sich auf das allgemeine
Stimmrecht stützen ? Was konnte demokratischer sein als die Ein-
führung des allgemeinen Stimmrechts? Hatte Louis-Napoleon nicht
#429# Die Rolle der Gewalt in der Geschichte
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seine gänzliche Gefahrlosigkeit - bei richtiger Behandlung - dar-
getan? Und bot nicht grade dies allgemeine Stimmrecht das Mittel,
an die großen Volksmassen zu appellieren, ein bißchen mit der
neuerstehenden sozialen Bewegung zu kokettieren, wenn die Bour-
geoisie sich widerhaarig erwies?
Bismarck griff zu. Es galt, den Staatsstreich Louis-Napoleons zu
wiederholen, der deutschen Bourgeoisie die wirklichen Machtver-
hältnisse handgreiflich klarzumachen, ihre liberalen Selbsttäu-
schungen gewaltsam zu zersprengen, aber ihre mit den preußischen
Wünschen zusammenfallenden nationalen Forderungen durchzuführen.
Zunächst bot Schleswig-Holstein die Handhabe zum Handeln. Das
Terrain der auswärtigen Politik war vorbereitet. Der russische
Zar 1*) war durch die von Bismarck 1863 gegen die insurgierten
Polen geleisteten Schergendienste gewonnen [411]; Louis-Napoleon
war ebenfalls bearbeitet worden und konnte seine Gleichgültig-
keit, wo nicht seine stille Begünstigung der Bismarckschen Pläne
durch sein geliebtes "Nationalitätsprinzip" entschuldigen; in
England war Palmerston Premierminister, hatte aber den kleinen
Lord John Russell nur zu dem Zweck ins auswärtige Amt gesetzt,
damit er sich dort recht lächerlich mache, östreich aber war
Preußens Konkurrent um die Vorherrschaft in Deutschland und
durfte sich grade in dieser Angelegenheit um so weniger von Preu-
ßen den Rang ablaufen lassen, als es 1850 und 1851 als Büttel des
Kaisers Nikolaus in Schleswig-Holstein sich in der Tat noch ge-
meiner benommen hatte als selbst Preußen. [412] Die Lage war also
äußerst günstig. So sehr Bismarck Östreich haßte, und so gern
Östreich an Preußen hinwiederum sein Mütchen gekühlt hätte, so
blieb ihnen beim Tod Friedrichs VII. von Dänemark doch nichts an-
dres übrig, als gemeinsam - unter stillschweigender russischer
und französischer Erlaubnis - gegen Dänemark einzuschreiten. Der
Erfolg war im voraus gesichert, solange Europa neutral blieb;
dies war der Fall, die Herzogtümer wurden erobert und im Frieden
abgetreten [413].
Preußen hatte bei diesem Krieg den Nebenzweck gehabt, seine seit
1850 nach neuen Grundsätzen ausgebildete und 1860 reorganisierte
und verstärkte Armee vor dem Feind zu versuchen. Sie hatte sich
über alles Erwarten gut bewährt, und zwar in den verschiedensten
Kriegslagen. Daß das Zündnadelgewehr dem Vorderlader weit überle-
gen sei und daß man verstehe, es richtig zu gebrauchen, bewies
das Gefecht bei Lyngby in Jutland, wo 80 hinter einem Knick po-
stierte Preußen durch ihr Schnellfeuer die dreifache Anzahl Dänen
in die Flucht schlugen. Gleichzeitig hatte man
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1*) Alexander II.
#430# Aus dem handschriftlichen Nachlaß
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Gelegenheit zu bemerken, wie die Östreicher aus dem italienischen
Kriege und der Fechtart der Franzosen nur die Lehre gezogen hat-
ten, das Schießen tauge nichts, der wahre Soldat müsse alsbald
mit dem Bajonett den Feind werfen, und schrieb sich das hinter
die Ohren, da man sich eine willkommnere feindliche Taktik vor
den Mündungen der Hinterlader gar nicht wünschen konnte. Und um
die Östreicher baldmöglichst instand zu setzen, sich hiervon
praktisch zu überzeugen, überantwortete man beim Frieden die Her-
zogtümer der gemeinsamen Souveränität Östreichs und Preußens,
schuf also eine rein provisorische Lage, die Konflikte über Kon-
flikte erzeugen mußte und es dadurch ganz in Bismarcks Hand
legte, wann er einen solchen Konflikt zu seinem großen Streich
gegen Östreich benutzen wollte. Bei der Sitte der preußischen Po-
litik, eine günstige Situation "rücksichtslos bis aufs äußerste
auszunutzen", wie Herr von Sybel das nennt, war es selbstver-
ständlich, daß unter dem Vorwand der Befreiung Deutscher von dä-
nischem Druck an 200 000 dänische Nordschleswiger mit an Deutsch-
land annektiert wurden. Wer aber leer ausging, das war der
schleswig-holsteinische Thronkandidat der Kleinstaaten und der
deutschen Bourgeoisie, der Herzog von Augustenburg.
So hatte Bismarck in den Herzogtümern der deutschen Bourgeoisie
ihren Willen gegen ihren Willen getan. Er hatte die Dänen ver-
trieben, hatte dem Ausland Trotz geboten, und das Ausland hatte
sich nicht gerührt. Aber die Herzogtümer, kaum befreit, wurden
als erobertes Land behandelt, gar nicht um ihren Willen befragt,
sondern kurzerhand zwischen östreich und Preußen provisorisch ge-
teilt. Preußen war wieder eine Großmacht geworden, war nicht mehr
das fünfte Rad am europäischen Wagen; die Erfüllung der nationa-
len Wünsche der Bourgeoisie war im besten Zuge, aber der gewählte
Weg war nicht der liberale der Bourgeoisie. Der preußische
Militärkonflikt dauerte also fort, wurde sogar immer unlösbarer.
Der zweite Akt der Bismarckschen Haupt- und Staatsaktion mußte
eingeleitet werden.
---
Der dänische Krieg hatte einen Teil der nationalen Wünsche
erfüllt. Schleswig-Holstein war "befreit", das Warschauer und
Londoner Protokoll, worin die Großmächte Deutschlands Erniedri-
gung vor Dänemark besiegelt [414], war ihnen zerrissen vor die
Füße geworfen, und sie hatten nicht gemuckt, Östreich und Preußen
standen wieder zusammen, die Truppen beider hatten nebeneinander
gesiegt, und kein Potentat dachte mehr daran, deutsches Gebiet
anzutasten. Louis-Napoleons Rheingelüste, bisher durch anderwei-
tige Beschäftigung - die italienische Revolution, den polnischen
#431# Die Rolle der Gewalt in der Geschichte
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Aufstand, die dänischen Verwicklungen, endlich den Zug nach Me-
xiko [415] - in den Hintergrund gedrängt, hatten jetzt keine Aus-
sicht mehr. Für einen konservativen preußischen Staatsmann war
also die Weltlage nach außen hin ganz nach Wunsch. Aber Bismarck
war bis 1871 nie, und damals erst recht nicht, konservativ, und
die deutsche Bourgeoisie war keineswegs befriedigt.
Das deutsche Bürgertum bewegte sich nach wie vor in dem bekannten
Widerspruch. Einerseits verlangte es die ausschließliche politi-
sche Macht für sich, d.h. für ein aus der liberalen Kammermajori-
tät gewähltes Ministerium; und ein solches Ministerium hätte
einen zehnjährigen Kampf mit dem durch die Krone vertretenen al-
ten System zu führen gehabt, bis seine neue Machtstellung defini-
tiv anerkannt war; also zehn Jahre innerer Schwächung. Andrer-
seits aber forderte es eine revolutionäre Umgestaltung Deutsch-
lands, die nur durch die Gewalt, also nur durch eine tatsächliche
Diktatur, durchführbar war. Und dabei hatte das Bürgertum von
1848 an Schlag auf Schlag, in jedem entscheidenden Moment, den
Beweis geliefert, daß es auch nicht die Spur der nötigen Energie
besaß, um, sei es das eine, sei es das andre, durchzusetzen - ge-
schweige beides. Es gibt in der Politik nur zwei entscheidende
Mächte: die organisierte Staatsgewalt, die Armee, und die unorga-
nisierte, elementare Gewalt der Volksmassen. An die Massen zu ap-
pellieren, hatte das Bürgertum 1848 verlernt; es fürchtete sie
noch mehr als den Absolutismus. Die Armee aber stand keineswegs
zu seiner Verfügung. Wohl aber zur Verfügung Bismarcks.
Bismarck hatte in dem noch andauernden Verfassungskonflikt die
parlamentarischen Forderungen der Bourgeoisie aufs äußerste be-
kämpft. Aber er brannte vor Begierde, ihre nationalen Forderungen
durchzuführen; stimmten sie doch mit den geheimsten Herzenswün-
schen der preußischen Politik. Wenn er jetzt nochmals der Bour-
geoisie gegen ihren Willen den Willen tat, wenn er die Einigung
Deutschlands, wie die Bourgeoisie sie formuliert hatte, zur Wahr-
heit machte, so war der Konflikt von selbst beseitigt, und Bis-
marck mußte ebenso der Abgott der Bourgeois werden wie sein Vor-
bild Louis-Napoleon.
Die Bourgeoisie lieferte ihm das Ziel, Louis-Napoleon den Weg zum
Ziel; die Ausführung allein blieb Bismarcks Werk.
Um Preußen an die Spitze Deutschlands zu stellen, mußte man nicht
nur östreich mit Gewalt aus dem Deutschen Bunde [175] treiben,
sondern auch die Kleinstaaten unterwerfen. Ein solcher frischer
fröhlicher Krieg [418] Deutscher gegen Deutsche war in der
preußischen Politik ja von jeher das Hauptmittel der Gebietser-
weiterung gewesen; vor so etwas fürchtete sich
#432# Aus dem handschriftlichen Nachlaß
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kein braver Preuße. Ebensowenig konnte das zweite Hauptmittel ir-
gendwie Bedenken erregen: die Allianz mit dem Auslande gegen
Deutsche. Den sentimentalen Alexander von Rußland hatte man in
der Tasche. Louis-Napoleon hatte den piemontesischen Beruf Preu-
ßens in Deutschland nie verkannt und war ganz bereit, mit Bis-
marck ein Geschäftchen zu machen. Konnte er, was er brauchte, auf
friedlichem Weg erhalten, in der Form von Kompensationen, so zog
er das vor. Auch brauchte er ja nicht das ganze linke Rheinufer
auf einmal; gab man es ihm stückweise, je einen Streifen für je-
den neuen Vorschritt Preußens, so war das weniger auffällig und
führte doch zum Ziel. Wog doch in den Augen der französischen
Chauvins eine Quadratmeile am Rhein ganz Savoyen und Nizza auf.
Mit Louis-Napoleon wurde also verhandelt, seine Erlaubnis zur
Vergrößerung Preußens und zu einem Norddeutschen Bund [177] er-
wirkt. Daß ihm dafür ein Stück deutsches Gebiet am Rhein angebo-
ten worden, ist außer Zweifel 1*); in den Verhandlungen mit Go-
vone sprach Bismarck von Rheinbayern und Rheinhessen. [417] Er
hat dies zwar nachher abgeleugnet. Aber ein Diplomat, namentlich
ein preußischer, hat seine eignen Ansichten über die Grenzen, in-
nerhalb deren man berechtigt oder sogar verpflichtet ist, der
Wahrheit gelinde Gewalt anzutun. Die Wahrheit ist ja ein Frauen-
zimmer, hat's also, nach der Junkervorstellung, eigentlich ganz
gern. Louis-Napoleon war nicht so dumm, die Vergrößerung Preußens
zu gestatten, ohne daß Preußen ihm Kompensation versprach; eher
hätte Bleichröder Geld ohne Zinsen ausgeliehen. Aber er kannte
seine Preußen nicht genug und wurde schließlich doch geprellt.
Kurz und gut, nachdem er sicher gemacht war, verband man sich mit
Italien zum "Stoß ins Herz".
Der Philister verschiedner Länder hat sich über diesen Ausdruck
tief entrüstet. Ganz mit Unrecht. + la guerre comme à la guerre.
2*) Der Ausdruck beweist bloß, daß Bismarck den deutschen Bürger-
krieg 1866 [418] für das erkannte, was er war, nämlich eine
R e v o l u t i o n, und daß er bereit war, diese Revolution
durchzusetzen mit revolutionären Mitteln. Und das tat er. Sein
Verfahren gegenüber dem Bundestag war revolutionär. Statt sich
der verfassungsmäßigen Entscheidung der Bundesbehörden zu unter-
werfen, warf er ihnen Bundesbruch vor - eine reine Ausrede -,
sprengte den Bund, proklamierte eine neue Verfassung mit einem
durch das revolutionäre allgemeine Stimmrecht gewählten Reichstag
und verjagte schließlich den Bundestag aus Frankfurt. [419] In
Oberschlesien richtete er eine ungarische
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1*) Engels schrieb hier mit Bleistift an den Rand: "Teilung -
Mainlinie" (siehe vorl. Band, S. 436) - 2*) Krieg ist Krieg.
