Quelle: MEW 21 Mai 1883 - Dezember 1889

       zurück

       #485#
       -----
       B. Aufzeichnungen und Dokumente
       
       (September 1883 - Juni 1889)
       
       #486#
       -----
       
       #487#
       -----
       1
       
       Aus einem Brief G.A. Lopatins an M.N. Oschanina [460]
       
       London, 20. September [1883]
       ...Ich muß  Ihnen unbedingt  das Ergebnis meines ersten Zusammen-
       treffens mit  Engels mitteilen,  da ich annehme, daß Ihnen einige
       seiner Ansichten sehr gefallen werden.
       Wir haben  viel über  die russischen  Angelegenheiten gesprochen,
       vor allem darüber, auf welche Weise unsere politische und soziale
       Erneuerung wahrscheinlich  vonstatten gehen wird. Wie auch zu er-
       warten war,  zeigte sich eine völlige Übereinstimmung unserer An-
       sichten; jeder  von uns  sprach zwischendurch  die  Gedanken  und
       Worte des  anderen zu  Ende. Er  ist ebenfalls (wie auch Marx und
       ich) der  Meinung, daß  in Rußland  die Aufgabe  einer   r e v o-
       l u t i o n ä r e n Partei  oder einer  Partei der  T a t  augen-
       blicklich nicht  in  der  Propaganda  des  neuen  sozialistischen
       Ideals besteht  und nicht  einmal in  dem Bestreben,  dieses  bei
       weitem noch  nicht ausgearbeitete Ideal mit Hilfe einer aus unse-
       ren Genossen  gebildeten provisorischen  Regierung zu  verwirkli-
       chen, sondern in der Anspannung aller Kräfte, um 1. den Herrscher
       1*) entweder  zu zwingen,  einen Semski  Sobor 2*)  einzuberufen,
       oder um  2. durch Einschüchterung des Herrschers und dgl. mehr so
       starke Unruhen  hervorzurufen, daß  sie auf andere Weise zur Ein-
       berufung dieses Sobors oder irgend etwas Ähnlichem führen würden.
       Er ist  ebenso  wie  ich  überzeugt,  daß  ein  derartiger  Sobor
       u n w e i g e r l i c h   zu einer  radikalen, nicht  nur politi-
       schen, sondern  auch sozialen  Umgestaltung führen  wird. Er  ist
       überzeugt von  der gewaltigen  Bedeutung der  Wahlperiode, da sie
       eine unvergleichlich  erfolgreichere Propaganda  ermöglicht,  als
       sämtliche Bücher  und mündliche  Aufklärung es  vermögen.  Seiner
       Meinung nach ist eine rein liberale Konstitution ohne tiefgehende
       ökonomische Umgestaltungen  unmöglich, so  daß  er  diese  Gefahr
       nicht  befürchtet.   Er  ist   überzeugt,  daß   sich  unter  den
       t a t s ä c h l i c h e n   Lebensbedingungen des Volkes genügend
       Voraussetzungen
       -----
       1*) Alexander III. - 2*) Ständeversammlung
       
       #488# Beilagen
       -----
       angesammelt haben,  um die Gesellschaft auf neuer Grundlage umzu-
       gestalten. Natürlich glaubt er nicht an eine sofortige Verwirkli-
       chung des Kommunismus oder irgend etwas Ähnlichem, sondern nur an
       das, was  im Leben und in der Seele des Volkes schon herangereift
       ist. Er  ist überzeugt, daß das Volk in der Lage sein wird, rede-
       gewandte Wortführer  für seine Nöte und Bestrebungen usw. zu fin-
       den. Er  ist überzeugt,  daß diese  Umgestaltung oder Revolution,
       einmal begonnen, durch keine Kraft aufgehalten werden kann. Wich-
       tig ist  deshalb nur  eins: die  verhängnisvolle Kraft des Still-
       stands zu  zerschlagen, das  Volk und  die Gesellschaft für einen
       Augenblick aus  dem  Zustand  der  Trägheit  und  Unbeweglichkeit
       aufzurütteln, und  eine solche  Unordnung herbeizuführen, die Re-
       gierung und Volk zwingen würde, an die innere Umgestaltung heran-
       zugehen, eine  Unordnung, die  das ruhige Volksmeer aufwühlen und
       die Aufmerksamkeit  und den   E n t h u s i a s m u s  des ganzen
       Volkes für  eine vollständige gesellschaftliche Umgestaltung her-
       vorrufen würde.  Die Ergebnisse  werden sich dann von selbst ein-
       stellen, und  zwar solche, die möglich, wünschenswert und für die
       gegebene Epoche realisierbar sind.
       Alles das  ist verteufelt kurz, aber ausführlicher kann ich jetzt
       nicht schreiben.  Außerdem wird  Ihnen das alles vielleicht nicht
       ganz gefallen, deshalb beeile ich mich, Ihnen Wort für Wort seine
       anderen Ansichten wiederzugeben, die für die russische revolutio-
       näre Partei sehr schmeichelhaft sind. Hier sind sie:
       "Alles hängt  jetzt davon ab, was man in nächster Zeit in Peters-
       burg tun wird, auf das jetzt die Augen aller denkenden, weitblic-
       kenden und scharfsinnigen Menschen ganz Europas gerichtet sind."
       "Rußland - das ist das Frankreich des gegenwärtigen Jahrhunderts.
       Gesetzmäßig und  zu Recht  kommt ihm die revolutionäre Initiative
       für eine  n e u e  soziale Umgestaltung zu."
       "... Der  Untergang des Zarismus, mit dem das letzte Bollwerk des
       Monarchismus in  Europa zerstört,  die 'Aggressivität'  Rußlands,
       der Haß  Polens gegen  Rußland und  vieles andere beseitigt, wird
       eine völlig  andere Mächtekonstellation  herbeiführen, Österreich
       in Stücke  zerschmettern und allen Ländern einen mächtigen Anstoß
       zu inneren Umgestaltungen geben."
       "... Deutschland  wird sich  wohl kaum  dazu entschließen können,
       die russischen  Wirren zu  benutzen, um  seine Truppen  zur  Auf-
       rechterhaltung des  Zarismus nach  Rußland in  Marsch zu  setzen.
       Täte es dies dennoch, um so besser. Das würde das Ende seiner ge-
       genwärtigen Regierung  und den  Anfang einer  neuen Ära bedeuten.
       Der Anschluß  der Ostseeprovinzen an Deutschland ist unsinnig und
       undurchführbar. Ähnliche  Eroberungen entgegengesetzter  (?) oder
       anliegender schmaler  Küstenstreifen und  Gebietsfetzen  und  die
       daraus resultierenden  unförmigen Staatsgebilde  waren nur im 16.
       und im  17. Jahrhundert möglich, aber nicht jetzt. Zu alledem ist
       es für  niemanden ein Geheimnis, daß dort die Deutschen eine win-
       zige reaktionäre
       
       #489# Aufzeichnungen und Dokumente
       -----
       Minderheit ausmachen."  (Ich füge diesen Punkt für J.P. hinzu an-
       gesichts ihrer ultrapatriotischen Ansichten in dieser Frage.)
       "Sowohl ich  als auch  Marx finden, daß der Brief des Komitees an
       Alexander III. [461] seiner weltklugen Art und seinem ruhigen Ton
       nach einfach großartig ist. Der Brief beweist, daß es in den Rei-
       hen der Revolutionäre Menschen mit Staatsverstand gibt."
       Ich hoffe,  daß dies  alles ziemlich  schmeichelhaft und angenehm
       für Sie ist, und wie werden Sie mir diese Zeilen danken? Erinnern
       Sie sich  daran, wie  ich sagte,  daß selbst Marx nie ein Marxist
       gewesen  war?  Engels  erzählte,  daß  während  des  Kampfes  von
       Brousse, Malon  und Co. gegen die anderen Marx einmal lachend ge-
       sagt hat:  "Ich kann  nur eins  sagen, daß  ich   k e i n  M a r-
       x i s t  bin! ..." [462]
       Nach: "Osnowy teoretitscheskowo
       sozialisma i ich priloshenije k Rossii", Genf 1893.
       
       Aus dem Russischen.
       
       
       2
       
       Der Maiaufstand von 1849 [463]
       
       ["Le Socialiste" Nr. 13 vom 21. November 1885]
       Der Maiaufstand  von 1849, der die Rheinprovinzen und Süddeutsch-
       land erfaßte, war durch die Weigerung der meisten Regierungen der
       kleinen Staaten  hervorgerufen, die von der Frankfurter National-
       versammlung beschlossene Verfassung anzunehmen. Diese Versammlung
       hatte niemals  über materielle  Macht verfügt  und, was schlimmer
       ist, hatte  es auch unterlassen, die notwendigen Maßnahmen zu er-
       greifen, um  sich diese  zu verschaffen;  als sie ihre Verfassung
       auf dem  Papier zustande  gebracht hatte,  verlor sie die letzten
       Reste ihres  moralischen Einflusses.  Obwohl ziemlich romantisch,
       war die  Verfassung doch  das einzige  Banner, unter dem man sich
       wieder sammeln  konnte, um eine neue Bewegung zu versuchen, um so
       mehr, da  man sie  nach dem Sieg nicht zu verwirklichen beabsich-
       tigte.
       Der Aufstand  begann am  3. Mai  in Dresden;  einige Tage  später
       griff er  auf die  bayrische Pfalz  und das  Großherzogtum  Baden
       über. Der Großherzog 1*) hatte schnellstens die Flucht ergriffen,
       als er  gesehen hatte, daß sich die Truppen mit dem Volke verbrü-
       derten.
       -----
       1*) Leopold
       
       #490# Beilagen
       -----
       Die preußische  Regierung, die im November 1848 die revolutionäre
       Bewegung  unterdrückt,  Berlin  entwaffnet  und  Preußen  in  den
       Belagerungszustand versetzt  hatte, machte  sich zum  Verteidiger
       der Regierungen der anderen Staaten. Sie entsandte sofort Truppen
       nach Dresden,  die nach  viertägigem Kampf  den heroischen Wider-
       stand der Aufständischen brachen.
       Aber um  die Pfalz  und das  Herzogtum Baden  zu unterwerfen, be-
       durfte es  einer Armee:  um sie  zu formieren,  mußte Preußen die
       Landwehr einberufen.  In Iserlohn  (Westfalen) und  in  Elberfeld
       (Rheinpreußen) weigerten  sich die  Männer loszumarschieren.  Man
       schickte Truppen.  Die Städte  verbarrikadierten sich  und wiesen
       sie ab.  Iserlohn wurde nach zwei Tagen Kampf genommen. Da Elber-
       feld über  keine Mittel  zum Widerstand verfügte, beschlossen die
       Aufständischen, etwa  tausend an  der Zahl,  sich einen Weg durch
       die sie  umzingelnden Truppen  zu bahnen  und den  Süden  zu  er-
       reichen, wo  der Aufstand  im vollen  Gange war. Sie wurden voll-
       ständig zerschlagen, ihr Kommandeur Mirbach gefangengenommen; ei-
       ner großen  Anzahl Aufständischer  gelang es jedoch, von den Ein-
       wohnern unterstützt,  sich nach dem Süden durchzuschlagen. Engels
       war Adjutant von Mirbach; aber dieser schickte ihn, ehe er seinen
       Plan durchführte,  mit einem Auftrag nach Köln, das in den Händen
       der preußischen Armee war. In Wirklichkeit wollte Mirbach in sei-
       nem Korps  keinen bekannten  Kommunisten haben,  um in den Orten,
       die er  zu durchqueren  beabsichtigte, die Bourgeois nicht zu er-
       schrecken.
       Inzwischen hatte  sich der  Aufstand auf ganz Süddeutschland ver-
       breitet, aber  die Revolutionäre  begingen, so wie in Paris 1871,
       den verhängnisvollen  Fehler - nicht anzugreifen. Die Truppen der
       benachbarten kleinen  Staaten waren demoralisiert und suchten nur
       einen Vorwand, um sich dem Aufstand anzuschließen: sie waren ent-
       schlossen, nicht  gegen das  Volk zu  kämpfen. Die Aufständischen
       hätten die  Bevölkerung dieser  Staaten zur  Erhebung bringen und
       mitreißen können,  wenn sie erklärt hätten, daß sie die von preu-
       ßischen und österreichischen Truppen umstellte Frankfurter Natio-
       nalversammlung befreien wollen. Engels und Marx begaben sich nach
       der Unterdrückung  der "Neuen Rheinischen Zeitung" nach Mannheim,
       um den  Führern der  Bewegung  vorzuschlagen,  auf  Frankfurt  zu
       marschieren. Man weigerte sich, sie zu hören. Als Vorwand diente,
       die Truppen  seien durch die Flucht der ehemaligen Offiziere des-
       organisiert, es fehle an Munition etc.
       Während die  Aufständischen Gewehr  bei Fuß  blieben, rückten die
       Preußen, mit den Bayern vereint und durch die Truppen der kleinen
       Staaten verstärkt,  welche die  Aufständischen mit  mehr Kühnheit
       hätten gewinnen  können, in  Gewaltmärschen gegen  die aufständi-
       schen Gebiete vor. Die 36 000 Mann starke konterrevolutionäre Ar-
       mee fegte  in einer  Woche aus der Pfalz die 8000-9000 Aufständi-
       schen hinaus,  die sie besetzt hielten; es muß gesagt werden, daß
       die beiden Festungen des Landes in den Händen der
       
       #491# Aufzeichnungen und Dokumente
       -----
       Reaktion geblieben  waren. Die  revolutionäre Armee  setzte  sich
       jetzt nur  aus den  bewaffneten Kräften Badens zusammen, die etwa
       10 000 Mann  Linientruppen und  12 000  Freiwillige  zählten.  Es
       fanden vier  große Gefechte  statt, in denen die konterrevolutio-
       nären Truppen nur siegen konnten dank ihrer zahlenmäßigen Überle-
       genheit und  durch die  Verletzung der  württembergischen Grenze,
       was ihnen  ermöglichte, die revolutionäre Armee im entscheidenden
       Augenblick zu  umgehen. Nach sechs Wochen Kampf auf offenem Felde
       waren die  Reste der  aufständischen Armee gezwungen, sich in die
       Schweiz zurückzuziehen.
       Im Verlauf  dieses letzten Feldzugs war Engels Adjutant des Ober-
       sten Willich,  des Kommandeurs  eines Korps  aus  kommunistischen
       Freischärlern. Er  nahm an drei Gefechten und an der letzten Ent-
       scheidungsschlacht an  der Murg  teil. Oberst Willich, der in die
       Vereinigten Staaten  emigrierte, ist  als General  gestorben, ein
       Rang, den er sich während des Amerikanischen Bürgerkrieges erwor-
       ben hatte.
       Dieser hartnäckige  Widerstand auf offenem Felde, den einige tau-
       send Aufständische, ungenügend organisiert und fast ohne Artille-
       rie, der  so gut  disziplinierten  preußischen  Armee  leisteten,
       zeigt, was  unsere sozialistischen Freunde jenseits des Rheins an
       dem Tag  zu leisten fähig sein werden, da die Sturmglocke der Re-
       volution in Europa läuten wird.
       Geschrieben Mitte November 1885.
       
       Aus dem Französischen.
       
       
       3
       
       Juristen-Sozialismus [464]
       
       Die Weltanschauung  des Mittelalters  war wesentlich theologisch.
       Die Einheit  der europäischen  Welt, die  nach innen  tatsächlich
       nicht bestand,  wurde gegen außen, gegen den sarazenischen allge-
       meinen Feind,  hergestellt durch das Christentum. Die Einheit der
       westeuropäischen Welt,  die eine  Gruppe von in steter Wechselbe-
       ziehung sich  entwickelnden Völkern bildete, wurde zusammengefaßt
       im Katholizismus.  Diese theologische  Zusammenfassung war  nicht
       nur ideell.  Sie bestand wirklich, nicht nur im Papst, ihrem mon-
       archischen Mittelpunkt, sondern vor allem in der feudal und hier-
       archisch organisierten  Kirche, die  in jedem Land als Besitzerin
       von etwa einem Drittel des Bodens eine gewaltige Machtstellung in
       der feudalen  Organisation innehatte. Die Kirche mit ihrem feuda-
       len Grundbesitz  war das  reale Band  zwischen den  verschiedenen
       Ländern, die feudale Organisation
       
       #492# Beilagen
       -----
       der Kirche  gab der weltlich-feudalen Staatsordnung die religiöse
       Weihe. Die  Geistlichkeit war zudem die einzige gebildete Klasse.
       Es war  also selbstverständlich,  daß das  Dogma der  Kirche Aus-
       gangspunkt und  Basis alles Denkens war. Juristerei, Naturwissen-
       schaft, Philosophie,  alles wurde darnach erledigt, ob der Inhalt
       mit den Lehren der Kirche stimmte oder nicht.
       Aber im  Schöße der  Feudalität entwickelte  sich die  Macht  des
       Bürgertums. Eine  neue Klasse  trat auf gegen die großen Grundbe-
       sitzer. Die  Städtebürger waren  vor allem und ausschließlich Wa-
       renproduzenten und Warenhändler, während die feudale Produktions-
       weise wesentlich  auf dem Selbstverbrauch der innerhalb eines be-
       schränkten Kreises erzeugten Produkte - teils durch die Produzen-
       ten, teils  durch die  feudalen Tributerheber  - beruhte. Die ka-
       tholische,  auf  den  Feudalismus  zugeschnittene  Weltanschauung
       konnte dieser  neuen Klasse und ihren Produktions- und Austausch-
       bedingungen nicht  mehr genügen. Dennoch blieb auch sie noch län-
       gere Zeit  in den Banden der allmächtigen Theologie befangen. Die
       sämtlichen Reformationen und die sich daran knüpfenden, unter re-
       ligiöser Firma geführten Kämpfe, vom 13. bis ins 17. Jahrhundert,
       sind nach ihrer theoretischen Seite nichts als wiederholte Versu-
       che des  Bürgertums, der  Städteplebejer und  der im  Anschluß an
       beide rebellisch  gewordenen Bauern, die alte, theologische Welt-
       anschauung den  veränderten ökonomischen  Bedingungen und der Le-
       benslage der neuen Klasse anzupassen. Aber es ging nicht. Die re-
       ligiöse Fahne  flatterte zum  letzten Mal in England im 17. Jahr-
       hundert, und  kaum fünfzig  Jahre später  trat in  Frankreich die
       neue Weltanschauung  ungeschminkt auf,  die  die  klassische  der
       Bourgeoisie  werden   sollte,     d i e     j u r i s t i s c h e
       W e l t a n s c h a u u n g.
       Sie war  eine Verweltlichung der theologischen. An die Stelle des
       Dogmas, des  göttlichen Rechts trat das menschliche Recht, an die
       der Kirche der Staat. Die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen
       Verhältnisse, die  man sich  früher, weil von der Kirche sanktio-
       niert, als  durch die Kirche und das Dogma geschaffen vorgestellt
       hatte, stellte man sich jetzt vor als auf das Recht begründet und
       durch den  Staat geschaffen. Weil der Austausch von Waren auf ge-
       sellschaftlichem Maßstab und in seiner vollen Ausbildung, nament-
       lich durch  Vorschuß- und  Kreditgeben, verwickelte  gegenseitige
       Vertragsverhältnisse erzeugt  und damit  allgemein gültige Regeln
       erfordert, die nur durch die Gemeinschaft gegeben werden können -
       staatlich festgesetzte  Rechtsnormen -,  deshalb bildete man sich
       ein, daß  diese Rechtsnormen nicht aus den ökonomischen Tatsachen
       entsprängen, sondern  aus der  formellen  Festsetzung  durch  den
       Staat. Und  weil die Konkurrenz, die Grundverkehrsform freier Wa-
       renproduzenten, die  größte Gleichmacherin  ist, wurde Gleichheit
       vor dem  Gesetz der  Hauptschlachtruf der Bourgeoisie. Die Tatsa-
       che, daß der Kampf dieser neu aufstrebenden Klasse gegen die Feu-
       dalherrn und  die sie  damals schützende  absolute Monarchie, wie
       jeder
       
       #493# Aufzeichnungen und Dokumente
       -----
       Klassenkampf, ein  politischer Kampf, ein Kampf um den Besitz des
       Staates sein, um  R e c h t s f o r d e r u n g e n  geführt wer-
       den mußte, trug dazu bei, die juristische Weltanschauung zu befe-
       stigen.
       Aber die  Bourgeoisie erzeugte  ihren negativen Doppelgänger, das
       Proletariat, und mit ihm einen neuen Klassenkampf, der schon aus-
       brach, ehe  die Bourgeoisie sich die politische Macht vollständig
       erobert hatte.  Wie ihrerzeit  die Bourgeoisie im Kampf gegen den
       Adel die theologische Weltanschauung noch eine Zeitlang aus Über-
       lieferung mitgeschleppt  hatte, so  übernahm das  Proletariat an-
       fangs vom  Gegner die  juristische  Anschauungsweise  und  suchte
       hierin Waffen  gegen die  Bourgeoisie. Die  ersten proletarischen
       Parteibildungen wie ihre theoretischen Vertreter blieben durchaus
       auf dem  juristischen "Rechtsboden", nur daß sie sich einen ande-
       ren Rechtsboden  zusammenkonstruierten, als  der der  Bourgeoisie
       war. Einerseits  wurde die  Forderung der Gleichheit dahin ausge-
       dehnt, daß  die rechtliche Gleichheit durch die gesellschaftliche
       zu ergänzen sei; anderseits wurde aus den Sätzen Adam Smiths, daß
       die Arbeit  die Quelle  alles Reichtums,  das Produkt  der Arbeit
       aber vom  Arbeiter geteilt werden müsse mit dem Grundbesitzer und
       dem Kapitalisten,  der Schluß  gezogen, daß diese Teilung unrecht
       sei und entweder abgeschafft oder doch zugunsten der Arbeiter mo-
       difiziert werden  müsse. Das Gefühl aber, daß diese Belassung der
       Frage auf  dem bloßen  juristischen "Rechtsboden" keineswegs eine
       Beseitigung der durch die bürgerlich-kapitalistische, und nament-
       lich durch  die modern-großindustrielle Produktionsweise geschaf-
       fenen Übelstände  möglich mache,  führte schon  die bedeutendsten
       Köpfe unter  den früheren  Sozialisten - Saint-Simon, Fourier und
       Owen -  dahin, das juristisch-politische Gebiet ganz zu verlassen
       und allen politischen Kampf für unfruchtbar zu erklären.
       Beide  Auffassungen   waren  gleich  ungenügend,  die  durch  die
       wirtschaftliche Lage  geschaffenen Emanzipationsbestrebungen  der
       Arbeiterklasse entsprechend  auszudrücken und  vollständig zusam-
       menzufassen. Die  Forderung der  Gleichheit nicht  minder wie die
       des vollen  Arbeitsertrages verliefen  sich in  unlösliche Wider-
       sprüche, sobald  sie juristisch  im einzelnen  formuliert  werden
       sollten, und ließen den Kern der Sache, die Umgestaltung der Pro-
       duktionsweise, mehr oder weniger unberührt. Die Zurückweisung des
       politischen Kampfes  durch die  großen Utopisten war gleichzeitig
       eine Zurückweisung  des Klassenkampfes, also der einzig möglichen
       Betätigungsweise der  Klasse, in  deren Interesse  sie auftraten.
       Beide Anschauungen  abstrahierten von dem geschichtlichen Hinter-
       grund, dem  sie ihr  Dasein verdankten; beide appellierten an das
       Gefühl; die einen an das Rechtsgefühl, die anderen an das Mensch-
       lichkeitsgefühl. Beide  kleideten ihre  Forderungen in  die  Form
       frommer Wünsche, von denen nicht zu sagen war, weshalb sie gerade
       jetzt durchgeführt  werden sollten und nicht tausend Jahre früher
       oder später.
       
       #494# Beilagen
       -----
       Die Arbeiterklasse,  die durch  die Verwandlung der feudalen Pro-
       duktionsweise in  die kapitalistische alles Eigentums an den Pro-
       duktionsmitteln entkleidet  wurde und  durch den  Mechanismus der
       kapitalistischen Produktionsweise  stets in  diesem erblichen Zu-
       stand der Eigentumslosigkeit wieder erzeugt wird, kann in der ju-
       ristischen Illusion  der Bourgeoisie  ihre Lebenslage  nicht  er-
       schöpfend zum  Ausdruck bringen.  Sie kann  diese Lebenslage  nur
       vollständig selbst  erkennen, wenn  sie die Dinge ohne juristisch
       gefärbte Brille  in ihrer Wirklichkeit anschaut. Hierzu aber ver-
       half ihr  Marx mit seiner materialistischen Geschichtsauffassung,
       mit dem Nachweis, daß alle juristischen, politischen, philosophi-
       schen, religiösen  etc. Vorstellungen der Menschen in letzter In-
       stanz aus  ihren wirtschaftlichen  Lebensbedingungen,  aus  ihrer
       Weise zu  produzieren und  die Produkte auszutauschen, abgeleitet
       sind. Hiermit  war die der Lebens- und Kampfeslage des Proletari-
       ats entsprechende  Weltanschauung gegeben; der Eigentumslosigkeit
       der Arbeiter  konnte nur  die Illusionslosigkeit ihrer Köpfe ent-
       sprechen. Und  diese proletarische Weltanschauung macht jetzt die
       Reise um die Welt.
       Begreiflich dauert  der Kampf  der beiden  Weltanschauungen fort;
       nicht nur zwischen Proletariat und Bourgeoisie, sondern auch zwi-
       schen frei  denkenden und  noch von  alter Tradition beherrschten
       Arbeitern! Im  ganzen wird  hier die  alte Auffassung  verteidigt
       durch gewöhnliche  Politiker mit den landläufigen Argumenten. Nun
       gibt es  aber auch sogenannte wissenschaftliche Juristen, die aus
       der Juristerei einen eigenen Beruf machen. *)
       Bisher hatten  sich diese Herrn zu vornehm gehalten, sich mit der
       theoretischen Seite  der Arbeiterbewegung einzulassen. Wir müssen
       es also  großen Dank  wissen, wenn  endlich einmal ein wirklicher
       Professor der  Rechte, Herr Dr. Anton Menger, sich herabläßt, die
       Geschichte des Sozialismus vom "rechtsphilosophischen" Standpunkt
       "dogmatisch näher zu beleuchten". **)
       ---
       *) Vergleiche über  diese den Artikel von Fr. Engels über "Ludwig
       Feuerbach" in  der "Neuen Zeit" IV, S. 206  1*): "Bei den Politi-
       kern von  Profession, bei  den Theoretikern  des Staatsrechts und
       den Juristen  des Privatrechts geht der Zusammenhang mit den öko-
       nomischen Tatsachen  erst recht verloren. Weil in jedem einzelnen
       Falle die ökonomischen Tatsachen die Form juristischer Motive an-
       nehmen müssen,  um in  Gesetzesform sanktioniert  zu werden,  und
       weil dabei  auch selbstverständlich  Rücksicht zu  nehmen ist auf
       das schon  geltende Rechtssystem,  deswegen soll nun die juristi-
       sche Form  alles sein  und der ökonomische Inhalt nichts. Staats-
       recht und  Privatrecht werden als selbständige Gebiete behandelt,
       die ihre  unabhängige geschichtliche  Entwicklung haben,  die  in
       sich selbst einer systematischen Darstellung fähig sind und ihrer
       bedürfen, durch  konsequente Ausrottung  aller inneren Widersprü-
       che."
       **) Dr. Anton  Menger, "Das Recht auf den vollen Arbeitsertrag in
       geschichtlicher Darstellung", Stuttgart, Cotta, 1886, X, S. 171.
       -----
       1*) Siehe vorl. Band, S. 302
       
       #495# Aufzeichnungen und Dokumente
       -----
       In der  Tat, die Sozialisten sind bisher auf dem Holzweg gewesen.
       Sie haben gerade das vernachlässigt, worauf es ankam.
       
