Quelle: MEW 21 Mai 1883 - Dezember 1889

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       [Aus den Reiseeindrücken über Amerika [459]]
       
       Wir stellen uns in der Regel Amerika als eine neue Welt vor - neu
       nicht nur  nach der  Zeit ihrer Entdeckung, sondern auch in allen
       ihren Einrichtungen,  weit voraus  vor uns altfränkischen schlaf-
       mützigen Europäern  durch Verachtung  alles Ererbten  und Alther-
       kömmlichen, eine  Welt, von Grund aus neu aufgebaut auf jungfräu-
       lichen Boden,  durch moderne Menschen allein nach modernen, prak-
       tischen, rationellen  Grundsätzen. Und die Amerikaner tun das ih-
       rige, uns in dieser Meinung zu bestärken. Sie sehn mit Verachtung
       herab auf uns als bedenksame, in allerlei überkommnen Vorurteilen
       befangne, unpraktische  Leute, die  vor allem  Neuen Angst haben,
       während sie,  die am  meisten voranstürmende Nation (the most go-
       ahead nation) jeden neuen Verbesserungsvorschlag einfach auf sei-
       nen praktischen  Nutzen prüfen  und, wenn einmal als gut erkannt,
       sofort und  fast über Nacht einführen. In Amerika sollte aber al-
       les neu, alles rationell, alles praktisch, also alles anders sein
       als bei uns.
       Auf dem Dampfer "City of Berlin" kam ich zum ersten Mal mit einer
       größeren Zahl  Amerikaner zusammen.  Es waren  meist recht  nette
       Leute, Herren  und  Damen,  leichter  zugänglich  als  Engländer,
       manchmal etwas  gradeaus in  der Sprache, sonst aber ziemlich wie
       die besser  gekleideten Leute  anderswo auch.  Was sie allenfalls
       unterschied, war  ein eigentümlich  kleinbürgerlicher  Habitus  -
       nicht der  des zaghaften,  unsichern deutschen Kleinbürgers, auch
       nicht der  des englischen;  ein Habitus, der eben durch die große
       Sicherheit, mit  der er  sich gab, als ob es sich ganz von selbst
       verstände, sich  als eine ererbte Eigenschaft kundgab. Die jünge-
       ren Damen besonders machten den Eindruck einer gewissen Naivetät,
       wie man  sie in  Europa nur in kleineren Städten findet; wenn sie
       zu zweien  Arm in  Arm oder  am Arm  eines Manns resolut und fast
       heftig über  das Deck  dahinstürmten, hatten  sie ganz  denselben
       hüpfenden Gang  und hielten  ihre vom Wind bedrohten Röckchen mit
       demselben sittsamen Griff zusammen wie
       
