Quelle: MEW 21 Mai 1883 - Dezember 1889
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B. Aufzeichnungen und Dokumente
(September 1883 - Juni 1889)
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Aus einem Brief G.A. Lopatins an M.N. Oschanina [460]
London, 20. September [1883]
...Ich muß Ihnen unbedingt das Ergebnis meines ersten Zusammen-
treffens mit Engels mitteilen, da ich annehme, daß Ihnen einige
seiner Ansichten sehr gefallen werden.
Wir haben viel über die russischen Angelegenheiten gesprochen,
vor allem darüber, auf welche Weise unsere politische und soziale
Erneuerung wahrscheinlich vonstatten gehen wird. Wie auch zu er-
warten war, zeigte sich eine völlige Übereinstimmung unserer An-
sichten; jeder von uns sprach zwischendurch die Gedanken und
Worte des anderen zu Ende. Er ist ebenfalls (wie auch Marx und
ich) der Meinung, daß in Rußland die Aufgabe einer r e v o-
l u t i o n ä r e n Partei oder einer Partei der T a t augen-
blicklich nicht in der Propaganda des neuen sozialistischen
Ideals besteht und nicht einmal in dem Bestreben, dieses bei
weitem noch nicht ausgearbeitete Ideal mit Hilfe einer aus unse-
ren Genossen gebildeten provisorischen Regierung zu verwirkli-
chen, sondern in der Anspannung aller Kräfte, um 1. den Herrscher
1*) entweder zu zwingen, einen Semski Sobor 2*) einzuberufen,
oder um 2. durch Einschüchterung des Herrschers und dgl. mehr so
starke Unruhen hervorzurufen, daß sie auf andere Weise zur Ein-
berufung dieses Sobors oder irgend etwas Ähnlichem führen würden.
Er ist ebenso wie ich überzeugt, daß ein derartiger Sobor
u n w e i g e r l i c h zu einer radikalen, nicht nur politi-
schen, sondern auch sozialen Umgestaltung führen wird. Er ist
überzeugt von der gewaltigen Bedeutung der Wahlperiode, da sie
eine unvergleichlich erfolgreichere Propaganda ermöglicht, als
sämtliche Bücher und mündliche Aufklärung es vermögen. Seiner
Meinung nach ist eine rein liberale Konstitution ohne tiefgehende
ökonomische Umgestaltungen unmöglich, so daß er diese Gefahr
nicht befürchtet. Er ist überzeugt, daß sich unter den
t a t s ä c h l i c h e n Lebensbedingungen des Volkes genügend
Voraussetzungen
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1*) Alexander III. - 2*) Ständeversammlung
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angesammelt haben, um die Gesellschaft auf neuer Grundlage umzu-
gestalten. Natürlich glaubt er nicht an eine sofortige Verwirkli-
chung des Kommunismus oder irgend etwas Ähnlichem, sondern nur an
das, was im Leben und in der Seele des Volkes schon herangereift
ist. Er ist überzeugt, daß das Volk in der Lage sein wird, rede-
gewandte Wortführer für seine Nöte und Bestrebungen usw. zu fin-
den. Er ist überzeugt, daß diese Umgestaltung oder Revolution,
einmal begonnen, durch keine Kraft aufgehalten werden kann. Wich-
tig ist deshalb nur eins: die verhängnisvolle Kraft des Still-
stands zu zerschlagen, das Volk und die Gesellschaft für einen
Augenblick aus dem Zustand der Trägheit und Unbeweglichkeit
aufzurütteln, und eine solche Unordnung herbeizuführen, die Re-
gierung und Volk zwingen würde, an die innere Umgestaltung heran-
zugehen, eine Unordnung, die das ruhige Volksmeer aufwühlen und
die Aufmerksamkeit und den E n t h u s i a s m u s des ganzen
Volkes für eine vollständige gesellschaftliche Umgestaltung her-
vorrufen würde. Die Ergebnisse werden sich dann von selbst ein-
stellen, und zwar solche, die möglich, wünschenswert und für die
gegebene Epoche realisierbar sind.
Alles das ist verteufelt kurz, aber ausführlicher kann ich jetzt
nicht schreiben. Außerdem wird Ihnen das alles vielleicht nicht
ganz gefallen, deshalb beeile ich mich, Ihnen Wort für Wort seine
anderen Ansichten wiederzugeben, die für die russische revolutio-
näre Partei sehr schmeichelhaft sind. Hier sind sie:
"Alles hängt jetzt davon ab, was man in nächster Zeit in Peters-
burg tun wird, auf das jetzt die Augen aller denkenden, weitblic-
kenden und scharfsinnigen Menschen ganz Europas gerichtet sind."
"Rußland - das ist das Frankreich des gegenwärtigen Jahrhunderts.
Gesetzmäßig und zu Recht kommt ihm die revolutionäre Initiative
für eine n e u e soziale Umgestaltung zu."
"... Der Untergang des Zarismus, mit dem das letzte Bollwerk des
Monarchismus in Europa zerstört, die 'Aggressivität' Rußlands,
der Haß Polens gegen Rußland und vieles andere beseitigt, wird
eine völlig andere Mächtekonstellation herbeiführen, Österreich
in Stücke zerschmettern und allen Ländern einen mächtigen Anstoß
zu inneren Umgestaltungen geben."
"... Deutschland wird sich wohl kaum dazu entschließen können,
die russischen Wirren zu benutzen, um seine Truppen zur Auf-
rechterhaltung des Zarismus nach Rußland in Marsch zu setzen.
Täte es dies dennoch, um so besser. Das würde das Ende seiner ge-
genwärtigen Regierung und den Anfang einer neuen Ära bedeuten.
Der Anschluß der Ostseeprovinzen an Deutschland ist unsinnig und
undurchführbar. Ähnliche Eroberungen entgegengesetzter (?) oder
anliegender schmaler Küstenstreifen und Gebietsfetzen und die
daraus resultierenden unförmigen Staatsgebilde waren nur im 16.
und im 17. Jahrhundert möglich, aber nicht jetzt. Zu alledem ist
es für niemanden ein Geheimnis, daß dort die Deutschen eine win-
zige reaktionäre
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Minderheit ausmachen." (Ich füge diesen Punkt für J.P. hinzu an-
gesichts ihrer ultrapatriotischen Ansichten in dieser Frage.)
"Sowohl ich als auch Marx finden, daß der Brief des Komitees an
Alexander III. [461] seiner weltklugen Art und seinem ruhigen Ton
nach einfach großartig ist. Der Brief beweist, daß es in den Rei-
hen der Revolutionäre Menschen mit Staatsverstand gibt."
Ich hoffe, daß dies alles ziemlich schmeichelhaft und angenehm
für Sie ist, und wie werden Sie mir diese Zeilen danken? Erinnern
Sie sich daran, wie ich sagte, daß selbst Marx nie ein Marxist
gewesen war? Engels erzählte, daß während des Kampfes von
Brousse, Malon und Co. gegen die anderen Marx einmal lachend ge-
sagt hat: "Ich kann nur eins sagen, daß ich k e i n M a r-
x i s t bin! ..." [462]
Nach: "Osnowy teoretitscheskowo
sozialisma i ich priloshenije k Rossii", Genf 1893.
Aus dem Russischen.
2
Der Maiaufstand von 1849 [463]
["Le Socialiste" Nr. 13 vom 21. November 1885]
Der Maiaufstand von 1849, der die Rheinprovinzen und Süddeutsch-
land erfaßte, war durch die Weigerung der meisten Regierungen der
kleinen Staaten hervorgerufen, die von der Frankfurter National-
versammlung beschlossene Verfassung anzunehmen. Diese Versammlung
hatte niemals über materielle Macht verfügt und, was schlimmer
ist, hatte es auch unterlassen, die notwendigen Maßnahmen zu er-
greifen, um sich diese zu verschaffen; als sie ihre Verfassung
auf dem Papier zustande gebracht hatte, verlor sie die letzten
Reste ihres moralischen Einflusses. Obwohl ziemlich romantisch,
war die Verfassung doch das einzige Banner, unter dem man sich
wieder sammeln konnte, um eine neue Bewegung zu versuchen, um so
mehr, da man sie nach dem Sieg nicht zu verwirklichen beabsich-
tigte.
Der Aufstand begann am 3. Mai in Dresden; einige Tage später
griff er auf die bayrische Pfalz und das Großherzogtum Baden
über. Der Großherzog 1*) hatte schnellstens die Flucht ergriffen,
als er gesehen hatte, daß sich die Truppen mit dem Volke verbrü-
derten.
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1*) Leopold
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Die preußische Regierung, die im November 1848 die revolutionäre
Bewegung unterdrückt, Berlin entwaffnet und Preußen in den
Belagerungszustand versetzt hatte, machte sich zum Verteidiger
der Regierungen der anderen Staaten. Sie entsandte sofort Truppen
nach Dresden, die nach viertägigem Kampf den heroischen Wider-
stand der Aufständischen brachen.
Aber um die Pfalz und das Herzogtum Baden zu unterwerfen, be-
durfte es einer Armee: um sie zu formieren, mußte Preußen die
Landwehr einberufen. In Iserlohn (Westfalen) und in Elberfeld
(Rheinpreußen) weigerten sich die Männer loszumarschieren. Man
schickte Truppen. Die Städte verbarrikadierten sich und wiesen
sie ab. Iserlohn wurde nach zwei Tagen Kampf genommen. Da Elber-
feld über keine Mittel zum Widerstand verfügte, beschlossen die
Aufständischen, etwa tausend an der Zahl, sich einen Weg durch
die sie umzingelnden Truppen zu bahnen und den Süden zu er-
reichen, wo der Aufstand im vollen Gange war. Sie wurden voll-
ständig zerschlagen, ihr Kommandeur Mirbach gefangengenommen; ei-
ner großen Anzahl Aufständischer gelang es jedoch, von den Ein-
wohnern unterstützt, sich nach dem Süden durchzuschlagen. Engels
war Adjutant von Mirbach; aber dieser schickte ihn, ehe er seinen
Plan durchführte, mit einem Auftrag nach Köln, das in den Händen
der preußischen Armee war. In Wirklichkeit wollte Mirbach in sei-
nem Korps keinen bekannten Kommunisten haben, um in den Orten,
die er zu durchqueren beabsichtigte, die Bourgeois nicht zu er-
schrecken.
Inzwischen hatte sich der Aufstand auf ganz Süddeutschland ver-
breitet, aber die Revolutionäre begingen, so wie in Paris 1871,
den verhängnisvollen Fehler - nicht anzugreifen. Die Truppen der
benachbarten kleinen Staaten waren demoralisiert und suchten nur
einen Vorwand, um sich dem Aufstand anzuschließen: sie waren ent-
schlossen, nicht gegen das Volk zu kämpfen. Die Aufständischen
hätten die Bevölkerung dieser Staaten zur Erhebung bringen und
mitreißen können, wenn sie erklärt hätten, daß sie die von preu-
ßischen und österreichischen Truppen umstellte Frankfurter Natio-
nalversammlung befreien wollen. Engels und Marx begaben sich nach
der Unterdrückung der "Neuen Rheinischen Zeitung" nach Mannheim,
um den Führern der Bewegung vorzuschlagen, auf Frankfurt zu
marschieren. Man weigerte sich, sie zu hören. Als Vorwand diente,
die Truppen seien durch die Flucht der ehemaligen Offiziere des-
organisiert, es fehle an Munition etc.
Während die Aufständischen Gewehr bei Fuß blieben, rückten die
Preußen, mit den Bayern vereint und durch die Truppen der kleinen
Staaten verstärkt, welche die Aufständischen mit mehr Kühnheit
hätten gewinnen können, in Gewaltmärschen gegen die aufständi-
schen Gebiete vor. Die 36 000 Mann starke konterrevolutionäre Ar-
mee fegte in einer Woche aus der Pfalz die 8000-9000 Aufständi-
schen hinaus, die sie besetzt hielten; es muß gesagt werden, daß
die beiden Festungen des Landes in den Händen der
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Reaktion geblieben waren. Die revolutionäre Armee setzte sich
jetzt nur aus den bewaffneten Kräften Badens zusammen, die etwa
10 000 Mann Linientruppen und 12 000 Freiwillige zählten. Es
fanden vier große Gefechte statt, in denen die konterrevolutio-
nären Truppen nur siegen konnten dank ihrer zahlenmäßigen Überle-
genheit und durch die Verletzung der württembergischen Grenze,
was ihnen ermöglichte, die revolutionäre Armee im entscheidenden
Augenblick zu umgehen. Nach sechs Wochen Kampf auf offenem Felde
waren die Reste der aufständischen Armee gezwungen, sich in die
Schweiz zurückzuziehen.
Im Verlauf dieses letzten Feldzugs war Engels Adjutant des Ober-
sten Willich, des Kommandeurs eines Korps aus kommunistischen
Freischärlern. Er nahm an drei Gefechten und an der letzten Ent-
scheidungsschlacht an der Murg teil. Oberst Willich, der in die
Vereinigten Staaten emigrierte, ist als General gestorben, ein
Rang, den er sich während des Amerikanischen Bürgerkrieges erwor-
ben hatte.
Dieser hartnäckige Widerstand auf offenem Felde, den einige tau-
send Aufständische, ungenügend organisiert und fast ohne Artille-
rie, der so gut disziplinierten preußischen Armee leisteten,
zeigt, was unsere sozialistischen Freunde jenseits des Rheins an
dem Tag zu leisten fähig sein werden, da die Sturmglocke der Re-
volution in Europa läuten wird.
Geschrieben Mitte November 1885.
Aus dem Französischen.
3
Juristen-Sozialismus [464]
Die Weltanschauung des Mittelalters war wesentlich theologisch.
Die Einheit der europäischen Welt, die nach innen tatsächlich
nicht bestand, wurde gegen außen, gegen den sarazenischen allge-
meinen Feind, hergestellt durch das Christentum. Die Einheit der
westeuropäischen Welt, die eine Gruppe von in steter Wechselbe-
ziehung sich entwickelnden Völkern bildete, wurde zusammengefaßt
im Katholizismus. Diese theologische Zusammenfassung war nicht
nur ideell. Sie bestand wirklich, nicht nur im Papst, ihrem mon-
archischen Mittelpunkt, sondern vor allem in der feudal und hier-
archisch organisierten Kirche, die in jedem Land als Besitzerin
von etwa einem Drittel des Bodens eine gewaltige Machtstellung in
der feudalen Organisation innehatte. Die Kirche mit ihrem feuda-
len Grundbesitz war das reale Band zwischen den verschiedenen
Ländern, die feudale Organisation
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der Kirche gab der weltlich-feudalen Staatsordnung die religiöse
Weihe. Die Geistlichkeit war zudem die einzige gebildete Klasse.
Es war also selbstverständlich, daß das Dogma der Kirche Aus-
gangspunkt und Basis alles Denkens war. Juristerei, Naturwissen-
schaft, Philosophie, alles wurde darnach erledigt, ob der Inhalt
mit den Lehren der Kirche stimmte oder nicht.
Aber im Schöße der Feudalität entwickelte sich die Macht des
Bürgertums. Eine neue Klasse trat auf gegen die großen Grundbe-
sitzer. Die Städtebürger waren vor allem und ausschließlich Wa-
renproduzenten und Warenhändler, während die feudale Produktions-
weise wesentlich auf dem Selbstverbrauch der innerhalb eines be-
schränkten Kreises erzeugten Produkte - teils durch die Produzen-
ten, teils durch die feudalen Tributerheber - beruhte. Die ka-
tholische, auf den Feudalismus zugeschnittene Weltanschauung
konnte dieser neuen Klasse und ihren Produktions- und Austausch-
bedingungen nicht mehr genügen. Dennoch blieb auch sie noch län-
gere Zeit in den Banden der allmächtigen Theologie befangen. Die
sämtlichen Reformationen und die sich daran knüpfenden, unter re-
ligiöser Firma geführten Kämpfe, vom 13. bis ins 17. Jahrhundert,
sind nach ihrer theoretischen Seite nichts als wiederholte Versu-
che des Bürgertums, der Städteplebejer und der im Anschluß an
beide rebellisch gewordenen Bauern, die alte, theologische Welt-
anschauung den veränderten ökonomischen Bedingungen und der Le-
benslage der neuen Klasse anzupassen. Aber es ging nicht. Die re-
ligiöse Fahne flatterte zum letzten Mal in England im 17. Jahr-
hundert, und kaum fünfzig Jahre später trat in Frankreich die
neue Weltanschauung ungeschminkt auf, die die klassische der
Bourgeoisie werden sollte, d i e j u r i s t i s c h e
W e l t a n s c h a u u n g.
Sie war eine Verweltlichung der theologischen. An die Stelle des
Dogmas, des göttlichen Rechts trat das menschliche Recht, an die
der Kirche der Staat. Die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen
Verhältnisse, die man sich früher, weil von der Kirche sanktio-
niert, als durch die Kirche und das Dogma geschaffen vorgestellt
hatte, stellte man sich jetzt vor als auf das Recht begründet und
durch den Staat geschaffen. Weil der Austausch von Waren auf ge-
sellschaftlichem Maßstab und in seiner vollen Ausbildung, nament-
lich durch Vorschuß- und Kreditgeben, verwickelte gegenseitige
Vertragsverhältnisse erzeugt und damit allgemein gültige Regeln
erfordert, die nur durch die Gemeinschaft gegeben werden können -
staatlich festgesetzte Rechtsnormen -, deshalb bildete man sich
ein, daß diese Rechtsnormen nicht aus den ökonomischen Tatsachen
entsprängen, sondern aus der formellen Festsetzung durch den
Staat. Und weil die Konkurrenz, die Grundverkehrsform freier Wa-
renproduzenten, die größte Gleichmacherin ist, wurde Gleichheit
vor dem Gesetz der Hauptschlachtruf der Bourgeoisie. Die Tatsa-
che, daß der Kampf dieser neu aufstrebenden Klasse gegen die Feu-
dalherrn und die sie damals schützende absolute Monarchie, wie
jeder
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Klassenkampf, ein politischer Kampf, ein Kampf um den Besitz des
Staates sein, um R e c h t s f o r d e r u n g e n geführt wer-
den mußte, trug dazu bei, die juristische Weltanschauung zu befe-
stigen.
Aber die Bourgeoisie erzeugte ihren negativen Doppelgänger, das
Proletariat, und mit ihm einen neuen Klassenkampf, der schon aus-
brach, ehe die Bourgeoisie sich die politische Macht vollständig
erobert hatte. Wie ihrerzeit die Bourgeoisie im Kampf gegen den
Adel die theologische Weltanschauung noch eine Zeitlang aus Über-
lieferung mitgeschleppt hatte, so übernahm das Proletariat an-
fangs vom Gegner die juristische Anschauungsweise und suchte
hierin Waffen gegen die Bourgeoisie. Die ersten proletarischen
Parteibildungen wie ihre theoretischen Vertreter blieben durchaus
auf dem juristischen "Rechtsboden", nur daß sie sich einen ande-
ren Rechtsboden zusammenkonstruierten, als der der Bourgeoisie
war. Einerseits wurde die Forderung der Gleichheit dahin ausge-
dehnt, daß die rechtliche Gleichheit durch die gesellschaftliche
zu ergänzen sei; anderseits wurde aus den Sätzen Adam Smiths, daß
die Arbeit die Quelle alles Reichtums, das Produkt der Arbeit
aber vom Arbeiter geteilt werden müsse mit dem Grundbesitzer und
dem Kapitalisten, der Schluß gezogen, daß diese Teilung unrecht
sei und entweder abgeschafft oder doch zugunsten der Arbeiter mo-
difiziert werden müsse. Das Gefühl aber, daß diese Belassung der
Frage auf dem bloßen juristischen "Rechtsboden" keineswegs eine
Beseitigung der durch die bürgerlich-kapitalistische, und nament-
lich durch die modern-großindustrielle Produktionsweise geschaf-
fenen Übelstände möglich mache, führte schon die bedeutendsten
Köpfe unter den früheren Sozialisten - Saint-Simon, Fourier und
Owen - dahin, das juristisch-politische Gebiet ganz zu verlassen
und allen politischen Kampf für unfruchtbar zu erklären.
Beide Auffassungen waren gleich ungenügend, die durch die
wirtschaftliche Lage geschaffenen Emanzipationsbestrebungen der
Arbeiterklasse entsprechend auszudrücken und vollständig zusam-
menzufassen. Die Forderung der Gleichheit nicht minder wie die
des vollen Arbeitsertrages verliefen sich in unlösliche Wider-
sprüche, sobald sie juristisch im einzelnen formuliert werden
sollten, und ließen den Kern der Sache, die Umgestaltung der Pro-
duktionsweise, mehr oder weniger unberührt. Die Zurückweisung des
politischen Kampfes durch die großen Utopisten war gleichzeitig
eine Zurückweisung des Klassenkampfes, also der einzig möglichen
Betätigungsweise der Klasse, in deren Interesse sie auftraten.
Beide Anschauungen abstrahierten von dem geschichtlichen Hinter-
grund, dem sie ihr Dasein verdankten; beide appellierten an das
Gefühl; die einen an das Rechtsgefühl, die anderen an das Mensch-
lichkeitsgefühl. Beide kleideten ihre Forderungen in die Form
frommer Wünsche, von denen nicht zu sagen war, weshalb sie gerade
jetzt durchgeführt werden sollten und nicht tausend Jahre früher
oder später.
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Die Arbeiterklasse, die durch die Verwandlung der feudalen Pro-
duktionsweise in die kapitalistische alles Eigentums an den Pro-
duktionsmitteln entkleidet wurde und durch den Mechanismus der
kapitalistischen Produktionsweise stets in diesem erblichen Zu-
stand der Eigentumslosigkeit wieder erzeugt wird, kann in der ju-
ristischen Illusion der Bourgeoisie ihre Lebenslage nicht er-
schöpfend zum Ausdruck bringen. Sie kann diese Lebenslage nur
vollständig selbst erkennen, wenn sie die Dinge ohne juristisch
gefärbte Brille in ihrer Wirklichkeit anschaut. Hierzu aber ver-
half ihr Marx mit seiner materialistischen Geschichtsauffassung,
mit dem Nachweis, daß alle juristischen, politischen, philosophi-
schen, religiösen etc. Vorstellungen der Menschen in letzter In-
stanz aus ihren wirtschaftlichen Lebensbedingungen, aus ihrer
Weise zu produzieren und die Produkte auszutauschen, abgeleitet
sind. Hiermit war die der Lebens- und Kampfeslage des Proletari-
ats entsprechende Weltanschauung gegeben; der Eigentumslosigkeit
der Arbeiter konnte nur die Illusionslosigkeit ihrer Köpfe ent-
sprechen. Und diese proletarische Weltanschauung macht jetzt die
Reise um die Welt.