       "Erst wenn die sozialistischen Ideen aus den endlosen  v o l k s-
       w i r t s c h a f t l i c h e n  und philanthropischen Erörterun-
       gen ...  losgeschält und  in nüchterne  Rechtsbegriffe verwandelt
       sind" (S.  III), erst wenn die ganze "nationalökonomische Verbrä-
       mung" (S.  37) beseitigt  ist, kann  die "juristische Bearbeitung
       des Sozialismus...  die wichtigste  Aufgabe der Rechtsphilosophie
       unserer Zeit" [S. III]
       
       in die Hand genommen werden.
       Nun handelt  es sich  in den  "sozialistischen Ideen"  gerade  um
       volkswirtschaftliche Verhältnisse,  vor allem  um das  Verhältnis
       zwischen Lohnarbeit und Kapital, und da sind volkswirtschaftliche
       Erörterungen, so  scheint es, doch wohl etwas mehr als bloße los-
       zuschälende "Verbrämungen". Auch ist die Ökonomie eine sogenannte
       Wissenschaft und  obendrein ein  wenig wissenschaftlicher als die
       Rechtsphilosophie,  weil  sie  sich  mit  Tatsachen  beschäftigt,
       nicht, wie  die letztere,  mit bloßen Vorstellungen. Aber das ist
       dem Juristen von Fach total gleichgültig. Die ökonomischen Unter-
       suchungen stehen  ihm auf  derselben Stufe, wie die philanthropi-
       schen Deklamationen. Fiat justitia, pereat mundus. 1*)
       Ferner sind  die "nationalökonomischen  Verbrämungen" bei  Marx -
       und diese  liegen unserem Juristen am schwersten im Magen - nicht
       bloß ökonomische  Untersuchungen. Sie sind wesentlich historisch.
       Sie weisen  den Gang der gesellschaftlichen Entwicklung nach, von
       der feudalen  Produktionsweise des  Mittelalters bis auf die heu-
       tige entwickelte  kapitalistische, den Untergang früherer Klassen
       und Klassengegensätze und die Bildung neuer Klassen mit neuen In-
       teressengegensätzen, die sich unter anderem auch in neuen Rechts-
       forderungen äußern.  Davon scheint  auch  unserem  Juristen  eine
       leise Ahnung  aufzudämmern, wenn  er S. 37 entdeckt, daß die heu-
       tige
       
       "Rechtsphilosophie ... im wesentlichen nichts ist, als ein Abbild
       des historisch  überlieferten Rechtszustandes",  die man als "die
       b ü r g e r l i c h e    R e c h t s p h i l o s o p h i e    be-
       zeichnen"  könnte   und  der   sich  "in   dem  Sozialismus  eine
       R e c h t s p h i l o s o p h i e   d e r   b e s i t z l o s e n
       V o l k s k l a s s e n  an die Seite gestellt" hat.
       
       Aber wenn  dem so  ist, was  ist die  Ursache davon? Woher kommen
       denn die  "Bürger" und  die "besitzlosen  Volksklassen", die jede
       für sich  eine besondere, ihrer Klassenlage entsprechende Rechts-
       philosophie besitzen?  Aus dem  Recht oder  aus der  ökonomischen
       Entwicklung? Und  sagt  uns  Marx  etwas  anderes,  als  daß  die
       Rechtsanschauungen der einzelnen großen Gesellschaftsklassen sich
       nach ihrer jedesmaligen Klassenlage richten? Wie kommt Menger un-
       ter die Marxisten?
       Doch das ist nur ein Versehen, eine unfreiwillige Anerkennung der
       Macht der  neuen Theorie,  die dem  strengen Juristen entschlüpft
       ist und
       -----
       1*) Dem Gesetz  muß entsprochen werden, mag darüber auch die Welt
       zugrunde gehen.
       
       #496# Beilagen
       -----
       die wir  deshalb auch  nur registrieren.  Im Gegenteil,  wo unser
       Mann des  Rechts auf seinem eigenen Rechtsboden steht, ist er ein
       Verächter der  ökonomischen Geschichte.  Das sinkende  Römerreich
       ist sein Lieblingsbeispiel.
       
       "Noch nie  waren die Produktionsmittel so zentralisiert", erzählt
       er uns, "wie zu der Zeit, da die Hälfte der afrikanischen Provinz
       sich im  Eigentum von  sechs Personen befand... niemals waren die
       Leiden der  arbeitenden Klassen  größer, als in der Zeit, wo fast
       jeder produktive  Arbeiter ein  Sklave war. Es fehlte damals auch
       nicht -  namentlich bei  den Kirchenvätern - an heftigen Kritiken
       des bestehenden  Gesellschaftszustandes, die  sich mit den besten
       sozialistischen Schriften  der Gegenwart  messen können,  dennoch
       folgte auf den Sturz des weströmischen Reiches nicht etwa der So-
       zialismus, sondern  -  die  mittelalterliche  Rechtsordnung"  (S.
       108). Und  warum geschah dies? Weil "der Nation nicht ein klares,
       von aller Überschwenglichkeit freies Bild des künftigen Zustandes
       vorschwebte".
       
       Herr Menger  meint, zur Zeit des sinkenden Römerreiches seien die
       ö k o n o m i s c h e n   Vorbedingungen des modernen Sozialismus
       vorhanden gewesen,  nur dessen  juristische Formulierung  fehlte.
       Deswegen kam  an Stelle  des Sozialismus der Feudalismus, und die
       materialistische Geschichtsauffassung ist ad absurdum geführt!
       Was die  Juristen des sinkenden römischen Reiches so schön in ein
       System gebracht  hatten, das  war nicht das  f e u d a l e,  son-
       dern das  römische Recht, das Recht einer Gesellschaft von Waren-
       produzenten. Da  nach Herrn Mengers Voraussetzung die juristische
       Vorstellung die  treibende Kraft der Geschichte ist, so stellt er
       hier an  die römischen Juristen die ungeheuerliche Forderung, sie
       hätten statt  des Rechtssystems der bestehenden römischen Gesell-
       schaft das gerade Gegenteil, nämlich "ein klares, von aller Über-
       schwenglichkeit freies  Bild" eines phantastischen Gesellschafts-
       zustandes liefern  sollen. Das also ist die Mengersche Rechtsphi-
       losophie, angewandt  auf das   r ö m i s c h e   Recht!  Geradezu
       horrend ist  aber die Behauptung Mengers, daß noch nie die ökono-
       mischen Bedingungen dem Sozialismus so günstig waren, als zur rö-
       mischen Kaiserzeit.  Die Sozialisten, die Menger widerlegen will,
       sehen die  Bürgschaft für  den Erfolg des Sozialismus in der Ent-
       wicklung der  Produktion selbst:  Auf der  einen Seite wird durch
       die Entwicklung  des maschinellen  Großbetriebs in  Industrie und
       Landwirtschaft die  Produktion immer  mehr zu einer gesellschaft-
       lichen und  die Produktivität der Arbeit eine enorme; dies drängt
       zur Aufhebung  der Klassenunterschiede  und zur  Überführung  der
       Warenproduktion in  Privatbetrieben in die direkte Produktion für
       und durch  die Gesellschaft.  Auf der  anderen Seite  erzeugt die
       moderne Produktionsweise  die Klasse,  welche in immer steigendem
       Maße die  Macht  und  das  Interesse  erhält,  diese  Entwicklung
       tatsächlich zu machen, ein freies, arbeitendes Proletariat.
       Nun vergleiche  man damit  die Zustände  des kaiserlichen Rom, wo
       von maschineller  Großproduktion weder in Industrie noch in Land-
       wirtschaft die Rede war. Allerdings finden wir eine Konzentration
       des  Grund b e s i t z e s,
       
       #497# Aufzeichnungen und Dokumente
       -----
       aber man  muß Jurist  sein, um  das für  gleichbedeutend mit  der
       Entwicklung gesellschaftlich  betriebener Arbeit in Großbetrieben
       zu halten.  Wenn wir  Herrn Menger drei Beispiele von Grundbesitz
       vorlegen : einen irischen Landlord, der 50 000 Acres besitzt, die
       von 5000  Pächtern in  kleinen Betrieben  von durchschnittlich 10
       Acres bewirtschaftet  werden; einen  schottischen  Landlord,  der
       50 000 Acres in Jagdgründe verwandelt hat, und eine amerikanische
       Riesenfarm von  10 000 Acres,  in der  in großindustrieller Weise
       Weizen gebaut wird, so wird er erklären, daß in den beiden ersten
       Fällen die  Konzentration der  Produktionsmittel fünf  mal soweit
       vorgeschritten sei, wie in dem letzteren.
       Die  Entwicklung  der  römischen  Landwirtschaft  der  Kaiserzeit
       führte auf  der einen  Seite zur  Ausdehnung der  Weidewirtschaft
       über ungeheure  Strecken und zur Entvölkerung des Landes, auf der
       anderen Seite  zur Zerschlagung der Güter in kleine Pachten, wel-
       che an  Kolonen abgegeben  wurden, also zu Zwergbetrieben höriger
       Kleinbauern, der  Vorläufer der späteren Leibeigenen, also zu ei-
       ner Produktionsweise,  in der  die Produktionsweise des Mittelal-
       ters schon  im Keim enthalten war. Und unter anderem schon darum,
       wertester Herr Menger, folgte auf die Römerwelt "die mittelalter-
       liche Rechtsordnung".  Wohl gab es zeitweise in einzelnen Provin-
       zen auch  landwirtschaftliche Großbetriebe, aber nicht Maschinen-
       produktion mit  freien  Arbeitern,  sondern    P l a n t a g e n-
       w i r t s c h a f t   mit  S k l a v e n,  Barbaren der verschie-
       densten Nationalitäten,  die sich  oft untereinander  nicht  ver-
       standen. Diesen  gegenüber standen  die freien  Proletarier, aber
       nicht   a r b e i t e n d e,   sondern Lumpenproletarier. Auf der
       Arbeit der  Proletarier beruht heute in immer steigendem Maße die
       Gesellschaft, sie Werden für deren Bestand immer unentbehrlicher;
       die römischen  Lumpenproletarier waren  Parasiten, nicht nur ohne
       Nutzen, sondern  sogar von Schaden für die Gesellschaft und daher
       ohne durchgreifende Macht.
       Herrn Menger  aber erscheinen  die Produktionsweise  und das Volk
       noch nie so reif zum Sozialismus gewesen zu sein, als zur Kaiser-
       zeit! Man sieht, welchen Vorteil es hat, wenn man sich von ökono-
       mischen "Verbrämungen" möglichst ferne hält.
       Die Kirchenväter  wollen wir  ihm schenken,  da  er  verschweigt,
       worin deren  "Kritiken  des  bestehenden  Gesellschaftszustandes"
       sich "mit den besten sozialistischen Schriften der Gegenwart mes-
       sen können".  Den Kirchenvätern verdanken wir manche interessante
       Mitteilung aus  der versinkenden römischen Gesellschaft, aber auf
       eine   K r i t i k   derselben ließen sie sich in der Regel nicht
       ein, sie  begnügten sich  damit, sie  einfach  zu    v e r d o n-
       n e r n   und zwar in Ausdrücken von einer Heftigkeit, der gegen-
       über die  heftigste Sprache  moderner Sozialisten  und selbst das
       Gezeter der  Anarchisten zahm  erscheint. Meint Herr Menger diese
       "Überlegenheit"?
       Mit derselben  Verachtung der  geschichtlichen Tatsachen, die wir
       eben bemerkt,  sagt Menger auf S. 2, daß die privilegierten Klas-
       sen ihr Einkommen
       
       #498# Beilagen
       -----
       o h n e   p e r s ö n l i c h e   G e g e n l e i s t u n g   a n
       d i e   G e s e l l s c h a f t   empfangen. Daß die herrschenden
       Klassen im aufsteigenden Ast ihrer Entwicklung sehr bestimmte so-
       ziale Funktionen zu verrichten haben und gerade deswegen zu herr-
       schenden werden,  ist ihm  also gänzlich  unbekannt. Während  die
       Sozialisten die  zeitweilige geschichtliche  Berechtigung  dieser
       Klassen anerkennen,  erklärt Menger hier ihre Aneignung des Mehr-
       produkts für  einen Diebstahl.  Da kann  es ihn denn nur wundern,
       wenn er  S. 122,  123 findet,  daß diese Klassen täglich mehr die
       M a c h t   verlieren, ihr  Recht auf dies Einkommen zu schützen.
       Daß diese  Macht in  der Ausübung sozialer Funktionen besteht und
       mit dem  Untergang dieser  Funktionen in der weiteren Entwicklung
       verschwindet, ist diesem großen Denker ein reines Rätsel.
       Genug. Der  Herr Professor  gibt sich  nun dran,  den Sozialismus
       rechtsphilosophisch zu  behandeln, das  heißt, ihn  auf ein  paar
       kurze Rechtsformeln  zurückzuführen, auf  sozialistische  "Grund-
       rechte", eine  neue Ausgabe  der Menschenrechte  fürs  19.  Jahr-
       hundert. Solche Grundrechte haben zwar nur
       
       "geringe praktische  Wirksamkeit", sind  aber  "auf  dem  wissen-
       schaftlichen Gebiet  nicht ohne  Nutzen" als  "S c h l a g w o r-
       t e"  (S. 5, 6).
       
       Also so  weit sind  wir bereits  heruntergekommen, daß wir es nur
       noch mit   S c h l a g w o r t e n   zu  tun haben. Erst wird der
       geschichtliche Zusammenhang  und Inhalt  der gewaltigen  Bewegung
       beseitigt, um  einer bloßen  "Rechtsphilosophie" Platz zu machen,
       und dann  reduziert sich diese Rechtsphilosophie auf Schlagworte,
       die eingestandenermaßen  praktisch keinen  Heller wert  sind! Das
       lohnte in der Tat die Mühe.
       Der Herr  Professor entdeckt  nun, daß der  g a n z e  S o z i a-
       l i s m u s   sich juristisch  auf   d r e i  solcher Schlagworte
       zurückführen läßt, auf drei Grundrechte. Diese sind:
       1. das Recht auf den vollen Arbeitsertrag,
       2. das Recht auf die Existenz,
       3. das Recht auf Arbeit.
       Das Recht  auf Arbeit  ist nur eine provisorische Forderung, "die
       erste unbeholfene Formel, worin sich die revolutionären Ansprüche
       des Proletariats  zusammenfassen" (Marx)  [465] und  gehört  also
       nicht hierher. Dagegen ist die Forderung der  G l e i c h h e i t
       vergessen, die  den ganzen französischen revolutionären Sozialis-
       mus beherrschte, von Babeuf bis Cabet und Proudhon, die aber Herr
       Menger schwerlich  juristisch wird  formulieren können,  trotzdem
       oder vielleicht  gerade weil  sie die juristischste von allen den
       erwähnten ist.  Bleiben als  Quintessenz nur  die mageren Sätze 1
       und 2,  die sich  noch dazu  widersprechen, was  Menger auf S. 27
       endlich entdeckt,  was aber  keineswegs verhindert, daß jedes so-
       zialistische System  sich darin  bewegen muß  (S. 6). Es ist aber
       handgreiflich, daß die Einzwängung der
       
       #499# Aufzeichnungen und Dokumente
       -----
       verschiedensten  sozialistischen  Doktrinen  der  verschiedensten
       Länder und  Entwicklungsstufen in  diese zwei  "Schlagworte"  die
       ganze Darstellung  fälschen muß.  Die Eigentümlichkeit jeder ein-
       zelnen Doktrin,  die gerade  ihre geschichtliche  Bedeutung  aus-
       macht, wird  hier nicht  nur als nebensächlich beiseite geworfen,
       sondern, weil  vom Schlagwort  abweichend und ihm widersprechend,
       geradezu als einfach falsch verworfen.
       In der  vorliegenden Schrift  wird nur  Nr. 1,  das Recht auf den
       vollen Arbeitsertrag, behandelt.
       Das Recht des Arbeiters auf den vollen Arbeitsertrag, d. h. jedes
       einzelnen Arbeiters  auf   s e i n e n   speziellen Arbeitsertrag
       ist in dieser Bestimmtheit nur Proudhonsche Lehre. Ganz verschie-
       den davon  ist die  Forderung, daß die Produktionsmittel und Pro-
       dukte der  arbeitenden Gesamtheit gehören sollen. Diese Forderung
       ist kommunistisch  und geht,  wie Menger S. 48 entdeckt,  ü b e r
       die Forderung Nr. 1 hinaus, was ihn in nicht geringe Verlegenheit
       setzt. Er  muß daher  die Kommunisten bald unter Nr. 2 rangieren,
       bald das  Grundrecht Nr. 1 so lange zerren und wenden, bis er sie
       darunter bringen  kann. Dies  geschieht S. 7. Hier wird vorausge-
       setzt, daß  nach Abschaffung  der Warenproduktion  diese  dennoch
       fortbesteht. Es  scheint Herrn Menger ganz natürlich, daß auch in
       einer sozialistischen  Gesellschaft  T a u s c h w e r t e,  also
       Waren zum  Verkauf produziert  werden, und  daß die   P r e i s e
       d e r   A r b e i t  fortbestehen, daß also die Arbeitskraft nach
       wie vor als Ware verkauft wird. Die einzige Frage, um die es sich
       ihm dabei  handelt, ist  die,  ob  die  historisch  überlieferten
       (Preise der  Arbeit in der sozialistischen Gesellschaft mit einem
       Aufschlag aufrechterhalten bleiben, oder ob "eine völlig neue Be-
       stimmung der  Arbeitspreise" eintreten  soll. Letztere würde nach
       seiner Ansicht  die Gesellschaft  noch mehr  erschüttern als  die
       Einführung der sozialistischen Gesellschaftsordnung selbst! Diese
       Begriffsverwirrung ist  begreiflich, da unser Gelehrter S. 94 von
       einer     s o z i a l i s t i s c h e n     W e r t t h e o r i e
       spricht, sich also nach bekannten Mustern einbildet, die Marxsche
       Werttheorie solle  den Verteilungsmaßstab  der künftigen  Gesell-
       schaft abgeben.  Ja, S.  56 wird erzählt, der volle Arbeitsertrag
       sei gar  nichts Bestimmtes,  da er nach wenigstens  d r e i  ver-
       schiedenen Maßstäben  berechnet werden könne, und endlich S. 161,
       162 erfahren  wir, daß er das "natürliche Verteilungsprinzip" und
       nur möglich  sei in  einer Gesellschaft  mit Gemeineigentum, aber
       mit Sondernutzung,  also einer Gesellschaft, die heute von keinem
       einzigen Sozialisten  als Endziel  hingestellt wird! Ein treffli-
       ches Grundrecht!  Und ein  trefflicher Rechtsphilosoph der Arbei-
       terklasse!
       Hiermit hat  es sich  Menger leicht  gemacht, die  Geschichte des
       Sozialismus "kritisch"  darzustellen. Drei  Worte nenn'  ich Euch
       inhaltsschwer, und  wenn sie  auch nicht  gehen von Mund zu Munde
       [466], so  sind sie doch vollständig genügend für das Maturitäts-
       examen, das  hier mit  den Sozialisten angestellt wird. Also her,
       Saint-Simon, her,  Proudhon, her,  Marx, und  wie ihr alle heißt:
       Schwört ihr auf Nr. 1, oder Nr. 2, oder Nr. 3? Herein in
       
       #500# Beilagen
       -----
       mein Prokrustesbett,  und was  darüber hinaus reicht, hau' ich ab
       als nationalökonomische und philanthropische Verbrämungen!
       Es kommt  hier nur  darauf an, bei wem sich diese drei dem Sozia-
       lismus von  Menger aufoktroyierten  Grundrechte zuerst vorfinden;
       wer zuerst eine dieser Formeln aufstellt, der ist der große Mann.
       Daß es  dabei ohne  lächerliche Böcke nicht abgeht, trotz des ge-
       lehrt tuenden  Apparats, ist  begreiflich. So  glaubt er, daß bei
       den Saint-Simonisten  die oisifs die besitzenden und die travail-
       leurs die  arbeitenden Klassen bedeuten (S. 67) und zwar im Titel
       der saint-simonistischen  Schrift: "Les  oisifs et  les  travail-
       leurs. -  Fermages, loyers, intérêts, salaires" [467] (die Müßig-
       gänger und  die Arbeiter.  - Pacht,  Miete, Zins,  Lohn), wo  ihn
       schon die Abwesenheit des  P r o f i t s  eines Besseren belehren
       sollte. Auf  derselben Seite zitiert Menger selbst eine entschei-
       dende Stelle  aus dem "Globe", dem Organ des Saint-Simonismus, in
       der neben  den Gelehrten  und Künstlern die industriels, d.h. die
       F a b r i k a n t e n   im Gegensatz  zu den oisifs als Wohltäter
       der Menschheit  gepriesen werden,  und wo nur die Abschaffung des
       Tributs an  die oisifs  verlangt wird,  das heißt, an die  R e n-
       t i e r s,   diejenigen, welche  Pacht, Miete, Zins beziehen. Der
       P r o f i t   ist in  dieser Aufzählung  abermals ausgeschlossen.
       Der Fabrikant  nimmt im  saint-simonistischen  System  eine  her-
       vorragende Stellung  ein als  mächtiger und wohlbezahlter gesell-
       schaftlicher Agent,  und Herr Menger täte wohl daran, diese Stel-
       lung näher zu studieren, ehe er sie fernerhin rechtsphilosophisch
       verarbeitet.
       Auf Seite 73 hören wir, Proudhon habe in den "Contradictions éco-
       nomiques" [468],   "a l l e r d i n g s   z i e m l i c h  d u n-
       k e l,  eine neue Lösung des sozialen Problems" bei beibehaltener
       Warenproduktion  und   Konkurrenz  versprochen.   Was  dem  Herrn
       Professor 1886  noch   z i e m l i c h   d u n k e l,   hat  Marx
       schon 1847 durchschaut, als etwas Altes nachgewiesen und Proudhon
       den Bankrott vorhersagen gekonnt, den dieser 1849 erlebte. [469]
       Doch genug. Alles was wir bisher behandelt, ist ja nur Nebensache
       für Herrn  Menger und  auch für  sein Publikum. Hätte er nur eine
       Geschichte des Rechts Nr. 1 geschrieben, seine Schrift wäre spur-
       los  vorübergegangen.  Diese  Geschichte  ist  bloß  Vorwand  der
       Schrift, ihr  Zweck ist der,  M a r x  h e r u n t e r z u r e i-
       ß e n.   Und nur, weil sie von Marx handelt, wird sie gelesen. Es
       geht schon  seit langem nicht mehr so leicht, ihn zu kritisieren,
       seitdem  das   Verständnis  seines   Systems  in  weitere  Kreise
       gedrungen ist  und der  Kritiker nicht  mehr auf die Unwissenheit
       des Publikums  spekulieren kann.  Nur eines bleibt noch übrig: Um
       Marx  herunterzusetzen,  schiebt  man  seine  Leistungen  anderen
       Sozialisten  zu,  um  die  sich  kein  Mensch  kümmert,  die  vom
       Schauplatz  verschwunden   sind,   die   keine   politische   und
       wissenschaftliche Bedeutung  mehr haben.  Auf diese  Weise  hofft
       man, mit dem Begründer der proletarischen Weltanschauung und die-
       ser selbst  fertigzuwerden. Herr  Menger hat  es unternommen. Man
       ist nicht Professor für die Katze, Man will auch etwas leisten.
       