       #467# Aus den Reiseeindrücken über Amerika
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       auch bei  uns die Unschuld vom Lande. Sie erinnerten mich zumeist
       an Schwedinnen  - sie  waren auch groß und robust wie diese - und
       ich erwartete  jeden Augenblick,  sie  würden  knicksen  wie  die
       Schwedinnen tun.  Von der  körperlichen und geistigen Ungelenkig-
       keit, die  das allgemeine  Erbteil  der  germanischen  Race  ist,
       hatten meine  amerikanischen Reisegefährten  ebenfalls  ihr  Teil
       überkommen und  keineswegs überwunden. Kurz, mein erster Eindruck
       von den  Amerikanern war  keineswegs  der  der  nationalen  Über-
       legenheit über  die Europäer,  keineswegs der  eines ganz  neuen,
       jungen Nationaltypus,  sondern im  Gegenteil der,  daß sie  Leute
       waren,  die   noch  an  ererbten  kleinbürgerlichen  Gewohnheiten
       festhielten, die  in Europa für veraltet gelten, daß wir Europäer
       in dieser  Beziehung ihnen  gegenüberstehn wie  die  Pariser  den
       Provinzialen.
       Als ich  in New  York in  mein erstes Schlafzimmer trat, was fand
       ich? Möbel  der altfränkischsten  Form, die man sich denken kann,
       Kommoden mit  messingnen Ringen  oder Bügeln  als Griffe  an  den
       Schubladen, wie sie anfangs dieses Jahrhunderts Mode waren und in
       Europa nur  noch auf  dem Lande  vorkommen; daneben neuere Formen
       nach englischem  oder französischem Muster, aber auch diese schon
       bejahrt genug und meist am unrechten Platz; nichts Neues, seitdem
       der kolossale  Schaukelstuhl, der  einen Bogen  von 240  Grad be-
       schrieb, wieder  außer Mode gekommen. Und so überall, die Stühle,
       Tische und  Schränke sehn  meist wie  Erbstücke  vergangener  Ge-
       schlechter aus.  Die Karren  auf den New-Yorker Straßen haben ein
       so veraltetes  Aussehn, daß  man auf den ersten Blick meint, kein
       europäischer Bauerhof  habe noch ein solches Modell eines Leiter-
       wagens aufzuweisen.  Bei näherer Betrachtung findet man zwar, daß
       diese Karren  sehr verbessert,  sehr zweckmäßig eingerichtet, mit
       vortrefflichen Springfedern versehn und von sehr starkem Holz äu-
       ßerst leicht  gebaut sind,  aber bei  allen diesen Verbesserungen
       blieb das  altmodische Modell unangetastet. In London gab es noch
       im Anfang  der 40er Jahre Droschken, wo die Leute hinten einstie-
       gen und  rechts und links, wie im Omnibus, einander gegenüber sa-
       ßen; seit  1850 sind  sie verschwunden; in Boston dagegen, meines
       Wissens der  einzigen amerikanischen Stadt, wo Droschken in wirk-
       lichem Gebrauch  sind, florieren  diese Rumpelkasten  noch heute.
       Die amerikanischen  Gasthöfe von heute, mit ihrer luxuriösen Ein-
       richtung und  ihren Hunderten von Zimmern, zeigen in ihrem ganzen
       american plan  1*), daß sie herausgewachsen sind aus dem abgeleg-
       nen Bauerhof  in dünnbevölkerter Gegend, der noch heute gelegent-
       lich dem Reisenden Obdach und Nahrung gegen Vergütung
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       1*) amerikanischen Profil
       
       #468# Aus dem handschriftlichen Nachlaß
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       spendet -  ich komme  darauf zurück -, und weisen daher Eigentüm-
       lichkeiten auf, die uns nicht nur sonderbar, sondern gradezu alt-
       fränkisch vorkommen. Und so weiter.
       Wer aber  den Genuß einer Reise haben will, wie man sie in Europa
       zur Zeit  des Dreißigjährigen  Kriegs machen  mußte, der  gehe in
       eine amerikanische  Gebirgsgegend ans  Ende der letzten Eisenbahn
       und fahre mit der Landkutsche weiter hinaus in die Wildnis. Unser
       vier haben eine solche Tour in den Adirondacks gemacht und selten
       so gelacht  wie auf  dem Dach  jener Kutsche. Ein alter Rumpelka-
       sten, gegen den die berühmten preußischen Beiwagen von Olims Zeit
       noch Prachtwagen  sind, von  einem unbeschreiblichen  Modell, mit
       Sitzen -  sie sind  danach - für sechs bis neun Personen oben auf
       Dach und  Bock, das  war das  Gefährt. Und  nun die  Straße - ich
       bitte um Entschuldigung, es war keine Straße, auch einen Weg kann
       man's kaum  nennen; zwei  tief ausgefahrne  Geleise  in  sandigem
       Lehm, bergauf, bergab... 1*)
       Geschrieben Ende September 1888.
       Nach der Handschrift.
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       1*) Hier bricht die Handschrift ab
       

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