Begreiflich dauert der Kampf der beiden Weltanschauungen fort;
nicht nur zwischen Proletariat und Bourgeoisie, sondern auch zwi-
schen frei denkenden und noch von alter Tradition beherrschten
Arbeitern! Im ganzen wird hier die alte Auffassung verteidigt
durch gewöhnliche Politiker mit den landläufigen Argumenten. Nun
gibt es aber auch sogenannte wissenschaftliche Juristen, die aus
der Juristerei einen eigenen Beruf machen. *)
Bisher hatten sich diese Herrn zu vornehm gehalten, sich mit der
theoretischen Seite der Arbeiterbewegung einzulassen. Wir müssen
es also großen Dank wissen, wenn endlich einmal ein wirklicher
Professor der Rechte, Herr Dr. Anton Menger, sich herabläßt, die
Geschichte des Sozialismus vom "rechtsphilosophischen" Standpunkt
"dogmatisch näher zu beleuchten". **)
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*) Vergleiche über diese den Artikel von Fr. Engels über "Ludwig
Feuerbach" in der "Neuen Zeit" IV, S. 206 1*): "Bei den Politi-
kern von Profession, bei den Theoretikern des Staatsrechts und
den Juristen des Privatrechts geht der Zusammenhang mit den öko-
nomischen Tatsachen erst recht verloren. Weil in jedem einzelnen
Falle die ökonomischen Tatsachen die Form juristischer Motive an-
nehmen müssen, um in Gesetzesform sanktioniert zu werden, und
weil dabei auch selbstverständlich Rücksicht zu nehmen ist auf
das schon geltende Rechtssystem, deswegen soll nun die juristi-
sche Form alles sein und der ökonomische Inhalt nichts. Staats-
recht und Privatrecht werden als selbständige Gebiete behandelt,
die ihre unabhängige geschichtliche Entwicklung haben, die in
sich selbst einer systematischen Darstellung fähig sind und ihrer
bedürfen, durch konsequente Ausrottung aller inneren Widersprü-
che."
**) Dr. Anton Menger, "Das Recht auf den vollen Arbeitsertrag in
geschichtlicher Darstellung", Stuttgart, Cotta, 1886, X, S. 171.
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1*) Siehe vorl. Band, S. 302
#495# Aufzeichnungen und Dokumente
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In der Tat, die Sozialisten sind bisher auf dem Holzweg gewesen.
Sie haben gerade das vernachlässigt, worauf es ankam.
"Erst wenn die sozialistischen Ideen aus den endlosen v o l k s-
w i r t s c h a f t l i c h e n und philanthropischen Erörterun-
gen ... losgeschält und in nüchterne Rechtsbegriffe verwandelt
sind" (S. III), erst wenn die ganze "nationalökonomische Verbrä-
mung" (S. 37) beseitigt ist, kann die "juristische Bearbeitung
des Sozialismus... die wichtigste Aufgabe der Rechtsphilosophie
unserer Zeit" [S. III]
in die Hand genommen werden.
Nun handelt es sich in den "sozialistischen Ideen" gerade um
volkswirtschaftliche Verhältnisse, vor allem um das Verhältnis
zwischen Lohnarbeit und Kapital, und da sind volkswirtschaftliche
Erörterungen, so scheint es, doch wohl etwas mehr als bloße los-
zuschälende "Verbrämungen". Auch ist die Ökonomie eine sogenannte
Wissenschaft und obendrein ein wenig wissenschaftlicher als die
Rechtsphilosophie, weil sie sich mit Tatsachen beschäftigt,
nicht, wie die letztere, mit bloßen Vorstellungen. Aber das ist
dem Juristen von Fach total gleichgültig. Die ökonomischen Unter-
suchungen stehen ihm auf derselben Stufe, wie die philanthropi-
schen Deklamationen. Fiat justitia, pereat mundus. 1*)
Ferner sind die "nationalökonomischen Verbrämungen" bei Marx -
und diese liegen unserem Juristen am schwersten im Magen - nicht
bloß ökonomische Untersuchungen. Sie sind wesentlich historisch.
Sie weisen den Gang der gesellschaftlichen Entwicklung nach, von
der feudalen Produktionsweise des Mittelalters bis auf die heu-
tige entwickelte kapitalistische, den Untergang früherer Klassen
und Klassengegensätze und die Bildung neuer Klassen mit neuen In-
teressengegensätzen, die sich unter anderem auch in neuen Rechts-
forderungen äußern. Davon scheint auch unserem Juristen eine
leise Ahnung aufzudämmern, wenn er S. 37 entdeckt, daß die heu-
tige
"Rechtsphilosophie ... im wesentlichen nichts ist, als ein Abbild
des historisch überlieferten Rechtszustandes", die man als "die
b ü r g e r l i c h e R e c h t s p h i l o s o p h i e be-
zeichnen" könnte und der sich "in dem Sozialismus eine
R e c h t s p h i l o s o p h i e d e r b e s i t z l o s e n
V o l k s k l a s s e n an die Seite gestellt" hat.
Aber wenn dem so ist, was ist die Ursache davon? Woher kommen
denn die "Bürger" und die "besitzlosen Volksklassen", die jede
für sich eine besondere, ihrer Klassenlage entsprechende Rechts-
philosophie besitzen? Aus dem Recht oder aus der ökonomischen
Entwicklung? Und sagt uns Marx etwas anderes, als daß die
Rechtsanschauungen der einzelnen großen Gesellschaftsklassen sich
nach ihrer jedesmaligen Klassenlage richten? Wie kommt Menger un-
ter die Marxisten?
Doch das ist nur ein Versehen, eine unfreiwillige Anerkennung der
Macht der neuen Theorie, die dem strengen Juristen entschlüpft
ist und
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1*) Dem Gesetz muß entsprochen werden, mag darüber auch die Welt
zugrunde gehen.
#496# Beilagen
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die wir deshalb auch nur registrieren. Im Gegenteil, wo unser
Mann des Rechts auf seinem eigenen Rechtsboden steht, ist er ein
Verächter der ökonomischen Geschichte. Das sinkende Römerreich
ist sein Lieblingsbeispiel.
"Noch nie waren die Produktionsmittel so zentralisiert", erzählt
er uns, "wie zu der Zeit, da die Hälfte der afrikanischen Provinz
sich im Eigentum von sechs Personen befand... niemals waren die
Leiden der arbeitenden Klassen größer, als in der Zeit, wo fast
jeder produktive Arbeiter ein Sklave war. Es fehlte damals auch
nicht - namentlich bei den Kirchenvätern - an heftigen Kritiken
des bestehenden Gesellschaftszustandes, die sich mit den besten
sozialistischen Schriften der Gegenwart messen können, dennoch
folgte auf den Sturz des weströmischen Reiches nicht etwa der So-
zialismus, sondern - die mittelalterliche Rechtsordnung" (S.
108). Und warum geschah dies? Weil "der Nation nicht ein klares,
von aller Überschwenglichkeit freies Bild des künftigen Zustandes
vorschwebte".
Herr Menger meint, zur Zeit des sinkenden Römerreiches seien die
ö k o n o m i s c h e n Vorbedingungen des modernen Sozialismus
vorhanden gewesen, nur dessen juristische Formulierung fehlte.
Deswegen kam an Stelle des Sozialismus der Feudalismus, und die
materialistische Geschichtsauffassung ist ad absurdum geführt!
Was die Juristen des sinkenden römischen Reiches so schön in ein
System gebracht hatten, das war nicht das f e u d a l e, son-
dern das römische Recht, das Recht einer Gesellschaft von Waren-
produzenten. Da nach Herrn Mengers Voraussetzung die juristische
Vorstellung die treibende Kraft der Geschichte ist, so stellt er
hier an die römischen Juristen die ungeheuerliche Forderung, sie
hätten statt des Rechtssystems der bestehenden römischen Gesell-
schaft das gerade Gegenteil, nämlich "ein klares, von aller Über-
schwenglichkeit freies Bild" eines phantastischen Gesellschafts-
zustandes liefern sollen. Das also ist die Mengersche Rechtsphi-
losophie, angewandt auf das r ö m i s c h e Recht! Geradezu
horrend ist aber die Behauptung Mengers, daß noch nie die ökono-
mischen Bedingungen dem Sozialismus so günstig waren, als zur rö-
mischen Kaiserzeit. Die Sozialisten, die Menger widerlegen will,
sehen die Bürgschaft für den Erfolg des Sozialismus in der Ent-
wicklung der Produktion selbst: Auf der einen Seite wird durch
die Entwicklung des maschinellen Großbetriebs in Industrie und
Landwirtschaft die Produktion immer mehr zu einer gesellschaft-
lichen und die Produktivität der Arbeit eine enorme; dies drängt
zur Aufhebung der Klassenunterschiede und zur Überführung der
Warenproduktion in Privatbetrieben in die direkte Produktion für
und durch die Gesellschaft. Auf der anderen Seite erzeugt die
moderne Produktionsweise die Klasse, welche in immer steigendem
Maße die Macht und das Interesse erhält, diese Entwicklung
tatsächlich zu machen, ein freies, arbeitendes Proletariat.
Nun vergleiche man damit die Zustände des kaiserlichen Rom, wo
von maschineller Großproduktion weder in Industrie noch in Land-
wirtschaft die Rede war. Allerdings finden wir eine Konzentration
des Grund b e s i t z e s,
#497# Aufzeichnungen und Dokumente
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aber man muß Jurist sein, um das für gleichbedeutend mit der
Entwicklung gesellschaftlich betriebener Arbeit in Großbetrieben
zu halten. Wenn wir Herrn Menger drei Beispiele von Grundbesitz
vorlegen : einen irischen Landlord, der 50 000 Acres besitzt, die
von 5000 Pächtern in kleinen Betrieben von durchschnittlich 10
Acres bewirtschaftet werden; einen schottischen Landlord, der
50 000 Acres in Jagdgründe verwandelt hat, und eine amerikanische
Riesenfarm von 10 000 Acres, in der in großindustrieller Weise
Weizen gebaut wird, so wird er erklären, daß in den beiden ersten
Fällen die Konzentration der Produktionsmittel fünf mal soweit
vorgeschritten sei, wie in dem letzteren.
Die Entwicklung der römischen Landwirtschaft der Kaiserzeit
führte auf der einen Seite zur Ausdehnung der Weidewirtschaft
über ungeheure Strecken und zur Entvölkerung des Landes, auf der
anderen Seite zur Zerschlagung der Güter in kleine Pachten, wel-
che an Kolonen abgegeben wurden, also zu Zwergbetrieben höriger
Kleinbauern, der Vorläufer der späteren Leibeigenen, also zu ei-
ner Produktionsweise, in der die Produktionsweise des Mittelal-
ters schon im Keim enthalten war. Und unter anderem schon darum,
wertester Herr Menger, folgte auf die Römerwelt "die mittelalter-
liche Rechtsordnung". Wohl gab es zeitweise in einzelnen Provin-
zen auch landwirtschaftliche Großbetriebe, aber nicht Maschinen-
produktion mit freien Arbeitern, sondern P l a n t a g e n-
w i r t s c h a f t mit S k l a v e n, Barbaren der verschie-
densten Nationalitäten, die sich oft untereinander nicht ver-
standen. Diesen gegenüber standen die freien Proletarier, aber
nicht a r b e i t e n d e, sondern Lumpenproletarier. Auf der
Arbeit der Proletarier beruht heute in immer steigendem Maße die
Gesellschaft, sie Werden für deren Bestand immer unentbehrlicher;
die römischen Lumpenproletarier waren Parasiten, nicht nur ohne
Nutzen, sondern sogar von Schaden für die Gesellschaft und daher
ohne durchgreifende Macht.
Herrn Menger aber erscheinen die Produktionsweise und das Volk
noch nie so reif zum Sozialismus gewesen zu sein, als zur Kaiser-
zeit! Man sieht, welchen Vorteil es hat, wenn man sich von ökono-
mischen "Verbrämungen" möglichst ferne hält.
Die Kirchenväter wollen wir ihm schenken, da er verschweigt,
worin deren "Kritiken des bestehenden Gesellschaftszustandes"
sich "mit den besten sozialistischen Schriften der Gegenwart mes-
sen können". Den Kirchenvätern verdanken wir manche interessante
Mitteilung aus der versinkenden römischen Gesellschaft, aber auf
eine K r i t i k derselben ließen sie sich in der Regel nicht
ein, sie begnügten sich damit, sie einfach zu v e r d o n-
n e r n und zwar in Ausdrücken von einer Heftigkeit, der gegen-
über die heftigste Sprache moderner Sozialisten und selbst das
Gezeter der Anarchisten zahm erscheint. Meint Herr Menger diese
"Überlegenheit"?
Mit derselben Verachtung der geschichtlichen Tatsachen, die wir
eben bemerkt, sagt Menger auf S. 2, daß die privilegierten Klas-
sen ihr Einkommen
#498# Beilagen
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o h n e p e r s ö n l i c h e G e g e n l e i s t u n g a n
d i e G e s e l l s c h a f t empfangen. Daß die herrschenden
Klassen im aufsteigenden Ast ihrer Entwicklung sehr bestimmte so-
ziale Funktionen zu verrichten haben und gerade deswegen zu herr-
schenden werden, ist ihm also gänzlich unbekannt. Während die
Sozialisten die zeitweilige geschichtliche Berechtigung dieser
Klassen anerkennen, erklärt Menger hier ihre Aneignung des Mehr-
produkts für einen Diebstahl. Da kann es ihn denn nur wundern,
wenn er S. 122, 123 findet, daß diese Klassen täglich mehr die
M a c h t verlieren, ihr Recht auf dies Einkommen zu schützen.
Daß diese Macht in der Ausübung sozialer Funktionen besteht und
mit dem Untergang dieser Funktionen in der weiteren Entwicklung
verschwindet, ist diesem großen Denker ein reines Rätsel.
Genug. Der Herr Professor gibt sich nun dran, den Sozialismus
rechtsphilosophisch zu behandeln, das heißt, ihn auf ein paar
kurze Rechtsformeln zurückzuführen, auf sozialistische "Grund-
rechte", eine neue Ausgabe der Menschenrechte fürs 19. Jahr-
hundert. Solche Grundrechte haben zwar nur
"geringe praktische Wirksamkeit", sind aber "auf dem wissen-
schaftlichen Gebiet nicht ohne Nutzen" als "S c h l a g w o r-
t e" (S. 5, 6).
Also so weit sind wir bereits heruntergekommen, daß wir es nur
noch mit S c h l a g w o r t e n zu tun haben. Erst wird der
geschichtliche Zusammenhang und Inhalt der gewaltigen Bewegung
beseitigt, um einer bloßen "Rechtsphilosophie" Platz zu machen,
und dann reduziert sich diese Rechtsphilosophie auf Schlagworte,
die eingestandenermaßen praktisch keinen Heller wert sind! Das
lohnte in der Tat die Mühe.
Der Herr Professor entdeckt nun, daß der g a n z e S o z i a-
l i s m u s sich juristisch auf d r e i solcher Schlagworte
zurückführen läßt, auf drei Grundrechte. Diese sind:
1. das Recht auf den vollen Arbeitsertrag,
2. das Recht auf die Existenz,
3. das Recht auf Arbeit.
Das Recht auf Arbeit ist nur eine provisorische Forderung, "die
erste unbeholfene Formel, worin sich die revolutionären Ansprüche
des Proletariats zusammenfassen" (Marx) [465] und gehört also
nicht hierher. Dagegen ist die Forderung der G l e i c h h e i t
vergessen, die den ganzen französischen revolutionären Sozialis-
mus beherrschte, von Babeuf bis Cabet und Proudhon, die aber Herr
Menger schwerlich juristisch wird formulieren können, trotzdem
oder vielleicht gerade weil sie die juristischste von allen den
erwähnten ist. Bleiben als Quintessenz nur die mageren Sätze 1
und 2, die sich noch dazu widersprechen, was Menger auf S. 27
endlich entdeckt, was aber keineswegs verhindert, daß jedes so-
zialistische System sich darin bewegen muß (S. 6). Es ist aber
handgreiflich, daß die Einzwängung der
#499# Aufzeichnungen und Dokumente
-----
verschiedensten sozialistischen Doktrinen der verschiedensten
Länder und Entwicklungsstufen in diese zwei "Schlagworte" die
ganze Darstellung fälschen muß. Die Eigentümlichkeit jeder ein-
zelnen Doktrin, die gerade ihre geschichtliche Bedeutung aus-
macht, wird hier nicht nur als nebensächlich beiseite geworfen,
sondern, weil vom Schlagwort abweichend und ihm widersprechend,
geradezu als einfach falsch verworfen.
In der vorliegenden Schrift wird nur Nr. 1, das Recht auf den
vollen Arbeitsertrag, behandelt.
Das Recht des Arbeiters auf den vollen Arbeitsertrag, d. h. jedes
einzelnen Arbeiters auf s e i n e n speziellen Arbeitsertrag
ist in dieser Bestimmtheit nur Proudhonsche Lehre. Ganz verschie-
den davon ist die Forderung, daß die Produktionsmittel und Pro-
dukte der arbeitenden Gesamtheit gehören sollen. Diese Forderung
ist kommunistisch und geht, wie Menger S. 48 entdeckt, ü b e r
die Forderung Nr. 1 hinaus, was ihn in nicht geringe Verlegenheit
setzt. Er muß daher die Kommunisten bald unter Nr. 2 rangieren,
bald das Grundrecht Nr. 1 so lange zerren und wenden, bis er sie
darunter bringen kann. Dies geschieht S. 7. Hier wird vorausge-
setzt, daß nach Abschaffung der Warenproduktion diese dennoch
fortbesteht. Es scheint Herrn Menger ganz natürlich, daß auch in
einer sozialistischen Gesellschaft T a u s c h w e r t e, also
Waren zum Verkauf produziert werden, und daß die P r e i s e
d e r A r b e i t fortbestehen, daß also die Arbeitskraft nach
wie vor als Ware verkauft wird. Die einzige Frage, um die es sich
ihm dabei handelt, ist die, ob die historisch überlieferten
(Preise der Arbeit in der sozialistischen Gesellschaft mit einem
Aufschlag aufrechterhalten bleiben, oder ob "eine völlig neue Be-
stimmung der Arbeitspreise" eintreten soll. Letztere würde nach
seiner Ansicht die Gesellschaft noch mehr erschüttern als die
Einführung der sozialistischen Gesellschaftsordnung selbst! Diese
Begriffsverwirrung ist begreiflich, da unser Gelehrter S. 94 von
einer s o z i a l i s t i s c h e n W e r t t h e o r i e
spricht, sich also nach bekannten Mustern einbildet, die Marxsche
Werttheorie solle den Verteilungsmaßstab der künftigen Gesell-
schaft abgeben. Ja, S. 56 wird erzählt, der volle Arbeitsertrag
sei gar nichts Bestimmtes, da er nach wenigstens d r e i ver-
schiedenen Maßstäben berechnet werden könne, und endlich S. 161,
162 erfahren wir, daß er das "natürliche Verteilungsprinzip" und
nur möglich sei in einer Gesellschaft mit Gemeineigentum, aber
mit Sondernutzung, also einer Gesellschaft, die heute von keinem
einzigen Sozialisten als Endziel hingestellt wird! Ein treffli-
ches Grundrecht! Und ein trefflicher Rechtsphilosoph der Arbei-
terklasse!
Hiermit hat es sich Menger leicht gemacht, die Geschichte des
Sozialismus "kritisch" darzustellen. Drei Worte nenn' ich Euch
inhaltsschwer, und wenn sie auch nicht gehen von Mund zu Munde
[466], so sind sie doch vollständig genügend für das Maturitäts-
examen, das hier mit den Sozialisten angestellt wird. Also her,
Saint-Simon, her, Proudhon, her, Marx, und wie ihr alle heißt:
Schwört ihr auf Nr. 1, oder Nr. 2, oder Nr. 3? Herein in
#500# Beilagen
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mein Prokrustesbett, und was darüber hinaus reicht, hau' ich ab
als nationalökonomische und philanthropische Verbrämungen!
Es kommt hier nur darauf an, bei wem sich diese drei dem Sozia-
lismus von Menger aufoktroyierten Grundrechte zuerst vorfinden;
wer zuerst eine dieser Formeln aufstellt, der ist der große Mann.
Daß es dabei ohne lächerliche Böcke nicht abgeht, trotz des ge-
lehrt tuenden Apparats, ist begreiflich. So glaubt er, daß bei
den Saint-Simonisten die oisifs die besitzenden und die travail-
leurs die arbeitenden Klassen bedeuten (S. 67) und zwar im Titel
der saint-simonistischen Schrift: "Les oisifs et les travail-
leurs. - Fermages, loyers, intérêts, salaires" [467] (die Müßig-
gänger und die Arbeiter. - Pacht, Miete, Zins, Lohn), wo ihn
schon die Abwesenheit des P r o f i t s eines Besseren belehren
sollte. Auf derselben Seite zitiert Menger selbst eine entschei-
dende Stelle aus dem "Globe", dem Organ des Saint-Simonismus, in
der neben den Gelehrten und Künstlern die industriels, d.h. die
F a b r i k a n t e n im Gegensatz zu den oisifs als Wohltäter
der Menschheit gepriesen werden, und wo nur die Abschaffung des
Tributs an die oisifs verlangt wird, das heißt, an die R e n-
t i e r s, diejenigen, welche Pacht, Miete, Zins beziehen. Der
P r o f i t ist in dieser Aufzählung abermals ausgeschlossen.
Der Fabrikant nimmt im saint-simonistischen System eine her-
vorragende Stellung ein als mächtiger und wohlbezahlter gesell-
schaftlicher Agent, und Herr Menger täte wohl daran, diese Stel-
lung näher zu studieren, ehe er sie fernerhin rechtsphilosophisch
verarbeitet.
Auf Seite 73 hören wir, Proudhon habe in den "Contradictions éco-
nomiques" [468], "a l l e r d i n g s z i e m l i c h d u n-
k e l, eine neue Lösung des sozialen Problems" bei beibehaltener
Warenproduktion und Konkurrenz versprochen. Was dem Herrn
Professor 1886 noch z i e m l i c h d u n k e l, hat Marx
schon 1847 durchschaut, als etwas Altes nachgewiesen und Proudhon
den Bankrott vorhersagen gekonnt, den dieser 1849 erlebte. [469]
Doch genug. Alles was wir bisher behandelt, ist ja nur Nebensache
für Herrn Menger und auch für sein Publikum. Hätte er nur eine
Geschichte des Rechts Nr. 1 geschrieben, seine Schrift wäre spur-
los vorübergegangen. Diese Geschichte ist bloß Vorwand der
Schrift, ihr Zweck ist der, M a r x h e r u n t e r z u r e i-
ß e n. Und nur, weil sie von Marx handelt, wird sie gelesen. Es
geht schon seit langem nicht mehr so leicht, ihn zu kritisieren,
seitdem das Verständnis seines Systems in weitere Kreise
gedrungen ist und der Kritiker nicht mehr auf die Unwissenheit
des Publikums spekulieren kann. Nur eines bleibt noch übrig: Um
Marx herunterzusetzen, schiebt man seine Leistungen anderen
Sozialisten zu, um die sich kein Mensch kümmert, die vom
Schauplatz verschwunden sind, die keine politische und
wissenschaftliche Bedeutung mehr haben. Auf diese Weise hofft
man, mit dem Begründer der proletarischen Weltanschauung und die-
ser selbst fertigzuwerden. Herr Menger hat es unternommen. Man
ist nicht Professor für die Katze, Man will auch etwas leisten.