       #501# Aufzeichnungen und Dokumente
       -----
       Die Sache macht sich sehr einfach.
       Die gegenwärtige  Gesellschaftsordnung gibt  dem  Grundeigentümer
       und Kapitalisten  ein "Recht"  auf einen Teil - den größten - des
       vom Arbeiter  erzeugten Produkts. Grundrecht Nr. 1 sagt, daß dies
       Recht ein  Unrecht ist  und dem  Arbeiter der ganze Arbeitsertrag
       gebühre. Damit ist der ganze Inhalt des Sozialismus erledigt, so-
       weit nicht  Grundrecht Nr.  2 in Frage kommt. Wer also zuerst ge-
       sagt hat,  daß das heutige Recht der Inhaber der Erde und anderer
       Produktionsmittel auf  einen Teil  des Arbeitsertrages  ein  U n-
       r e c h t  ist, der ist der große Mann, der  G r ü n d e r  d e s
       "w i s s e n  s c h a f t l i c h e n"     S o z i a l i s m u s!
       Und das  waren  G o d w i n,  H a l l  und T h o m p s o n.  Nach
       Weglassung sämtlicher endlosen volkswirtschaftlichen Verbrämungen
       findet Menger bei Marx als juristischen Rückstand nur diese selbe
       Behauptung. Folglich  hat Marx  die alten  Engländer,  namentlich
       Thompson, abgeschrieben Und seine Quelle sorgfältig verschwiegen.
       Der Beweis ist erbracht.
       Wir geben  jeden Versuch auf, dem verbohrten Juristen begreiflich
       zu machen,   d a ß   M a r x   n i r g e n d s  d i e  F o r d e-
       r u n g   d e s   "R e c h t s   a u f   d e n  v o l l e n  A r-
       b e i t s e r t r a g"   s t e l l t,  daß er in seinen theoreti-
       schen Schriften  überhaupt keine  Rechtsforderung irgendeiner Art
       aufstellt. Selbst  unserem Juristen dämmert eine entfernte Ahnung
       davon auf,  wenn er  Marx  vorwirft,  nirgends  "eine  gründliche
       Darlegung des Rechts auf den vollen Arbeitsertrag" (S. 98) zu ge-
       ben.
       In den  theoretischen Untersuchungen  von Marx kommt das juristi-
       sche Recht,  das immer nur die ökonomischen Bedingungen einer be-
       stimmten Gesellschaft widerspiegelt, nur in ganz sekundärer Weise
       in Betracht; dagegen in erster Linie die geschichtliche Berechti-
       gung, die  gewisse Zustände, Aneignungsweisen, Gesellschaftsklas-
       sen für  bestimmte Epochen haben, und deren Untersuchung jeden in
       erster Linie  interessiert, der in der Geschichte einen zusammen-
       hängenden, wenn  auch oft  durchkreuzten Entwicklungsgang  sieht,
       nicht aber,  wie das  18. Jahrhundert, einen bloßen Wust von Tor-
       heit und  Brutalität. Marx begreift die geschichtliche Unvermeid-
       lichkeit, also  Berechtigung der  antiken Sklavenhalter, der mit-
       telalterlichen Feudalherren usw., als Hebel der menschlichen Ent-
       wicklung für eine beschränkte Geschichtsperiode; er erkennt damit
       auch die  zeitweilige geschichtliche Berechtigung der Ausbeutung,
       der Aneignung  des Arbeitsprodukts  durch andere  an; er  beweist
       aber auch  gleichzeitig, daß diese historische Berechtigung jetzt
       nicht nur verschwunden ist, sondern daß die Fortdauer der Ausbeu-
       tung in  irgendwelcher Form, statt die gesellschaftliche Entwick-
       lung zu  fördern, sie  täglich mehr  hemmt und in immer heftigere
       Kollisionen verwickelt.  Und der Versuch Mengers, diese epochema-
       chenden geschichtlichen Untersuchungen in sein schmales, juristi-
       sches Prokrustesbett  zu zwängen, beweist nur seine eigene totale
       Unfähigkeit, Dinge  zu begreifen, die über den allerengsten juri-
       stischen Horizont  hinausgehen. Sein  Grundrecht Nr.  1 existiert
       für Marx in dieser Formulierung absolut nicht.
       
       #502# Beilagen
       -----
       Aber jetzt kommt's!
       Herr Menger  hat bei Thompson das Wort  M e h r w e r t,  surplus
       value, entdeckt.  Kein Zweifel,  Thompson ist  also der Entdecker
       des Mehrwerts, Marx nur ein elender Plagiator:
       
       "Man wird  in diesen Ansichten Thompsons sofort den Gedankengang,
       ja sogar  die Ausdrucksweise  erkennen, die  sich später  bei  so
       vielen Sozialisten,  namentlich auch  bei   M a r x   und  R o d-
       b e r t u s  wiederfinden" (S. 53).
       
       Thompson ist  also unleugbar  der "hervorragendste  Begründer des
       wissenschaftlichen Sozialismus" (S. 49). Und worin besteht dieser
       wissenschaftliche Sozialismus?
       
       Die Ansicht,  "daß Grundrente und Kapitalgewinn Abzüge sind, wel-
       che die Grund- und Kapitaleigentümer von dem vollen Arbeitsertrag
       machen, ist keineswegs  d e m  S o  z i a l i s m u s  e i g e n-
       t ü m l i c h,   da manche  Vertreter der  bürgerlichen National-
       ökonomie, z.B. Adam Smith,  v o n  d e r  g l e i c h e n  M e i-
       n u n g   a u s g e h e n.   Thompson und  seine Nachfolger  sind
       n u r   i n s o f e r n   o r i g i n e l l,   daß sie Grundrente
       und Kapitalgewinn als unrechtmäßige Abzüge betrachten, welche mit
       dem Recht  des Arbeiters  auf den  vollen Arbeitsertrag im Wider-
       spruch stehen" (S. 53, 54).
       Der wissenschaftliche  Sozialismus besteht also nicht darin, eine
       ökonomische Tatsache  zu entdecken,  das hatten  nach Menger  die
       Ökonomen vor  ihm schon  besorgt, sondern  einfach darin, sie für
       u n r e c h t m ä ß i g   zu erklären.  Das ist Herrn Mengers An-
       sicht davon.  Wenn die  Sozialisten es  sich in der Tat so leicht
       gemacht hätten,  so hätten  sie längst einpacken können und Herrn
       Mengers rechtsphilosophische  Blamage wäre  ihm  erspart  worden.
       Aber so  geht es,  wenn man  eine weltgeschichtliche Bewegung auf
       juristische Schlagworte  reduziert, die  man in  der Westentasche
       unterbringen kann.
       Aber der  dem Thompson gestohlene Mehrwert? Damit verhält es sich
       wie folgt:
       Thompson untersucht  in seiner  - Inquiry  into the Principles of
       Distribution of Wealth" etc. Kap. 1, Sekt. 15,
       
       "welchen Verhältnisteil  ihres Arbeitsprodukts  sollen die Arbei-
       ter" ("ought",  wörtlich "schuldig sein", also "sollen von Rechts
       wegen") "die  Arbeiter bezahlen für den, Kapital genannten, Arti-
       kel an die Besitzer desselben, genannt Kapitalisten"? Die Kapita-
       listen sagen, daß "ohne dies Kapital, ohne Maschinerie, Rohstoffe
       etc. die  bloße Arbeit unproduktiv sein würde, und daß es deshalb
       nur gerecht  ist, daß der Arbeiter für dessen Benützung etwas be-
       zahlt". Und Thompson fährt fort: "Zweifellos muß der Arbeiter für
       den Gebrauch  desselben etwas  bezahlen, wenn  er so  unglücklich
       ist, es nicht selbst zu besitzen; die Frage ist, wieviel vom Pro-
       dukt seiner  Arbeit für  diese Benützung  abgezogen werden sollte
       (ought)" (S. 128 der Pareschen Ausgabe von 1850).
       
       Dies sieht  schon gar  nicht nach  dem "Recht  auf den vollen Ar-
       beitsertrag" aus.  Im Gegenteil,  Thompson findet  es ganz in der
       Ordnung, daß  der Arbeiter  einen Teil  seines Arbeitsertrags für
       die Benützung  des geborgten  Kapitals abtritt. Es fragt sich für
       ihn nur, wieviel? Und da gibt es "zwei
       
       #503# Aufzeichnungen und Dokumente
       -----
       Maßstäbe, den  des Arbeiters  und den  des Kapitalisten". Und was
       ist der Maßstab des Arbeiters?
       
       "Die Zahlung  einer Summe,  die den  Verschleiß des  Kapitals er-
       setzt, seinen  Wert, wenn  es ganz konsumiert wird, und dazu eine
       solche   z u s ä t z l i c h e   V e r g ü t u n g  an seinen Ei-
       gentümer  und  Verwalter  (superintendent),  wie  sie  diesen  in
       g l e i c h e m   K o m f o r t   mit  den  wirklich  arbeitenden
       (more  actively   employed)  produktiven   Arbeitern  unterhalten
       würde!"
       
       Das ist  nach Thompson die Forderung des  A r b e i t e r s,  und
       wer hierin  nicht sofort  "den Gedankengang,  ja sogar  die  Aus-
       drucksweise" von  "Marx wiederfindet", der fällt bei Herrn Menger
       im rechtsphilosophischen Examen ohne Barmherzigkeit durch.
       Aber der  Mehrwert, -  wo bleibt der Mehrwert? Geduld, lieber Le-
       ser, gleich geht's los.
       
       "Der Maßstab  des Kapitalisten  würde der   z u s ä t z l i c h e
       W e r t   sein, den  dieselbe  Quantität  Arbeit    i n f o l g e
       d e r   B e n ü t z u n g  v o n  M a s c h i n e r i e  oder an-
       derem Kapital   p r o d u z i e r t;  so daß  d i e s e r  g a n-
       z e   M e h r w e r t  genossen würde vom Kapitalisten, von wegen
       seiner  überlegenen  Intelligenz  und  Geschicklichkeit,  vermöge
       deren er sein Kapital aufgehäuft und den Arbeitern es oder seinen
       Gebrauch vorgeschossen hat" (Thompson, S. 128).
       
       Diese Stelle,  buchstäblich genommen,  ist  rein  unverständlich.
       Ohne Produktionsmittel  ist keine Produktion möglich. Die Produk-
       tionsmittel sind  aber hier  unterstellt in der Form von Kapital,
       d.h. im  Besitz von  Kapitalisten. Produziert  also der  Arbeiter
       ohne "Benützung  der Maschinerie  oder anderem  Kapital", so ver-
       sucht er  das Unmögliche,  produziert eben gar nichts. Produziert
       er aber  mit Benutzung  von Kapital,  so wäre  sein   g a n z e s
       Produkt das,  was hier Mehrwert heißt. Sehen wir also weiter. Und
       da läßt Thompson denselben Kapitalisten auf S. 130 sagen:
       
       "Vor der  Erfindung der Maschinerie, vor der Errichtung der Werk-
       stätten und Fabriken, was war da der Betrag des Produkts, den die
       ununterstützten Kräfte  des Arbeiters  hervorbrachten?  Wie  hoch
       dieser auch immer war, er soll diesen auch fernerhin genießen ...
       aber der  Errichter der  Gebäude oder  der Maschinerie, oder dem,
       der diese  durch freiwilligen  Tausch erworben  hat, ihm soll der
       ganze   M e h r w e r t   der fabrizierten Waren zufallen als Be-
       lohnung", usw.
       
       Thompsons Kapitalist  spricht hier  nur die  alltägliche Illusion
       des Fabrikanten  aus, daß die Arbeitsstunde des mit Hilfe von Ma-
       schinerie usw.  produzierenden Arbeiters  einen größeren  W e r t
       produziere als  vor der  Erfindung der  Maschinerie die  Arbeits-
       stunde des einfachen Handarbeiters. Diese Einbildung wird genährt
       durch den  a u ß e r o r d e n t l i c h e n  "Mehrwert", den der
       Kapitalist einstreicht,  der mit  einer neuerfundenen und von ihm
       und vielleicht noch ein paar anderen Kapitalisten monopolisierten
       Maschine in  ein bisher  der Handarbeit  gehörendes  Gebiet  ein-
       bricht. Der  Preis des  Handprodukts bestimmt hier den Marktpreis
       des gesamten  Produkts dieses Industriegebiets; das Maschinenpro-
       dukt kostet vielleicht nur den vierten
       
       #504# Beilagen
       -----
       Teil der  Arbeit, läßt  also dem Fabrikanten einen "Mehrwert" von
       300 Prozent seines Kostenpreises.
       Natürlich macht  die Verallgemeinerung  der neuen Maschine dieser
       Art "Mehrwert" bald ein Ende; aber dann sieht der Kapitalist, daß
       in dem Maß, wie das Maschinenprodukt den Marktpreis bestimmt, und
       dieser Preis mehr und mehr auf den wirklichen Wert des Maschinen-
       produkts herabsinkt,  der Preis  des Handprodukts ebenfalls sinkt
       und damit unter seinen früheren Wert herabgedrückt wird, daß also
       die Maschinenarbeit gegenüber der Handarbeit immer noch einen ge-
       wissen "Mehrwert"  produziert. Diese  ganz gewöhnliche Selbsttäu-
       schung legt Thompson hier seinem Fabrikanten in den Mund. Wie we-
       nig er  selbst sie aber teilt, sagt er unmittelbar vorher, auf S.
       127, ausdrücklich:
       
       "Die Rohstoffe, die Gebäude, der Arbeitslohn, sie alle können ih-
       rem eigenen  Wert nichts  hinzufügen; der   z u s ä t z l i c h e
       W e r t  kommt her von der Arbeit allein."
       
       Wobei wir unsere Leser um Entschuldigung bitten, wenn wir zu Nutz
       und Frommen ausschließlich des Herrn Menger hier noch extra fest-
       stellen, daß  auch dieser "zusätzliche Wert" Thompsons keineswegs
       der Marxsche  Mehrwert ist, sondern der  g a n z e,  dem Rohstoff
       durch die Arbeit zugesetzte Wert, also die Summe vom Wert der Ar-
       beitskraft und Mehrwert im Marxschen Sinne.
       Jetzt erst,  nach  dieser  unumgänglichen  "volkswirtschaftlichen
       Verbrämung", können wir die Kühnheit des Herrn Menger vollständig
       würdigen, mit der er S. 53 sagt:
       
       "Nach der  Ansicht Thompsons  ... betrachten die Kapitalisten ...
       j e n e   Differenz zwischen   d e r  L e b e n s n o t d u r f t
       d e s   A r b e i t e r s   und dem wirklichen Ertrag ihrer durch
       Maschinen und  andere Kapitalaufwendungen  produktiver gewordenen
       Arbeit als  einen Mehrwert (surplus value, additional value), der
       den Grund- und Kapitaleigentümern zuzufallen hat."
       
       Das soll  die deutsche  "freie" Wiedergabe der von uns oben ange-
       führten Stelle  Thompsons S. 128 sein. Bei Thompsons Kapitalisten
       ist aber  einzig die  Rede von der Differenz zwischen dem Produkt
       derselben Arbeitsmenge  (the same quantity of labour), je nachdem
       sie mit  Benützung von Kapital und ohne Benützung von Kapital ar-
       beitet, der  Differenz zwischen  dem Produkt einer gleichen Menge
       von Handarbeit  und Maschinenarbeit.  Die "Lebensnotdurft des Ar-
       beiters" kann Herr Menger nur hineinschmuggeln, indem er Thompson
       direkt fälscht.
       Konstatieren wir also: Der "Mehrwert" des Thompsonschen Kapitali-
       sten ist  nicht der "Mehrwert" oder "zusätzliche Wert" Thompsons;
       noch viel  weniger ist  einer der beiden der "Mehrwert" des Herrn
       Menger; und  am allerwenigsten  ist einer  von allen  dreien  der
       "Mehrwert" von Marx.
       Das geniert  Herrn Menger  aber nicht im mindesten. Er fährt fort
       S. 53:
       
       #505# Aufzeichnungen und Dokumente
       -----
       "Grundrente und Kapitalgewinn sind deshalb nichts anderes als Ab-
       züge, welche  der Grund- und Kapitaleigentümer vermöge seiner ge-
       setzlichen Machtstellung  von dem vollen Arbeitsertrage zum Nach-
       teile des  Arbeiters zu  machen in  der Lage ist" - ein Satz, der
       seinem ganzen Inhalt nach schon in Adam Smith enthalten ist - und
       ruft dann  triumphierend  aus:  "Man  wird  in  diesen  Ansichten
       T h o m p s o n s   sofort den  Gedankengang, ja  sogar die  Aus-
       drucksweise wiedererkennen,  die sich später bei so vielen Sozia-
       listen, namentlich auch bei Marx und Rodbertus wiederfindet."
       
       Mit anderen Worten: Herr Menger hat bei Thompson das Wort surplus
       value (auch  additional value),  Mehrwert, entdeckt, wobei er nur
       vermittelst einer direkten Unterschiebung verheimlichen kann, daß
       surplus value  oder additional  value bei  Thompson in zwei unter
       sich total  verschiedenen Bedeutungen  vorkommt, die beide wieder
       total verschieden sind von dem Sinn, worin Marx das Wort Mehrwert
       gebraucht.
       Das ist  der ganze  Inhalt seiner  gewaltigen  Entdeckung!  Welch
       klägliches Ergebnis gegenüber der pomphaften Ankündigung der Vor-
       rede:
       
       "Ich werde  in dieser  Schrift den  N a c h w e i s  f ü h r e n,
       daß   M a r x   und  R o d b e r t u s  ihre wichtigsten soziali-
       stischen Theorien  älteren englischen und französischen Theoreti-
       kern entlehnt haben, ohne die Quellen ihrer Ansichten zu nennen."
       
       Wie traurig  hinkt jetzt  der Vergleich  einher, der  diesem Satz
       vorhergeht:
       
       "Wenn jemand  dreißig Jahre  nach dem  Erscheinen von Adam Smiths
       Werk über  den Nationalreichtum  die Lehre von der Arbeitsteilung
       wieder 'entdeckt'  hätte oder  wenn heute  ein Schriftsteller die
       Entwicklungstheorie Darwins als sein geistiges Eigentum vortragen
       wollte, so würde man ihn für einen  I g n o r a n t e n  oder für
       einen  S c h a r l a t a n  halten. Nur auf dem Gebiete der Sozi-
       alwissenschaft, welche  eben einer geschichtlichen Tradition noch
       fast völlig entbehrt, sind erfolgreiche Versuche dieser Art denk-
       bar."
       Wir wollen hier absehen davon, daß Menger immer noch glaubt, Adam
       Smith habe die Teilung der Arbeit "entdeckt", während schon Petty
       diesen Punkt  achtzig  Jahre  vor  Smith  vollständig  entwickelt
       hatte. Das in bezug auf Darwin von Menger Gesagte dreht sich aber
       jetzt einigermaßen um. Der ionische Philosoph Anaximander stellte
       bereits im  sechsten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung die An-
       sicht auf,  daß der  Mensch sich aus einem Fisch entwickelt habe,
       und wie bekannt, ist dies auch die Ansicht der heutigen evolutio-
       nistischen Naturwissenschaft.  Wenn nun  jemand auftreten  wollte
       und erklären,  hier sei  bereits der  Gedankengang und  sogar die
       Ausdrucksweise Darwins zu erkennen, und Darwin sei nichts als ein
       Plagiator des Anaximander, habe aber sorgfältig seine Quelle ver-
       heimlicht, so würde er in bezug auf Darwin und Anaximander gerade
       so verfahren,  wie Herr  Menger in  bezug auf  Marx und  Thompson
       wirklich verfährt. Der Herr Professor hat recht: "Nur auf dem Ge-
       biete der  Sozialwissenschaften" darf  man auf  jene Unwissenheit
       rechnen, welche "erfolgreiche Versuche dieser Art denkbar" macht.
       
       #506# Beilagen
       -----
       Da er  aber auf  das Wörtchen  "Mehrwert" solchen Nachdruck legt,
       einerlei, welcher  Begriff damit  verbunden wird,  sei dem großen
       Kenner der sozialistischen und ökonomischen Literatur das Geheim-
       nis verraten,  das nicht  nur bei  Ricardo schon das Wort surplus
       produce 1*)  vorkommt (im  Kapitel über  den Arbeitslohn  [470]),
       sondern daß  auch neben  dem von Sismondi gebrauchten mieux-value
       2*) der  Ausdruck plus-value für jeden Wertaufschlag, der dem Wa-
       renbesitzer nichts kostet, in Frankreich seit Menschengedenken im
       gewöhnlichen Geschäftsleben gang und gäbe ist. Hiernach dürfte es
       fraglich erscheinen,  ob die von Menger vollzogene Entdeckung der
       Entdeckung des  Mehrwerts durch  Thompson oder vielmehr durch den
       Thompsonschen Kapitalisten auch nur in der Rechtsphilosophie Gel-
       tung erhalten wird.
       Herr Menger ist aber noch lange nicht mit Marx fertig. Man höre:
       
       "Es ist  charakteristisch, daß  Marx und  Engels dieses    F u n-
       d a m e n t a l w e r k,   des englischen  Sozialismus"  (nämlich
       Thompson) "seit  vierzig Jahren   f a l s c h    z i t i e r e n"
       (S. 50).
       
       Nicht genug,  daß Marx  diese seine  geheime Egeria  seit vierzig
       Jahren totschweigt,  er muß  sie auch  noch falsch  zitieren! Und
       nicht nur  einmal, sondern  seit vierzig  Jahren. Und  nicht  nur
       Marx, sondern  auch Engels!  Welcher gehäufte Vorbedacht der Ver-
       ruchtheit! Armer  Lujo Brentano,  der Du seit zwanzig Jahren ver-
       geblich auf der Suche bist nach einem einzigen falschen Zitat von
       Marx und Dir auf dieser Hetzjagd nicht nur selbst die Finger ver-
       brannt, sondern  auch Deinen leichtgläubigen Freund Sedley-Taylor
       in Cambridge  ins Unglück gebracht hast [471] - hänge Dich, Lujo,
       daß Du das nicht erfunden hast. Und worin besteht diese horrende,
       vierzig  Jahre   lang  hartnäckig   fortgesetzte  und   obendrein
       "charakteristische" Fälschung, die des ferneren durch die böswil-
       lige ebenfalls vierzigjährige Mitwirkung von Engels den Charakter
       eines dolosen Komplotts annimmt?
       
       "...   f a l s c h   z i t i e r e n,   i n d e m   s i e   d a s
       e r s t e   E r s c h e i n e n   d e s s e l b e n   i n   d a s
       J a h r  1 8 2 7  s e t z e n!"
       
       Und das Buch war schon 1824 erschienen!
       "Charakteristisch" in  der Tat - für Herrn Menger. Das ist jedoch
       bei weitem  nicht das einzige - aufgepaßt, Lujo! - nicht das ein-
       zige falsche  Zitat von Marx und Engels, die das falsche Zitieren
       gewerbsmäßig -  vielleicht auch  im Umherziehen?  - zu  betreiben
       scheinen. In  der "Misère  de la philosophie", die 1847 erschien,
       hat Marx   H o d g s k i n   mit  H o p k i n s  verwechselt, und
       vierzig Jahre  nachher (unter vierzig Jahren tun es diese boshaf-
       ten Menschen  nun einmal  nicht) verbricht Engels dasselbe in der
       Vorrede zur  deutschen Übersetzung der "Misere". [472] Bei diesem
       seinen Feingefühl  für Druck- und Schreibfehler ist es in der Tat
       ein Verlust für die Menschheit, daß der Herr Professor nicht Kor-
       rektor in  einer Druckerei  geworden ist.  Doch nein,  wir müssen
       dies Kompliment wieder zurücknehmen. Herr
       -----
       1*) Mehrprodukt - 2*) Mehrwert
       
       #507# Aufzeichnungen und Dokumente
       -----
       Menger ist  auch zum  Korrektor nicht zu gebrauchen, denn auch er
       schreibt falsch  ab, zitiert also falsch. Dies passiert ihm nicht
       nur mit  englischen, sondern  auch mit deutschen Titeln. So weist
       er z.B.  auf "Engels'  Übersetzung dieser  Schrift", nämlich  der
       "Misère", hin.  Engels hat  laut Titelblatt der Schrift die Über-
       setzung nicht  gemacht. Die  Stelle von  Marx mit Hopkins zitiert
       Engels in der betreffenden Vorrede  w ö r t l i c h,  er war also
       verpflichtet, den Irrtum mitzuzitieren, wenn er Marx nicht falsch
       zitieren wollte.  Aber diese  Leute können es einmal Herrn Menger
       nicht recht machen.
       Doch genug mit dem Kleinigkeitskram, in dem unser Rechtsphilosoph
       sich mit  solchem Behagen  umhertreibt. Es ist "charakteristisch"
       für den Mann und seine ganze Sorte, daß er, der diese ganze Lite-
       ratur überhaupt  nur aus Marx kennengelernt hat - er zitiert kei-
       nen einzigen  englischen, nicht schon von Marx zitierten Schrift-
       steller, außer etwa Hall und weltbekannten Leuten wie Godwin, den
       Schwiegervater Shelleys  -, daß er sich verpflichtet fühlt, nach-
       zuweisen, daß  er zwei  oder drei Bücher mehr kennt als Marx "vor
       vierzig Jahren", im Jahre 1847. Wer mit den Titeln allein der von
       Marx angeführten  Werke in der Tasche und mit den jetzigen Hilfs-
       quellen und  Bequemlichkeiten des Britischen Museums keine andere
       Entdeckung in  dieser Branche  zu machen versteht, als daß Thomp-
       sons "Distribution"  1824 erschienen  ist  und  nicht  1827,  der
       braucht mit  bibliographischer Gelehrsamkeit  wahrhaftig nicht zu
       renommieren.
       Was von  manchem anderen  Sozialreformer unserer  Zeit, das  gilt
       auch von  Herrn Menger: Große Worte und nichtige - wenn überhaupt
       welche -  Taten. Der Nachweis wird versprochen, daß Marx ein Pla-
       giator, und  bewiesen, daß  ein   W o r t,  der "Mehrwert", schon
       vor Marx, wenn auch in anderem Sinne gebraucht worden!
       So geht  es auch  mit dem juristischen Sozialismus des Herrn Men-
       ger. Im Vorwort erklärt Herr Menger, daß er in der
       
       "juristischen Bearbeitung  des Sozialismus"  die "wichtigste Auf-
       gabe der  Rechtsphilosophie   u n s e r e r   Z e i t"  erblicke.
       "Ihre richtige  Lösung wird  wesentlich dazu  beitragen, daß sich
       die unerläßlichen  Abänderungen unserer Rechtsordnung im Wege ei-
       ner friedlichen  Reform vollziehen. Erst wenn die sozialistischen
       Ideen in  nüchterne Rechtsbegriffe  verwandelt sind,  werden  die
       praktischen Staatsmänner  zu erkennen imstande sein, wie weit die
       geltende Rechtsordnung  im Interesse der leidenden Volksmasse um-
       zubilden ist."
       
       Er will sich an diese Umwandlung machen durch Darstellung des So-
       zialismus als eines Rechtssystems.
       Und worauf  läuft diese  juristische Bearbeitung  des Sozialismus
       hinaus? In den "Schlußbemerkungen" heißt es:
       
       "Das unterliegt  wohl keinem  Zweifel, daß  die Ausbildung  eines
       Rechtssystems,  welches  von  diesen  fundamentalen  Rechtsideen"
       (Grundrecht Nr.  1 und  2) "völlig  beherrscht wird,    e i n e r
       f e r n e n  Z u k u n f t  a n g e h ö r t"  (S. 163).
       
       #508# Beilagen
       -----
       Was im  Vorwort als  die wichtigste  Aufgabe "unserer  Zeit"  er-
       scheint, wird zum Schluß einer "fernen Zukunft" zugeschoben.
       
       "Die notwendigen Änderungen" (der gehenden Rechtsordnung) "werden
       im Wege  einer langen  historischen Entwicklung erfolgen, ähnlich
       wie unsere heutige Gesellschaftsordnung das Feudalsystem im Laufe
       der Jahrhunderte  so zersetzt  und zerstört  hat,    b i s    e s
       s c h l i e ß l i c h   n u r   e i n e s   A n s t o ß e s  b e-
       d u r f t e,   u m   d a s s e l b e   v o l l s t ä n d i g  z u
       b e s e i t i g e n"  (S. 164).
       