#433# Die Rolle der Gewalt in der Geschichte
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Legion ein unter dem Revolutionsgeneral Klapka und andern Revolu-
tionsoffizieren, deren Mannschaft, ungarische Überläufer und
Kriegsgefangene, Krieg führen sollten gegen ihren eignen legiti-
men Kriegsherrn. 1*) Nach Eroberung Böhmens erließ Bismarck eine
Proklamation "an die Bewohner des glorreichen Königreichs Böhmen"
[420], deren Inhalt den Traditionen der Legitimität ebenfalls arg
ins Gesicht schlug. Im Frieden nahm er für Preußen die sämtlichen
Besitzungen dreier legitimer deutscher Bundesfürsten und einer
Freien Stadt weg [176], ohne daß diese Verjagung von Fürsten, die
nicht minder "von Gottes Gnaden" waren als der König von Preußen,
sein christliches und legitimistisches Gewissen irgendwie be-
schwerten. Kurz, es war eine vollständige Revolution, mit revolu-
tionären Mitteln durchgeführt. Wir sind natürlich die letzten,
ihm daraus einen Vorwurf zu machen. Was wir ihm vorwerfen, ist im
Gegenteil, daß er nicht revolutionär genug, daß er nur preußi-
scher Revolutionär von oben war, daß er eine ganze Revolution an-
fing in einer Stellung, wo er nur eine halbe durchführen konnte,
daß er, einmal auf der Bahn der Annexionen, mit vier lumpigen
Kleinstaaten zufrieden war.
Nun aber kam der kleine Napoleon hinterdrein gehinkt und forderte
seinen Lohn. Er hätte während des Kriegs am Rhein nehmen können,
was ihm gefiel; nicht nur das Land, auch die Festungen waren ent-
blößt. Er zauderte; er erwartete einen langwierigen, beide Teile
ermattenden Krieg - und nun kamen diese raschen Schläge, die Nie-
derwerfung Östreichs binnen acht Tagen. Er forderte zuerst - was
Bismarck dem General Govone als mögliches Entschädigungsgebiet
bezeichnet - Rheinbayern und Rheinhessen mit Mainz. Das aber
konnte Bismarck jetzt nicht mehr geben, selbst wenn er gewollt
hätte. Die gewaltigen Erfolge des Kriegs hatten ihm neue Ver-
pflichtungen auferlegt. In dem Augenblick, wo Preußen sich zum
Schutz und Schirm Deutschlands aufwarf, konnte es nicht den
Schlüssel des Mittelrheins, Mainz, an das Ausland verschachern.
Bismarck schlug ab. Louis-Napoleon ließ mit sich handeln; er ver-
langte nur noch Luxemburg, Landau, Saarlouis und das Saarbrücker
Kohlenrevier. Aber auch dies konnte Bismarck nicht mehr abtreten,
um so weniger, als hier auch preußisches Gebiet beansprucht
wurde. Warum hatte Louis-Napoleon nicht selbst zugegriffen, zur
rechten Zeit, als die Preußen in Böhmen festsaßen? Genug, aus den
Kompensationen für Frankreich wurde nichts. Daß das einen späte-
ren Krieg mit Frankreich bedeutete, wußte Bismarck; aber das war
ihm grade recht.
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1*) Engels schrieb hier mit Bleistift an den Rand: "Eid!"
#434# Aus dem handschriftlichen Nachlaß
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Inden Friedensschlüssen nutzte Preußen diesmal die günstige Lage
nicht so rücksichtslos aus, als dies sonst, im Glück, seine Ge-
wohnheit war. Und aus guten Gründen. Sachsen und Hessen-Darmstadt
wurden in den neuen Norddeutschen Bund gezogen und wurden schon
deshalb geschont. Bayern, Württemberg und Baden mußten glimpflich
behandelt werden, weil Bismarck die geheimen Schutz- und Trutz-
bündnisse mit ihnen abzuschließen hatte. Und Östreich - hatte
nicht Bismarck ihm einen Dienst erwiesen, indem er die traditio-
nellen Verwicklungen zerhieb, die es an Deutschland und Italien
fesselten? Hatte er ihm nicht erst jetzt die lang erstrebte unab-
hängige Großmachtstellung verschafft? Hatte er nicht in der Tat
besser gewußt als östreich selbst, was Östreich diente, als er es
in Böhmen besiegte? Mußte nicht östreich bei richtiger Behandlung
einsehn, daß die geographische Lage, die gegenseitige Verschrän-
kung beider Länder, das preußisch-geeinte Deutschland zu seinem
notwendigen und natürlichen Bundesgenossen machte?
So kam es, daß Preußen zum erstenmal seit seinem Bestehn sich mit
dem Schimmer der Großmut umgeben konnte, weil es - mit der Wurst
nach dem Schinken warf.
Nicht nur Östreich war auf den böhmischen Schlachtfeldern ge-
schlagen - die deutsche Bourgeoisie war es auch. Bismarck hatte
ihr bewiesen, daß er besser wußte, was ihr frommte, als sie
selbst. An eine Fortführung des Konflikts von seiten der Kammer
war nicht zu denken. Die liberalen Ansprüche der Bourgeoisie wa-
ren auf lange Zeit begraben, aber ihre nationalen Forderungen er-
füllten sich von Tag zu Tag mehr. Mit einer ihr selbst verwunder-
lichen Raschheit und Genauigkeit führte Bismarck ihr nationales
Programm aus. Und nachdem er ihr ihre Schlaffheit und Energie-
losigkeit und damit ihre totale Unfähigkeit zur Durchführung
ihres eignen Programms handgreiflich in corpore vili, an ihrem
eignen schäbigen Leibe dargetan, spielte er auch ihr gegenüber
den Großmütigen und kam bei der nun tatsächlich entwaffneten Kam-
mer um Indemnität ein wegen der verfassungswidrigen Konfliktsre-
gierung. Zu Tränen gerührt, bewilligte sie der nunmehr harmlose
Fortschritt. [421]
Trotzdem wurde die Bourgeoisie daran erinnert, daß sie bei König-
grätz [422] mit besiegt war. Die norddeutsche Bundesverfassung
wurde nach der Schablone der durch den Konflikt authentisch in-
terpretierten preußischen Verfassung zugeschnitten. Steuerverwei-
gerung war verboten. Der Bundeskanzler und seine Minister wurden
vom König von Preußen ernannt, unabhängig von jeder parlamentari-
schen Majorität. Die durch den Konflikt sichergestellte Unabhän-
gigkeit der Armee vom Parlament wurde
#435# Die Rolle der Gewalt in der Geschichte
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auch gegenüber dem Reichstag festgehalten. Dafür aber hatten die
Mitglieder dieses Reichstags das erhebende Bewußtsein, daß sie
durch allgemeines Stimmrecht gewählt waren. An diese Tatsache
wurden sie auch, und zwar in unangenehmer Weise, erinnert durch
den Anblick der zwei Sozialisten 1*), die mitten unter ihnen sa-
ßen. Zum erstenmal erschienen sozialistische Abgeordnete, Vertre-
ter des Proletariats, in einer parlamentarischen Körperschaft. Es
war ein unheildrohendes Zeichen.
Zunächst war das alles nicht von Bedeutung. Es kam jetzt darauf
an, die neue Reichseinheit wenigstens des Nordens im Interesse
der Bourgeoisie auszubauen und auszubeuten und dadurch auch die
süddeutschen Bourgeois in den neuen Bund zu locken. Die Bundes-
verfassung entzog die ökonomisch wichtigsten Verhältnisse der Ge-
setzgebung den Einzelstaaten und wies ihre Regelung dem Bunde zu:
gemeinsames Bürgerrecht und Freizügigkeit im ganzen Bundesgebiet,
Heimatsberechtigung, Gesetzgebung über Gewerbe, Handel, Zölle,
Schiffahrt, Münzen, Maß und Gewicht, Eisenbahnen, Wasserstraßen,
Post und Telegraphen, Patente, Banken, die ganze auswärtige Poli-
tik, Konsulate, Handelsschutz im Ausland, Medizinalpolizei,
Strafrecht, Gerichtsverfahren etc. Die meisten dieser Gegenstände
wurden nun rasch, und im ganzen in liberaler Weise, durch Gesetze
geordnet. Und so wurden denn endlich - endlich! die schlimmsten
Auswüchse der Kleinstaaterei beseitigt, diejenigen, die einer-
seits der kapitalistischen Entwicklung, andrerseits dem preußi-
schen Herrschergelüst am meisten den Weg versperrten. Das war
aber keine welthistorische Errungenschaft, wie der jetzt chauvi-
nistisch werdende Bourgeois ausposaunte, sondern eine sehr, sehr
späte und unvollkommne Nachahmung dessen, was die Französische
Revolution schon siebzig Jahre früher getan, und was alle andern
Kulturstaaten längst eingeführt. Statt zu prahlen, hätte man sich
schämen sollen, daß das "hochgebildete" Deutschland hiermit zual-
lerletzt kam.
Während dieser ganzen Zeit des Norddeutschen Bundes kam Bismarck
der Bourgeoisie auf wirtschaftlichem Gebiet bereitwillig entgegen
und zeigte auch in der Behandlung parlamentarischer Machtfragen
die eiserne Faust nur im samtnen Handschuh. Es war seine beste
Periode; man konnte stellenweise zweifeln an seiner spezifisch
preußischen Borniertheit, an seiner Unfähigkeit einzusehn, daß es
in der Weltgeschichte noch andre und stärkere Mächte gibt als Ar-
meen und auf sie gestützte Diplomatenschliche.
Daß der Friede mit östreich den Krieg mit Frankreich im Schöße
trug, wußte Bismarck nicht nur, er wollte es auch. Dieser Krieg
sollte grade das
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1*) August Bebel und Wilhelm Liebknecht
#436# Aus dem handschriftlichen Nachlaß
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Mittel bieten zur Vollendung des ihm von der deutschen Bour-
geoisie vorgeschriebenen preußisch-deutschen Reichs. *) Die Ver-
suche, das Zollparlament [424] allmählich in einen Reichstag um-
zuwandeln und so die Südstaaten nach und nach in den Nordbund zu
ziehn, scheiterten an dem lauten Ruf der süddeutschen Abgeordne-
ten: Keine Kompetenzerweiterung! Die Stimmung der eben noch auf
dem Schlachtfeld besiegten Regierungen war nicht günstiger. Nur
ein neuer, handgreiflicher Beweis, daß Preußen, ihnen gegenüber,
übermächtig, aber auch mächtig genug sei, sie zu schützen - also
nur ein neuer, gemeindeutscher Krieg konnte den Moment der Kapi-
tulation rasch herbeiführen. Und dann war die scheidende Mainli-
nie [425], nachdem sie im stillen zwischen Bismarck und Louis-Na-
poleon vorher vereinbart, nach den Siegen doch scheinbar von die-
sem den Preußen aufgenötigt worden; Einigung mit Süddeutschland
war also Verletzung des diesmal den Franzosen förmlich zugestand-
nen Rechts auf die Zersplitterung Deutschlands, war Kriegsfall.
Inzwischen mußte Louis-Napoleon suchen, ob er nicht irgendwo an
der deutschen Grenze einen Landfetzen fände, den er als Kompensa-
tion für Sadowa einheimse. Bei der Neubildung des Norddeutschen
Bundes war Luxemburg ausgeschlossen worden, war also jetzt ein
mit Holland in Personalunion befindlicher, aber sonst ganz unab-
hängiger Staat. Dabei war es ungefähr ebenso französiert wie das
Elsaß und hatte entschieden weit mehr Hinneigung zu Frankreich
als zu dem positiv gehaßten Preußen.
Luxemburg ist ein schlagendes Exempel davon, was die politische
Misere Deutschlands seit dem Mittelalter aus den deutsch-franzö-
sischen Grenzländern gemacht hat, und um so schlagender, als
Luxemburg bis 1866 nominell zu Deutschland gehört hat. Bis 1830
aus einer französischen und einer deutschen Hälfte zusammenge-
setzt, hatte auch der deutsche Teil schon früh den Einfluß der
überlegnen französischen Kultur über sich ergehen lassen. Die
luxemburgischen deutschen Kaiser [426] waren nach Sprache und
Bildung Franzosen. Seit der Einverleibung in die burgundischen
Lande
---
*) Schon vor dem östreichischen Krieg interpelliert von einem
mittelstaatlichen Minister wegen seiner demagogischen deutschen
Politik, antwortete Bismarck diesem, er werde trotz aller Phrasen
Östreich aus Deutschland hinauswerfen und den Bund sprengen. -
"Und die Mittelstaaten, glauben Sie, daß die dabei ruhig zusehn
werden?" - "Ihr Mittelstaaten, Ihr werdet gar nichts tun." - "Und
was soll dann aus den Deutschen werden?" - "Dann führe ich sie
nach Paris und mache sie dort einig." (Erzählt in Paris vor dem
östr[eichischen] Krieg von besagtem Mittelstaatsmann und ver-
öffentlicht während jenes Kriegs im "Manchester Guardian" [423]
von seiner Pariser Korrespondentin, Frau Crawford.)
