Quelle: MEW 21 Mai 1883 - Dezember 1889


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       Die Rolle der Gewalt in der Geschichte [368]
       
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       Geschrieben Ende Dezember 1887 bis März 1888.
       Nach der Handschrift.
       Der Teil,  für den die entsprechenden Seiten der Handschrift feh-
       len, wird  nach dem in der "Neuen Zeit", Nr. 25, 14. Jahrgang, 1.
       Band. 1895-1896, S. 772-776, veröffentlichten Text gebracht.
       
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       Wenden wir  nun unsre  Theorie an auf die deutsche Geschichte von
       heute und  ihre Gewaltspraxis von Blut und Eisen. Wir werden dar-
       aus klar ersehen, weshalb die Politik von Blut und Eisen zeitwei-
       lig Erfolg  haben mußte und weshalb sie schließlich zugrunde gehn
       muß.
       Der Wiener  Kongreß hatte 1815 Europa in einer Weise verteilt und
       verschachert, die  die  totale  Unfähigkeit  der  Potentaten  und
       Staatsmänner vor  aller Welt klarlegte. [369] Der allgemeine Völ-
       kerkrieg gegen  Napoleon war der Rückschlag des bei allen Völkern
       von Napoleon mit Füßen getretenen Nationalgefühls. Zum Dank dafür
       traten die  Fürsten und Diplomaten des Wiener Kongresses dies Na-
       tionalgefühl noch  schnöder unter die Füße. Die kleinste Dynastie
       galt mehr  als das  größte Volk.  Deutschland und  Italien wurden
       wieder in  Kleinstaaten zersplittert, Polen wurde zum vierten Mal
       geteilt, Ungarn  blieb unterjocht.  Und man kann nicht einmal sa-
       gen, daß den Völkern Unrecht geschah, warum ließen sie sich's ge-
       fallen, und  warum hatten  sie im  russischen Zaren 1*) ihren Be-
       freier begrüßt?
       Aber das  konnte nicht  dauern. Seit dem Ausgang des Mittelalters
       arbeitet die Geschichte auf die Konstituierung Europas aus großen
       Nationalstaaten hin. Solche Staaten allein sind die normale poli-
       tische Verfassung  des europäischen  herrschenden Bürgertums  und
       sind ebenso  unerläßliche Vorbedingung zur Herstellung des harmo-
       nischen internationalen  Zusammenwirkens der Völker, ohne welches
       die Herrschaft des Proletariats nicht bestehn kann. Um den inter-
       nationalen Frieden  zu sichern, müssen vorerst alle vermeidlichen
       nationalen Reibungen  beseitigt, muß  jedes Volk  unabhängig  und
       Herr im  eignen Hause  sein. Mit der Entwicklung des Handels, des
       Ackerbaus, der Industrie und damit der sozialen Machtstellung der
       Bourgeoisie hob  sich also überall das Nationalgefühl, verlangten
       die zersplitterten  und unterdrückten  Nationen Einheit und Selb-
       ständigkeit.
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       1*) Alexander I.
       
       #408# Aus dem handschriftlichen Nachlaß
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       Die Revolution  von 1848  war daher überall außerhalb Frankreichs
       auf Befriedigung ebensosehr der nationalen wie der freiheitlichen
       Forderungen gerichtet.  Aber hinter der im ersten Anlauf siegrei-
       chen Bourgeoisie  erhob sich  überall schon  die drohende Gestalt
       des Proletariats,  das den  Sieg in  Wirklichkeit erkämpft hatte,
       und trieb die Bourgeoisie in die Arme der eben besiegten Gegner -
       der monarchischen, bürokratischen, halbfeudalen und militärischen
       Reaktion, der die Revolution 1849 erlag. In Ungarn, wo dies nicht
       der Fall  war, marschierten  die Russen  ein und warfen die Revo-
       lution nieder.  Damit nicht  zufrieden, kam der russische Zar 1*)
       nach Warschau  und saß dort zu Gericht als Schiedsrichter von Eu-
       ropa. Er ernannte den Glücksburger Christian, seine fügsame Krea-
       tur, zum Thronfolger Dänemarks. Er demütigte Preußen, wie es noch
       nie gedemütigt  worden, indem er ihm selbst die schwächsten Gelü-
       ste auf  Ausbeutung deutscher  Einheitsbestrebungen verbot und es
       zwang, den  Bundestag [175]  wiederherzustellen und sich Östreich
       zu unterwerfen.  [313] Das ganze Resultat der Revolution, auf den
       ersten Blick,  schien also  zu sein,  daß in östreich und Preußen
       nach konstitutioneller  Form, aber  im alten Geist, regiert wurde
       und daß der russische Zar Europa mehr beherrschte als je zuvor.
       In Wirklichkeit  aber hatte die Revolution das Bürgertum auch der
       zerstückelten Länder,  und namentlich  Deutschlands, mächtig  aus
       dem alten ererbten Schlendrian aufgerüttelt. Es hatte einen, wenn
       auch bescheidnen,  Anteil an  der politischen Macht bekommen; und
       jeder politische Erfolg der Bourgeoisie wird ausgebeutet in einem
       industriellen Aufschwung.  Das "tolle Jahr" [370], das man glück-
       lich hinter  sich hatte,  bewies dem Bürgertum handgreiflich, daß
       es mit der alten Lethargie und Schlafmützigkeit jetzt ein für al-
       lemal ein  Ende nehmen  müsse. Infolge des kalifornischen und au-
       stralischen Goldregens  und andrer  Umstände trat eine Ausdehnung
       der Weltmarktsverbindungen  und ein  Aufschwung der Geschäfte ein
       wie noch nie vorher; es galt, hier anzufassen und sich seinen An-
       teil zu  sichern. Die Anfänge großer Industrie, die seit 1830 und
       namentlich seit  1840 am Rhein, in Sachsen, in Schlesien, in Ber-
       lin und  in einzelnen Städten des Südens entstanden, wurden jetzt
       rasch fortgebildet  und erweitert,  die Hausindustrie der Landbe-
       zirke dehnte  sich mehr  und mehr aus, der Eisenbahnbau wurde be-
       schleunigt, und  die bei  alledem  enorm  steigende  Auswanderung
       schuf eine  deutsche transatlantische Dampfschiffahrt, die keiner
       Subvention bedurfte.  Mehr als  je vorher  setzten sich  deutsche
       Kaufleute in  allen überseeischen Handelsplätzen fest, vermittel-
       ten einen immer größeren Teil des
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       1*) Nikolaus I.
       
       #409# Die Rolle der Gewalt in der Geschichte
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       Welthandels und fingen allmählich an, den Absatz nicht nur engli-
       scher, sondern auch deutscher Industrieprodukte zu vermitteln.
       Dieser sich  mächtig hebenden Industrie und dem sich an sie knüp-
       fenden Handel  aber mußte  die deutsche  Kleinstaaterei mit ihren
       vielfachen verschiednen  Handels- und  Gewerbegesetzgebungen bald
       eine unerträgliche  Fessel werden.  Alle paar Meilen weit ein an-
       dres Wechselrecht, andre Bedingungen bei Ausübung eines Gewerbes,
       überall, aber überall andre Schikanen, bürokratische und fiskali-
       sche Fußangeln,  ja oft noch Zunftschranken, gegen die nicht ein-
       mal eine  Konzession half!  Und dazu die vielen verschiednen Hei-
       matgesetzgebungen [372] und Aufenthaltsbeschränkungen, die es den
       Kapitalisten  unmöglich   machten,  disponible  Arbeitskräfte  in
       genügender Zahl  auf die Punkte zu werfen, wo Erz, Kohle, Wasser-
       kraft und  andre Naturbegünstigung  die Anlage  von industriellen
       Unternehmungen gebot! Die Fähigkeit, die massenhafte Arbeitskraft
       des Vaterlands  ungehindert auszubeuten,  war die erste Bedingung
       der industriellen  Entwicklung; überall aber, wo der patriotische
       Fabrikant Arbeiter  von allen Enden zusammenzog, stemmte sich Po-
       lizei und  Armenverwaltung gegen  die Niederlassung der Zuzügler.
       Ein deutsches  Reichsbürgerrecht und volle Freizügigkeit für alle
       Reichsbürger, eine einheitliche Handels- und Gewerbegesetzgebung,
       das waren nicht mehr patriotische Phantasien überspannter Studen-
       ten, das waren jetzt notwendige Lebensbedingungen der Industrie.
       Dazu in  jedem Staat und Stätchen andres Geld, andres Maß und Ge-
       wicht, oft genug zweierlei und dreierlei im selben Staat. Und von
       allen diesen  zahllosen Gattungen  von Münze,  Maß  oder  Gewicht
       wurde keine einzige auf dem Weltmarkt anerkannt. Was Wunder also,
       daß Kaufleute  und Fabrikanten,  die auf dem Weltmarkt verkehrten
       oder mit importierten Artikeln zu konkurrieren hatten, zu all den
       vielen Münzen,  Maßen und Gewichten auch noch ausländische anwen-
       den mußten,  daß baumwollne  Garne nach englischen Pfunden gehas-
       pelt, seidne  Zeuge nach  Meterlänge angefertigt, Rechnungen fürs
       Ausland in  Pfund Sterling,  Dollars, Francs  ausgestellt wurden?
       Und wie  sollten große Kreditinstitute zustande kommen auf diesen
       beschränkten Währungsgebieten,  mit Banknoten  in Gulden hier, in
       preußischen  Talern   dort,  daneben   Taler  Gold,  Taler  "Neue
       Zweidrittel", Mark Banco, Mark Kurant, Zwanzigguldenfuß, Vierund-
       zwanzigguldenfuß [372],  bei endlosen  Kursberechnungen und Kurs-
       schwankungen?
       Und wenn es gelang, dies alles schließlich zu überwinden, wieviel
       Kraft war  bei allen diesen Reibungen draufgegangen, wieviel Geld
       und Zeit  war verloren!  Und man fing endlich auch in Deutschland
       an zu merken, daß heutzutage Zeit Geld ist.
       
       #410# Aus dem handschriftlichen Nachlaß
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       Auf dem  Weltmarkt hatte sich die junge deutsche Industrie zu be-
       währen, nur  durch die  Ausfuhr konnte  sie groß werden. Dazu ge-
       hörte, daß  sie in  der Fremde den Schutz des Völkerrechts genoß.
       Der englische,  französische, amerikanische  Kaufmann  konnte  im
       Ausland sich  immer noch  etwas mehr erlauben als zu Hause. Seine
       Gesandtschaft trat  für ihn  ein und  im Notfall  auch  ein  paar
       Kriegsschiffe. Aber  der Deutsche!  In der  Levante konnte wenig-
       stens der  Östreicher sich  einigermaßen auf  seine Gesandtschaft
       verlassen, sonst  half sie ihm auch nicht viel. Wo aber ein preu-
       ßischer Kaufmann in der Fremde sich bei seinem Gesandten über wi-
       derfahrene Unbill beklagte, da hieß es fast immer: "Das geschieht
       Euch ganz  recht, was  habt Ihr  hier zu suchen, warum bleibt Ihr
       nicht hübsch  zu Hause?"  Der Kleinstaatler  vollends war überall
       erst recht  rechtlos. Wohin  man kam, standen die deutschen Kauf-
       leute unter  fremdem, französischem,  englischem,  amerikanischem
       Schutz oder  hatten sich  in der  neuen  Heimat  schleunigst  na-
       turalisieren lassen. 1*) Und selbst wenn ihre Gesandten sich hät-
       ten für sie verwenden wollen, was hätte es genützt? Die deutschen
       Gesandten selbst wurden über See behandelt wie die Schuhputzer.
       Man sieht  hieraus, wie  das Verlangen  nach einem  einheitlichen
       "Vaterland" einen  sehr materiellen  Hintergrund  besaß.  Es  war
       nicht mehr  der nebelhafte  Drang  wartburgsfestlicher  Burschen-
       schafter [373],  "wo Mut und Kraft in deutschen Seelen flammten",
       und wo  es nach einer französischen Melodie "den Jüngling fortriß
       mit Sturmeswehn,  fürs Vaterland in Kampf und Tod zu gehn" [374],
       um die romantische Kaiserherrlichkeit des Mittelalters wiederher-
       zustellen, und  wo der  sturmeswehende Jüngling  auf seine  alten
       Tage  ein   ganz  gemeiner   pietistischer  und  absolutistischer
       Fürstenknecht wurde.  Es war  auch nicht  mehr der der Erde schon
       bedeutend nähergekommene  Einheitsruf der Advokaten und sonstigen
       bürgerlichen Ideologen  des Hambacher Festes [375], die die Frei-
       heit und  Einheit um  ihrer selbst  willen zu lieben glaubten und
       gar nicht  merkten, daß die Verschweizerung Deutschlands zu einer
       Kantönlirepublik, auf die das Ideal der am wenigsten Unklaren un-
       ter ihnen  hinauslief, ebenso  unmöglich war wie das hohenstaufi-
       sche Kaisertum  [376] jener  Studenten. Nein,  es war das aus der
       unmittelbaren Geschäftsnot  hervorbrechende Begehren  des prakti-
       schen Kaufmanns  und Industriellen  nach Wegfegung all des histo-
       risch überkommenen kleinstaatlichen Plunders, der der freien Ent-
       faltung von  Handel und  Gewerbe im  Wege stand, nach Beseitigung
       all der  überflüssigen Reibung,  die der  deutsche  Geschäftsmann
       erst zu Hause überwinden mußte,
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       1*) Engels schrieb hier mit Bleistift an den Rand: "Weerth"
       
       #411# Die Rolle der Gewalt in der Geschichte
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       wenn er  den Weltmarkt betreten wollte, und deren alle seine Kon-
       kurrenten überhoben  waren. Die  deutsche Einheit  war eine wirt-
       schaftliche Notwendigkeit  geworden. Und die Leute, die sie jetzt
       forderten, wußten,  was sie  wollten. Sie waren im Handel und zum
       Handel auferzogen, verstanden zu handeln und ließen mit sich han-
       deln. Sie  wußten, daß  man recht hoch fordern, aber auch liberal
       ablassen muß.  Sie sangen  von "des  Deutschen Vaterland",  darin
       auch Steierland,  Tirol und "das Östreich, an Ehren und an Siegen
       reich", und:
       
       "Von der Maas bis an die Memel,
       von der Etsch bis an den Belt,
       Deutschland, Deutschland über alles,
       über alles in der Welt" [377] -
       
       aber sie  waren bereit, auf dieses immer größer sein müssende Va-
       terland [378]  einen recht beträchtlichen Rabatt für bare Zahlung
       - 25  bis 30% zu bewilligen. Ihr Einheitsplan war gemacht und so-
       fort praktikabel.
       Die deutsche Einheit war aber keine bloß deutsche Frage. Seit dem
       Dreißigjährigen Krieg war keine einzige gemeindeutsche Angelegen-
       heit mehr  entschieden worden  ohne die sehr fühlbare Einmischung
       des Auslands.  1*) Friedrich II. hatte 1740 Schlesien erobert mit
       Hülfe der Franzosen. [380] Frankreich und Rußland hatten 1803 die
       Reorganisation des  Heiligen Römischen Reichs durch den Reichsde-
       putationshauptschluß buchstäblich  diktiert. Dann  hatte Napoleon
       Deutschland nach seiner Konvenienz eingerichtet. Und endlich, auf
       dem Wiener  Kongreß 2*),  war es  aufs neue,  hauptsächlich durch
       Rußland und  in zweiter  Linie durch  England und  Frankreich, in
       sechsunddreißig Staaten mit über zweihundert besondern großen und
       kleinen Landfetzen  zersplittert worden,  und die deutschen Dyna-
       sten, ganz  wie 1802/  1803 auf dem Regensburger Reichstag [381],
       hatten dabei  redlich mitgeholfen und die Zersplitterung noch är-
       ger gemacht.  Zudem waren einzelne Stücke von Deutschland fremden
       Fürsten überliefert.  So war  Deutschland nicht  nur machtlos und
       hülflos, in innerem Hader sich aufreibend, politisch, militärisch
       und selbst  industriell zur  Nichtigkeit verdammt.  Sondern,  was
       noch weit  schlimmer, Frankreich und Rußland hatten durch wieder-
       holten Brauch  ein Recht erworben auf die Zersplitterung Deutsch-
       lands, ganz  wie Frankreich und östreich ein Recht sich anmaßten,
       darüber zu wachen, daß Italien zerstückelt blieb. Es war dies an-
       gebliche Recht,  das der Zar Nikolaus 1850 geltend gemacht hatte,
       indem er, jede eigenmächtige Verfassungsänderung
       -----
       1*) Engels schrieb  hier mit  Bleistift an  den  Rand:  "West[fä-
       lischer] [216] und Tesch[ener] Friede [379]" - 2*) Engels schrieb
       hier mit Bleistift zwischen die Zeilen: "Deutschland-Polen"
       
       #412# Aus dem handschriftlichen Nachlaß
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       sich gröblichst verbittend, die Wiederherstellung des Bundestags,
       dieses Ausdrucks der Ohnmacht Deutschlands, erzwang.
       Die Einheit Deutschlands mußte also erkämpft werden nicht nur ge-
       gen die  Fürsten und sonstigen inneren Feinde, sondern auch gegen
       das Ausland. Oder aber - mit Hülfe des Auslands. Und wie stand es
       damals im Ausland?
       In Frankreich  hatte Louis  Bonaparte den  Kampf  zwischen  Bour-
       geoisie und  Arbeiterklasse benutzt, um sich mit Hülfe der Bauern
       in die  Präsidentschaft und  mit Hülfe  der Armee  auf  den  Kai-
       serthron zu  schwingen. Aber  ein neuer,  von der Armee gemachter
       Kaiser Napoleon  innerhalb der Grenzen des Frankreichs von 1815 -
       das war  ein totgebornes  Unding. Das wiedergeborne napoleonische
       Kaiserreich, das  hieß die  Ausdehnung  Frankreichs  bis  an  den
       Rhein, die  Verwirklichung des erblichen Traums des französischen
       Chauvinismus. Zunächst  aber war  der Rhein  für Louis  Bonaparte
       nicht zu haben; jeder Versuch in dieser Richtung hätte eine euro-
       päische Koalition  gegen Frankreich zur Folge gehabt. Dagegen bot
       sich eine Gelegenheit, die Machtstellung Frankreichs zu heben und
       der Armee  neue Lorbeeren  zuzuwenden durch einen im Einklang mit
       fast ganz  Europa geführten  Krieg gegen Rußland, das die revolu-
       tionäre Periode Westeuropas benutzt hatte, um in aller Stille die
       Donaufürstentümer zu  besetzen und  einen neuen türkischen Erobe-
       rungskrieg vorzubereiten.  England verband  sich mit  Frankreich,
       Östreich war  beiden günstig, nur das heroische Preußen küßte die
       russische Rute, die es gestern noch gezüchtigt, und blieb in rus-
       senfreundlicher Neutralität.  Aber weder  England noch Frankreich
       wollten eine  ernstliche Besiegung des Gegners, und so endete der
       Krieg in  einer sehr  gelinden Demütigung  Rußlands und  in einer
       russisch-französischen Allianz gegen Östreich. *)
       ---
       *) Der Krimkrieg war eine einzige kolossale Komödie der Irrungen,
       wo man  sich bei  jedem neuen  Auftritt fragt:  Wer soll hier ge-
       prellt werden?  Aber die  Komödie kostete  ungezählte Schätze und
       reichlich eine Million Menschenleben. Kaum war der Kampf im Gang,
       so marschierte  östreich in die Donaufürstentümer; die Russen zo-
       gen sich  vor ihnen zurück. Dadurch war, solange östreich neutral
       blieb, ein  Krieg an  der russischen  Landgrenze gegen die Türkei
       unmöglich gemacht.  Aber östreich  war für  einen Krieg an dieser
       Grenze als  Alliierter zu  haben, vorausgesetzt,  daß  der  Krieg
       ernsthaft geführt  wurde, um die Wiederherstellung Polens und die
       dauernde Zurückschiebung  der russischen  Westgrenze. Dann  hätte
       auch Preußen  mitgemußt, durch  das Rußland jetzt noch alle seine
       Zufuhren bezog; Rußland wäre zu Lande wie zu Wasser blockiert ge-
       wesen und  mußte rasch  erliegen. Aber  das war nicht die Absicht
       der Alliierten.  Sie waren  im Gegenteil froh, jetzt aller Gefahr
       eines ernsthaften Kriegs enthoben
       
       #413# Die Rolle der Gewalt in der Geschichte
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       Der Krimkrieg  machte Frankreich  zur leitenden Macht Europas und
       den Abenteurer  Louis-Napoleon zum  größten Mann  des Tages,  was
       freilich  nicht   viel  sagen  will.  Aber  der  Krimkrieg  hatte
       Frankreich keinen  Gebietszuwachs gebracht und trug daher in sei-
       nem Schoß  einen neuen  Krieg, worin Louis-Napoleon seinen wahren
       Beruf erfüllen  sollte als "Mehrer des Reichs" [382]. Dieser neue
       Krieg war schon während des ersten eingefädelt worden, indem Sar-
       dinien erlaubt  wurde, sich  der  westmächtlichen  Allianz  anzu-
       schließen als  Satellit des kaiserlichen Frankreichs und speziell
       als sein  Vorposten gegen - Östreich; er wurde weiter vorbereitet
       beim Friedensschluß  durch das Einverständnis Louis-Napoleons mit
       Rußland  [383]  dem  nichts  genehmer  war  als  eine  Züchtigung
       Östreichs.
       Louis-Napoleon war jetzt der Abgott der europäischen Bourgeoisie.
       Nicht nur  wegen seiner  "Gesellschaftsrettung" vom  2.  Dezember
       1851 [384],  wo er zwar die politische Herrschaft der Bourgeoisie
       vernichtet, aber  nur um ihre soziale Herrschaft zu retten. Nicht
       nur weil  er gezeigt, wie das allgemeine Stimmrecht unter günsti-
       gen Umständen  in ein  Werkzeug zur Unterdrückung der Massen ver-
       wandelbar sei;  nicht nur  weil unter seiner Herrschaft Industrie
       und Handel  und namentlich  Spekulation und Börsenschwindel einen
       nie gekannten  Aufschwung genommen.  Sondern vor  allem, weil die
       Bourgeoisie in  ihm den  ersten "großen Staatsmann" erkannte, der
       Fleisch von ihrem Fleisch, Bein von ihrem Bein war. Er war Empor-
       kömmling, wie jeder echte Bourgeois auch. "In allen Wassern gewa-
       schen",
       ---
       zu sein.  Palmerston schlug  vor, den  Kriegsschauplatz nach  der
       Krim zu verlegen - was Rußland wünschte - und Louis-Napoleon ging
       nur zu  gern darauf  ein. Der  Krieg konnte  hier  nur  noch  ein
       Scheinkrieg bleiben,  und so  waren alle Hauptbeteiligten zufrie-
       dengestellt. Aber  der Kaiser  Nikolaus setzte  sich in den Kopf,
       hier einen ernstlichen Krieg zu führen und vergaß dabei, daß, was
       für einen  Scheinkrieg sein  günstigstes, für  einen  ernstlichen
       Krieg sein  ungünstigstes Terrain war. Die Stärke Rußlands in der
       Verteidigung -  die ungeheuere Ausdehnung seines dünnbevölkerten,
       unwegsamen und an Hülfsquellen armen Gebiets - kehrt sich bei je-
       dem russischen  Angriffskrieg gegen  Rußland selbst, und nirgends
       mehr als in der Richtung der Krim. Die südrussischen Steppen, die
       das Grab des Angreifers hätten werden müssen, wurden das Grab der
       russischen Armeen,  die Nikolaus  mit brutal-dummer Rücksichtslo-
       sigkeit eine  nach der  anderen - zuletzt mitten im Winter - nach
       Sewastopol trieb.  Und als  die letzte, eiligst zusammengeraffte,
       kaum notdürftig  ausgerüstete, elend verpflegte Heersäule an zwei
       Drittel ihres  Bestands auf  dem Marsch verloren hatte (ganze Ba-
       taillone kamen  im Schneesturm  um) und  der Rest  nicht imstande
       war, die  Feinde vom russischen Boden zu vertreiben, da brach der
       aufgeblasene Hohlkopf Nikolaus jämmerlich zusammen und vergiftete
       sich. Von  da an  wurde der  Krieg wieder  Scheinkrieg und führte
       bald zum Friedensschluß.
       