#501# Aufzeichnungen und Dokumente
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Die Sache macht sich sehr einfach.
Die gegenwärtige Gesellschaftsordnung gibt dem Grundeigentümer
und Kapitalisten ein "Recht" auf einen Teil - den größten - des
vom Arbeiter erzeugten Produkts. Grundrecht Nr. 1 sagt, daß dies
Recht ein Unrecht ist und dem Arbeiter der ganze Arbeitsertrag
gebühre. Damit ist der ganze Inhalt des Sozialismus erledigt, so-
weit nicht Grundrecht Nr. 2 in Frage kommt. Wer also zuerst ge-
sagt hat, daß das heutige Recht der Inhaber der Erde und anderer
Produktionsmittel auf einen Teil des Arbeitsertrages ein U n-
r e c h t ist, der ist der große Mann, der G r ü n d e r d e s
"w i s s e n s c h a f t l i c h e n" S o z i a l i s m u s!
Und das waren G o d w i n, H a l l und T h o m p s o n. Nach
Weglassung sämtlicher endlosen volkswirtschaftlichen Verbrämungen
findet Menger bei Marx als juristischen Rückstand nur diese selbe
Behauptung. Folglich hat Marx die alten Engländer, namentlich
Thompson, abgeschrieben Und seine Quelle sorgfältig verschwiegen.
Der Beweis ist erbracht.
Wir geben jeden Versuch auf, dem verbohrten Juristen begreiflich
zu machen, d a ß M a r x n i r g e n d s d i e F o r d e-
r u n g d e s "R e c h t s a u f d e n v o l l e n A r-
b e i t s e r t r a g" s t e l l t, daß er in seinen theoreti-
schen Schriften überhaupt keine Rechtsforderung irgendeiner Art
aufstellt. Selbst unserem Juristen dämmert eine entfernte Ahnung
davon auf, wenn er Marx vorwirft, nirgends "eine gründliche
Darlegung des Rechts auf den vollen Arbeitsertrag" (S. 98) zu ge-
ben.
In den theoretischen Untersuchungen von Marx kommt das juristi-
sche Recht, das immer nur die ökonomischen Bedingungen einer be-
stimmten Gesellschaft widerspiegelt, nur in ganz sekundärer Weise
in Betracht; dagegen in erster Linie die geschichtliche Berechti-
gung, die gewisse Zustände, Aneignungsweisen, Gesellschaftsklas-
sen für bestimmte Epochen haben, und deren Untersuchung jeden in
erster Linie interessiert, der in der Geschichte einen zusammen-
hängenden, wenn auch oft durchkreuzten Entwicklungsgang sieht,
nicht aber, wie das 18. Jahrhundert, einen bloßen Wust von Tor-
heit und Brutalität. Marx begreift die geschichtliche Unvermeid-
lichkeit, also Berechtigung der antiken Sklavenhalter, der mit-
telalterlichen Feudalherren usw., als Hebel der menschlichen Ent-
wicklung für eine beschränkte Geschichtsperiode; er erkennt damit
auch die zeitweilige geschichtliche Berechtigung der Ausbeutung,
der Aneignung des Arbeitsprodukts durch andere an; er beweist
aber auch gleichzeitig, daß diese historische Berechtigung jetzt
nicht nur verschwunden ist, sondern daß die Fortdauer der Ausbeu-
tung in irgendwelcher Form, statt die gesellschaftliche Entwick-
lung zu fördern, sie täglich mehr hemmt und in immer heftigere
Kollisionen verwickelt. Und der Versuch Mengers, diese epochema-
chenden geschichtlichen Untersuchungen in sein schmales, juristi-
sches Prokrustesbett zu zwängen, beweist nur seine eigene totale
Unfähigkeit, Dinge zu begreifen, die über den allerengsten juri-
stischen Horizont hinausgehen. Sein Grundrecht Nr. 1 existiert
für Marx in dieser Formulierung absolut nicht.
#502# Beilagen
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Aber jetzt kommt's!
Herr Menger hat bei Thompson das Wort M e h r w e r t, surplus
value, entdeckt. Kein Zweifel, Thompson ist also der Entdecker
des Mehrwerts, Marx nur ein elender Plagiator:
"Man wird in diesen Ansichten Thompsons sofort den Gedankengang,
ja sogar die Ausdrucksweise erkennen, die sich später bei so
vielen Sozialisten, namentlich auch bei M a r x und R o d-
b e r t u s wiederfinden" (S. 53).
Thompson ist also unleugbar der "hervorragendste Begründer des
wissenschaftlichen Sozialismus" (S. 49). Und worin besteht dieser
wissenschaftliche Sozialismus?
Die Ansicht, "daß Grundrente und Kapitalgewinn Abzüge sind, wel-
che die Grund- und Kapitaleigentümer von dem vollen Arbeitsertrag
machen, ist keineswegs d e m S o z i a l i s m u s e i g e n-
t ü m l i c h, da manche Vertreter der bürgerlichen National-
ökonomie, z.B. Adam Smith, v o n d e r g l e i c h e n M e i-
n u n g a u s g e h e n. Thompson und seine Nachfolger sind
n u r i n s o f e r n o r i g i n e l l, daß sie Grundrente
und Kapitalgewinn als unrechtmäßige Abzüge betrachten, welche mit
dem Recht des Arbeiters auf den vollen Arbeitsertrag im Wider-
spruch stehen" (S. 53, 54).
Der wissenschaftliche Sozialismus besteht also nicht darin, eine
ökonomische Tatsache zu entdecken, das hatten nach Menger die
Ökonomen vor ihm schon besorgt, sondern einfach darin, sie für
u n r e c h t m ä ß i g zu erklären. Das ist Herrn Mengers An-
sicht davon. Wenn die Sozialisten es sich in der Tat so leicht
gemacht hätten, so hätten sie längst einpacken können und Herrn
Mengers rechtsphilosophische Blamage wäre ihm erspart worden.
Aber so geht es, wenn man eine weltgeschichtliche Bewegung auf
juristische Schlagworte reduziert, die man in der Westentasche
unterbringen kann.
Aber der dem Thompson gestohlene Mehrwert? Damit verhält es sich
wie folgt:
Thompson untersucht in seiner - Inquiry into the Principles of
Distribution of Wealth" etc. Kap. 1, Sekt. 15,
"welchen Verhältnisteil ihres Arbeitsprodukts sollen die Arbei-
ter" ("ought", wörtlich "schuldig sein", also "sollen von Rechts
wegen") "die Arbeiter bezahlen für den, Kapital genannten, Arti-
kel an die Besitzer desselben, genannt Kapitalisten"? Die Kapita-
listen sagen, daß "ohne dies Kapital, ohne Maschinerie, Rohstoffe
etc. die bloße Arbeit unproduktiv sein würde, und daß es deshalb
nur gerecht ist, daß der Arbeiter für dessen Benützung etwas be-
zahlt". Und Thompson fährt fort: "Zweifellos muß der Arbeiter für
den Gebrauch desselben etwas bezahlen, wenn er so unglücklich
ist, es nicht selbst zu besitzen; die Frage ist, wieviel vom Pro-
dukt seiner Arbeit für diese Benützung abgezogen werden sollte
(ought)" (S. 128 der Pareschen Ausgabe von 1850).
Dies sieht schon gar nicht nach dem "Recht auf den vollen Ar-
beitsertrag" aus. Im Gegenteil, Thompson findet es ganz in der
Ordnung, daß der Arbeiter einen Teil seines Arbeitsertrags für
die Benützung des geborgten Kapitals abtritt. Es fragt sich für
ihn nur, wieviel? Und da gibt es "zwei
#503# Aufzeichnungen und Dokumente
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Maßstäbe, den des Arbeiters und den des Kapitalisten". Und was
ist der Maßstab des Arbeiters?
"Die Zahlung einer Summe, die den Verschleiß des Kapitals er-
setzt, seinen Wert, wenn es ganz konsumiert wird, und dazu eine
solche z u s ä t z l i c h e V e r g ü t u n g an seinen Ei-
gentümer und Verwalter (superintendent), wie sie diesen in
g l e i c h e m K o m f o r t mit den wirklich arbeitenden
(more actively employed) produktiven Arbeitern unterhalten
würde!"
Das ist nach Thompson die Forderung des A r b e i t e r s, und
wer hierin nicht sofort "den Gedankengang, ja sogar die Aus-
drucksweise" von "Marx wiederfindet", der fällt bei Herrn Menger
im rechtsphilosophischen Examen ohne Barmherzigkeit durch.
Aber der Mehrwert, - wo bleibt der Mehrwert? Geduld, lieber Le-
ser, gleich geht's los.
"Der Maßstab des Kapitalisten würde der z u s ä t z l i c h e
W e r t sein, den dieselbe Quantität Arbeit i n f o l g e
d e r B e n ü t z u n g v o n M a s c h i n e r i e oder an-
derem Kapital p r o d u z i e r t; so daß d i e s e r g a n-
z e M e h r w e r t genossen würde vom Kapitalisten, von wegen
seiner überlegenen Intelligenz und Geschicklichkeit, vermöge
deren er sein Kapital aufgehäuft und den Arbeitern es oder seinen
Gebrauch vorgeschossen hat" (Thompson, S. 128).
Diese Stelle, buchstäblich genommen, ist rein unverständlich.
Ohne Produktionsmittel ist keine Produktion möglich. Die Produk-
tionsmittel sind aber hier unterstellt in der Form von Kapital,
d.h. im Besitz von Kapitalisten. Produziert also der Arbeiter
ohne "Benützung der Maschinerie oder anderem Kapital", so ver-
sucht er das Unmögliche, produziert eben gar nichts. Produziert
er aber mit Benutzung von Kapital, so wäre sein g a n z e s
Produkt das, was hier Mehrwert heißt. Sehen wir also weiter. Und
da läßt Thompson denselben Kapitalisten auf S. 130 sagen:
"Vor der Erfindung der Maschinerie, vor der Errichtung der Werk-
stätten und Fabriken, was war da der Betrag des Produkts, den die
ununterstützten Kräfte des Arbeiters hervorbrachten? Wie hoch
dieser auch immer war, er soll diesen auch fernerhin genießen ...
aber der Errichter der Gebäude oder der Maschinerie, oder dem,
der diese durch freiwilligen Tausch erworben hat, ihm soll der
ganze M e h r w e r t der fabrizierten Waren zufallen als Be-
lohnung", usw.
Thompsons Kapitalist spricht hier nur die alltägliche Illusion
des Fabrikanten aus, daß die Arbeitsstunde des mit Hilfe von Ma-
schinerie usw. produzierenden Arbeiters einen größeren W e r t
produziere als vor der Erfindung der Maschinerie die Arbeits-
stunde des einfachen Handarbeiters. Diese Einbildung wird genährt
durch den a u ß e r o r d e n t l i c h e n "Mehrwert", den der
Kapitalist einstreicht, der mit einer neuerfundenen und von ihm
und vielleicht noch ein paar anderen Kapitalisten monopolisierten
Maschine in ein bisher der Handarbeit gehörendes Gebiet ein-
bricht. Der Preis des Handprodukts bestimmt hier den Marktpreis
des gesamten Produkts dieses Industriegebiets; das Maschinenpro-
dukt kostet vielleicht nur den vierten
#504# Beilagen
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Teil der Arbeit, läßt also dem Fabrikanten einen "Mehrwert" von
300 Prozent seines Kostenpreises.
Natürlich macht die Verallgemeinerung der neuen Maschine dieser
Art "Mehrwert" bald ein Ende; aber dann sieht der Kapitalist, daß
in dem Maß, wie das Maschinenprodukt den Marktpreis bestimmt, und
dieser Preis mehr und mehr auf den wirklichen Wert des Maschinen-
produkts herabsinkt, der Preis des Handprodukts ebenfalls sinkt
und damit unter seinen früheren Wert herabgedrückt wird, daß also
die Maschinenarbeit gegenüber der Handarbeit immer noch einen ge-
wissen "Mehrwert" produziert. Diese ganz gewöhnliche Selbsttäu-
schung legt Thompson hier seinem Fabrikanten in den Mund. Wie we-
nig er selbst sie aber teilt, sagt er unmittelbar vorher, auf S.
127, ausdrücklich:
"Die Rohstoffe, die Gebäude, der Arbeitslohn, sie alle können ih-
rem eigenen Wert nichts hinzufügen; der z u s ä t z l i c h e
W e r t kommt her von der Arbeit allein."
Wobei wir unsere Leser um Entschuldigung bitten, wenn wir zu Nutz
und Frommen ausschließlich des Herrn Menger hier noch extra fest-
stellen, daß auch dieser "zusätzliche Wert" Thompsons keineswegs
der Marxsche Mehrwert ist, sondern der g a n z e, dem Rohstoff
durch die Arbeit zugesetzte Wert, also die Summe vom Wert der Ar-
beitskraft und Mehrwert im Marxschen Sinne.
Jetzt erst, nach dieser unumgänglichen "volkswirtschaftlichen
Verbrämung", können wir die Kühnheit des Herrn Menger vollständig
würdigen, mit der er S. 53 sagt:
"Nach der Ansicht Thompsons ... betrachten die Kapitalisten ...
j e n e Differenz zwischen d e r L e b e n s n o t d u r f t
d e s A r b e i t e r s und dem wirklichen Ertrag ihrer durch
Maschinen und andere Kapitalaufwendungen produktiver gewordenen
Arbeit als einen Mehrwert (surplus value, additional value), der
den Grund- und Kapitaleigentümern zuzufallen hat."
Das soll die deutsche "freie" Wiedergabe der von uns oben ange-
führten Stelle Thompsons S. 128 sein. Bei Thompsons Kapitalisten
ist aber einzig die Rede von der Differenz zwischen dem Produkt
derselben Arbeitsmenge (the same quantity of labour), je nachdem
sie mit Benützung von Kapital und ohne Benützung von Kapital ar-
beitet, der Differenz zwischen dem Produkt einer gleichen Menge
von Handarbeit und Maschinenarbeit. Die "Lebensnotdurft des Ar-
beiters" kann Herr Menger nur hineinschmuggeln, indem er Thompson
direkt fälscht.
Konstatieren wir also: Der "Mehrwert" des Thompsonschen Kapitali-
sten ist nicht der "Mehrwert" oder "zusätzliche Wert" Thompsons;
noch viel weniger ist einer der beiden der "Mehrwert" des Herrn
Menger; und am allerwenigsten ist einer von allen dreien der
"Mehrwert" von Marx.
Das geniert Herrn Menger aber nicht im mindesten. Er fährt fort
S. 53:
#505# Aufzeichnungen und Dokumente
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"Grundrente und Kapitalgewinn sind deshalb nichts anderes als Ab-
züge, welche der Grund- und Kapitaleigentümer vermöge seiner ge-
setzlichen Machtstellung von dem vollen Arbeitsertrage zum Nach-
teile des Arbeiters zu machen in der Lage ist" - ein Satz, der
seinem ganzen Inhalt nach schon in Adam Smith enthalten ist - und
ruft dann triumphierend aus: "Man wird in diesen Ansichten
T h o m p s o n s sofort den Gedankengang, ja sogar die Aus-
drucksweise wiedererkennen, die sich später bei so vielen Sozia-
listen, namentlich auch bei Marx und Rodbertus wiederfindet."
Mit anderen Worten: Herr Menger hat bei Thompson das Wort surplus
value (auch additional value), Mehrwert, entdeckt, wobei er nur
vermittelst einer direkten Unterschiebung verheimlichen kann, daß
surplus value oder additional value bei Thompson in zwei unter
sich total verschiedenen Bedeutungen vorkommt, die beide wieder
total verschieden sind von dem Sinn, worin Marx das Wort Mehrwert
gebraucht.
Das ist der ganze Inhalt seiner gewaltigen Entdeckung! Welch
klägliches Ergebnis gegenüber der pomphaften Ankündigung der Vor-
rede:
"Ich werde in dieser Schrift den N a c h w e i s f ü h r e n,
daß M a r x und R o d b e r t u s ihre wichtigsten soziali-
stischen Theorien älteren englischen und französischen Theoreti-
kern entlehnt haben, ohne die Quellen ihrer Ansichten zu nennen."
Wie traurig hinkt jetzt der Vergleich einher, der diesem Satz
vorhergeht:
"Wenn jemand dreißig Jahre nach dem Erscheinen von Adam Smiths
Werk über den Nationalreichtum die Lehre von der Arbeitsteilung
wieder 'entdeckt' hätte oder wenn heute ein Schriftsteller die
Entwicklungstheorie Darwins als sein geistiges Eigentum vortragen
wollte, so würde man ihn für einen I g n o r a n t e n oder für
einen S c h a r l a t a n halten. Nur auf dem Gebiete der Sozi-
alwissenschaft, welche eben einer geschichtlichen Tradition noch
fast völlig entbehrt, sind erfolgreiche Versuche dieser Art denk-
bar."
Wir wollen hier absehen davon, daß Menger immer noch glaubt, Adam
Smith habe die Teilung der Arbeit "entdeckt", während schon Petty
diesen Punkt achtzig Jahre vor Smith vollständig entwickelt
hatte. Das in bezug auf Darwin von Menger Gesagte dreht sich aber
jetzt einigermaßen um. Der ionische Philosoph Anaximander stellte
bereits im sechsten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung die An-
sicht auf, daß der Mensch sich aus einem Fisch entwickelt habe,
und wie bekannt, ist dies auch die Ansicht der heutigen evolutio-
nistischen Naturwissenschaft. Wenn nun jemand auftreten wollte
und erklären, hier sei bereits der Gedankengang und sogar die
Ausdrucksweise Darwins zu erkennen, und Darwin sei nichts als ein
Plagiator des Anaximander, habe aber sorgfältig seine Quelle ver-
heimlicht, so würde er in bezug auf Darwin und Anaximander gerade
so verfahren, wie Herr Menger in bezug auf Marx und Thompson
wirklich verfährt. Der Herr Professor hat recht: "Nur auf dem Ge-
biete der Sozialwissenschaften" darf man auf jene Unwissenheit
rechnen, welche "erfolgreiche Versuche dieser Art denkbar" macht.
#506# Beilagen
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Da er aber auf das Wörtchen "Mehrwert" solchen Nachdruck legt,
einerlei, welcher Begriff damit verbunden wird, sei dem großen
Kenner der sozialistischen und ökonomischen Literatur das Geheim-
nis verraten, das nicht nur bei Ricardo schon das Wort surplus
produce 1*) vorkommt (im Kapitel über den Arbeitslohn [470]),
sondern daß auch neben dem von Sismondi gebrauchten mieux-value
2*) der Ausdruck plus-value für jeden Wertaufschlag, der dem Wa-
renbesitzer nichts kostet, in Frankreich seit Menschengedenken im
gewöhnlichen Geschäftsleben gang und gäbe ist. Hiernach dürfte es
fraglich erscheinen, ob die von Menger vollzogene Entdeckung der
Entdeckung des Mehrwerts durch Thompson oder vielmehr durch den
Thompsonschen Kapitalisten auch nur in der Rechtsphilosophie Gel-
tung erhalten wird.
Herr Menger ist aber noch lange nicht mit Marx fertig. Man höre:
"Es ist charakteristisch, daß Marx und Engels dieses F u n-
d a m e n t a l w e r k, des englischen Sozialismus" (nämlich
Thompson) "seit vierzig Jahren f a l s c h z i t i e r e n"
(S. 50).
Nicht genug, daß Marx diese seine geheime Egeria seit vierzig
Jahren totschweigt, er muß sie auch noch falsch zitieren! Und
nicht nur einmal, sondern seit vierzig Jahren. Und nicht nur
Marx, sondern auch Engels! Welcher gehäufte Vorbedacht der Ver-
ruchtheit! Armer Lujo Brentano, der Du seit zwanzig Jahren ver-
geblich auf der Suche bist nach einem einzigen falschen Zitat von
Marx und Dir auf dieser Hetzjagd nicht nur selbst die Finger ver-
brannt, sondern auch Deinen leichtgläubigen Freund Sedley-Taylor
in Cambridge ins Unglück gebracht hast [471] - hänge Dich, Lujo,
daß Du das nicht erfunden hast. Und worin besteht diese horrende,
vierzig Jahre lang hartnäckig fortgesetzte und obendrein
"charakteristische" Fälschung, die des ferneren durch die böswil-
lige ebenfalls vierzigjährige Mitwirkung von Engels den Charakter
eines dolosen Komplotts annimmt?
"... f a l s c h z i t i e r e n, i n d e m s i e d a s
e r s t e E r s c h e i n e n d e s s e l b e n i n d a s
J a h r 1 8 2 7 s e t z e n!"
Und das Buch war schon 1824 erschienen!
"Charakteristisch" in der Tat - für Herrn Menger. Das ist jedoch
bei weitem nicht das einzige - aufgepaßt, Lujo! - nicht das ein-
zige falsche Zitat von Marx und Engels, die das falsche Zitieren
gewerbsmäßig - vielleicht auch im Umherziehen? - zu betreiben
scheinen. In der "Misère de la philosophie", die 1847 erschien,
hat Marx H o d g s k i n mit H o p k i n s verwechselt, und
vierzig Jahre nachher (unter vierzig Jahren tun es diese boshaf-
ten Menschen nun einmal nicht) verbricht Engels dasselbe in der
Vorrede zur deutschen Übersetzung der "Misere". [472] Bei diesem
seinen Feingefühl für Druck- und Schreibfehler ist es in der Tat
ein Verlust für die Menschheit, daß der Herr Professor nicht Kor-
rektor in einer Druckerei geworden ist. Doch nein, wir müssen
dies Kompliment wieder zurücknehmen. Herr
-----
1*) Mehrprodukt - 2*) Mehrwert
#507# Aufzeichnungen und Dokumente
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Menger ist auch zum Korrektor nicht zu gebrauchen, denn auch er
schreibt falsch ab, zitiert also falsch. Dies passiert ihm nicht
nur mit englischen, sondern auch mit deutschen Titeln. So weist
er z.B. auf "Engels' Übersetzung dieser Schrift", nämlich der
"Misère", hin. Engels hat laut Titelblatt der Schrift die Über-
setzung nicht gemacht. Die Stelle von Marx mit Hopkins zitiert
Engels in der betreffenden Vorrede w ö r t l i c h, er war also
verpflichtet, den Irrtum mitzuzitieren, wenn er Marx nicht falsch
zitieren wollte. Aber diese Leute können es einmal Herrn Menger
nicht recht machen.
Doch genug mit dem Kleinigkeitskram, in dem unser Rechtsphilosoph
sich mit solchem Behagen umhertreibt. Es ist "charakteristisch"
für den Mann und seine ganze Sorte, daß er, der diese ganze Lite-
ratur überhaupt nur aus Marx kennengelernt hat - er zitiert kei-
nen einzigen englischen, nicht schon von Marx zitierten Schrift-
steller, außer etwa Hall und weltbekannten Leuten wie Godwin, den
Schwiegervater Shelleys -, daß er sich verpflichtet fühlt, nach-
zuweisen, daß er zwei oder drei Bücher mehr kennt als Marx "vor
vierzig Jahren", im Jahre 1847. Wer mit den Titeln allein der von
Marx angeführten Werke in der Tasche und mit den jetzigen Hilfs-
quellen und Bequemlichkeiten des Britischen Museums keine andere
Entdeckung in dieser Branche zu machen versteht, als daß Thomp-
sons "Distribution" 1824 erschienen ist und nicht 1827, der
braucht mit bibliographischer Gelehrsamkeit wahrhaftig nicht zu
renommieren.