#437# Die Rolle der Gewalt in der Geschichte
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(1440) blieb Luxemburg, wie die übrigen Niederlande, in nur nomi-
nellem Verband mit Deutschland; daran änderte auch seine Aufnahme
in den Deutschen Bund 1815 nichts. Nach 1830 fiel der französi-
sche Teil und noch ein hübscher Streifen des deutschen Teils an
Belgien. Aber in dem noch übrigen Deutsch-Luxemburg blieb alles
auf französischem Fuß : die Gerichte, die Behörden, die Kammer,
alles verhandelte französisch, alle öffentlichen und privaten Ak-
tenstücke, alle Geschäftsbücher wurden französisch abgefaßt, alle
Mittelschulen unterrichteten auf Französisch, die gebildete Spra-
che war und blieb Französisch - natürlich ein Französisch, das
unter der Last der hochdeutschen Lautverschiebung ächzte und
keuchte. Kurzum, in Luxemburg wurden zwei Sprachen gesprochen:
ein rheinfränkischer Volksdialekt und Französisch, aber Hoch-
deutsch blieb eine fremde Sprache. Die preußische Garnison der
Hauptstadt machte das alles eher schlimmer als besser. Das ist
beschämend genug für Deutschland, aber es ist wahr. Und diese
freiwillige Französierung Luxemburgs stellt auch die ähnlichen
Vorgänge im Elsaß und in Deutsch-Lothringen erst in das richtige
Licht.
Der König von Holland 1*), souveräner Herzog von Luxemburg,
konnte bares Geld sehr gut gebrauchen und ließ sich bereitfinden
zum Verkauf des Herzogtums an Louis-Napoleon. Die Luxemburger
hätten unbedingt ihre Einverleibung in Frankreich genehmigt - Be-
weis ihre Haltung im Kriege 1870. Preußen konnte völkerrechtlich
nichts einwenden, da es selbst die Ausschließung Luxemburgs aus
Deutschland bewirkt hatte. Seine Truppen lagen in der Hauptstadt
als Bundesgarnison einer deutschen Bundesfestung; sobald Luxem-
burg aufhörte, Bundesfestung zu sein, hatten sie dort kein Recht
mehr. Warum aber gingen sie nicht heim, warum konnte Bismarck die
Annexion nicht zugeben?
Einfach, weil jetzt die Widersprüche an den Tag traten, in die er
sich verwickelt hatte. V o r 1866 war Deutschland für Preußen
noch reines Annexationsgebiet, worin man sich mit dem Ausland
teilen mußte. N a c h 1866 war Deutschland preußisches
S c h u t z g e b i e t geworden, das man vor ausländischen
Krallen zu verteidigen hatte. Allerdings hatte man, aus preußi-
schen Rücksichten, ganze Stücke Deutschlands aus dem neugegründe-
ten sogenannten Deutschland ausgeschlossen. Aber das Recht der
deutschen Nation auf ihr eignes Gesamtgebiet legte jetzt der
Krone Preußen die Pflicht auf, die Einverleibung dieser Stücke
des alten Bundesgebiets in fremde Staaten zu verhindern, ihnen
für die Zukunft den Anschluß an den neuen preußisch-deutschen
Staat offenzuhalten. Deshalb hatte Italien an der
---
1*) Wilhelm III.
#438# Aus dem handschriftlichen Nachlaß
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Tiroler Grenze haltgemacht [427] deshalb durfte jetzt Luxemburg
nicht an Louis-Napoleon übergehn. Eine wirklich revolutionäre Re-
gierung konnte das offen verkündigen. Nicht so der königlich
preußische Revolutionär, der es endlich fertiggebracht hatte,
Deutschland in einen Metternichschen "geographischen Begriff"
[428] zu verwandeln. Er hatte sich völkerrechtlich selbst ins Un-
recht gesetzt und konnte sich nur helfen durch Anwendung seiner
beliebten Korpskneipeninterpretation auf das Völkerrecht.
Wenn er damit nicht gradezu ausgelacht wurde, so kam dies nur da-
her, daß Louis-Napoleon im Frühjahr 1867 noch keineswegs für
einen großen Krieg bereit war. Man einigte sich auf der Londoner
Konferenz. Die Preußen räumten Luxemburg; die Festung wurde ge-
schleift, das Herzogtum neutral erklärt. [429] Der Krieg war wie-
der vertagt.
Louis-Napoleon konnte sich dabei nicht beruhigen. Die Machtver-
größerung Preußens war ihm ganz recht, sobald er nur die entspre-
chenden Kompensationen am Rhein erhielt. Er wollte mit wenigem
zufrieden sein; auch davon hatte er noch abgelassen, aber er
hatte gar nichts erhalten, war vollständig geprellt. Ein bonapar-
tistisches Kaisertum in Frankreich war aber nur möglich, wenn es
die Grenze allmählich gegen den Rhein zu vorschob und wenn
Frankreich - in der Wirklichkeit oder doch in der Einbildung -
Schiedsrichter Europas blieb. Die Grenzverschiebung war mißlun-
gen, die Schiedsrichterstellung war bereits bedroht, die bonapar-
tistische Presse schrie laut nach Revanche für Sadowa - wenn
Louis-Napoleon seinen Thron behaupten wollte, mußte er seiner
Rolle getreu bleiben und das mit Gewalt Holen, was er trotz aller
erwiesenen Dienste mit Güte nicht erhielt.
Von beiden Seiten also emsige Kriegsvorbereitungen, diplomatische
wie militärische. Und zwar ereignete sich folgendes diplomatische
Begebnis.:
Spanien suchte nach einem Thronkandidaten. Im März [1869] hört
Benedetti, der französische Gesandte in Berlin, gerüchtweise von
einer Thronbewerbung des Prinzen Leopold von Hohenzollern; erhält
Auftrag von Paris, der Sache nachzuforschen. Der Unterstaatsse-
kretär von Thile versichert auf Ehrenwort, die preußische Regie-
rung wisse davon nichts. Auf einem Besuch in Paris erfährt Bene-
detti die Meinung des Kaisers: "Diese Kandidatur ist wesentlich
antinational, das Land wird sie sich nicht gefallen lassen, man
muß sie verhüten."
Beiläufig bewies hier Louis-Napoleon, daß er schon stark am
Herunterkommen war. Was konnte in der Tat eine schönere "Rache
für Sadowa" sein, als die Königschaft eines preußischen Prinzen
in Spanien, die daraus unvermeidlich folgenden Unannehmlichkei-
ten, die Verwicklung Preußens in innere spanische Parteiverhält-
nisse, wohl gar ein Krieg, eine Niederlage
#439# Die Rolle der Gewalt in der Geschichte
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der zwerghaften preußischen Flotte, jedenfalls Preußen vor Europa
in eine höchst groteske Lage gebracht? Aber das Schauspiel konnte
Louis Bonaparte sich nicht mehr erlauben. Sein Kredit war bereits
so weit erschüttert, daß er sich an den traditionellen Standpunkt
gebunden hielt, wonach ein deutscher Fürst auf dem spanischen
Thron Frankreich zwischen zwei Feuer brächte, also nicht zu dul-
den sei - ein seit 1830 kindischer Standpunkt.
Benedetti suchte also Bismarck auf, um weitere Aufklärungen zu
erhalten und ihm den Standpunkt Frankreichs klarzumachen (11. Mai
1869). Er erfuhr von Bismarck nichts besonders Bestimmtes. Wohl
aber erfuhr Bismarck von ihm, was er wissen wollte: daß die Auf-
stellung der Kandidatur Leopolds den sofortigen Krieg mit
Frankreich bedeute. Hiermit war es in Bismarcks Hand gegeben, den
Krieg ausbrechen zu lassen, wann es ihm gefiel.
In der Tat taucht die Kandidatur Leopolds im Juli 1870 abermals
auf und führt sofort zum Krieg, so sehr auch Louis-Napoleon sich
dagegen sträubte. Er sah nicht nur, daß er in eine Falle gegangen
war. Er wußte auch, daß es sich um sein Kaisertum handelte, und
hatte wenig Vertrauen in die Wahrhaftigkeit seiner bonapartisti-
schen Schwefelbande [308], die ihm versicherte, alles sei bereit,
bis auf den letzten Gamaschenknopf, und noch weniger Vertrauen in
ihre militärische und administrative Tüchtigkeit. Aber die logi-
schen Konsequenzen seiner eignen Vergangenheit trieben ihn ins
Verderben; sein Zaudern selbst beschleunigte seinen Untergang.
Bismarck dagegen war nicht nur militärisch vollständig schlagfer-
tig, sondern hatte diesmal das Volk in der Tat hinter sich, das
durch alle beiderseitigen diplomatischen Lügen hindurch nur die
eine Tatsache sah: hier handle «s sich um einen Krieg nicht nur
um den Rhein, sondern um die nationale Existenz. Reserven und
Landwehr strömten - zum erstenmal seit 1813 - wieder bereitwillig
und kampflustig zu den Fahnen. Einerlei, wie das alles so gekom-
men war, einerlei, welches Stück des zweitausendjährigen nationa-
len Erbteils Bismarck auf eigne Faust dem Louis-Napoleon ver-
sprochen oder nicht versprochen hatte: Es galt, dem Ausland ein
für allemal beizubringen, daß es sich in innere deutsche Dinge
nicht zu mischen habe und daß Deutschland nicht berufen sei, den
wackligen Thron Louis-Napoleons durch Abtretung deutschen Gebiets
zu stützen. Und vor diesem nationalen Aufschwung verschwanden
alle Klassenunterschiede, zerflossen alle Rheinbundsgelüste süd-
deutscher Höfe, alle Restaurationsversuche verjagter Fürsten in
nichts.
Beide Teile hatten sich um Allianzen beworben. Louis-Napoleon
hatte Östreich und Dänemark sicher, Italien ziemlich sicher. Bis-
marck hatte Rußland.
#440# Aus dem handschriftlichen Nachlaß
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Aber Östreich war wie immer nicht fertig, konnte nicht vor dem 2.
September tätig eingreifen - und am 2. September war Louis-Napo-
leon Kriegsgefangener der Deutschen, und Rußland hatte Östreich
benachrichtigt, es werde östreich angreifen, sobald Östreich
Preußen angreife. In Italien aber rächte sich Louis-Napoleons
achselträgerische Politik: Er hatte die nationale Einheit in Gang
bringen, aber dabei den Papst vor dieser selben nationalen Ein-
heit schützen wollen; er hatte Rom besetzt gehalten mit Truppen,
die er jetzt zu Hause brauchte und die er doch nicht wegziehn
konnte, ohne Italien zu verpflichten, daß es Rom und den Papst
als Souverän respektiere; was Italien wiederum verhinderte, ihm
beizustehn. Dänemark endlich erhielt von Rußland Befehl, sich ru-
hig zu verhalten.
Entscheidender aber als alle diplomatischen Verhandlungen wirkten
auf die Lokalisierung des Kriegs die raschen Schläge der deut-
schen Waffen von Spichern und Wörth [430] bis Sedan [220]. Louis-
Napoleons Armee erlag in jedem Gefecht und wanderte schließlich
zu drei Vierteln kriegsgefangen nach Deutschland. Das war nicht
die Schuld der Soldaten, die sich tapfer genug geschlagen hatten,
wohl aber der Führer und der Verwaltung. Aber wenn man wie Louis-
Napoleon sein Reich errichtet hat mit Hülfe einer Bande von
Strolchen, wenn man dies Reich achtzehn Jahre behauptet hat nur,
indem man Frankreich dieser selben Bande zur Ausbeutung überließ,
wenn man alle entscheidenden Posten im Staat mit Leuten eben die-
ser Bande und alle untergeordneten Stellen mit ihren Helfershel-
fern besetzt hat, dann soll man auch keinen Kampf auf Tod und Le-
ben unternehmen, wenn man nicht im Stich gelassen sein will. In
weniger als fünf Wochen brach das ganze, vom europäischen Phili-
ster jahrelang angestaunte Gebäude des Kaiserreichs zusammen; die
Revolution vom 4.September14311 räumte nur noch den Schutt weg;
und Bismarck, der in den Krieg gezogen war, um ein kleindeutsches
Kaiserreich zu gründen, fand sich eines schönen Morgens als Stif-
ter einer französischen Republik.
Nach Bismarcks eigener Proklamation wurde der Krieg geführt nicht
gegen das französische Volk, sondern gegen Louis-Napoleon. Mit
dessen Sturz fiel also aller Grund zum Kriege weg. Das bildete
sich auch die - sonst nicht so naive - Regierung des 4. September
ein und war sehr verwundert, als Bismarck nun plötzlich den preu-
ßischen Junker herauskehrte.
Niemand in der Welt hat einen solchen Franzosenhaß wie die preu-
ßischen Junker. Denn nicht nur hat der bis dahin steuerfreie
Junker während der Züchtigung durch die Franzosen, 1806 bis 1813,
die er sich durch seinen Dünkel selbst zugezogen, schwer zu lei-
den gehabt; die gottlosen Franzosen haben, was noch weit schlim-
mer, durch ihre frevelhafte Revolution die Köpfe
#441# Die Rolle der Gewalt in der Geschichte
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derart verwirrt, daß die alte Junkerherrlichkeit größtenteils
selbst in Altpreußen zu Grabe getragen worden, daß die armen Jun-
ker um den noch übrigen Rest dieser Herrlichkeit jahraus, jahrein
einen harten Kampf zu führen haben und ein großer Teil von ihnen
bereits zu einem schäbigen Schmarotzeradel herabgesunken ist. Da-
für mußte Rache genommen werden an Frankreich, und das besorgten
die Junkeroffiziere in der Armee unter Bismarcks Leitung. Man
hatte sich Listen der französischen Kriegskontributionen in Preu-
ßen gemacht und ermaß danach die in Frankreich von den einzelnen
Städten und Departements zu erhebenden Brandschatzungen - aber
natürlich unter Rücksichtnahme auf den weit größeren Reichtum
Frankreichs. Man requirierte Lebensmittel, Fourage, Kleider,
Schuhwerk etc. mit zur Schau getragner Rücksichtslosigkeit. Ein
Bürgermeister in den Ardennen, der die Lieferung nicht machen zu
können erklärte, erhielt ohne weiteres fünfundzwanzig Stockprü-
gel; die Pariser Regierung hat die amtlichen Beweise veröffent-
licht. Die Franktireurs, die so genau nach den Vorschriften der
preußischen Landsturmordnung von 1813 [432] handelten, als hätten
sie sie expreß studiert, wurden ohne Gnade erschossen, wo man sie
nur abfing. Auch die Geschichten von den heimgesandten Pendülen
sind wahr, die "Kölnische Zeitung" hat selbst darüber berichtet.