       #414# Aus dem handschriftlichen Nachlaß
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       karbonaristischer Verschwörer  [385] in  Italien, Artillerieoffi-
       zier in  der Schweiz,  verschuldeter vornehmer  Lumpazivagabundus
       und Spezial-Konstabler  in England  [386], aber stets und überall
       Prätendent, hatte er sich durch eine abenteuerliche Vergangenheit
       und durch moralische Bloßstellung in allen Ländern zum Kaiser der
       Franzosen und  Leiter der  Geschicke Europas vorbereitet, wie der
       Musterbourgeois, der  Amerikaner, durch  eine Reihe ehrlicher und
       betrügerischer Bankerotte  sich vorbereitet  zum  Millionär.  Als
       Kaiser machte  er nicht  nur die Politik dem kapitalistischen Er-
       werb und  dem Börsenschwindel dienstbar, sondern betrieb auch die
       Politik selbst  ganz nach den Grundsätzen der Fondsbörse und spe-
       kulierte auf das "Nationalitätsprinzip" [387]. Die Zersplitterung
       Deutschlands und  Italiens war der bisherigen französischen Poli-
       tik ein  unveräußerliches Grundrecht  Frankreichs gewesen; Louis-
       Napoleon schickte  sich sofort  an, dies Grundrecht stückweise zu
       verschachern gegen sogenannte Kompensationen. Er war bereit, Ita-
       lien und  Deutschland zur  Beseitigung der Zersplitterung behülf-
       lich zu  sein, vorausgesetzt,  daß Deutschland  und Italien jeden
       Schritt zur  nationalen Einigung hin ihm bezahlten mit der Abtre-
       tung von  Gebiet. Damit  wurde nicht nur der französische Chauvi-
       nismus befriedigt  und das Kaiserreich allmählich auf die Grenzen
       von 1801  13881 gebracht,  sondern Frankreich auch wieder als die
       spezifisch aufgeklärte und völkerbefreiende Macht und Louis-Napo-
       leon als  der Beschützer  der unterdrückten  Nationalitäten  hin-
       gestellt. Und  die ganze aufgeklärte und nationalitätsbegeisterte
       - weil bei der Hinwegräumung aller Geschäftshindernisse vom Welt-
       markt lebhaft interessierte - Bourgeoisie jubelte dieser weltbeí-
       reienden Aufklärung einstimmig zu.
       Der Anfang wurde in Italien gemacht. 1*) Hier herrschte seit 1849
       Östreich unbeschränkt,  und östreich  war damals  der  allgemeine
       Sündenbock Europas.  Die Magerkeit  der Resultate  des Krimkriegs
       wurden nicht  der Unentschlossenheit  der Westmächte zugeschoben,
       die nur  einen Scheinkrieg  gewollt, sondern  der  unentschiednen
       Haltung Östreichs,  an der  niemand mehr  schuld gewesen  als die
       Westmächte selbst.  Rußland aber  war  durch  den  Vormarsch  der
       Östreicher an den Pruth - den Dank für die russische Hülfe in Un-
       garn 1849  - so  verletzt (obwohl  grade dieser Vormarsch Rußland
       gerettet), daß  es jeden  Angriff auf  Östreich mit  Freuden sah.
       Preußen zählte  nicht  mehr  und  wurde  schon  auf  dem  Pariser
       Friedenskongreß en canaille behandelt. Und so wurde der Krieg zur
       Befreiung  Italiens  "bis  zur  Adria"  mit  Rußlands  Mitwirkung
       eingefädelt, im Frühjahr 1859
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       1*) Engels schrieb hier mit Bleistift an den Rand: "Orsini"
       
       #415# Die Rolle der Gewalt in der Geschichte
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       unternommen und  im Sommer schon am Mincio beendigt, Östreich war
       nicht aus Italien hinausgeworfen, Italien war nicht "frei bis zur
       Adria" und nicht geeinigt, Sardinien hatte Zuwachs erhalten, aber
       Frankreich hatte Savoyen und Nizza erworben und damit, gegen Ita-
       lien, die Grenzen von 1801. [389]
       Aber damit  waren  die  Italiener  nicht  zufrieden.  In  Italien
       herrschte damals  noch die  eigentliche Manufaktur vor, die große
       Industrie war  noch in  den Windeln.  Die Arbeiterklasse war noch
       bei weitem  nicht durchgängig expropriiert und proletarisiert; in
       den Städten besaß sie noch ihre eignen Produktionsmittel, auf dem
       Lande war die industrielle Arbeit Nebenerwerb kleiner grundbesit-
       zender oder  pachtender Bauern.  Daher war  die Energie der Bour-
       geoisie noch  nicht gebrochen  durch den  Gegensatz gegen ein mo-
       dernes klassenbewußtes  Proletariat. Und  da in  Italien die Zer-
       splitterung nur  durch die östreichische Fremdherrschaft bestand,
       unter deren Schutz die Fürsten die Mißregierung bis aufs äußerste
       getrieben, so  stand auch  der großgrundbesitzende  Adel und  die
       städtische Volksmasse  auf Seite der Bourgeoisie als der Vorkämp-
       ferin der nationalen Unabhängigkeit. Die Fremdherrschaft aber war
       1859, außer  in Venetien, abgeschüttelt, ihre fernere Einmischung
       in Italien  durch Frankreich  und Rußland unmöglich gemacht, nie-
       mand fürchtete  sie mehr.  Und Italien  besaß in  Garibaldi einen
       Helden von  antikem Charakter,  der Wunder  tun konnte und Wunder
       tat. Mit  tausend Freischärlern warf er das ganze Königreich Nea-
       pel über  den Haufen,  einigte Italien  tatsächlich,  zerriß  das
       künstliche Gewebe  bonapartischer Politik.  Italien war  frei und
       der Sache  nach geeint  - aber nicht durch Louis-Napoleons Ränke,
       sondern durch die Revolution.
       Seit dem italienischen Krieg war die auswärtige Politik des zwei-
       ten französischen  Kaiserreichs niemandem ein Geheimnis mehr. Die
       Besieger des  großen Napoleon  sollten gezüchtigt  werden -  aber
       l'un après  l'autre, einer  nach dem andern. Rußland und Östreich
       hatten ihr  Teil erhalten,  der nächste an der Reihe war Preußen.
       Und Preußen  war verachteter  als je;  seine Politik  während des
       italienischen Kriegs  war feig  und jämmerlich  gewesen, ganz wie
       zur Zeit  des Baseler  Friedens 1795  [390]. Mit der "Politik der
       freien Hand"  [391] war es dahin gekommen, daß es ganz vereinsamt
       in Europa  stand, daß alle seine großen und kleinen Nachbarn sich
       auf das  Schauspiel freuten,  wie Preußen  in die  Pfanne gehauen
       werde, daß  seine Hand frei war nur noch für dies eine: das linke
       Rheinufer an Frankreich abzutreten.
       In der  Tat war  in den  ersten Jahren nach 1859 überall und nir-
       gends mehr  als am  Rhein selbst  die Überzeugung verbreitet, daß
       das linke  Rheinufer  unrettbar  Frankreich  verfallen  sei.  Man
       wünschte es nicht grade, aber
       
       #416# Aus dem handschriftlichen Nachlaß
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       man sah  es kommen  wie ein unabwendbares Verhängnis, und - geben
       wir der  Wahrheit die  Ehre -  man fürchtete  es auch  nicht eben
       sehr. Bei den Bauern und Kleinbürgern wurden die alten Erinnerun-
       gen an  die Franzosenzeit,  die wirklich  die  Freiheit  gebracht
       hatte, wieder  wach; von der Bourgeoisie war die Finanzaristokra-
       tie, besonders  in Köln,  schon tief in die Mogeleien des Pariser
       Crédit mobilier  [392] und andrer bonapartistischen Schwindelkom-
       panien verwickelt und schrie laut nach der Annexion. *)
       Aber der  Verlust des  linken Rheinufers,  das war die Schwächung
       nicht nur  Preußens, sondern  auch Deutschlands.  Und Deutschland
       war gespaltner als je. Östreich und Preußen einander entfremdeter
       als je  durch Preußens  Neutralität im  italienischen Krieg,  das
       kleine Fürstengezücht halb ängstlich, halb lüstern nach Louis-Na-
       poleon schielend  als dem  Protektor eines  erneuerten Rheinbunds
       [393] - das war die Lage des offiziellen Deutschlands. Und das in
       einem Moment, wo nur die vereinigten Kräfte der ganzen Nation im-
       stande waren, die Gefahr der Zerstückelung abzuwenden.
       Wie aber  die Kräfte  der ganzen  Nation einigen? Drei Wege lagen
       offen, nachdem die fast ausnahmslos nebelhaften Versuche von 1848
       gescheitert waren, aber auch eben dadurch manchen Nebel zerstreut
       hatten.
       Der erste  Weg war  der der wirklichen Einigung durch Beseitigung
       aller Einzelstaaten, also der offen revolutionäre Weg. Dieser Weg
       hatte soeben in Italien zum Ziel geführt; die savoyische Dynastie
       hatte sich  der Revolution  angeschlossen und  dadurch die  Krone
       Italiens eingeheimst. Solch kühner Tat aber waren unsre deutschen
       Savoyer, die Hohenzollern, und selbst ihre verwegensten Cavours à
       la Bismarck absolut unfähig. Das Volk hätte alles selbst tun müs-
       sen -  und in einem Krieg um das linke Rheinufer wäre es wohl im-
       stande gewesen, das Nötige zu tun. Der unvermeidliche Rückzug der
       Preußen über  den Rhein,  stehender Krieg  an den Rheinfestungen,
       der dann  unzweifelhafte Verrat  der süddeutschen Fürsten konnten
       hinreichen, eine  nationale Bewegung  zu entfachen,  vor der  die
       ganze Dynastenwirtschaft zerstob. Und dann war Louis-Napoleon der
       erste, der  den Degen  einsteckte. Das  zweite Kaiserreich konnte
       als Gegner nur reaktionäre Staaten gebrauchen, denen gegenüber es
       als Fortführer  der französischen  Revolution, als Völkerbefreier
       erschien. Gegen  ein selbst in Revolution begriffenes Volk war es
       ohnmächtig; ja  die siegreiche deutsche Revolution konnte den An-
       stoß geben zum Sturz des ganzen französischen Kaisertums.
       ---
       *) Daß dies  damals die allgemeine Stimmung am Rhein, davon haben
       Marx und  ich uns  an Ort  und Stelle oft genug überzeugt. Links-
       rheinische Industrielle trugen mich u.a., wie sich ihre Industrie
       unter dem französischen Zolltarif befinden werde.
       
       #417# Die Rolle der Gewalt in der Geschichte
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       Das war  der günstigste Fall; im ungünstigsten, wenn die Dynasten
       der Bewegung  Herr wurden,  verlor man zeitweilig das linke Rhei-
       nufer an  Frankreich, legte  den aktiven oder passiven Verrat der
       Dynasten vor  aller Welt  bloß und  schuf eine  Zwangslage, worin
       Deutschland kein andrer Ausweg blieb als die Revolution, die Ver-
       jagung sämtlicher Fürsten, die Herstellung der deutschen einheit-
       lichen Republik.
       Wie die  Dinge lagen, konnte dieser Weg zur Einigung Deutschlands
       nur betreten  werden, wenn Louis-Napoleon den Krieg um die Rhein-
       grenze anfing.  Dieser Krieg  unterblieb jedoch - aus bald zu er-
       wähnenden Gründen. Damit aber hörte auch die Frage der nationalen
       Einigung auf,  eine unaufschiebbare  Lebensfrage zu sein, die ge-
       löst werden  mußte von  heute auf  morgen, bei  Strafe des Unter-
       gangs. Die Nation konnte einstweilen warten.
       Der  zweite   Weg  war   die  Einigung  unter  der  Vorherrschaft
       Östreichs, östreich  hatte 1815  die ihm durch die napoleonisehen
       Kriege aufgedrängte  Lage eines kompakten, abgerundeten Staatsge-
       biets willig beibehalten. Seine vormaligen abgetrennten Besitzun-
       gen in  Süddeutschland beanspruchte  es nicht wieder; es begnügte
       sich mit  der Anfügung alter und neuer Landstriche, die sich geo-
       graphisch und  strategisch an den noch übrigen Kern der Monarchie
       anpassen ließen.  Die durch  die Schutzzölle  Josephs II.  einge-
       leitete, durch  die italienische Polizeiwirtschaft Franz' I. ver-
       schärfte, durch  die Auflösung des Deutschen Reichs [394] und den
       Rheinbund auf  die Spitze  getriebne Scheidung  Deutsch-Östreichs
       vom übrigen  Deutschland blieb  auch nach 1815 faktisch in Kraft.
       Metternich umgab  seinen Staat  nach der  deutschen Seite hin mit
       einer  förmlichen  chinesischen  Mauer.  Die  Zölle  hielten  die
       stofflichen, die Zensur die geistigen Produkte Deutschlands drau-
       ßen, die namenlosesten Paßschikanen beschränkten den persönlichen
       Verkehr auf  das notwendigste  Minimum. Im  Innern sicherte  eine
       selbst in  Deutschland einzig  dastehende absolutistische Willkür
       vor jeder,  auch der  leisesten,  politischen  Regung.  So  hatte
       Östreich der  ganzen bürgerlich-liberalen  Bewegung  Deutschlands
       absolut ferngestanden.  Mit 1848  fiel  wenigstens  die  geistige
       Scheidewand großenteils  hinweg; aber  die Ereignisse jenes Jahrs
       und ihre  Folgen  waren  wenig  geeignet,  Östreich  dem  übrigen
       Deutschland näherzubringen;  im Gegenteil,  Östreich pochte  mehr
       und mehr auf seine unabhängige Großmachtsstellung. Und so kam es,
       daß, obwohl die östreichischen Soldaten der Bundesfestungen [395]
       beliebt und die preußischen verhaßt und verspottet waren, und ob-
       wohl östreich  im ganzen vorwiegend katholischen Süden und Westen
       noch immer populär und angesehn war, dennoch niemand ernstlich an
       eine Einigung Deutschlands
       
       #418# Aus dem handschriftlichen Nachlaß
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       unter östreichischer  Vorherrschaft dachte,  außer etwa  ein paar
       deutsche kleine und Mittelstaatsfürsten.
       Es konnte  auch gar  nicht anders  sein, Östreich hatte es selbst
       nicht anders  gewollt, trotzdem es in der Stille romantische Kai-
       serträume großzog.  Die östreichische Zollgrenze war mit der Zeit
       die einzige noch übrige materielle Scheidewand innerhalb Deutsch-
       lands geblieben  und wurde um so schärfer empfunden. Die unabhän-
       gige Großmachtspolitik  hatte keinen  Sinn, wenn  sie  nicht  die
       Preisgebung deutscher  zugunsten spezifisch  östreichischer, also
       italienischer, ungarischer  etc. Interessen bedeutete. Wie vor so
       nach der  Revolution blieb Östreich der reaktionärste, der moder-
       nen Strömung  am widerwilligsten  folgende Staat Deutschlands und
       dazu - die einzige noch übrige, spezifisch katholische Großmacht.
       Je mehr  die nachmärzliche  Regierung [396] die alte Pfaffen- und
       Jesuitenwirtschaft wiederherzustellen  strebte, desto unmöglicher
       wurde ihr  die Hegemonie  über ein  zu zwei Dritteln protestanti-
       sches Land.  Und endlich  war eine  Einigung  Deutschlands  unter
       Östreich nur möglich durch Sprengung Preußens. Sowenig aber diese
       an sich  ein Unglück  für Deutschland  bedeutet, so wäre doch die
       Sprengung Preußens  durch östreich ebenso unheilvoll gewesen, wie
       die Sprengung  Östreichs durch  Preußen sein würde vor dem bevor-
       stehenden Sieg  der Revolution in Rußland (nach welchem sie über-
       flüssig wird,  weil das  dann überflüssig  gemachte östreich  von
       selbst zerfallen muß).
       Kurz, die  deutsche Einheit  unter Östreichs  Fittichen  war  ein
       romantischer Traum und erwies sich als solcher, als die deutschen
       Klein- und  Mittelfürsten 1863  in Frankfurt  zusammentraten,  um
       Franz Joseph  von östreich  zum deutschen  Kaiser auszurufen. Der
       König von  Preußen blieb  einfach weg, und die Kaiserkomödie fiel
       elend ins Wasser. [397]
       Blieb der  dritte Weg: die Einigung unter preußischer Spitze. Und
       dieser, weil wirklich eingeschlagen, führt uns aus dem Gebiet der
       Spekulation wieder  herab auf  den solideren,  wenn auch ziemlich
       unflätigen Boden der praktischen, der "Realpolitik" [398].
       Seit Friedrich  II. sah  Preußen in  Deutschland wie in Polen ein
       bloßes Eroberungsgebiet, von dem man nimmt, was man kriegen kann,
       von dem es sich aber auch von selbst versteht, daß man es mit an-
       dern zu  teilen hat.  Teilung  Deutschlands  mit  dem  Ausland  -
       zunächst mit  Frankreich -  das war der "deutsche Beruf" Preußens
       seit 1740.  "Je vais,  je crois,  jouer votre  jeu; si  les as me
       viennent, nous  partagerons" (ich  glaube, ich  werde Euer  Spiel
       spielen; bekomme  ich die Asse, so teilen wir) - das waren Fried-
       richs Abschiedsworte  an den  französischen Gesandten 1*), als er
       in seinen ersten
       -----
       1*) Beaurau
       
       #419#
       -----
       Seite aus Engels' Handschrift
       "Die Rolle der Gewalt in der Geschichte"
       
       #420#
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       #421# Die Rolle der Gewalt in der Geschichte
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       Krieg [380]  zog. Getreu diesem "deutschen Beruf" verriet Preußen
       1795 Deutschland im Baseler Frieden, willigte (Vertrag vom 5. Au-
       gust 1796)  gegen Zusicherung von Gebietszuwachs im voraus in die
       Abtretung des  linken Rheinufers  an Frankreich und kassierte bei
       dem von Rußland und Frankreich diktierten Reichsdeputationshaupt-
       schluß den  Lohn des  Reichsverrats auch wirklich ein. [399] 1805
       verriet es  seine Bundesgenossen  Rußland und  Östreich nochmals,
       sobald ihm  Napoleon Hannover vorhielt - den Köder, worauf es je-
       desmal anbiß -, verfing sich aber in seiner eignen Dummschlauheit
       dermaßen, daß  es nun doch in Krieg mit Napoleon kam und bei Jena
       die verdiente  Züchtigung erhielt.  [400]  Im  Nachgefühl  dieser
       Hiebe wollte  Friedrich Wilhelm  III. selbst  nach den Siegen von
       1813 und 1814 auf alle westdeutschen Außenposten verzichten, sich
       auf den  Besitz von Nordostdeutschland beschränken, sich, ähnlich
       wie östreich,  möglichst aus  Deutschland zurückziehn  - was ganz
       Westdeutschland in  einen neuen  Rheinbund unter  russischer oder
       französischer Schutzherrschaft  verwandelt hätte. Der Plan gelang
       nicht; ganz  wider den Willen des Königs wurden ihm Westfalen und
       die Rheinprovinz  aufgezwungen und damit ein neuer "deutscher Be-
       ruf".
       Mit den  Annexionen -  den Ankauf  einzelner winziger  Landfetzen
       ausgenommen -  war es jetzt vorderhand vorbei. Im Innern kam all-
       gemach die  alte junkerlich-bürokratische  Wirtschaft  wieder  in
       Flor; die  in bittrer  Not dem  Volk gemachten Verfassungszusagen
       wurden beharrlich  gebrochen. Aber  bei alledem kam das Bürgertum
       auch in  Preußen immer  mehr auf,  denn ohne Industrie und Handel
       war selbst der hochnäsige preußische Staat jetzt eine Null. Lang-
       sam, widerhaarig,  in homöopathischen  Dosen  mußten  ökonomische
       Konzessionen an  das Bürgertum  gemacht werden.  Und  nach  einer
       Seite  hin   boten  diese  Konzessionen  die  Aussicht,  Preußens
       "deutschen Beruf"  zu unterstützen: indem Preußen, um die fremden
       Zollgrenzen zwischen seinen beiden Hälften zu Beseitigen, die an-
       schließenden deutschen  Staaten zur  Zolleinigung einlud. So ent-
       stand der  Zollverein, bis  1830 frommer Wunsch (nur Hessen-Darm-
       stadt war  beigetreten), dann aber, bei dem etwas rascheren Tempo
       der politischen  und ökonomischen Bewegung, bald den größten Teil
       Innerdeutschlands ökonomisch  an Preußen  annektierend. [329] Die
       nichtpreußischen Küstenländer blieben bis nach 1848 noch draußen.
       Der Zollverein  war ein großer Erfolg Preußens. Daß er einen Sieg
       über den östreichischen Einfluß bedeutete, war noch das wenigste.
       Die Hauptsache  war, daß  er das  ganze Bürgertum der Mittel- und
       Kleinstaaten auf Seite Preußens stellte. Sachsen ausgenommen, war
       kein deutscher Staat vorhanden,
       
       #422# Aus dem handschriftlichen Nachlaß
       -----
       dessen Industrie  sich nur annähernd in dem Maße entwickelt hatte
       wie die  preußische; und das war nicht allein natürlichen und ge-
       schichtlichen Vorbedingungen  geschuldet, sondern auch dem größe-
       ren Zollgebiet  und innern Markt. Und je mehr der Zollverein sich
       ausbreitete und  die Kleinstaaten in diesen innern Markt aufnahm,
       desto mehr  gewöhnten sich  die angehenden Bourgeois dieser Staa-
       ten, nach  Preußen zu blicken als ihrer ökonomischen und dereinst
       auch politischen Vormacht. Und wie die Bourgeois sangen, so pfif-
       fen die  Professoren. Was  in Berlin die Hegelianer philosophisch
       konstruierten, daß  Preußen an  die Spitze Deutschlands zu treten
       berufen sei, das demonstrierten in Heidelberg die Schüler Schlos-
       sers historisch,  namentlich Hausser  und Gervinus. Dabei war na-
       türlich vorausgesetzt, daß Preußen sein ganzes politisches System
       andre, die Forderungen der Ideologen der Bourgeoisie erfülle. *)
       Alles dies  geschah aber  nicht aus  besondrer Vorliebe  für  den
       preußischen Staat,  wie etwa  die italienischen Bourgeois Piemont
       als leitenden  Staat akzeptierten,  nachdem es  sich offen an die
       Spitze der  nationalen und  konstitutionellen Bewegung  gestellt.
       Nein, es  geschah widerwillig,  die Bourgeois  nahmen Preußen als
       das kleinste  Übel: weil  Östreich sie von seinem Markt ausschloß
       und weil  Preußen, verglichen  mit östreich, immer noch einen ge-
       wissen bürgerlichen  Charakter hatte,  schon wegen  seiner finan-
       ziellen Filzigkeit. Zwei gute Einrichtungen hatte Preußen vor an-
       dern Großstaaten  voraus: die allgemeine Wehrpflicht und den all-
       gemeinen Schulzwang.  Es hatte  sie eingeführt in Zeiten verzwei-
       felter Not  und hatte  sich, in bessern Tagen, damit begnügt, sie
       durch nachlässige  Ausführung und  absichtliche Verhunzung  ihres
       unter Umständen  gefahrvollen Charakters  zu entkleiden. Aber sie
       bestanden auf dem Papier fort, und damit erhielt sich Preußen die
       Möglichkeit, die in der Volksmasse schlummernde potentielle Ener-
       gie eines  Tags in einem Grade zu entfalten, der für eine gleiche
       Volkszahl anderswo  unerreichbar blieb. Die Bourgeoisie fand sich
       in diese  beiden Einrichtungen; die persönliche Dienstpflicht der
       Einjährigen, also  der Bourgeoissöhne,  war um  1840  leicht  und
       ziemlich wohlfeil durch Bestechung zu umgehn, zumal damals in der
       Armee selbst  nur wenig Wert auf aus kaufmännischen und industri-
       ellen Kreisen rekrutierte Landwehroffiziere [401]
       ---
       *) Die "Rheinische  Zeitung"  von  1842  diskutierte  von  diesem
       Standpunkt aus  die Frage von der preußischen Hegemonie. Gervinus
       sagte mir  schon im  Sommer 1843  in Ostende:  Preußen muß an die
       Spitze Deutschlands  treten; dazu ist aber dreierlei nötig: Preu-
       ßen muß  eine Verfassung  geben, es muß Preßfreiheit geben und es
       muß eine auswärtige Politik annehmen, die Farbe hat.
       