       Sehr schön  gesagt, aber wo bleibt da die Rechtsphilosophie, wenn
       die "historische  Entwicklung" der  Gesellschaft die  notwendigen
       Änderungen bewirkt?  In der  Vorrede sind es die Juristen, welche
       der gesellschaftlichen Entwicklung ihren Weg vorschreiben; jetzt,
       wo der  Jurist daran ist, beim Worte genommen zu werden, verliert
       er die  Courage und  stammelt etwas von historischer Entwicklung,
       die alles von selbst macht.
       
       "Strebt nun  aber unsere  soziale Entwicklung  der Verwirklichung
       des Rechts  auf den  vollen Arbeitsertrag oder des Rechts auf Ar-
       beit entgegen?"
       
       Herr Menger  erklärt, das  nicht zu  wissen. So  schnöde gibt  er
       jetzt seine  sozialistischen "Grundrechte" preis. Aber wenn diese
       Grundrechte nicht  imstande sind,  einen Hund vom Ofen zu locken,
       wenn sie  nicht die  soziale Entwicklung bestimmen und verwirkli-
       chen, sondern  durch sie  bestimmt und  verwirklicht werden, wozu
       dann diese  Mühe, den  ganzen Sozialismus  auf die Grundrechte zu
       reduzieren? Wozu  die Mühe,  den Sozialismus  seiner ökonomischen
       und historischen  "Verbrämungen" zu  entkleiden, wenn wir hinter-
       drein erfahren  müssen, daß  die "Verbrämungen" seinen wirklichen
       Inhalt ausmachen?  Warum uns erst zum Schlüsse mitteilen, daß die
       ganze Untersuchung  gar keinen Zweck hat, da man das Ziel der so-
       zialistischen Bewegung  nicht durch  die Verwandlung der soziali-
       stischen Ideen in nüchterne Rechtsbegriffe, sondern nur durch das
       Studium der  sozialen Entwicklung  und ihrer  treibenden Ursachen
       erkennen kann?
       Herrn Mengers  Weisheit läuft  schließlich darauf  hinaus, daß er
       erklärt, welche  Richtung die  soziale Entwicklung  nehmen werde,
       könne er  nicht sagen,  aber eines sei sicher, man solle "die Ge-
       brechen unserer  heutigen  sozialen  Ordnung  nicht    k ü n s t-
       l i c h   steigern" (S.  166), und  er empfiehlt zur Ermöglichung
       der weiteren  Erhaltung dieser  "Gebrechen" den -  F r e i h a n-
       d e l  und die Vermeidung weiteren  S c h u l d e n m a c h e n s
       seitens des Staats und der Gemeinden!
       Diese Ratschläge  sind das  ganze greifbare  Resultat der  mit so
       viel Lärm und Selbstanpreisung auftretenden Rechtsphilosophie von
       Menger! Schade,  daß uns  der Herr  Professor nicht das Geheimnis
       verrät, wie  die modernen  Staaten und Kommunen ohne die "Kontra-
       hierung von  Staats- und  Kommunalschulden" fertig werden sollen.
       Sollte er  dies Geheimnis  besitzen, so  möge er  es ja nicht für
       sich behalten.  Es würde ihm den Weg "nach oben" in den Minister-
       sessel noch  schneller bahnen,  als seine "rechtsphilosophischen"
       Leistungen bewirken können.
       
       #509# Aufzeichnungen und Dokumente
       -----
       Welche Aufnahme immer diese an "maßgebender Stelle" finden mögen,
       auf jeden Fall glauben wir versichern zu dürfen, daß die Soziali-
       sten der Gegenwart und Zukunft Herrn Menger seine gesamten Grund-
       rechte schenken  oder auf  jeden Versuch  verzichten, ihm  diesen
       seinen "vollen Arbeitsertrag" streitig zu machen.
       Damit ist natürlich nicht gesagt, daß die Sozialisten darauf ver-
       zichten,   b e s t i m m t e    R e c h t s f o r d e r u n g e n
       zu stellen. Eine aktive sozialistische Partei ist ohne solche un-
       möglich, wie  überhaupt jede  politische Partei.  Die aus den ge-
       meinsamen Interessen einer Klasse hervorgehenden Ansprüche können
       nur dadurch  verwirklicht werden, daß diese Klasse die politische
       Macht erobert und ihren Ansprüchen allgemeine Geltung in Form von
       Gesetzen verschafft.  Jede kämpfende Klasse muß also ihre Ansprü-
       che in der Gestalt von  R e c h t s f o r d e r u n g e n  in ei-
       nem Programm  formulieren. Aber  die Ansprüche jeder Klasse wech-
       seln  im   Laufe  der   gesellschaftlichen  und  politischen  Um-
       gestaltungen, sie sind in jedem Lande verschieden, je nach seinen
       Eigentümlichkeiten und  dem Höhegrad seiner sozialen Entwicklung.
       Daher sind  denn auch  die Rechtsforderungen  der einzelnen  Par-
       teien, bei aller Übereinstimmung im Endziele, nicht zu jeder Zeit
       und bei  jedem Volk völlig die gleichen. Sie sind ein wandelbares
       Element und  werden von  Zeit zu  Zeit revidiert, wie man das bei
       den sozialistischen  Parteien der verschiedenen Länder beobachten
       kann. Bei  solchen Revisionen  sind es  die    t a t s ä c h l i-
       c h e n   V e r h ä l t n i s s e,   die in Rechnung gezogen wer-
       den; dagegen  ist es  noch keiner der bestehenden sozialistischen
       Parteien eingefallen,  aus ihrem  Programm eine  neue  Rechtsphi-
       losophie zu  machen, und  es dürfte ihr auch in der Zukunft nicht
       einfallen. Wenigstens, was Herr Menger auf diesem Gebiete fertig-
       gebracht hat, vermag nur abschreckend zu wirken.
       Das ist die einzige brauchbare Seite an seinem Schriftchen.
       Geschrieben November bis Anfang Dezember 1886.
       Nach: "Die Neue Zeit", Heft 2, Jahrgang 1887.
       
       #510# Beilagen
       -----
       4
       
       Bemerkungen von Friedrich Engels zum Programm
       der Sozialistischen Föderation in Nordengland [473]
       
       Proletarier aller Länder - vereinigt euch!
       Sozialistische Föderation Nordenglands
       (Gegründet in Northumberland, Mai 1887)
       PRINZIPIEN 1*)
       Die Sozialistische  Föderation Nordenglands ist gegründet worden,
       um die Volksmassen zu erziehen und zu organisieren, damit sie die
       ökonomische Emanzipation der Arbeit erreichen.
       Während die  Sozialistische Föderation voll und ganz Anteil nimmt
       an jeder  Bestrebung der  Lohnarbeiter, unter dem bestehenden Sy-
       stem bessere  Lebensbedingungen zu  erlangen und sie darin unter-
       stützt, strebt sie danach, die Klasse der Kapitalisten und Grund-
       eigentümer   s o w i e   d i e   K l a s s e  d e r  L o h n a r-
       b e i t e r   zu beseitigen  und (die Arbeiter der ganzen Gesell-
       schaft)   a l l e    M i t g l i e d e r    d e r    G e s e l l-
       s c h a f t   zu einem genossenschaftlichen Gemeinwesen zu verei-
       nen.
       Eine Unternehmerklasse,  die alle Mittel zur Erlangung und Schaf-
       fung von  Reichtum monopolisiert,  und eine Klasse von Lohnarbei-
       tern, die  gezwungen ist, (in erster Linie) für den Profit dieser
       Unternehmer zu  arbeiten, das  ist ein  System der  Tyrannei  und
       Sklaverei.
       Der Antagonismus  dieser beiden  Klassen (führt  zu)  ä u ß e r t
       s i c h   i n  wilder Konkurrenz - um Beschäftigung unter den Ar-
       beitern und  um Märkte unter den Kapitalisten. Das (gibt Anlaß zu
       Klassenhaß und  Klassenkampf)   s p a l t e t  d i e  N a t i o n
       z u   i h r e m   e i g e n e n  S c h a d e n,  t e i l t  s i e
       i n  z w e i  f e i n d  l i c h e  L a g e r  und zerstört wirk-
       liche Unabhängigkeit, Freiheit und Glück.
       Das gegenwärtige System bringt den Müßiggängern Wohlstand und Lu-
       xus, den  Arbeitern aber  Mühe und  Armut, und für alle Erniedri-
       gung; es  ist seinem  Wesen nach  ungerecht und  sollte beseitigt
       werden.   U n d   e s   k a n n   b e s e i t i g t  w e r d e n,
       j e t z t,   d a   d i e  A r b e i t s p r o d u k t i v i t ä t
       s o   g e s t i e g e n   i s t,   d a ß  k e i n e  A u s d e h-
       n u n g   d e r    M ä r k t e    i h r e n    W a r e n ü b e r-
       s c h u ß   a u f n e h m e n   k a n n,  s o  d a ß  g e r a d e
       d e r   Ü b e r f l u ß   a n   L e b e n s-   u n d   G e n u ß-
       m i t t e l n  z u r  U r s a c h e  d e r
       -----
       1*) Die von  Engels im  Programm gestrichenen  Wörter  stehen  in
       spitzen Klammern; die Einfügungen von Engels sind fett gedruckt
       
       #511# Aufzeichnungen und Dokumente
       -----
       S t a g n a t i o n     d e s    H a n d e l s ,    d e r    A r-
       b e i t s l o s i g k e i t     u n d    f o l g l i c h    d e s
       E l e n d s   v o n    M i l l i o n e n    W e r k t ä t i g e n
       w i r d.
       Unser Ziel  ist es,  ein sozialistisches System zu errichten, das
       allen gesunde und nützliche Arbeit, allen ausreichenden Wohlstand
       und ausreichende  Freizeit, und  allen wahre und vollste Freiheit
       geben wird.
       Alle sind  aufgerufen, der  Sozialistischen Föderation  in dieser
       großen Sache  zu helfen.  Die sich  uns anschließen, sollen Wahr-
       heit, Gerechtigkeit und Sittlichkeit als die Grundlage ihres Ver-
       haltens zueinander  und zu  allen Menschen anerkennen. Sie sollen
       den Grundsatz  anerkennen: Keine  Rechte  ohne  Pflichten,  keine
       Pflichten ohne Rechte.
       Nach dem Programm mit den handschriftlichen Korrekturen von
       Engels. Geschrieben zwischen 14. und 22. Juni 1887.
       
       Aus dem Englischen.
       
       
       5
       
       Interview der "New Yorker Volkszeitung"
       mit Friedrich Engels [474]
       
       ["New Yorker Volkszeitung" Nr. 226 vom 20. September 1888]
       Frage: Ist der Sozialismus in England im Fortschreiten begriffen,
       d.h. akzeptieren  die englischen  Arbeiterorganisationen mehr als
       früher die sozialistische Kritik der wirtschaftlichen Entwicklung
       und streben  sie - in nennenswertem Umfange - die sozialistischen
       "Endziele" an?
       Engels: Ich  bin mit  den Fortschritten  des Sozialismus  und der
       Arbeiterbewegung in  England ganz  zufrieden; diese  Fortschritte
       bestehen aber hauptsächlich in der Entwicklung des proletarischen
       Bewußtseins der   M a s s e n.  Die offiziellen Arbeiterorganisa-
       tionen, Trade-Unions, die stellenweise reaktionär zu werden droh-
       ten, müssen nachhinken wie der österreichische Landsturm.
       Frage: Wie steht es in dieser Beziehung in Irland? Gibt es dort -
       außer der nationalen Frage - irgend etwas, was im sozialistischen
       Sinne Hoffnungen erwecken könnte?
       Engels: Von  Irland ist  eine reine  sozialistische Bewegung  auf
       längere Zeit  nicht zu  erwarten. Die  Leute wollen  erst  kleine
       grundbesitzende Bauern  werden, und wenn sie das sind, kommt erst
       die Hypothek und
       
       #512# Beilagen
       -----
       ruiniert sie nochmals. Inzwischen ist das kein Grund, daß wir ih-
       nen nicht  helfen sollten,  sich von  den Landlords  zu befreien,
       d.h. aus  einem halbfeudalen  in einen  kapitalistischen  Zustand
       überzugehen.
       Frage: Wie  stellen sich die englischen Arbeiter zur irischen Be-
       wegung?
       Engels: Die  Massen  f ü r  die Irländer. Die Organisationen, wie
       die Aristokratie  der Arbeiter überhaupt, gehen mit Gladstone und
       den liberalen Bourgeois und gehen nicht weiter als diese.
       Frage: Wie  denken Sie  über Rußland?  D.h., inwiefern  haben Sie
       Ihre Ansicht modifiziert - die Sie und Marx vor etwa 6 Jahren bei
       meiner 1*) damaligen Anwesenheit in London äußerten -, wonach in-
       folge der nihilistisch-terroristischen Erfolge jener Zeit der An-
       stoß zu  einer europäisch-revolutionären  Bewegung wahrscheinlich
       von Rußland ausgehen würde? [475]
       Engels: Bin  im ganzen noch der Ansicht, daß eine Revolution oder
       selbst nur die Berufung irgendwelcher Nationalversammlung in Ruß-
       land die ganze Gestalt der europäischen politischen Lage umwälzen
       würde. Aber dies ist heute nicht mehr die nächstliegende Möglich-
       keit. Dafür haben wir einen anderen Wilhelm 2*).
       Auf die Frage, wie er wohl die heutige europäische Lage charakte-
       risieren würde,  entgegnete Engels:  Ich habe  seit sieben Wochen
       keine europäische  Zeitung in der Hand gehabt, bin also nicht im-
       stande, irgend etwas, was da drüben vorgeht, zu charakterisieren.
       Damit schloß die Unterredung.
       
       
       Der Internationale Arbeiterkongreß von 1889
       "Eine Antwort an die Justice" [476]
       
       ["Der Sozialdemokrat" Nr. 13 und 14
       vom 30. März und 6. April 1889]
       In ihrer  Nummer vom  16. März  1889 greift  die  "Justice",  das
       "Organ der  Sozialdemokratie", in Hinblick auf den obigen Kongreß
       die Haltung  der, wie  sie sich ausdrückt, "offiziellen deutschen
       Sozialdemokraten" (was  das für  Leute auch  immer sein mögen) im
       allgemeinen und des "offiziellen Organs der deutschen Sozialdemo-
       kratie" -  womit der  Londoner "Sozialdemokrat"  gemeint ist - im
       besonderen an.
       Der "Sozialdemokrat"  hat aufgehört, "offizielles" Organ zu sein,
       seit ein Erkenntnis des deutschen Reichsgerichtes es unsern deut-
       schen Genossen
       -----
       1*) T.F. Cuno, Vertreter der "New Yorker Volkszeitung" - 2*) Wil-
       helm II.
       
       #513# Aufzeichnungen und Dokumente
       -----
       unmöglich gemacht  hat, ein solches zu haben, ohne als Mitglieder
       einer "geheimen  Verbindung" bestraft zu werden. [477] Von diesem
       Augenblick an  nennt sich das Blatt nicht etwa nur  "d a s  Organ
       d e r   Sozialdemokratie", sondern  schlechtweg - und das will es
       auch nur sein - ein "Organ der Sozialdemokratie deutscher Zunge".
       Trotzdem ist  der "Sozialdemokrat"  stolz darauf,  das volle Ver-
       trauen der  deutschen Sozialdemokratie zu genießen, einer Partei,
       deren Stärke  in den  770 000 Stimmen, die sie bei den Wahlen von
       1887 aufbrachte, nur teilweise zum Ausdruck gekommen.
       "Justice" sagt, sie bemerke, "daß deutsche Sozialdemokraten nicht
       nur in Großbritannien, sondern auch in Amerika die Propaganda un-
       serer Sache dadurch stören, daß sie ihre Zeitungen in einer Spra-
       che drucken, die nicht einer von zehntausend um sie herum verste-
       hen kann.  Und das,  obwohl sie,  jedenfalls in  den  Vereinigten
       Staaten, gezwungen  sind, Englisch  zu lernen.  Dies nicht genug,
       beschränken sie sich sogar peinlichst auf ihre eigenen nationalen
       Klubs."
       Dieser Vorwurf  ist gradezu  unerhört. Nach  der "Justice" sollen
       also Deutsche,  die im  Auslande leben, ihre Sprache, das einzige
       Mittel der Propaganda unter ihren Landsleuten, aufgeben und bloße
       Anhängsel der  Bewegung werden, die in dem betreffenden Lande zu-
       fällig existiert, wie immer dieselbe auch beschaffen ist.
       Der "Sozialdemokrat"  ist ein  deutsches Blatt,  geschrieben  für
       Angehörige der deutschen Zunge. Neun Zehntel seiner Auflage gehen
       direkt nach  Deutschland. Er  erscheint zufällig in England, weil
       ein Zwangsgesetz,  schlimmer als das von England Irland gegenüber
       angewendete, sein Erscheinen im Auslande nötig macht und weil der
       schweizerische Bundesrat unter dem Drucke Bismarcks seinen ganzen
       Stab aus der Schweiz ausgewiesen hat.
       Die "Londoner Freie Presse" [478] ist ein Lokalblatt in deutscher
       Sprache. Sie  besteht jetzt  seit mehr als drei Jahren, was genü-
       gend beweist, daß sie einem Bedürfnis entspricht. Übrigens sei es
       ihr überlassen, selbst für sich das Wort zu nehmen.
       Das mögen  auch  die  Deutschamerikaner  tun.  Um  aber  die  von
       "Justice" gegen  sie geschleuderten Anklagen zu kennzeichnen, sei
       hier festgestellt, daß die Sozialistische Arbeiterpartei von Ame-
       rika [298],  obwohl von Hause aus nur und auch jetzt noch zumeist
       aus Deutschen  bestehend, zahlreiche nichtdeutsche Sektionen hat:
       anglo-amerikanische, slawische,  skandinavische etc., daß sie ne-
       ben vielen deutschen Blättern, die sich entweder vollständig oder
       doch nahezu  decken, ein  englisches Organ,  den "Workmen's Advo-
       cate" [479]  veröffentlicht und  dessen noch  erhebliches Defizit
       (s. New  Yorker "Sozialist"  vom 2. März 1889, Bericht der Natio-
       nal-Exekutive) deckt,  daß sie  aus ihren  Mitteln die Kosten für
       einen Agitator  für die anglo-amerikanischen Arbeiter - Professor
       Garside -  beschafft und daß sie in Amerika sich vorwerfen lassen
       muß, nur ein Haufen fremder Eindringlinge
       
       #514# Beilagen
       -----
       zu sein,  die sich  in amerikanische Verhältnisse einmischen, die
       sie nichts  angehen und die sie nicht verstehen. Und das sagt man
       ihnen nach,  ganz unbekümmert  darum, daß  die  Deutschamerikaner
       entweder amerikanische  Bürger sind oder es zu werden und in Ame-
       rika zu verbleiben gedenken. Würden die Deutschen in England, die
       fast alle  sich hier  nur zeitweise  aufhalten, die ihnen von der
       "Justice" erteilten  Weisungen befolgen,  englische  Blätter  für
       englische Leser  herausgeben, sich  an der öffentlichen Agitation
       unter Engländern  aktiv beteiligen, sich in die englische Politik
       einmischen, allen  Pflichten von  Engländern nachkommen  und alle
       Rechte von Engländern verlangen, derselbe Vorwurf würde ihnen ins
       Gesicht geschleudert  werden, und  Unter  anderen  möglicherweise
       auch von der "Justice".
       Was die  Behauptung anbetrifft,  daß die  Deutschamerikaner  "ge-
       zwungen sind,  Englisch zu  lernen", so  kann ich  nur sagen, ich
       wünschte, es wäre so. Leider aber ist es keineswegs der Fall.
       Wo immer  aber deutsche  Sozialisten gewesen  sind, da können sie
       Anspruch darauf  erheben, in  den Grenzen ihres Könnens tätig und
       erfolgreich an der sozialistischen Agitation mitgewirkt zu haben.
       Weder in  Amerika noch  in der  Schweiz, noch im Osten und Norden
       Europas nähme  die Sozialdemokratie  ihre heutige  Stellung  ein,
       wäre ihr nicht die Tätigkeit der sich in den betreffenden Ländern
       aufhaltenden Deutschen  zugute gekommen. Sie sind überall und al-
       lezeit die  Ersten gewesen, die Sozialisten der verschiedenen Na-
       tionen in Verkehr miteinander zu bringen, und der Deutsche Arbei-
       terbildungsverein (jetzt  49, Tottenham  Street, Tottenham  Court
       Road) war,  wenn wir  bis 1840 zurückgehen, der erste internatio-
       nale  sozialistische  Verein  [193].  Wenn  diese  Tatsachen  der
       "Justice" unbekannt  sind, so  kennen die  internationale Polizei
       und das internationale Kapital sie sehr genau. Wo immer ausländi-
       sche Sozialisten  von der  festländischen Polizei belästigt, ver-
       folgt, ausgewiesen wurden, waren es in drei von vier Fällen Deut-
       sche, und  das jetzt dem amerikanischen Kongreß unterbreitete Ge-
       setz zur  Verhütung der  Einwanderung  ausländischer  Sozialisten
       richtet sich hauptsächlich gegen Deutsche.
       Die "Justice" fährt fort:
       
       "Nun zu  dem bevorstehenden  Kongreß. Die Possibilistische Partei
       wurde auf  dem Pariser Kongreß von 1886, wo die Deutschen vertre-
       ten waren,  und auf  dem Londoner Kongreß von 1888 einstimmig be-
       auftragt, den 1889er Kongreß zu organisieren. Nicht der geringste
       Einwand wurde  zur Zeit erhoben... Man durfte daher vernünftiger-
       weise hoffen, daß alle die erbärmlichen persönlichen Bitterkeiten
       der letzten  paar Jahre  überwunden seien.  Dennoch hat das offi-
       zielle Organ der deutschen Sozialdemokraten von jener Zeit an bis
       jetzt unablässig  die Possibilisten bekrittelt und beschimpft und
       die Angriffe  fanden ihren  Abschluß in  einem Caucus" (englische
       Bezeichnung für politische Komitees mit usurpierten Vollmachten),
       "der am  28. Februar  in dem  Büro des  'Recht voor  Allen' [480]
       stattfand und an die elenden Intrigen erinnert, die die alte
       
       #515# Aufzeichnungen und Dokumente
       -----
       'Internationale' zum  Bruch trieben.  In  dieser  Woche  ist  der
       'Sozialdemokrat wieder  an der  Arbeit und  zitiert aus  dem  New
       Yorker 'Sozialist'  einen Angriff auf unsere französischen Genos-
       sen -  ein Fall  von 'Schwein  auf Speck', wahrhaftig. Sicherlich
       sollten unser  Genosse Rackow und alle unabhängigen deutschen So-
       zialdemokraten sich  mit uns  zu einem ehrlichen Versuch vereini-
       gen, dieser  kleinlichen und böswilligen Zänkerei und Drahtziehe-
       rei ein Ende zu machen."
       