Was von manchem anderen Sozialreformer unserer Zeit, das gilt
auch von Herrn Menger: Große Worte und nichtige - wenn überhaupt
welche - Taten. Der Nachweis wird versprochen, daß Marx ein Pla-
giator, und bewiesen, daß ein W o r t, der "Mehrwert", schon
vor Marx, wenn auch in anderem Sinne gebraucht worden!
So geht es auch mit dem juristischen Sozialismus des Herrn Men-
ger. Im Vorwort erklärt Herr Menger, daß er in der
"juristischen Bearbeitung des Sozialismus" die "wichtigste Auf-
gabe der Rechtsphilosophie u n s e r e r Z e i t" erblicke.
"Ihre richtige Lösung wird wesentlich dazu beitragen, daß sich
die unerläßlichen Abänderungen unserer Rechtsordnung im Wege ei-
ner friedlichen Reform vollziehen. Erst wenn die sozialistischen
Ideen in nüchterne Rechtsbegriffe verwandelt sind, werden die
praktischen Staatsmänner zu erkennen imstande sein, wie weit die
geltende Rechtsordnung im Interesse der leidenden Volksmasse um-
zubilden ist."
Er will sich an diese Umwandlung machen durch Darstellung des So-
zialismus als eines Rechtssystems.
Und worauf läuft diese juristische Bearbeitung des Sozialismus
hinaus? In den "Schlußbemerkungen" heißt es:
"Das unterliegt wohl keinem Zweifel, daß die Ausbildung eines
Rechtssystems, welches von diesen fundamentalen Rechtsideen"
(Grundrecht Nr. 1 und 2) "völlig beherrscht wird, e i n e r
f e r n e n Z u k u n f t a n g e h ö r t" (S. 163).
#508# Beilagen
-----
Was im Vorwort als die wichtigste Aufgabe "unserer Zeit" er-
scheint, wird zum Schluß einer "fernen Zukunft" zugeschoben.
"Die notwendigen Änderungen" (der gehenden Rechtsordnung) "werden
im Wege einer langen historischen Entwicklung erfolgen, ähnlich
wie unsere heutige Gesellschaftsordnung das Feudalsystem im Laufe
der Jahrhunderte so zersetzt und zerstört hat, b i s e s
s c h l i e ß l i c h n u r e i n e s A n s t o ß e s b e-
d u r f t e, u m d a s s e l b e v o l l s t ä n d i g z u
b e s e i t i g e n" (S. 164).
Sehr schön gesagt, aber wo bleibt da die Rechtsphilosophie, wenn
die "historische Entwicklung" der Gesellschaft die notwendigen
Änderungen bewirkt? In der Vorrede sind es die Juristen, welche
der gesellschaftlichen Entwicklung ihren Weg vorschreiben; jetzt,
wo der Jurist daran ist, beim Worte genommen zu werden, verliert
er die Courage und stammelt etwas von historischer Entwicklung,
die alles von selbst macht.
"Strebt nun aber unsere soziale Entwicklung der Verwirklichung
des Rechts auf den vollen Arbeitsertrag oder des Rechts auf Ar-
beit entgegen?"
Herr Menger erklärt, das nicht zu wissen. So schnöde gibt er
jetzt seine sozialistischen "Grundrechte" preis. Aber wenn diese
Grundrechte nicht imstande sind, einen Hund vom Ofen zu locken,
wenn sie nicht die soziale Entwicklung bestimmen und verwirkli-
chen, sondern durch sie bestimmt und verwirklicht werden, wozu
dann diese Mühe, den ganzen Sozialismus auf die Grundrechte zu
reduzieren? Wozu die Mühe, den Sozialismus seiner ökonomischen
und historischen "Verbrämungen" zu entkleiden, wenn wir hinter-
drein erfahren müssen, daß die "Verbrämungen" seinen wirklichen
Inhalt ausmachen? Warum uns erst zum Schlüsse mitteilen, daß die
ganze Untersuchung gar keinen Zweck hat, da man das Ziel der so-
zialistischen Bewegung nicht durch die Verwandlung der soziali-
stischen Ideen in nüchterne Rechtsbegriffe, sondern nur durch das
Studium der sozialen Entwicklung und ihrer treibenden Ursachen
erkennen kann?
Herrn Mengers Weisheit läuft schließlich darauf hinaus, daß er
erklärt, welche Richtung die soziale Entwicklung nehmen werde,
könne er nicht sagen, aber eines sei sicher, man solle "die Ge-
brechen unserer heutigen sozialen Ordnung nicht k ü n s t-
l i c h steigern" (S. 166), und er empfiehlt zur Ermöglichung
der weiteren Erhaltung dieser "Gebrechen" den - F r e i h a n-
d e l und die Vermeidung weiteren S c h u l d e n m a c h e n s
seitens des Staats und der Gemeinden!
Diese Ratschläge sind das ganze greifbare Resultat der mit so
viel Lärm und Selbstanpreisung auftretenden Rechtsphilosophie von
Menger! Schade, daß uns der Herr Professor nicht das Geheimnis
verrät, wie die modernen Staaten und Kommunen ohne die "Kontra-
hierung von Staats- und Kommunalschulden" fertig werden sollen.
Sollte er dies Geheimnis besitzen, so möge er es ja nicht für
sich behalten. Es würde ihm den Weg "nach oben" in den Minister-
sessel noch schneller bahnen, als seine "rechtsphilosophischen"
Leistungen bewirken können.
#509# Aufzeichnungen und Dokumente
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Welche Aufnahme immer diese an "maßgebender Stelle" finden mögen,
auf jeden Fall glauben wir versichern zu dürfen, daß die Soziali-
sten der Gegenwart und Zukunft Herrn Menger seine gesamten Grund-
rechte schenken oder auf jeden Versuch verzichten, ihm diesen
seinen "vollen Arbeitsertrag" streitig zu machen.
Damit ist natürlich nicht gesagt, daß die Sozialisten darauf ver-
zichten, b e s t i m m t e R e c h t s f o r d e r u n g e n
zu stellen. Eine aktive sozialistische Partei ist ohne solche un-
möglich, wie überhaupt jede politische Partei. Die aus den ge-
meinsamen Interessen einer Klasse hervorgehenden Ansprüche können
nur dadurch verwirklicht werden, daß diese Klasse die politische
Macht erobert und ihren Ansprüchen allgemeine Geltung in Form von
Gesetzen verschafft. Jede kämpfende Klasse muß also ihre Ansprü-
che in der Gestalt von R e c h t s f o r d e r u n g e n in ei-
nem Programm formulieren. Aber die Ansprüche jeder Klasse wech-
seln im Laufe der gesellschaftlichen und politischen Um-
gestaltungen, sie sind in jedem Lande verschieden, je nach seinen
Eigentümlichkeiten und dem Höhegrad seiner sozialen Entwicklung.
Daher sind denn auch die Rechtsforderungen der einzelnen Par-
teien, bei aller Übereinstimmung im Endziele, nicht zu jeder Zeit
und bei jedem Volk völlig die gleichen. Sie sind ein wandelbares
Element und werden von Zeit zu Zeit revidiert, wie man das bei
den sozialistischen Parteien der verschiedenen Länder beobachten
kann. Bei solchen Revisionen sind es die t a t s ä c h l i-
c h e n V e r h ä l t n i s s e, die in Rechnung gezogen wer-
den; dagegen ist es noch keiner der bestehenden sozialistischen
Parteien eingefallen, aus ihrem Programm eine neue Rechtsphi-
losophie zu machen, und es dürfte ihr auch in der Zukunft nicht
einfallen. Wenigstens, was Herr Menger auf diesem Gebiete fertig-
gebracht hat, vermag nur abschreckend zu wirken.
Das ist die einzige brauchbare Seite an seinem Schriftchen.
Geschrieben November bis Anfang Dezember 1886.
Nach: "Die Neue Zeit", Heft 2, Jahrgang 1887.
#510# Beilagen
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4
Bemerkungen von Friedrich Engels zum Programm
der Sozialistischen Föderation in Nordengland [473]
Proletarier aller Länder - vereinigt euch!
Sozialistische Föderation Nordenglands
(Gegründet in Northumberland, Mai 1887)
PRINZIPIEN 1*)
Die Sozialistische Föderation Nordenglands ist gegründet worden,
um die Volksmassen zu erziehen und zu organisieren, damit sie die
ökonomische Emanzipation der Arbeit erreichen.
Während die Sozialistische Föderation voll und ganz Anteil nimmt
an jeder Bestrebung der Lohnarbeiter, unter dem bestehenden Sy-
stem bessere Lebensbedingungen zu erlangen und sie darin unter-
stützt, strebt sie danach, die Klasse der Kapitalisten und Grund-
eigentümer s o w i e d i e K l a s s e d e r L o h n a r-
b e i t e r zu beseitigen und (die Arbeiter der ganzen Gesell-
schaft) a l l e M i t g l i e d e r d e r G e s e l l-
s c h a f t zu einem genossenschaftlichen Gemeinwesen zu verei-
nen.
Eine Unternehmerklasse, die alle Mittel zur Erlangung und Schaf-
fung von Reichtum monopolisiert, und eine Klasse von Lohnarbei-
tern, die gezwungen ist, (in erster Linie) für den Profit dieser
Unternehmer zu arbeiten, das ist ein System der Tyrannei und
Sklaverei.
Der Antagonismus dieser beiden Klassen (führt zu) ä u ß e r t
s i c h i n wilder Konkurrenz - um Beschäftigung unter den Ar-
beitern und um Märkte unter den Kapitalisten. Das (gibt Anlaß zu
Klassenhaß und Klassenkampf) s p a l t e t d i e N a t i o n
z u i h r e m e i g e n e n S c h a d e n, t e i l t s i e
i n z w e i f e i n d l i c h e L a g e r und zerstört wirk-
liche Unabhängigkeit, Freiheit und Glück.
Das gegenwärtige System bringt den Müßiggängern Wohlstand und Lu-
xus, den Arbeitern aber Mühe und Armut, und für alle Erniedri-
gung; es ist seinem Wesen nach ungerecht und sollte beseitigt
werden. U n d e s k a n n b e s e i t i g t w e r d e n,
j e t z t, d a d i e A r b e i t s p r o d u k t i v i t ä t
s o g e s t i e g e n i s t, d a ß k e i n e A u s d e h-
n u n g d e r M ä r k t e i h r e n W a r e n ü b e r-
s c h u ß a u f n e h m e n k a n n, s o d a ß g e r a d e
d e r Ü b e r f l u ß a n L e b e n s- u n d G e n u ß-
m i t t e l n z u r U r s a c h e d e r
-----
1*) Die von Engels im Programm gestrichenen Wörter stehen in
spitzen Klammern; die Einfügungen von Engels sind fett gedruckt
#511# Aufzeichnungen und Dokumente
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S t a g n a t i o n d e s H a n d e l s , d e r A r-
b e i t s l o s i g k e i t u n d f o l g l i c h d e s
E l e n d s v o n M i l l i o n e n W e r k t ä t i g e n
w i r d.
Unser Ziel ist es, ein sozialistisches System zu errichten, das
allen gesunde und nützliche Arbeit, allen ausreichenden Wohlstand
und ausreichende Freizeit, und allen wahre und vollste Freiheit
geben wird.
Alle sind aufgerufen, der Sozialistischen Föderation in dieser
großen Sache zu helfen. Die sich uns anschließen, sollen Wahr-
heit, Gerechtigkeit und Sittlichkeit als die Grundlage ihres Ver-
haltens zueinander und zu allen Menschen anerkennen. Sie sollen
den Grundsatz anerkennen: Keine Rechte ohne Pflichten, keine
Pflichten ohne Rechte.
Nach dem Programm mit den handschriftlichen Korrekturen von
Engels. Geschrieben zwischen 14. und 22. Juni 1887.
Aus dem Englischen.
5
Interview der "New Yorker Volkszeitung"
mit Friedrich Engels [474]
["New Yorker Volkszeitung" Nr. 226 vom 20. September 1888]
Frage: Ist der Sozialismus in England im Fortschreiten begriffen,
d.h. akzeptieren die englischen Arbeiterorganisationen mehr als
früher die sozialistische Kritik der wirtschaftlichen Entwicklung
und streben sie - in nennenswertem Umfange - die sozialistischen
"Endziele" an?
Engels: Ich bin mit den Fortschritten des Sozialismus und der
Arbeiterbewegung in England ganz zufrieden; diese Fortschritte
bestehen aber hauptsächlich in der Entwicklung des proletarischen
Bewußtseins der M a s s e n. Die offiziellen Arbeiterorganisa-
tionen, Trade-Unions, die stellenweise reaktionär zu werden droh-
ten, müssen nachhinken wie der österreichische Landsturm.
Frage: Wie steht es in dieser Beziehung in Irland? Gibt es dort -
außer der nationalen Frage - irgend etwas, was im sozialistischen
Sinne Hoffnungen erwecken könnte?
Engels: Von Irland ist eine reine sozialistische Bewegung auf
längere Zeit nicht zu erwarten. Die Leute wollen erst kleine
grundbesitzende Bauern werden, und wenn sie das sind, kommt erst
die Hypothek und
#512# Beilagen
-----
ruiniert sie nochmals. Inzwischen ist das kein Grund, daß wir ih-
nen nicht helfen sollten, sich von den Landlords zu befreien,
d.h. aus einem halbfeudalen in einen kapitalistischen Zustand
überzugehen.
Frage: Wie stellen sich die englischen Arbeiter zur irischen Be-
wegung?
Engels: Die Massen f ü r die Irländer. Die Organisationen, wie
die Aristokratie der Arbeiter überhaupt, gehen mit Gladstone und
den liberalen Bourgeois und gehen nicht weiter als diese.
Frage: Wie denken Sie über Rußland? D.h., inwiefern haben Sie
Ihre Ansicht modifiziert - die Sie und Marx vor etwa 6 Jahren bei
meiner 1*) damaligen Anwesenheit in London äußerten -, wonach in-
folge der nihilistisch-terroristischen Erfolge jener Zeit der An-
stoß zu einer europäisch-revolutionären Bewegung wahrscheinlich
von Rußland ausgehen würde? [475]
Engels: Bin im ganzen noch der Ansicht, daß eine Revolution oder
selbst nur die Berufung irgendwelcher Nationalversammlung in Ruß-
land die ganze Gestalt der europäischen politischen Lage umwälzen
würde. Aber dies ist heute nicht mehr die nächstliegende Möglich-
keit. Dafür haben wir einen anderen Wilhelm 2*).
Auf die Frage, wie er wohl die heutige europäische Lage charakte-
risieren würde, entgegnete Engels: Ich habe seit sieben Wochen
keine europäische Zeitung in der Hand gehabt, bin also nicht im-
stande, irgend etwas, was da drüben vorgeht, zu charakterisieren.
Damit schloß die Unterredung.
Der Internationale Arbeiterkongreß von 1889
"Eine Antwort an die Justice" [476]
["Der Sozialdemokrat" Nr. 13 und 14
vom 30. März und 6. April 1889]
In ihrer Nummer vom 16. März 1889 greift die "Justice", das
"Organ der Sozialdemokratie", in Hinblick auf den obigen Kongreß
die Haltung der, wie sie sich ausdrückt, "offiziellen deutschen
Sozialdemokraten" (was das für Leute auch immer sein mögen) im
allgemeinen und des "offiziellen Organs der deutschen Sozialdemo-
kratie" - womit der Londoner "Sozialdemokrat" gemeint ist - im
besonderen an.
Der "Sozialdemokrat" hat aufgehört, "offizielles" Organ zu sein,
seit ein Erkenntnis des deutschen Reichsgerichtes es unsern deut-
schen Genossen
-----
1*) T.F. Cuno, Vertreter der "New Yorker Volkszeitung" - 2*) Wil-
helm II.
#513# Aufzeichnungen und Dokumente
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unmöglich gemacht hat, ein solches zu haben, ohne als Mitglieder
einer "geheimen Verbindung" bestraft zu werden. [477] Von diesem
Augenblick an nennt sich das Blatt nicht etwa nur "d a s Organ
d e r Sozialdemokratie", sondern schlechtweg - und das will es
auch nur sein - ein "Organ der Sozialdemokratie deutscher Zunge".
Trotzdem ist der "Sozialdemokrat" stolz darauf, das volle Ver-
trauen der deutschen Sozialdemokratie zu genießen, einer Partei,
deren Stärke in den 770 000 Stimmen, die sie bei den Wahlen von
1887 aufbrachte, nur teilweise zum Ausdruck gekommen.
"Justice" sagt, sie bemerke, "daß deutsche Sozialdemokraten nicht
nur in Großbritannien, sondern auch in Amerika die Propaganda un-
serer Sache dadurch stören, daß sie ihre Zeitungen in einer Spra-
che drucken, die nicht einer von zehntausend um sie herum verste-
hen kann. Und das, obwohl sie, jedenfalls in den Vereinigten
Staaten, gezwungen sind, Englisch zu lernen. Dies nicht genug,
beschränken sie sich sogar peinlichst auf ihre eigenen nationalen
Klubs."
Dieser Vorwurf ist gradezu unerhört. Nach der "Justice" sollen
also Deutsche, die im Auslande leben, ihre Sprache, das einzige
Mittel der Propaganda unter ihren Landsleuten, aufgeben und bloße
Anhängsel der Bewegung werden, die in dem betreffenden Lande zu-
fällig existiert, wie immer dieselbe auch beschaffen ist.
Der "Sozialdemokrat" ist ein deutsches Blatt, geschrieben für
Angehörige der deutschen Zunge. Neun Zehntel seiner Auflage gehen
direkt nach Deutschland. Er erscheint zufällig in England, weil
ein Zwangsgesetz, schlimmer als das von England Irland gegenüber
angewendete, sein Erscheinen im Auslande nötig macht und weil der
schweizerische Bundesrat unter dem Drucke Bismarcks seinen ganzen
Stab aus der Schweiz ausgewiesen hat.
Die "Londoner Freie Presse" [478] ist ein Lokalblatt in deutscher
Sprache. Sie besteht jetzt seit mehr als drei Jahren, was genü-
gend beweist, daß sie einem Bedürfnis entspricht. Übrigens sei es
ihr überlassen, selbst für sich das Wort zu nehmen.
Das mögen auch die Deutschamerikaner tun. Um aber die von
"Justice" gegen sie geschleuderten Anklagen zu kennzeichnen, sei
hier festgestellt, daß die Sozialistische Arbeiterpartei von Ame-
rika [298], obwohl von Hause aus nur und auch jetzt noch zumeist
aus Deutschen bestehend, zahlreiche nichtdeutsche Sektionen hat:
anglo-amerikanische, slawische, skandinavische etc., daß sie ne-
ben vielen deutschen Blättern, die sich entweder vollständig oder
doch nahezu decken, ein englisches Organ, den "Workmen's Advo-
cate" [479] veröffentlicht und dessen noch erhebliches Defizit
(s. New Yorker "Sozialist" vom 2. März 1889, Bericht der Natio-
nal-Exekutive) deckt, daß sie aus ihren Mitteln die Kosten für
einen Agitator für die anglo-amerikanischen Arbeiter - Professor
Garside - beschafft und daß sie in Amerika sich vorwerfen lassen
muß, nur ein Haufen fremder Eindringlinge
#514# Beilagen
-----
zu sein, die sich in amerikanische Verhältnisse einmischen, die
sie nichts angehen und die sie nicht verstehen. Und das sagt man
ihnen nach, ganz unbekümmert darum, daß die Deutschamerikaner
entweder amerikanische Bürger sind oder es zu werden und in Ame-
rika zu verbleiben gedenken. Würden die Deutschen in England, die
fast alle sich hier nur zeitweise aufhalten, die ihnen von der
"Justice" erteilten Weisungen befolgen, englische Blätter für
englische Leser herausgeben, sich an der öffentlichen Agitation
unter Engländern aktiv beteiligen, sich in die englische Politik
einmischen, allen Pflichten von Engländern nachkommen und alle
Rechte von Engländern verlangen, derselbe Vorwurf würde ihnen ins
Gesicht geschleudert werden, und Unter anderen möglicherweise
auch von der "Justice".
Was die Behauptung anbetrifft, daß die Deutschamerikaner "ge-
zwungen sind, Englisch zu lernen", so kann ich nur sagen, ich
wünschte, es wäre so. Leider aber ist es keineswegs der Fall.
Wo immer aber deutsche Sozialisten gewesen sind, da können sie
Anspruch darauf erheben, in den Grenzen ihres Könnens tätig und
erfolgreich an der sozialistischen Agitation mitgewirkt zu haben.
Weder in Amerika noch in der Schweiz, noch im Osten und Norden
Europas nähme die Sozialdemokratie ihre heutige Stellung ein,
wäre ihr nicht die Tätigkeit der sich in den betreffenden Ländern
aufhaltenden Deutschen zugute gekommen. Sie sind überall und al-
lezeit die Ersten gewesen, die Sozialisten der verschiedenen Na-
tionen in Verkehr miteinander zu bringen, und der Deutsche Arbei-
terbildungsverein (jetzt 49, Tottenham Street, Tottenham Court
Road) war, wenn wir bis 1840 zurückgehen, der erste internatio-
nale sozialistische Verein [193]. Wenn diese Tatsachen der
"Justice" unbekannt sind, so kennen die internationale Polizei
und das internationale Kapital sie sehr genau. Wo immer ausländi-
sche Sozialisten von der festländischen Polizei belästigt, ver-
folgt, ausgewiesen wurden, waren es in drei von vier Fällen Deut-
sche, und das jetzt dem amerikanischen Kongreß unterbreitete Ge-
setz zur Verhütung der Einwanderung ausländischer Sozialisten
richtet sich hauptsächlich gegen Deutsche.
Die "Justice" fährt fort:
"Nun zu dem bevorstehenden Kongreß. Die Possibilistische Partei
wurde auf dem Pariser Kongreß von 1886, wo die Deutschen vertre-
ten waren, und auf dem Londoner Kongreß von 1888 einstimmig be-
auftragt, den 1889er Kongreß zu organisieren. Nicht der geringste
Einwand wurde zur Zeit erhoben... Man durfte daher vernünftiger-
weise hoffen, daß alle die erbärmlichen persönlichen Bitterkeiten
der letzten paar Jahre überwunden seien. Dennoch hat das offi-
zielle Organ der deutschen Sozialdemokraten von jener Zeit an bis
jetzt unablässig die Possibilisten bekrittelt und beschimpft und
die Angriffe fanden ihren Abschluß in einem Caucus" (englische
Bezeichnung für politische Komitees mit usurpierten Vollmachten),
"der am 28. Februar in dem Büro des 'Recht voor Allen' [480]
stattfand und an die elenden Intrigen erinnert, die die alte
#515# Aufzeichnungen und Dokumente
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'Internationale' zum Bruch trieben. In dieser Woche ist der
'Sozialdemokrat wieder an der Arbeit und zitiert aus dem New
Yorker 'Sozialist' einen Angriff auf unsere französischen Genos-
sen - ein Fall von 'Schwein auf Speck', wahrhaftig. Sicherlich
sollten unser Genosse Rackow und alle unabhängigen deutschen So-
zialdemokraten sich mit uns zu einem ehrlichen Versuch vereini-
gen, dieser kleinlichen und böswilligen Zänkerei und Drahtziehe-
rei ein Ende zu machen."