       #423# Die Rolle der Gewalt in der Geschichte
       -----
       gelegt wurde.  Und die  vom Schulzwang noch übrige, unbestreitbar
       in Preußen  vorhandne, größere Anzahl von Leuten mit einer gewis-
       sen Summe  Elementarkenntnissen war  der Bourgeoisie  im höchsten
       Grad nützlich;  sie wurde,  mit dem  Fortschritt der großen Indu-
       strie, schließlich  sogar ungenügend. *) Die Klagen über die sich
       in starken  Steuern ausdrückenden hohen Kosten beider Einrichtun-
       gen 1*)  wurden vornehmlich  beim Kleinbürgertum laut; die empor-
       kommende Bourgeoisie rechnete sich heraus, daß die allerdings fa-
       talen, aber  unvermeidlichen künftigen Großmachtskosten reichlich
       durch die gesteigerten Profite aufgewogen würden.
       Kurz, die  deutschen Bourgeois  machten sich  über die preußische
       Liebenswürdigkeit keine Illusionen. Wenn seit 1840 die preußische
       Hegemonie bei  ihnen in Ansehn kam, so geschah dies nur, weil und
       in dem  Maß wie die preußische Bourgeoisie, infolge ihrer rasche-
       ren ökonomischen Entwicklung, wirtschaftlich und politisch an die
       Spitze der  deutschen Bourgeoisie  trat, weil  und in dem Maß wie
       die Rotteck  und Welcker  des altkonstitutionellen Südens von den
       Camphausen, Hansemann  und Milde des preußischen Nordens, die Ad-
       vokaten und Professoren von den Kaufleuten und Fabrikanten in den
       Schatten gestellt  wurden. Und  in der Tat war in den preußischen
       Liberalen der  letzten Jahre  vor 1848, namentlich in den rheini-
       schen, ein  ganz anders revolutionärer Hauch zu spüren als in den
       Kantönli-Liberalen des Südens [403]. Damals entstanden die beiden
       besten politischen Volkslieder seit dem 16. Jahrhundert, das Lied
       vom Bürgermeister Tschech und das von der Freifrau von Droste-Vi-
       schering [404],  über deren Frevelhaftigkeit sich heute dieselben
       Leute im Alter entsetzen, die 1846 flott mitsangen:
       
       Hatte je ein Mensch so'n Pech
       Wie der Bürgermeister Tschech,
       Daß er diesen dicken Mann
       Auf zwei Schritt nicht treffen kann!
       
       Aber das  sollte alles  bald anders werden. Die Februarrevolution
       kam und  die Wiener  Märztage und die Berliner Revolution vom 18.
       März. Die  Bourgeoisie hatte  gesiegt, ohne ernsthaft zu kämpfen,
       sie hatte den ernsthaften Kampf, als er kam, gar nicht einmal ge-
       wollt. Denn sie, die noch vor
       ---
       *) Noch zur  Zeit des  Kulturkampfs [402]  klagten mir rheinische
       Fabrikanten, sie  könnten sonst  vortreffliche Arbeiter  nicht zu
       Aufsehern befördern wegen Mangel genügender Schulkenntnisse. Dies
       sei besonders in den katholischen Gegenden der Fall.
       -----
       1*) Engels schrieb hier an den Rand: "Mittelschulen für die Bour-
       geoisie'
       
       #424# Aus dem handschriftlichen Nachlaß
       -----
       kurzem mit  dem Sozialismus und Kommunismus jener Zeit kokettiert
       hatte (am  Rhein namentlich),  merkte jetzt  plötzlich,  daß  sie
       nicht nur einzelne Arbeiter gezüchtet hatte, sondern eine  Arbei-
       ter k l a s s e,   ein zwar  noch halb  im Traum  befangnes, aber
       doch allmählich  erwachendes, seiner innersten Natur nach revolu-
       tionäres Proletariat.  Und dies Proletariat, das überall den Sieg
       für  die  Bourgeoisie  erkämpft  hatte,  stellte,  namentlich  in
       Frankreich, bereits  Forderungen, die  mit dem Bestand der ganzen
       bürgerlichen Ordnung  unvereinbar waren;  in Paris kam es zum er-
       sten furchtbaren  Kampf zwischen beiden Klassen am 23. Juni 1848;
       nach viertägiger  Schlacht unterlag  das Proletariat.  Von da  an
       trat die  Masse der  Bourgeoisie in ganz Europa auf die Seite der
       Reaktion, verband  sich mit  den eben  erst von ihr mit Hülfe der
       Arbeiter gestürzten  absolutistischen  Bürokraten,  Feudalen  und
       Pfaffen gegen  die Feinde der Gesellschaft, eben dieselben Arbei-
       ter.
       In Preußen  geschah dies  in der  Form, daß  die Bourgeoisie ihre
       eignen gewählten  Vertreter im  Stich ließ und ihrer Zersprengung
       durch die  Regierung im  November 1848 mit heimlicher oder offner
       Freude zusah. Das junkerlich-bürokratische Ministerium, das jetzt
       an die zehn Jahre lang in Preußen sich breitmachte, mußte zwar in
       konstitutionellen Formen  regieren, rächte  sich aber dafür durch
       ein System kleinlicher, bisher selbst in Preußen unerhörter Schi-
       kanen und Plackereien, unter dem niemand mehr zu leiden hatte als
       die Bourgeoisie. [408] Diese aber war bußfertig in sich gegangen,
       nahm die  herabregnenden Hiebe  und Tritte demütig hin als Strafe
       für ihre  einstigen revolutionären  Gelüste und lernte jetzt all-
       mählich das  denken, was  sie später aussprach: Hunde sind wir ja
       doch!
       Da kam  die Regentschaft. Um seine Königstreue zu beweisen, hatte
       Manteuffel den  Thronfolger, jetzigen  Kaiser  1*),  gradeso  mit
       Spionen umgeben  lassen, wie  jetzt Puttkamer  die Redaktion  des
       "Sozialdemokrat". Als  der Thronfolger Regent wurde, erhielt Man-
       teuffel natürlich  sofort einen  beseitigenden Fußtritt,  und die
       Neue Ära brach an. [405]. Es war nur ein Dekorationswechsel. 'Der
       Prinzregent geruhte, den Bourgeois zu erlauben, wieder liberal zü
       sein. Die Bourgeois machten mit Vergnügen Gebrauch von dieser Er-
       laubnis, bildeten sich aber ein, sie hätten jetzt das Heft in der
       Hand, der  preußische Staat  müsse nach  ihrer Pfeife tanzen. Das
       war aber keineswegs die Absicht "in maßgebenden Kreisen", wie der
       Reptilienstil lautet.  Die Armeereorganisation  sollte der  Preis
       sein, mit dem die liberalen Bourgeois die Neue Ära bezahlten. Die
       Regierung verlangte  damit nur  die Durchführung  der allgemeinen
       Wehrpflicht bis zu dem Grad, der um 1816
       -----
       1*) Wilhelm I.
       
       #425# Die Rolle der Gewalt in der Geschichte
       -----
       üblich gewesen. Vom Standpunkt der liberalen Opposition ließ sich
       dagegen absolut  nichts sagen, das nicht ihren eignen Phrasen von
       Preußens Machtstellung  und deutschem Beruf ebenfalls ins Gesicht
       geschlagen hätte.  Die liberale  Opposition knüpfte  aber an ihre
       Bewilligung die  Bedingung der gesetzlichen zweijährigen Maximal-
       dienstzeit. Dies  war an  sich ganz rationell, es frug sich aber,
       ob diese zu erzwingen sei, ob die liberale Bourgeoisie des Landes
       bereit sei,  für diese  Bedingung bis  zum äußersten, mit Gut und
       Blut einzustehn.  Die Regierung  beharrte fest  auf drei  Dienst-
       jahren, die  Kammer auf  zwei; der  Konflikt brach aus. [407] Und
       mit dem  Konflikt in  der Militärfrage  wurde die  äußere Politik
       wieder entscheidend, auch für die innere.
       Wir haben  gesehn, wie  Preußen durch  seine Haltung im Krimkrieg
       und im  italienischen Krieg  sich um den letzten Rest von Achtung
       gebracht hatte.  Diese jämmerliche  Politik fand  eine  teilweise
       Entschuldigung im schlechten Zustand der Armee. Da man auch schon
       vor 1848 ohne ständische Bewilligung keine neuen Steuern auflegen
       oder Anleihen  aufnehmen konnte, aber auch keine Stände dazu ein-
       berufen wollte,  war nie  Geld genug für die Armee vorhanden, und
       diese verkam unter der grenzenlosen Knickerei gänzlich. Der unter
       Friedrich Wilhelm  III. eingerissene  Paraden- und Gamaschengeist
       tat den Rest. Wie hülflos diese Paradearmee sich 1848 auf den dä-
       nischen Schlachtfeldern  bewies, kann  man beim  Grafen Waldersee
       nachlesen. Die Mobilmachung 1850 war ein vollständiges Fiasko; es
       fehlte an  allem, und  was vorhanden, war meist untauglich. [313]
       Dem war nun zwar durch Geldbewilligung von Seiten der Kammern ab-
       geholfen; die  Armee war  aus dem  alten Schlendrian aufgerüttelt
       worden, der  Felddienst verdrängte,  wenigstens großenteils,  den
       Paradedienst. Aber  die Stärke  der Armee war noch immer dieselbe
       wie  um   1820,  während   alle  andern   Großmächte,  namentlich
       Frankreich, von  dem grade  jetzt die Gefahr drohte, ihre Heeres-
       macht bedeutend  gesteigert hatten.  Und dabei bestand in Preußen
       allgemeine Wehrpflicht;  jeder Preuße  war Soldat auf dem Papier,
       während doch  die Bevölkerung  von 10 1/2  Millionen  (1817)  auf
       17 3/4 Millionen  (1858) gewachsen  war und  die Rahmen der Armee
       nicht hinreichten,  mehr als  ein Drittel  der wehrfähigen  Leute
       aufzunehmen und  auszubilden. Jetzt  verlangte die Regierung eine
       Verstärkung der Armee, die fast genau dem seit 1817 eingetretenen
       Bevölkerungszuwachs entsprach.  Aber dieselben liberalen Abgeord-
       neten, die  in einem fort von der Regierung verlangten, sie solle
       an die  Spitze Deutschlands  treten,  Deutschlands  Machtstellung
       nach außen  wahren, sein Ansehn unter den Nationen wiederherstel-
       len -  diese selben  Leute knickerten und schacherten und wollten
       nichts bewilligen, es sei denn
       
       #426# Aus dem handschriftlichen Nachlaß
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       auf Grund der zweijährigen Dienstzeit. Hatten sie denn die Macht,
       ihren Willen,  auf dem  sie so  hartnäckig bestanden, auch durch-
       zusetzen? Stand  denn das Volk oder auch nur die Bourgeoisie hin-
       ter ihnen, zum Losschlagen bereit?
       Im Gegenteil.  Die Bourgeoisie  jubelte ihren  Redekämpfen  gegen
       Bismarck zu, aber in Wirklichkeit organisierte sie eine Bewegung,
       die, wenn  auch unbewußt,  so doch  tatsächlich gegen die Politik
       der preußischen Kammermehrheit gerichtet war. Die Eingriffe Däne-
       marks in  die holsteinische  Verfassung, die gewaltsamen Dänisie-
       rungsversuche in  Schleswig  entrüsteten  den  deutschen  Bürger.
       [408] Von  den Großmächten  geschurigelt zu  werden, das  war  er
       gewohnt; aber von dem kleinen Dänemark Fußtritte zu erhalten, das
       entflammte seinen  Zorn. Der Nationalverein [409] wurde gebildet;
       die Bourgeoisie  grade der Kleinstaaten bildete seine Stärke. Und
       der Nationalverein, durch und durch liberal wie er war, verlangte
       vor allen Dingen nationale Einigung unter Führung Preußens, eines
       liberalen Preußens  womöglich, eines  wie immer beschaffnen Preu-
       ßens im  Notfall. Daß endlich einmal vorangemacht, daß die elende
       Stellung der  Deutschen auf  dem Weltmarkt  als Menschen  zweiter
       Klasse beseitigt,  daß Dänemark  gezüchtigt, den  Großmächten  in
       Schleswig-Holstein die  Zähne gezeigt  würden, das war es vor al-
       lem, was  der Nationalverein  forderte. Und  dabei war  jetzt die
       Forderung der  preußischen Spitze  von allen den Unklarheiten und
       Duseleien befreit,  die ihr  bis 1850 noch angehaftet hatten. Man
       wußte  ganz  genau,  daß  sie  die  Hinauswerfung  Östreichs  aus
       Deutschland, die  tatsächliche Beseitigung  der  kleinstaatlichen
       Souveränität bedeute,  und daß  beides ohne  den Bürgerkrieg  und
       ohne Teilung  Deutschlands nicht zu haben war. Aber man fürchtete
       den Bürgerkrieg nicht mehr, und die Teilung zog nur das Fazit aus
       der östreichischen  Zollabsperrung. Die  Industrie und der Handel
       Deutschlands hatten sich zu einer Höhe entwickelt, das Netz deut-
       scher Handelshäuser,  das den  Weltmarkt umspannte, war so ausge-
       breitet und  so dicht  geworden, daß  die Kleinstaaterei zu Hause
       und die Recht- und Schutzlosigkeit im Ausland nicht länger zu er-
       tragen waren.  Und während  die stärkste politische Organisation,
       die die deutsche Bourgeoisie je besessen, ihnen dies tatsächliche
       Mißtrauensvotum gab,  feilschten die Berliner Abgeordneten an der
       Dienstzeit herum!
       Das war die Lage, als Bismarck sich anschickte, in die äußere Po-
       litik tätig einzugreifen.
       Bismarck ist  Louis-Napoleon,  übersetzt  aus  dem  französischen
       abenteuernden Kronprätendenten in den preußischen Krautjunker und
       deutschen Korpsburschen. Ganz wie Louis-Napoleon ist Bismarck ein
       Mann
       
       #427# Die Rolle der Gewalt in der Geschichte
       -----
       von großem  praktischem Verstand,  und großer Schlauheit, ein ge-
       borner und  geriebner Geschäftsmann,  der unter  andern Umständen
       auf der  New-Yorker Börse den Vanderbilts und Jay Goulds den Rang
       streitig gemacht  hätte, wie  er denn  auch sein  Privatschäfchen
       hübsch ins  trockene gebracht  hat. Mit  diesem entwickelten Ver-
       stand auf  dem Gebiet des praktischen Lebens ist aber häufig eine
       entsprechende Beschränktheit  des Gesichtskreises  verknüpft, und
       hierin übertrifft  Bismarck seinen  französischen Vorgänger. Denn
       dieser hatte doch seine "napoleonischen Ideen" [410] während sei-
       ner Vagabundenzeit  sich selbst herausgearbeitet - sie waren auch
       darnach -,  während Bismarck,  wie wir  sehn werden, nie auch nur
       die Spur  einer eignen politischen Idee zustande brachte, sondern
       nur die fertigen Ideen andrer sich zurechtkombinierte. Diese Bor-
       niertheit war  aber grade  sein Glück.  Ohne sie  hätte er es nie
       fertiggebracht, die  ganze Weltgeschichte  vom spezifisch preußi-
       schen Gesichtspunkt  aus sich vorzustellen; und hatte diese seine
       stockpreußische Weltanschauung  ein Loch,  wodurch das Tageslicht
       hineindrang, so  war er  irr an seiner ganzen Mission, und es war
       aus mit  seiner Glorie.  Freilich, als er seine besondre, ihm von
       außen vorgeschriebne  Mission in  seiner Weise  erfüllt hatte, da
       war er dann auch am Ende seines Lateins; wir werden sehn, zu wel-
       chen Sprüngen er genötigt war infolge seines absoluten Mangels an
       rationellen Ideen  und seiner Unfähigkeit, die von ihm selbst ge-
       schaffne geschichtliche Lage zu begreifen.
       Wenn Louis-Napoleon  durch  seine  Vergangenheit  sich  angewöhnt
       hatte, in der Wahl seiner Mittel wenig Rücksichten zu beobachten,
       so lernte  Bismarck aus  der Geschichte  der preußischen Politik,
       namentlich der des sog. großen Kurfürsten 1*) und Friedrichs II.,
       darin noch  weniger skrupulös zu verfahren, wobei er sich das er-
       hebende Bewußtsein  erhalten konnte,  er bleibe hierin der vater-
       ländischen Tradition  getreu. Sein  Geschäftsverstand lehrte ihn,
       seine Junkergelüste  zurückzudrängen, wo  es sein mußte; als dies
       nicht mehr  nötig schien,  traten sie wieder grell hervor; es war
       dies freilich  ein Zeichen  des Niedergangs. Seine politische Me-
       thode war  die des Korpsburschen; die burlesk-wörtliche Interpre-
       tation des Bierkomments, wodurch man sich auf der Korpskneipe aus
       der Schlinge  zieht, wandte  er in  der Kammer ganz ungeniert auf
       die preußische Verfassung an; sämtliche Neuerungen, die er in die
       Diplomatie eingeführt,  sind dem Korpsstudententum entlehnt. Wenn
       aber  Louis-Napoleon  oft  in  entscheidenden  Momenten  unsicher
       wurde, wie  beim Staatsstreich  1851, wo Morny ihm positiv Gewalt
       antun mußte, damit er das Angefangne auch durchführe, und wie am
       -----
       1*) Friedrich Wilhelm
       
       #428# Aus dem handschriftlichen Nachlaß
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       Vorabend des  Kriegs 1870,  wo seine Unsicherheit ihm seine ganze
       Stellung verdarb,  so muß man Bismarck nachsagen, daß ihm das nie
       passiert ist.  Den hat  seine Willenskraft nie im Stich gelassen;
       viel eher schlug sie in offne Brutalität um. Und hierin vor allem
       liegt das  Geheimnis seiner  Erfolge. Sämtlichen  in  Deutschland
       herrschenden Klassen,  Junkern wie Bourgeois, ist der letzte Rest
       von Energie  so sehr  abhanden gekommen,  es ist  im "gebildeten"
       Deutschland so  sehr Sitte  geworden, keinen Willen zu haben, daß
       der einzige Mann unter ihnen, der wirklich noch einen Willen hat,
       eben dadurch zu ihrem größten Mann und zum Tyrannen über sie alle
       geworden ist,  vor dem  sie wider beßres Wissen und Gewissen, wie
       sie selbst es nennen, bereitwillig "über den Stock springen". Al-
       lerdings, im  "ungebildeten" Deutschland  ist man  noch nicht  so
       weit; das  Arbeitervolk hat gezeigt, daß es einen Willen hat, mit
       dem auch der starke Wille Bismarcks nicht fertig wird.
       Eine brillante Laufbahn lag vor unserm altmärkischen Junker, wenn
       er nur  Mut und Verstand hatte zuzugreifen. War nicht Louis-Napo-
       leon der  Abgott der  Bourgeoisie grade  dadurch geworden, daß er
       ihr Parlament  zersprengt, aber  ihre Profite  erhöht hatte?  Und
       hatte Bismarck  nicht dieselben  Geschäftstalente, die  die Bour-
       geois so  sehr an  dem falschen  Napoleon bewunderten? Zog es ihn
       nicht nach  seinem Bleichröder  wie  Louis-Napoleon  nach  seinem
       Fould? Lag nicht 1864 in Deutschland ein Widerspruch vor zwischen
       den Bourgeoisvertretern  in der Kammer, die an der Dienstzeit ab-
       knickern wollten,  und den  Bourgeois draußen  im Nationalverein,
       die um jeden Preis nationale Taten wollten, Taten, wozu man Mili-
       tär braucht? Ein ganz ähnlicher Widerspruch wie der in Frankreich
       1851 zwischen den Bourgeois in der Kammer, die die Macht des Prä-
       sidenten im  Zaum halten, und den Bourgeois draußen, die Ruhe und
       starke Regierung  wollten, Ruhe  um jeden Preis - und welchen Wi-
       derspruch Louis-Napoleon  gelöst hatte,  indem er die Parlaments-
       krakeeler zersprengte und der Masse der Bourgeois Ruhe gab? Lagen
       die Dinge in Deutschland nicht noch viel sichrer für einen kühnen
       Griff? War nicht der Reorganisationsplan fix und fertig geliefert
       von der Bourgeoisie, und verlangte nicht sie selbst laut nach dem
       energischen preußischen  Staatsmann, der  ihren  Plan  ausführen,
       Östreich von  Deutschland ausschließen,  die  Kleinstaaten  unter
       Preußens Vorherrschaft  einigen sollte?  Und wenn  man dabei  die
       preußische Verfassung  etwas unsanft  behandeln, die Ideologen in
       und außerhalb  der Kammer nach Verdienst beiseite schieben mußte,
       konnte man  nicht, wie  Louis Bonaparte,  sich auf das allgemeine
       Stimmrecht stützen  ? Was konnte demokratischer sein als die Ein-
       führung des allgemeinen Stimmrechts? Hatte Louis-Napoleon nicht
       