       Um alles  das zu  verstehen, ist  etliche Kenntnis der Geschichte
       der französischen  sozialistischen Bewegung bis 1871 unerläßlich.
       Die Sozialisten Frankreichs, in der Kommune von 1871 zu Boden ge-
       worfen, sammelten sich nach und nach und traten im Jahre 1879 auf
       dem Kongreß zu Marseille, wo sie sich als eine Arbeiterpartei or-
       ganisierten, wieder  vor das  Publikum; jedoch  kam es  im  Jahre
       1882, auf  dem Kongreß  von St.  Etienne, zu einer Spaltung. Jede
       Fraktion nannte  sich die  französische Arbeiterpartei (parti ou-
       vrier), aber  sie werden am besten unterschieden durch die Namen,
       die sie  sich gegenseitig  beilegten: nämlich  Possibilisten  und
       Marxisten. Neben  ihnen bestand  noch die Gruppe der Blanquisten,
       die ihre  besondere Organisation aufrechterhielten, obwohl sie im
       allgemeinen erst mit der Arbeiterpartei und nach der Spaltung mit
       den sogenannten  Marxisten gingen. Jede dieser verschiedenen Sek-
       tionen zählt  wieder innerhalb  der Sphäre  ihres Einflusses eine
       Anzahl von  Fachvereinigungen (chambres  syndicales) und  anderer
       Arbeitervereine. Im  ganzen waren  die Possibilisten am stärksten
       in Paris,  während in den Provinzen die sogenannten Marxisten na-
       hezu allein das Feld beherrschten. Auf das Wesen der Differenzen,
       welche die  Fraktionen trennen, gehe ich hier nicht näher ein. Es
       ist bedauerlich  genug, daß sie existieren. Aber weder die engli-
       schen Sozialisten,  die selbst  in verschiedene Gruppen gespalten
       sind, noch  die deutschen  Sozialisten, die erst seit 1875 verei-
       nigt sind, haben ein Recht, den Franzosen diesen Mangel an Einig-
       keit zum Vorwurf zu machen.
       Um sich als die einzig wirkliche, die Arbeiterpartei Frankreichs,
       Geltung zu  verschaffen, verlegten sich die Possibilisten darauf,
       internationale Konferenzen  und Kongresse  zu veranstalten.  Eine
       solche Zusammenkunft  fand in  Paris im  Jahre 1883  statt,  eine
       zweite (die  vom Ausland  hauptsächlich durch  englische  Trades-
       Unionisten besucht  war) im Jahre 1884, eine dritte 1886, auf der
       auch einige Vertreter anderer Nationen anwesend waren. Auf dieser
       Konferenz wurde  ein Internationaler  Kongreß, der  1889 in Paris
       stattfinden solle,  beschlossen, und die Possibilisten wurden mit
       seiner Organisation  beauftragt. Aber  der  d e u t s c h e  D e-
       l e g i e r t e   Grimpe und  ebenso  der  Vertreter  Österreichs
       h a b e n   d i e s e r  R e s o l u t i o n  n i c h t  z u g e-
       s t i m m t.  Und jedenfalls hat dieser Beschluß einer Konferenz,
       an  der  außer  den  Possibilisten  und  den  englischen  Trades-
       Unionisten nur wenige Belgier, ein Australier, ein Deutscher, ein
       Delegierter eines  deutschen Vereins  in London,  ein Schwede und
       ein Österreicher  teilnahmen, lediglich  den Wert eines Wunsches.
       Wie wenig  die auf  ihr gefaßten  Resolutionen selbst  von  ihren
       Teilnehmern
       
       #516# Beilagen
       -----
       für bindend erachtet wurden, bewiesen die englischen Trades-Unio-
       nisten, die  auf ihrem  Huiler Kongreß  ausdrücklich verschiedene
       derselben verwarfen.
       Im September 1887 fand in St. Gallen in der Schweiz ein Parteitag
       der deutschen  Sozialdemokratie statt.  Auf demselben wurde unter
       anderem eine Resolution angenommen, zum Jahre 1888 einen Interna-
       tionalen Arbeiterkongreß  einzuberufen. Als aber um dieselbe Zeit
       von den  Trades Unions der Londoner Kongreß einberufen wurde, war
       die deutsche Arbeiterpartei bereit, ihren eigenen Kongreß fallen-
       zulassen, vorausgesetzt, daß sie auf dem, der in London zusammen-
       treten sollte, zugelassen - einfach zugelassen! - würde.
       In ihrer  Einladung zum Kongreß hatten die Trades Unions erklärt,
       daß nur  w i r k l i c h e  Delegierte von  n a c h w e i s b a r
       b e s t e h e n d e n  Arbeitervereinen zugelassen werden würden.
       Aber unter  den gegenwärtigen Zwangsgesetzen in Deutschland würde
       jede Fachvereinigung durch die einfache Wahl und Entsendung eines
       Delegierten nach  London ihre sofortige Auflösung und die Konfis-
       kation ihres  Vermögens von  Seiten der Regierung auf sich herab-
       beschworen haben.  Die von  dem Gewerkvereinskomitee  formulierte
       Bedingung lief  einfach auf  den Ausschluß  aller deutschen Dele-
       gierten hinaus.  Die deutsche Arbeiterpartei sandte nun A. Bebel,
       unsern wohlbekannten  Reichstagsabgeordneten, als ihren Delegier-
       ten nach  London, und  der Unterzeichnete  begleitete ihn.  Bebel
       sprach auf den Sekretariaten des Parlamentarischen Komitees [481]
       und des  Londoner Zentralrats  der Gewerkschaften  vor und konfe-
       rierte mit Vertretern der Sozialdemokratischen Föderation und der
       Sozialistischen Ligue  [482]. Eine längere Korrespondenz entspann
       sich, in  der die  Deutschen eine  Änderung der  Zulaßbedingungen
       suchten. Aber  die Entscheidung  des  Parlamentarischen  Komitees
       wurde aufrechterhalten  , die  Tür des Kongresses vollbedacht uns
       vor der Nase zugeschlagen. Darauf erließ die Leitung unserer Par-
       tei ihren Protest gegen solch einen Kongreß.
       Der Kongreß  fand statt.  Nie in  der Geschichte der Bewegung der
       Arbeiterklasse ist  ein Arbeiterkongreß  unter so  erniedrigenden
       Bedingungen  zusammengetreten.  Alle  früheren  Arbeiterkongresse
       hielten darauf,  souverän zu sein. Die Einberufer mochten vorläu-
       fige Bestimmungen  treffen, aber  jeder Delegierte  konnte  seine
       Stimme dagegen erheben, und dann traf der Kongreß den maßgebenden
       Entscheid. Diesmal  aber wurden  Zulaßbedingungen,  Tagesordnung,
       Geschäftsordnung, kurz  alles und  jedes im voraus von dem Parla-
       mentarischen Komitee,  diesem antisozialistischen Organ des anti-
       sozialistischen Londoner  Gewerkschaftsrates, diktiert.  Trotzdem
       unterwarfen sich  die sozialistischen  Delegierten des Kongresses
       dieser Erniederung,  weil sonst der Gewerkschaftsrat, der das Lo-
       kal gemietet  hatte, sie  hinausgewiesen hätte, und weil sie es -
       und mit  Recht - für wichtiger hielten, vor der Welt die Existenz
       einer starken sozialistischen Minderheit
       
       #517# Aufzeichnungen und Dokumente
       -----
       unter den  englischen Gewerkschaften bekanntzugeben. Aber sie wa-
       ren verpflichtet, Protest zu erheben, und das haben sie unterlas-
       sen.
       Die Beschlüsse  eines solchen  Kongresses können  selbst für die,
       die auf  ihm vertreten waren, kaum als bindend betrachtet werden,
       und seine  eigentlichen Einberufer, das Parlamentarische Komitee,
       lehnen sie  auch ab, indem sie sich weigern, für irgendeinen der-
       selben die Hand zu rühren. (Bericht des P.K., November 1888, S. 2
       [483].) Daß  sie für  diejenigen bindend  sein sollten, die nicht
       nur nicht  auf ihm vertreten waren, sondern mit Vorbedacht ausge-
       schlossen worden  sind und gegen ihn protestiert hatten, ist ein-
       fach albern. Unbekümmert darum beschloß der Kongreß, daß im Jahre
       1889 in  Paris ein  Internationaler Kongreß stattfinden solle und
       beauftragte die Pariser Possibilisten mit seiner Organisation.
       Während der Londoner Kongreß tagte, hielten die mit den sogenann-
       ten Marxisten Frankreichs verbundenen französischen Gewerkvereine
       in Bordeaux  ihren Kongreß  ab und beschlossen ebenfalls, daß ein
       Internationaler Arbeiterkongreß  1889 in Paris stattfinden solle.
       Ein Delegierter  von Bordeaux ward zum Londoner Kongreß entsandt,
       kam aber dort erst an, um seinem Schluß beizuwohnen.
       Weiter. Die  französischen Possibilisten hatten ihren eigenen na-
       tionalen Arbeiterkongreß  auf den  Dezember vorigen  Jahres  nach
       Troyes einberufen. Aber das Organisationskomitee in Troyes - ihre
       eigenen Leute  - hielten  es für  ihre Pflicht,  zu einem solchen
       Kongreß Delegierte   a l l e r   sozialistischen und Arbeiterver-
       eine Frankreichs  einzuladen. Daraufhin  ließen die Possibilisten
       ihren  Kongreß  im  Stich,  der  in  ihrer  Abwesenheit  von  den
       sogenannten Marxisten  und Blanquisten  abgehalten wurde,  welche
       die in Bordeaux gefaßte Resolution in bezug auf einen 1889 in Pa-
       ris abzuhaltenden  Internationalen Kongreß  bestätigten. Und  das
       einfach aus Gründen der Notwehr, denn sie wissen zu gut, daß, in-
       dem der  Londoner Kongreß  den Possibilisten die Organisation des
       von    i h m    beschlossenen  Pariser  Kongresses  übertrug,  er
       tatsächlich, wenn auch unwissentlich, den Ausschluß aller franzö-
       sischen Arbeiter,  die nicht  unter dem Einfluß der Possibilisten
       stehen, vorbereitete.
       So hätten  also  zwei  konkurrierende  Kongresse  1889  in  Paris
       zusammentreten sollen.  Und wenn die "Justice" auch ihre Leser in
       vollkommener Unkenntnis  der Tatsache  gelassen,  daß  erhebliche
       Fraktionen französischer  Arbeiter im Herbst 1888 in Bordeaux und
       Troyes zusammengetreten  waren (in  Bordeaux vertraten  63  Dele-
       gierte 250  lokale Gewerkschaften,  u.a.  von  Marseille,  Lille,
       Lyon, Roubaix; in Troyes 36 Delegierte 327 verschiedene Organisa-
       tionen, lokale  Fach- und  sozialistische Vereine) und einen Kon-
       greß beschlossen  haben, auf dem auch sie vertreten sein könnten,
       so kam diese Tatsache doch zu den Ohren der deutschen sozialdemo-
       kratischen Partei.  Demgemäß hielten  es die  Deutschen für  ihre
       Pflicht, ihr  möglichstes zu  tun, die Abhaltung von zwei konkur-
       rierenden Kongressen, die in Gegnerschaft
       
       #518# Beilagen
       -----
       zueinander stehen  und die  beide ein  Mißerfolg sein  würden, zu
       verhindern, und  zu sehen,  was getan  werden könne,  diese  zwei
       Rumpfkongresse zu einem wirklichen Kongreß zu verschmelzen.
       Zu diesem  Behuf schlug  die sozialistische Fraktion im deutschen
       Reichstag, die  die Leitung der deutschen Partei bildet, eine In-
       ternationale Konferenz vor, zu der sie  b e i d e  Fraktionen der
       französischen Sozialisten  und diejenigen nichtdeutschen soziali-
       stischen Organisationen einlud, mit denen sie in Verkehr und Kor-
       respondenz steht.  Diese Konferenz  hat am  28. Februar  in  Haag
       (Holland) stattgefunden,  und auch  ich war dort - freilich nicht
       als Delegierter,  sondern  bloß  als  Zuschauer.  Beide  Parteien
       Frankreichs waren  eingeladen, aber die Possibilisten lehnten ein
       Erscheinen ab. Die Marxisten sandten Lafargue. Weiter waren dort:
       zwei Deutsche  (Bebel und  Liebknecht), zwei Holländer (Croll und
       Domela Nieuwenhuis),  zwei Belgier  (Anseele und  Volders),  zwei
       Schweizer (Reichel und Scherrer).
       Drei Fragen  galt es  vor allen  Dingen zu erledigen. Erstens die
       Schritte zur  Erzielung eines  einheitlichen Kongresses, zweitens
       die Ausarbeitung  von Zulaßbedingungen,  welche es  unmöglich ma-
       chen, irgendeine  Gruppe, die  billigerweise Anspruch  auf  Zulaß
       hat, auszuschließen, und drittens die Sicherstellung der Souverä-
       nität des  Kongresses in seinen inneren Angelegenheiten. Denn die
       Possibilisten  waren   bereits  in   die  Fußtapfen   des  Parla-
       mentarischen Komitees  der Trades  Unions getreten  und hatten im
       voraus eine  Geschäftsordnung ausgearbeitet,  welche für den Kon-
       greß bindende Kraft haben sollte. Nicht nur enthielt dieselbe be-
       reits fix und fertig die Tagesordnung, sondern u.a. auch die Vor-
       schrift, daß nicht der Kongreß in seiner Gesamtheit, sondern jede
       einzelne Nationalität  die Mandate der ihr zugehörenden Delegier-
       ten prüfen  und über  ihre Gültigkeit  entscheiden solle. Beides,
       sowohl diese  Tagesordnung als  speziell diese  Art der  Mandats-
       prüfung, mag  der Kongreß später annehmen oder nicht, aber jeden-
       falls muß  sein Recht,  sie anzunehmen  oder zu  verwerfen, außer
       Frage gestellt  werden. Und dies um so mehr, als die von den Pos-
       sibilisten vorgeschriebene  Art der Mandatsprüfung es tatsächlich
       in ihre  Hand legt, nur die von ihnen gewählten französischen De-
       legierten, zuzulassen.  Man erinnere sich nur, wie sehr nahe ver-
       schiedene englische  sozialistische Delegierte  zum Londoner Kon-
       greß daran  waren, von einem Geschäftsordnungskomitee, in welchem
       die englischen Trades Unions bloß die Mehrheit gegenüber den Aus-
       ländern hatten, ausgeschlossen zu werden. Und nicht nur haben die
       Possibilisten gerade  in Paris ihren Hauptanhang, sondern sie be-
       absichtigen auch,  von dem  Pariser Gemeinderat einen Beitrag von
       50 000 Franken  zu den  Kosten des  Kongresses zu  erlangen, über
       welche Summe sie die Verfügung haben würden.
       So beschloß die Haager Konferenz denn einstimmig folgende Resolu-
       tion:
       
       "Die Unterzeichneten laden die Föderation der sozialistischen Ar-
       beiter Frankreichs"  (dies der  offizielle Name der Possibilisti-
       schen Partei) "ein, unter Bezugnahme
       
       #519# Aufzeichnungen und Dokumente
       -----
       auf das ihr von dem Londoner Kongreß von 1888 übertragene Mandat,
       den Pariser Internationalen Kongreß gemeinsam mit den sozialisti-
       schen und Arbeiterorganisationen Frankreichs und der übrigen Län-
       der, einzuberufen.
       Diese Einberufung,  welche von allen Vertretern der Arbeiter- und
       sozialistischen Organisationen  zu unterzeichnen,  ist alsdann so
       schnell als  möglich den  Arbeitern und  Sozialisten Europas  und
       Amerikas mitzuteilen.
       Die Einberufung soll erklären:
       1. daß der  Pariser Internationale  Kongreß vom  14. bis  zum 21.
       Juli 1889 tagen wird;
       2. daß er  allen Arbeitern und Sozialisten der verschiedenen Län-
       der offensteht unter Zulaßbedingungen, die den politischen Geset-
       zen, unter denen sie leben, angepaßt sind;
       3. daß der  Kongreß in bezug auf die Mandatsprüfung und die Fest-
       setzung der Tagesordnung souverän ist.
       Die vorläufige Tagesordnung solle lauten wie folgt:
       a) Internationale Arbeitergesetzgebung;  gesetzliche  Regulierung
       des Arbeitstages  (Tagesarbeit, Nachtarbeit, Ruhetage, die Arbeit
       erwachsener Männer, der Frauen, der Kinder).
       b) Überwachung der  Fabriken und  Werkstätten wie  der  Hausindu-
       strie.
       c) Mittel und Wege, diese Maßregeln zu erlangen.
       Im Haag, den 28. Februar 1889.
       Die Delegierten für Deutschland: A. Bebel, W.Liebknecht.
        "      "        "  die Schweiz: A. Reichel, H. Scherrer.
        "      "        "  Holland:     F.D. Nieuwenhuis, L. Croll.
        "      "        "  Belgien:     Ed. Anseele, J. Volders.
        "      "        "  Frankreich:  Paul Lafargue."
       
       So machte  die Konferenz  den Possibilisten jede denkbare Konzes-
       sion. Unter Ausschluß ihrer französischen Rivalen wurde, in Über-
       einstimmung mit  der Londoner  Resolution, ihnen die Vorbereitung
       und Organisation des Kongresses überlassen. Alles was man von ih-
       nen verlangte,  war, daß sie eine gemeinsam verabredete Einladung
       erlassen sollten,  die ebenfalls von allen übrigen interessierten
       Parteien zu  unterzeichnen wäre  und 1. das Datum des Kongresses,
       2. die  allgemeinen Zulaßbedingungen, und 3. die Souveränität des
       Kongresses in  bezug auf  seine Tages- und Geschäftsordnung fest-
       stellte. Indem  sie alle  Organisationen, die  sie unterzeichnen,
       bindet, ist  diese gemeinsame  Einladungsform das beste, das ein-
       zige Mittel, den wahrhaft allgemeinen und internationalen Charak-
       ter des Kongresses zu sichern. Die vorgeschlagenen Zulaßbedingun-
       gen verhinderten  eine Wiederholung der skandalösen Ausschließung
       von Delegierten  aus Deutschland, Österreich und Rußland, infolge
       deren der  Londoner Kongreß  nur ein  so unvollständiges Bild der
       proletarischen Bewegung  unserer Zeit gab. Die Forderung, daß die
       Souveränität des Kongresses in bezug auf seine inneren Angelegen-
       heiten ausdrücklich  gesichert werden  solle, war eine Notwendig-
       keit geworden,  nachdem  das  Parlamentarische  Komitee  versucht
       hatte, einen
       
       #520# Beilagen
       -----
       Präzedenzfall zu  schaffen und  die Possibilisten  es ihm nachge-
       macht hatten.  Sie verlangte  nur, was  sich von selbst verstand,
       und nahm  den Possibilisten auch nicht das kleinste Titelchen von
       dem, was  der  Londoner  Kongreß  ihnen  übertragen.  Denn  weder
       wollte, noch  konnte der Londoner Kongreß das Recht beanspruchen,
       irgend jemand  in der  Welt Vollmacht  zum Erlaß von Satzungen zu
       geben, die für künftige Kongresse bindend wären.
       Daß die  Resolution im  Haag nicht im hochfahrenden Gegensatz zum
       Londoner Kongreß  gefaßt worden,  beweist die  Tatsache, daß zwei
       der Delegierten, die ihr zustimmten und sie unterzeichneten - An-
       seele von  Gent und Croll vom Haag - 1888 in London nicht nur als
       Delegierte anwesend  waren, sondern auch als Tagespräsidenten für
       das Ausland  fungiert haben.  Es geht  ferner daraus  hervor, daß
       sowohl die  Deutschen, die in London ausgeschlossen, als diejeni-
       gen Franzosen,  die daselbst nicht vertreten waren, bereit waren,
       die Possibilisten im Besitze aller Vollmachten zu lassen, die der
       Londoner Kongreß  ihnen übertragen  hatte  und  ihnen  übertragen
       konnte. Was  dieselben verlangen, ist einzig und allein, daß ihre
       eigene Zulassung  unter gleichen  Bedingungen gesichert werde und
       daß der  Pariser Kongreß,  einmal beisammen,  über seine  Interna
       selbst endgültig beschließen solle. Und dafür, daß sie es gewagt,
       in so  versöhnlichem Geiste vorzugehen, wird die Haager Konferenz
       von der "Justice" ein "Caucus" genannt!
       Die Possibilisten haben die ihnen dargebotene Hand ausgeschlagen.
       Sie wollen den Vertretern der Sozialisten des Auslands gestatten,
       mit ihnen  die Einladungszirkulare  zu unterzeichnen,  aber  kein
       französischer Sozialist,  der nicht  in ihren  Reihen steht, soll
       unterzeichnen dürfen.  Sie beanspruchen  dergestalt, die   e i n-
       z i g e   sozialistische Körperschaft  in Frankreich zu sein, und
       verlangen, daß  wir Ausländer  sie als das anerkennen. Mehr noch,
       sie wollen  nicht zugeben,  daß der  Kongreß als Körperschaft den
       Modus der  Mandatsprüfung selbst  bestimmt -  die von  den Possi-
       bilisten im  voraus verkündeten Satzungen und Réglemente sind da,
       und der Kongreß hat sie gehorsamst hinunterzuschlucken.
       Unter diesen  Umständen ist es mit der Hoffnung, daß der im vori-
       gen November  in London beschlossene und den Possibilisten in die
       Hände gegebene  Kongreß mehr  als ein Scheinkongreß sein wird, zu
       Ende. Es  bleibt abzuwarten,  was die im Haag vertretenen Gruppen
       nun ihrerseits unternehmen werden; jedenfalls sind dieselben ent-
       schlossen, gemeinsam vorzugehen.
       Vom "Sozialdemokrat"  sagt die "Justice", er habe seit dem Londo-
       ner Kongreß  "unablässig die  Possibilisten  bekrittelt  und  be-
       schimpft", und  sie appelliert an alle unabhängige deutsche Sozi-
       aldemokraten, "sich  mit uns zu einem ehrlichen Versuch zu verei-
       nigen, dieser  kleinlichen und böswilligen Zänkerei und Drahtzie-
       herei ein Ende zu machen".
       Die "Justice" hat Jahre hindurch in ihrer eigenen Weise die Reden
       und Handlungen  deutscher Sozialdemokraten  kritisiert, aber  der
       "Sozialdemokrat"
       
       #521# Aufzeichnungen und Dokumente
       -----
       hat sich  deshalb weder  über "Krittelei  und Schimpferei",  noch
       über "kleinliche  und böswillige  Zänkerei und Drahtzieherei" be-
       schwert. Wir  Deutschen sind  gewöhnt,  eine  unumwundene  Kritik
       sowohl innerhalb  unserer eigenen  Partei als  auch gegenüber den
       anderen Nationalitätsgruppen der proletarischen Bewegung zu üben.
       Wir wissen  zu gut,  daß es kein größeres Glück für unsere Feinde
       geben könnte,  als diese Bewegung in eine gegenseitige Beweihräu-
       cherungsgesellschaft oder  eine gegenseitige Versicherungsgesell-
       schaft für  Agitatoren verwandelt  zu sehen. Wir sind daher nicht
       so zartbesaitet, die Attacken der "Justice" nicht ohne Zucken er-
       tragen zu  können. Ebensowenig  aber sind wir nach England gekom-
       men, um  das Recht  der Kritik aufzugeben, das wir einem Bismarck
       gegenüber hochgehalten und das durch ruhmvolle Revolutionen gesi-
       chert zu haben mit Recht der Stolz des englischen Volkes ist. Wir
       werden uns daher die Freiheit nehmen, da, wo wir es für notwendig
       halten, über  die "Zänkereien  und Drahtziehereien" französischer
       und -  jawohl -  auch englischer Sozialisten unsere Meinung offen
       herauszusagen.
       Die Possibilisten haben seit einiger Zeit eine politische Haltung
       beobachtet, die  nichts weniger als die allseitige Zustimmung der
       Sozialdemokraten anderer  Länder gefunden  hat; aber ihre Haltung
       bei dem  letzten Wahlkampf  in Paris  ist in der Tat gar nicht zu
       verteidigen. Unter  dem Vorwand,  die Republik  vor Boulanger  zu
       retten, haben  sie sich  mit den korruptesten Elementen des Bour-
       geois-Republikanismus verbündet, mit den Opportunisten [208], die
       zehn Jahre lang Frankreich ausgesogen, um sich zu bereichern. Sie
       agitierten und stimmten für einen Regierungskandidaten, einen ka-
       pitalistischen Spritfabrikanten,  "einen  schlechten  Kandidaten,
       den französischen  John Jameson" ("Justice" vom 19. Januar 1889),
       und als  ein sozialistischer  Arbeiter, Boulé,  der den neulichen
       großen Erdarbeiterstreik  organisiert -, beiden, Boulanger  u n d
       Jacques, gegenübergestellt  wurde, stimmten sie in den Bourgeois-
       Chorus ein: "Nur keine Spaltung innerhalb der großen republikani-
       schen Partei!"  - denselben  Ruf, der  in England mehr als einmal
       von der  großen liberalen  Partei  gegen  Kandidaten  ausgestoßen
       wurde, die von der "Justice" aufgestellt worden. Als ob man nicht
       Boulanger wirksamer bekämpfte, wenn man den Arbeitern Gelegenheit
       gibt, für  einen eigenen  Vertreter zu stimmen, statt sie vor die
       Alternative zu  stellen, entweder  für Boulanger  zu stimmen oder
       für einen  Vertreter jener Kapitalisten, deren Gier, den Reichtum
       Frankreichs in  ihre Taschen  zu praktizieren (wie dies von Herrn
       Hyndman in  der "Justice"  vom 2. Februar 1889 sehr gut dargelegt
       worden), Boulanger erst zu dem gemacht, was er ist.
       Um der  "Justice" Gerechtigkeit  widerfahren zu  lassen: sie  hat
       dieses Verhalten  der Possibilisten  nicht verteidigt,  noch  ihr
       "etwas bedenkliches  Bündnis mit der Bourgeois-Partei" ("Justice"
       28. Januar), aber sie hat ihren Lesern auch nicht gesagt, daß das
       Organ der  Possibilisten, das "Parti Ouvrier" [484] in seinem Ei-
       fer gegen die Boulangisten lärmend für Zwangsmaßregeln
       
       #522# Beilagen
       -----
       gegen diese  "ungeheuerliche Preßfreiheit"  *) und wider das Ver-
       sammlungsrecht eingetreten  ist. Die  "Justice" hat  dies und den
       Kampf für  den Arbeiterkandidaten,  sowie die  Tatsache,  daß  er
       trotz alledem  17 000 Stimmen  erhielt, ihren Lesern nach Kräften
       vorenthalten. Und weil wir uns über dieses schimpfliche Verhalten
       der Possibilisten  offen aussprachen,  wird uns  von einem  Blatt
       Krittelei und  Schimpferei, böswilliges  Zanken und Drahtzieherei
       vorgeworfen, das  die Aufführung seiner eigenen possibilistischen
       Freunde selbst nicht zu verteidigen wagt.
       Die Sache  ist die, daß die Possibilisten in diesem Augenblick im
       vollen Sinn des Worts eine Regierungspartei -  m i n i s t e r i-
       e l l e   S o z i a l i s t e n   - sind  und die Wohltaten einer
       solchen Stellung einheimsen. Während der Kongreß von Bordeaux von
       den Behörden  verboten und  von der Polizei auseinandergejagt und
       seine Abhaltung  nur dadurch  möglich wurde, daß er. im Stadthaus
       einer Nachbargemeinde,  deren Maire  revolutionär gesinnt, Obdach
       fand, während  der Kongreß  von Troyes wiederholt von der Polizei
       überfallen wurde,  um das Entfalten der roten Fahne zu verhindern
       - Dinge,  die die Possibilisten in ihren Blättern weder tadelten,
       noch auch  nur erwähnten  - sind  diese "hochrespektablen" Sozia-
       listen die Vertrauten der Charles Warren von Paris. Und sie haben
       denn auch  nicht nur  nicht protestiert,  sondern direkt  Beifall
       geklatscht, als  die Pariser  Behörden die  von den  unabhängigen
       Sozialisten und  Fachvereinen eingeleitete  Demonstration für den
       Achtstundenarbeitstag verboten.
       So wird,  wenn es  dahin kommt, daß in diesem Jahr zwei Kongresse
       in Paris  abgehalten werden,  der eine  derselben nicht nur unter
       dem Schutz,  sondern geradezu  unter der Gönnerschaft der Polizei
       stehen. Er  wird von der Regierung, von der Departementalbehörde,
       vom Gemeinderat  von Paris geliebkost werden, gefeiert und feier-
       lich bewirtet  werden. Er  wird aller  Begünstigungen  teilhaftig
       werden, welche  auf die offiziellen ausländischen Gäste der Bour-
       geois-Republik herabregnen.
       Der andere wird von der republikanischen Ehrbarkeit gemieden, von
       den Behörden  streng überwacht  werden und  in der  Tat froh sein
       können, wenn  man es  ihm überläßt,  für sich  selbst zu  sorgen.
       Denn, wenn  Engländer ihn besuchen sollten, kann es ihnen passie-
       ren, daß  sie sich mitten in Paris plötzlich wieder auf Trafalgar
       Square befinden.
       -----
       *) "Wir dürfen  nicht ablassen zu wiederholen, daß in der Krisis,
       in der  wir uns  befinden,   d i e s e    P r e ß f r e i h e i t
       u n t e r d r ü c k t   w e r d e n  m a ß."  "Parti Ouvrier" vom
       18. März (der passendste Tag in der Tat) 1889.
       