Nur waren diese Pendülen nach preußischen Begriffen nicht gestoh-
len, sondern als herrenloses Gut in den verlassenen Landhäusern
um Paris vorgefunden und für die Lieben in der Heimat annektiert.
Und so sorgten die Junker unter Bismarcks Leitung dafür, daß
trotz der tadellosen Haltung sowohl der Mannschaft wie eines
großen Teils der Offiziere der spezifisch preußische Charakter
des Kriegs bewahrt und den Franzosen eingebleut, dafür aber auch
von diesen die ganze Armee für die kleinlichen Gehässigkeiten der
Junker verantwortlich gemacht wurde.
Und doch war es diesen Junkern vorbehalten, dem französischen
Volk eine Ehrenbezeugung zu erweisen, die in der ganzen bisheri-
gen Geschichte ihresgleichen nicht hat. Als alle Entsatzversuche
um Paris gescheitert, alle französischen Armeen zurückgeschlagen,
der letzte große Angriffsvorstoß Bourbakis auf die Verbindungsli-
nie der Deutschen gescheitert war, als die gesamte Diplomatie Eu-
ropas Frankreich seinem Schicksal überließ, ohne einen Finger zu
rühren, da mußte das ausgehungerte Paris endlich kapitulieren.
[433] Und höher schlugen die Junkerherzen, als sie endlich trium-
phierend einziehen konnten in das gottlose Nest und volle Rache
nehmen an den Pariser Erzrebellen - die volle Rache, die ihnen
1814 von Alexander von Rußland und 1815 von Wellington untersagt
worden war; jetzt konnten sie den Herd und die Heimat der Revolu-
tion züchtigen nach Herzenslust.
#442# Aus dem handschriftlichen Nachlaß
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Paris kapitulierte, es zahlte 200 Millionen Brandschatzung; die
Forts wurden den Preußen übergeben; die Garnison legte vor den
Siegern die Waffen nieder und lieferte ihr Feldgeschütz aus; die
Kanonen der Ringmauer wurden ihrer Lafetten beraubt; alle Wider-
standsmittel, die dem Staat gehörten, wurden Stück für Stück aus-
geliefert - aber die eigentlichen Verteidiger von Paris, die Na-
tionalgarde, das Pariser Volk in Waffen, die blieben unangeta-
stet, denen mutete niemand zu, die Waffen auszuliefern, weder
ihre Gewehre noch ihre Kanonen *); und damit es aller Welt kund
werde, daß die siegreiche deutsche Armee ehrerbietig haltgemacht
vor dem bewaffneten Volk von Paris, zogen die Sieger nicht in Pa-
ris ein, sondern waren damit zufrieden, die Champs-Elysées -
einen öffentlichen Garten! - drei Tage lang besetzt halten zu
dürfen, ringsum beschützt, bewacht und eingeschlossen von den
Schildwachen der Pariser! Kein deutscher Soldat setzte den Fuß
ins Pariser Stadthaus, keiner betrat die Boulevards, und die
paar, die ins Louvre eingelassen wurden, um die Kunstschätze zu
bewundern, hatten um Erlaubnis bitten müssen, es war Bruch der
Kapitulation. Frankreich war niedergeschlagen, Paris war ausge-
hungert, aber d e n Respekt hatte sich das Pariser Volk durch
seine glorreiche Vergangenheit gesichert, daß kein Sieger wagte,
ihm Entwaffnung zuzumuten, keiner den Mut hatte, es zu Hause auf-
zusuchen und diese Straßen, den Kampfplatz so vieler Revolutio-
nen, durch einen Triumphzug zu entweihen. Es war, als ob der neu-
gebackne deutsche Kaiser 1*) den Hut abzöge vor den lebendigen
Revolutionären von Paris, wie weiland sein Bruder vor den toten
Märzkämpfern Berlins [434], und als ob die ganze deutsche Armee
hinter ihm stände und präsentierte das Gewehr.
Das war aber auch das einzige Opfer, das Bismarck sich auferlegen
mußte. Unter dem Vorwand, es gebe keine Regierung in Frankreich,
die mit ihm Frieden schließen könne - was grade so wahr und so
falsch war am 4. September wie am 28. Januar - hatte er seine Er-
folge echt preußisch bis auf den letzten Tropfen ausgenutzt und
sich erst nach vollständiger Niederwerfung Frankreichs zum Frie-
den bereit erklärt. Im Friedensschluß selbst wurde wiederum, auf
gut altpreußisch, "die günstige Lage rücksichtslos
---
*) Es waren diese der Nationalgarde, nicht dem Staat gehörigen
und eben deshalb nicht an die Preußen ausgelieferten Kanonen, die
Thiers am 18. März 1871 den Befehl gab, den Parisern zu
s t e h l e n und dadurch den Aufstand veranlaßte, aus dem die
Kommune hervorging.
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1*) Wilhelm I.
#443# Die Rolle der Gewalt in der Geschichte
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ausgenützt". Nicht nur die unerhörte Summe von fünf Milliarden
Kriegsentschädigung erpreßt, sondern auch zwei Provinzen, Elsaß
und Deutsch-Lothringen mit Metz und Straßburg, von Frankreich ab-
gerissen und Deutschland einverleibt. [435] Mit dieser Annexion
tritt Bismarck zum erstenmal als unabhängiger Politiker auf, der
nicht mehr ein ihm von außen vorgeschriebnes Programm in seiner.
Weise ausführt, sondern die Produkte seines eignen Hirns in die
Tat übersetzt; und damit begeht er seinen ersten kolossalen Bock.
1*)
Das Elsaß war von Frankreich der Hauptsache nach im Dreißigjähri-
gen Krieg erobert. Damit hatte Richelieu den soliden Grundsatz
Heinrichs IV. verlassen:
"Die spanische Sprache möge dem Spanier, die deutsche dem Deut-
schen gehören; aber wo man französisch spricht, das kommt mir
zu";
er stützte sich auf den Grundsatz der natürlichen Rheingrenze,
der geschichtlichen Grenze des alten Galliens. Das war Torheit;
aber das Deutsche Reich, das die französischen Sprachgebiete von
Lothringen und Belgien und sogar der Franche-Comté einschloß,
hatte nicht das Recht, Frankreich die Annexion deutschsprechender
Länder vorzuwerfen. Und wenn Ludwig XIV. 1681 Straßburg mitten im
Frieden, mit Hilfe einer französisch gesinnten Partei in der
Stadt, an sich riß [436], so steht es Preußen schlecht an, sich
darüber zu entrüsten, nachdem es 1796 die Freie Reichsstadt Nürn-
berg, allerdings ohne von einer preußischen Partei gerufen zu
sein, genau ebenso vergewaltigte, wenn auch nicht mit Erfolg. *)
---
*) Man wirft Ludwig XIV. vor, seine Reunionskammern [437] im
tiefsten Frieden auf ihm nicht gehörige deutsche Gebiete losge-
lassen zu haben. So etwas kann auch der boshafteste Neid den
Preußen nicht nachsagen. Im Gegenteil. Nachdem sie 1795 durch di-
rekten Bruch der Reichsverfassung Separatfrieden mit Frankreich
[390] gemacht und ihre ebenfalls abtrünnigen kleinen Nachbarn
hinter der Demarkationslinie zum ersten Norddeutschen Bund um
sich versammelt hatten, benutzten sie die bedrängte Lage der im
Verein mit Österreich den Krieg nunmehr allein fortführenden süd-
deutschen Reichsstände zu Annexionsversuchen in Franken. Sie er-
richteten in Ansbach und Bayreuth (die damals preußisch waren)
Reunionskammern nach Ludwigs Muster, erhoben auf eine Reihe be-
nachbarter Gebietsstrecken Ansprüche, denen gegenüber Ludwigs
Rechtsvorwände sonnenklar überzeugend waren; und als dann die
Deutschen geschlagen zurückwichen und die Franzosen in Franken
einrückten, da besetzten die
-----
1*) Von hier bis zu den Worten: "Bismarck war am Ziel" (siehe
vorl. Band, S. 449) fehlen die entsprechenden Seiten der Hand-
schrift von Engels. Der fehlende Teil wird nach dem in "Die Neue
Zeit" veröffentlichten Text gebracht.
#444# Aus dem handschriftlichen Nachlaß
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Lothringen wurde 1735 im Wiener Frieden von Österreich an
Frankreich verschachert [438] und 1766 endgiltig in französischen
Besitz genommen. Es hatte seit Jahrhunderten nur nominell zum
Deutschen Reiche gehört, seine Herzöge waren in jeder Beziehung
Franzosen und fast immer mit Frankreich verbündet gewesen.
In den Vogesen bestanden bis zur Französischen Revolution eine
Menge kleiner Herrschaften, die gegenüber Deutschland sich als
reichsunmittelbare Reichsstände gerierten, gegenüber Frankreich
aber dessen Oberhoheit anerkannt hatten; sie zogen Vorteile aus
dieser Zwitterstellung, und wenn das Deutsche Reich das duldete,
statt die Herren Dynasten zur Rechenschaft zu ziehen, so durfte
es sich nicht beklagen, als Frankreich kraft seiner Oberhoheit
die Einwohner dieser Gebiete gegen die verjagten Dynasten in
Schutz nahm.
Im ganzen war dies deutsche Gebiet bis zur Revolution so gut wie
gar nicht französiert. Deutsch blieb Schul- und Amtssprache im
inneren Verkehr wenigstens des Elsasses. Die französische Regie-
rung begünstigte die deutschen Provinzen, die nach langjähriger
Kriegsverwüstung jetzt, von Anfang des achtzehnten Jahrhunderts
an, keinen Feind mehr im Lande zu sehen bekamen. Das von ewigen
inneren Kriegen zerrissene Deutsche Reich war wahrlich nicht dazu
angetan, die Elsässer zur Rückkehr in den Mutterschoß anzulocken;
man hatte wenigstens Ruhe und Frieden, man wußte, woran man war,
und so fand sich das tonangebende Philisterium in Gottes uner-
forschlichen Ratschluß. War ihr Schicksal doch nicht beispiellos,
standen doch auch die Holsteiner unter fremder dänischer Herr-
schaft.
Da kam die Französische Revolution. Was Elsaß und Lothringen nie
gewagt hatten von Deutschland zu hoffen, das wurde ihnen von
Frankreich geschenkt. Die feudalen Fesseln wurden gesprengt. Der
hörige, fronpflichtige Bauer wurde ein freier Mann, in vielen
Fällen freier Eigentümer seines Gehöfts und Feldes. Die Patri-
zierherrschaft und die Zunftprivilegien in den Städten verschwan-
den. Der Adel wurde verjagt. Und in den Gebieten der kleinen Für-
sten und Herren folgten die Bauern dem Beispiel der Nachbarn,
---
rettenden Preußen das Nürnberger Gebiet einschließlich der Vor-
städte bis an die Stadtmauer und erschlichen von den angstschlot-
ternden Nürnberger Spießbürgern einen Vertrag (2. September
1796), wodurch die Stadt sich der preußischen Herrschaft unter-
warf, unter der Bedingung, daß nie - Juden in den Mauern sollten
zugelassen werden. Gleich darauf aber rückte Erzherzog Karl wie-
der vor, schlug die Franzosen bei Würzburg 3. und 4. September
1796, und damit löste sich dieser Versuch, Preußens deutschen Be-
ruf den Nürnbergern einzubleuen, in blauem Dunst auf.
#445# Die Rolle der Gewalt in der Geschichte
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vertrieben Dynasten, Regierungskammern und Adel und erklärten
sich für freie französische Bürger. In keinem Teil Frankreichs
schloß das Volk sich der Revolution begeisterter an als gerade im
deutschredenden. Und als nun gar das Deutsche Reich der Revolu-
tion den Krieg erklärte, als die Deutschen nicht nur ihre eigenen
Ketten auch jetzt noch gehorsam trugen, sondern obendrein sich
dazu gebrauchen ließen, den Franzosen die alte Knechtschaft, den
Elsässer Bauern die kaum verjagten Feudalherren wieder aufzuzwin-
gen, da war es aus mit der Deutschheit der Elsässer und Lothrin-
ger, da lernten sie die Deutschen hassen und verachten, da wurde
in Straßburg die Marseillaise gedichtet, komponiert und zuerst
von Elsässern gesungen, da wuchsen die Deutschfranzosen trotz
Sprache und Vergangenheit auf Hunderten von Schlachtfeldern, im
Kampfe für die Revolution, zusammen zu einem Volke mit den Natio-
nalfranzosen.