       #429# Die Rolle der Gewalt in der Geschichte
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       seine gänzliche Gefahrlosigkeit - bei richtiger Behandlung - dar-
       getan? Und bot nicht grade dies allgemeine Stimmrecht das Mittel,
       an die  großen Volksmassen  zu appellieren,  ein bißchen  mit der
       neuerstehenden sozialen  Bewegung zu  kokettieren, wenn die Bour-
       geoisie sich widerhaarig erwies?
       Bismarck griff  zu. Es galt, den Staatsstreich Louis-Napoleons zu
       wiederholen, der  deutschen Bourgeoisie  die wirklichen Machtver-
       hältnisse handgreiflich  klarzumachen, ihre  liberalen Selbsttäu-
       schungen gewaltsam  zu zersprengen, aber ihre mit den preußischen
       Wünschen zusammenfallenden  nationalen Forderungen durchzuführen.
       Zunächst bot  Schleswig-Holstein die  Handhabe zum  Handeln.  Das
       Terrain der  auswärtigen Politik  war vorbereitet.  Der russische
       Zar 1*)  war durch  die von  Bismarck 1863 gegen die insurgierten
       Polen geleisteten  Schergendienste gewonnen [411]; Louis-Napoleon
       war ebenfalls  bearbeitet worden  und konnte  seine Gleichgültig-
       keit, wo  nicht seine stille Begünstigung der Bismarckschen Pläne
       durch sein  geliebtes  "Nationalitätsprinzip"  entschuldigen;  in
       England war  Palmerston Premierminister,  hatte aber  den kleinen
       Lord John  Russell nur  zu dem  Zweck ins auswärtige Amt gesetzt,
       damit er  sich dort  recht lächerlich  mache, östreich  aber  war
       Preußens Konkurrent  um  die  Vorherrschaft  in  Deutschland  und
       durfte sich grade in dieser Angelegenheit um so weniger von Preu-
       ßen den Rang ablaufen lassen, als es 1850 und 1851 als Büttel des
       Kaisers Nikolaus  in Schleswig-Holstein  sich in der Tat noch ge-
       meiner benommen hatte als selbst Preußen. [412] Die Lage war also
       äußerst günstig.  So sehr  Bismarck Östreich  haßte, und  so gern
       Östreich an  Preußen hinwiederum  sein Mütchen  gekühlt hätte, so
       blieb ihnen beim Tod Friedrichs VII. von Dänemark doch nichts an-
       dres übrig,  als gemeinsam  - unter  stillschweigender russischer
       und französischer  Erlaubnis - gegen Dänemark einzuschreiten. Der
       Erfolg war  im voraus  gesichert, solange  Europa neutral  blieb;
       dies war  der Fall, die Herzogtümer wurden erobert und im Frieden
       abgetreten [413].
       Preußen hatte  bei diesem Krieg den Nebenzweck gehabt, seine seit
       1850 nach  neuen Grundsätzen ausgebildete und 1860 reorganisierte
       und verstärkte  Armee vor  dem Feind zu versuchen. Sie hatte sich
       über alles  Erwarten gut bewährt, und zwar in den verschiedensten
       Kriegslagen. Daß das Zündnadelgewehr dem Vorderlader weit überle-
       gen sei  und daß  man verstehe,  es richtig zu gebrauchen, bewies
       das Gefecht  bei Lyngby  in Jutland, wo 80 hinter einem Knick po-
       stierte Preußen durch ihr Schnellfeuer die dreifache Anzahl Dänen
       in die Flucht schlugen. Gleichzeitig hatte man
       -----
       1*) Alexander II.
       
       #430# Aus dem handschriftlichen Nachlaß
       -----
       Gelegenheit zu bemerken, wie die Östreicher aus dem italienischen
       Kriege und  der Fechtart der Franzosen nur die Lehre gezogen hat-
       ten, das  Schießen tauge  nichts, der  wahre Soldat müsse alsbald
       mit dem  Bajonett den  Feind werfen,  und schrieb sich das hinter
       die Ohren,  da man  sich eine  willkommnere feindliche Taktik vor
       den Mündungen  der Hinterlader  gar nicht wünschen konnte. Und um
       die Östreicher  baldmöglichst instand  zu  setzen,  sich  hiervon
       praktisch zu überzeugen, überantwortete man beim Frieden die Her-
       zogtümer der  gemeinsamen Souveränität  Östreichs  und  Preußens,
       schuf also  eine rein provisorische Lage, die Konflikte über Kon-
       flikte erzeugen  mußte und  es dadurch  ganz  in  Bismarcks  Hand
       legte, wann  er einen  solchen Konflikt  zu seinem großen Streich
       gegen Östreich benutzen wollte. Bei der Sitte der preußischen Po-
       litik, eine  günstige Situation  "rücksichtslos bis aufs äußerste
       auszunutzen", wie  Herr von  Sybel das  nennt, war  es selbstver-
       ständlich, daß  unter dem Vorwand der Befreiung Deutscher von dä-
       nischem Druck an 200 000 dänische Nordschleswiger mit an Deutsch-
       land annektiert  wurden. Wer  aber  leer  ausging,  das  war  der
       schleswig-holsteinische Thronkandidat  der Kleinstaaten  und  der
       deutschen Bourgeoisie, der Herzog von Augustenburg.
       So hatte  Bismarck in  den Herzogtümern der deutschen Bourgeoisie
       ihren Willen  gegen ihren  Willen getan.  Er hatte die Dänen ver-
       trieben, hatte  dem Ausland  Trotz geboten, und das Ausland hatte
       sich nicht  gerührt. Aber  die Herzogtümer,  kaum befreit, wurden
       als erobertes  Land behandelt, gar nicht um ihren Willen befragt,
       sondern kurzerhand zwischen östreich und Preußen provisorisch ge-
       teilt. Preußen war wieder eine Großmacht geworden, war nicht mehr
       das fünfte  Rad am europäischen Wagen; die Erfüllung der nationa-
       len Wünsche der Bourgeoisie war im besten Zuge, aber der gewählte
       Weg war  nicht  der  liberale  der  Bourgeoisie.  Der  preußische
       Militärkonflikt dauerte  also fort, wurde sogar immer unlösbarer.
       Der zweite  Akt der  Bismarckschen Haupt-  und Staatsaktion mußte
       eingeleitet werden.
                                   ---
       Der dänische  Krieg  hatte  einen  Teil  der  nationalen  Wünsche
       erfüllt. Schleswig-Holstein  war "befreit",  das  Warschauer  und
       Londoner Protokoll,  worin die  Großmächte Deutschlands Erniedri-
       gung vor  Dänemark besiegelt  [414], war  ihnen zerrissen vor die
       Füße geworfen, und sie hatten nicht gemuckt, Östreich und Preußen
       standen wieder  zusammen, die Truppen beider hatten nebeneinander
       gesiegt, und  kein Potentat  dachte mehr  daran, deutsches Gebiet
       anzutasten. Louis-Napoleons  Rheingelüste, bisher durch anderwei-
       tige Beschäftigung - die italienische Revolution, den polnischen
       
       #431# Die Rolle der Gewalt in der Geschichte
       -----
       Aufstand, die  dänischen Verwicklungen,  endlich den Zug nach Me-
       xiko [415] - in den Hintergrund gedrängt, hatten jetzt keine Aus-
       sicht mehr.  Für einen  konservativen preußischen  Staatsmann war
       also die  Weltlage nach außen hin ganz nach Wunsch. Aber Bismarck
       war bis  1871 nie,  und damals erst recht nicht, konservativ, und
       die deutsche Bourgeoisie war keineswegs befriedigt.
       Das deutsche Bürgertum bewegte sich nach wie vor in dem bekannten
       Widerspruch. Einerseits  verlangte es die ausschließliche politi-
       sche Macht für sich, d.h. für ein aus der liberalen Kammermajori-
       tät gewähltes  Ministerium; und  ein  solches  Ministerium  hätte
       einen zehnjährigen  Kampf mit dem durch die Krone vertretenen al-
       ten System zu führen gehabt, bis seine neue Machtstellung defini-
       tiv anerkannt  war; also  zehn Jahre  innerer Schwächung. Andrer-
       seits aber  forderte es  eine revolutionäre Umgestaltung Deutsch-
       lands, die nur durch die Gewalt, also nur durch eine tatsächliche
       Diktatur, durchführbar  war. Und  dabei hatte  das Bürgertum  von
       1848 an  Schlag auf  Schlag, in  jedem entscheidenden Moment, den
       Beweis geliefert,  daß es auch nicht die Spur der nötigen Energie
       besaß, um, sei es das eine, sei es das andre, durchzusetzen - ge-
       schweige beides.  Es gibt  in der  Politik nur zwei entscheidende
       Mächte: die organisierte Staatsgewalt, die Armee, und die unorga-
       nisierte, elementare Gewalt der Volksmassen. An die Massen zu ap-
       pellieren, hatte  das Bürgertum  1848 verlernt;  es fürchtete sie
       noch mehr  als den  Absolutismus. Die Armee aber stand keineswegs
       zu seiner Verfügung. Wohl aber zur Verfügung Bismarcks.
       Bismarck hatte  in dem  noch andauernden  Verfassungskonflikt die
       parlamentarischen Forderungen  der Bourgeoisie  aufs äußerste be-
       kämpft. Aber er brannte vor Begierde, ihre nationalen Forderungen
       durchzuführen; stimmten  sie doch  mit den geheimsten Herzenswün-
       schen der  preußischen Politik.  Wenn er jetzt nochmals der Bour-
       geoisie gegen  ihren Willen  den Willen tat, wenn er die Einigung
       Deutschlands, wie die Bourgeoisie sie formuliert hatte, zur Wahr-
       heit machte,  so war  der Konflikt von selbst beseitigt, und Bis-
       marck mußte  ebenso der Abgott der Bourgeois werden wie sein Vor-
       bild Louis-Napoleon.
       Die Bourgeoisie lieferte ihm das Ziel, Louis-Napoleon den Weg zum
       Ziel; die Ausführung allein blieb Bismarcks Werk.
       Um Preußen an die Spitze Deutschlands zu stellen, mußte man nicht
       nur östreich  mit Gewalt  aus dem  Deutschen Bunde [175] treiben,
       sondern auch  die Kleinstaaten  unterwerfen. Ein solcher frischer
       fröhlicher Krieg  [418]  Deutscher  gegen  Deutsche  war  in  der
       preußischen Politik  ja von  jeher das Hauptmittel der Gebietser-
       weiterung gewesen; vor so etwas fürchtete sich
       
       #432# Aus dem handschriftlichen Nachlaß
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       kein braver Preuße. Ebensowenig konnte das zweite Hauptmittel ir-
       gendwie Bedenken  erregen: die  Allianz mit  dem  Auslande  gegen
       Deutsche. Den  sentimentalen Alexander  von Rußland  hatte man in
       der Tasche.  Louis-Napoleon hatte den piemontesischen Beruf Preu-
       ßens in  Deutschland nie  verkannt und  war ganz bereit, mit Bis-
       marck ein Geschäftchen zu machen. Konnte er, was er brauchte, auf
       friedlichem Weg  erhalten, in der Form von Kompensationen, so zog
       er das  vor. Auch  brauchte er ja nicht das ganze linke Rheinufer
       auf einmal;  gab man es ihm stückweise, je einen Streifen für je-
       den neuen  Vorschritt Preußens,  so war das weniger auffällig und
       führte doch  zum Ziel.  Wog doch  in den  Augen der französischen
       Chauvins eine  Quadratmeile am  Rhein ganz Savoyen und Nizza auf.
       Mit Louis-Napoleon  wurde also  verhandelt, seine  Erlaubnis  zur
       Vergrößerung Preußens  und zu  einem Norddeutschen Bund [177] er-
       wirkt. Daß  ihm dafür ein Stück deutsches Gebiet am Rhein angebo-
       ten worden,  ist außer  Zweifel 1*); in den Verhandlungen mit Go-
       vone sprach  Bismarck von  Rheinbayern und  Rheinhessen. [417] Er
       hat dies  zwar nachher abgeleugnet. Aber ein Diplomat, namentlich
       ein preußischer, hat seine eignen Ansichten über die Grenzen, in-
       nerhalb deren  man berechtigt  oder sogar  verpflichtet ist,  der
       Wahrheit gelinde  Gewalt anzutun. Die Wahrheit ist ja ein Frauen-
       zimmer, hat's  also, nach  der Junkervorstellung, eigentlich ganz
       gern. Louis-Napoleon war nicht so dumm, die Vergrößerung Preußens
       zu gestatten,  ohne daß  Preußen ihm Kompensation versprach; eher
       hätte Bleichröder  Geld ohne  Zinsen ausgeliehen.  Aber er kannte
       seine Preußen  nicht genug  und wurde  schließlich doch geprellt.
       Kurz und gut, nachdem er sicher gemacht war, verband man sich mit
       Italien zum "Stoß ins Herz".
       Der Philister  verschiedner Länder  hat sich über diesen Ausdruck
       tief entrüstet.  Ganz mit Unrecht. + la guerre comme à la guerre.
       2*) Der Ausdruck beweist bloß, daß Bismarck den deutschen Bürger-
       krieg 1866  [418] für  das erkannte,  was er  war,  nämlich  eine
       R e v o l u t i o n,   und daß  er bereit  war, diese  Revolution
       durchzusetzen mit  revolutionären Mitteln.  Und das  tat er. Sein
       Verfahren gegenüber  dem Bundestag  war revolutionär.  Statt sich
       der verfassungsmäßigen  Entscheidung der Bundesbehörden zu unter-
       werfen, warf  er ihnen  Bundesbruch vor  - eine  reine Ausrede -,
       sprengte den  Bund, proklamierte  eine neue  Verfassung mit einem
       durch das revolutionäre allgemeine Stimmrecht gewählten Reichstag
       und verjagte  schließlich den  Bundestag aus  Frankfurt. [419] In
       Oberschlesien richtete er eine ungarische
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       1*) Engels schrieb  hier mit  Bleistift an  den Rand:  "Teilung -
       Mainlinie" (siehe vorl. Band, S. 436) - 2*) Krieg ist Krieg.
       
       #433# Die Rolle der Gewalt in der Geschichte
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       Legion ein unter dem Revolutionsgeneral Klapka und andern Revolu-
       tionsoffizieren,  deren  Mannschaft,  ungarische  Überläufer  und
       Kriegsgefangene, Krieg  führen sollten gegen ihren eignen legiti-
       men Kriegsherrn.  1*) Nach Eroberung Böhmens erließ Bismarck eine
       Proklamation "an die Bewohner des glorreichen Königreichs Böhmen"
       [420], deren Inhalt den Traditionen der Legitimität ebenfalls arg
       ins Gesicht schlug. Im Frieden nahm er für Preußen die sämtlichen
       Besitzungen dreier  legitimer deutscher  Bundesfürsten und  einer
       Freien Stadt weg [176], ohne daß diese Verjagung von Fürsten, die
       nicht minder "von Gottes Gnaden" waren als der König von Preußen,
       sein christliches  und legitimistisches  Gewissen  irgendwie  be-
       schwerten. Kurz, es war eine vollständige Revolution, mit revolu-
       tionären Mitteln  durchgeführt. Wir  sind natürlich  die letzten,
       ihm daraus einen Vorwurf zu machen. Was wir ihm vorwerfen, ist im
       Gegenteil, daß  er nicht  revolutionär genug,  daß er nur preußi-
       scher Revolutionär von oben war, daß er eine ganze Revolution an-
       fing in  einer Stellung, wo er nur eine halbe durchführen konnte,
       daß er,  einmal auf  der Bahn  der Annexionen,  mit vier lumpigen
       Kleinstaaten zufrieden war.
       Nun aber kam der kleine Napoleon hinterdrein gehinkt und forderte
       seinen Lohn.  Er hätte während des Kriegs am Rhein nehmen können,
       was ihm gefiel; nicht nur das Land, auch die Festungen waren ent-
       blößt. Er  zauderte; er erwartete einen langwierigen, beide Teile
       ermattenden Krieg - und nun kamen diese raschen Schläge, die Nie-
       derwerfung Östreichs  binnen acht Tagen. Er forderte zuerst - was
       Bismarck dem  General Govone  als mögliches  Entschädigungsgebiet
       bezeichnet -  Rheinbayern und  Rheinhessen mit  Mainz.  Das  aber
       konnte Bismarck  jetzt nicht  mehr geben,  selbst wenn er gewollt
       hätte. Die  gewaltigen Erfolge  des Kriegs  hatten ihm  neue Ver-
       pflichtungen auferlegt.  In dem  Augenblick, wo  Preußen sich zum
       Schutz und  Schirm Deutschlands  aufwarf,  konnte  es  nicht  den
       Schlüssel des  Mittelrheins, Mainz,  an das Ausland verschachern.
       Bismarck schlug ab. Louis-Napoleon ließ mit sich handeln; er ver-
       langte nur  noch Luxemburg, Landau, Saarlouis und das Saarbrücker
       Kohlenrevier. Aber auch dies konnte Bismarck nicht mehr abtreten,
       um so  weniger, als  hier  auch  preußisches  Gebiet  beansprucht
       wurde. Warum  hatte Louis-Napoleon  nicht selbst zugegriffen, zur
       rechten Zeit, als die Preußen in Böhmen festsaßen? Genug, aus den
       Kompensationen für  Frankreich wurde nichts. Daß das einen späte-
       ren Krieg  mit Frankreich bedeutete, wußte Bismarck; aber das war
       ihm grade recht.
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       1*) Engels schrieb hier mit Bleistift an den Rand: "Eid!"
       
       #434# Aus dem handschriftlichen Nachlaß
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       Inden Friedensschlüssen  nutzte Preußen diesmal die günstige Lage
       nicht so  rücksichtslos aus,  als dies sonst, im Glück, seine Ge-
       wohnheit war. Und aus guten Gründen. Sachsen und Hessen-Darmstadt
       wurden in  den neuen  Norddeutschen Bund gezogen und wurden schon
       deshalb geschont. Bayern, Württemberg und Baden mußten glimpflich
       behandelt werden,  weil Bismarck  die geheimen Schutz- und Trutz-
       bündnisse mit  ihnen abzuschließen  hatte. Und  Östreich -  hatte
       nicht Bismarck  ihm einen Dienst erwiesen, indem er die traditio-
       nellen Verwicklungen  zerhieb, die  es an Deutschland und Italien
       fesselten? Hatte er ihm nicht erst jetzt die lang erstrebte unab-
       hängige Großmachtstellung  verschafft? Hatte  er nicht in der Tat
       besser gewußt als östreich selbst, was Östreich diente, als er es
       in Böhmen besiegte? Mußte nicht östreich bei richtiger Behandlung
       einsehn, daß  die geographische Lage, die gegenseitige Verschrän-
       kung beider  Länder, das  preußisch-geeinte Deutschland zu seinem
       notwendigen und natürlichen Bundesgenossen machte?
       So kam es, daß Preußen zum erstenmal seit seinem Bestehn sich mit
       dem Schimmer  der Großmut umgeben konnte, weil es - mit der Wurst
       nach dem Schinken warf.
       Nicht nur  Östreich war  auf den  böhmischen Schlachtfeldern  ge-
       schlagen -  die deutsche  Bourgeoisie war es auch. Bismarck hatte
       ihr bewiesen,  daß er  besser wußte,  was ihr  frommte,  als  sie
       selbst. An  eine Fortführung  des Konflikts von seiten der Kammer
       war nicht  zu denken. Die liberalen Ansprüche der Bourgeoisie wa-
       ren auf lange Zeit begraben, aber ihre nationalen Forderungen er-
       füllten sich von Tag zu Tag mehr. Mit einer ihr selbst verwunder-
       lichen Raschheit  und Genauigkeit  führte Bismarck ihr nationales
       Programm aus.  Und nachdem  er ihr  ihre Schlaffheit und Energie-
       losigkeit und  damit ihre  totale  Unfähigkeit  zur  Durchführung
       ihres eignen  Programms handgreiflich  in corpore  vili, an ihrem
       eignen schäbigen  Leibe dargetan,  spielte er  auch ihr gegenüber
       den Großmütigen und kam bei der nun tatsächlich entwaffneten Kam-
       mer um  Indemnität ein wegen der verfassungswidrigen Konfliktsre-
       gierung. Zu  Tränen gerührt,  bewilligte sie der nunmehr harmlose
       Fortschritt. [421]
       Trotzdem wurde die Bourgeoisie daran erinnert, daß sie bei König-
       grätz [422]  mit besiegt  war. Die  norddeutsche Bundesverfassung
       wurde nach  der Schablone  der durch den Konflikt authentisch in-
       terpretierten preußischen Verfassung zugeschnitten. Steuerverwei-
       gerung war  verboten. Der Bundeskanzler und seine Minister wurden
       vom König von Preußen ernannt, unabhängig von jeder parlamentari-
       schen Majorität.  Die durch den Konflikt sichergestellte Unabhän-
       gigkeit der Armee vom Parlament wurde
       
       #435# Die Rolle der Gewalt in der Geschichte
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       auch gegenüber  dem Reichstag festgehalten. Dafür aber hatten die
       Mitglieder dieses  Reichstags das  erhebende Bewußtsein,  daß sie
       durch allgemeines  Stimmrecht gewählt  waren. An  diese  Tatsache
       wurden sie  auch, und  zwar in unangenehmer Weise, erinnert durch
       den Anblick  der zwei Sozialisten 1*), die mitten unter ihnen sa-
       ßen. Zum erstenmal erschienen sozialistische Abgeordnete, Vertre-
       ter des Proletariats, in einer parlamentarischen Körperschaft. Es
       war ein unheildrohendes Zeichen.
       Zunächst war  das alles  nicht von Bedeutung. Es kam jetzt darauf
       an, die  neue Reichseinheit  wenigstens des  Nordens im Interesse
       der Bourgeoisie  auszubauen und  auszubeuten und dadurch auch die
       süddeutschen Bourgeois  in den  neuen Bund zu locken. Die Bundes-
       verfassung entzog die ökonomisch wichtigsten Verhältnisse der Ge-
       setzgebung den Einzelstaaten und wies ihre Regelung dem Bunde zu:
       gemeinsames Bürgerrecht und Freizügigkeit im ganzen Bundesgebiet,
       Heimatsberechtigung, Gesetzgebung  über Gewerbe,  Handel,  Zölle,
       Schiffahrt, Münzen,  Maß und Gewicht, Eisenbahnen, Wasserstraßen,
       Post und Telegraphen, Patente, Banken, die ganze auswärtige Poli-
       tik,  Konsulate,   Handelsschutz  im  Ausland,  Medizinalpolizei,
       Strafrecht, Gerichtsverfahren etc. Die meisten dieser Gegenstände
       wurden nun rasch, und im ganzen in liberaler Weise, durch Gesetze
       geordnet. Und  so wurden  denn endlich - endlich! die schlimmsten
       Auswüchse der  Kleinstaaterei beseitigt,  diejenigen, die  einer-
       seits der  kapitalistischen Entwicklung,  andrerseits dem preußi-
       schen Herrschergelüst  am meisten  den Weg  versperrten. Das  war
       aber keine  welthistorische Errungenschaft, wie der jetzt chauvi-
       nistisch werdende  Bourgeois ausposaunte, sondern eine sehr, sehr
       späte und  unvollkommne Nachahmung  dessen, was  die Französische
       Revolution schon  siebzig Jahre früher getan, und was alle andern
       Kulturstaaten längst eingeführt. Statt zu prahlen, hätte man sich
       schämen sollen, daß das "hochgebildete" Deutschland hiermit zual-
       lerletzt kam.
       Während dieser  ganzen Zeit des Norddeutschen Bundes kam Bismarck
       der Bourgeoisie auf wirtschaftlichem Gebiet bereitwillig entgegen
       und zeigte  auch in  der Behandlung parlamentarischer Machtfragen
       die eiserne  Faust nur  im samtnen  Handschuh. Es war seine beste
       Periode; man  konnte stellenweise  zweifeln an  seiner spezifisch
       preußischen Borniertheit, an seiner Unfähigkeit einzusehn, daß es
       in der Weltgeschichte noch andre und stärkere Mächte gibt als Ar-
       meen und auf sie gestützte Diplomatenschliche.
       Daß der  Friede mit  östreich den  Krieg mit Frankreich im Schöße
       trug, wußte  Bismarck nicht  nur, er wollte es auch. Dieser Krieg
       sollte grade das
       -----
       1*) August Bebel und Wilhelm Liebknecht
       