Um alles das zu verstehen, ist etliche Kenntnis der Geschichte
der französischen sozialistischen Bewegung bis 1871 unerläßlich.
Die Sozialisten Frankreichs, in der Kommune von 1871 zu Boden ge-
worfen, sammelten sich nach und nach und traten im Jahre 1879 auf
dem Kongreß zu Marseille, wo sie sich als eine Arbeiterpartei or-
ganisierten, wieder vor das Publikum; jedoch kam es im Jahre
1882, auf dem Kongreß von St. Etienne, zu einer Spaltung. Jede
Fraktion nannte sich die französische Arbeiterpartei (parti ou-
vrier), aber sie werden am besten unterschieden durch die Namen,
die sie sich gegenseitig beilegten: nämlich Possibilisten und
Marxisten. Neben ihnen bestand noch die Gruppe der Blanquisten,
die ihre besondere Organisation aufrechterhielten, obwohl sie im
allgemeinen erst mit der Arbeiterpartei und nach der Spaltung mit
den sogenannten Marxisten gingen. Jede dieser verschiedenen Sek-
tionen zählt wieder innerhalb der Sphäre ihres Einflusses eine
Anzahl von Fachvereinigungen (chambres syndicales) und anderer
Arbeitervereine. Im ganzen waren die Possibilisten am stärksten
in Paris, während in den Provinzen die sogenannten Marxisten na-
hezu allein das Feld beherrschten. Auf das Wesen der Differenzen,
welche die Fraktionen trennen, gehe ich hier nicht näher ein. Es
ist bedauerlich genug, daß sie existieren. Aber weder die engli-
schen Sozialisten, die selbst in verschiedene Gruppen gespalten
sind, noch die deutschen Sozialisten, die erst seit 1875 verei-
nigt sind, haben ein Recht, den Franzosen diesen Mangel an Einig-
keit zum Vorwurf zu machen.
Um sich als die einzig wirkliche, die Arbeiterpartei Frankreichs,
Geltung zu verschaffen, verlegten sich die Possibilisten darauf,
internationale Konferenzen und Kongresse zu veranstalten. Eine
solche Zusammenkunft fand in Paris im Jahre 1883 statt, eine
zweite (die vom Ausland hauptsächlich durch englische Trades-
Unionisten besucht war) im Jahre 1884, eine dritte 1886, auf der
auch einige Vertreter anderer Nationen anwesend waren. Auf dieser
Konferenz wurde ein Internationaler Kongreß, der 1889 in Paris
stattfinden solle, beschlossen, und die Possibilisten wurden mit
seiner Organisation beauftragt. Aber der d e u t s c h e D e-
l e g i e r t e Grimpe und ebenso der Vertreter Österreichs
h a b e n d i e s e r R e s o l u t i o n n i c h t z u g e-
s t i m m t. Und jedenfalls hat dieser Beschluß einer Konferenz,
an der außer den Possibilisten und den englischen Trades-
Unionisten nur wenige Belgier, ein Australier, ein Deutscher, ein
Delegierter eines deutschen Vereins in London, ein Schwede und
ein Österreicher teilnahmen, lediglich den Wert eines Wunsches.
Wie wenig die auf ihr gefaßten Resolutionen selbst von ihren
Teilnehmern
#516# Beilagen
-----
für bindend erachtet wurden, bewiesen die englischen Trades-Unio-
nisten, die auf ihrem Huiler Kongreß ausdrücklich verschiedene
derselben verwarfen.
Im September 1887 fand in St. Gallen in der Schweiz ein Parteitag
der deutschen Sozialdemokratie statt. Auf demselben wurde unter
anderem eine Resolution angenommen, zum Jahre 1888 einen Interna-
tionalen Arbeiterkongreß einzuberufen. Als aber um dieselbe Zeit
von den Trades Unions der Londoner Kongreß einberufen wurde, war
die deutsche Arbeiterpartei bereit, ihren eigenen Kongreß fallen-
zulassen, vorausgesetzt, daß sie auf dem, der in London zusammen-
treten sollte, zugelassen - einfach zugelassen! - würde.
In ihrer Einladung zum Kongreß hatten die Trades Unions erklärt,
daß nur w i r k l i c h e Delegierte von n a c h w e i s b a r
b e s t e h e n d e n Arbeitervereinen zugelassen werden würden.
Aber unter den gegenwärtigen Zwangsgesetzen in Deutschland würde
jede Fachvereinigung durch die einfache Wahl und Entsendung eines
Delegierten nach London ihre sofortige Auflösung und die Konfis-
kation ihres Vermögens von Seiten der Regierung auf sich herab-
beschworen haben. Die von dem Gewerkvereinskomitee formulierte
Bedingung lief einfach auf den Ausschluß aller deutschen Dele-
gierten hinaus. Die deutsche Arbeiterpartei sandte nun A. Bebel,
unsern wohlbekannten Reichstagsabgeordneten, als ihren Delegier-
ten nach London, und der Unterzeichnete begleitete ihn. Bebel
sprach auf den Sekretariaten des Parlamentarischen Komitees [481]
und des Londoner Zentralrats der Gewerkschaften vor und konfe-
rierte mit Vertretern der Sozialdemokratischen Föderation und der
Sozialistischen Ligue [482]. Eine längere Korrespondenz entspann
sich, in der die Deutschen eine Änderung der Zulaßbedingungen
suchten. Aber die Entscheidung des Parlamentarischen Komitees
wurde aufrechterhalten , die Tür des Kongresses vollbedacht uns
vor der Nase zugeschlagen. Darauf erließ die Leitung unserer Par-
tei ihren Protest gegen solch einen Kongreß.
Der Kongreß fand statt. Nie in der Geschichte der Bewegung der
Arbeiterklasse ist ein Arbeiterkongreß unter so erniedrigenden
Bedingungen zusammengetreten. Alle früheren Arbeiterkongresse
hielten darauf, souverän zu sein. Die Einberufer mochten vorläu-
fige Bestimmungen treffen, aber jeder Delegierte konnte seine
Stimme dagegen erheben, und dann traf der Kongreß den maßgebenden
Entscheid. Diesmal aber wurden Zulaßbedingungen, Tagesordnung,
Geschäftsordnung, kurz alles und jedes im voraus von dem Parla-
mentarischen Komitee, diesem antisozialistischen Organ des anti-
sozialistischen Londoner Gewerkschaftsrates, diktiert. Trotzdem
unterwarfen sich die sozialistischen Delegierten des Kongresses
dieser Erniederung, weil sonst der Gewerkschaftsrat, der das Lo-
kal gemietet hatte, sie hinausgewiesen hätte, und weil sie es -
und mit Recht - für wichtiger hielten, vor der Welt die Existenz
einer starken sozialistischen Minderheit
#517# Aufzeichnungen und Dokumente
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unter den englischen Gewerkschaften bekanntzugeben. Aber sie wa-
ren verpflichtet, Protest zu erheben, und das haben sie unterlas-
sen.
Die Beschlüsse eines solchen Kongresses können selbst für die,
die auf ihm vertreten waren, kaum als bindend betrachtet werden,
und seine eigentlichen Einberufer, das Parlamentarische Komitee,
lehnen sie auch ab, indem sie sich weigern, für irgendeinen der-
selben die Hand zu rühren. (Bericht des P.K., November 1888, S. 2
[483].) Daß sie für diejenigen bindend sein sollten, die nicht
nur nicht auf ihm vertreten waren, sondern mit Vorbedacht ausge-
schlossen worden sind und gegen ihn protestiert hatten, ist ein-
fach albern. Unbekümmert darum beschloß der Kongreß, daß im Jahre
1889 in Paris ein Internationaler Kongreß stattfinden solle und
beauftragte die Pariser Possibilisten mit seiner Organisation.
Während der Londoner Kongreß tagte, hielten die mit den sogenann-
ten Marxisten Frankreichs verbundenen französischen Gewerkvereine
in Bordeaux ihren Kongreß ab und beschlossen ebenfalls, daß ein
Internationaler Arbeiterkongreß 1889 in Paris stattfinden solle.
Ein Delegierter von Bordeaux ward zum Londoner Kongreß entsandt,
kam aber dort erst an, um seinem Schluß beizuwohnen.
Weiter. Die französischen Possibilisten hatten ihren eigenen na-
tionalen Arbeiterkongreß auf den Dezember vorigen Jahres nach
Troyes einberufen. Aber das Organisationskomitee in Troyes - ihre
eigenen Leute - hielten es für ihre Pflicht, zu einem solchen
Kongreß Delegierte a l l e r sozialistischen und Arbeiterver-
eine Frankreichs einzuladen. Daraufhin ließen die Possibilisten
ihren Kongreß im Stich, der in ihrer Abwesenheit von den
sogenannten Marxisten und Blanquisten abgehalten wurde, welche
die in Bordeaux gefaßte Resolution in bezug auf einen 1889 in Pa-
ris abzuhaltenden Internationalen Kongreß bestätigten. Und das
einfach aus Gründen der Notwehr, denn sie wissen zu gut, daß, in-
dem der Londoner Kongreß den Possibilisten die Organisation des
von i h m beschlossenen Pariser Kongresses übertrug, er
tatsächlich, wenn auch unwissentlich, den Ausschluß aller franzö-
sischen Arbeiter, die nicht unter dem Einfluß der Possibilisten
stehen, vorbereitete.
So hätten also zwei konkurrierende Kongresse 1889 in Paris
zusammentreten sollen. Und wenn die "Justice" auch ihre Leser in
vollkommener Unkenntnis der Tatsache gelassen, daß erhebliche
Fraktionen französischer Arbeiter im Herbst 1888 in Bordeaux und
Troyes zusammengetreten waren (in Bordeaux vertraten 63 Dele-
gierte 250 lokale Gewerkschaften, u.a. von Marseille, Lille,
Lyon, Roubaix; in Troyes 36 Delegierte 327 verschiedene Organisa-
tionen, lokale Fach- und sozialistische Vereine) und einen Kon-
greß beschlossen haben, auf dem auch sie vertreten sein könnten,
so kam diese Tatsache doch zu den Ohren der deutschen sozialdemo-
kratischen Partei. Demgemäß hielten es die Deutschen für ihre
Pflicht, ihr möglichstes zu tun, die Abhaltung von zwei konkur-
rierenden Kongressen, die in Gegnerschaft
#518# Beilagen
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zueinander stehen und die beide ein Mißerfolg sein würden, zu
verhindern, und zu sehen, was getan werden könne, diese zwei
Rumpfkongresse zu einem wirklichen Kongreß zu verschmelzen.
Zu diesem Behuf schlug die sozialistische Fraktion im deutschen
Reichstag, die die Leitung der deutschen Partei bildet, eine In-
ternationale Konferenz vor, zu der sie b e i d e Fraktionen der
französischen Sozialisten und diejenigen nichtdeutschen soziali-
stischen Organisationen einlud, mit denen sie in Verkehr und Kor-
respondenz steht. Diese Konferenz hat am 28. Februar in Haag
(Holland) stattgefunden, und auch ich war dort - freilich nicht
als Delegierter, sondern bloß als Zuschauer. Beide Parteien
Frankreichs waren eingeladen, aber die Possibilisten lehnten ein
Erscheinen ab. Die Marxisten sandten Lafargue. Weiter waren dort:
zwei Deutsche (Bebel und Liebknecht), zwei Holländer (Croll und
Domela Nieuwenhuis), zwei Belgier (Anseele und Volders), zwei
Schweizer (Reichel und Scherrer).
Drei Fragen galt es vor allen Dingen zu erledigen. Erstens die
Schritte zur Erzielung eines einheitlichen Kongresses, zweitens
die Ausarbeitung von Zulaßbedingungen, welche es unmöglich ma-
chen, irgendeine Gruppe, die billigerweise Anspruch auf Zulaß
hat, auszuschließen, und drittens die Sicherstellung der Souverä-
nität des Kongresses in seinen inneren Angelegenheiten. Denn die
Possibilisten waren bereits in die Fußtapfen des Parla-
mentarischen Komitees der Trades Unions getreten und hatten im
voraus eine Geschäftsordnung ausgearbeitet, welche für den Kon-
greß bindende Kraft haben sollte. Nicht nur enthielt dieselbe be-
reits fix und fertig die Tagesordnung, sondern u.a. auch die Vor-
schrift, daß nicht der Kongreß in seiner Gesamtheit, sondern jede
einzelne Nationalität die Mandate der ihr zugehörenden Delegier-
ten prüfen und über ihre Gültigkeit entscheiden solle. Beides,
sowohl diese Tagesordnung als speziell diese Art der Mandats-
prüfung, mag der Kongreß später annehmen oder nicht, aber jeden-
falls muß sein Recht, sie anzunehmen oder zu verwerfen, außer
Frage gestellt werden. Und dies um so mehr, als die von den Pos-
sibilisten vorgeschriebene Art der Mandatsprüfung es tatsächlich
in ihre Hand legt, nur die von ihnen gewählten französischen De-
legierten, zuzulassen. Man erinnere sich nur, wie sehr nahe ver-
schiedene englische sozialistische Delegierte zum Londoner Kon-
greß daran waren, von einem Geschäftsordnungskomitee, in welchem
die englischen Trades Unions bloß die Mehrheit gegenüber den Aus-
ländern hatten, ausgeschlossen zu werden. Und nicht nur haben die
Possibilisten gerade in Paris ihren Hauptanhang, sondern sie be-
absichtigen auch, von dem Pariser Gemeinderat einen Beitrag von
50 000 Franken zu den Kosten des Kongresses zu erlangen, über
welche Summe sie die Verfügung haben würden.
So beschloß die Haager Konferenz denn einstimmig folgende Resolu-
tion:
"Die Unterzeichneten laden die Föderation der sozialistischen Ar-
beiter Frankreichs" (dies der offizielle Name der Possibilisti-
schen Partei) "ein, unter Bezugnahme
#519# Aufzeichnungen und Dokumente
-----
auf das ihr von dem Londoner Kongreß von 1888 übertragene Mandat,
den Pariser Internationalen Kongreß gemeinsam mit den sozialisti-
schen und Arbeiterorganisationen Frankreichs und der übrigen Län-
der, einzuberufen.
Diese Einberufung, welche von allen Vertretern der Arbeiter- und
sozialistischen Organisationen zu unterzeichnen, ist alsdann so
schnell als möglich den Arbeitern und Sozialisten Europas und
Amerikas mitzuteilen.
Die Einberufung soll erklären:
1. daß der Pariser Internationale Kongreß vom 14. bis zum 21.
Juli 1889 tagen wird;
2. daß er allen Arbeitern und Sozialisten der verschiedenen Län-
der offensteht unter Zulaßbedingungen, die den politischen Geset-
zen, unter denen sie leben, angepaßt sind;
3. daß der Kongreß in bezug auf die Mandatsprüfung und die Fest-
setzung der Tagesordnung souverän ist.
Die vorläufige Tagesordnung solle lauten wie folgt:
a) Internationale Arbeitergesetzgebung; gesetzliche Regulierung
des Arbeitstages (Tagesarbeit, Nachtarbeit, Ruhetage, die Arbeit
erwachsener Männer, der Frauen, der Kinder).
b) Überwachung der Fabriken und Werkstätten wie der Hausindu-
strie.
c) Mittel und Wege, diese Maßregeln zu erlangen.
Im Haag, den 28. Februar 1889.
Die Delegierten für Deutschland: A. Bebel, W.Liebknecht.
" " " die Schweiz: A. Reichel, H. Scherrer.
" " " Holland: F.D. Nieuwenhuis, L. Croll.
" " " Belgien: Ed. Anseele, J. Volders.
" " " Frankreich: Paul Lafargue."
So machte die Konferenz den Possibilisten jede denkbare Konzes-
sion. Unter Ausschluß ihrer französischen Rivalen wurde, in Über-
einstimmung mit der Londoner Resolution, ihnen die Vorbereitung
und Organisation des Kongresses überlassen. Alles was man von ih-
nen verlangte, war, daß sie eine gemeinsam verabredete Einladung
erlassen sollten, die ebenfalls von allen übrigen interessierten
Parteien zu unterzeichnen wäre und 1. das Datum des Kongresses,
2. die allgemeinen Zulaßbedingungen, und 3. die Souveränität des
Kongresses in bezug auf seine Tages- und Geschäftsordnung fest-
stellte. Indem sie alle Organisationen, die sie unterzeichnen,
bindet, ist diese gemeinsame Einladungsform das beste, das ein-
zige Mittel, den wahrhaft allgemeinen und internationalen Charak-
ter des Kongresses zu sichern. Die vorgeschlagenen Zulaßbedingun-
gen verhinderten eine Wiederholung der skandalösen Ausschließung
von Delegierten aus Deutschland, Österreich und Rußland, infolge
deren der Londoner Kongreß nur ein so unvollständiges Bild der
proletarischen Bewegung unserer Zeit gab. Die Forderung, daß die
Souveränität des Kongresses in bezug auf seine inneren Angelegen-
heiten ausdrücklich gesichert werden solle, war eine Notwendig-
keit geworden, nachdem das Parlamentarische Komitee versucht
hatte, einen
#520# Beilagen
-----
Präzedenzfall zu schaffen und die Possibilisten es ihm nachge-
macht hatten. Sie verlangte nur, was sich von selbst verstand,
und nahm den Possibilisten auch nicht das kleinste Titelchen von
dem, was der Londoner Kongreß ihnen übertragen. Denn weder
wollte, noch konnte der Londoner Kongreß das Recht beanspruchen,
irgend jemand in der Welt Vollmacht zum Erlaß von Satzungen zu
geben, die für künftige Kongresse bindend wären.
Daß die Resolution im Haag nicht im hochfahrenden Gegensatz zum
Londoner Kongreß gefaßt worden, beweist die Tatsache, daß zwei
der Delegierten, die ihr zustimmten und sie unterzeichneten - An-
seele von Gent und Croll vom Haag - 1888 in London nicht nur als
Delegierte anwesend waren, sondern auch als Tagespräsidenten für
das Ausland fungiert haben. Es geht ferner daraus hervor, daß
sowohl die Deutschen, die in London ausgeschlossen, als diejeni-
gen Franzosen, die daselbst nicht vertreten waren, bereit waren,
die Possibilisten im Besitze aller Vollmachten zu lassen, die der
Londoner Kongreß ihnen übertragen hatte und ihnen übertragen
konnte. Was dieselben verlangen, ist einzig und allein, daß ihre
eigene Zulassung unter gleichen Bedingungen gesichert werde und
daß der Pariser Kongreß, einmal beisammen, über seine Interna
selbst endgültig beschließen solle. Und dafür, daß sie es gewagt,
in so versöhnlichem Geiste vorzugehen, wird die Haager Konferenz
von der "Justice" ein "Caucus" genannt!
Die Possibilisten haben die ihnen dargebotene Hand ausgeschlagen.
Sie wollen den Vertretern der Sozialisten des Auslands gestatten,
mit ihnen die Einladungszirkulare zu unterzeichnen, aber kein
französischer Sozialist, der nicht in ihren Reihen steht, soll
unterzeichnen dürfen. Sie beanspruchen dergestalt, die e i n-
z i g e sozialistische Körperschaft in Frankreich zu sein, und
verlangen, daß wir Ausländer sie als das anerkennen. Mehr noch,
sie wollen nicht zugeben, daß der Kongreß als Körperschaft den
Modus der Mandatsprüfung selbst bestimmt - die von den Possi-
bilisten im voraus verkündeten Satzungen und Réglemente sind da,
und der Kongreß hat sie gehorsamst hinunterzuschlucken.
Unter diesen Umständen ist es mit der Hoffnung, daß der im vori-
gen November in London beschlossene und den Possibilisten in die
Hände gegebene Kongreß mehr als ein Scheinkongreß sein wird, zu
Ende. Es bleibt abzuwarten, was die im Haag vertretenen Gruppen
nun ihrerseits unternehmen werden; jedenfalls sind dieselben ent-
schlossen, gemeinsam vorzugehen.
Vom "Sozialdemokrat" sagt die "Justice", er habe seit dem Londo-
ner Kongreß "unablässig die Possibilisten bekrittelt und be-
schimpft", und sie appelliert an alle unabhängige deutsche Sozi-
aldemokraten, "sich mit uns zu einem ehrlichen Versuch zu verei-
nigen, dieser kleinlichen und böswilligen Zänkerei und Drahtzie-
herei ein Ende zu machen".
Die "Justice" hat Jahre hindurch in ihrer eigenen Weise die Reden
und Handlungen deutscher Sozialdemokraten kritisiert, aber der
"Sozialdemokrat"
#521# Aufzeichnungen und Dokumente
-----
hat sich deshalb weder über "Krittelei und Schimpferei", noch
über "kleinliche und böswillige Zänkerei und Drahtzieherei" be-
schwert. Wir Deutschen sind gewöhnt, eine unumwundene Kritik
sowohl innerhalb unserer eigenen Partei als auch gegenüber den
anderen Nationalitätsgruppen der proletarischen Bewegung zu üben.
Wir wissen zu gut, daß es kein größeres Glück für unsere Feinde
geben könnte, als diese Bewegung in eine gegenseitige Beweihräu-
cherungsgesellschaft oder eine gegenseitige Versicherungsgesell-
schaft für Agitatoren verwandelt zu sehen. Wir sind daher nicht
so zartbesaitet, die Attacken der "Justice" nicht ohne Zucken er-
tragen zu können. Ebensowenig aber sind wir nach England gekom-
men, um das Recht der Kritik aufzugeben, das wir einem Bismarck
gegenüber hochgehalten und das durch ruhmvolle Revolutionen gesi-
chert zu haben mit Recht der Stolz des englischen Volkes ist. Wir
werden uns daher die Freiheit nehmen, da, wo wir es für notwendig
halten, über die "Zänkereien und Drahtziehereien" französischer
und - jawohl - auch englischer Sozialisten unsere Meinung offen
herauszusagen.