Hat nicht die große Revolution dasselbe Wunder vollbracht an den
Flamländern von Dünkirchen, den Kelten der Bretagne, den Italie-
nern von Korsika? Und wenn wir uns darüber beklagen, daß dies
auch Deutschen geschah, haben wir denn unsere ganze Geschichte
vergessen, die das möglich machte? Haben wir vergessen, daß das
ganze linke Rheinufer, das doch die Revolution nur passiv mitge-
macht, französisch gesinnt war, als die Deutschen 1814 dort wie-
der einrückten, französisch gesinnt blieb bis 1848, wo die Revo-
lution die Deutschen in den Augen der Rheinländer rehabilitierte?
Daß Heines Franzosenschwärmerei und selbst sein Bonapartismus
nichts war als der Widerhall der allgemeinen Volksstimmung links
des Rheins?
Beim Einmarsch der Verbündeten 1814 fanden sie gerade im Elsaß
und Deutsch-Lothringen die entschiedenste Feindschaft, den hef-
tigsten Widerstand im Volke selbst; denn hier fühlte man die Ge-
fahr, wieder deutsch werden zu müssen. Und doch wurde damals dort
noch fast nur deutsch gesprochen. Aber als die Gefahr der Losrei-
ßung von Frankreich vorüber, als den deutsch-romantischen
Chauvins die Annexionslust gelegt war, da sah man die Notwendig-
keit ein, auch sprachlich mehr und mehr mit Frankreich zusammen-
zuwachsen, und seitdem führte man dieselbe Französierung der
Schulen ein, die auch die Luxemburger freiwillig bei sich einge-
richtet hatten. Und dennoch ging der Umwandlungsprozeß sehr lang-
sam; erst die jetzige Generation der Bourgeoisie ist wirklich
französiert, während Bauern und Arbeiter deutsch sprechen. Es
steht ungefähr wie in Luxemburg: Das Schriftdeutsche ist (die
Kanzel teilweise ausgenommen) durch das Französische verdrängt,
aber der deutsche Volksdialekt hat nur an der Sprachgrenze Boden
verloren und wird als gemütliche Sprache weit mehr gebraucht, als
dies in den meisten Gegenden Deutschlands der Fall.
#446# Aus dem handschriftlichen Nachlaß
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Das ist das Land, das Bismarck und die preußischen Junker, unter-
stützt von der, wie es scheint, von allen deutschen Fragen unzer-
trennlichen Wiederbelebung einer chauvinistischen Romantik, wie-
der deutsch zu machen sich unterfingen. Die Heimat der Marseil-
laise, Straßburg, deutsch machen wollen, das war ein ebensolcher
Widersinn wie der, die Heimat Garibaldis, Nizza, französisch zu
machen. Aber in Nizza hielt Louis-Napoleon doch den Anstand auf-
recht und ließ über die Annexion abstimmen - und das Manöver ging
durch. Abgesehen davon, daß die Preußen aus sehr guten Gründen
dergleichen revolutionäre Maßregeln verabscheuen - es ist noch
nie vorgekommen, daß die Volksmasse irgendwo nach Annexion an
Preußen verlangt hätte -, wußte man nur zu gut, daß gerade hier
die Bevölkerung einmütiger an Frankreich hing als die National-
franzosen selbst. Und so vollzog man den Gewaltstreich einfach
kraft der Gewalt. Es war ein Stück Rache an der Französischen Re-
volution; man riß eines der Stücke ab, die gerade durch die Revo-
lution mit Frankreich in eins geschweißt worden.
Militärisch hatte die Annexion allerdings einen Zweck. Durch Metz
und Straßburg erhält Deutschland eine Verteidigungsfront von un-
geheurer Stärke. Solange Belgien und die Schweiz neutral, kann
ein französischer Massenangriff nirgends anders ansetzen als auf
dem schmalen Strich zwischen Metz und den Vogesen; und dazu bil-
den Koblenz, Metz, Straßburg, Mainz das stärkste und größte Fe-
stungsviereck der Welt. Aber auch dies Festungsviereck, wie das
österreichische in der Lombardei [439], liegt zur Hälfte in Fein-
desland und bildet dort Zwingburgen zur Niederhaltung der Bevöl-
kerung. Noch mehr: Um es zu vervollständigen, mußte über das
deutsche Sprachgebiet hinausgegriffen, mußte eine Viertelmillion
Nationalfranzosen mit annektiert werden.
Der strategische große Vorteil ist also der einzige Punkt, der
die Annexion entschuldigen kann. Aber steht dieser Gewinn in ir-
gendwelchem Verhältnis zu dem Schaden, den man sich dadurch
antat?
Für den großen moralischen Nachteil, worin das junge Deutsche
Reich sich setzte, indem es die brutale Gewalt offen und ungeheu-
chelt als sein Grundprinzip erklärte - dafür hat der preußische
Junker keine Augen. Im Gegenteil, widerhaarige, gewaltsam im Zaum
gehaltene Untertanen sind ihm Bedürfnis; sie sind Beweise der
vermehrten preußischen Macht; und im Grunde hat er nie andere ge-
habt. Aber wofür er verpflichtet war, Augen zu haben, das waren
die politischen Folgen der Annexion. Und die lagen klar zutage.
Noch ehe die Annexion rechtskräftig geworden, rief Marx sie laut
in die Welt hinaus in einem Rundschreiben der Internationale:
"Die Annexion von Elsaß und Lothringen macht Rußland zum Schieds-
richter
#447# Die Rolle der Gewalt in der Geschichte
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Europas." [440] Und von der Tribüne des Reichstags haben die
Sozialdemokraten es oft genug wiederholt, so lange, bis die Wahr-
heit dieses Ausspruches endlich von Bismarck selbst in seiner
Reichstagsrede vom 6. Februar 1888 anerkannt worden ist durch
sein Winseln vor dem allmächtigen Zar, dem Gebieter über Krieg
und Frieden [441].
Es war doch sonnenklar. Indem man von Frankreich zwei seiner fa-
natisch-patriotischsten Provinzen abriß, trieb man es jedem in
die Arme, der ihm deren Rückgabe in Aussicht stellte, machte man
sich Frankreich zum ewigen Feind. Bismarck allerdings, der in
dieser Beziehung den deutschen Philister würdig und gewissenhaft
repräsentiert, verlangt von den Franzosen, sie sollen nicht nur
staatsrechtlich, sondern auch moralisch auf Elsaß-Lothringen ver-
zichten, sie sollen sich noch ordentlich freuen, daß diese beiden
Stücke des revolutionären Frankreichs "dem alten Vaterlande wie-
dergegeben sind", von dem sie platterdings nichts wissen wollen.
Das tun aber die Franzosen leider ebensowenig, wie die Deutschen
während der napoleonischen Kriege auf das linke Rheinufer mora-
lisch verzichteten, trotzdem auch dieses damals sich keineswegs
nach ihnen zurücksehnte. Solange die Elsässer und Lothringer nach
Frankreich zurückverlangen, solange wird und muß Frankreich nach
ihrer Wiedererlangung streben und sich nach den Mitteln dazu um-
sehen, also unter anderen auch nach Bundesgenossen. Und der na-
türliche Bundesgenosse gegen Deutschland ist Rußland.
Wenn die beiden größten und stärksten Nationen des westlichen
Kontinents sich gegenseitig durch Feindseligkeit neutralisieren,
wenn sogar ein ewiger Zankapfel zwischen ihnen liegt und sie zum
Kampfe gegeneinander hetzt, so hat den Vorteil davon - nur Ruß-
land, dessen Hände dann um so freier sind; Rußland, das in seinen
Eroberungsgelüsten von Deutschland um so weniger gehindert werden
kann, je mehr es von Frankreich unbedingte Unterstützung erwarten
darf. Und hat nicht Bismarck Frankreich in die Lage versetzt, daß
es um Rußlands Allianz betteln, daß es Rußland Konstantinopel
gern überlassen muß, wenn Rußland ihm nur seine verlorenen Pro-
vinzen zusagt? Und wenn trotzdem der Friede siebzehn Jahre erhal-
ten worden, woher anders kommt das als daher, daß das in
Frankreich und Rußland eingeführte Landwehrsystem mindestens
sechzehn, ja nach neuester deutscher Verbesserung sogar fünfund-
zwanzig Jahre braucht, um die volle Zahl eingeübter Mannschafts-
jahrgänge zu liefern? Und nachdem die Annexion nun schon siebzehn
Jahre lang das die ganze Politik Europas beherrschende Faktum ge-
wesen, ist sie nicht in diesem Augenblick die Grundursache der
ganzen, den Weltteil mit Krieg bedrohenden Krise? Nehmt diese
eine Tatsache weg, und der Friede ist gesichert!
#448# Aus dem handschriftlichen Nachlaß
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Der Elsässer Bourgeois mit seinem oberdeutsch ausgesprochenen
Französisch, dieser halbschlächtige Geck, der sich französischer
gebärdet als irgendein Stockfranzose, der auf Goethe herabsieht
und für Racine schwärmt, der dabei das böse Gewissen seiner ge-
heimen Deutschheit doch nicht los wird und eben deshalb über al-
les Deutsche wegwerfend schwadronieren muß, so daß er nicht ein-
mal zum Vermittler zwischen Deutschland und Frankreich taugt -
dieser Elsässer Bourgeois ist allerdings ein verächtlicher Kerl,
sei er nun Mülhauser Fabrikant oder Pariser Journalist. Aber wer
hat ihn zu dem gemacht, was er ist, wer anders als die deutsche
Geschichte der letzten dreihundert Jahre? Und waren nicht bis
noch ganz vor kurzem fast alle Deutschen im Ausland, namentlich
die Kaufleute, echte Elsässer, die ihr Deutschtum verleugneten,
die fremde Nationalität ihrer neuen Heimat sich mit einer wahren
Selbsttierquälerei anquälten und dabei sich freiwillig mindestens
ebenso lächerlich machten wie die Elsässer, die doch mehr oder
weniger durch die Umstände dazu genötigt sind? In England z.B.
war die ganze von 1815 bis 1840 eingewanderte deutsche Kauf-
mannschaft fast ausnahmslos verengländert, sprach auch unter sich
fast nur englisch, und noch heute laufen, auf der Börse von Man-
chester z.B., diverse alte deutsche Philister herum, die ihr hal-
bes Vermögen hingäben, könnten sie als volle Engländer passieren.
Erst seit 1848 ist auch hierin ein Umschwung eingetreten, und
seit 1870, wo sogar der Reservelieutenant nach England kommt und
Berlin sein Kontingent herschickt, wird die ehemalige Kriecherei
verdrängt durch eine preußische Hochnäsigkeit, die uns im Ausland
nicht minder lächerlich macht.
Und ist etwa den Elsässern die Vereinigung mit Deutschland seit
1871 mundgerechter gemacht worden? Im Gegenteil. Man hat sie un-
ter Diktatur gestellt, während nebenan, in Frankreich, die Repu-
blik herrschte. Man hat die pedantisch-zudringliche preußische
Landratswirtschaft bei ihnen eingeführt, gegen die die - gesetz-
lich streng geregelte - Einmischung der verrufenen französischen
Präfektenwirtschaft golden ist. Man machte dem letzten Rest von
Preßfreiheit, Versammlungs- und Vereinsrecht ein rasches Ende,
man löste widerhaarige Stadträte auf und setzte deutsche Bürokra-
ten als Bürgermeister ein. Dagegen aber schmeichelte man den
"Notabeln", d.h. den durchaus französierten Adeligen und Bour-
geois, und schützte sie in ihrer Aussaugung der wenn auch nicht
deutschgesinnten, aber doch deutschredenden Bauern und Arbeiter -
die das einzige Element bildeten, an das ein Aussöhnungsversuch
anknüpfen konnte. Und was hatte man davon? Daß im Februar 1887,
als ganz Deutschland sich einschüchtern ließ und die Bismarcksche
Kartellmajorität in den Reichstag schickte [442], daß
#449# Die Rolle der Gewalt in der Geschichte
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damals Elsaß-Lothringen lauter entschiedene Franzosen wählte und
jeden verwarf, der nur der leisesten deutschen Sympathien ver-
dächtig war.
Wenn nun die Elsässer sind, wie sie sind, haben wir ein Recht,
uns darüber zu erbosen? Keineswegs. Ihr Widerwille gegen die An-
nexion ist eine geschichtliche Tatsache, die nicht heruntergeris-
sen, sondern erklärt sein will. Und da müssen wir uns fragen: Wie
viele und wie kolossale geschichtliche Sünden mußte Deutschland
begehen, bis diese Gesinnung im Elsaß möglich wurde? Und wie muß
unser neues Deutsches Reich sich von außen her ausnehmen, wenn
nach siebzehn Jahren des Wiederverdeutschungsversuchs die Elsäs-
ser uns einstimmig zurufen: verschont uns damit? Haben wir das
Recht, uns einzubilden, daß zwei glückliche Feldzüge und siebzehn
Jahre Bismarckscher Diktatur genügen, um die sämtlichen Wirkungen
einer dreihundertjährigen schmachvollen Geschichte auszulöschen?