       #436# Aus dem handschriftlichen Nachlaß
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       Mittel bieten  zur Vollendung  des ihm  von der  deutschen  Bour-
       geoisie vorgeschriebenen  preußisch-deutschen Reichs. *) Die Ver-
       suche, das  Zollparlament [424] allmählich in einen Reichstag um-
       zuwandeln und  so die Südstaaten nach und nach in den Nordbund zu
       ziehn, scheiterten  an dem lauten Ruf der süddeutschen Abgeordne-
       ten: Keine  Kompetenzerweiterung! Die  Stimmung der eben noch auf
       dem Schlachtfeld  besiegten Regierungen  war nicht günstiger. Nur
       ein neuer,  handgreiflicher Beweis, daß Preußen, ihnen gegenüber,
       übermächtig, aber  auch mächtig genug sei, sie zu schützen - also
       nur ein  neuer, gemeindeutscher Krieg konnte den Moment der Kapi-
       tulation rasch  herbeiführen. Und dann war die scheidende Mainli-
       nie [425], nachdem sie im stillen zwischen Bismarck und Louis-Na-
       poleon vorher vereinbart, nach den Siegen doch scheinbar von die-
       sem den  Preußen aufgenötigt  worden; Einigung mit Süddeutschland
       war also Verletzung des diesmal den Franzosen förmlich zugestand-
       nen Rechts auf die Zersplitterung Deutschlands, war Kriegsfall.
       Inzwischen mußte  Louis-Napoleon suchen,  ob er nicht irgendwo an
       der deutschen Grenze einen Landfetzen fände, den er als Kompensa-
       tion für  Sadowa einheimse.  Bei der Neubildung des Norddeutschen
       Bundes war  Luxemburg ausgeschlossen  worden, war  also jetzt ein
       mit Holland  in Personalunion befindlicher, aber sonst ganz unab-
       hängiger Staat.  Dabei war es ungefähr ebenso französiert wie das
       Elsaß und  hatte entschieden  weit mehr  Hinneigung zu Frankreich
       als zu dem positiv gehaßten Preußen.
       Luxemburg ist  ein schlagendes  Exempel davon, was die politische
       Misere Deutschlands  seit dem Mittelalter aus den deutsch-franzö-
       sischen Grenzländern  gemacht hat,  und um  so  schlagender,  als
       Luxemburg bis  1866 nominell  zu Deutschland gehört hat. Bis 1830
       aus einer  französischen und  einer deutschen  Hälfte zusammenge-
       setzt, hatte  auch der  deutsche Teil  schon früh den Einfluß der
       überlegnen französischen  Kultur über  sich ergehen  lassen.  Die
       luxemburgischen deutschen  Kaiser [426]  waren nach  Sprache  und
       Bildung Franzosen.  Seit der  Einverleibung in  die burgundischen
       Lande
       ---
       *) Schon vor  dem östreichischen  Krieg interpelliert  von  einem
       mittelstaatlichen Minister  wegen seiner  demagogischen deutschen
       Politik, antwortete Bismarck diesem, er werde trotz aller Phrasen
       Östreich aus  Deutschland hinauswerfen  und den  Bund sprengen. -
       "Und die  Mittelstaaten, glauben  Sie, daß die dabei ruhig zusehn
       werden?" - "Ihr Mittelstaaten, Ihr werdet gar nichts tun." - "Und
       was soll  dann aus  den Deutschen  werden?" - "Dann führe ich sie
       nach Paris  und mache  sie dort einig." (Erzählt in Paris vor dem
       östr[eichischen] Krieg  von besagtem  Mittelstaatsmann  und  ver-
       öffentlicht während  jenes Kriegs  im "Manchester Guardian" [423]
       von seiner Pariser Korrespondentin, Frau Crawford.)
       
       #437# Die Rolle der Gewalt in der Geschichte
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       (1440) blieb Luxemburg, wie die übrigen Niederlande, in nur nomi-
       nellem Verband mit Deutschland; daran änderte auch seine Aufnahme
       in den  Deutschen Bund  1815 nichts. Nach 1830 fiel der französi-
       sche Teil  und noch  ein hübscher Streifen des deutschen Teils an
       Belgien. Aber  in dem  noch übrigen Deutsch-Luxemburg blieb alles
       auf französischem  Fuß :  die Gerichte, die Behörden, die Kammer,
       alles verhandelte französisch, alle öffentlichen und privaten Ak-
       tenstücke, alle Geschäftsbücher wurden französisch abgefaßt, alle
       Mittelschulen unterrichteten auf Französisch, die gebildete Spra-
       che war  und blieb  Französisch -  natürlich ein Französisch, das
       unter der  Last der  hochdeutschen  Lautverschiebung  ächzte  und
       keuchte. Kurzum,  in Luxemburg  wurden zwei  Sprachen gesprochen:
       ein rheinfränkischer  Volksdialekt und  Französisch,  aber  Hoch-
       deutsch blieb  eine fremde  Sprache. Die  preußische Garnison der
       Hauptstadt machte  das alles  eher schlimmer  als besser. Das ist
       beschämend genug  für Deutschland,  aber es  ist wahr.  Und diese
       freiwillige Französierung  Luxemburgs stellt  auch die  ähnlichen
       Vorgänge im  Elsaß und in Deutsch-Lothringen erst in das richtige
       Licht.
       Der König  von Holland  1*),  souveräner  Herzog  von  Luxemburg,
       konnte bares  Geld sehr gut gebrauchen und ließ sich bereitfinden
       zum Verkauf  des Herzogtums  an Louis-Napoleon.  Die  Luxemburger
       hätten unbedingt ihre Einverleibung in Frankreich genehmigt - Be-
       weis ihre  Haltung im Kriege 1870. Preußen konnte völkerrechtlich
       nichts einwenden,  da es  selbst die Ausschließung Luxemburgs aus
       Deutschland bewirkt  hatte. Seine Truppen lagen in der Hauptstadt
       als Bundesgarnison  einer deutschen  Bundesfestung; sobald Luxem-
       burg aufhörte,  Bundesfestung zu sein, hatten sie dort kein Recht
       mehr. Warum aber gingen sie nicht heim, warum konnte Bismarck die
       Annexion nicht zugeben?
       Einfach, weil jetzt die Widersprüche an den Tag traten, in die er
       sich verwickelt  hatte.   V o r  1866 war Deutschland für Preußen
       noch reines  Annexationsgebiet, worin  man sich  mit dem  Ausland
       teilen  mußte.     N a c h    1866  war  Deutschland  preußisches
       S c h u t z g e b i e t   geworden,  das  man  vor  ausländischen
       Krallen zu  verteidigen hatte.  Allerdings hatte man, aus preußi-
       schen Rücksichten, ganze Stücke Deutschlands aus dem neugegründe-
       ten sogenannten  Deutschland ausgeschlossen.  Aber das  Recht der
       deutschen Nation  auf ihr  eignes Gesamtgebiet  legte  jetzt  der
       Krone Preußen  die Pflicht  auf, die  Einverleibung dieser Stücke
       des alten  Bundesgebiets in  fremde Staaten  zu verhindern, ihnen
       für die  Zukunft den  Anschluß an  den neuen  preußisch-deutschen
       Staat offenzuhalten. Deshalb hatte Italien an der
       ---
       1*) Wilhelm III.
       
       #438# Aus dem handschriftlichen Nachlaß
       -----
       Tiroler Grenze  haltgemacht [427]  deshalb durfte jetzt Luxemburg
       nicht an Louis-Napoleon übergehn. Eine wirklich revolutionäre Re-
       gierung konnte  das offen  verkündigen. Nicht  so  der  königlich
       preußische Revolutionär,  der es  endlich  fertiggebracht  hatte,
       Deutschland in  einen  Metternichschen  "geographischen  Begriff"
       [428] zu verwandeln. Er hatte sich völkerrechtlich selbst ins Un-
       recht gesetzt  und konnte  sich nur helfen durch Anwendung seiner
       beliebten Korpskneipeninterpretation auf das Völkerrecht.
       Wenn er damit nicht gradezu ausgelacht wurde, so kam dies nur da-
       her, daß  Louis-Napoleon im  Frühjahr 1867  noch  keineswegs  für
       einen großen  Krieg bereit war. Man einigte sich auf der Londoner
       Konferenz. Die  Preußen räumten  Luxemburg; die Festung wurde ge-
       schleift, das Herzogtum neutral erklärt. [429] Der Krieg war wie-
       der vertagt.
       Louis-Napoleon konnte  sich dabei  nicht beruhigen. Die Machtver-
       größerung Preußens war ihm ganz recht, sobald er nur die entspre-
       chenden Kompensationen  am Rhein  erhielt. Er  wollte mit wenigem
       zufrieden sein;  auch davon  hatte er  noch abgelassen,  aber  er
       hatte gar nichts erhalten, war vollständig geprellt. Ein bonapar-
       tistisches Kaisertum  in Frankreich war aber nur möglich, wenn es
       die Grenze  allmählich gegen  den  Rhein  zu  vorschob  und  wenn
       Frankreich -  in der  Wirklichkeit oder  doch in der Einbildung -
       Schiedsrichter Europas  blieb. Die  Grenzverschiebung war mißlun-
       gen, die Schiedsrichterstellung war bereits bedroht, die bonapar-
       tistische Presse  schrie laut  nach Revanche  für Sadowa  -  wenn
       Louis-Napoleon seinen  Thron behaupten  wollte, mußte  er  seiner
       Rolle getreu bleiben und das mit Gewalt Holen, was er trotz aller
       erwiesenen Dienste mit Güte nicht erhielt.
       Von beiden Seiten also emsige Kriegsvorbereitungen, diplomatische
       wie militärische. Und zwar ereignete sich folgendes diplomatische
       Begebnis.:
       Spanien suchte  nach einem  Thronkandidaten. Im  März [1869] hört
       Benedetti, der  französische Gesandte in Berlin, gerüchtweise von
       einer Thronbewerbung des Prinzen Leopold von Hohenzollern; erhält
       Auftrag von  Paris, der  Sache nachzuforschen. Der Unterstaatsse-
       kretär von  Thile versichert auf Ehrenwort, die preußische Regie-
       rung wisse  davon nichts. Auf einem Besuch in Paris erfährt Bene-
       detti die  Meinung des  Kaisers: "Diese Kandidatur ist wesentlich
       antinational, das  Land wird  sie sich nicht gefallen lassen, man
       muß sie verhüten."
       Beiläufig bewies  hier Louis-Napoleon,  daß  er  schon  stark  am
       Herunterkommen war.  Was konnte  in der  Tat eine schönere "Rache
       für Sadowa"  sein, als  die Königschaft eines preußischen Prinzen
       in Spanien,  die daraus  unvermeidlich folgenden Unannehmlichkei-
       ten, die  Verwicklung Preußens in innere spanische Parteiverhält-
       nisse, wohl gar ein Krieg, eine Niederlage
       
       #439# Die Rolle der Gewalt in der Geschichte
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       der zwerghaften preußischen Flotte, jedenfalls Preußen vor Europa
       in eine höchst groteske Lage gebracht? Aber das Schauspiel konnte
       Louis Bonaparte sich nicht mehr erlauben. Sein Kredit war bereits
       so weit erschüttert, daß er sich an den traditionellen Standpunkt
       gebunden hielt,  wonach ein  deutscher Fürst  auf dem  spanischen
       Thron Frankreich  zwischen zwei Feuer brächte, also nicht zu dul-
       den sei - ein seit 1830 kindischer Standpunkt.
       Benedetti suchte  also Bismarck  auf, um  weitere Aufklärungen zu
       erhalten und ihm den Standpunkt Frankreichs klarzumachen (11. Mai
       1869). Er  erfuhr von  Bismarck nichts besonders Bestimmtes. Wohl
       aber erfuhr  Bismarck von ihm, was er wissen wollte: daß die Auf-
       stellung  der   Kandidatur  Leopolds  den  sofortigen  Krieg  mit
       Frankreich bedeute. Hiermit war es in Bismarcks Hand gegeben, den
       Krieg ausbrechen zu lassen, wann es ihm gefiel.
       In der  Tat taucht  die Kandidatur Leopolds im Juli 1870 abermals
       auf und  führt sofort zum Krieg, so sehr auch Louis-Napoleon sich
       dagegen sträubte. Er sah nicht nur, daß er in eine Falle gegangen
       war. Er  wußte auch,  daß es sich um sein Kaisertum handelte, und
       hatte wenig  Vertrauen in die Wahrhaftigkeit seiner bonapartisti-
       schen Schwefelbande [308], die ihm versicherte, alles sei bereit,
       bis auf den letzten Gamaschenknopf, und noch weniger Vertrauen in
       ihre militärische  und administrative Tüchtigkeit. Aber die logi-
       schen Konsequenzen  seiner eignen  Vergangenheit trieben  ihn ins
       Verderben; sein Zaudern selbst beschleunigte seinen Untergang.
       Bismarck dagegen war nicht nur militärisch vollständig schlagfer-
       tig, sondern  hatte diesmal  das Volk in der Tat hinter sich, das
       durch alle  beiderseitigen diplomatischen  Lügen hindurch nur die
       eine Tatsache  sah: hier  handle «s sich um einen Krieg nicht nur
       um den  Rhein, sondern  um die  nationale Existenz.  Reserven und
       Landwehr strömten - zum erstenmal seit 1813 - wieder bereitwillig
       und kampflustig  zu den Fahnen. Einerlei, wie das alles so gekom-
       men war, einerlei, welches Stück des zweitausendjährigen nationa-
       len Erbteils  Bismarck auf  eigne Faust  dem Louis-Napoleon  ver-
       sprochen oder  nicht versprochen  hatte: Es galt, dem Ausland ein
       für allemal  beizubringen, daß  es sich  in innere deutsche Dinge
       nicht zu  mischen habe und daß Deutschland nicht berufen sei, den
       wackligen Thron Louis-Napoleons durch Abtretung deutschen Gebiets
       zu stützen.  Und vor  diesem nationalen  Aufschwung  verschwanden
       alle Klassenunterschiede,  zerflossen alle Rheinbundsgelüste süd-
       deutscher Höfe,  alle Restaurationsversuche  verjagter Fürsten in
       nichts.
       Beide Teile  hatten sich  um Allianzen  beworben.  Louis-Napoleon
       hatte Östreich und Dänemark sicher, Italien ziemlich sicher. Bis-
       marck hatte Rußland.
       
       #440# Aus dem handschriftlichen Nachlaß
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       Aber Östreich war wie immer nicht fertig, konnte nicht vor dem 2.
       September tätig  eingreifen - und am 2. September war Louis-Napo-
       leon Kriegsgefangener  der Deutschen,  und Rußland hatte Östreich
       benachrichtigt, es  werde  östreich  angreifen,  sobald  Östreich
       Preußen angreife.  In Italien  aber rächte  sich  Louis-Napoleons
       achselträgerische Politik: Er hatte die nationale Einheit in Gang
       bringen, aber  dabei den  Papst vor dieser selben nationalen Ein-
       heit schützen  wollen; er hatte Rom besetzt gehalten mit Truppen,
       die er  jetzt zu  Hause brauchte  und die  er doch nicht wegziehn
       konnte, ohne  Italien zu  verpflichten, daß  es Rom und den Papst
       als Souverän  respektiere; was  Italien wiederum verhinderte, ihm
       beizustehn. Dänemark endlich erhielt von Rußland Befehl, sich ru-
       hig zu verhalten.
       Entscheidender aber als alle diplomatischen Verhandlungen wirkten
       auf die  Lokalisierung des  Kriegs die  raschen Schläge der deut-
       schen Waffen von Spichern und Wörth [430] bis Sedan [220]. Louis-
       Napoleons Armee  erlag in  jedem Gefecht und wanderte schließlich
       zu drei  Vierteln kriegsgefangen  nach Deutschland. Das war nicht
       die Schuld der Soldaten, die sich tapfer genug geschlagen hatten,
       wohl aber der Führer und der Verwaltung. Aber wenn man wie Louis-
       Napoleon sein  Reich errichtet  hat mit  Hülfe  einer  Bande  von
       Strolchen, wenn  man dies Reich achtzehn Jahre behauptet hat nur,
       indem man Frankreich dieser selben Bande zur Ausbeutung überließ,
       wenn man alle entscheidenden Posten im Staat mit Leuten eben die-
       ser Bande  und alle untergeordneten Stellen mit ihren Helfershel-
       fern besetzt hat, dann soll man auch keinen Kampf auf Tod und Le-
       ben unternehmen,  wenn man  nicht im Stich gelassen sein will. In
       weniger als  fünf Wochen brach das ganze, vom europäischen Phili-
       ster jahrelang angestaunte Gebäude des Kaiserreichs zusammen; die
       Revolution vom  4.September14311 räumte  nur noch den Schutt weg;
       und Bismarck, der in den Krieg gezogen war, um ein kleindeutsches
       Kaiserreich zu gründen, fand sich eines schönen Morgens als Stif-
       ter einer französischen Republik.
       Nach Bismarcks eigener Proklamation wurde der Krieg geführt nicht
       gegen das  französische Volk,  sondern gegen  Louis-Napoleon. Mit
       dessen Sturz  fiel also  aller Grund  zum Kriege weg. Das bildete
       sich auch die - sonst nicht so naive - Regierung des 4. September
       ein und war sehr verwundert, als Bismarck nun plötzlich den preu-
       ßischen Junker herauskehrte.
       Niemand in  der Welt hat einen solchen Franzosenhaß wie die preu-
       ßischen Junker.  Denn nicht  nur hat  der bis  dahin  steuerfreie
       Junker während der Züchtigung durch die Franzosen, 1806 bis 1813,
       die er  sich durch seinen Dünkel selbst zugezogen, schwer zu lei-
       den gehabt;  die gottlosen Franzosen haben, was noch weit schlim-
       mer, durch ihre frevelhafte Revolution die Köpfe
       
       #441# Die Rolle der Gewalt in der Geschichte
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       derart verwirrt,  daß die  alte  Junkerherrlichkeit  größtenteils
       selbst in Altpreußen zu Grabe getragen worden, daß die armen Jun-
       ker um den noch übrigen Rest dieser Herrlichkeit jahraus, jahrein
       einen harten  Kampf zu führen haben und ein großer Teil von ihnen
       bereits zu einem schäbigen Schmarotzeradel herabgesunken ist. Da-
       für mußte  Rache genommen werden an Frankreich, und das besorgten
       die Junkeroffiziere  in der  Armee unter  Bismarcks Leitung.  Man
       hatte sich Listen der französischen Kriegskontributionen in Preu-
       ßen gemacht  und ermaß danach die in Frankreich von den einzelnen
       Städten und  Departements zu  erhebenden Brandschatzungen  - aber
       natürlich unter  Rücksichtnahme auf  den weit  größeren  Reichtum
       Frankreichs.  Man  requirierte  Lebensmittel,  Fourage,  Kleider,
       Schuhwerk etc.  mit zur  Schau getragner Rücksichtslosigkeit. Ein
       Bürgermeister in  den Ardennen, der die Lieferung nicht machen zu
       können erklärte,  erhielt ohne  weiteres fünfundzwanzig Stockprü-
       gel; die  Pariser Regierung  hat die amtlichen Beweise veröffent-
       licht. Die  Franktireurs, die  so genau nach den Vorschriften der
       preußischen Landsturmordnung von 1813 [432] handelten, als hätten
       sie sie expreß studiert, wurden ohne Gnade erschossen, wo man sie
       nur abfing.  Auch die  Geschichten von den heimgesandten Pendülen
       sind wahr,  die "Kölnische Zeitung" hat selbst darüber berichtet.
       Nur waren diese Pendülen nach preußischen Begriffen nicht gestoh-
       len, sondern  als herrenloses  Gut in den verlassenen Landhäusern
       um Paris vorgefunden und für die Lieben in der Heimat annektiert.
       Und so  sorgten die  Junker unter  Bismarcks Leitung  dafür,  daß
       trotz der  tadellosen Haltung  sowohl der  Mannschaft  wie  eines
       großen Teils  der Offiziere  der spezifisch  preußische Charakter
       des Kriegs  bewahrt und den Franzosen eingebleut, dafür aber auch
       von diesen die ganze Armee für die kleinlichen Gehässigkeiten der
       Junker verantwortlich gemacht wurde.
       Und doch  war es  diesen Junkern  vorbehalten, dem  französischen
       Volk eine  Ehrenbezeugung zu erweisen, die in der ganzen bisheri-
       gen Geschichte  ihresgleichen nicht hat. Als alle Entsatzversuche
       um Paris gescheitert, alle französischen Armeen zurückgeschlagen,
       der letzte große Angriffsvorstoß Bourbakis auf die Verbindungsli-
       nie der Deutschen gescheitert war, als die gesamte Diplomatie Eu-
       ropas Frankreich  seinem Schicksal überließ, ohne einen Finger zu
       rühren, da  mußte das  ausgehungerte Paris  endlich kapitulieren.
       [433] Und höher schlugen die Junkerherzen, als sie endlich trium-
       phierend einziehen  konnten in  das gottlose Nest und volle Rache
       nehmen an  den Pariser  Erzrebellen -  die volle Rache, die ihnen
       1814 von  Alexander von Rußland und 1815 von Wellington untersagt
       worden war; jetzt konnten sie den Herd und die Heimat der Revolu-
       tion züchtigen nach Herzenslust.
       