Die Possibilisten haben seit einiger Zeit eine politische Haltung
beobachtet, die nichts weniger als die allseitige Zustimmung der
Sozialdemokraten anderer Länder gefunden hat; aber ihre Haltung
bei dem letzten Wahlkampf in Paris ist in der Tat gar nicht zu
verteidigen. Unter dem Vorwand, die Republik vor Boulanger zu
retten, haben sie sich mit den korruptesten Elementen des Bour-
geois-Republikanismus verbündet, mit den Opportunisten [208], die
zehn Jahre lang Frankreich ausgesogen, um sich zu bereichern. Sie
agitierten und stimmten für einen Regierungskandidaten, einen ka-
pitalistischen Spritfabrikanten, "einen schlechten Kandidaten,
den französischen John Jameson" ("Justice" vom 19. Januar 1889),
und als ein sozialistischer Arbeiter, Boulé, der den neulichen
großen Erdarbeiterstreik organisiert -, beiden, Boulanger u n d
Jacques, gegenübergestellt wurde, stimmten sie in den Bourgeois-
Chorus ein: "Nur keine Spaltung innerhalb der großen republikani-
schen Partei!" - denselben Ruf, der in England mehr als einmal
von der großen liberalen Partei gegen Kandidaten ausgestoßen
wurde, die von der "Justice" aufgestellt worden. Als ob man nicht
Boulanger wirksamer bekämpfte, wenn man den Arbeitern Gelegenheit
gibt, für einen eigenen Vertreter zu stimmen, statt sie vor die
Alternative zu stellen, entweder für Boulanger zu stimmen oder
für einen Vertreter jener Kapitalisten, deren Gier, den Reichtum
Frankreichs in ihre Taschen zu praktizieren (wie dies von Herrn
Hyndman in der "Justice" vom 2. Februar 1889 sehr gut dargelegt
worden), Boulanger erst zu dem gemacht, was er ist.
Um der "Justice" Gerechtigkeit widerfahren zu lassen: sie hat
dieses Verhalten der Possibilisten nicht verteidigt, noch ihr
"etwas bedenkliches Bündnis mit der Bourgeois-Partei" ("Justice"
28. Januar), aber sie hat ihren Lesern auch nicht gesagt, daß das
Organ der Possibilisten, das "Parti Ouvrier" [484] in seinem Ei-
fer gegen die Boulangisten lärmend für Zwangsmaßregeln
#522# Beilagen
-----
gegen diese "ungeheuerliche Preßfreiheit" *) und wider das Ver-
sammlungsrecht eingetreten ist. Die "Justice" hat dies und den
Kampf für den Arbeiterkandidaten, sowie die Tatsache, daß er
trotz alledem 17 000 Stimmen erhielt, ihren Lesern nach Kräften
vorenthalten. Und weil wir uns über dieses schimpfliche Verhalten
der Possibilisten offen aussprachen, wird uns von einem Blatt
Krittelei und Schimpferei, böswilliges Zanken und Drahtzieherei
vorgeworfen, das die Aufführung seiner eigenen possibilistischen
Freunde selbst nicht zu verteidigen wagt.
Die Sache ist die, daß die Possibilisten in diesem Augenblick im
vollen Sinn des Worts eine Regierungspartei - m i n i s t e r i-
e l l e S o z i a l i s t e n - sind und die Wohltaten einer
solchen Stellung einheimsen. Während der Kongreß von Bordeaux von
den Behörden verboten und von der Polizei auseinandergejagt und
seine Abhaltung nur dadurch möglich wurde, daß er. im Stadthaus
einer Nachbargemeinde, deren Maire revolutionär gesinnt, Obdach
fand, während der Kongreß von Troyes wiederholt von der Polizei
überfallen wurde, um das Entfalten der roten Fahne zu verhindern
- Dinge, die die Possibilisten in ihren Blättern weder tadelten,
noch auch nur erwähnten - sind diese "hochrespektablen" Sozia-
listen die Vertrauten der Charles Warren von Paris. Und sie haben
denn auch nicht nur nicht protestiert, sondern direkt Beifall
geklatscht, als die Pariser Behörden die von den unabhängigen
Sozialisten und Fachvereinen eingeleitete Demonstration für den
Achtstundenarbeitstag verboten.
So wird, wenn es dahin kommt, daß in diesem Jahr zwei Kongresse
in Paris abgehalten werden, der eine derselben nicht nur unter
dem Schutz, sondern geradezu unter der Gönnerschaft der Polizei
stehen. Er wird von der Regierung, von der Departementalbehörde,
vom Gemeinderat von Paris geliebkost werden, gefeiert und feier-
lich bewirtet werden. Er wird aller Begünstigungen teilhaftig
werden, welche auf die offiziellen ausländischen Gäste der Bour-
geois-Republik herabregnen.
Der andere wird von der republikanischen Ehrbarkeit gemieden, von
den Behörden streng überwacht werden und in der Tat froh sein
können, wenn man es ihm überläßt, für sich selbst zu sorgen.
Denn, wenn Engländer ihn besuchen sollten, kann es ihnen passie-
ren, daß sie sich mitten in Paris plötzlich wieder auf Trafalgar
Square befinden.
-----
*) "Wir dürfen nicht ablassen zu wiederholen, daß in der Krisis,
in der wir uns befinden, d i e s e P r e ß f r e i h e i t
u n t e r d r ü c k t w e r d e n m a ß." "Parti Ouvrier" vom
18. März (der passendste Tag in der Tat) 1889.
#523# Aufzeichnungen und Dokumente
-----
7
Brief an die Redaktion des "Labour Elector" [485]
Da Sie sich offenbar ständig für die Fragen interessieren, die
mit dem bevorstehenden Internationalen Arbeiterkongreß zusammen-
hängen, hoffe ich, daß Sie einem Franzosen und Mitglied der soge-
nannten Organisation der französischen Marxisten (Agglomération
Parisienne) gestatten werden, einige Worte als Antwort auf ein
Zirkular zu sagen, das im Bulletin der Pariser Arbeitsbörse ver-
öffentlicht und in englischer Sprache im "Justice" vom 27. April
wiedergegeben worden ist.
Die Pariser Arbeitsbörse ist heute eine durch und durch possibi-
listische Institution. Die Possibilisten haben mit Hilfe der op-
portunistischen und radikalen Mitglieder [211] des Pariser Muni-
zipalrats sich ihrer bemächtigt, und jede Gewerkschaft, die es
wagt, sich offen possibilistischen Prinzipien und Taktiken zu wi-
dersetzen, wird sofort ausgeschlossen. Das obenerwähnte Zirkular
ist daher, obwohl es im Namen von 78 Pariser Gewerkschaften her-
ausgegeben wurde, genausogut ein possibilistisches Erzeugnis, als
wenn es vom Komitee der Possibilisten selbst herausgebracht wor-
den wäre.
Dieses Zirkular ruft "alle Organisationen der Arbeiterklasse
Frankreichs, ohne Unterschied der Schattierungen republikanischer
oder sozialistischer Meinung" auf, an dem Possibilisten-Kongreß
teilzunehmen. Nun, das klingt recht gut. Und da unsere Sektion
der französischen Sozialisten die Possibilisten aus der Provinz
vollständig vertrieben hat, so daß sie nicht wagten, ihrem eige-
nen Kongreß in Troyes beizuwohnen, sobald sie hörten, daß wir zu-
gelassen wären, und da unsere Organisationen in der Provinz bei
weitem zahlreicher sind als alle possibilistischen Organisationen
in ganz Frankreich, würden wir zweifellos sogar in diesem Possi-
bilisten-Kongreß die Majorität an französischen Delegierten ha-
ben, wenn eine richtige Grundlage der Vertretung gesichert wäre.
Aber da liegt gerade die Schwierigkeit. Das possibilistische Ko-
mitee hat einen Haufen von Anordnungen für den Kongreß herausge-
bracht, aber diesen wichtigsten Punkt niemals erwähnt. Niemand
weiß, ob jede Gruppe einen, zwei oder mehr Delegierte entsenden
soll oder ob die Zahl der Delegierten nach der Zahl der Mitglie-
der in jeder Gruppe bestimmt werden soll. Da aber die Possibili-
sten anerkanntermaßen am stärksten in Paris sind, könnten sie
zwei oder drei Delegierte für jede Gruppe entsenden, wo wir in
unserer Einfalt nur einen schicken. Sie können so viele Dele-
gierte produzieren, wie es ihnen beliebt. Sie haben sie in Paris
leicht zur Hand und brauchen sie nur zu benennen. Und so kann die
französische Sektion des Kongresses bei aller scheinbaren Red-
lichkeit in eine kompakte Clique von Possibilisten verwandelt
werden, die uns behandeln können, wie
#524# Beilagen
-----
sie wollen, falls wir nicht die Möglichkeit haben, einen Appell
an den Kongreß zu richten.
Allein aus diesem Grunde könnten wir nicht die Souveränität des
Kongresses hinsichtlich all seiner internen Belange aufgeben,
wenn überhaupt dieses erste und fundamentale Prinzip aufgegeben
werden könnte. Man hat, wie ich glaube, in London noch nicht ganz
vergessen, daß das Parlamentarische Komitee im vergangenen Novem-
ber sehr klar zu verstehen gab, daß es den Raum gemietet hätte
und daß der Kongreß dort nur von seinem Wohlwollen abhängig sei -
und wir wünschen nicht, daß sich das in Paris wiederholt.
Geschrieben Ende April 1889.
Nach: "The Labour Elector", Vol. I, Nr. 18 vom 4. Mai 1889.
Aus dem Englischen.
8
Internationaler Sozialistischer Arbeiterkongreß
14. bis 21. Juli 1889
Aufruf an die Arbeiter und Sozialisten Europas und Amerikas [486]
["Der Sozialdemokrat" Nr. 19 vom 11. Mai 1889]
Im Oktober 1888 fand in Bordeaux ein nationaler Kongreß statt,
auf dem mehr als 200 Arbeiter-Syndikatskammern und Fachgruppen
vertreten waren. Dieser Kongreß beschloß, daß während der Aus-
stellung ein Internationaler Kongreß in Paris abgehalten werden
möge.
Der gleiche Beschluß wurde von dem nationalen Kongreß gefaßt, der
im Dezember 1888 in Troyes stattfand und auf dem alle Fraktionen
der sozialistischen Partei Frankreichs vertreten waren.
Der vom Kongreß von Bordeaux ernannte Nationalrat und die vom
Kongreß von Troyes ernannte Exekutivkommission wurden beauftragt,
sich zu verständigen, um gemeinsam den Internationalen Kongreß zu
organisieren und alle Arbeiter und Sozialisten Europas und Ameri-
kas, welche die Emanzipation der Arbeit erstreben, ohne Unter-
schied der Fraktion hierzu einladen. Das geschah.
#525# Aufzeichnungen und Dokumente
-----
Am 28. Februar [1889] fand im Haag eine Internationale Konferenz
statt, auf der die sozialistischen Parteien Deutschlands, der
Schweiz, Belgiens, Hollands und Frankreichs durch Delegierte ver-
treten waren. Die Sozialistische Liga Englands und Dänemarks lie-
ßen sich entschuldigen und erklärten im voraus, daß sie sich den
gefaßten Beschlüssen anschließen werden.
Die Konferenz im Haag beschloß:
1. Der Pariser Internationale Kongreß soll vom 14. bis 21. Juli
1889 tagen.
2. Er soll allen Arbeitern und Sozialisten der verschiedenen Län-
der offenstehen, unter Zulaßbedingungen, die den politischen Ge-
setzen, unter denen dieselben leben, angepaßt sind.
3. Der Kongreß soll in bezug auf die Prüfung der Mandate und
Festsetzung der Tagesordnung souverän sein.
Die vorläufige Tagesordnung solle lauten wie folgt:
a) Internationale Arbeitergesetzgebung; gesetzliche Regulierung
des Arbeitstages (Tagesarbeit, Nachtarbeit, Ruhetage, die Arbeit
erwachsener Männer, der Frauen, der Kinder).
b) Überwachung der Fabriken und Werkstätten wie der Hausindu-
strie.
c) Mittel und Wege, diese Maßregel zu erlangen.
Demgemäß, um dem Mandat nachzukommen, welches uns die Kongresse
von Bordeaux und Troyes auferlegt haben und um den von der Haager
Konferenz gefaßten Beschlüssen zu entsprechen:
1. Berufen wir den Internationalen Kongreß nach Paris ein, der
abgehalten werden soll am 14.-21. Juli 1889.
2. Die Tagesordnung desselben ist die von der Haager Konferenz
festgesetzte.
3. Wir laden die sozialistischen und Arbeiterorganisationen Euro-
pas und Amerikas zu diesem Kongreß ein, der die Grundlagen schaf-
fen soll zu einem Bund aller Arbeiter und aller Sozialisten bei-
der Welten.
Wir haben in Paris eine Exekutivkommission eingesetzt, die mit
der endgiltigen Organisation des Internationalen Kongresses und
der Vorbereitung des Empfangs der ausländischen Delegierten be-
auftragt ist.
Wir senden den Arbeitern und Sozialisten der Welt unsern brüder-
lichen Gruß.
Es lebe die Internationale Emanzipation der Arbeiter!
Für den Nationalrat in Bordeaux:
Der Generalsekretär R. Lavigne
16 Rue Sullivan.
Für die Exekutivkommission in Troyes:
Der Generalsekretär G. Batisse
#526# Beilagen
-----
Die Pariser Exekutivkommission:
Für die Föderation der Pariser Syndikatskammern:
Boulé, Besset, Féline, Monceau, Roussel
Für die sozialistischen Organisationen von Paris:
Vaillant, Guesde, Deville, Jaclard, Crépin, Lafargue
Für die sozialistische Gruppe des Pariser Gemeinderats:
Daumas, Longuet, Chauvière, Vaillant, Gemeinderäte
Für die sozialistische Gruppe der Deputiertenkammer:
Ferroul, Planteau, Abgeordnete
Adressen:
Sekretär für das Inland: Besset, Bureau de la Cordonnerie, Bourse
du Travail, Paris, Rue J.J. Rousseau.
Sekretär für das Ausland: Paul Lafargue, Le Perreux, Paris, Ban-
lieue.
9
Der Internationale Arbeiterkongreß von 1889
II. Eine Antwort auf das "Manifest der
Sozialdemokratischen Föderation" [487]
Dieses in der "Justice" vom 25. Mai 1889 veröffentlichte Manifest
behauptet, der Welt "nackte Wahrheiten" über den obengenannten
Kongreß zu verkünden. Die Leute, die sich für diese "nackten
Wahrheiten" verantwortlich fühlen, sind: "Das Internationale Ko-
mitee der Sozialdemokratischen Föderation" und "Der Generalrat
der Sozialdemokratischen Föderation". Wir erfahren nicht, wer die
Personen sind, aus denen sich diese beiden Körperschaften zusam-
mensetzen. Es werden keinerlei Namen genannt, und das ist seltsam
genug, wenn man bedenkt, daß die Verfasser endlose Klagen über
den "geheimen caucus 1*)" im Haag vorbringen, deren Mitglieder
bei keiner Gelegenheit ihre Namen der öffentlichen Kenntnisnahme
vorenthielten. Aber ein Rat oder ein Komitee der Sozialdemokrati-
schen Föderation scheint etwas zu sein, das über allen Verstand
geht. Es mag einigen noch im Gedächtnis sein, daß am 23. Oktober
1888 der Generalrat der Sozialdemokratischen Föderation mit sie-
ben Stimmen gegen zwei einen scharfen Tadel für Herrn Hyndman be-
schloß, weil er die "Justice" "prostituiert" habe, ein Beschluß,
der von Herrn Hyndman mit äußerster Mißachtung
-----
1*) hier abwertende Bezeichnung für Vorkonferenz
#527# Aufzeichnungen und Dokumente
-----
behandelt wurde ("Justice", 27. Oktober 1888), den er eine
"erschlichene Abstimmung" nannte und bald darauf durch eine
gleich große oder noch größere Majorität umstoßen ließ. Danach
ist es kein Wunder, daß derselbe Generalrat keine Namen nennt,
sogar auf die Gefahr hin, selbst ein "geheimer caucus" genannt zu
werden; ebenso kann es danach wirklich nicht mehr viel bedeuten,
ob diese Namen bekanntgegeben werden oder nicht.
Das Manifest beginnt folgendermaßen:
"Der Beschluß einer Sektion unsrer sozialistischen Genossen in
Frankreich - die im Verein mit andren handeln, die nicht Soziali-
sten sind -, einen Kongreß in Paris abzuhalten, der zu dem von
unsren Genossen der possibilistischen Partei einberufenen und or-
ganisierten in Gegensatz steht, fordert eine Feststellung der
Wahrheit seitens der Sozialdemokratischen Föderation, der bei
weitem größten und mächtigsten sozialistischen Organisation in
Großbritannien."
Wer die Parteien sind, "die nicht Sozialisten sind", ist ebenso
im dunklen gelassen wie die Namen derer, die diese Feststellung
treffen. Es ist daher unmöglich zu prüfen, inwieweit es eine
"nackte Wahrheit" ist oder nicht. Aber eine solche Feststellung,
die, wenn sie nicht als eine Verleumdung gedacht ist, gar nichts
bedeutet, klingt ziemlich überraschend aus dem Munde der Organe
einer Assoziation, die in Angriff und Verteidigung der engste
Verbündete jener Possibilisten ist, die es niemals fertiggebracht
haben, einen Kongreß ohne die Hilfe "andrer, die nicht Soziali-
sten sind", zustande zu bringen. Ihre erste Konferenz in Paris
1883 war von außerhalb fast ausschließlich von den Führern der
englischen Trade-Unionisten, geleitet von Herrn Broadhurst per-
sönlich, besucht; und Herr Broadhurst war entzückt von den Reden,
die dort gehalten, und von den Resolutionen, die angenommen wur-
den. Ihre zweite Konferenz war ebenfalls zum großen Teile von dem
gleichen Element besucht, und der Londoner Kongreß 1888 wurde
tatsächlich vom Parlamentarischen Komitee des Gewerkschafts-
kongresses einberufen, dessen Mitglieder, wie jedermann weiß,
"nicht Sozialisten sind", sondern das genaue Gegenteil.
Aber lassen wir das ruhen. Die Verfasser benutzen die Gelegen-
heit, um uns daran zu erinnern, daß die Sozialdemokratische Föde-
ration die "bei weitem größte und mächtigste sozialistische Orga-
nisation in Großbritannien" ist. Diese Information ist nun Woche
für Woche, fast sechs Jahre lang, in jeder Nummer der "Justice"
wiederholt worden, und doch gibt es Menschen, die moralisch so
verkommen sind, an der Größe und der Macht der Sozialdemokrati-
schen Föderation zu zweifeln, ja, die sogar behaupten, daß diese
Beteuerungen ihrer Größe und Macht an Häufigkeit, Heftigkeit und
Aufdringlichkeit gerade dann und im selben Verhältnis zunehmen,
wie die wahre Größe und Macht der Sozialdemokratischen Föderation
im Schwinden begriffen ist. Sie weisen darauf hin, daß die
"Justice" um die Jahreswende ihren Umfang "nur während der Feier-
tage" um nicht weniger
#528# Beilagen
-----
als die Hälfte reduziert hat, diese Feiertage sind jedoch noch
nicht vorüber. Einige, die es wissen müßten, behaupten, daß die
Auflage dieser Zeitung von 4000 auf knapp ein Drittel davon zu-
sammengeschrumpft ist; daß es Zweiggesellschaften der Föderation
gibt, die nicht einmal pro forma Zusammenkünfte durchführen, und
daß es große Industriestädte gibt, in denen auch nicht ein Exem-
plar der Zeitung gelesen wird. Berichte, wie der über die Bolto-
ner Zweiggesellschaft ("Labour Elector" vom 28. Mai 1888) -ein
Bericht, der nicht anonym wie unser Manifest, sondern von acht
Mitgliedern unterzeichnet ist -, neigen stark dazu, diese Behaup-
tungen zu bestätigen. Was auch immer zugunsten der Kriegslist ge-
sagt werden mag, die eigenen Kräfte vor dem Feinde zu übertrei-
ben, so kann es doch keine Meinungsverschiedenheit über ihren
Wert geben, wenn sie dazu benutzt wird, seinem eigenen Verbünde-
ten und Genossen Sand in die Augen zu streuen, und es ist nicht
zuviel gesagt, daß man mit der Laterne des Diogenes wird suchen
müssen, ehe man im Vereinigten Königreich einen einzigen Menschen
findet, der von dieser gewohnten Prahlerei der Sozialdemokrati-
schen Föderation getäuscht worden ist.
Es tut mir leid, daß ich so von einer Organisation sprechen muß,
die viel Gutes getan hat, die noch sehr viel mehr tun könnte und
die über ausgezeichnete Elemente verfügt. Aber solange sie es zu-
läßt, so "geleitet" zu werden wie augenblicklich, wird sie nie-
mals auch nur der Schatten von dem sein, was sie zu sein vorgibt.
Die Verfasser stellen ferner fest, daß sie keine Mühe gescheut
haben, um eine Verständigung herbeizuführen, aber da dies nutzlos
gewesen sei, beschränkten sie sich jetzt darauf, "die nackten
Tatsachen bekanntzugeben, die niemals bestritten worden sind".
Diese nackten Tatsachen sind vierzehn an der Zahl.
1. "Die Possibilistische Partei Frankreichs ... wurde von dem In-
ternationalen Trade-Union-Kongreß in Paris 1886 ermächtigt, einen
internationalen Arbeiterkongreß in Paris 1889 einzuberufen. Die
Deutschen waren auf diesem Pariser Kongreß von 1886 durch Grimpe
vertreten."
Diese "nackte Tatsache" ist in der Tat unbestritten, abgesehen
davon, daß das Meeting von 1886 damals als eine einfache "Kon-
ferenz" bezeichnet wurde; um ihm aber mehr Autorität zu ver-
leihen, wird es jetzt in einen ordentlichen "Kongreß" umgewan-
delt. Und es gibt die wichtige Auslassung, daß Grimpe n i c h t
für diesen Beschluß stimmte; seine Anwesenheit auf der Konferenz
kann daher keineswegs in eine Zustimmung "der Deutschen" zu dem
den Possibilisten gegebenen Mandat ausgeweitet werden.
2. "Das Parlamentarische Komitee der englischen Trade-Unions
schloß höchst unfair und ungerecht die Deutschen und Österreicher
von jeder Vertretung auf dem Internationalen Trade-Union-Kongreß
in London 1888 aus. Daraufhin bezeichneten die Deutschen den Kon-
greß als einen Rumpfkongreß, und Bebel, Liebknecht und andre.
#529# Aufzeichnungen und Dokumente
-----
die den jetzigen Gegenkongreß in Paris organisieren, riefen alle
anderen Nationalitäten auf, dem Londoner Kongreß fernzubleiben,
da sie von ihm ausgeschlossen waren."
Soweit einverstanden.
3. "Der Internationale Trade-Union-Kongreß in London 1888 wurde
dennoch abgehalten und war erfolgreich. Die besonderen Verbünde-
ten der parlamentarischen deutschen Sozialisten in Frankreich,
die sogenannten Marxisten oder Guesdisten, waren durch Farjat
vertreten. Dieser Kongreß ermächtigte e i n s t i m m i g die
Possibilisten, einen internationalen Arbeiterkongreß in Paris für
1889 einzuberufen und zu organisieren. Farjat stimmte mit den üb-
rigen dieser Resolution zu; die Belgier, vertreten durch Anseele,
und der Holländer 1*) stimmten ebenfalls zu. Anseele wie Croll
gingen trotzdem zu dem Haager caucus!"