Bismarck war am Ziel. Sein neues preußisch-deutsches Kaisertum
war in Versailles, im Prachtsaal Ludwigs XIV., öffentlich ausge-
rufen worden. Frankreich lag wehrlos zu seinen Füßen; das trot-
zige Paris, das er selbst nicht anzutasten gewagt, war von Thiers
in den Aufstand der Kommune hineingehetzt und dann von den aus
der Kriegsgefangenschaft zurückkehrenden Soldaten der exkaiserli-
chen Armee zu Boden geschlagen. Der europäische Gesamtphilister
staunte Bismarck an, wie er in den fünfziger Jahren dessen Vor-
bild Louis Bonaparte angestaunt hatte. Deutschland war mit rus-
sischer Hülfe die erste Macht in Europa geworden, und alle Macht
Deutschlands lag in den Händen des Diktators Bismarck. Jetzt kam
es darauf an, was er mit dieser Macht anzufangen wisse. Hatte er
bisher die Einheitspläne der Bourgeoisie, wenn auch nicht mit den
Mitteln der Bourgeoisie, sondern mit bonapartistischen Mitteln
durchgeführt, so war dies Thema jetzt so ziemlich erschöpft, so
galt es jetzt, eigne Pläne zu machen, zu zeigen, welche Ideen
sein eigner Kopf zu produzieren fähig war. Und das mußte offenbar
werden beim innern Ausbau des neuen Reichs.
Die deutsche Gesellschaft setzt sich zusammen aus Großgrundbesit-
zern, Bauern-, Bourgeois, Kleinbürgern und Arbeitern, die sich
wiederum in drei Hauptklassen gruppieren.
Der g r ö ß e r e G r u n d b e s i t z ist in den Händen ei-
niger weniger Magnaten (namentlich in Schlesien) und einer großen
Zahl mittlerer Grundeigentümer, die in den altpreußischen Provin-
zen östlich der Elbe am dichtesten sitzen. Diese preußischen Jun-
ker sind es auch, die die ganze Klasse mehr oder weniger dominie-
ren. Sie sind selbst Landwirte, insofern sie ihre Güter großen-
teils durch Inspektoren bebauen lassen, und daneben sehr häufig
Besitzer von Schnapsbrennereien und Rübenzuckerfabriken. Ihr
Grundbesitz
#450# Aus dem handschriftlichen Nachlaß
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ist, wo es anging, als Majorat in der Familie festgelegt. Die
jüngeren Söhne treten in die Armee oder den staatlichen Zivil-
dienst, so daß sich an diesen grundbesitzenden Kleinadel ein noch
kleinerer Offiziers- und Beamtenadel hängt, der obendrein noch
durch die starke Adelsfabrikation unter den bürgerlichen höheren
Offizieren und Beamten Zuwachs erhält. An der unteren Grenze die-
ser ganzen adligen Sippschaft bildet sich naturgemäß ein zahl-
reicher Schmarotzeradel, ein adliges Lumpenproletariat, das vom
Schuldenmachen, zweifelhaftem Spiel, Zudringlichkeit, Bettel und
politischer Spionage lebt. Die Gesamtheit dieser Gesellschaft
bildet das preußische Junkertum und ist eine der Hauptstützen des
altpreußischen Staats. Aber der grundbesitzende Kern dieses Jun-
kertums steht selbst auf gar schwachen Füßen. Die Pflicht, stan-
desgemäß zu leben, wird täglich kostspieliger; die Unterstützung
der Jüngern Söhne bis durch das Lieutenants- und Assessors-
stadium, die Unterbringung der Töchter im Ehestand, alles das ko-
stet Geld; und da das alles Pflichten sind, vor deren Erfüllung
alle andern Rücksichten schweigen müssen, ist es kein Wunder, daß
die Einkünfte nicht reichen, daß Wechsel unterschrieben oder gar
Hypotheken aufgenommen werden. Kurzum, die ganze Junkerschaft
steht immerdar am Rand des Abgrunds; jeder Unfall, sei es Krieg,
Mißernte oder Handelskrise, droht sie hineinzustürzen; und so ist
es kein Wunder, daß sie seit reichlich hundert Jahren nur durch
Staatshülfe aller Art vom Untergang gerettet worden ist und in
Wirklichkeit nur durch Staatshülfe fortbesteht. Diese nur künst-
lich erhaltene Klasse ist dem Untergang geweiht; keine Staats-
hülfe kann sie auf die Dauer am Leben erhalten. Aber mit ihr ver-
schwindet auch der alte preußische Staat.
Der B a u e r ist politisch ein wenig aktives Element. Soweit
er selbst Eigentümer, verkommt er mehr und mehr durch die ungün-
stigen Produktionsbedingungen des der alten gemeinen Mark oder
Gemeinweide - ohne die für ihn kein Viehstand möglich - beraubten
Parzellenbauern. Soweit er Pächter, steht's noch schlimmer um
ihn. Der kleinbäuerliche Betrieb setzt vorwiegend Naturalwirt-
schaft voraus, an der Geldwirtschaft geht er zugrunde. Daher
steigende Verschuldung, massenweise Expropriation durch den Hypo-
thekengläubiger, Zuflucht zur Hausindustrie, um nur nicht ganz
von der Scholle vertrieben zu werden. Politisch ist die Bauern-
schaft meist indifferent oder reaktionär: am Rhein aus altem
Preußenhaß ultramontan, in andern Gegenden partikularistisch oder
protestantisch-konservativ. Das religiöse Gefühl dient bei dieser
Klasse noch als Ausdruck gesellschaftlicher oder politischer In-
teressen.
Die B o u r g e o i s i e haben wir bereits behandelt. Sie war
seit 1848 in einem unerhörten ökonomischen Aufschwung begriffen.
An der kolossalen Ausdehnung
#451# Die Rolle der Gewalt in der Geschichte
-----
der Industrie nach der Handelskrise von 1847, bedingt durch die
in diese Periode fallende Herstellung einer ozeanischen Dampf-
schiffahrt, durch die enorme Ausdehnung der Eisenbahnen und durch
die Goldschätze Kaliforniens und Australiens, hatte Deutschland
wachsenden Anteil genommen. Grade ihr Drang nach Beseitigung der
kleinstaatlichen Verkehrshindernisse und nach ebenbürtiger Welt-
marktsstellung neben ihren auswärtigen Konkurrenten hatte Bis-
marcks Revolution in Bewegung gesetzt. Jetzt, wo die französi-
schen Milliarden Deutschland überfluteten, eröffnete sich für die
Bourgeoisie eine neue Periode fieberhafter Erwerbstätigkeit, in
der sie sich zum erstenmal als große Industrienation bewies durch
einen nationaldeutschen Krach [443]. Sie war damals schon ökono-
misch die mächtigste Klasse der Bevölkerung; ihren ökonomischen
Interessen mußte der Staat gehorchen; die Revolution von 1848
hatte den Staat in die äußere konstitutionelle Form übergeführt,
worin sie auch politisch herrschen und ihre Herrschaft ausbilden
konnte. Trotzdem war sie noch weit entfernt von der wirklichen
politischen Herrschaft. Im Konflikt war sie gegen Bismarck nicht
siegreich gewesen; die Beseitigung des Konflikts durch die
Revolutionierung Deutschlands von oben hatte ihr des ferneren
beigebracht, daß die Exekutivgewalt einstweilen noch von ihr
höchstens in sehr indirekter Weise abhängig sei, daß sie weder
Minister absetzen oder aufdringen, noch über die Armee verfügen
könne. Dabei war sie feig und schlaff gegenüber einer energischen
Exekutivgewalt, aber das waren die Junker auch, und sie hatte
mehr Entschuldigung als diese durch ihren direkten ökonomischen
Gegensatz zur revolutionären industriellen Arbeiterklasse. Aber
sicher war, daß sie das Junkertum allmählich ökonomisch vernich-
ten mußte, daß sie von allen besitzenden Klassen die einzige war.
die noch Aussicht auf eine Zukunft besaß.
Das Kleinbürgertum bestand erstens aus Resten des mittelalterli-
chen Handwerks, die in dem lange zurückgebliebnen Deutschland
massenhafter vertreten waren als im übrigen Westeuropa, zweitens
aus heruntergekommnen Bourgeois, drittens aus bis zum Kleinhandel
emporgekommnen Elementen der besitzlosen Bevölkerung. Mit der
Ausdehnung der großen Industrie verlor die Existenz der gesamten
Kleinbürgerschaft den letzten Rest von Stabilität; Erwerbswechsel
und periodischer Bankerott wurden die Regel. Diese früher so sta-
bile Klasse, die die Kerntruppe des deutschen Philisteriums gewe-
sen, sank aus der früheren Zufriedenheit, Zahmheit, Knechts- und
Gottseligkeit und Ehrbarkeit hinab in wüste Zerfahrenheit und
Mißvergnügen mit dem ihr von Gott beschiednen Geschick. Die Reste
des Handwerks schrien nach Wiederherstellung der Zunftprivile-
gien, von
#452# Aus dem handschriftlichen Nachlaß
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den andern wurde ein Teil sanft demokratisch-fortschrittlich
[444], ein andrer näherte sich sogar der Sozialdemokratie und
schloß sich stellenweise direkt der Arbeiterbewegung an.
Endlich die Arbeiter. Von den ländlichen Arbeitern lebten wenig-
stens die des Ostens noch immer in einer halben Leibeigenschaft
und waren nicht zurechnungsfähig. Dagegen hatte unter den städti-
schen Arbeitern die Sozialdemokratie reißende Fortschritte ge-
macht und wuchs in dem Maß, wie die große Industrie die Volksmas-
sen proletarisierte und damit den Klassengegensatz zwischen Kapi-
talisten und Arbeitern auf die Spitze trieb. Waren auch die sozi-
aldemokratischen Arbeiter einstweilen noch in zwei sich be-
kämpfende Parteien gespalten [445], so war doch seit dem Erschei-
nen von Marx' "Kapital" der prinzipielle Gegensatz zwischen bei-
den so gut wie verschwunden. Der Lassalleanismus strikter Obser-
vanz, mit der ausschließlichen Forderung von "Produktionsgenos-
senschaften mit Staatshülfe", schlief allmählich ein und erwies
sich mehr und mehr ungeeignet, den Kern einer bonapartistisch-
staatssozialistischen Arbeiterpartei abzugeben. Was einzelne
Führer in dieser Beziehung verbrochen, wurde von dem gesunden
Sinn der Massen wieder gutgemacht. Die Einigung der beiden
sozialdemokratischen Richtungen, fast nur noch durch Personenfra-
gen hintangehalten, war in naher Zukunft sicher. Aber schon wäh-
rend der Spaltung und trotz der Spaltung war die Bewegung mächtig
genug, um der industriellen Bourgeoisie Schrecken einzujagen und
sie in ihrem Kampf gegen die noch von ihr unabhängige Regierung
zu lähmen; wie denn die deutsche Bourgeoisie überhaupt seit 1848
das rote Gespenst nicht wieder loswurde.
Diese Klassengliederung lag der Parteigliederung im Parlament und
den Landtagen zugrunde. Großgrundbesitz und ein Teil der Bauern-
schaft bildeten die Masse der Konservativen [446]; die industri-
elle Bourgeoisie lieferte den rechten Flügel des bürgerlichen Li-
beralismus: die Nationalliberalen [174], während der linke Flügel
- die abgeschwächte demokratische oder sog. Fortschrittspartei -
von den Kleinbürgern, unterstützt von einem Teil der Bourgeoisie
wie der Arbeiter, gestellt wurde. Die Arbeiter endlich hatten
ihre selbständige Partei, zu der auch Kleinbürger gehörten, in
der Sozialdemokratie.
Ein Mann in Bismarcks Stellung und mit Bismarcks Vergangenheit
mußte sich bei einiger Einsicht in die Sachlage sagen, daß die
Junker, wie sie waren, keine lebensfähige Klasse bildeten, daß
von allen besitzenden Klassen nur die Bourgeoisie eine Zukunft
beanspruchen konnte und daß daher (abgesehn von der Arbeiter-
klasse, deren geschichtliche Sendung zu begreifen wir ihm nicht
zumuten wollen) sein neues Reich um so sichereren
#453# Die Rolle der Gewalt in der Geschichte
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Bestand versprach, je mehr er es allmählich auf den Übergang in
einen modernen Bourgeoisstaat vorbereitete. Muten wir ihm nichts
zu, was ihm unter den Umständen unmöglich war. Ein sofortiger
Übergang zur parlamentarischen Regierung mit der entscheidenden
Macht im Reichstag (wie im englischen Unterhaus) war weder mög-
lich noch selbst augenblicklich ratsam; die Diktatur Bismarcks in
parlamentarischen Formen mußte ihm selbst als zunächst noch not-
wendig erscheinen; wir nehmen ihm keineswegs übel, daß er sie
zunächst bestehn ließ, wir fragen bloß, wozu sie zu gebrauchen
war. Und da kann schwerlich ein Zweifel sein, daß die Anbahnung
eines der englischen Verfassung entsprechenden Zustands der ein-
zige Weg war, auf dem sich Aussicht bot, dem neuen Reich eine fe-
ste Grundlage und eine ruhige innere Entwicklung zu sichern. In-
dem man den größeren, ohnehin unrettbaren Teil seiner Junker-
schaft dem bevorstehenden Untergang überließ, schien es immer
noch möglich, aus dem Rest und aus neuen Elementen eine Klasse
unabhängiger Großgrundbesitzer sich aufbauen zu lassen, die
selbst nur die ornamentale Spitze der Bourgeoisie war; eine
Klasse, der die Bourgeoisie, selbst im Vollgenuß ihrer Macht, die
staatliche Repräsentation und damit die fettesten Posten und sehr
großen Einfluß überlassen mußte. Indem man der Bourgeoisie die
politischen Konzessionen, die ihr auf die Dauer doch nicht vor-
enthalten werden konnten (so müßte man wenigstens vom Standpunkt
der besitzenden Klassen urteilen), indem man ihr diese Konzessio-
nen allmählich und selbst in kleinen und seltnen Dosen zukommen
ließ, leitete man das neue Reich wenigstens auf die Bahn, worin
es den übrigen, ihm politisch weit vorausgeeilten Staaten Westeu-
ropas nachkommen konnte, wo es endlich die letzten Reste des Feu-
dalismus wie der die Bürokratie noch stark beherrschenden Phili-
stertradition abschüttelte, und machte es vor allen Dingen fähig,
auf eignen Füßen zu stehn an dem Tage, wo seine keineswegs ju-
gendlichen Gründer das Zeitliche segnen würden.