       #442# Aus dem handschriftlichen Nachlaß
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       Paris kapitulierte,  es zahlte  200 Millionen Brandschatzung; die
       Forts wurden  den Preußen  übergeben; die  Garnison legte vor den
       Siegern die  Waffen nieder und lieferte ihr Feldgeschütz aus; die
       Kanonen der  Ringmauer wurden ihrer Lafetten beraubt; alle Wider-
       standsmittel, die dem Staat gehörten, wurden Stück für Stück aus-
       geliefert -  aber die eigentlichen Verteidiger von Paris, die Na-
       tionalgarde, das  Pariser Volk  in Waffen,  die blieben unangeta-
       stet, denen  mutete niemand  zu, die  Waffen auszuliefern,  weder
       ihre Gewehre  noch ihre  Kanonen *); und damit es aller Welt kund
       werde, daß  die siegreiche deutsche Armee ehrerbietig haltgemacht
       vor dem bewaffneten Volk von Paris, zogen die Sieger nicht in Pa-
       ris ein,  sondern waren  damit zufrieden,  die  Champs-Elysées  -
       einen öffentlichen  Garten! -  drei Tage  lang besetzt  halten zu
       dürfen, ringsum  beschützt, bewacht  und eingeschlossen  von  den
       Schildwachen der  Pariser! Kein  deutscher Soldat  setzte den Fuß
       ins Pariser  Stadthaus, keiner  betrat die  Boulevards,  und  die
       paar, die  ins Louvre  eingelassen wurden, um die Kunstschätze zu
       bewundern, hatten  um Erlaubnis  bitten müssen,  es war Bruch der
       Kapitulation. Frankreich  war niedergeschlagen,  Paris war ausge-
       hungert, aber   d e n   Respekt hatte sich das Pariser Volk durch
       seine glorreiche  Vergangenheit gesichert, daß kein Sieger wagte,
       ihm Entwaffnung zuzumuten, keiner den Mut hatte, es zu Hause auf-
       zusuchen und  diese Straßen,  den Kampfplatz so vieler Revolutio-
       nen, durch einen Triumphzug zu entweihen. Es war, als ob der neu-
       gebackne deutsche  Kaiser 1*)  den Hut  abzöge vor den lebendigen
       Revolutionären von  Paris, wie  weiland sein Bruder vor den toten
       Märzkämpfern Berlins  [434], und  als ob die ganze deutsche Armee
       hinter ihm stände und präsentierte das Gewehr.
       Das war aber auch das einzige Opfer, das Bismarck sich auferlegen
       mußte. Unter  dem Vorwand, es gebe keine Regierung in Frankreich,
       die mit  ihm Frieden  schließen könne  - was grade so wahr und so
       falsch war am 4. September wie am 28. Januar - hatte er seine Er-
       folge echt  preußisch bis  auf den letzten Tropfen ausgenutzt und
       sich erst  nach vollständiger Niederwerfung Frankreichs zum Frie-
       den bereit  erklärt. Im Friedensschluß selbst wurde wiederum, auf
       gut altpreußisch, "die günstige Lage rücksichtslos
       ---
       *) Es waren  diese der  Nationalgarde, nicht  dem Staat gehörigen
       und eben deshalb nicht an die Preußen ausgelieferten Kanonen, die
       Thiers  am  18.  März  1871  den  Befehl  gab,  den  Parisern  zu
       s t e h l e n   und dadurch  den Aufstand veranlaßte, aus dem die
       Kommune hervorging.
       -----
       1*) Wilhelm I.
       
       #443# Die Rolle der Gewalt in der Geschichte
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       ausgenützt". Nicht  nur die  unerhörte Summe  von fünf Milliarden
       Kriegsentschädigung erpreßt,  sondern auch  zwei Provinzen, Elsaß
       und Deutsch-Lothringen mit Metz und Straßburg, von Frankreich ab-
       gerissen und  Deutschland einverleibt.  [435] Mit dieser Annexion
       tritt Bismarck  zum erstenmal als unabhängiger Politiker auf, der
       nicht mehr  ein ihm von außen vorgeschriebnes Programm in seiner.
       Weise ausführt,  sondern die  Produkte seines eignen Hirns in die
       Tat übersetzt; und damit begeht er seinen ersten kolossalen Bock.
       1*)
       Das Elsaß war von Frankreich der Hauptsache nach im Dreißigjähri-
       gen Krieg  erobert. Damit  hatte Richelieu  den soliden Grundsatz
       Heinrichs IV. verlassen:
       
       "Die spanische  Sprache möge  dem Spanier, die deutsche dem Deut-
       schen gehören;  aber wo  man französisch  spricht, das  kommt mir
       zu";
       
       er stützte  sich auf  den Grundsatz  der natürlichen Rheingrenze,
       der geschichtlichen  Grenze des  alten Galliens. Das war Torheit;
       aber das  Deutsche Reich, das die französischen Sprachgebiete von
       Lothringen und  Belgien und  sogar der  Franche-Comté  einschloß,
       hatte nicht das Recht, Frankreich die Annexion deutschsprechender
       Länder vorzuwerfen. Und wenn Ludwig XIV. 1681 Straßburg mitten im
       Frieden, mit  Hilfe einer  französisch gesinnten  Partei  in  der
       Stadt, an  sich riß  [436], so steht es Preußen schlecht an, sich
       darüber zu entrüsten, nachdem es 1796 die Freie Reichsstadt Nürn-
       berg, allerdings  ohne von  einer preußischen  Partei gerufen  zu
       sein, genau ebenso vergewaltigte, wenn auch nicht mit Erfolg. *)
       ---
       *) Man wirft  Ludwig XIV.  vor, seine  Reunionskammern  [437]  im
       tiefsten Frieden  auf ihm  nicht gehörige deutsche Gebiete losge-
       lassen zu  haben. So  etwas kann  auch der  boshafteste Neid  den
       Preußen nicht nachsagen. Im Gegenteil. Nachdem sie 1795 durch di-
       rekten Bruch  der Reichsverfassung  Separatfrieden mit Frankreich
       [390] gemacht  und ihre  ebenfalls abtrünnigen  kleinen  Nachbarn
       hinter der  Demarkationslinie zum  ersten Norddeutschen  Bund  um
       sich versammelt  hatten, benutzten  sie die bedrängte Lage der im
       Verein mit Österreich den Krieg nunmehr allein fortführenden süd-
       deutschen Reichsstände  zu Annexionsversuchen in Franken. Sie er-
       richteten in  Ansbach und  Bayreuth (die  damals preußisch waren)
       Reunionskammern nach  Ludwigs Muster,  erhoben auf eine Reihe be-
       nachbarter Gebietsstrecken  Ansprüche,  denen  gegenüber  Ludwigs
       Rechtsvorwände sonnenklar  überzeugend waren;  und als  dann  die
       Deutschen geschlagen  zurückwichen und  die Franzosen  in Franken
       einrückten, da besetzten die
       -----
       1*) Von hier  bis zu  den Worten:  "Bismarck war  am Ziel" (siehe
       vorl. Band,  S. 449)  fehlen die  entsprechenden Seiten der Hand-
       schrift von  Engels. Der fehlende Teil wird nach dem in "Die Neue
       Zeit" veröffentlichten Text gebracht.
       
       #444# Aus dem handschriftlichen Nachlaß
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       Lothringen  wurde  1735  im  Wiener  Frieden  von  Österreich  an
       Frankreich verschachert [438] und 1766 endgiltig in französischen
       Besitz genommen.  Es hatte  seit Jahrhunderten  nur nominell  zum
       Deutschen Reiche  gehört, seine  Herzöge waren in jeder Beziehung
       Franzosen und fast immer mit Frankreich verbündet gewesen.
       In den  Vogesen bestanden  bis zur  Französischen Revolution eine
       Menge kleiner  Herrschaften, die  gegenüber Deutschland  sich als
       reichsunmittelbare Reichsstände  gerierten, gegenüber  Frankreich
       aber dessen  Oberhoheit anerkannt  hatten; sie zogen Vorteile aus
       dieser Zwitterstellung,  und wenn das Deutsche Reich das duldete,
       statt die  Herren Dynasten  zur Rechenschaft zu ziehen, so durfte
       es sich  nicht beklagen,  als Frankreich  kraft seiner Oberhoheit
       die Einwohner  dieser Gebiete  gegen die  verjagten  Dynasten  in
       Schutz nahm.
       Im ganzen  war dies deutsche Gebiet bis zur Revolution so gut wie
       gar nicht  französiert. Deutsch  blieb Schul-  und Amtssprache im
       inneren Verkehr  wenigstens des Elsasses. Die französische Regie-
       rung begünstigte  die deutschen  Provinzen, die nach langjähriger
       Kriegsverwüstung jetzt,  von Anfang  des achtzehnten Jahrhunderts
       an, keinen  Feind mehr  im Lande zu sehen bekamen. Das von ewigen
       inneren Kriegen zerrissene Deutsche Reich war wahrlich nicht dazu
       angetan, die Elsässer zur Rückkehr in den Mutterschoß anzulocken;
       man hatte  wenigstens Ruhe und Frieden, man wußte, woran man war,
       und so  fand sich  das tonangebende  Philisterium in Gottes uner-
       forschlichen Ratschluß. War ihr Schicksal doch nicht beispiellos,
       standen doch  auch die  Holsteiner unter  fremder dänischer Herr-
       schaft.
       Da kam  die Französische Revolution. Was Elsaß und Lothringen nie
       gewagt hatten  von Deutschland  zu hoffen,  das wurde  ihnen  von
       Frankreich geschenkt.  Die feudalen Fesseln wurden gesprengt. Der
       hörige, fronpflichtige  Bauer wurde  ein freier  Mann, in  vielen
       Fällen freier  Eigentümer seines  Gehöfts und  Feldes. Die Patri-
       zierherrschaft und die Zunftprivilegien in den Städten verschwan-
       den. Der Adel wurde verjagt. Und in den Gebieten der kleinen Für-
       sten und Herren folgten die Bauern dem Beispiel der Nachbarn,
       ---
       rettenden Preußen  das Nürnberger  Gebiet einschließlich der Vor-
       städte bis an die Stadtmauer und erschlichen von den angstschlot-
       ternden  Nürnberger  Spießbürgern  einen  Vertrag  (2.  September
       1796), wodurch  die Stadt  sich der preußischen Herrschaft unter-
       warf, unter  der Bedingung, daß nie - Juden in den Mauern sollten
       zugelassen werden.  Gleich darauf aber rückte Erzherzog Karl wie-
       der vor,  schlug die  Franzosen bei  Würzburg 3. und 4. September
       1796, und damit löste sich dieser Versuch, Preußens deutschen Be-
       ruf den Nürnbergern einzubleuen, in blauem Dunst auf.
       
       #445# Die Rolle der Gewalt in der Geschichte
       -----
       vertrieben Dynasten,  Regierungskammern und  Adel  und  erklärten
       sich für  freie französische  Bürger. In  keinem Teil Frankreichs
       schloß das Volk sich der Revolution begeisterter an als gerade im
       deutschredenden. Und  als nun  gar das Deutsche Reich der Revolu-
       tion den Krieg erklärte, als die Deutschen nicht nur ihre eigenen
       Ketten auch  jetzt noch  gehorsam trugen,  sondern obendrein sich
       dazu gebrauchen  ließen, den Franzosen die alte Knechtschaft, den
       Elsässer Bauern die kaum verjagten Feudalherren wieder aufzuzwin-
       gen, da  war es aus mit der Deutschheit der Elsässer und Lothrin-
       ger, da  lernten sie die Deutschen hassen und verachten, da wurde
       in Straßburg  die Marseillaise  gedichtet, komponiert  und zuerst
       von Elsässern  gesungen, da  wuchsen die  Deutschfranzosen  trotz
       Sprache und  Vergangenheit auf  Hunderten von Schlachtfeldern, im
       Kampfe für die Revolution, zusammen zu einem Volke mit den Natio-
       nalfranzosen.
       Hat nicht  die große Revolution dasselbe Wunder vollbracht an den
       Flamländern von  Dünkirchen, den Kelten der Bretagne, den Italie-
       nern von  Korsika? Und  wenn wir  uns darüber  beklagen, daß dies
       auch Deutschen  geschah, haben  wir denn  unsere ganze Geschichte
       vergessen, die  das möglich  machte? Haben wir vergessen, daß das
       ganze linke  Rheinufer, das doch die Revolution nur passiv mitge-
       macht, französisch  gesinnt war, als die Deutschen 1814 dort wie-
       der einrückten,  französisch gesinnt blieb bis 1848, wo die Revo-
       lution die Deutschen in den Augen der Rheinländer rehabilitierte?
       Daß Heines  Franzosenschwärmerei und  selbst  sein  Bonapartismus
       nichts war  als der Widerhall der allgemeinen Volksstimmung links
       des Rheins?
       Beim Einmarsch  der Verbündeten  1814 fanden  sie gerade im Elsaß
       und Deutsch-Lothringen  die entschiedenste  Feindschaft, den hef-
       tigsten Widerstand  im Volke selbst; denn hier fühlte man die Ge-
       fahr, wieder deutsch werden zu müssen. Und doch wurde damals dort
       noch fast nur deutsch gesprochen. Aber als die Gefahr der Losrei-
       ßung  von   Frankreich  vorüber,   als  den  deutsch-romantischen
       Chauvins die  Annexionslust gelegt war, da sah man die Notwendig-
       keit ein,  auch sprachlich mehr und mehr mit Frankreich zusammen-
       zuwachsen, und  seitdem führte  man  dieselbe  Französierung  der
       Schulen ein,  die auch die Luxemburger freiwillig bei sich einge-
       richtet hatten. Und dennoch ging der Umwandlungsprozeß sehr lang-
       sam; erst  die jetzige  Generation der  Bourgeoisie ist  wirklich
       französiert, während  Bauern und  Arbeiter deutsch  sprechen.  Es
       steht ungefähr  wie in  Luxemburg: Das  Schriftdeutsche ist  (die
       Kanzel teilweise  ausgenommen) durch  das Französische verdrängt,
       aber der  deutsche Volksdialekt hat nur an der Sprachgrenze Boden
       verloren und wird als gemütliche Sprache weit mehr gebraucht, als
       dies in den meisten Gegenden Deutschlands der Fall.
       
       #446# Aus dem handschriftlichen Nachlaß
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       Das ist das Land, das Bismarck und die preußischen Junker, unter-
       stützt von der, wie es scheint, von allen deutschen Fragen unzer-
       trennlichen Wiederbelebung  einer chauvinistischen Romantik, wie-
       der deutsch  zu machen  sich unterfingen. Die Heimat der Marseil-
       laise, Straßburg,  deutsch machen wollen, das war ein ebensolcher
       Widersinn wie  der, die  Heimat Garibaldis, Nizza, französisch zu
       machen. Aber  in Nizza hielt Louis-Napoleon doch den Anstand auf-
       recht und ließ über die Annexion abstimmen - und das Manöver ging
       durch. Abgesehen  davon, daß  die Preußen  aus sehr guten Gründen
       dergleichen revolutionäre  Maßregeln verabscheuen  - es  ist noch
       nie vorgekommen,  daß die  Volksmasse irgendwo  nach Annexion  an
       Preußen verlangt  hätte -,  wußte man nur zu gut, daß gerade hier
       die Bevölkerung  einmütiger an  Frankreich hing als die National-
       franzosen selbst.  Und so  vollzog man  den Gewaltstreich einfach
       kraft der Gewalt. Es war ein Stück Rache an der Französischen Re-
       volution; man riß eines der Stücke ab, die gerade durch die Revo-
       lution mit Frankreich in eins geschweißt worden.
       Militärisch hatte die Annexion allerdings einen Zweck. Durch Metz
       und Straßburg  erhält Deutschland eine Verteidigungsfront von un-
       geheurer Stärke.  Solange Belgien  und die  Schweiz neutral, kann
       ein französischer  Massenangriff nirgends anders ansetzen als auf
       dem schmalen  Strich zwischen Metz und den Vogesen; und dazu bil-
       den Koblenz,  Metz, Straßburg,  Mainz das stärkste und größte Fe-
       stungsviereck der  Welt. Aber  auch dies Festungsviereck, wie das
       österreichische in der Lombardei [439], liegt zur Hälfte in Fein-
       desland und  bildet dort Zwingburgen zur Niederhaltung der Bevöl-
       kerung. Noch  mehr: Um  es zu  vervollständigen, mußte  über  das
       deutsche Sprachgebiet  hinausgegriffen, mußte eine Viertelmillion
       Nationalfranzosen mit annektiert werden.
       Der strategische  große Vorteil  ist also  der einzige Punkt, der
       die Annexion  entschuldigen kann. Aber steht dieser Gewinn in ir-
       gendwelchem Verhältnis  zu dem  Schaden,  den  man  sich  dadurch
       antat?
       Für den  großen moralischen  Nachteil, worin  das junge  Deutsche
       Reich sich setzte, indem es die brutale Gewalt offen und ungeheu-
       chelt als  sein Grundprinzip  erklärte - dafür hat der preußische
       Junker keine Augen. Im Gegenteil, widerhaarige, gewaltsam im Zaum
       gehaltene Untertanen  sind ihm  Bedürfnis; sie  sind Beweise  der
       vermehrten preußischen Macht; und im Grunde hat er nie andere ge-
       habt. Aber  wofür er  verpflichtet war, Augen zu haben, das waren
       die politischen  Folgen der  Annexion. Und die lagen klar zutage.
       Noch ehe  die Annexion rechtskräftig geworden, rief Marx sie laut
       in die  Welt hinaus  in einem  Rundschreiben der  Internationale:
       "Die Annexion von Elsaß und Lothringen macht Rußland zum Schieds-
       richter
       
       #447# Die Rolle der Gewalt in der Geschichte
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       Europas." [440]  Und von  der Tribüne  des Reichstags  haben  die
       Sozialdemokraten es oft genug wiederholt, so lange, bis die Wahr-
       heit dieses  Ausspruches endlich  von Bismarck  selbst in  seiner
       Reichstagsrede vom  6. Februar  1888 anerkannt  worden ist  durch
       sein Winseln  vor dem  allmächtigen Zar,  dem Gebieter über Krieg
       und Frieden [441].
       Es war  doch sonnenklar. Indem man von Frankreich zwei seiner fa-
       natisch-patriotischsten Provinzen  abriß, trieb  man es  jedem in
       die Arme,  der ihm deren Rückgabe in Aussicht stellte, machte man
       sich Frankreich  zum ewigen  Feind. Bismarck  allerdings, der  in
       dieser Beziehung  den deutschen Philister würdig und gewissenhaft
       repräsentiert, verlangt  von den  Franzosen, sie sollen nicht nur
       staatsrechtlich, sondern auch moralisch auf Elsaß-Lothringen ver-
       zichten, sie sollen sich noch ordentlich freuen, daß diese beiden
       Stücke des  revolutionären Frankreichs "dem alten Vaterlande wie-
       dergegeben sind",  von dem sie platterdings nichts wissen wollen.
       Das tun  aber die Franzosen leider ebensowenig, wie die Deutschen
       während der  napoleonischen Kriege  auf das linke Rheinufer mora-
       lisch verzichteten,  trotzdem auch  dieses damals sich keineswegs
       nach ihnen zurücksehnte. Solange die Elsässer und Lothringer nach
       Frankreich zurückverlangen,  solange wird und muß Frankreich nach
       ihrer Wiedererlangung  streben und sich nach den Mitteln dazu um-
       sehen, also  unter anderen  auch nach Bundesgenossen. Und der na-
       türliche Bundesgenosse gegen Deutschland ist Rußland.
       Wenn die  beiden größten  und stärksten  Nationen des  westlichen
       Kontinents sich  gegenseitig durch Feindseligkeit neutralisieren,
       wenn sogar  ein ewiger Zankapfel zwischen ihnen liegt und sie zum
       Kampfe gegeneinander  hetzt, so  hat den Vorteil davon - nur Ruß-
       land, dessen Hände dann um so freier sind; Rußland, das in seinen
       Eroberungsgelüsten von Deutschland um so weniger gehindert werden
       kann, je mehr es von Frankreich unbedingte Unterstützung erwarten
       darf. Und hat nicht Bismarck Frankreich in die Lage versetzt, daß
       es um  Rußlands Allianz  betteln, daß  es Rußland  Konstantinopel
       gern überlassen  muß, wenn  Rußland ihm nur seine verlorenen Pro-
       vinzen zusagt? Und wenn trotzdem der Friede siebzehn Jahre erhal-
       ten worden,  woher  anders  kommt  das  als  daher,  daß  das  in
       Frankreich  und  Rußland  eingeführte  Landwehrsystem  mindestens
       sechzehn, ja  nach neuester deutscher Verbesserung sogar fünfund-
       zwanzig Jahre  braucht, um die volle Zahl eingeübter Mannschafts-
       jahrgänge zu liefern? Und nachdem die Annexion nun schon siebzehn
       Jahre lang das die ganze Politik Europas beherrschende Faktum ge-
       wesen, ist  sie nicht  in diesem  Augenblick die Grundursache der
       ganzen, den  Weltteil mit  Krieg bedrohenden  Krise? Nehmt  diese
       eine Tatsache weg, und der Friede ist gesichert!
       