       #523# Aufzeichnungen und Dokumente
       -----
       7
       
       Brief an die Redaktion des "Labour Elector" [485]
       
       Da Sie  sich offenbar  ständig für  die Fragen interessieren, die
       mit dem  bevorstehenden Internationalen Arbeiterkongreß zusammen-
       hängen, hoffe ich, daß Sie einem Franzosen und Mitglied der soge-
       nannten Organisation  der französischen  Marxisten (Agglomération
       Parisienne) gestatten  werden, einige  Worte als  Antwort auf ein
       Zirkular zu  sagen, das im Bulletin der Pariser Arbeitsbörse ver-
       öffentlicht und  in englischer Sprache im "Justice" vom 27. April
       wiedergegeben worden ist.
       Die Pariser  Arbeitsbörse ist heute eine durch und durch possibi-
       listische Institution.  Die Possibilisten haben mit Hilfe der op-
       portunistischen und  radikalen Mitglieder [211] des Pariser Muni-
       zipalrats sich  ihrer bemächtigt,  und jede  Gewerkschaft, die es
       wagt, sich offen possibilistischen Prinzipien und Taktiken zu wi-
       dersetzen, wird  sofort ausgeschlossen. Das obenerwähnte Zirkular
       ist daher,  obwohl es im Namen von 78 Pariser Gewerkschaften her-
       ausgegeben wurde, genausogut ein possibilistisches Erzeugnis, als
       wenn es  vom Komitee der Possibilisten selbst herausgebracht wor-
       den wäre.
       Dieses Zirkular  ruft  "alle  Organisationen  der  Arbeiterklasse
       Frankreichs, ohne Unterschied der Schattierungen republikanischer
       oder sozialistischer  Meinung" auf,  an dem Possibilisten-Kongreß
       teilzunehmen. Nun,  das klingt  recht gut.  Und da unsere Sektion
       der französischen  Sozialisten die  Possibilisten aus der Provinz
       vollständig vertrieben  hat, so daß sie nicht wagten, ihrem eige-
       nen Kongreß in Troyes beizuwohnen, sobald sie hörten, daß wir zu-
       gelassen wären,  und da  unsere Organisationen in der Provinz bei
       weitem zahlreicher sind als alle possibilistischen Organisationen
       in ganz  Frankreich, würden wir zweifellos sogar in diesem Possi-
       bilisten-Kongreß die  Majorität an  französischen Delegierten ha-
       ben, wenn  eine richtige Grundlage der Vertretung gesichert wäre.
       Aber da  liegt gerade die Schwierigkeit. Das possibilistische Ko-
       mitee hat  einen Haufen von Anordnungen für den Kongreß herausge-
       bracht, aber  diesen wichtigsten  Punkt niemals  erwähnt. Niemand
       weiß, ob  jede Gruppe  einen, zwei oder mehr Delegierte entsenden
       soll oder  ob die Zahl der Delegierten nach der Zahl der Mitglie-
       der in  jeder Gruppe bestimmt werden soll. Da aber die Possibili-
       sten anerkanntermaßen  am stärksten  in Paris  sind, könnten  sie
       zwei oder  drei Delegierte  für jede  Gruppe entsenden, wo wir in
       unserer Einfalt  nur einen  schicken. Sie  können so  viele Dele-
       gierte produzieren,  wie es ihnen beliebt. Sie haben sie in Paris
       leicht zur Hand und brauchen sie nur zu benennen. Und so kann die
       französische Sektion  des Kongresses  bei aller  scheinbaren Red-
       lichkeit in  eine kompakte  Clique von  Possibilisten  verwandelt
       werden, die uns behandeln können, wie
       
       #524# Beilagen
       -----
       sie wollen,  falls wir  nicht die Möglichkeit haben, einen Appell
       an den Kongreß zu richten.
       Allein aus  diesem Grunde  könnten wir nicht die Souveränität des
       Kongresses hinsichtlich  all seiner  internen  Belange  aufgeben,
       wenn überhaupt  dieses erste  und fundamentale Prinzip aufgegeben
       werden könnte. Man hat, wie ich glaube, in London noch nicht ganz
       vergessen, daß das Parlamentarische Komitee im vergangenen Novem-
       ber sehr  klar zu  verstehen gab,  daß es den Raum gemietet hätte
       und daß der Kongreß dort nur von seinem Wohlwollen abhängig sei -
       und wir wünschen nicht, daß sich das in Paris wiederholt.
       Geschrieben Ende April 1889.
       Nach: "The Labour Elector", Vol. I, Nr. 18 vom 4. Mai 1889.
       
       Aus dem Englischen.
       
       
       8
       
       Internationaler Sozialistischer Arbeiterkongreß
       14. bis 21. Juli 1889
       
       Aufruf an die Arbeiter und Sozialisten Europas und Amerikas [486]
       
       ["Der Sozialdemokrat" Nr. 19 vom 11. Mai 1889]
       Im Oktober  1888 fand  in Bordeaux  ein nationaler Kongreß statt,
       auf dem  mehr als  200 Arbeiter-Syndikatskammern  und Fachgruppen
       vertreten waren.  Dieser Kongreß  beschloß, daß  während der Aus-
       stellung ein  Internationaler Kongreß  in Paris abgehalten werden
       möge.
       Der gleiche Beschluß wurde von dem nationalen Kongreß gefaßt, der
       im Dezember  1888 in Troyes stattfand und auf dem alle Fraktionen
       der sozialistischen Partei Frankreichs vertreten waren.
       Der vom  Kongreß von  Bordeaux ernannte  Nationalrat und  die vom
       Kongreß von Troyes ernannte Exekutivkommission wurden beauftragt,
       sich zu verständigen, um gemeinsam den Internationalen Kongreß zu
       organisieren und alle Arbeiter und Sozialisten Europas und Ameri-
       kas, welche  die Emanzipation  der Arbeit  erstreben, ohne Unter-
       schied der Fraktion hierzu einladen. Das geschah.
       
       #525# Aufzeichnungen und Dokumente
       -----
       Am 28.  Februar [1889] fand im Haag eine Internationale Konferenz
       statt, auf  der die  sozialistischen Parteien  Deutschlands,  der
       Schweiz, Belgiens, Hollands und Frankreichs durch Delegierte ver-
       treten waren. Die Sozialistische Liga Englands und Dänemarks lie-
       ßen sich  entschuldigen und erklärten im voraus, daß sie sich den
       gefaßten Beschlüssen anschließen werden.
       Die Konferenz im Haag beschloß:
       1. Der Pariser  Internationale Kongreß  soll vom 14. bis 21. Juli
       1889 tagen.
       2. Er soll allen Arbeitern und Sozialisten der verschiedenen Län-
       der offenstehen,  unter Zulaßbedingungen, die den politischen Ge-
       setzen, unter denen dieselben leben, angepaßt sind.
       3. Der Kongreß  soll in  bezug auf  die Prüfung  der Mandate  und
       Festsetzung der Tagesordnung souverän sein.
       Die vorläufige Tagesordnung solle lauten wie folgt:
       a) Internationale Arbeitergesetzgebung;  gesetzliche  Regulierung
       des Arbeitstages  (Tagesarbeit, Nachtarbeit, Ruhetage, die Arbeit
       erwachsener Männer, der Frauen, der Kinder).
       b) Überwachung der  Fabriken und  Werkstätten wie  der  Hausindu-
       strie.
       c) Mittel und Wege, diese Maßregel zu erlangen.
       Demgemäß, um  dem Mandat  nachzukommen, welches uns die Kongresse
       von Bordeaux und Troyes auferlegt haben und um den von der Haager
       Konferenz gefaßten Beschlüssen zu entsprechen:
       1. Berufen wir  den Internationalen  Kongreß nach  Paris ein, der
       abgehalten werden soll am 14.-21. Juli 1889.
       2. Die Tagesordnung  desselben ist  die von  der Haager Konferenz
       festgesetzte.
       3. Wir laden die sozialistischen und Arbeiterorganisationen Euro-
       pas und Amerikas zu diesem Kongreß ein, der die Grundlagen schaf-
       fen soll  zu einem Bund aller Arbeiter und aller Sozialisten bei-
       der Welten.
       Wir haben  in Paris  eine Exekutivkommission  eingesetzt, die mit
       der endgiltigen  Organisation des  Internationalen Kongresses und
       der Vorbereitung  des Empfangs  der ausländischen Delegierten be-
       auftragt ist.
       Wir senden  den Arbeitern und Sozialisten der Welt unsern brüder-
       lichen Gruß.
       Es lebe die Internationale Emanzipation der Arbeiter!
       Für den Nationalrat in Bordeaux:
       Der Generalsekretär R. Lavigne
       16 Rue Sullivan.
       Für die Exekutivkommission in Troyes:
       Der Generalsekretär G. Batisse
       
       #526# Beilagen
       -----
       Die Pariser Exekutivkommission:
       Für die Föderation der Pariser Syndikatskammern:
       Boulé, Besset, Féline, Monceau, Roussel
       Für die sozialistischen Organisationen von Paris:
       Vaillant, Guesde, Deville, Jaclard, Crépin, Lafargue
       Für die sozialistische Gruppe des Pariser Gemeinderats:
       Daumas, Longuet, Chauvière, Vaillant, Gemeinderäte
       Für die sozialistische Gruppe der Deputiertenkammer:
       Ferroul, Planteau, Abgeordnete
       Adressen:
       Sekretär für das Inland: Besset, Bureau de la Cordonnerie, Bourse
       du Travail, Paris, Rue J.J. Rousseau.
       Sekretär für  das Ausland: Paul Lafargue, Le Perreux, Paris, Ban-
       lieue.
       
       
       9
       
       Der Internationale Arbeiterkongreß von 1889
       
       II. Eine Antwort auf das "Manifest der
       Sozialdemokratischen Föderation" [487]
       
       Dieses in der "Justice" vom 25. Mai 1889 veröffentlichte Manifest
       behauptet, der  Welt "nackte  Wahrheiten" über  den obengenannten
       Kongreß zu  verkünden. Die  Leute, die  sich für  diese  "nackten
       Wahrheiten" verantwortlich  fühlen, sind: "Das Internationale Ko-
       mitee der  Sozialdemokratischen Föderation"  und "Der  Generalrat
       der Sozialdemokratischen Föderation". Wir erfahren nicht, wer die
       Personen sind,  aus denen sich diese beiden Körperschaften zusam-
       mensetzen. Es werden keinerlei Namen genannt, und das ist seltsam
       genug, wenn  man bedenkt,  daß die  Verfasser endlose Klagen über
       den "geheimen  caucus 1*)"  im Haag  vorbringen, deren Mitglieder
       bei keiner  Gelegenheit ihre Namen der öffentlichen Kenntnisnahme
       vorenthielten. Aber ein Rat oder ein Komitee der Sozialdemokrati-
       schen Föderation  scheint etwas  zu sein, das über allen Verstand
       geht. Es  mag einigen noch im Gedächtnis sein, daß am 23. Oktober
       1888 der  Generalrat der Sozialdemokratischen Föderation mit sie-
       ben Stimmen gegen zwei einen scharfen Tadel für Herrn Hyndman be-
       schloß, weil  er die "Justice" "prostituiert" habe, ein Beschluß,
       der von Herrn Hyndman mit äußerster Mißachtung
       -----
       1*) hier abwertende Bezeichnung für Vorkonferenz
       
       #527# Aufzeichnungen und Dokumente
       -----
       behandelt wurde  ("Justice",  27.  Oktober  1888),  den  er  eine
       "erschlichene Abstimmung"  nannte  und  bald  darauf  durch  eine
       gleich große  oder noch  größere Majorität  umstoßen ließ. Danach
       ist es  kein Wunder,  daß derselbe  Generalrat keine Namen nennt,
       sogar auf die Gefahr hin, selbst ein "geheimer caucus" genannt zu
       werden; ebenso  kann es danach wirklich nicht mehr viel bedeuten,
       ob diese Namen bekanntgegeben werden oder nicht.
       Das Manifest beginnt folgendermaßen:
       
       "Der Beschluß  einer Sektion  unsrer sozialistischen  Genossen in
       Frankreich - die im Verein mit andren handeln, die nicht Soziali-
       sten sind  -, einen  Kongreß in  Paris abzuhalten, der zu dem von
       unsren Genossen der possibilistischen Partei einberufenen und or-
       ganisierten in  Gegensatz steht,  fordert eine  Feststellung  der
       Wahrheit seitens  der Sozialdemokratischen  Föderation,  der  bei
       weitem größten  und mächtigsten  sozialistischen Organisation  in
       Großbritannien."
       
       Wer die  Parteien sind,  "die nicht Sozialisten sind", ist ebenso
       im dunklen  gelassen wie  die Namen derer, die diese Feststellung
       treffen. Es  ist daher  unmöglich zu  prüfen, inwieweit  es  eine
       "nackte Wahrheit"  ist oder nicht. Aber eine solche Feststellung,
       die, wenn  sie nicht als eine Verleumdung gedacht ist, gar nichts
       bedeutet, klingt  ziemlich überraschend  aus dem Munde der Organe
       einer Assoziation,  die in  Angriff und  Verteidigung der  engste
       Verbündete jener Possibilisten ist, die es niemals fertiggebracht
       haben, einen  Kongreß ohne  die Hilfe "andrer, die nicht Soziali-
       sten sind",  zustande zu  bringen. Ihre  erste Konferenz in Paris
       1883 war  von außerhalb  fast ausschließlich  von den Führern der
       englischen Trade-Unionisten,  geleitet von  Herrn Broadhurst per-
       sönlich, besucht; und Herr Broadhurst war entzückt von den Reden,
       die dort  gehalten, und von den Resolutionen, die angenommen wur-
       den. Ihre zweite Konferenz war ebenfalls zum großen Teile von dem
       gleichen Element  besucht, und  der Londoner  Kongreß 1888  wurde
       tatsächlich  vom  Parlamentarischen  Komitee  des  Gewerkschafts-
       kongresses einberufen,  dessen Mitglieder,  wie  jedermann  weiß,
       "nicht Sozialisten sind", sondern das genaue Gegenteil.
       Aber lassen  wir das  ruhen. Die  Verfasser benutzen die Gelegen-
       heit, um uns daran zu erinnern, daß die Sozialdemokratische Föde-
       ration die "bei weitem größte und mächtigste sozialistische Orga-
       nisation in  Großbritannien" ist. Diese Information ist nun Woche
       für Woche,  fast sechs  Jahre lang, in jeder Nummer der "Justice"
       wiederholt worden,  und doch  gibt es  Menschen, die moralisch so
       verkommen sind,  an der  Größe und der Macht der Sozialdemokrati-
       schen Föderation  zu zweifeln, ja, die sogar behaupten, daß diese
       Beteuerungen ihrer  Größe und Macht an Häufigkeit, Heftigkeit und
       Aufdringlichkeit gerade  dann und  im selben Verhältnis zunehmen,
       wie die wahre Größe und Macht der Sozialdemokratischen Föderation
       im Schwinden  begriffen ist.  Sie  weisen  darauf  hin,  daß  die
       "Justice" um die Jahreswende ihren Umfang "nur während der Feier-
       tage" um nicht weniger
       
       #528# Beilagen
       -----
       als die  Hälfte reduziert  hat, diese  Feiertage sind jedoch noch
       nicht vorüber.  Einige, die  es wissen müßten, behaupten, daß die
       Auflage dieser  Zeitung von  4000 auf knapp ein Drittel davon zu-
       sammengeschrumpft ist;  daß es Zweiggesellschaften der Föderation
       gibt, die  nicht einmal pro forma Zusammenkünfte durchführen, und
       daß es  große Industriestädte gibt, in denen auch nicht ein Exem-
       plar der  Zeitung gelesen wird. Berichte, wie der über die Bolto-
       ner Zweiggesellschaft  ("Labour Elector"  vom 28.  Mai 1888) -ein
       Bericht, der  nicht anonym  wie unser  Manifest, sondern von acht
       Mitgliedern unterzeichnet ist -, neigen stark dazu, diese Behaup-
       tungen zu bestätigen. Was auch immer zugunsten der Kriegslist ge-
       sagt werden  mag, die  eigenen Kräfte vor dem Feinde zu übertrei-
       ben, so  kann es  doch keine  Meinungsverschiedenheit über  ihren
       Wert geben,  wenn sie dazu benutzt wird, seinem eigenen Verbünde-
       ten und  Genossen Sand  in die Augen zu streuen, und es ist nicht
       zuviel gesagt,  daß man  mit der Laterne des Diogenes wird suchen
       müssen, ehe man im Vereinigten Königreich einen einzigen Menschen
       findet, der  von dieser  gewohnten Prahlerei der Sozialdemokrati-
       schen Föderation getäuscht worden ist.
       Es tut  mir leid, daß ich so von einer Organisation sprechen muß,
       die viel  Gutes getan hat, die noch sehr viel mehr tun könnte und
       die über ausgezeichnete Elemente verfügt. Aber solange sie es zu-
       läßt, so  "geleitet" zu  werden wie augenblicklich, wird sie nie-
       mals auch nur der Schatten von dem sein, was sie zu sein vorgibt.
       Die Verfasser  stellen ferner  fest, daß  sie keine Mühe gescheut
       haben, um eine Verständigung herbeizuführen, aber da dies nutzlos
       gewesen sei,  beschränkten sie  sich jetzt  darauf, "die  nackten
       Tatsachen bekanntzugeben,  die niemals  bestritten worden  sind".
       Diese nackten Tatsachen sind vierzehn an der Zahl.
       
       1. "Die Possibilistische Partei Frankreichs ... wurde von dem In-
       ternationalen Trade-Union-Kongreß in Paris 1886 ermächtigt, einen
       internationalen Arbeiterkongreß  in Paris  1889 einzuberufen. Die
       Deutschen waren  auf diesem Pariser Kongreß von 1886 durch Grimpe
       vertreten."
       
       Diese "nackte  Tatsache" ist  in der  Tat unbestritten, abgesehen
       davon, daß  das Meeting  von 1886  damals als eine einfache "Kon-
       ferenz" bezeichnet  wurde; um  ihm aber  mehr Autorität  zu  ver-
       leihen, wird  es jetzt  in einen  ordentlichen "Kongreß" umgewan-
       delt. Und  es gibt die wichtige Auslassung, daß Grimpe  n i c h t
       für diesen  Beschluß stimmte; seine Anwesenheit auf der Konferenz
       kann daher  keineswegs in  eine Zustimmung "der Deutschen" zu dem
       den Possibilisten gegebenen Mandat ausgeweitet werden.
       
       2. "Das  Parlamentarische  Komitee  der  englischen  Trade-Unions
       schloß höchst unfair und ungerecht die Deutschen und Österreicher
       von jeder  Vertretung auf dem Internationalen Trade-Union-Kongreß
       in London 1888 aus. Daraufhin bezeichneten die Deutschen den Kon-
       greß als einen Rumpfkongreß, und Bebel, Liebknecht und andre.
       
       #529# Aufzeichnungen und Dokumente
       -----
       die den  jetzigen Gegenkongreß in Paris organisieren, riefen alle
       anderen Nationalitäten  auf, dem  Londoner Kongreß fernzubleiben,
       da sie von ihm ausgeschlossen waren."
       
       Soweit einverstanden.
       
       3. "Der Internationale  Trade-Union-Kongreß in  London 1888 wurde
       dennoch abgehalten  und war erfolgreich. Die besonderen Verbünde-
       ten der  parlamentarischen deutschen  Sozialisten in  Frankreich,
       die sogenannten  Marxisten oder  Guesdisten, waren  durch  Farjat
       vertreten. Dieser  Kongreß ermächtigte   e i n s t i m m i g  die
       Possibilisten, einen internationalen Arbeiterkongreß in Paris für
       1889 einzuberufen und zu organisieren. Farjat stimmte mit den üb-
       rigen dieser Resolution zu; die Belgier, vertreten durch Anseele,
       und der  Holländer 1*)  stimmten ebenfalls  zu. Anseele wie Croll
       gingen trotzdem zu dem Haager caucus!"
       
       Es ist nicht korrekt zu sagen, daß Farjat "die sogenannten Marxi-
       sten oder  Guesdisten"  vertrat.  Farjat  war  vom  französischen
       Gewerkschaftskongreß delegiert  worden, der  einige Tage  vor dem
       Londoner Kongreß  in Bordeaux eröffnet wurde. Die 250 lokalen Ge-
       werkschaften, die  in Bordeaux  von 63 Delegierten vertreten wur-
       den, können  nur dann  als "Marxisten oder Guesdisten" bezeichnet
       werden, wenn mit diesem Namen alle französischen Arbeiter gemeint
       sind, die  nicht Possibilisten  sind. Jener  Kongreß von Bordeaux
       beschloß gleichfalls  einmütig, "einen  internationalen Arbeiter-
       kongreß in  Paris 1889  einzuberufen und zu organisieren"; er tat
       das einige Tage bevor der Londoner Kongreß seinen Beschluß faßte.
       Da aber  die in  Bordeaux vertretenen  Leute samt und sonders von
       den Possibilisten  geschmäht und  als Feinde behandelt worden wa-
       ren, konnte  es ihnen  niemals einfallen, dieselben Possibilisten
       zur Einberufung dieses Kongresses zu ermächtigen; und es ist des-
       halb einfach  absurd zu  sagen: "Farjat stimmte dieser Resolution
       zu." Nicht weniger absurd ist die Behauptung, daß die "Marxisten"
       durch diese Zustimmung Farjats, die niemals gegeben wurde, gebun-
       den seien;  die, wenn  sie gegeben  worden wäre,  nur  irrtümlich
       hätte erfolgt sein können und deshalb nicht einmal den hätte bin-
       den können, der sie gab.
       Daß Anseele  und Croll, die für die obenerwähnte Londoner Resolu-
       tion gestimmt  hatten, trotzdem  "zu dem  Haager caucus" gegangen
       sein sollten,  wird tatsächlich jedem unbegreiflich sein, der die
       "nackten Wahrheiten"  und "unbestrittenen Tatsachen" unsres Mani-
       fests gelten  läßt. Aber  der Anhang  zu dieser  Antwort 2*) wird
       zeigen, daß es Anseele und Croll nicht nur für notwendig gehalten
       hatten, nach  dem Haag zu gehen, sondern sich auch von dem Possi-
       bilisten-Kongreß überhaupt  zu distanzieren  und die  Einberufung
       des Gegenkongresses  zu unterstützen,  und nicht  nur Anseele und
       Croll, sondern  auch andere Londoner Delegierte und gemeinsam mit
       ihnen die  ungeheure Mehrheit  der Vertreter des europäischen So-
       zialismus. Ihnen
       -----
       1*) Croll - 2*) siehe vorl. Band, S. 544/545
       
       #530# Beilagen
       -----
       allen waren  die "nackten  Wahrheiten" des  Manifests seit langem
       bekannt, und  doch - so ist nun einmal die der menschlichen Natur
       innewohnende Bosheit  - wurden sie zu einem Schluß getrieben, der
       dem von  den Organen  der Sozialdemokratischen Föderation mit so-
       viel Eifer vorgebrachten gerade entgegengesetzt war.
       
       4. "Nach diesen  beiden aufeinanderfolgenden  Mandaten  handelnd,
       gingen die Possibilisten, die bei weitem die stärkste sozialisti-
       sche Partei  in Frankreich sowohl in Paris (wo sie 50 000 Stimmen
       erhielten) wie in der Provinz sind, pflichtgemäß daran, einen in-
       ternationalen Arbeiterkongreß für Ende Juli 1889 einzuberufen und
       zu organisieren."
       
       Die Possibilisten  erhielten bei  den Gemeindewahlen  tatsächlich
       ungefähr 50 000  Stimmen, von  denen viele  ihren Opponenten, den
       Kollektivisten (den  sogenannten Marxisten) gehörten, die großzü-
       gig genug  waren, über Differenzen in einzelnen Sektionen, wo im-
       mer möglich,  hinwegzusehen. Aber zu sagen, daß die Possibilisten
       "bei weitem  die stärkste  sozialistische  Partei  in  Frankreich
       sowohl in  Paris wie in der Provinz" seien, ist eine glatte Lüge.
       Die Possibilisten  haben selbst in Paris, das bekanntermaßen ihre
       Hochburg ist,  seit ihrer  offenen Allianz nicht nur mit den bür-
       gerlichen Radikalen,  sondern auch  mit den Opportunisten - jener
       Partei der  Börsenspekulanten, welche die gegenwärtige Korruption
       offizieller Kreise  in Frankreich  verkörpern -  einen Teil ihres
       Bodens verloren.  Die Tatsache,  daß die  Possibilisten unter dem
       Vorwand, Boulanger  zu bekämpfen,  sich mit eben den Männern ver-
       brüderten, deren  Vergehen im  Amt allein  Boulangers Popularität
       bewirkt und  Hunderttausende aller  Klassen haben  rufen  lassen:
       "Lieber Boulanger, lieber den Teufel selber als dieses blutsauge-
       rische Korruptionssystem!" - diese Tatsache war vielen ihrer auf-
       richtigen Anhänger  zuviel; und  als sie  bei der  Januarwahl den
       B o u r g e o i s   Jacques  unterstützten  (der  im  Gemeinderat
       stets gegen  jeden Beschluß gestimmt hatte, der für die Arbeiter-
       klasse günstig  war) und tatsächlich den Kandidaten der Arbeiter-
       klasse, Boulé,  bekämpften, da  vermehrten sich die Anzeichen der
       Unzufriedenheit in  ihren Reihen.  Einer ihrer  Sprecher, Reties,
       der, als er Jacques auf einem Meeting verteidigte, von Arbeitern,
       Anhängern Boulés,  heftig mit  Zwischenrufen  bombardiert  wurde,
       verließ schließlich  wütend das  Podium und  rief: "Ja! Ich werde
       für Jacques  stimmen, aber  ich werde  mich an  denen rächen, die
       mich diese  Niederträchtigkeit begehen lassen!" Und Boulé erhielt
       in der  Tat trotz  der fanatischen  Opposition der  Possibilisten
       18 000 Arbeiterstimmen.
       Danach ist  es nicht verwunderlich, wenn die Possibilisten-Partei
       in Paris  Zeichen des Auseinanderfallens aufweist. Die Gruppe des
       14. Wahlbezirks  von Paris  wurde am  16. April vom Rat der Dele-
       gierten gegen  den Protest  von nur zwei Delegierten ausgeschlos-
       sen; aber als am 23. April Allemane verlangte, zwei Mitglieder zu
       veranlassen, gewisse  Briefe auszuliefern, die sonst sehr unlieb-
       sam gegen einige der Führer benutzt werden konnten,
       
       #531# Aufzeichnungen und Dokumente
       -----
       wurde der  Antrag sechsundzwanzig  Gruppen zur  Abstimmung vorge-
       legt. Nun  protestierten fünfzehn  Gruppen, und  drei  enthielten
       sich der Stimme. Die Hauptorganisationen des 13. Wahlbezirks ver-
       ließen daraufhin die Föderation und erklärten:
       
       "Die Verbündeten  Ferrys, Clemenceaus  und Rancs  haben überhaupt
       kein Recht  mehr, Anspruch  auf Zugehörigkeit  zu einer Partei zu
       erheben, die  ihre Wurzeln  im Klassenkampf  sieht. Sie  sind der
       Partei dadurch abtrünnig geworden, daß sie die Pflichten verraten
       haben, die  sie der  Arbeiterklasse gegenüber  übernommen hatten;
       sie sind  heute nichts  anderes als  Stützen der  Herrschaft  der
       Bourgeoisie."
       