Dabei war das gar nicht einmal schwer. Weder Junker noch Bour-
geois hatten auch nur durchschnittliche Energie. Die Junker hat-
ten das seit sechzig Jahren bewiesen, wo der Staat fortwährend
ihr eignes Beste durchführte gegen die Opposition dieser Don
Quixoten. Die Bourgeoisie, ebenfalls durch lange Vorgeschichte
geschmeidig gemacht, hatte den Konflikt noch schwer in den Kno-
chen liegen; seitdem brachen Bismarcks Erfolge ihre Wider-
standskraft noch mehr, und den Rest tat die Furcht vor der dro-
hend anwachsenden Arbeiterbewegung. Unter solchen Umständen
konnte es dem Mann, der die nationalen Wünsche der Bourgeoisie
verwirklicht hatte, nicht schwer werden, in der Verwirklichung
ihrer im ganzen schon sehr
#454# Aus dem handschriftlichen Nachlaß
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bescheidnen politischen Wünsche jedes ihm beliebige Tempo einzu-
halten. Nur mußte er sich über das Ziel klar sein.
Vom Standpunkt der besitzenden Klassen aus war dies das einzig
Rationelle. Vom Standpunkt der Arbeiterklasse aus zeigt es sich
freilich, daß es schon zu spät war zur Errichtung einer dauernden
Bourgeoisherrschaft. Die große Industrie, und mit ihr Bourgeoisie
und Proletariat, bildeten sich in Deutschland aus zu einer Zeit,
wo fast gleichzeitig mit der Bourgeoisie das Proletariat die po-
litische Bühne selbständig betreten konnte, wo also der Kampf
beider Klassen schon beginnt, ehe die Bourgeoisie sich die
ausschließliche oder vorwiegende politische Macht erobert hat.
Aber wenn es auch für eine ruhige und festbegründete Herrschaft
der Bourgeoisie in Deutschland zu spät ist, so war es immer noch
im Jahr 1870 die beste Politik, im Interesse der besitzenden
Klassen überhaupt, auf diese Bourgeoisherrschaft loszusteuern.
Denn dadurch allein war es möglich, die massenhaften Überreste
aus der Zeit des verfaulenden Feudalismus zu beseitigen, die in
Gesetzgebung und Verwaltung fortwucherten; nur so war es möglich,
die gesamten Resultate der großen Französischen Revolution all-
mählich in Deutschland heimisch zu machen, kurz, Deutschland den
riesenlangen alten Zopf abzuschneiden und es bewußt und endgiltig
auf die Bahn der modernen Entwicklung zu leiten, seine politi-
schen Zustände seinen industriellen Zuständen anzupassen. Kam
dann schließlich der unvermeidliche Kampf zwischen Bourgeoisie
und Proletariat, so vollzog er sich mindestens unter normalen Um-
ständen, wo jeder sehn konnte, um was es sich handelte, und nicht
in einer Verwirrung, Unklarheit, Interessendurchkreuzung und
Ratlosigkeit, wie wir sie 1848 in Deutschland gesehn. Nur mit dem
Unterschied, daß diesmal die Ratlosigkeit ausschließlich auf Sei-
ten der Besitzenden sein wird; die Arbeiterklasse weiß, was sie
will.
Wie die Dinge 1871 in Deutschland lagen, war ein Mann wie Bis-
marck in der Tat auf eine zwischen den verschiednen Klassen la-
vierende Politik angewiesen. Und soweit ist ihm nichts vorzuwer-
fen. Es kommt nur darauf an, auf welches Ziel diese Politik ge-
richtet war. Ging sie, einerlei in welchem Tempo, aber bewußt und
resolut auf die schließliche Bourgeoisherrschaft los, so war sie
im Einklang mit der geschichtlichen Entwicklung, soweit sie dies
vom Standpunkt der besitzenden Klassen überhaupt sein konnte.
Ging sie los auf die Erhaltung des altpreußischen Staats, auf die
allmähliche Verpreußung Deutschlands, so war sie reaktionär und
zum schließlichen Scheitern verdammt. Ging sie los auf die bloße
Erhaltung der Herrschaft Bismarcks, so war sie bonapartistisch
und mußte enden wie aller Bonapartismus.
#455# Die Rolle der Gewalt in der Geschichte
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Die nächste Aufgabe war die Reichsverfassung. Als Material lagen
vor einerseits die norddeutsche Bundesverfassung, andrerseits die
Verträge mit den süddeutschen Staaten [447]. Die Faktoren, mit
deren Hülfe Bismarck die Reichsverfassung ins Leben zu rufen
hatte, waren einerseits die im Bundesrat vertretnen Dynastien
[448], andrerseits das im Reichstag vertretne Volk. Den Ansprü-
chen der Dynastien war in der norddeutschen Verfassung und den
Verträgen eine Grenze gesetzt. Das Volk dagegen hatte Anspruch
darauf, daß sein Anteil an der politischen Macht bedeutend ver-
größert werde. Es hatte die Unabhängigkeit von fremder Einmi-
schung und die Einigung - soweit davon die Rede sein konnte - auf
dem Schlachtfeld erkämpft; es war auch in erster Linie berufen zu
entscheiden, wozu diese Unabhängigkeit benutzt, wie diese Eini-
gung im einzelnen ausgeführt und verwertet werden sollte. Und
selbst wenn das Volk den in der norddeutschen Verfassung und den
Verträgen vorliegenden Rechtsboden anerkannte, hinderte das doch
keineswegs, daß es in der neuen Verfassung einen größern Machtan-
teil erhielt als in der bisherigen. Der Reichstag war die einzige
Körperschaft, die in Wirklichkeit die neue "Einheit" darstellte.
Je schwerer die Stimme des Reichstags wog, je freier die Reichs-
verfassung war gegenüber den Landesverfassungen, desto fester
mußte sich das neue Reich ineinanderfügen, desto mehr mußte der
Bayer, der Sachse, der Preuße aufgehn in dem Deutschen.
Für jeden Menschen, der weiter sah als seine Nase, mußte das
einleuchtend sein. Aber Bismarcks Meinung war das keineswegs. Im
Gegenteil benützte er den nach dem Krieg eingerissenen patrioti-
schen Taumel grade dazu, die Majorität des Reichstags dahin zu
bringen, daß sie auf jede, nicht nur Erweiterung, sondern selbst
klare Feststellung der Rechte des Volks verzichtete und sich dar-
auf beschränkte, den in der norddeutschen Verfassung und den Ver-
trägen vorliegenden Rechtsboden in der Reichsverfassung einfach
wiederzugeben. Alle Versuche der kleinen Parteien, die Freiheits-
rechte des Volks darin zum Ausdruck zu bringen, wurden verworfen,
selbst der Antrag des katholischen Zentrums auf Einrückung der
preußischen Verfassungsartikel, enthaltend die Garantie der
Preß-, Vereins- und Versammlungsfreiheit sowie der Selbständig-
keit der Kirche. Die preußische Verfassung, doppelt und dreifach
beschnitten, wie sie war, blieb also immer noch liberaler als die
Reichsverfassung. Die Steuern wurden nicht jährlich, sondern ein
für allemal "durch Gesetz" bewilligt, so daß Steuerverweigerung
durch den Reichstag ausgeschlossen ist. Hiermit war die der au-
ßerdeutschen konstitutionellen Welt unbegreifliche preußische
Doktrin auf Deutschland angewandt, die Doktrin, daß die Volksver-
tretung nur das Recht hat, die Ausgaben auf dem Papier zu verwei-
gern, während die Regierung die
#456# Aus dem handschriftlichen Nachlaß
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Einnahmen in klingender Münze in den Sack steckt. Während aber so
der Reichstag der besten Machtmittel beraubt und auf die demütige
Stellung der durch die Revisionen von 1849 und 1850, durch die
Manteuffelei, durch den Konflikt und durch Sadowa gebrochnen
preußischen Kammer herabgedrückt wird, erfreut sich der Bundesrat
im wesentlichen aller Machtvollkommenheiten, die der alte Bundes-
tag nominell besaß, und erfreut sich ihrer in Wirklichkeit, denn
er ist befreit von den Fesseln, die den Bundestag lahmlegten. Der
Bundesrat hat nicht nur in der Gesetzgebung eine entscheidende
Stimme neben dem Reichstag, er ist auch höchste Verwaltungsin-
stanz, insofern er die Ausführungsbestimmungen der Reichsgesetze
erläßt, und beschließt außerdem "über Mängel, welche bei der Aus-
führung der Reichsgesetze ... hervortreten", d.h. über Mängel,
denen in andern zivilisierten Ländern nur ein neues Gesetz abhel-
fen kann (Art. 7, Al. 3, der einer juristischen Konfliktsfalle
sehr ähnlich sieht [449]).
Sonach hat Bismarck seine Hauptstütze gesucht nicht im Reichstag,
der die nationale Einheit, sondern im Bundesrat, der die partiku-
laristische Zersplitterung vertritt. Er hatte nicht den Mut - er,
der sich als Vertreter des nationalen Gedankens aufspielte -,
wirklich an die Spitze der Nation oder ihrer Vertreter sich zu
stellen; die Demokratie sollte ihm dienen, nicht aber er ihr;
eher als auf das Volk verließ er sich auf krumme Schleichwege
hinter den Kulissen, auf die Fähigkeit, durch diplomatische Mit-
tel, Zuckerbrot und Peitsche, sich im Bundesrat eine wenn auch
widerhaarige Majorität zusammenzuklüngeln. Die Kleinlichkeit der
Auffassung, die Niedrigkeit des Standpunkts, die sich uns hier
offenbart, entspricht ganz dem Charakter des Mannes, wie wir ihn
bisher kennengelernt. Dennoch dürfen wir uns wundern, daß seine
großen' Erfolge ihn nicht wenigstens für einen Augenblick über
ihn selbst hinauszuheben vermochten.
Der Fall lag aber so, daß es darauf ankam, der ganzen Reichsver-
fassung einen einzigen festen Drehzapfen zu geben, nämlich den
Reichskanzler. Der Bundesrat mußte eine Stellung erhalten, die
eine andre verantwortliche Exekutive als die des Reichskanzlers
unmöglich machte und dadurch die Zulässigkeit verantwortlicher
Reichsminister ausschloß. In der Tat stieß jeder Versuch, die
Reichsverwaltung durch Einsetzung eines verantwortlichen Ministe-
riums zu ordnen, auf unüberwindlichen Widerstand als Eingriff in
die Rechte des Bundesrats. Die Verfassung war, wie man bald ent-
deckte, Bismarck "auf den Leib zugeschnitten". Sie war ein
Schritt weiter auf dem Weg zu seiner persönlichen Alleinherr-
schaft, vermittelst Balancierung der Parteien im Reichstag, der
Partilcularstaaten im Bundesrat - ein Schritt weiter auf dem Weg
des Bonapartismus.
#457# Die Rolle der Gewalt in der Geschichte
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Im übrigen kann man nicht sagen, daß - abgesehn von einzelnen
Konzessionen an Bayern und Württemberg - die neue Reichsverfas-
sung einen direkten Rückschritt ausmacht. Das ist aber auch das
beste, was man von ihr sagen kann. Die ökonomischen Bedürfnisse
der Bourgeoisie waren im wesentlichen befriedigt, ihren politi-
schen Ansprüchen - soweit sie deren noch machte - war derselbe
Riegel vorgestreckt wie zur Konfliktszeit.
Soweit sie politische Ansprüche noch machte. Denn es ist unleug-
bar, daß diese Ansprüche in den Händen der Nationalliberalen auf
ein sehr bescheidnes Maß zusammengeschrumpft waren und täglich
noch mehr zusammenschrumpften. Die Herren, weit entfernt zu ver-
langen, Bismarck möge ihnen das Zusammenwirken mit ihm erleich-
tern, waren vielmehr bestrebt, ihm zu Willen zu sein, da wo es
ging, und auch schon manchmal, wo es nicht ging oder nicht gehn
gesollt. Daß Bismarck sie verachtete, kann ihm kein Mensch ver-
übeln - aber waren denn seine Junker um ein Haar besser und männ-
licher?