       #448# Aus dem handschriftlichen Nachlaß
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       Der Elsässer  Bourgeois mit  seinem  oberdeutsch  ausgesprochenen
       Französisch, dieser  halbschlächtige Geck, der sich französischer
       gebärdet als  irgendein Stockfranzose,  der auf Goethe herabsieht
       und für  Racine schwärmt,  der dabei das böse Gewissen seiner ge-
       heimen Deutschheit  doch nicht los wird und eben deshalb über al-
       les Deutsche  wegwerfend schwadronieren muß, so daß er nicht ein-
       mal zum  Vermittler zwischen  Deutschland und  Frankreich taugt -
       dieser Elsässer  Bourgeois ist allerdings ein verächtlicher Kerl,
       sei er  nun Mülhauser Fabrikant oder Pariser Journalist. Aber wer
       hat ihn  zu dem  gemacht, was er ist, wer anders als die deutsche
       Geschichte der  letzten dreihundert  Jahre? Und  waren nicht  bis
       noch ganz  vor kurzem  fast alle Deutschen im Ausland, namentlich
       die Kaufleute,  echte Elsässer,  die ihr Deutschtum verleugneten,
       die fremde  Nationalität ihrer neuen Heimat sich mit einer wahren
       Selbsttierquälerei anquälten und dabei sich freiwillig mindestens
       ebenso lächerlich  machten wie  die Elsässer,  die doch mehr oder
       weniger durch  die Umstände  dazu genötigt  sind? In England z.B.
       war die  ganze von  1815 bis  1840 eingewanderte  deutsche  Kauf-
       mannschaft fast ausnahmslos verengländert, sprach auch unter sich
       fast nur  englisch, und noch heute laufen, auf der Börse von Man-
       chester z.B., diverse alte deutsche Philister herum, die ihr hal-
       bes Vermögen hingäben, könnten sie als volle Engländer passieren.
       Erst seit  1848 ist  auch hierin  ein Umschwung  eingetreten, und
       seit 1870,  wo sogar der Reservelieutenant nach England kommt und
       Berlin sein  Kontingent herschickt, wird die ehemalige Kriecherei
       verdrängt durch eine preußische Hochnäsigkeit, die uns im Ausland
       nicht minder lächerlich macht.
       Und ist  etwa den  Elsässern die Vereinigung mit Deutschland seit
       1871 mundgerechter  gemacht worden? Im Gegenteil. Man hat sie un-
       ter Diktatur  gestellt, während nebenan, in Frankreich, die Repu-
       blik herrschte.  Man hat  die pedantisch-zudringliche  preußische
       Landratswirtschaft bei  ihnen eingeführt, gegen die die - gesetz-
       lich streng  geregelte - Einmischung der verrufenen französischen
       Präfektenwirtschaft golden  ist. Man  machte dem letzten Rest von
       Preßfreiheit, Versammlungs-  und Vereinsrecht  ein rasches  Ende,
       man löste widerhaarige Stadträte auf und setzte deutsche Bürokra-
       ten als  Bürgermeister ein.  Dagegen aber  schmeichelte  man  den
       "Notabeln", d.h.  den durchaus  französierten Adeligen  und Bour-
       geois, und  schützte sie  in ihrer Aussaugung der wenn auch nicht
       deutschgesinnten, aber doch deutschredenden Bauern und Arbeiter -
       die das  einzige Element  bildeten, an das ein Aussöhnungsversuch
       anknüpfen konnte.  Und was  hatte man davon? Daß im Februar 1887,
       als ganz Deutschland sich einschüchtern ließ und die Bismarcksche
       Kartellmajorität in den Reichstag schickte [442], daß
       
       #449# Die Rolle der Gewalt in der Geschichte
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       damals Elsaß-Lothringen  lauter entschiedene Franzosen wählte und
       jeden verwarf,  der nur  der leisesten  deutschen Sympathien ver-
       dächtig war.
       Wenn nun  die Elsässer  sind, wie  sie sind, haben wir ein Recht,
       uns darüber  zu erbosen? Keineswegs. Ihr Widerwille gegen die An-
       nexion ist eine geschichtliche Tatsache, die nicht heruntergeris-
       sen, sondern erklärt sein will. Und da müssen wir uns fragen: Wie
       viele und  wie kolossale  geschichtliche Sünden mußte Deutschland
       begehen, bis  diese Gesinnung im Elsaß möglich wurde? Und wie muß
       unser neues  Deutsches Reich  sich von  außen her ausnehmen, wenn
       nach siebzehn  Jahren des Wiederverdeutschungsversuchs die Elsäs-
       ser uns  einstimmig zurufen:  verschont uns  damit? Haben wir das
       Recht, uns einzubilden, daß zwei glückliche Feldzüge und siebzehn
       Jahre Bismarckscher Diktatur genügen, um die sämtlichen Wirkungen
       einer dreihundertjährigen schmachvollen Geschichte auszulöschen?
       Bismarck war  am Ziel.  Sein neues  preußisch-deutsches Kaisertum
       war in  Versailles, im Prachtsaal Ludwigs XIV., öffentlich ausge-
       rufen worden.  Frankreich lag  wehrlos zu seinen Füßen; das trot-
       zige Paris, das er selbst nicht anzutasten gewagt, war von Thiers
       in den  Aufstand der  Kommune hineingehetzt  und dann von den aus
       der Kriegsgefangenschaft zurückkehrenden Soldaten der exkaiserli-
       chen Armee  zu Boden  geschlagen. Der europäische Gesamtphilister
       staunte Bismarck  an, wie  er in den fünfziger Jahren dessen Vor-
       bild Louis  Bonaparte angestaunt  hatte. Deutschland war mit rus-
       sischer Hülfe  die erste Macht in Europa geworden, und alle Macht
       Deutschlands lag  in den Händen des Diktators Bismarck. Jetzt kam
       es darauf  an, was er mit dieser Macht anzufangen wisse. Hatte er
       bisher die Einheitspläne der Bourgeoisie, wenn auch nicht mit den
       Mitteln der  Bourgeoisie, sondern  mit bonapartistischen  Mitteln
       durchgeführt, so  war dies  Thema jetzt so ziemlich erschöpft, so
       galt es  jetzt, eigne  Pläne zu  machen, zu  zeigen, welche Ideen
       sein eigner Kopf zu produzieren fähig war. Und das mußte offenbar
       werden beim innern Ausbau des neuen Reichs.
       Die deutsche Gesellschaft setzt sich zusammen aus Großgrundbesit-
       zern, Bauern-,  Bourgeois, Kleinbürgern  und Arbeitern,  die sich
       wiederum in drei Hauptklassen gruppieren.
       Der   g r ö ß e r e  G r u n d b e s i t z  ist in den Händen ei-
       niger weniger Magnaten (namentlich in Schlesien) und einer großen
       Zahl mittlerer Grundeigentümer, die in den altpreußischen Provin-
       zen östlich der Elbe am dichtesten sitzen. Diese preußischen Jun-
       ker sind es auch, die die ganze Klasse mehr oder weniger dominie-
       ren. Sie  sind selbst  Landwirte, insofern sie ihre Güter großen-
       teils durch  Inspektoren bebauen  lassen, und daneben sehr häufig
       Besitzer  von  Schnapsbrennereien  und  Rübenzuckerfabriken.  Ihr
       Grundbesitz
       
       #450# Aus dem handschriftlichen Nachlaß
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       ist, wo  es anging,  als Majorat  in der  Familie festgelegt. Die
       jüngeren Söhne  treten in  die Armee  oder den staatlichen Zivil-
       dienst, so daß sich an diesen grundbesitzenden Kleinadel ein noch
       kleinerer Offiziers-  und Beamtenadel  hängt, der  obendrein noch
       durch die  starke Adelsfabrikation unter den bürgerlichen höheren
       Offizieren und Beamten Zuwachs erhält. An der unteren Grenze die-
       ser ganzen  adligen Sippschaft  bildet sich  naturgemäß ein zahl-
       reicher Schmarotzeradel,  ein adliges  Lumpenproletariat, das vom
       Schuldenmachen, zweifelhaftem  Spiel, Zudringlichkeit, Bettel und
       politischer Spionage  lebt. Die  Gesamtheit  dieser  Gesellschaft
       bildet das preußische Junkertum und ist eine der Hauptstützen des
       altpreußischen Staats.  Aber der grundbesitzende Kern dieses Jun-
       kertums steht  selbst auf gar schwachen Füßen. Die Pflicht, stan-
       desgemäß zu  leben, wird täglich kostspieliger; die Unterstützung
       der Jüngern  Söhne bis  durch  das  Lieutenants-  und  Assessors-
       stadium, die Unterbringung der Töchter im Ehestand, alles das ko-
       stet Geld;  und da  das alles Pflichten sind, vor deren Erfüllung
       alle andern Rücksichten schweigen müssen, ist es kein Wunder, daß
       die Einkünfte  nicht reichen, daß Wechsel unterschrieben oder gar
       Hypotheken aufgenommen  werden. Kurzum,  die  ganze  Junkerschaft
       steht immerdar  am Rand des Abgrunds; jeder Unfall, sei es Krieg,
       Mißernte oder Handelskrise, droht sie hineinzustürzen; und so ist
       es kein  Wunder, daß  sie seit reichlich hundert Jahren nur durch
       Staatshülfe aller  Art vom  Untergang gerettet  worden ist und in
       Wirklichkeit nur  durch Staatshülfe fortbesteht. Diese nur künst-
       lich erhaltene  Klasse ist  dem Untergang  geweiht; keine Staats-
       hülfe kann sie auf die Dauer am Leben erhalten. Aber mit ihr ver-
       schwindet auch der alte preußische Staat.
       Der   B a u e r   ist politisch ein wenig aktives Element. Soweit
       er selbst  Eigentümer, verkommt er mehr und mehr durch die ungün-
       stigen Produktionsbedingungen  des der  alten gemeinen  Mark oder
       Gemeinweide - ohne die für ihn kein Viehstand möglich - beraubten
       Parzellenbauern. Soweit  er Pächter,  steht's noch  schlimmer  um
       ihn. Der  kleinbäuerliche Betrieb  setzt vorwiegend  Naturalwirt-
       schaft voraus,  an der  Geldwirtschaft geht  er  zugrunde.  Daher
       steigende Verschuldung, massenweise Expropriation durch den Hypo-
       thekengläubiger, Zuflucht  zur Hausindustrie,  um nur  nicht ganz
       von der  Scholle vertrieben  zu werden. Politisch ist die Bauern-
       schaft meist  indifferent oder  reaktionär: am  Rhein  aus  altem
       Preußenhaß ultramontan, in andern Gegenden partikularistisch oder
       protestantisch-konservativ. Das religiöse Gefühl dient bei dieser
       Klasse noch  als Ausdruck gesellschaftlicher oder politischer In-
       teressen.
       Die   B o u r g e o i s i e  haben wir bereits behandelt. Sie war
       seit 1848  in einem unerhörten ökonomischen Aufschwung begriffen.
       An der kolossalen Ausdehnung
       
       #451# Die Rolle der Gewalt in der Geschichte
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       der Industrie  nach der  Handelskrise von 1847, bedingt durch die
       in diese  Periode fallende  Herstellung einer  ozeanischen Dampf-
       schiffahrt, durch die enorme Ausdehnung der Eisenbahnen und durch
       die Goldschätze  Kaliforniens und  Australiens, hatte Deutschland
       wachsenden Anteil  genommen. Grade ihr Drang nach Beseitigung der
       kleinstaatlichen Verkehrshindernisse  und nach ebenbürtiger Welt-
       marktsstellung neben  ihren auswärtigen  Konkurrenten hatte  Bis-
       marcks Revolution  in Bewegung  gesetzt. Jetzt,  wo die französi-
       schen Milliarden Deutschland überfluteten, eröffnete sich für die
       Bourgeoisie eine  neue Periode  fieberhafter Erwerbstätigkeit, in
       der sie sich zum erstenmal als große Industrienation bewies durch
       einen nationaldeutschen  Krach [443]. Sie war damals schon ökono-
       misch die  mächtigste Klasse  der Bevölkerung; ihren ökonomischen
       Interessen mußte  der Staat  gehorchen; die  Revolution von  1848
       hatte den  Staat in die äußere konstitutionelle Form übergeführt,
       worin sie  auch politisch herrschen und ihre Herrschaft ausbilden
       konnte. Trotzdem  war sie  noch weit  entfernt von der wirklichen
       politischen Herrschaft.  Im Konflikt war sie gegen Bismarck nicht
       siegreich  gewesen;  die  Beseitigung  des  Konflikts  durch  die
       Revolutionierung Deutschlands  von oben  hatte ihr  des  ferneren
       beigebracht, daß  die Exekutivgewalt  einstweilen  noch  von  ihr
       höchstens in  sehr indirekter  Weise abhängig  sei, daß sie weder
       Minister absetzen  oder aufdringen,  noch über die Armee verfügen
       könne. Dabei war sie feig und schlaff gegenüber einer energischen
       Exekutivgewalt, aber  das waren  die Junker  auch, und  sie hatte
       mehr Entschuldigung  als diese  durch ihren direkten ökonomischen
       Gegensatz zur  revolutionären industriellen  Arbeiterklasse. Aber
       sicher war,  daß sie das Junkertum allmählich ökonomisch vernich-
       ten mußte, daß sie von allen besitzenden Klassen die einzige war.
       die noch Aussicht auf eine Zukunft besaß.
       Das Kleinbürgertum  bestand erstens aus Resten des mittelalterli-
       chen Handwerks,  die in  dem lange  zurückgebliebnen  Deutschland
       massenhafter vertreten  waren als im übrigen Westeuropa, zweitens
       aus heruntergekommnen Bourgeois, drittens aus bis zum Kleinhandel
       emporgekommnen Elementen  der besitzlosen  Bevölkerung.  Mit  der
       Ausdehnung der  großen Industrie verlor die Existenz der gesamten
       Kleinbürgerschaft den letzten Rest von Stabilität; Erwerbswechsel
       und periodischer Bankerott wurden die Regel. Diese früher so sta-
       bile Klasse, die die Kerntruppe des deutschen Philisteriums gewe-
       sen, sank  aus der früheren Zufriedenheit, Zahmheit, Knechts- und
       Gottseligkeit und  Ehrbarkeit hinab  in wüste  Zerfahrenheit  und
       Mißvergnügen mit dem ihr von Gott beschiednen Geschick. Die Reste
       des Handwerks  schrien nach  Wiederherstellung der  Zunftprivile-
       gien, von
       
       #452# Aus dem handschriftlichen Nachlaß
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       den andern  wurde  ein  Teil  sanft  demokratisch-fortschrittlich
       [444], ein  andrer näherte  sich sogar  der Sozialdemokratie  und
       schloß sich stellenweise direkt der Arbeiterbewegung an.
       Endlich die  Arbeiter. Von den ländlichen Arbeitern lebten wenig-
       stens die  des Ostens  noch immer in einer halben Leibeigenschaft
       und waren nicht zurechnungsfähig. Dagegen hatte unter den städti-
       schen Arbeitern  die Sozialdemokratie  reißende Fortschritte  ge-
       macht und wuchs in dem Maß, wie die große Industrie die Volksmas-
       sen proletarisierte und damit den Klassengegensatz zwischen Kapi-
       talisten und Arbeitern auf die Spitze trieb. Waren auch die sozi-
       aldemokratischen Arbeiter  einstweilen  noch  in  zwei  sich  be-
       kämpfende Parteien gespalten [445], so war doch seit dem Erschei-
       nen von  Marx' "Kapital" der prinzipielle Gegensatz zwischen bei-
       den so  gut wie verschwunden. Der Lassalleanismus strikter Obser-
       vanz, mit  der ausschließlichen  Forderung von "Produktionsgenos-
       senschaften mit  Staatshülfe", schlief  allmählich ein und erwies
       sich mehr  und mehr  ungeeignet, den  Kern einer bonapartistisch-
       staatssozialistischen  Arbeiterpartei   abzugeben.  Was  einzelne
       Führer in  dieser Beziehung  verbrochen, wurde  von dem  gesunden
       Sinn der  Massen  wieder  gutgemacht.  Die  Einigung  der  beiden
       sozialdemokratischen Richtungen, fast nur noch durch Personenfra-
       gen hintangehalten,  war in naher Zukunft sicher. Aber schon wäh-
       rend der Spaltung und trotz der Spaltung war die Bewegung mächtig
       genug, um  der industriellen Bourgeoisie Schrecken einzujagen und
       sie in  ihrem Kampf  gegen die noch von ihr unabhängige Regierung
       zu lähmen;  wie denn die deutsche Bourgeoisie überhaupt seit 1848
       das rote Gespenst nicht wieder loswurde.
       Diese Klassengliederung lag der Parteigliederung im Parlament und
       den Landtagen  zugrunde. Großgrundbesitz und ein Teil der Bauern-
       schaft bildeten  die Masse der Konservativen [446]; die industri-
       elle Bourgeoisie lieferte den rechten Flügel des bürgerlichen Li-
       beralismus: die Nationalliberalen [174], während der linke Flügel
       - die  abgeschwächte demokratische oder sog. Fortschrittspartei -
       von den  Kleinbürgern, unterstützt von einem Teil der Bourgeoisie
       wie der  Arbeiter, gestellt  wurde. Die  Arbeiter endlich  hatten
       ihre selbständige  Partei, zu  der auch  Kleinbürger gehörten, in
       der Sozialdemokratie.
       Ein Mann  in Bismarcks  Stellung und  mit Bismarcks Vergangenheit
       mußte sich  bei einiger  Einsicht in  die Sachlage sagen, daß die
       Junker, wie  sie waren,  keine lebensfähige  Klasse bildeten, daß
       von allen  besitzenden Klassen  nur die  Bourgeoisie eine Zukunft
       beanspruchen konnte  und daß  daher (abgesehn  von der  Arbeiter-
       klasse, deren  geschichtliche Sendung  zu begreifen wir ihm nicht
       zumuten wollen) sein neues Reich um so sichereren
       
       #453# Die Rolle der Gewalt in der Geschichte
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       Bestand versprach,  je mehr  er es allmählich auf den Übergang in
       einen modernen  Bourgeoisstaat vorbereitete. Muten wir ihm nichts
       zu, was  ihm unter  den Umständen  unmöglich war.  Ein sofortiger
       Übergang zur  parlamentarischen Regierung  mit der entscheidenden
       Macht im  Reichstag (wie  im englischen Unterhaus) war weder mög-
       lich noch selbst augenblicklich ratsam; die Diktatur Bismarcks in
       parlamentarischen Formen  mußte ihm selbst als zunächst noch not-
       wendig erscheinen;  wir nehmen  ihm keineswegs  übel, daß  er sie
       zunächst bestehn  ließ, wir  fragen bloß,  wozu sie zu gebrauchen
       war. Und  da kann  schwerlich ein Zweifel sein, daß die Anbahnung
       eines der  englischen Verfassung entsprechenden Zustands der ein-
       zige Weg war, auf dem sich Aussicht bot, dem neuen Reich eine fe-
       ste Grundlage  und eine ruhige innere Entwicklung zu sichern. In-
       dem man  den größeren,  ohnehin unrettbaren  Teil seiner  Junker-
       schaft dem  bevorstehenden Untergang  überließ, schien  es  immer
       noch möglich,  aus dem  Rest und  aus neuen Elementen eine Klasse
       unabhängiger  Großgrundbesitzer  sich  aufbauen  zu  lassen,  die
       selbst nur  die ornamentale  Spitze  der  Bourgeoisie  war;  eine
       Klasse, der die Bourgeoisie, selbst im Vollgenuß ihrer Macht, die
       staatliche Repräsentation und damit die fettesten Posten und sehr
       großen Einfluß  überlassen mußte.  Indem man  der Bourgeoisie die
       politischen Konzessionen,  die ihr  auf die Dauer doch nicht vor-
       enthalten werden  konnten (so müßte man wenigstens vom Standpunkt
       der besitzenden Klassen urteilen), indem man ihr diese Konzessio-
       nen allmählich  und selbst  in kleinen und seltnen Dosen zukommen
       ließ, leitete  man das  neue Reich wenigstens auf die Bahn, worin
       es den übrigen, ihm politisch weit vorausgeeilten Staaten Westeu-
       ropas nachkommen konnte, wo es endlich die letzten Reste des Feu-
       dalismus wie  der die Bürokratie noch stark beherrschenden Phili-
       stertradition abschüttelte, und machte es vor allen Dingen fähig,
       auf eignen  Füßen zu  stehn an  dem Tage, wo seine keineswegs ju-
       gendlichen Gründer das Zeitliche segnen würden.
       Dabei war  das gar  nicht einmal  schwer. Weder Junker noch Bour-
       geois hatten  auch nur durchschnittliche Energie. Die Junker hat-
       ten das  seit sechzig  Jahren bewiesen,  wo der Staat fortwährend
       ihr eignes  Beste durchführte  gegen die  Opposition  dieser  Don
       Quixoten. Die  Bourgeoisie, ebenfalls  durch lange  Vorgeschichte
       geschmeidig gemacht,  hatte den  Konflikt noch schwer in den Kno-
       chen  liegen;  seitdem  brachen  Bismarcks  Erfolge  ihre  Wider-
       standskraft noch  mehr, und  den Rest tat die Furcht vor der dro-
       hend  anwachsenden   Arbeiterbewegung.  Unter  solchen  Umständen
       konnte es  dem Mann,  der die  nationalen Wünsche der Bourgeoisie
       verwirklicht hatte,  nicht schwer  werden, in  der Verwirklichung
       ihrer im ganzen schon sehr
       
       #454# Aus dem handschriftlichen Nachlaß
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       bescheidnen politischen  Wünsche jedes ihm beliebige Tempo einzu-
       halten. Nur mußte er sich über das Ziel klar sein.
       Vom Standpunkt  der besitzenden  Klassen aus  war dies das einzig
       Rationelle. Vom  Standpunkt der  Arbeiterklasse aus zeigt es sich
       freilich, daß es schon zu spät war zur Errichtung einer dauernden
       Bourgeoisherrschaft. Die große Industrie, und mit ihr Bourgeoisie
       und Proletariat,  bildeten sich in Deutschland aus zu einer Zeit,
       wo fast  gleichzeitig mit der Bourgeoisie das Proletariat die po-
       litische Bühne  selbständig betreten  konnte, wo  also der  Kampf
       beider Klassen  schon  beginnt,  ehe  die  Bourgeoisie  sich  die
       ausschließliche oder  vorwiegende politische  Macht erobert  hat.
       Aber wenn  es auch  für eine ruhige und festbegründete Herrschaft
       der Bourgeoisie  in Deutschland zu spät ist, so war es immer noch
       im Jahr  1870 die  beste Politik,  im Interesse  der  besitzenden
       Klassen überhaupt,  auf diese  Bourgeoisherrschaft  loszusteuern.
       Denn dadurch  allein war  es möglich,  die massenhaften Überreste
       aus der  Zeit des  verfaulenden Feudalismus zu beseitigen, die in
       Gesetzgebung und Verwaltung fortwucherten; nur so war es möglich,
       die gesamten  Resultate der  großen Französischen Revolution all-
       mählich in  Deutschland heimisch zu machen, kurz, Deutschland den
       riesenlangen alten Zopf abzuschneiden und es bewußt und endgiltig
       auf die  Bahn der  modernen Entwicklung  zu leiten, seine politi-
       schen Zustände  seinen industriellen  Zuständen  anzupassen.  Kam
       dann schließlich  der unvermeidliche  Kampf zwischen  Bourgeoisie
       und Proletariat, so vollzog er sich mindestens unter normalen Um-
       ständen, wo jeder sehn konnte, um was es sich handelte, und nicht
       in  einer  Verwirrung,  Unklarheit,  Interessendurchkreuzung  und
       Ratlosigkeit, wie wir sie 1848 in Deutschland gesehn. Nur mit dem
       Unterschied, daß diesmal die Ratlosigkeit ausschließlich auf Sei-
       ten der  Besitzenden sein  wird; die Arbeiterklasse weiß, was sie
       will.
       Wie die  Dinge 1871  in Deutschland  lagen, war ein Mann wie Bis-
       marck in  der Tat  auf eine zwischen den verschiednen Klassen la-
       vierende Politik  angewiesen. Und soweit ist ihm nichts vorzuwer-
       fen. Es  kommt nur  darauf an, auf welches Ziel diese Politik ge-
       richtet war. Ging sie, einerlei in welchem Tempo, aber bewußt und
       resolut auf  die schließliche Bourgeoisherrschaft los, so war sie
       im Einklang  mit der geschichtlichen Entwicklung, soweit sie dies
       vom Standpunkt  der besitzenden  Klassen überhaupt  sein  konnte.
       Ging sie los auf die Erhaltung des altpreußischen Staats, auf die
       allmähliche Verpreußung  Deutschlands, so  war sie reaktionär und
       zum schließlichen  Scheitern verdammt. Ging sie los auf die bloße
       Erhaltung der  Herrschaft Bismarcks,  so war  sie bonapartistisch
       und mußte enden wie aller Bonapartismus.
       