       Und obwohl das erst ein Anfang ist, so besteht doch kein Zweifel,
       daß sogar  in Paris  die Herrschaft  der possibilistischen Führer
       ernsthaft erschüttert ist.
       Was die  Provinz angeht,  so ist es nicht nur keine "nackte Wahr-
       heit", keine  "unbestrittene Tatsache",  sondern eine einfach lä-
       cherliche Behauptung  zu sagen,  daß dort  die Possibilisten "bei
       weitem die  stärksten" seien.  In allen  großen Städten und Indu-
       striezentren Frankreichs  stehen die sozialistischen Organisatio-
       nen außerhalb  dieser Föderation und ihr feindlich gegenüber. Zum
       Beispiel Lyon  (5 sozialistische Munizipalräte), Marseille (1 so-
       zialistischer Departementsrat), Roubaix (2 Munizipalräte), Armen-
       tières (5  Munizipalräte), Montluçon (2 Munizipalräte), Commentry
       (der ganze  Munizipalrat und  der Bürgermeister Sozialisten), Ca-
       lais (2 Munizipalräte), Lille (4000 sozialistische - nicht possi-
       bilistische -  Stimmen bei  der letzten  Gemeindewahl),  Bourges,
       Vierzon, Roanne,  Bordeaux, Narbonne, Alajs etc. etc. Nicht einer
       dieser Munizipal-  und Departementsräte ist ein Possibilist. Alle
       diese Städte  sind unstreitig in den Händen ihrer Opponenten, so-
       weit eine  sozialistische und Klassenorganisation der Arbeiter in
       Frage kommt.
       Tatsächlich haben die Possibilisten seit einigen Jahren nicht ge-
       wagt, ihre  Gesichter in  der Provinz zu zeigen. 1887 mußten sie,
       um einen  Ort zu finden, wo sie mit einigem Erfolg ihren nationa-
       len Kongreß abhalten konnten, auf eine abgelegene kleine Stadt in
       den Ardennen zurückgreifen, welche die meisten Menschen nicht auf
       der Landkarte  finden werden;  und im vergangenen Winter, als sie
       ihren Kongreß nach Troyes einberufen hatten, wo sie der örtlichen
       Vertretung der Arbeiter sicher zu sein glaubten, erklärte das lo-
       kale Komitee,  daß der  Kongreß diesmal tatsächlich und nicht nur
       dem Anschein nach allen sozialistischen und Arbeiter-Organisatio-
       nen Frankreichs  offenstehen würde.  Als die  aufgeblasenen Kory-
       phäen der  Possibilisten in  Paris gewahr  wurden, daß dies ernst
       gemeint war,  g a b e n  s i e  l i e  b e r  i h r e n  e i g e-
       n e n  K o n g r e ß  a u f,  als den Kollektivisten und Blanqui-
       sten zu  begegnen, die  jetzt nach  Troyes kamen  und den von den
       Possibilisten einberufenen Kongreß abhielten, den diese, de facto
       von jenen besiegt, verlassen hatten.
       Also ist  die "nackte Wahrheit", daß die Possibilisten bei weitem
       die
       
       #532# Beilagen
       -----
       stärksten seien,  genau so.  zu  bewerten  wie  die  helltönenden
       Trompetenstöße des Manifests über die Größe und Macht der Sozial-
       demokratischen Föderation.
       Aber stark oder nicht stark, sie waren "verpflichtet, den Kongreß
       nach Paris einzuberufen".
       Das bringt  uns auf  die Frage,  wieweit wohl  die Befugnisse der
       Possibilisten in dieser Beziehung reichen.
       Die Pariser  Konferenz von  1886 war international so schwach be-
       sucht - so weit davon entfernt, repräsentativ zu sein -, daß ihre
       Resolution eher einem Wunsche gleichkommt; sie konnte bestenfalls
       für jene  bindend sein,  die dafür  gestimmt hatten, das sind die
       Possibilisten und  die englischen Trade-Unionisten. Letztere war-
       fen die  Pariser Beschlüsse  auf ihrem nächstfolgenden Kongreß in
       Hull über  Bord. Was  nun übrigbleibt ist also, daß 1886 in Paris
       die Possibilisten  sich selbst  ermächtigten, für 1889 einen Kon-
       greß nach Paris einzuberufen.
       Kommen wir nun zum Londoner Kongreß.
       Der Londoner Kongreß war kein allgemeiner Arbeiterkongreß, er war
       ein Kongreß der Trade-Unions, von den Trade-Unions einberufen und
       grundsätzlich alles  andere als  Trade-Unionisten  ausschließend.
       Wie die Beschlüsse eines solchen Kongresses für Arbeiter verbind-
       lich sein  können, die  nicht Trade-Unionisten sind, oder für So-
       zialisten als  Ganzes, ist  mir ein  Geheimnis. Ein Trade-Unions-
       Kongreß kann  einen anderen Trade-Unions-Kongreß einberufen, aber
       nichts weiter.  Einen Arbeiterkongreß einzuberufen, überschreitet
       seine Befugnisse;  daß er es tat, kann unser aller Sympathien ha-
       ben, da es ein Sieg über überlebte trade-unionistische Vorurteile
       ist ;  aber die Tatsache bleibt bestehen, daß die Einberufung die
       Kompetenz des  Kongresses überschritt und daher nur die Kraft ei-
       nes Wunsches hat.
       Ohne Zweifel  war auch der Kongreß in Bordeaux ein reiner Gewerk-
       schaftskongreß; und insoweit ist sein Beschluß, einen internatio-
       nalen Arbeiterkongreß  einzuberufen, in  gleichem Maße  ungültig.
       Aber dieser  Beschluß wurde  im Dezember  danach von dem Soziali-
       stenkongreß von  Troyes bestätigt, gegen dessen Beschlüsse selbst
       die Possibilisten  gerechterweise nichts  einwenden können,  denn
       sie haben ihn selber einberufen, und wenn sie ihm fernblieben, so
       war das ihr eigener Fehler.
       Daß der  absichtliche Ausschluß  der Delegierten  von Deutschland
       und Österreich - Länder, die etwa ebenso viele Sozialisten umfas-
       sen wie  die des übrigen Europa zusammengenommen - diesen Kongreß
       zu einem  Rumpfkongreß machte, das ist eine "nackte Wahrheit" und
       wirklich eine  "unbestrittene Tatsache";  selbst das Manifest be-
       streitet es  nicht, es  beschwert sich  nur darüber,  daß ihn die
       Deutschen so  genannt haben - daß sie das Ding beim rechten Namen
       nannten.
       Dieser Rumpfkongreß  (dessen Minderheit  übrigens der sozialisti-
       schen Sache in England einen großen Dienst erwiesen hat) handelte
       überdies
       
       #533# Aufzeichnungen und Dokumente
       -----
       unter Zwang.  Bei der  ersten ernsten  Unstimmigkeit zwischen den
       englischen Shipton-Anhängern  unter den  Trade-Unionisten und den
       Sozialisten erklärten  die Shipton-Anhänger  durch den Mund Ship-
       tons selbst,  daß sie,  wenn es  so  weiter  ginge,  den  Kongreß
       schließen würden  und daß sie dazu die Macht hätten, weil sie den
       Raum gemietet  hätten. Den  Sozialisten wurde so von Anfang an zu
       verstehen gegeben, daß sie sich in der Lage der irischen tenants-
       at-will 1*)  befänden und  daß ihr  Shipton-Landlord bereit  sei,
       seine Ausweisungsvollmacht,  wenn nötig mit Hilfe der bewaffneten
       Kräfte Ihrer Majestät, zu gebrauchen.
       Die Sozialisten  fügten sich,  und sie  taten unter den Umständen
       gut daran; aber sie unterließen es, einen formalen Protest einzu-
       legen, und  das war  ein Fehler. Sie haben jedoch noch nicht ver-
       gessen, welcher  Behandlung sie sich infolge zu großen Vertrauens
       ausgesetzt hatten, und sie sind, wie der Anhang zeigt, entschlos-
       sen, das nicht noch einmal zuzulassen.
       Dann hatte das Parlamentarische Komitee eine Reihe von Regeln und
       Instruktionen für  den Kongreß vorbereitet, durch die sie die So-
       zialisten zu  knebeln und  zu unterdrücken hofften. Bestätigungen
       von Mandaten, Geschäftsordnung, Abstimmungsmodus, tatsächlich die
       ganze Art und Weise des Ablaufs war vorher von den Shipton-Anhän-
       gern festgelegt  worden und  wurde den Teilnehmern des Kongresses
       immer mit der Drohung sofortiger Auflösung aufgezwungen. Der Lon-
       doner Kongreß  war in seiner Tätigkeit nicht frei, nicht mehr als
       ein Arbeiter,  der mit  einem Kapitalisten  einen Arbeitskontrakt
       schließt, oder  der irische  Bauer, der  drei oder vier acres von
       einem zu  Wucherpreisen verpachtenden Landlord nimmt und entweder
       dessen Bedingungen  annehmen oder verhungern muß. Es ist schimpf-
       lich genug,  daß ein  unter solchen Bedingungen abgehaltener Kon-
       greß in den Annalen der Arbeiterbewegung erscheint; aber daß noch
       ein Kongreß  unter den gleichen oder ähnlichen Bedingungen veran-
       staltet werden sollte - niemals!
       Trotz alledem heizte die sozialistische Minderheit des Kongresses
       der Majorität  der Shipton-Anhänger so ein, daß das Parlamentari-
       sche Komitee  davon genug  hatte. Sie  behandelte öffentlich  die
       Kongreßbeschlüsse und  vor allem  den Beschluß  über den  Pariser
       Kongreß lediglich als Makulatur.
       Das durch  den Londoner Kongreß den Possibilisten gegebene Mandat
       war also hinfällig, 1. weil es von einem Trade-Unions-Kongreß er-
       teilt worden  war, der  nicht berechtigt  war, Arbeiter außerhalb
       der Trade-Unions  Und ganz  allgemein Sozialisten  zu binden;  2.
       weil der  Londoner Kongreß durch den Ausschluß der Deutschen etc.
       ein Rumpfkongreß wurde; 3. weil er in seiner Tätigkeit nicht frei
       war; 4.  weil dieselben  Leute, die  den Kongreß  einberufen  und
       seine Majorität gebildet hatten, die ersten waren, die das Mandat
       verwarfen.
       -----
       1*) Pächter, deren Pachtvertrag jederzeit gekündigt werden konnte
       
       #534# Beilagen
       -----
       Ich wäre  überhaupt nicht  auf diese Diskussion eingegangen, wenn
       uns die Possibilisten und ihre Verbündeten von der Sozialdemokra-
       tischen Föderation nicht dauernd das Mandat des Londoner Kongres-
       ses als  etwas Heiliges und Unantastbares vor Augen gehalten hät-
       ten. Dieses  Mandat soll  über allem  stehen; es  soll als  etwas
       Selbstverständliches den vorausgegangenen Beschluß des Kongresses
       von Bordeaux  umstoßen, der seitdem von dem Kongreß in Troyes be-
       stätigt wurde;  es soll nicht nur diejenigen binden, die dort wa-
       ren und  dafür abgestimmt  haben, sondern  auch  diejenigen,  die
       nicht dort  waren, und  sogar die, die willkürlich ausgeschlossen
       worden waren.  Und wenn  solche Ansprüche erhoben werden, wird es
       zur Pflicht, sie auf ihren wirklichen Wert zu untersuchen.
       In der  Tat wurde das Londoner Mandat, obwohl es im Grunde ungül-
       tig ist und obwohl es ein sichtbarer Schlag ins Gesicht der übri-
       gen französischen Sozialisten und des Kongresses von Bordeaux war
       - ein  Schlag, der  von den  meisten derer,  die für das Londoner
       Mandat gestimmt  hatten, unwissentlich ausgeteilt wurde -, dieses
       Mandat wurde,  wie wir  sehen werden, mit äußerster Rücksicht von
       denen behandelt,  die an  seiner Beratung nicht teilgenommen hat-
       ten, und  wäre in  letzter Instanz praktisch von allen akzeptiert
       worden, wäre  nicht das  skrupellose Vorgehen  der  Possibilisten
       selbst gewesen.
       Das erste Zirkular, womit die Possibilisten den Kongreß einberie-
       fen, zeigte,  daß sie nicht nur die Methode, durch die das Parla-
       mentarische Komitee  den Londoner  Kongreß gebunden  hatte, nicht
       übelnahmen, sondern  daß sie  diese willkürliche  Handlung  a l s
       e i n e n  P r ä z e d e n z f a l l  ansahen und für sich selbst
       die gleichen  Befugnisse forderten,  wie sie sich das Parlamenta-
       rische Komitee  angemaßt hatte.  Sie schrieben  die Geschäftsord-
       nung, den  Abstimmungsmodus und  die Überprüfung der Mandate vor,
       wobei diese Überprüfung bei jeder Nationalität getrennt vorgenom-
       men werden  sollte. Nicht  ein Wort  wurde gesagt, daß alles dies
       nur provisorisch  und Gegenstand der Zustimmung durch den Kongreß
       sein würde.
       Nun, der  Londoner Kongreß  konnte  den  Possibilisten  keinerlei
       Befugnisse übertragen,  die sie  nicht selbst  besaßen. Kein Kon-
       greß, gleich welcher Art, kann Beschlüsse annehmen, die nicht von
       einem nachfolgenden  Kongreß widerrufen  werden könnten.  Deshalb
       war der  Londoner Kongreß  nicht berechtigt, die Possibilisten zu
       ermächtigen, Regeln  und Anordnungen  festzulegen, durch  die der
       Pariser Kongreß  gebunden werden sollte, Noch tat er desgleichen.
       Aber die  Possibilisten beanspruchten dieses Recht. Es war dieser
       schamlose Anspruch seitens der Possibilisten, der zu all den fol-
       genden Differenzen  und Debatten  Anlaß gab,  und ihre Weigerung,
       klar und  unmißverständlich diesen Anspruch aufzugeben, führte zu
       der Spaltung und zu den zwei Kongressen. Die Mehrheit der europä-
       ischen Sozialisten lehnt es ab, ein zweites Mal - und diesmal mit
       offenen Augen - in eine Falle zu gehen.
       
       #535# Aufzeichnungen und Dokumente
       -----
       Was umstritten  ist, ist also nicht so sehr das Londoner Mandat -
       darüber wäre  man leicht  hinweggekommen -  als der Gebrauch, den
       die Possibilisten  davon gemacht  haben, ihr Anspruch, Gesetze zu
       machen, die  für den  Kongreß verbindlich  sein sollen und so die
       willkürliche Handlung  des Parlamentarischen  Komitees  über  den
       Londoner Kongreß  zu einem  Präzedenzfall zu machen, der für alle
       kommenden Kongresse bindend sein soll.
       
       5. "Dem widersetzten  sich die Marxisten, obgleich sie durch Far-
       jats Stimme  gebunden waren, und beeinflußten die Deutschen, sich
       zu widersetzen, weil die Possibilisten, wie sie sagten, beabsich-
       tigten, ihre  Opponenten auszuschließen  und den Kongreß für ihre
       eigenen Zwecke  auszunutzen. Diese  Beschuldigung wurde  erhoben,
       obgleich die  Possibilisten niemals irgendeine Sektion der Sozia-
       listen von  irgendeinem vorhergehenden Kongreß ausgeschlossen ha-
       ben und  niemals der  geringste Beweis  dafür beigebracht  worden
       ist, daß  sie beabsichtigten,  es bei  dieser Gelegenheit zu tun.
       Die Einladungen  schlössen  alle  sozialistischen  Körperschaften
       ein."
       
       Der wesentliche Teil dieser "nackten Wahrheit" ist bereits wider-
       legt worden.  Aber die Behauptung, daß "die Possibilisten niemals
       irgendeine Sektion von Sozialisten von irgendeinem vorhergehenden
       Kongreß ausgeschlossen haben und niemals der geringste Beweis da-
       für beigebracht worden ist, daß sie beabsichtigten, es bei dieser
       Gelegenheit zu  tun", ist  entweder eine erstaunlich wissentliche
       Unwahrheit oder ein Beweis dafür, daß unsere Verfasser über Dinge
       sprechen, von  denen sie  auch nicht das geringste verstehen. Auf
       dem  dritten   Regionalkongreß  der   Föderation   des   Zentrums
       (Frankreichs) im  Mai 1882  hatten die Possibilisten erklärt, daß
       der Kongreß allen Sozialisten offenstünde. Aber als dreißig Dele-
       gierte der  Kollektivisten (sogenannte Marxisten) erschienen, die
       sich auf  diese Erklärung verließen, wurden sie unbarmherzig aus-
       gewiesen unter  dem lächerlichen  Vorwand, daß  sie durch die An-
       nahme der  Bezeichnung "Fédération  du Centre"  in einen unfairen
       Wettstreit mit der possibilistischen "Union Fédérative" eingetre-
       ten wären.  Und als  auf dem achten Regionalkongreß dieser Union,
       1887, zwölf  Delegierte der  Kollektivisten erschienen, gemäß der
       immer wiederholten  Versicherung, daß alle Sozialisten eingeladen
       wären, wurden sie ausgepfiffen und niedergeschrien und mußten den
       Kongreß verlassen, und ein Beschluß wurde gefaßt, daß "die Marxi-
       sten niemals  zu irgendeinem  ihrer Kongresse  zugelassen  werden
       sollten". Und  besser noch,  als 1888 das lokale Komitee, das mit
       der Organisation  des possibilistischen  nationalen Kongresses in
       Troyes betraut  war, die  ständige Phrase von der Zulassung aller
       Sozialisten wahr  zu machen  drohte, verließen die Possibilisten,
       wie wir  gesehen haben, lieber ihren eigenen Kongreß, als daß sie
       ihre prahlerische Versicherung ausgeführt sahen.
       Nach alledem  ist es  kein Wunder,  wenn die Kollektivisten über-
       zeugt waren,  daß "die  Possibilisten beabsichtigten,  sie auszu-
       schließen und den Kongreß für ihre eigenen Zwecke auszunutzen".
       
       #536# Beilagen
       -----
       6. "Auf jeden  Fall wurde von Lafargue, Guesde und anderen Marxi-
       sten, die  in Übereinstimmung  mit den  Deutschen  der  Reichstag
       Party 1*)  und ihren  Freunden handelten, eine Konferenz in Nancy
       einberufen. Zu  dieser Konferenz  wurden  die  Possibilisten  als
       letzte von  allen, eine  Woche bevor  die  Konferenz  stattfinden
       sollte, eingeladen."
       
       Die Konferenz  in Nancy  wurde von  den Deutschen  einberufen und
       nicht von  Lafargue, der  im Gegenteil  sowohl gegen die Zeit als
       auch gegen  den Ort  Einwendungen machte und sein Bestes tat, ihr
       Zustandekommen zu verhindern, worin er Erfolg hatte. Die Possibi-
       listen wurden  nicht "als  letzte von  allen eingeladen", sondern
       zur gleichen  Zeit wie  alle anderen. Somit ist die "nackte Wahr-
       heit" Nr.  6 ein  Lügengewebe; aber  selbst wenn alles wahr wäre,
       was würde es denn beweisen?
       
       7. "Die beabsichtigte  Konferenz in  Nancy fand nicht statt, aber
       statt dessen  wurde eine  Konferenz im  Haag einberufen.  Auch zu
       dieser Konferenz  wurden die  Possibilisten als  letzte von allen
       eingeladen. In Erwiderung auf die Einladung schrieben sie Briefe,
       in denen  sie mehrere sehr wichtige Fragen stellten. Diese Briefe
       wurden niemals  beantwortet, und  die Konferenz fand unverzüglich
       ohne ihre Teilnahme statt."
       
       Wieder ist  die Behauptung,  daß die Possibilisten als letzte von
       allen eingeladen wurden, eine Unwahrheit. Sie wurden zur gleichen
       Zeit eingeladen  wie alle anderen; so unwichtig die Sache an sich
       ist, haben wir doch besondere Nachfragen hierüber angestellt. Die
       Konferenz war  für den 28. Februar einberufen worden, und auf der
       Beratung ihres Nationalkomitees am 17. Februar waren die Possibi-
       listen nicht  nur im  Besitz der Einladung, sondern auch der Ant-
       wort Liebknechts auf ihre Briefe, die "mehrere sehr wichtige Fra-
       gen" enthielten, Briefe, die nach dem Manifest "niemals beantwor-
       tet wurden".  Sie behaupten ihrerseits, daß Liebknecht "ihre Fra-
       gen über  die Tagesordnung  der Konferenz nicht beantwortete". *)
       Er teilte  ihnen, wie  ich informiert bin, mit, daß diese auf der
       Konferenz selbst  beantwortet werden  würden. In eine weitschwei-
       fige Korrespondenz  über die  Präliminarien einzutreten und damit
       die Konferenz  selbst bis  nach dem Kongreß hinauszuschieben, das
       hätte zwar  den Possibilisten passen können. Es konnte aber denen
       nicht passen, die sich ernsthaft bemühten, eine für alle Parteien
       ehrenhafte Vereinbarung zustande zu bringen. Immerhin blieben die
       Possibilisten daraufhin zu Hause, und infolge ihres Nichterschei-
       nens mußte  die Konferenz in der Tat ohne ihre Teilnahme abgehal-
       ten werden.
       
       8. "Diese Konferenz  wurde abgehalten, ohne daß irgendein Vertre-
       ter aus  Großbritannien, Italien,  Spanien und  mehreren  anderen
       Ländern zugegen war. Die Sozialdemokratische
       ---
       *) Siehe ihr  offizielles Organ  "Prolétariat" [488]  vom 23. Fe-
       bruar.
       -----
       1*) Reichstag Party: so im englischen Original
       
       #537# Aufzeichnungen und Dokumente
       -----
       Föderation war nicht einmal informiert worden, daß sie einberufen
       werde. Nur diejenigen waren eingeladen worden, die als den Possi-
       bilisten feindlich gesinnt bekannt waren. Lafargue selber war der
       einzige Vertreter Frankreichs, obwohl er einen viele Jahre anhal-
       tenden erbitterten  Streit mit den Possibilisten hatte! Die voll-
       ständigen Sitzungsberichte  der Konferenz wurden nicht veröffent-
       licht und sind niemals veröffentlicht worden."
       9. "Eine solche Konferenz wie diese war offensichtlich nichts als
       ein caucus, der, wie wir fürchten, zu keinem guten Zweck einberu-
       fen wurde. Unser verehrter Genosse Domela Nieuwenhuis stellt, wie
       wir zu  unserem tiefen  Bedauern sagen müssen, in einem Briefe an
       die Sozialdemokratische  Föderation fest,  daß von vornherein be-
       absichtigt war, diese Konferenz  g e h e i m  durchzuführen."
       
       Da die Haager Konferenz von den Deutschen einberufen wurde, luden
       sie jene  ausländischen Sozialisten ein, mit denen sie korrespon-
       dierten: Holländer,  Belgier, Dänen,  Schweizer  und  die  beiden
       französischen Parteien,  zwischen denen sie zu vermitteln hatten.
       Die Sozialistische  Ligue [482]  wurde,  in  der  Person  von  W.
       Morris, von  Lafargue eingeladen,  und in  derselben Weise hätten
       die Possibilisten  die  Sozialdemokratische  Föderation  einladen
       können; auf  alle Fälle  wußte hier  in London niemand, weder wer
       eingeladen, noch  wer  nicht  eingeladen  worden  war,  noch  wer
       berechtigt  war,  überhaupt  jemanden  einzuladen.  Es  ist  eine
       Unwahrheit zu  sagen, daß  nur diejenigen  eingeladen wurden, die
       als  den  Possibilisten  feindlich  gesinnt  bekannt  waren.  Die
       Belgier haben  seit Jahren  in freundlichen  Beziehungen zu ihnen
       gestanden und  zeigten auf  ihrem Nationalkongreß  letzte Ostern,
       daß sie sehr abgeneigt waren, irgend etwas zu tun, was ihnen miß-
       fallen könnte. [489] Und die Holländer, Dänen und Schweizer waren
       ihnen sicherlich  nicht feindlich  gesinnt, auf keinen Fall waren
       sie "bekannt  es zu  sein". Wenn  Lafargue zufällig  der  einzige
       Vertreter Frankreichs  war, so war niemand deswegen zu tadeln als
       die Possibilisten,  die der Einladung nicht gefolgt waren. Es ist
       nicht wahr,  daß Lafargues  "erbitterter Streit  mit  den  Possi-
       bilisten, der  viele Jahre anhielt", ein persönlicher Streit war.
       Lafargue, Guesde,  Deville und  eine große Gruppe von Sozialisten
       und Gewerkschaften  trennten sich  von der  Mehrheit der  Partei,
       weil letztere  ihr eigenes  Programm verwarf  und es vorzog, eine
       Partei zu  gründen,   d i e   ü b e r h a u p t   k e i n  P r o-
       g r a m m  h a t t e.
       Die einzige  wahre Tatsache  in den  Paragraphen 8 und 9 ist, daß
       die Konferenz  "geheim" war  insoweit, als  sie nicht  öffentlich
       war. Die Öffentlichkeit und die Presse waren gewiß nicht eingela-
       den. Wenn die Sitzungsberichte für die Possibilisten "geheim" wa-
       ren, so  einfach deshalb, weil sie es für besser gehalten hatten,
       nicht teilzunehmen.  Aber die  Konferenzbeschlüsse wurden  zu dem
       ausdrücklichen Zweck  gefaßt, ihnen mitgeteilt zu werden und wur-
       den unverzüglich  durch Volders  mitgeteilt. Was  bleibt also von
       dem streitsüchtigen  Geknurre über  eine "geheime" Konferenz, die
       auf alle  Fälle nicht halb so "geheim" war wie die Beratungen der
       beiden mysteriösen  Körperschaften, die  für das Manifest verant-
       wortlich sind? Nicht nur
       
       #538# Beilagen
       -----
       die Beschlüsse, soweit sie die Öffentlichkeit interessieren, son-
       dern auch  die Namen  der Delegierten  sind der  Welt bekannt. Es
       würde sicherlich  ein höchst lächerliches Verfahren gewesen sein,
       die Vertreter  der Presse zu einer Konferenz einzuladen, die sich
       bemühte, zwischen  zwei in Opposition einander gegenüberstehenden
       sozialistischen Gruppen zu vermitteln.
       