Es ist nicht korrekt zu sagen, daß Farjat "die sogenannten Marxi-
sten oder Guesdisten" vertrat. Farjat war vom französischen
Gewerkschaftskongreß delegiert worden, der einige Tage vor dem
Londoner Kongreß in Bordeaux eröffnet wurde. Die 250 lokalen Ge-
werkschaften, die in Bordeaux von 63 Delegierten vertreten wur-
den, können nur dann als "Marxisten oder Guesdisten" bezeichnet
werden, wenn mit diesem Namen alle französischen Arbeiter gemeint
sind, die nicht Possibilisten sind. Jener Kongreß von Bordeaux
beschloß gleichfalls einmütig, "einen internationalen Arbeiter-
kongreß in Paris 1889 einzuberufen und zu organisieren"; er tat
das einige Tage bevor der Londoner Kongreß seinen Beschluß faßte.
Da aber die in Bordeaux vertretenen Leute samt und sonders von
den Possibilisten geschmäht und als Feinde behandelt worden wa-
ren, konnte es ihnen niemals einfallen, dieselben Possibilisten
zur Einberufung dieses Kongresses zu ermächtigen; und es ist des-
halb einfach absurd zu sagen: "Farjat stimmte dieser Resolution
zu." Nicht weniger absurd ist die Behauptung, daß die "Marxisten"
durch diese Zustimmung Farjats, die niemals gegeben wurde, gebun-
den seien; die, wenn sie gegeben worden wäre, nur irrtümlich
hätte erfolgt sein können und deshalb nicht einmal den hätte bin-
den können, der sie gab.
Daß Anseele und Croll, die für die obenerwähnte Londoner Resolu-
tion gestimmt hatten, trotzdem "zu dem Haager caucus" gegangen
sein sollten, wird tatsächlich jedem unbegreiflich sein, der die
"nackten Wahrheiten" und "unbestrittenen Tatsachen" unsres Mani-
fests gelten läßt. Aber der Anhang zu dieser Antwort 2*) wird
zeigen, daß es Anseele und Croll nicht nur für notwendig gehalten
hatten, nach dem Haag zu gehen, sondern sich auch von dem Possi-
bilisten-Kongreß überhaupt zu distanzieren und die Einberufung
des Gegenkongresses zu unterstützen, und nicht nur Anseele und
Croll, sondern auch andere Londoner Delegierte und gemeinsam mit
ihnen die ungeheure Mehrheit der Vertreter des europäischen So-
zialismus. Ihnen
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1*) Croll - 2*) siehe vorl. Band, S. 544/545
#530# Beilagen
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allen waren die "nackten Wahrheiten" des Manifests seit langem
bekannt, und doch - so ist nun einmal die der menschlichen Natur
innewohnende Bosheit - wurden sie zu einem Schluß getrieben, der
dem von den Organen der Sozialdemokratischen Föderation mit so-
viel Eifer vorgebrachten gerade entgegengesetzt war.
4. "Nach diesen beiden aufeinanderfolgenden Mandaten handelnd,
gingen die Possibilisten, die bei weitem die stärkste sozialisti-
sche Partei in Frankreich sowohl in Paris (wo sie 50 000 Stimmen
erhielten) wie in der Provinz sind, pflichtgemäß daran, einen in-
ternationalen Arbeiterkongreß für Ende Juli 1889 einzuberufen und
zu organisieren."
Die Possibilisten erhielten bei den Gemeindewahlen tatsächlich
ungefähr 50 000 Stimmen, von denen viele ihren Opponenten, den
Kollektivisten (den sogenannten Marxisten) gehörten, die großzü-
gig genug waren, über Differenzen in einzelnen Sektionen, wo im-
mer möglich, hinwegzusehen. Aber zu sagen, daß die Possibilisten
"bei weitem die stärkste sozialistische Partei in Frankreich
sowohl in Paris wie in der Provinz" seien, ist eine glatte Lüge.
Die Possibilisten haben selbst in Paris, das bekanntermaßen ihre
Hochburg ist, seit ihrer offenen Allianz nicht nur mit den bür-
gerlichen Radikalen, sondern auch mit den Opportunisten - jener
Partei der Börsenspekulanten, welche die gegenwärtige Korruption
offizieller Kreise in Frankreich verkörpern - einen Teil ihres
Bodens verloren. Die Tatsache, daß die Possibilisten unter dem
Vorwand, Boulanger zu bekämpfen, sich mit eben den Männern ver-
brüderten, deren Vergehen im Amt allein Boulangers Popularität
bewirkt und Hunderttausende aller Klassen haben rufen lassen:
"Lieber Boulanger, lieber den Teufel selber als dieses blutsauge-
rische Korruptionssystem!" - diese Tatsache war vielen ihrer auf-
richtigen Anhänger zuviel; und als sie bei der Januarwahl den
B o u r g e o i s Jacques unterstützten (der im Gemeinderat
stets gegen jeden Beschluß gestimmt hatte, der für die Arbeiter-
klasse günstig war) und tatsächlich den Kandidaten der Arbeiter-
klasse, Boulé, bekämpften, da vermehrten sich die Anzeichen der
Unzufriedenheit in ihren Reihen. Einer ihrer Sprecher, Reties,
der, als er Jacques auf einem Meeting verteidigte, von Arbeitern,
Anhängern Boulés, heftig mit Zwischenrufen bombardiert wurde,
verließ schließlich wütend das Podium und rief: "Ja! Ich werde
für Jacques stimmen, aber ich werde mich an denen rächen, die
mich diese Niederträchtigkeit begehen lassen!" Und Boulé erhielt
in der Tat trotz der fanatischen Opposition der Possibilisten
18 000 Arbeiterstimmen.
Danach ist es nicht verwunderlich, wenn die Possibilisten-Partei
in Paris Zeichen des Auseinanderfallens aufweist. Die Gruppe des
14. Wahlbezirks von Paris wurde am 16. April vom Rat der Dele-
gierten gegen den Protest von nur zwei Delegierten ausgeschlos-
sen; aber als am 23. April Allemane verlangte, zwei Mitglieder zu
veranlassen, gewisse Briefe auszuliefern, die sonst sehr unlieb-
sam gegen einige der Führer benutzt werden konnten,
#531# Aufzeichnungen und Dokumente
-----
wurde der Antrag sechsundzwanzig Gruppen zur Abstimmung vorge-
legt. Nun protestierten fünfzehn Gruppen, und drei enthielten
sich der Stimme. Die Hauptorganisationen des 13. Wahlbezirks ver-
ließen daraufhin die Föderation und erklärten:
"Die Verbündeten Ferrys, Clemenceaus und Rancs haben überhaupt
kein Recht mehr, Anspruch auf Zugehörigkeit zu einer Partei zu
erheben, die ihre Wurzeln im Klassenkampf sieht. Sie sind der
Partei dadurch abtrünnig geworden, daß sie die Pflichten verraten
haben, die sie der Arbeiterklasse gegenüber übernommen hatten;
sie sind heute nichts anderes als Stützen der Herrschaft der
Bourgeoisie."
Und obwohl das erst ein Anfang ist, so besteht doch kein Zweifel,
daß sogar in Paris die Herrschaft der possibilistischen Führer
ernsthaft erschüttert ist.
Was die Provinz angeht, so ist es nicht nur keine "nackte Wahr-
heit", keine "unbestrittene Tatsache", sondern eine einfach lä-
cherliche Behauptung zu sagen, daß dort die Possibilisten "bei
weitem die stärksten" seien. In allen großen Städten und Indu-
striezentren Frankreichs stehen die sozialistischen Organisatio-
nen außerhalb dieser Föderation und ihr feindlich gegenüber. Zum
Beispiel Lyon (5 sozialistische Munizipalräte), Marseille (1 so-
zialistischer Departementsrat), Roubaix (2 Munizipalräte), Armen-
tières (5 Munizipalräte), Montluçon (2 Munizipalräte), Commentry
(der ganze Munizipalrat und der Bürgermeister Sozialisten), Ca-
lais (2 Munizipalräte), Lille (4000 sozialistische - nicht possi-
bilistische - Stimmen bei der letzten Gemeindewahl), Bourges,
Vierzon, Roanne, Bordeaux, Narbonne, Alajs etc. etc. Nicht einer
dieser Munizipal- und Departementsräte ist ein Possibilist. Alle
diese Städte sind unstreitig in den Händen ihrer Opponenten, so-
weit eine sozialistische und Klassenorganisation der Arbeiter in
Frage kommt.
Tatsächlich haben die Possibilisten seit einigen Jahren nicht ge-
wagt, ihre Gesichter in der Provinz zu zeigen. 1887 mußten sie,
um einen Ort zu finden, wo sie mit einigem Erfolg ihren nationa-
len Kongreß abhalten konnten, auf eine abgelegene kleine Stadt in
den Ardennen zurückgreifen, welche die meisten Menschen nicht auf
der Landkarte finden werden; und im vergangenen Winter, als sie
ihren Kongreß nach Troyes einberufen hatten, wo sie der örtlichen
Vertretung der Arbeiter sicher zu sein glaubten, erklärte das lo-
kale Komitee, daß der Kongreß diesmal tatsächlich und nicht nur
dem Anschein nach allen sozialistischen und Arbeiter-Organisatio-
nen Frankreichs offenstehen würde. Als die aufgeblasenen Kory-
phäen der Possibilisten in Paris gewahr wurden, daß dies ernst
gemeint war, g a b e n s i e l i e b e r i h r e n e i g e-
n e n K o n g r e ß a u f, als den Kollektivisten und Blanqui-
sten zu begegnen, die jetzt nach Troyes kamen und den von den
Possibilisten einberufenen Kongreß abhielten, den diese, de facto
von jenen besiegt, verlassen hatten.
Also ist die "nackte Wahrheit", daß die Possibilisten bei weitem
die
#532# Beilagen
-----
stärksten seien, genau so. zu bewerten wie die helltönenden
Trompetenstöße des Manifests über die Größe und Macht der Sozial-
demokratischen Föderation.
Aber stark oder nicht stark, sie waren "verpflichtet, den Kongreß
nach Paris einzuberufen".
Das bringt uns auf die Frage, wieweit wohl die Befugnisse der
Possibilisten in dieser Beziehung reichen.
Die Pariser Konferenz von 1886 war international so schwach be-
sucht - so weit davon entfernt, repräsentativ zu sein -, daß ihre
Resolution eher einem Wunsche gleichkommt; sie konnte bestenfalls
für jene bindend sein, die dafür gestimmt hatten, das sind die
Possibilisten und die englischen Trade-Unionisten. Letztere war-
fen die Pariser Beschlüsse auf ihrem nächstfolgenden Kongreß in
Hull über Bord. Was nun übrigbleibt ist also, daß 1886 in Paris
die Possibilisten sich selbst ermächtigten, für 1889 einen Kon-
greß nach Paris einzuberufen.
Kommen wir nun zum Londoner Kongreß.
Der Londoner Kongreß war kein allgemeiner Arbeiterkongreß, er war
ein Kongreß der Trade-Unions, von den Trade-Unions einberufen und
grundsätzlich alles andere als Trade-Unionisten ausschließend.
Wie die Beschlüsse eines solchen Kongresses für Arbeiter verbind-
lich sein können, die nicht Trade-Unionisten sind, oder für So-
zialisten als Ganzes, ist mir ein Geheimnis. Ein Trade-Unions-
Kongreß kann einen anderen Trade-Unions-Kongreß einberufen, aber
nichts weiter. Einen Arbeiterkongreß einzuberufen, überschreitet
seine Befugnisse; daß er es tat, kann unser aller Sympathien ha-
ben, da es ein Sieg über überlebte trade-unionistische Vorurteile
ist ; aber die Tatsache bleibt bestehen, daß die Einberufung die
Kompetenz des Kongresses überschritt und daher nur die Kraft ei-
nes Wunsches hat.
Ohne Zweifel war auch der Kongreß in Bordeaux ein reiner Gewerk-
schaftskongreß; und insoweit ist sein Beschluß, einen internatio-
nalen Arbeiterkongreß einzuberufen, in gleichem Maße ungültig.
Aber dieser Beschluß wurde im Dezember danach von dem Soziali-
stenkongreß von Troyes bestätigt, gegen dessen Beschlüsse selbst
die Possibilisten gerechterweise nichts einwenden können, denn
sie haben ihn selber einberufen, und wenn sie ihm fernblieben, so
war das ihr eigener Fehler.
Daß der absichtliche Ausschluß der Delegierten von Deutschland
und Österreich - Länder, die etwa ebenso viele Sozialisten umfas-
sen wie die des übrigen Europa zusammengenommen - diesen Kongreß
zu einem Rumpfkongreß machte, das ist eine "nackte Wahrheit" und
wirklich eine "unbestrittene Tatsache"; selbst das Manifest be-
streitet es nicht, es beschwert sich nur darüber, daß ihn die
Deutschen so genannt haben - daß sie das Ding beim rechten Namen
nannten.
Dieser Rumpfkongreß (dessen Minderheit übrigens der sozialisti-
schen Sache in England einen großen Dienst erwiesen hat) handelte
überdies
#533# Aufzeichnungen und Dokumente
-----
unter Zwang. Bei der ersten ernsten Unstimmigkeit zwischen den
englischen Shipton-Anhängern unter den Trade-Unionisten und den
Sozialisten erklärten die Shipton-Anhänger durch den Mund Ship-
tons selbst, daß sie, wenn es so weiter ginge, den Kongreß
schließen würden und daß sie dazu die Macht hätten, weil sie den
Raum gemietet hätten. Den Sozialisten wurde so von Anfang an zu
verstehen gegeben, daß sie sich in der Lage der irischen tenants-
at-will 1*) befänden und daß ihr Shipton-Landlord bereit sei,
seine Ausweisungsvollmacht, wenn nötig mit Hilfe der bewaffneten
Kräfte Ihrer Majestät, zu gebrauchen.
Die Sozialisten fügten sich, und sie taten unter den Umständen
gut daran; aber sie unterließen es, einen formalen Protest einzu-
legen, und das war ein Fehler. Sie haben jedoch noch nicht ver-
gessen, welcher Behandlung sie sich infolge zu großen Vertrauens
ausgesetzt hatten, und sie sind, wie der Anhang zeigt, entschlos-
sen, das nicht noch einmal zuzulassen.
Dann hatte das Parlamentarische Komitee eine Reihe von Regeln und
Instruktionen für den Kongreß vorbereitet, durch die sie die So-
zialisten zu knebeln und zu unterdrücken hofften. Bestätigungen
von Mandaten, Geschäftsordnung, Abstimmungsmodus, tatsächlich die
ganze Art und Weise des Ablaufs war vorher von den Shipton-Anhän-
gern festgelegt worden und wurde den Teilnehmern des Kongresses
immer mit der Drohung sofortiger Auflösung aufgezwungen. Der Lon-
doner Kongreß war in seiner Tätigkeit nicht frei, nicht mehr als
ein Arbeiter, der mit einem Kapitalisten einen Arbeitskontrakt
schließt, oder der irische Bauer, der drei oder vier acres von
einem zu Wucherpreisen verpachtenden Landlord nimmt und entweder
dessen Bedingungen annehmen oder verhungern muß. Es ist schimpf-
lich genug, daß ein unter solchen Bedingungen abgehaltener Kon-
greß in den Annalen der Arbeiterbewegung erscheint; aber daß noch
ein Kongreß unter den gleichen oder ähnlichen Bedingungen veran-
staltet werden sollte - niemals!
Trotz alledem heizte die sozialistische Minderheit des Kongresses
der Majorität der Shipton-Anhänger so ein, daß das Parlamentari-
sche Komitee davon genug hatte. Sie behandelte öffentlich die
Kongreßbeschlüsse und vor allem den Beschluß über den Pariser
Kongreß lediglich als Makulatur.
Das durch den Londoner Kongreß den Possibilisten gegebene Mandat
war also hinfällig, 1. weil es von einem Trade-Unions-Kongreß er-
teilt worden war, der nicht berechtigt war, Arbeiter außerhalb
der Trade-Unions Und ganz allgemein Sozialisten zu binden; 2.
weil der Londoner Kongreß durch den Ausschluß der Deutschen etc.
ein Rumpfkongreß wurde; 3. weil er in seiner Tätigkeit nicht frei
war; 4. weil dieselben Leute, die den Kongreß einberufen und
seine Majorität gebildet hatten, die ersten waren, die das Mandat
verwarfen.
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1*) Pächter, deren Pachtvertrag jederzeit gekündigt werden konnte
#534# Beilagen
-----
Ich wäre überhaupt nicht auf diese Diskussion eingegangen, wenn
uns die Possibilisten und ihre Verbündeten von der Sozialdemokra-
tischen Föderation nicht dauernd das Mandat des Londoner Kongres-
ses als etwas Heiliges und Unantastbares vor Augen gehalten hät-
ten. Dieses Mandat soll über allem stehen; es soll als etwas
Selbstverständliches den vorausgegangenen Beschluß des Kongresses
von Bordeaux umstoßen, der seitdem von dem Kongreß in Troyes be-
stätigt wurde; es soll nicht nur diejenigen binden, die dort wa-
ren und dafür abgestimmt haben, sondern auch diejenigen, die
nicht dort waren, und sogar die, die willkürlich ausgeschlossen
worden waren. Und wenn solche Ansprüche erhoben werden, wird es
zur Pflicht, sie auf ihren wirklichen Wert zu untersuchen.
In der Tat wurde das Londoner Mandat, obwohl es im Grunde ungül-
tig ist und obwohl es ein sichtbarer Schlag ins Gesicht der übri-
gen französischen Sozialisten und des Kongresses von Bordeaux war
- ein Schlag, der von den meisten derer, die für das Londoner
Mandat gestimmt hatten, unwissentlich ausgeteilt wurde -, dieses
Mandat wurde, wie wir sehen werden, mit äußerster Rücksicht von
denen behandelt, die an seiner Beratung nicht teilgenommen hat-
ten, und wäre in letzter Instanz praktisch von allen akzeptiert
worden, wäre nicht das skrupellose Vorgehen der Possibilisten
selbst gewesen.
Das erste Zirkular, womit die Possibilisten den Kongreß einberie-
fen, zeigte, daß sie nicht nur die Methode, durch die das Parla-
mentarische Komitee den Londoner Kongreß gebunden hatte, nicht
übelnahmen, sondern daß sie diese willkürliche Handlung a l s
e i n e n P r ä z e d e n z f a l l ansahen und für sich selbst
die gleichen Befugnisse forderten, wie sie sich das Parlamenta-
rische Komitee angemaßt hatte. Sie schrieben die Geschäftsord-
nung, den Abstimmungsmodus und die Überprüfung der Mandate vor,
wobei diese Überprüfung bei jeder Nationalität getrennt vorgenom-
men werden sollte. Nicht ein Wort wurde gesagt, daß alles dies
nur provisorisch und Gegenstand der Zustimmung durch den Kongreß
sein würde.
Nun, der Londoner Kongreß konnte den Possibilisten keinerlei
Befugnisse übertragen, die sie nicht selbst besaßen. Kein Kon-
greß, gleich welcher Art, kann Beschlüsse annehmen, die nicht von
einem nachfolgenden Kongreß widerrufen werden könnten. Deshalb
war der Londoner Kongreß nicht berechtigt, die Possibilisten zu
ermächtigen, Regeln und Anordnungen festzulegen, durch die der
Pariser Kongreß gebunden werden sollte, Noch tat er desgleichen.
Aber die Possibilisten beanspruchten dieses Recht. Es war dieser
schamlose Anspruch seitens der Possibilisten, der zu all den fol-
genden Differenzen und Debatten Anlaß gab, und ihre Weigerung,
klar und unmißverständlich diesen Anspruch aufzugeben, führte zu
der Spaltung und zu den zwei Kongressen. Die Mehrheit der europä-
ischen Sozialisten lehnt es ab, ein zweites Mal - und diesmal mit
offenen Augen - in eine Falle zu gehen.
#535# Aufzeichnungen und Dokumente
-----
Was umstritten ist, ist also nicht so sehr das Londoner Mandat -
darüber wäre man leicht hinweggekommen - als der Gebrauch, den
die Possibilisten davon gemacht haben, ihr Anspruch, Gesetze zu
machen, die für den Kongreß verbindlich sein sollen und so die
willkürliche Handlung des Parlamentarischen Komitees über den
Londoner Kongreß zu einem Präzedenzfall zu machen, der für alle
kommenden Kongresse bindend sein soll.
5. "Dem widersetzten sich die Marxisten, obgleich sie durch Far-
jats Stimme gebunden waren, und beeinflußten die Deutschen, sich
zu widersetzen, weil die Possibilisten, wie sie sagten, beabsich-
tigten, ihre Opponenten auszuschließen und den Kongreß für ihre
eigenen Zwecke auszunutzen. Diese Beschuldigung wurde erhoben,
obgleich die Possibilisten niemals irgendeine Sektion der Sozia-
listen von irgendeinem vorhergehenden Kongreß ausgeschlossen ha-
ben und niemals der geringste Beweis dafür beigebracht worden
ist, daß sie beabsichtigten, es bei dieser Gelegenheit zu tun.
Die Einladungen schlössen alle sozialistischen Körperschaften
ein."
Der wesentliche Teil dieser "nackten Wahrheit" ist bereits wider-
legt worden. Aber die Behauptung, daß "die Possibilisten niemals
irgendeine Sektion von Sozialisten von irgendeinem vorhergehenden
Kongreß ausgeschlossen haben und niemals der geringste Beweis da-
für beigebracht worden ist, daß sie beabsichtigten, es bei dieser
Gelegenheit zu tun", ist entweder eine erstaunlich wissentliche
Unwahrheit oder ein Beweis dafür, daß unsere Verfasser über Dinge
sprechen, von denen sie auch nicht das geringste verstehen. Auf
dem dritten Regionalkongreß der Föderation des Zentrums
(Frankreichs) im Mai 1882 hatten die Possibilisten erklärt, daß
der Kongreß allen Sozialisten offenstünde. Aber als dreißig Dele-
gierte der Kollektivisten (sogenannte Marxisten) erschienen, die
sich auf diese Erklärung verließen, wurden sie unbarmherzig aus-
gewiesen unter dem lächerlichen Vorwand, daß sie durch die An-
nahme der Bezeichnung "Fédération du Centre" in einen unfairen
Wettstreit mit der possibilistischen "Union Fédérative" eingetre-
ten wären. Und als auf dem achten Regionalkongreß dieser Union,
1887, zwölf Delegierte der Kollektivisten erschienen, gemäß der
immer wiederholten Versicherung, daß alle Sozialisten eingeladen
wären, wurden sie ausgepfiffen und niedergeschrien und mußten den
Kongreß verlassen, und ein Beschluß wurde gefaßt, daß "die Marxi-
sten niemals zu irgendeinem ihrer Kongresse zugelassen werden
sollten". Und besser noch, als 1888 das lokale Komitee, das mit
der Organisation des possibilistischen nationalen Kongresses in
Troyes betraut war, die ständige Phrase von der Zulassung aller
Sozialisten wahr zu machen drohte, verließen die Possibilisten,
wie wir gesehen haben, lieber ihren eigenen Kongreß, als daß sie
ihre prahlerische Versicherung ausgeführt sahen.
Nach alledem ist es kein Wunder, wenn die Kollektivisten über-
zeugt waren, daß "die Possibilisten beabsichtigten, sie auszu-
schließen und den Kongreß für ihre eigenen Zwecke auszunutzen".