       #455# Die Rolle der Gewalt in der Geschichte
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       Die nächste  Aufgabe war die Reichsverfassung. Als Material lagen
       vor einerseits die norddeutsche Bundesverfassung, andrerseits die
       Verträge mit  den süddeutschen  Staaten [447].  Die Faktoren, mit
       deren Hülfe  Bismarck die  Reichsverfassung ins  Leben  zu  rufen
       hatte, waren  einerseits die  im Bundesrat  vertretnen  Dynastien
       [448], andrerseits  das im  Reichstag vertretne Volk. Den Ansprü-
       chen der  Dynastien war  in der  norddeutschen Verfassung und den
       Verträgen eine  Grenze gesetzt.  Das Volk  dagegen hatte Anspruch
       darauf, daß  sein Anteil  an der politischen Macht bedeutend ver-
       größert werde.  Es hatte  die Unabhängigkeit  von fremder  Einmi-
       schung und die Einigung - soweit davon die Rede sein konnte - auf
       dem Schlachtfeld erkämpft; es war auch in erster Linie berufen zu
       entscheiden, wozu  diese Unabhängigkeit  benutzt, wie diese Eini-
       gung im  einzelnen ausgeführt  und verwertet  werden sollte.  Und
       selbst wenn  das Volk den in der norddeutschen Verfassung und den
       Verträgen vorliegenden  Rechtsboden anerkannte, hinderte das doch
       keineswegs, daß es in der neuen Verfassung einen größern Machtan-
       teil erhielt als in der bisherigen. Der Reichstag war die einzige
       Körperschaft, die  in Wirklichkeit die neue "Einheit" darstellte.
       Je schwerer  die Stimme des Reichstags wog, je freier die Reichs-
       verfassung war  gegenüber den  Landesverfassungen,  desto  fester
       mußte sich  das neue  Reich ineinanderfügen, desto mehr mußte der
       Bayer, der Sachse, der Preuße aufgehn in dem Deutschen.
       Für jeden  Menschen, der  weiter sah  als seine  Nase, mußte  das
       einleuchtend sein.  Aber Bismarcks Meinung war das keineswegs. Im
       Gegenteil benützte  er den nach dem Krieg eingerissenen patrioti-
       schen Taumel  grade dazu,  die Majorität  des Reichstags dahin zu
       bringen, daß  sie auf jede, nicht nur Erweiterung, sondern selbst
       klare Feststellung der Rechte des Volks verzichtete und sich dar-
       auf beschränkte, den in der norddeutschen Verfassung und den Ver-
       trägen vorliegenden  Rechtsboden in  der Reichsverfassung einfach
       wiederzugeben. Alle Versuche der kleinen Parteien, die Freiheits-
       rechte des Volks darin zum Ausdruck zu bringen, wurden verworfen,
       selbst der  Antrag des  katholischen Zentrums  auf Einrückung der
       preußischen  Verfassungsartikel,   enthaltend  die  Garantie  der
       Preß-, Vereins-  und Versammlungsfreiheit  sowie der Selbständig-
       keit der  Kirche. Die preußische Verfassung, doppelt und dreifach
       beschnitten, wie sie war, blieb also immer noch liberaler als die
       Reichsverfassung. Die  Steuern wurden nicht jährlich, sondern ein
       für allemal  "durch Gesetz"  bewilligt, so daß Steuerverweigerung
       durch den  Reichstag ausgeschlossen  ist. Hiermit war die der au-
       ßerdeutschen  konstitutionellen  Welt  unbegreifliche  preußische
       Doktrin auf Deutschland angewandt, die Doktrin, daß die Volksver-
       tretung nur das Recht hat, die Ausgaben auf dem Papier zu verwei-
       gern, während die Regierung die
       
       #456# Aus dem handschriftlichen Nachlaß
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       Einnahmen in klingender Münze in den Sack steckt. Während aber so
       der Reichstag der besten Machtmittel beraubt und auf die demütige
       Stellung der  durch die  Revisionen von  1849 und 1850, durch die
       Manteuffelei, durch  den Konflikt  und  durch  Sadowa  gebrochnen
       preußischen Kammer herabgedrückt wird, erfreut sich der Bundesrat
       im wesentlichen aller Machtvollkommenheiten, die der alte Bundes-
       tag nominell  besaß, und erfreut sich ihrer in Wirklichkeit, denn
       er ist befreit von den Fesseln, die den Bundestag lahmlegten. Der
       Bundesrat hat  nicht nur  in der  Gesetzgebung eine entscheidende
       Stimme neben  dem Reichstag,  er ist  auch höchste Verwaltungsin-
       stanz, insofern  er die Ausführungsbestimmungen der Reichsgesetze
       erläßt, und beschließt außerdem "über Mängel, welche bei der Aus-
       führung der  Reichsgesetze ...  hervortreten", d.h.  über Mängel,
       denen in andern zivilisierten Ländern nur ein neues Gesetz abhel-
       fen kann  (Art. 7,  Al. 3,  der einer juristischen Konfliktsfalle
       sehr ähnlich sieht [449]).
       Sonach hat Bismarck seine Hauptstütze gesucht nicht im Reichstag,
       der die nationale Einheit, sondern im Bundesrat, der die partiku-
       laristische Zersplitterung vertritt. Er hatte nicht den Mut - er,
       der sich  als Vertreter  des nationalen  Gedankens aufspielte  -,
       wirklich an  die Spitze  der Nation  oder ihrer Vertreter sich zu
       stellen; die  Demokratie sollte  ihm dienen,  nicht aber  er ihr;
       eher als  auf das  Volk verließ  er sich  auf krumme Schleichwege
       hinter den  Kulissen, auf die Fähigkeit, durch diplomatische Mit-
       tel, Zuckerbrot  und Peitsche,  sich im  Bundesrat eine wenn auch
       widerhaarige Majorität  zusammenzuklüngeln. Die Kleinlichkeit der
       Auffassung, die  Niedrigkeit des  Standpunkts, die  sich uns hier
       offenbart, entspricht  ganz dem Charakter des Mannes, wie wir ihn
       bisher kennengelernt.  Dennoch dürfen  wir uns wundern, daß seine
       großen' Erfolge  ihn nicht  wenigstens für  einen Augenblick über
       ihn selbst hinauszuheben vermochten.
       Der Fall  lag aber so, daß es darauf ankam, der ganzen Reichsver-
       fassung einen  einzigen festen  Drehzapfen zu  geben, nämlich den
       Reichskanzler. Der  Bundesrat mußte  eine Stellung  erhalten, die
       eine andre  verantwortliche Exekutive  als die des Reichskanzlers
       unmöglich machte  und dadurch  die Zulässigkeit  verantwortlicher
       Reichsminister ausschloß.  In der  Tat stieß  jeder Versuch,  die
       Reichsverwaltung durch Einsetzung eines verantwortlichen Ministe-
       riums zu  ordnen, auf unüberwindlichen Widerstand als Eingriff in
       die Rechte  des Bundesrats. Die Verfassung war, wie man bald ent-
       deckte, Bismarck  "auf  den  Leib  zugeschnitten".  Sie  war  ein
       Schritt weiter  auf dem  Weg zu  seiner persönlichen  Alleinherr-
       schaft, vermittelst  Balancierung der  Parteien im Reichstag, der
       Partilcularstaaten im  Bundesrat - ein Schritt weiter auf dem Weg
       des Bonapartismus.
       
       #457# Die Rolle der Gewalt in der Geschichte
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       Im übrigen  kann man  nicht sagen,  daß -  abgesehn von einzelnen
       Konzessionen an  Bayern und  Württemberg - die neue Reichsverfas-
       sung einen  direkten Rückschritt  ausmacht. Das ist aber auch das
       beste, was  man von  ihr sagen kann. Die ökonomischen Bedürfnisse
       der Bourgeoisie  waren im  wesentlichen befriedigt, ihren politi-
       schen Ansprüchen  - soweit  sie deren  noch machte - war derselbe
       Riegel vorgestreckt wie zur Konfliktszeit.
       Soweit sie  politische Ansprüche noch machte. Denn es ist unleug-
       bar, daß  diese Ansprüche in den Händen der Nationalliberalen auf
       ein sehr  bescheidnes Maß  zusammengeschrumpft waren  und täglich
       noch mehr  zusammenschrumpften. Die Herren, weit entfernt zu ver-
       langen, Bismarck  möge ihnen  das Zusammenwirken mit ihm erleich-
       tern, waren  vielmehr bestrebt,  ihm zu  Willen zu sein, da wo es
       ging, und  auch schon  manchmal, wo es nicht ging oder nicht gehn
       gesollt. Daß  Bismarck sie  verachtete, kann ihm kein Mensch ver-
       übeln - aber waren denn seine Junker um ein Haar besser und männ-
       licher?
       Das nächste  Gebiet, worauf die Reichseinheit herzustellen blieb,
       das Geldwesen, wurde geordnet durch die Münz- und Bankgesetze von
       1873 bis 1875. Die Einführung der Goldwährung war ein bedeutender
       Fortschritt; aber  nur zaudernd  und schwankend  wurde sie einge-
       führt und steht heute noch nicht auf ganz festen Füßen. Das ange-
       nommene Geldsystem  - der  Dritteltaler unter  dem Namen Mark als
       Einheit mit  dezimaler Teilung - war das gegen Ende der dreißiger
       Jahre von  Soetbeer vorgeschlagne; das tatsächliche Einheitsstück
       war das goldne Zwanzigmarkstück. Mit einer fast unmerklichen Wer-
       tänderung konnte  man es absolut gleichwertig machen entweder mit
       dem  englischen   Sovereign  oder   dem  goldnen  Fünfundzwanzig-
       frankenstück oder  dem amerikanischen goldnen Fünfdollarstück und
       damit einen  Anschluß gewinnen  an eines  der drei großen Münzsy-
       steme des  Weltmarkts. Man  zog es vor, ein apartes Münzsystem zu
       schaffen und  damit den  Verkehr und die Kursberechnungen unnötig
       zu erschweren.  Die Gesetze  über Reichskassenscheine  und Banken
       beschränkten den Papierschwindel der Kleinstaaten und kleinstaat-
       lichen Banken  und beobachteten in Erwägung des inzwischen einge-
       tretnen Krachs eine gewisse Ängstlichkeit, wie sie dem auf diesem
       Gebiete noch  unerfahrnen Deutschland wohl anstand. Auch hier wa-
       ren die  ökonomischen Interessen  der Bourgeoisie  im ganzen ent-
       sprechend gewahrt.
       Endlich kam  noch die  Vereinbarung einheitlicher  Justizgesetze.
       Der Widerstand  der Mittelstaaten gegen Ausdehnung der Reichskom-
       petenz auch  auf das  materielle bürgerliche Recht wurde überwun-
       den; das  bürgerliche Gesetzbuch ist aber noch im Werden, während
       Strafgesetz, Straf- und
       
       #458# Aus dem handschriftlichen Nachlaß
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       Zivilprozeß, Handelsrecht,  Konkursordnung und Gerichtsverfassung
       einheitlich geregelt  sind. Die  Beseitigung  der  buntscheckigen
       kleinstaatlichen formellen  und materiellen  Rechtsnormen war  an
       sich schon  ein dringendes Bedürfnis der fortschreitenden bürger-
       lichen Entwicklung,  und in  dieser Beseitigung  besteht auch das
       Hauptverdienst der neuen Gesetze - weit weniger in ihrem Inhalt.
       Der englische Jurist fußt auf einer Rechtsgeschichte, die ein gut
       Stück altgermanischer Freiheit über das Mittelalter hinaus geret-
       tet hat,  die den  in beiden Revolutionen des 17. Jahrhunderts im
       Keim erstickten  Polizeistaat nicht kennt und in zwei Jahrhunder-
       ten stetiger  Entwicklung der  bürgerlichen Freiheit gipfelt. Der
       französische Jurist  fußt auf der großen Revolution, die nach to-
       taler Vernichtung  des Feudalismus und der absolutistischen Poli-
       zeiwillkür   die    ökonomischen   Lebensbedingungen   der   neu-
       hergestellten modernen  Gesellschaft in  die Sprache juristischer
       Rechtsnormen übersetzte  in ihrem  klassischen, von Napoleon pro-
       klamierten Gesetzbuch. Dagegen, was ist die historische Unterlage
       unsrer deutschen  Juristen? Nichts  als der jahrhundertlange pas-
       sive, meist  durch Schläge  von außen  vorangetriebne, bis  heute
       noch nicht  vollendete Zersetzungsprozeß  der Reste des Mittelal-
       ters; eine  ökonomisch zurückgebliebne  Gesellschaft,  worin  der
       Feudaljunker und der Zunftmeister als Gespenster umgehn und einen
       neuen Leib suchen; ein Rechtszustand, in welchen die Polizeiwill-
       kür -  wenn auch die fürstliche Kabinettsjustiz 1848 verschwunden
       - noch täglich Loch an Loch reißt. Aus dieser schlechtesten aller
       schlechten Schulen  sind sie  hervorgegangen, die Väter der neuen
       Reichsgesetzbücher, und  die Arbeit ist eben danach. Von der rein
       juristischen Seite  abgesehn, kommt  die politische  Freiheit  in
       diesen Gesetzbüchern  schlecht genug  weg. Wenn  die  Schöffenge-
       richte [450] der Bourgeoisie und dem Kleinbürgertum ein Mittel an
       die Hand  geben, bei  der Niederhaltung der Arbeiterklasse mitzu-
       wirken, so  deckt sich  der Staat doch möglichst gegen die Gefahr
       einer erneuerten  bürgerlichen Opposition  durch die Beschränkung
       der Geschwornengerichte. Die politischen Paragraphen des Strafge-
       setzbuchs sind  oft genug  von einer  Unbestimmtheit und Dehnbar-
       keit, als wären sie auf das jetzige Reichsgericht, und dieses auf
       sie, zugeschnitten.  Daß die  neuen Gesetzbücher  ein Fortschritt
       sind gegenüber  dem preußischen Landrecht [451], ist selbstredend
       - so  etwas Schauerliches  wie dies  Gesetzbuch bringt heutzutage
       selbst Stoecker  nicht mehr  fertig, und  wenn er  sich auch  be-
       schneiden ließe.  Aber die Provinzen, die bisher das französische
       Recht gehabt,  empfinden den  Unterschied der  verwaschenen Kopie
       und des  klassischen Originals nur zu sehr. Es war der Abfall der
       Nationalliberalen von ihrem Programm, der
       
       #459# Die Rolle der Gewalt in der Geschichte
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       diese Stärkung der Staatsgewalt auf Kosten der bürgerlichen Frei-
       heit, diesen ersten positiven Rückschritt, möglich machte.
       Zu erwähnen  ist noch  das Reichspreßgesetz.  Das Strafgesetzbuch
       hatte das  hier in.  Frage kommende materielle Recht schon im we-
       sentlichen geregelt;  die Herstellung  gleicher formeller Bestim-
       mungen für  das ganze  Reich und  die Beseitigung der hier und da
       noch bestehenden  Kautionen und Stempel machten also den Hauptin-
       halt dieses  Gesetzes aus  und zugleich  den einzigen dadurch be-
       wirkten Fortschritt.
       Damit Preußen  sich abermals  als Musterstaat bewähre, wurde dort
       die sogenannte  Selbstverwaltung  eingeführt.  Es  handelte  sich
       darum, die  anstößigsten Reste  des Feudalismus zu beseitigen und
       doch, der  Sache nach, möglichst alles beim alten zu lassen. Dazu
       diente die Kreisordnung. Die gutsherrliche Polizeigewalt der Her-
       ren Junker  war ein  Anachronismus geworden.  Sie wurde dem Namen
       nach - als Feudalprivilegium - aufgehoben und der Sache nach wie-
       derhergestellt, indem  man selbständige Gutsbezirke schuf, inner-
       halb deren der Gutsbesitzer entweder selbst Gutsvorsteher mit den
       Befugnissen eines  ländlichen Gemeindevorstehers  ist  oder  doch
       diesen Gutsvorsteher ernennt, und indem man zudem die gesamte Po-
       lizeigewalt und  polizeiliche Gerichtsbarkeit  eines  Amtsbezirks
       einem Amtsvorsteher  übertrug, der  auf dem  Lande natürlich fast
       ausnahmslos ein  großer Grundbesitzer  war und  dadurch auch  die
       Landgemeinden unter  seine Fuchtel  bekam. Das Feudalvorrecht des
       einzelnen wurde  weggenommen, aber die damit verbundne Machtvoll-
       kommenheit wurde der ganzen Klasse gegeben. Durch einen ähnlichen
       Eskamotierungsprozeß verwandelten  sich die englischen Großgrund-
       besitzer in Friedensrichter und Herren der ländlichen Verwaltung,
       Polizei und  niedern Gerichtsbarkeit  und sicherten sich so unter
       neuem, modernisiertem  Titel den  Fortgenuß  aller  wesentlichen,
       aber in der alten feudalen Form nicht mehr haltbaren Machtposten.
       Das ist aber auch die einzige Ähnlichkeit zwischen der englischen
       und der  deutschen "Selbstverwaltung".  Ich möchte den englischen
       Minister sehn,  der es wagte, im Parlament anzutragen auf die Be-
       stätigung der  gewählten Gemeindebeamten  und  den  Ersatz  durch
       staatlich aufgezwungne  Stellvertreter im Fall renitenter Wahlen,
       auf die Einführung von Staatsbeamten mit den Machtbefugnissen der
       preußischen Landräte, Bezirksregierungen und Oberpräsidenten, auf
       die in der Kreisordnung vorbehaltne Einmischung der Staatsverwal-
       tung in  die innern  Angelegenheiten  der  Gemeinden,  Ämter  und
       Kreise, und  nun gar auf die in Ländern englischer Zunge und eng-
       lischen Rechts  unerhörte Abschneidung  des Rechtswegs,  wie  sie
       fast auf  jeder Seite der Kreisordnung zu finden ist. Und während
       sowohl die Kreistage wie die
       
       #460# Aus dem handschriftlichen Nachlaß
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       Provinziallandtage noch  immer in  altfeudaler Weise  zusammenge-
       setzt sind  aus Vertretern  der drei  Stände:  Großgrundbesitzer,
       Städte und  Landgemeinden, bringt  in England selbst ein hochkon-
       servatives Ministerium  eine  Bill  ein,  die  die  gesamte  Graf
       Schaftsverwaltung an Behörden überträgt, gewählt nach fast allge-
       meinem Stimmrecht [452].
       Die Vorlage  der Kreisordnung  für die  sechs östlichen Provinzen
       (1871) war  das erste  Anzeichen, daß Bismarck nicht daran denke,
       Preußen in  Deutschland aufgehn  zu lassen,  sondern im Gegenteil
       die feste Burg des Altpreußentums, eben diese sechs Ostprovinzen,
       noch mehr  zu befestigen.  Unter verändertem  Namen behielten die
       Junker alle  wesentlichen Machtpositionen,  blieben  die  Heloten
       Deutschlands, die ländlichen Arbeiter jener Lahdstriche - Gesinde
       wie Taglöhner  -, in  ihrer bisherigen  tatsächlichen  Leibeigen-
       schaft, zugelassen nur zu zwei öffentlichen Funktionen: Soldat zu
       werden und  den Junkern bei den Reichstagswahlen als Stimmvieh zu
       dienen. Der Dienst, den Bismarck hierdurch der revolutionären so-
       zialistischen Partei geleistet hat, ist unbeschreiblich und alles
       Dankes wert.
       Was soll  man aber sagen zu der Stupidität der Herren Junker, die
       gegen diese  einzig in ihrem Interesse, im Interesse der längeren
       Erhaltung ihrer  Feudalvorrechte, nur  unter etwas modernisiertem
       Namen, ausgearbeitete Kreisordnung mit Händen und Füßen strampel-
       ten, wie  es verzognen Kindern zukam? Das preußische Herren- oder
       vielmehr Junkerhaus  verwarf zuerst  die um  ein volles Jahr ver-
       schleppte Vorlage  und nahm  sie erst  an, nachdem ein Pairsschub
       von 24  neuen "Herren" erfolgt war. Die preußischen Junker erwie-
       sen sich  damit abermals als kleinliche, verstockte, rettungslose
       Reaktionäre, unfähig,  den Kern einer selbständigen großen Partei
       mit geschichtlichem  Beruf im Leben der Nation zu bilden, wie die
       englischen Großgrundbesitzer  dies in Wirklichkeit tun. Ihren to-
       talen Mangel  an Verstand hatten sie damit festgestellt; Bismarck
       hatte nur noch ihren ebenso totalen Mangel an Charakter vor aller
       Welt klarzulegen,  und ein wenig sachgemäß angewandter Druck ver-
       wandelte sie in eine Partei Bismarck sans phrase.
       Dazu sollte der Kulturkampf [402] dienen.
       Die Durchführung  des preußisch-deutschen  Kaiserplans mußte  zum
       Gegenschlag haben  die Vereinigung  aller auf früherer Sonderent-
       wicklung beruhenden antipreußischen Elemente zu einer Partei. Ein
       gemeinsames Banner  fanden diese  buntfarbigen Elemente im Ultra-
       montanismus [453].  Die Rebellion des gesunden Menschenverstands,
       selbst bei  zahllosen orthodoxen Katholiken, gegen das neue Dogma
       von der päpstlichen Unfehlbarkeit einerseits, die Vernichtung des
       Kirchenstaats und die sogenannte
       
       #461# Die Rolle der Gewalt in der Geschichte
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       Gefangenschaft des Papsts in Rom [454] andrerseits zwangen zu ei-
       nem engeren  Zusammenschluß aller streitbaren Kräfte des Katholi-
       zismus. So  bildete sich schon während des Kriegs - Herbst 1870 -
       im preußischen Landtag die spezifisch katholische Partei des Zen-
       trums; sie trat in den ersten deutschen Reichstag 1871 mit nur 57
       Mann ein,  verstärkte sich  aber bei  jeder Neuwahl, bis sie über
       100 kam.  Sie war aus sehr verschiedenartigen Elementen zusammen-
       gesetzt. In  Preußen lag  ihre  Hauptstärke  in  den  rheinischen
       Kleinbauern, die sich noch immer als "Mußpreußen" ansahn, weiter-
       hin in den katholischen Großgrundbesitzern und Bauern der westfä-
       lischen Bistümer  Münster und  Paderborn und  in den katholischen
       Schlesiern. Das  zweite große  Kontingent lieferten  die süddeut-
       schen Katholiken,  namentlich die  Bayern. Die Macht des Zentrums
       aber lag weit weniger in der katholischen Religion als darin, daß
       es die Antipathien der Volksmassen gegen das jetzt die Herrschaft
       über Deutschland beanspruchende spezifische Preußen» tum vertrat.
       Diese Antipathien  waren in  den katholischen  Gegenden besonders
       lebhaft; daneben  liefen Sympathien mit dem jetzt aus Deutschland
       hinausgeworfnen Östreich. Im Einklang mit diesen beiden populären
       Strömungen war  das Zentrum entschieden partikularistisch und fö-
       deralistisch.
       Dieser wesentlich antipreußische Charakter des Zentrums wurde von
       den übrigen kleinen Reichstagsfraktionen, die aus lokalen - nicht
       wie die Sozialdemokraten aus nationalen und allgemeinen - Gründen
       antipreußisch waren,  sofort erkannt.  Nicht nur die katholischen
       Polen und  Elsässer, sondern  selbst die  protestantischen Welfen
       [455] schlössen  sich als  Bundesgenossen eng ans Zentrum an. Und
       obwohl die  bürgerlich-liberalen Fraktionen  sich  nie  über  den
       wirklichen Charakter der sog. Ultramontanen klarwurden, verrieten
       sie doch eine Ahnung vom richtigen Sachverhalt, wenn sie das Zen-
       trum "vaterlandslos" und "reichsfeindlich" titulierten 1*)
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       1*) Hier bricht die Handschrift ab

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