       10. "Durch diesen  caucus, der hinter verschlossenen Türen statt-
       fand, wurde  eine Reihe  von Resolutionen  angenommen, gegen  die
       keine ernsthaften  Einwände zu erheben sind. Volders wurde jedoch
       nach Paris  gesandt, um  diese Beschlüsse  den Possibilisten auf-
       zuzwingen, als  ob sie die Dekrete eines ökumenischen Konzils wä-
       ren, und Bernstein in London schrieb im gleichen Tone. Die Briefe
       der deutschen  Führer, die  wir hoffentlich  nicht gezwungen sein
       werden zu  veröffentlichen, sind  auch in einem sehr bitteren und
       sehr anmaßenden  Tone geschrieben  und drohen  mit  einem  Gegen-
       kongreß, wenn ihre Befehle "nicht sofort ausgeführt würden."
       
       Nach all  den finsteren Andeutungen von einer abgekarteten Konfe-
       renz und  einem geheimen caucus ist der Leser tatsächlich berech-
       tigt, einige  aufsehenerregende Enthüllungen zu erwarten über die
       schändlichen Mißstände  und die  schrecklichen Verbrechen  dieser
       Versammlung von  Verschwörern, die,  "wie wir fürchten, zu keinem
       guten Zweck  zusammengerufen" wurde.  Und was  ist das  Ende  vom
       Lied? Die  Leute im  Haag nahmen "eine Reihe von Resolutionen an,
       gegen die im Prinzip keine ernsthaften Einwände zu erheben sind"!
       Haben das Internationale Komitee und der Generalrat der Sozialde-
       mokratischen Föderation jeden Sinn für Lächerlichkeit verloren?
       Unsere Verfasser sollten versuchen, diese Resolutionen so schnell
       wie möglich zu übergehen. Enthalten sie doch weit mehr Zugeständ-
       nisse, als  die Possibilisten  jemals erwarten konnten. Die Deut-
       schen, die  von dem Londoner Kongreß ausgeschlossen worden waren,
       die französischen  Kollektivisten, die  von ihm  ignoriert worden
       sind, beide  boten an,   d a s  L o n d o n e r  M a n d a t  z u
       a k z e p t i e r e n,   ließen zu,  daß dadurch die Resolutionen
       von Bordeaux und Troyes verworfen werden, und ließen die Einberu-
       fung und  Organisierung des Kongresses in den Händen der Possibi-
       listen, vorausgesetzt,  daß die  Possibilisten klar und unmißver-
       ständlich jeden  Anspruch aufgäben,  diesem Kongreß  verbindliche
       Vorschriften zu machen und ihn "für ihre eigenen Zwecke auszunut-
       zen". Immerhin  ist  es  ein  bemerkenswertes  Zugeständnis,  daß
       selbst das   M a n i f e s t   in  den Haager  Beschlüssen keinen
       Fehler finden kann.
       Nun gut! Aber es sind gar nicht die Resolutionen schlechthin, die
       verderblich sind,  sondern die  Art, in der sie den Possibilisten
       aufgezwungen werden. Und hier wieder beginnt das Fabulieren. Vol-
       ders ist  entsandt worden,  "um den Possibilisten diese Entschei-
       dungen aufzuzwingen".  Volders, der  geschickt wurde, weil er von
       allen Haager  Delegierten der einzige war, der aufs eifrigste für
       sie Partei  ergriffen hatte! Und bezüglich dessen, was "Bernstein
       schrieb", so bindet es niemanden als ihn selbst, wie die
       
       #539# Aufzeichnungen und Dokumente
       -----
       Verfasser des  Manifests mittlerweile  wissen sollten, und obwohl
       ich nicht  das Recht  habe, in  ihrem Namen  zu sprechen, bin ich
       doch überzeugt,  daß die "deutschen Führer" mich nicht verleugnen
       werden, wenn  ich die Sozialdemokratische Föderation und ihre Pa-
       riser Verbündeten  auffordere, irgendwelche  Briefe, die  sie von
       ihnen haben mögen, zu veröffentlichen.
       Die Haager  Beschlüsse liegen der Welt vor, und die Possibilisten
       wurden informiert, falls sie diese Beschlüsse nicht akzeptierten,
       die auf  der Konferenz  vertretenen Organisationen  einen anderen
       Kongreß einberufen werden, der nur der in Bordeaux und Troyes be-
       schlossene sein  könnte. Das  mag den  Possibilisten "sehr bitter
       und sehr  anmaßend" erscheinen,  aber es  war der einzige Weg, um
       sie zur Vernunft zu bringen, wenn das überhaupt möglich ist.
       Und jetzt kommt die Perle, der Kohinoor des Manifests geradezu.
       
       11. "Die Possibilisten  akzeptierten dennoch jede der so angenom-
       menen und ihnen so unterbreiteten Resolutionen."
       12. "Trotz dieser  Zustimmung und  der Tatsache,  daß der von den
       Possibilisten einberufene  Kongreß souverän über seine eigene Ge-
       schäftsordnung verfügen  kann und  immer verfügt hätte, trotz der
       Tatsache, daß  alle Streitfälle von beiden Seiten dem ganzen Kon-
       greß zur  Entscheidung und Beilegung vorgelegt werden können, ha-
       ben die Anhänger des Haager caucus jetzt einen zweiten Kongreß in
       Paris einberufen."
       
       Die Haager Delegierten hatten erklärt, daß sie bereit wären, sich
       dem Possibilisten-Kongreß  unter zwei  Bedingungen anzuschließen:
       Erstens, daß  die Possibilisten  den Kongreß  im Einvernehmen mit
       den sozialistischen  und Arbeiter-Organisationen  Frankreichs und
       anderer Länder einberufen, von denen Delegierte die Einladung zu-
       sammen mit  den Possibilisten unterzeichnen sollten. Diese Bedin-
       gung wurde  jedoch von  den Possibilisten  glatt  zurückgewiesen,
       alle anderen könnten unterzeichnen, aber keine von den rivalisie-
       renden französischen  Sektionen. Wenn die Verfasser des Manifests
       das nicht wissen, mögen sie sich an den Herausgeber der "Justice"
       1*) wenden, der hierüber genauestens orientiert ist.
       Die zweite  Bedingung war,  daß der  Kongreß vollständig souverän
       sein sollte,  soweit es die Überprüfung der Mandate und die Fest-
       legung seiner Tagesordnung anbelangt. Auch das haben die Possibi-
       listen nie  akzeptiert, weder  "in der  Praxis" noch sonstwo. Sie
       haben zuerst  die Überprüfung  der Mandate  für jede Nationalität
       getrennt vorgeschrieben.  Als die  andere Seite erklärte, daß die
       Entscheidung über diesen Punkt dem Kongreß als Ganzem vorbehalten
       bleiben müsse,  erwiderten die  Possibilisten, daß  Ausnahmefälle
       dem Kongreß  überlassen werden  könnten; kein Wort der Erklärung,
       was unter  Ausnahmefällen zu  verstehen sei.  Nein, sie feilschen
       weiter darum,  welche Rechte  der Kongreß haben sollte und welche
       nicht, und  erst als  das Zirkular, das den "Gegenkongreß" einbe-
       rief, in ihren Händen ist, sehen sie
       -----
       1*) Hyndman
       
       #540# Beilagen
       -----
       sich schließlich genötigt, klar und mit vielen Worten festzustel-
       len, daß in allen Fällen, in denen Mandate von einer Nationalität
       bestritten würden, eine Entscheidung des Kongresses herbeigeführt
       werden sollte.  Hätten sie  das zu  rechter Zeit  zugegeben, dann
       wäre eine Verständigung über die Hauptschwierigkeit möglich gewe-
       sen; jetzt ist es natürlich zu spät.
       Dieselben Ausflüchte  wurden von ihnen hinsichtlich der Tagesord-
       nung gebraucht.  Sie sahen  sich nicht als Personen an, die damit
       beauftragt waren,  vorläufige Anordnungen  und Vorschläge zur Er-
       leichterung der Arbeit des Kongresses auszuarbeiten, die dann vom
       Kongreß selbst  bestätigt würden  oder nicht.  Im Gegenteil,  sie
       handelten als Träger mysteriöser und praktisch unbegrenzter Voll-
       machten über  den künftigen Kongreß, von denen sie einen Teil aus
       bloßer Gefälligkeit  aufgeben könnten,  um ausländische Organisa-
       tionen zu verpflichten, die ihrerseits ihre verbleibenden Ansprü-
       che auf  Autorität  über  den  Kongreß  anerkennen  sollten.  Man
       braucht sich nur ihre allerletzten Resolutionen vom 13. Mai anzu-
       sehen, als  ihnen das  Zirkular mit der Einberufung des Gegenkon-
       gresses vorlag  (siehe "Justice"  vom 25.  Mai). Hier handeln und
       feilschen sie  weiter mit  den Dänen um die Geschäftsordnung, als
       ob die  Dänen oder  sie ein Recht hätten, eine Sache zu entschei-
       den, die  allein zur  Kompetenz des Kongresses gehört. Und gnädig
       akzeptieren sie  einen Vorschlag  des englischen Trade-Union Pro-
       test Committee,  daß eine  Reihe Bestimmungen für die Einberufung
       und Organisation künftiger Kongresse auf die Tagesordnung gesetzt
       werden soll. Wobei die "Justice" naiv hinzufügt, daß, selbst wenn
       noch irgendwelche  Beschwerden vorliegen  sollten, "unsere  deut-
       schen und  anderen Genossen  sie dieses  eine  Mal  zurückstellen
       sollten". Kommt  uns "nur dieses eine Mal" entgegen, und nächstes
       Mal könnt  ihr ganz  nach Belieben verfahren - wirklich, ein sehr
       verlockender Vorschlag,  aber bedauerlicherweise ist dieses Spiel
       im vergangenen  Jahre in  London versucht worden, und "für dieses
       eine Mal" war es einmal zuviel.
       Ein Wort seitens der Possibilisten würde genügt haben, eine Eini-
       gung herbeizuführen:  das eine Wort "provisorisch", "Der Bestäti-
       gung durch den Kongreß vorbehalten", eingefügt in all ihre Regeln
       und Instruktionen.  Aber gerade das konnte trotz aller Bemühungen
       nicht erreicht  werden, und  so wurde der zweite Kongreß zu einer
       Notwendigkeit für  alle jene,  die es  ablehnten, ein zweites Mal
       von Shipton unter Druck gesetzt zu werden.
       Jetzt, da  ein großer  Teil dieser  Diskussion in den Spalten der
       "Justice" geführt  worden ist, können die Leute, die im Namen der
       Sozialdemokratischen Föderation  Erklärungen im Sinne des Punktes
       12 abgeben,  entweder ihr eigenes offizielles Organ nicht gelesen
       haben, oder sie sagen etwas, von dem sie wissen, daß es nicht den
       Tatsachen entspricht.
       
       13. "Sie haben  diesen Kongreß genau zu dem Zeitpunkt einberufen,
       zu dem  der von  den Possibilisten  einberufene Kongreß angesetzt
       worden war.  Das geschah, obgleich sie im Haag einmütig einen Be-
       schluß gefaßt hatten, der Ende Juli als eine höchst
       
       #541# Aufzeichnungen und Dokumente
       -----
       unpassende und ungeeignete Zeit für die Abhaltung eines Arbeiter-
       kongresses in Paris überhaupt verurteilte. Das geschah fernerhin,
       obgleich Anseele  in. einem  Brief an die S[ozial]d[emokratîsche]
       Federation] feststellte,  daß, sollte  ein  zweiter  Kongreß  ab-
       gehalten werden,  er im  September stattfinde, und Liebknecht be-
       hauptete, daß er entweder in diesem oder im nächsten Jahre statt-
       finde."
       
       Was dies anbelangt, so scheinen die Haager Delegierten den Possi-
       bilisten ein  positives und  Verbindliches Versprechen gegeben zu
       haben, ihren  Kongreß nicht  im Juli, sondern "im September" oder
       "entweder in  diesem oder dem nächsten Jahr" abzuhalten. Nun, die
       dritte Juliwoche ist sicherlich "in diesem Jahr", und so ist auch
       jetzt Liebknecht  zumindest schuldlos. Es wäre langweilig für un-
       sere Leser,  eine Diskussion  über diese kindischen Klagen zu be-
       ginnen. Ich kann jedoch feststellen, daß die Zeit vom 14. bis 21.
       Juli erstens  auf das  einmütige Verlangen  der Franzosen gewählt
       wurde, und zweitens, weil die einzige Möglichkeit, noch eine Ver-
       schmelzung der  beiden Kongresse zustande zu bringen, wenn so et-
       was überhaupt  möglich sein  sollte, darin  besteht, sie dahin zu
       bekommen, Seite an Seite zu sitzen.
       
       14. "Die Hauptanstifter des Haager caucus und des Gegenkongresses
       in Paris  sind Lafargue, Guesde, Frau Eleanor Marx-Aveling (deren
       Schwester, eine  Tochter von Karl Mant, Lafargue geheiratet hat),
       Bernstein (Herausgeber  des 'Sozialdemokrat'),  Bebel  und  Lieb-
       knecht. Friedrich Engels stimmt ihrem Vorgehen vollständig zu."
       
       Hier ist wenigstens - und endlich! - etwas Wahres an dieser letz-
       ten "nackten  Wahrheit". Es  ist eine unbestrittene Tatsache, daß
       die Schwester von Frau Eleanor Marx-Aveling eine Tochter von Karl
       Marx ist  und mit Lafargue verheiratet ist; obgleich es nach dem,
       wie es  unsere Verfasser  hinstellen, so  aussieht, als  ob  Frau
       Lafargue eine Tochter von Karl Marx sei und ihre Schwester nicht.
       Und wenn  es wiederum  eine platte Unwahrheit ist, wenn man sagt,
       daß Bernstein  oder  sonstwer  in  London  in  irgendeiner  Weise
       "Anstifter der Haager Konferenz" waren, mit deren Einberufung und
       Zusammensetzung sie  absolut nichts zu tun hatten, so wird, denke
       ich, von keiner der obengenannten Personen bestritten werden, daß
       sie den  "Gegenkongreß in Paris" unterstützt haben - aber sie ha-
       ben das  erst von der Zeit an getan, als das Verhalten der Possi-
       bilisten eine  solche Handlungsweise  unvermeidlich  machte.  Die
       Verfasser des  Manifests müssen  wissen, daß Frau E. Marx-Aveling
       und Bernstein  Anfang April  mit Herrn  Hyndman gesprochen haben,
       sobald  der   Ton  der   "Justice"  etwas  weniger  "bitter"  und
       "persönlich" wurde,  und versucht  haben, ihn  dafür zu gewinnen,
       bei der  Schlichtung der bestehenden Schwierigkeiten mitzuhelfen,
       und daß Herr H[yndman] das versprochen hat.
       Am Fuße des Manifests finden wir diese kleine Bemerkung:
       
       "Das Obige  wird auftragsgemäß  in mehrere  europäische  Sprachen
       übersetzt und in allen Ländern verteilt werden."
       
       #542# Beilagen
       -----
       Die Unterschriften  des Anhangs zeigen, daß der Fall praktisch in
       fast allen  europäischen Ländern  behandelt worden ist. Die große
       Mehrheit der Sozialisten auf dem Kontinent hat sich zugunsten des
       von den  Kollektivisten und  Blanquisten einberufenen  Kongresses
       und gegen  den von  den Possibilisten  einberufenen  entschieden.
       England ist  das einzige Land, wo die Meinung der Sozialisten und
       Arbeiter noch  im allgemeinen geteilt ist. Diese Antwort wird da-
       her in keine andere Sprache übersetzt werden.
       Um zusammenzufassen:
       1. Zwei Kongresse  sind für 1889 nach Paris einberufen: der erste
       von dem  französischen Gewerkschaftskongreß in Bordeaux, Oktober-
       November 1888,  ist Weihnachten  durch den französischen Soziali-
       sten-Kongreß in  Troyes bestätigt  worden. Der  zweite, etwa eine
       Woche später von dem Londoner Internationalen Trade-Union-Kongreß
       beschlossene, wird von den Possibilisten organisiert.
       2. Eine Verschmelzung  beider wäre auf sehr geringe Schwierigkei-
       ten gestoßen, hätten nicht die Possibilisten in ihrem ersten Ein-
       ladungszirkular Vollmachten beansprucht, die der Londoner Kongreß
       selbst nicht  besaß und  die er  ihnen deshalb  nicht  übertragen
       konnte; Vollmachten,  die internen Angelegenheiten des Kongresses
       zu regeln,  im voraus  den Modus der Prüfung der Mandate, die Ta-
       gesordnung, die ganze Geschäftsordnung vorzuschreiben; in der Tat
       dieselben Vollmachten,  die das  Parlamentarische Komitee auf dem
       Londoner Kongreß gefordert und ausgeübt hatte.
       3. Da die damalige sowie gegenwärtige Handlungsweise der Possibi-
       listen es den übrigen Sektionen der französischen Sozialisten ab-
       solut unmöglich  macht, sich  dem von  ihnen einberufenen Kongreß
       anzuschließen, versuchten  die deutschen  sozialistischen Reichs-
       tagsabgeordneten, zwischen beiden Parteien zu vermitteln und dies
       mit Hilfe der führenden Männer der andren nationalen Arbeiterpar-
       teien, mit denen sie in Verbindung standen. Daher die Haager Kon-
       ferenz (vom 28. Februar), gegen deren Beschlüsse selbst nach uns-
       rem Manifest  "im Prinzip  keine ernsthaften Einwendungen erhoben
       werden können".
       4. Durch diese Beschlüsse wurde das vom Londoner Kongreß den Pos-
       sibilisten gegebene  Mandat in  vollem Umfange angenommen und be-
       stätigt; nur  unter der einzigen Bedingung, daß die letzteren ih-
       ren Anspruch,  den künftigen  Kongreß  zu  beherrschen,  aufgeben
       sollten. Die  Belgier, Holländer, Deutschen, Schweizer und selbst
       die nichtpossibilistischen Franzosen erklärten ihre Bereitschaft,
       zu dem von den Possibilisten einberufenen Kongreß zu kommen, vor-
       ausgesetzt, daß  sie zu  einem  f r e i e n  Kongreß kämen. Damit
       stellten sie  also eine  einzige Bedingung, aber das war eine Be-
       dingung, die hätte selbstverständlich und niemals umstritten sein
       müssen.
       5. Trotzdem weigern  sich die  Possibilisten, diese Beschlüsse zu
       akzeptieren und  bieten in  den folgenden Zirkularen rein verbale
       Zugeständnisse
       
       #543# Aufzeichnungen und Dokumente
       -----
       an, die in Wirklichkeit auf nichts hinauslaufen. Die Hauptsache -
       die Souveränität  des Kongresses hinsichtlich all seiner internen
       Angelegenheiten -räumen  sie nicht  ein; Verhandlungen wurden er-
       gebnislos bis Ende April weiter geführt.
       6. Schließlich, da die Possibilisten es ablehnten, eine klare und
       bindende Antwort  zu geben, die gegen eine Wiederholung der skan-
       dalösen Behandlung des Londoner Kongresses durch seine Einberufer
       Sicherheit gab,  berufen die französischen Kollektivisten mit Zu-
       stimmung mehrerer  nationaler Organisationen  den in Bordeaux und
       Troyes beschlossenen Kongreß für den 14. Juli ein.
       7. Die große  Mehrheit der sozialistischen Organisationen und der
       sozialistischen Vertreter  Europas stimmten  diesem Kongreß,  wie
       der Anhang  zeigt, zu,  da sie  es ablehnen, der Welt zum zweiten
       Male das  Schauspiel eines  Arbeiterkongresses zu bieten, der nur
       geduldet wird  und an Reglements gebunden ist, die ihm von seinen
       Einberufern aufgezwungen werden.
       Das Londoner Mandat, das von der Haager Konferenz akzeptiert wor-
       den war,  ist durch  die Possibilisten  selbst in Stücke gerissen
       worden, als  sie es  zum Vorwand für ihren Anspruch nicht nur auf
       die Organisation,  sondern auch auf die Kontrolle und Leitung des
       künftigen Kongresses machten.
       Und nun erlaube ich mir mit den Worten des Manifests zu sagen:
       
       "Genossen und  Mitbürger, das sind die Tatsachen. Es ist an euch,
       dafür zu  sorgen, daß  eurer Sache,  der Sache  der Arbeiter  der
       Welt, nicht wissentlich Schaden zugefügt wird durch jene, die die
       ersten sein sollten, ihre persönlichen Eifersüchteleien zu unter-
       drücken um der Sache des Sozialismus willen."
       
       1. Juni 1889
       Nach der Broschüre:
       "The International Working Men's Congress of 1889".
       
       Aus dem Englischen.
       
       #544# Beilagen
       -----
       10.
       
       Bekanntmachung über die Einberufung des Internationalen
       Sozialistischen Arbeiterkongresses [490]
       
       ["Der Sozialdemokrat" Nr. 22 vom 1. Juni 1889]
       Arbeiter und Sozialisten Europas und Amerikas!
       Der Arbeiterkongreß  von Bordeaux,  der von  200 Syndikatskammern
       aus den verschiedenen Industriezentren Frankreichs beschickt war,
       und der  Kongreß von Troyes, der von 300 Arbeitervereinen und so-
       zialistischen Gruppen  beschickt war,  die die Arbeiterklasse und
       den revolutionären  Sozialismus Frankreichs  in  seiner  Mehrheit
       vertraten, beschlossen, im Laufe der Weltausstellung einen Inter-
       nationalen Kongreß  in Paris  einzuberufen, der den Arbeitern der
       ganzen Welt offenstehen soll.
       Diese Resolution  wurde von  den Sozialisten Europas und Amerikas
       freudig begrüßt,  in froher  Genugtuung, sich  versammeln und die
       Forderungen der  Arbeiterklasse in bezug auf die Frage der Inter-
       nationalen Arbeitsgesetzgebung formulieren zu können, die auf der
       Berner Konferenz,  welche von  den Vertretern  der Regierungen im
       September abgehalten werden wird, beraten werden soll.
       Die Kapitalisten  laden die  Reichen und  Mächtigen zu  der Welt-
       ausstellung ein,  die Werke  der Arbeiter  zu betrachten  und  zu
       bewundern, die  inmitten des  kolossalsten Reichtums, den je eine
       menschliche Gesellschaft besessen, zum Elend verurteilt sind. Wir
       Sozialisten, deren Streben die Befreiung der Arbeit, die Abschaf-
       fung der  Lohnsklaverei und die Errichtung eines Gesellschaftszu-
       standes ist,  in dem  alle Arbeiter  - ohne  Unterschied des  Ge-
       schlechtes und  der Nationalität  - ein  Recht auf den durch ihre
       gemeinsame Arbeit  geschaffenen Reichtum  haben -  wir laden  die
       wirklichen Produzenten  ein, mit  uns am 14. Juli in Paris zusam-
       menzutreffen.
       Wir laden  sie ein, das Band der Brüderlichkeit zu festigen, das,
       indem es die Proletarier aller Länder in ihrem Kampfe stärkt, den
       Beginn der neuen Welt beschleunigen wird.
       Arbeiter aller Länder, vereinigt euch!
       Die Unterschriften  von Amerika,  sowie verschiedene  andere, die
       zugesagt, aber noch nicht eingetroffen sind, werden in einem spä-
       teren Zirkular veröffentlicht werden.
       Die Delegierten  werden ersucht, ihre Ankunft mindestens eine Wo-
       che vor  Eröffnung des Kongresses anzumelden, damit das Organisa-
       tionskomitee
       
       #545# Aufzeichnungen und Dokumente
       -----
       die nötigen Anordnungen für ihre Unterbringung (Wohnung und Kost)
       und ihren Empfang am Bahnhof treffen kann.
       Die Unterschriften lauten:
       Österreich. Für  die sozialistische  Arbeiterpartei: J.  Popp, V.
       Adler, E.  Kralik, A.  Zinnram, N. Hoffmann, A. Kreutzer, J. Win-
       zig, G.  Popper (Wien), J. Mackart, H. Flöckinger, K. Sams (Inns-
       bruck), A.  Weiguny, J.  Siegl (Linz),  A. Friemel, V. Wiener, T.
       Heinz, A. Bocek (Steyr), K. Schneeweiß, A. Sobotka, A. Klofác, J.
       Hybes (Brünn),  V. Sturc,  F. Dosek,  T. Nemecek  (Prag), T. Zed-
       nícek, R.  Zahálka  (Proßnitz),  A.  Gerin,  C.  Ucekar,  J.  Lax
       (Triest), J. Daniluk (Lemberg), T. Adenau (Klagenfurt), E. Rieger
       (Bratzan), J.Zimmermann (Jägerndorf).
       Belgien. Für die sozialistische Arbeiterpartei Gents: E. Anseele,
       E. Van Beveren.
       Frankreich. Für die Föderation der Syndikatskammern und Arbeiter-
       vereine Frankreichs:  R. La vigne. Für die sozialistische Födera-
       tion Frankreichs: G. Batisse.
       Großbritannien. R.B.  Cunninghame Graham, Parlamentsmitglied. Für
       die Sozialistische  Liga: William Morris, F. Kitz. Für den Arbei-
       ter-Wahlverband: W.  Parnell (Sekretär), G. Bateman, H. Champion,
       Tom Mann.
       Für den Bergarbeiterbund von Ayrshire: J. Keir Hardie.
       Deutschland. Für  die sozialdemokratische Arbeiterpartei Deutsch-
       lands: Bebel, Frohme, Grillenberger, Harm, Kühn, Liebknecht, Mei-
       ster, Sabor, Singer, Schumacher, Mitglieder des Reichstags.
       Holland. Für die niederländische sozialdemokratische Arbeiterpar-
       tei: Domela Nieuwenhuis, Croll.
       Italien.  Für  die  revolutionär-sozialistischen  Organisationen:
       Amilcare Cipriani.
       Polen. S.  Mendelson, für  die Zeitschrift "Walka Klas" (Klassen-
       kampf); W. Anielewski, für das Warschauer Arbeiterkomitee.
       Portugal. Für die sozialistischen Arbeitervereine: Carvalho. Ruß-
       land. Stepniak.
       Spanien. Für  die spanische  sozialistische Arbeiterpartei: Pablo
       Iglesias, F. Diego.
       Schweiz.  Brandt,   Vizepräsident  des   Grütlivereins.  Für  die
       schweizerische sozialdemokratische Partei: A. Reichel, A. Steck.
       

       zurück