Das nächste Gebiet, worauf die Reichseinheit herzustellen blieb,
das Geldwesen, wurde geordnet durch die Münz- und Bankgesetze von
1873 bis 1875. Die Einführung der Goldwährung war ein bedeutender
Fortschritt; aber nur zaudernd und schwankend wurde sie einge-
führt und steht heute noch nicht auf ganz festen Füßen. Das ange-
nommene Geldsystem - der Dritteltaler unter dem Namen Mark als
Einheit mit dezimaler Teilung - war das gegen Ende der dreißiger
Jahre von Soetbeer vorgeschlagne; das tatsächliche Einheitsstück
war das goldne Zwanzigmarkstück. Mit einer fast unmerklichen Wer-
tänderung konnte man es absolut gleichwertig machen entweder mit
dem englischen Sovereign oder dem goldnen Fünfundzwanzig-
frankenstück oder dem amerikanischen goldnen Fünfdollarstück und
damit einen Anschluß gewinnen an eines der drei großen Münzsy-
steme des Weltmarkts. Man zog es vor, ein apartes Münzsystem zu
schaffen und damit den Verkehr und die Kursberechnungen unnötig
zu erschweren. Die Gesetze über Reichskassenscheine und Banken
beschränkten den Papierschwindel der Kleinstaaten und kleinstaat-
lichen Banken und beobachteten in Erwägung des inzwischen einge-
tretnen Krachs eine gewisse Ängstlichkeit, wie sie dem auf diesem
Gebiete noch unerfahrnen Deutschland wohl anstand. Auch hier wa-
ren die ökonomischen Interessen der Bourgeoisie im ganzen ent-
sprechend gewahrt.
Endlich kam noch die Vereinbarung einheitlicher Justizgesetze.
Der Widerstand der Mittelstaaten gegen Ausdehnung der Reichskom-
petenz auch auf das materielle bürgerliche Recht wurde überwun-
den; das bürgerliche Gesetzbuch ist aber noch im Werden, während
Strafgesetz, Straf- und
#458# Aus dem handschriftlichen Nachlaß
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Zivilprozeß, Handelsrecht, Konkursordnung und Gerichtsverfassung
einheitlich geregelt sind. Die Beseitigung der buntscheckigen
kleinstaatlichen formellen und materiellen Rechtsnormen war an
sich schon ein dringendes Bedürfnis der fortschreitenden bürger-
lichen Entwicklung, und in dieser Beseitigung besteht auch das
Hauptverdienst der neuen Gesetze - weit weniger in ihrem Inhalt.
Der englische Jurist fußt auf einer Rechtsgeschichte, die ein gut
Stück altgermanischer Freiheit über das Mittelalter hinaus geret-
tet hat, die den in beiden Revolutionen des 17. Jahrhunderts im
Keim erstickten Polizeistaat nicht kennt und in zwei Jahrhunder-
ten stetiger Entwicklung der bürgerlichen Freiheit gipfelt. Der
französische Jurist fußt auf der großen Revolution, die nach to-
taler Vernichtung des Feudalismus und der absolutistischen Poli-
zeiwillkür die ökonomischen Lebensbedingungen der neu-
hergestellten modernen Gesellschaft in die Sprache juristischer
Rechtsnormen übersetzte in ihrem klassischen, von Napoleon pro-
klamierten Gesetzbuch. Dagegen, was ist die historische Unterlage
unsrer deutschen Juristen? Nichts als der jahrhundertlange pas-
sive, meist durch Schläge von außen vorangetriebne, bis heute
noch nicht vollendete Zersetzungsprozeß der Reste des Mittelal-
ters; eine ökonomisch zurückgebliebne Gesellschaft, worin der
Feudaljunker und der Zunftmeister als Gespenster umgehn und einen
neuen Leib suchen; ein Rechtszustand, in welchen die Polizeiwill-
kür - wenn auch die fürstliche Kabinettsjustiz 1848 verschwunden
- noch täglich Loch an Loch reißt. Aus dieser schlechtesten aller
schlechten Schulen sind sie hervorgegangen, die Väter der neuen
Reichsgesetzbücher, und die Arbeit ist eben danach. Von der rein
juristischen Seite abgesehn, kommt die politische Freiheit in
diesen Gesetzbüchern schlecht genug weg. Wenn die Schöffenge-
richte [450] der Bourgeoisie und dem Kleinbürgertum ein Mittel an
die Hand geben, bei der Niederhaltung der Arbeiterklasse mitzu-
wirken, so deckt sich der Staat doch möglichst gegen die Gefahr
einer erneuerten bürgerlichen Opposition durch die Beschränkung
der Geschwornengerichte. Die politischen Paragraphen des Strafge-
setzbuchs sind oft genug von einer Unbestimmtheit und Dehnbar-
keit, als wären sie auf das jetzige Reichsgericht, und dieses auf
sie, zugeschnitten. Daß die neuen Gesetzbücher ein Fortschritt
sind gegenüber dem preußischen Landrecht [451], ist selbstredend
- so etwas Schauerliches wie dies Gesetzbuch bringt heutzutage
selbst Stoecker nicht mehr fertig, und wenn er sich auch be-
schneiden ließe. Aber die Provinzen, die bisher das französische
Recht gehabt, empfinden den Unterschied der verwaschenen Kopie
und des klassischen Originals nur zu sehr. Es war der Abfall der
Nationalliberalen von ihrem Programm, der
#459# Die Rolle der Gewalt in der Geschichte
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diese Stärkung der Staatsgewalt auf Kosten der bürgerlichen Frei-
heit, diesen ersten positiven Rückschritt, möglich machte.
Zu erwähnen ist noch das Reichspreßgesetz. Das Strafgesetzbuch
hatte das hier in. Frage kommende materielle Recht schon im we-
sentlichen geregelt; die Herstellung gleicher formeller Bestim-
mungen für das ganze Reich und die Beseitigung der hier und da
noch bestehenden Kautionen und Stempel machten also den Hauptin-
halt dieses Gesetzes aus und zugleich den einzigen dadurch be-
wirkten Fortschritt.
Damit Preußen sich abermals als Musterstaat bewähre, wurde dort
die sogenannte Selbstverwaltung eingeführt. Es handelte sich
darum, die anstößigsten Reste des Feudalismus zu beseitigen und
doch, der Sache nach, möglichst alles beim alten zu lassen. Dazu
diente die Kreisordnung. Die gutsherrliche Polizeigewalt der Her-
ren Junker war ein Anachronismus geworden. Sie wurde dem Namen
nach - als Feudalprivilegium - aufgehoben und der Sache nach wie-
derhergestellt, indem man selbständige Gutsbezirke schuf, inner-
halb deren der Gutsbesitzer entweder selbst Gutsvorsteher mit den
Befugnissen eines ländlichen Gemeindevorstehers ist oder doch
diesen Gutsvorsteher ernennt, und indem man zudem die gesamte Po-
lizeigewalt und polizeiliche Gerichtsbarkeit eines Amtsbezirks
einem Amtsvorsteher übertrug, der auf dem Lande natürlich fast
ausnahmslos ein großer Grundbesitzer war und dadurch auch die
Landgemeinden unter seine Fuchtel bekam. Das Feudalvorrecht des
einzelnen wurde weggenommen, aber die damit verbundne Machtvoll-
kommenheit wurde der ganzen Klasse gegeben. Durch einen ähnlichen
Eskamotierungsprozeß verwandelten sich die englischen Großgrund-
besitzer in Friedensrichter und Herren der ländlichen Verwaltung,
Polizei und niedern Gerichtsbarkeit und sicherten sich so unter
neuem, modernisiertem Titel den Fortgenuß aller wesentlichen,
aber in der alten feudalen Form nicht mehr haltbaren Machtposten.
Das ist aber auch die einzige Ähnlichkeit zwischen der englischen
und der deutschen "Selbstverwaltung". Ich möchte den englischen
Minister sehn, der es wagte, im Parlament anzutragen auf die Be-
stätigung der gewählten Gemeindebeamten und den Ersatz durch
staatlich aufgezwungne Stellvertreter im Fall renitenter Wahlen,
auf die Einführung von Staatsbeamten mit den Machtbefugnissen der
preußischen Landräte, Bezirksregierungen und Oberpräsidenten, auf
die in der Kreisordnung vorbehaltne Einmischung der Staatsverwal-
tung in die innern Angelegenheiten der Gemeinden, Ämter und
Kreise, und nun gar auf die in Ländern englischer Zunge und eng-
lischen Rechts unerhörte Abschneidung des Rechtswegs, wie sie
fast auf jeder Seite der Kreisordnung zu finden ist. Und während
sowohl die Kreistage wie die
#460# Aus dem handschriftlichen Nachlaß
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Provinziallandtage noch immer in altfeudaler Weise zusammenge-
setzt sind aus Vertretern der drei Stände: Großgrundbesitzer,
Städte und Landgemeinden, bringt in England selbst ein hochkon-
servatives Ministerium eine Bill ein, die die gesamte Graf
Schaftsverwaltung an Behörden überträgt, gewählt nach fast allge-
meinem Stimmrecht [452].
Die Vorlage der Kreisordnung für die sechs östlichen Provinzen
(1871) war das erste Anzeichen, daß Bismarck nicht daran denke,
Preußen in Deutschland aufgehn zu lassen, sondern im Gegenteil
die feste Burg des Altpreußentums, eben diese sechs Ostprovinzen,
noch mehr zu befestigen. Unter verändertem Namen behielten die
Junker alle wesentlichen Machtpositionen, blieben die Heloten
Deutschlands, die ländlichen Arbeiter jener Lahdstriche - Gesinde
wie Taglöhner -, in ihrer bisherigen tatsächlichen Leibeigen-
schaft, zugelassen nur zu zwei öffentlichen Funktionen: Soldat zu
werden und den Junkern bei den Reichstagswahlen als Stimmvieh zu
dienen. Der Dienst, den Bismarck hierdurch der revolutionären so-
zialistischen Partei geleistet hat, ist unbeschreiblich und alles
Dankes wert.
Was soll man aber sagen zu der Stupidität der Herren Junker, die
gegen diese einzig in ihrem Interesse, im Interesse der längeren
Erhaltung ihrer Feudalvorrechte, nur unter etwas modernisiertem
Namen, ausgearbeitete Kreisordnung mit Händen und Füßen strampel-
ten, wie es verzognen Kindern zukam? Das preußische Herren- oder
vielmehr Junkerhaus verwarf zuerst die um ein volles Jahr ver-
schleppte Vorlage und nahm sie erst an, nachdem ein Pairsschub
von 24 neuen "Herren" erfolgt war. Die preußischen Junker erwie-
sen sich damit abermals als kleinliche, verstockte, rettungslose
Reaktionäre, unfähig, den Kern einer selbständigen großen Partei
mit geschichtlichem Beruf im Leben der Nation zu bilden, wie die
englischen Großgrundbesitzer dies in Wirklichkeit tun. Ihren to-
talen Mangel an Verstand hatten sie damit festgestellt; Bismarck
hatte nur noch ihren ebenso totalen Mangel an Charakter vor aller
Welt klarzulegen, und ein wenig sachgemäß angewandter Druck ver-
wandelte sie in eine Partei Bismarck sans phrase.
Dazu sollte der Kulturkampf [402] dienen.
Die Durchführung des preußisch-deutschen Kaiserplans mußte zum
Gegenschlag haben die Vereinigung aller auf früherer Sonderent-
wicklung beruhenden antipreußischen Elemente zu einer Partei. Ein
gemeinsames Banner fanden diese buntfarbigen Elemente im Ultra-
montanismus [453]. Die Rebellion des gesunden Menschenverstands,
selbst bei zahllosen orthodoxen Katholiken, gegen das neue Dogma
von der päpstlichen Unfehlbarkeit einerseits, die Vernichtung des
Kirchenstaats und die sogenannte
#461# Die Rolle der Gewalt in der Geschichte
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Gefangenschaft des Papsts in Rom [454] andrerseits zwangen zu ei-
nem engeren Zusammenschluß aller streitbaren Kräfte des Katholi-
zismus. So bildete sich schon während des Kriegs - Herbst 1870 -
im preußischen Landtag die spezifisch katholische Partei des Zen-
trums; sie trat in den ersten deutschen Reichstag 1871 mit nur 57
Mann ein, verstärkte sich aber bei jeder Neuwahl, bis sie über
100 kam. Sie war aus sehr verschiedenartigen Elementen zusammen-
gesetzt. In Preußen lag ihre Hauptstärke in den rheinischen
Kleinbauern, die sich noch immer als "Mußpreußen" ansahn, weiter-
hin in den katholischen Großgrundbesitzern und Bauern der westfä-
lischen Bistümer Münster und Paderborn und in den katholischen
Schlesiern. Das zweite große Kontingent lieferten die süddeut-
schen Katholiken, namentlich die Bayern. Die Macht des Zentrums
aber lag weit weniger in der katholischen Religion als darin, daß
es die Antipathien der Volksmassen gegen das jetzt die Herrschaft
über Deutschland beanspruchende spezifische Preußen» tum vertrat.
Diese Antipathien waren in den katholischen Gegenden besonders
lebhaft; daneben liefen Sympathien mit dem jetzt aus Deutschland
hinausgeworfnen Östreich. Im Einklang mit diesen beiden populären
Strömungen war das Zentrum entschieden partikularistisch und fö-
deralistisch.
Dieser wesentlich antipreußische Charakter des Zentrums wurde von
den übrigen kleinen Reichstagsfraktionen, die aus lokalen - nicht
wie die Sozialdemokraten aus nationalen und allgemeinen - Gründen
antipreußisch waren, sofort erkannt. Nicht nur die katholischen
Polen und Elsässer, sondern selbst die protestantischen Welfen
[455] schlössen sich als Bundesgenossen eng ans Zentrum an. Und
obwohl die bürgerlich-liberalen Fraktionen sich nie über den
wirklichen Charakter der sog. Ultramontanen klarwurden, verrieten
sie doch eine Ahnung vom richtigen Sachverhalt, wenn sie das Zen-
trum "vaterlandslos" und "reichsfeindlich" titulierten 1*)
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1*) Hier bricht die Handschrift ab
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