#536# Beilagen
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6. "Auf jeden Fall wurde von Lafargue, Guesde und anderen Marxi-
sten, die in Übereinstimmung mit den Deutschen der Reichstag
Party 1*) und ihren Freunden handelten, eine Konferenz in Nancy
einberufen. Zu dieser Konferenz wurden die Possibilisten als
letzte von allen, eine Woche bevor die Konferenz stattfinden
sollte, eingeladen."
Die Konferenz in Nancy wurde von den Deutschen einberufen und
nicht von Lafargue, der im Gegenteil sowohl gegen die Zeit als
auch gegen den Ort Einwendungen machte und sein Bestes tat, ihr
Zustandekommen zu verhindern, worin er Erfolg hatte. Die Possibi-
listen wurden nicht "als letzte von allen eingeladen", sondern
zur gleichen Zeit wie alle anderen. Somit ist die "nackte Wahr-
heit" Nr. 6 ein Lügengewebe; aber selbst wenn alles wahr wäre,
was würde es denn beweisen?
7. "Die beabsichtigte Konferenz in Nancy fand nicht statt, aber
statt dessen wurde eine Konferenz im Haag einberufen. Auch zu
dieser Konferenz wurden die Possibilisten als letzte von allen
eingeladen. In Erwiderung auf die Einladung schrieben sie Briefe,
in denen sie mehrere sehr wichtige Fragen stellten. Diese Briefe
wurden niemals beantwortet, und die Konferenz fand unverzüglich
ohne ihre Teilnahme statt."
Wieder ist die Behauptung, daß die Possibilisten als letzte von
allen eingeladen wurden, eine Unwahrheit. Sie wurden zur gleichen
Zeit eingeladen wie alle anderen; so unwichtig die Sache an sich
ist, haben wir doch besondere Nachfragen hierüber angestellt. Die
Konferenz war für den 28. Februar einberufen worden, und auf der
Beratung ihres Nationalkomitees am 17. Februar waren die Possibi-
listen nicht nur im Besitz der Einladung, sondern auch der Ant-
wort Liebknechts auf ihre Briefe, die "mehrere sehr wichtige Fra-
gen" enthielten, Briefe, die nach dem Manifest "niemals beantwor-
tet wurden". Sie behaupten ihrerseits, daß Liebknecht "ihre Fra-
gen über die Tagesordnung der Konferenz nicht beantwortete". *)
Er teilte ihnen, wie ich informiert bin, mit, daß diese auf der
Konferenz selbst beantwortet werden würden. In eine weitschwei-
fige Korrespondenz über die Präliminarien einzutreten und damit
die Konferenz selbst bis nach dem Kongreß hinauszuschieben, das
hätte zwar den Possibilisten passen können. Es konnte aber denen
nicht passen, die sich ernsthaft bemühten, eine für alle Parteien
ehrenhafte Vereinbarung zustande zu bringen. Immerhin blieben die
Possibilisten daraufhin zu Hause, und infolge ihres Nichterschei-
nens mußte die Konferenz in der Tat ohne ihre Teilnahme abgehal-
ten werden.
8. "Diese Konferenz wurde abgehalten, ohne daß irgendein Vertre-
ter aus Großbritannien, Italien, Spanien und mehreren anderen
Ländern zugegen war. Die Sozialdemokratische
---
*) Siehe ihr offizielles Organ "Prolétariat" [488] vom 23. Fe-
bruar.
-----
1*) Reichstag Party: so im englischen Original
#537# Aufzeichnungen und Dokumente
-----
Föderation war nicht einmal informiert worden, daß sie einberufen
werde. Nur diejenigen waren eingeladen worden, die als den Possi-
bilisten feindlich gesinnt bekannt waren. Lafargue selber war der
einzige Vertreter Frankreichs, obwohl er einen viele Jahre anhal-
tenden erbitterten Streit mit den Possibilisten hatte! Die voll-
ständigen Sitzungsberichte der Konferenz wurden nicht veröffent-
licht und sind niemals veröffentlicht worden."
9. "Eine solche Konferenz wie diese war offensichtlich nichts als
ein caucus, der, wie wir fürchten, zu keinem guten Zweck einberu-
fen wurde. Unser verehrter Genosse Domela Nieuwenhuis stellt, wie
wir zu unserem tiefen Bedauern sagen müssen, in einem Briefe an
die Sozialdemokratische Föderation fest, daß von vornherein be-
absichtigt war, diese Konferenz g e h e i m durchzuführen."
Da die Haager Konferenz von den Deutschen einberufen wurde, luden
sie jene ausländischen Sozialisten ein, mit denen sie korrespon-
dierten: Holländer, Belgier, Dänen, Schweizer und die beiden
französischen Parteien, zwischen denen sie zu vermitteln hatten.
Die Sozialistische Ligue [482] wurde, in der Person von W.
Morris, von Lafargue eingeladen, und in derselben Weise hätten
die Possibilisten die Sozialdemokratische Föderation einladen
können; auf alle Fälle wußte hier in London niemand, weder wer
eingeladen, noch wer nicht eingeladen worden war, noch wer
berechtigt war, überhaupt jemanden einzuladen. Es ist eine
Unwahrheit zu sagen, daß nur diejenigen eingeladen wurden, die
als den Possibilisten feindlich gesinnt bekannt waren. Die
Belgier haben seit Jahren in freundlichen Beziehungen zu ihnen
gestanden und zeigten auf ihrem Nationalkongreß letzte Ostern,
daß sie sehr abgeneigt waren, irgend etwas zu tun, was ihnen miß-
fallen könnte. [489] Und die Holländer, Dänen und Schweizer waren
ihnen sicherlich nicht feindlich gesinnt, auf keinen Fall waren
sie "bekannt es zu sein". Wenn Lafargue zufällig der einzige
Vertreter Frankreichs war, so war niemand deswegen zu tadeln als
die Possibilisten, die der Einladung nicht gefolgt waren. Es ist
nicht wahr, daß Lafargues "erbitterter Streit mit den Possi-
bilisten, der viele Jahre anhielt", ein persönlicher Streit war.
Lafargue, Guesde, Deville und eine große Gruppe von Sozialisten
und Gewerkschaften trennten sich von der Mehrheit der Partei,
weil letztere ihr eigenes Programm verwarf und es vorzog, eine
Partei zu gründen, d i e ü b e r h a u p t k e i n P r o-
g r a m m h a t t e.
Die einzige wahre Tatsache in den Paragraphen 8 und 9 ist, daß
die Konferenz "geheim" war insoweit, als sie nicht öffentlich
war. Die Öffentlichkeit und die Presse waren gewiß nicht eingela-
den. Wenn die Sitzungsberichte für die Possibilisten "geheim" wa-
ren, so einfach deshalb, weil sie es für besser gehalten hatten,
nicht teilzunehmen. Aber die Konferenzbeschlüsse wurden zu dem
ausdrücklichen Zweck gefaßt, ihnen mitgeteilt zu werden und wur-
den unverzüglich durch Volders mitgeteilt. Was bleibt also von
dem streitsüchtigen Geknurre über eine "geheime" Konferenz, die
auf alle Fälle nicht halb so "geheim" war wie die Beratungen der
beiden mysteriösen Körperschaften, die für das Manifest verant-
wortlich sind? Nicht nur
#538# Beilagen
-----
die Beschlüsse, soweit sie die Öffentlichkeit interessieren, son-
dern auch die Namen der Delegierten sind der Welt bekannt. Es
würde sicherlich ein höchst lächerliches Verfahren gewesen sein,
die Vertreter der Presse zu einer Konferenz einzuladen, die sich
bemühte, zwischen zwei in Opposition einander gegenüberstehenden
sozialistischen Gruppen zu vermitteln.
10. "Durch diesen caucus, der hinter verschlossenen Türen statt-
fand, wurde eine Reihe von Resolutionen angenommen, gegen die
keine ernsthaften Einwände zu erheben sind. Volders wurde jedoch
nach Paris gesandt, um diese Beschlüsse den Possibilisten auf-
zuzwingen, als ob sie die Dekrete eines ökumenischen Konzils wä-
ren, und Bernstein in London schrieb im gleichen Tone. Die Briefe
der deutschen Führer, die wir hoffentlich nicht gezwungen sein
werden zu veröffentlichen, sind auch in einem sehr bitteren und
sehr anmaßenden Tone geschrieben und drohen mit einem Gegen-
kongreß, wenn ihre Befehle "nicht sofort ausgeführt würden."
Nach all den finsteren Andeutungen von einer abgekarteten Konfe-
renz und einem geheimen caucus ist der Leser tatsächlich berech-
tigt, einige aufsehenerregende Enthüllungen zu erwarten über die
schändlichen Mißstände und die schrecklichen Verbrechen dieser
Versammlung von Verschwörern, die, "wie wir fürchten, zu keinem
guten Zweck zusammengerufen" wurde. Und was ist das Ende vom
Lied? Die Leute im Haag nahmen "eine Reihe von Resolutionen an,
gegen die im Prinzip keine ernsthaften Einwände zu erheben sind"!
Haben das Internationale Komitee und der Generalrat der Sozialde-
mokratischen Föderation jeden Sinn für Lächerlichkeit verloren?
Unsere Verfasser sollten versuchen, diese Resolutionen so schnell
wie möglich zu übergehen. Enthalten sie doch weit mehr Zugeständ-
nisse, als die Possibilisten jemals erwarten konnten. Die Deut-
schen, die von dem Londoner Kongreß ausgeschlossen worden waren,
die französischen Kollektivisten, die von ihm ignoriert worden
sind, beide boten an, d a s L o n d o n e r M a n d a t z u
a k z e p t i e r e n, ließen zu, daß dadurch die Resolutionen
von Bordeaux und Troyes verworfen werden, und ließen die Einberu-
fung und Organisierung des Kongresses in den Händen der Possibi-
listen, vorausgesetzt, daß die Possibilisten klar und unmißver-
ständlich jeden Anspruch aufgäben, diesem Kongreß verbindliche
Vorschriften zu machen und ihn "für ihre eigenen Zwecke auszunut-
zen". Immerhin ist es ein bemerkenswertes Zugeständnis, daß
selbst das M a n i f e s t in den Haager Beschlüssen keinen
Fehler finden kann.
Nun gut! Aber es sind gar nicht die Resolutionen schlechthin, die
verderblich sind, sondern die Art, in der sie den Possibilisten
aufgezwungen werden. Und hier wieder beginnt das Fabulieren. Vol-
ders ist entsandt worden, "um den Possibilisten diese Entschei-
dungen aufzuzwingen". Volders, der geschickt wurde, weil er von
allen Haager Delegierten der einzige war, der aufs eifrigste für
sie Partei ergriffen hatte! Und bezüglich dessen, was "Bernstein
schrieb", so bindet es niemanden als ihn selbst, wie die
#539# Aufzeichnungen und Dokumente
-----
Verfasser des Manifests mittlerweile wissen sollten, und obwohl
ich nicht das Recht habe, in ihrem Namen zu sprechen, bin ich
doch überzeugt, daß die "deutschen Führer" mich nicht verleugnen
werden, wenn ich die Sozialdemokratische Föderation und ihre Pa-
riser Verbündeten auffordere, irgendwelche Briefe, die sie von
ihnen haben mögen, zu veröffentlichen.
Die Haager Beschlüsse liegen der Welt vor, und die Possibilisten
wurden informiert, falls sie diese Beschlüsse nicht akzeptierten,
die auf der Konferenz vertretenen Organisationen einen anderen
Kongreß einberufen werden, der nur der in Bordeaux und Troyes be-
schlossene sein könnte. Das mag den Possibilisten "sehr bitter
und sehr anmaßend" erscheinen, aber es war der einzige Weg, um
sie zur Vernunft zu bringen, wenn das überhaupt möglich ist.
Und jetzt kommt die Perle, der Kohinoor des Manifests geradezu.
11. "Die Possibilisten akzeptierten dennoch jede der so angenom-
menen und ihnen so unterbreiteten Resolutionen."
12. "Trotz dieser Zustimmung und der Tatsache, daß der von den
Possibilisten einberufene Kongreß souverän über seine eigene Ge-
schäftsordnung verfügen kann und immer verfügt hätte, trotz der
Tatsache, daß alle Streitfälle von beiden Seiten dem ganzen Kon-
greß zur Entscheidung und Beilegung vorgelegt werden können, ha-
ben die Anhänger des Haager caucus jetzt einen zweiten Kongreß in
Paris einberufen."
Die Haager Delegierten hatten erklärt, daß sie bereit wären, sich
dem Possibilisten-Kongreß unter zwei Bedingungen anzuschließen:
Erstens, daß die Possibilisten den Kongreß im Einvernehmen mit
den sozialistischen und Arbeiter-Organisationen Frankreichs und
anderer Länder einberufen, von denen Delegierte die Einladung zu-
sammen mit den Possibilisten unterzeichnen sollten. Diese Bedin-
gung wurde jedoch von den Possibilisten glatt zurückgewiesen,
alle anderen könnten unterzeichnen, aber keine von den rivalisie-
renden französischen Sektionen. Wenn die Verfasser des Manifests
das nicht wissen, mögen sie sich an den Herausgeber der "Justice"
1*) wenden, der hierüber genauestens orientiert ist.
Die zweite Bedingung war, daß der Kongreß vollständig souverän
sein sollte, soweit es die Überprüfung der Mandate und die Fest-
legung seiner Tagesordnung anbelangt. Auch das haben die Possibi-
listen nie akzeptiert, weder "in der Praxis" noch sonstwo. Sie
haben zuerst die Überprüfung der Mandate für jede Nationalität
getrennt vorgeschrieben. Als die andere Seite erklärte, daß die
Entscheidung über diesen Punkt dem Kongreß als Ganzem vorbehalten
bleiben müsse, erwiderten die Possibilisten, daß Ausnahmefälle
dem Kongreß überlassen werden könnten; kein Wort der Erklärung,
was unter Ausnahmefällen zu verstehen sei. Nein, sie feilschen
weiter darum, welche Rechte der Kongreß haben sollte und welche
nicht, und erst als das Zirkular, das den "Gegenkongreß" einbe-
rief, in ihren Händen ist, sehen sie
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1*) Hyndman
#540# Beilagen
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sich schließlich genötigt, klar und mit vielen Worten festzustel-
len, daß in allen Fällen, in denen Mandate von einer Nationalität
bestritten würden, eine Entscheidung des Kongresses herbeigeführt
werden sollte. Hätten sie das zu rechter Zeit zugegeben, dann
wäre eine Verständigung über die Hauptschwierigkeit möglich gewe-
sen; jetzt ist es natürlich zu spät.
Dieselben Ausflüchte wurden von ihnen hinsichtlich der Tagesord-
nung gebraucht. Sie sahen sich nicht als Personen an, die damit
beauftragt waren, vorläufige Anordnungen und Vorschläge zur Er-
leichterung der Arbeit des Kongresses auszuarbeiten, die dann vom
Kongreß selbst bestätigt würden oder nicht. Im Gegenteil, sie
handelten als Träger mysteriöser und praktisch unbegrenzter Voll-
machten über den künftigen Kongreß, von denen sie einen Teil aus
bloßer Gefälligkeit aufgeben könnten, um ausländische Organisa-
tionen zu verpflichten, die ihrerseits ihre verbleibenden Ansprü-
che auf Autorität über den Kongreß anerkennen sollten. Man
braucht sich nur ihre allerletzten Resolutionen vom 13. Mai anzu-
sehen, als ihnen das Zirkular mit der Einberufung des Gegenkon-
gresses vorlag (siehe "Justice" vom 25. Mai). Hier handeln und
feilschen sie weiter mit den Dänen um die Geschäftsordnung, als
ob die Dänen oder sie ein Recht hätten, eine Sache zu entschei-
den, die allein zur Kompetenz des Kongresses gehört. Und gnädig
akzeptieren sie einen Vorschlag des englischen Trade-Union Pro-
test Committee, daß eine Reihe Bestimmungen für die Einberufung
und Organisation künftiger Kongresse auf die Tagesordnung gesetzt
werden soll. Wobei die "Justice" naiv hinzufügt, daß, selbst wenn
noch irgendwelche Beschwerden vorliegen sollten, "unsere deut-
schen und anderen Genossen sie dieses eine Mal zurückstellen
sollten". Kommt uns "nur dieses eine Mal" entgegen, und nächstes
Mal könnt ihr ganz nach Belieben verfahren - wirklich, ein sehr
verlockender Vorschlag, aber bedauerlicherweise ist dieses Spiel
im vergangenen Jahre in London versucht worden, und "für dieses
eine Mal" war es einmal zuviel.
Ein Wort seitens der Possibilisten würde genügt haben, eine Eini-
gung herbeizuführen: das eine Wort "provisorisch", "Der Bestäti-
gung durch den Kongreß vorbehalten", eingefügt in all ihre Regeln
und Instruktionen. Aber gerade das konnte trotz aller Bemühungen
nicht erreicht werden, und so wurde der zweite Kongreß zu einer
Notwendigkeit für alle jene, die es ablehnten, ein zweites Mal
von Shipton unter Druck gesetzt zu werden.
Jetzt, da ein großer Teil dieser Diskussion in den Spalten der
"Justice" geführt worden ist, können die Leute, die im Namen der
Sozialdemokratischen Föderation Erklärungen im Sinne des Punktes
12 abgeben, entweder ihr eigenes offizielles Organ nicht gelesen
haben, oder sie sagen etwas, von dem sie wissen, daß es nicht den
Tatsachen entspricht.
13. "Sie haben diesen Kongreß genau zu dem Zeitpunkt einberufen,
zu dem der von den Possibilisten einberufene Kongreß angesetzt
worden war. Das geschah, obgleich sie im Haag einmütig einen Be-
schluß gefaßt hatten, der Ende Juli als eine höchst
#541# Aufzeichnungen und Dokumente
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unpassende und ungeeignete Zeit für die Abhaltung eines Arbeiter-
kongresses in Paris überhaupt verurteilte. Das geschah fernerhin,
obgleich Anseele in. einem Brief an die S[ozial]d[emokratîsche]
Federation] feststellte, daß, sollte ein zweiter Kongreß ab-
gehalten werden, er im September stattfinde, und Liebknecht be-
hauptete, daß er entweder in diesem oder im nächsten Jahre statt-
finde."
Was dies anbelangt, so scheinen die Haager Delegierten den Possi-
bilisten ein positives und Verbindliches Versprechen gegeben zu
haben, ihren Kongreß nicht im Juli, sondern "im September" oder
"entweder in diesem oder dem nächsten Jahr" abzuhalten. Nun, die
dritte Juliwoche ist sicherlich "in diesem Jahr", und so ist auch
jetzt Liebknecht zumindest schuldlos. Es wäre langweilig für un-
sere Leser, eine Diskussion über diese kindischen Klagen zu be-
ginnen. Ich kann jedoch feststellen, daß die Zeit vom 14. bis 21.
Juli erstens auf das einmütige Verlangen der Franzosen gewählt
wurde, und zweitens, weil die einzige Möglichkeit, noch eine Ver-
schmelzung der beiden Kongresse zustande zu bringen, wenn so et-
was überhaupt möglich sein sollte, darin besteht, sie dahin zu
bekommen, Seite an Seite zu sitzen.
14. "Die Hauptanstifter des Haager caucus und des Gegenkongresses
in Paris sind Lafargue, Guesde, Frau Eleanor Marx-Aveling (deren
Schwester, eine Tochter von Karl Mant, Lafargue geheiratet hat),
Bernstein (Herausgeber des 'Sozialdemokrat'), Bebel und Lieb-
knecht. Friedrich Engels stimmt ihrem Vorgehen vollständig zu."
Hier ist wenigstens - und endlich! - etwas Wahres an dieser letz-
ten "nackten Wahrheit". Es ist eine unbestrittene Tatsache, daß
die Schwester von Frau Eleanor Marx-Aveling eine Tochter von Karl
Marx ist und mit Lafargue verheiratet ist; obgleich es nach dem,
wie es unsere Verfasser hinstellen, so aussieht, als ob Frau
Lafargue eine Tochter von Karl Marx sei und ihre Schwester nicht.
Und wenn es wiederum eine platte Unwahrheit ist, wenn man sagt,
daß Bernstein oder sonstwer in London in irgendeiner Weise
"Anstifter der Haager Konferenz" waren, mit deren Einberufung und
Zusammensetzung sie absolut nichts zu tun hatten, so wird, denke
ich, von keiner der obengenannten Personen bestritten werden, daß
sie den "Gegenkongreß in Paris" unterstützt haben - aber sie ha-
ben das erst von der Zeit an getan, als das Verhalten der Possi-
bilisten eine solche Handlungsweise unvermeidlich machte. Die
Verfasser des Manifests müssen wissen, daß Frau E. Marx-Aveling
und Bernstein Anfang April mit Herrn Hyndman gesprochen haben,
sobald der Ton der "Justice" etwas weniger "bitter" und
"persönlich" wurde, und versucht haben, ihn dafür zu gewinnen,
bei der Schlichtung der bestehenden Schwierigkeiten mitzuhelfen,
und daß Herr H[yndman] das versprochen hat.
Am Fuße des Manifests finden wir diese kleine Bemerkung:
"Das Obige wird auftragsgemäß in mehrere europäische Sprachen
übersetzt und in allen Ländern verteilt werden."
#542# Beilagen
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Die Unterschriften des Anhangs zeigen, daß der Fall praktisch in
fast allen europäischen Ländern behandelt worden ist. Die große
Mehrheit der Sozialisten auf dem Kontinent hat sich zugunsten des
von den Kollektivisten und Blanquisten einberufenen Kongresses
und gegen den von den Possibilisten einberufenen entschieden.
England ist das einzige Land, wo die Meinung der Sozialisten und
Arbeiter noch im allgemeinen geteilt ist. Diese Antwort wird da-
her in keine andere Sprache übersetzt werden.
Um zusammenzufassen:
1. Zwei Kongresse sind für 1889 nach Paris einberufen: der erste
von dem französischen Gewerkschaftskongreß in Bordeaux, Oktober-
November 1888, ist Weihnachten durch den französischen Soziali-
sten-Kongreß in Troyes bestätigt worden. Der zweite, etwa eine
Woche später von dem Londoner Internationalen Trade-Union-Kongreß
beschlossene, wird von den Possibilisten organisiert.
2. Eine Verschmelzung beider wäre auf sehr geringe Schwierigkei-
ten gestoßen, hätten nicht die Possibilisten in ihrem ersten Ein-
ladungszirkular Vollmachten beansprucht, die der Londoner Kongreß
selbst nicht besaß und die er ihnen deshalb nicht übertragen
konnte; Vollmachten, die internen Angelegenheiten des Kongresses
zu regeln, im voraus den Modus der Prüfung der Mandate, die Ta-
gesordnung, die ganze Geschäftsordnung vorzuschreiben; in der Tat
dieselben Vollmachten, die das Parlamentarische Komitee auf dem
Londoner Kongreß gefordert und ausgeübt hatte.
3. Da die damalige sowie gegenwärtige Handlungsweise der Possibi-
listen es den übrigen Sektionen der französischen Sozialisten ab-
solut unmöglich macht, sich dem von ihnen einberufenen Kongreß
anzuschließen, versuchten die deutschen sozialistischen Reichs-
tagsabgeordneten, zwischen beiden Parteien zu vermitteln und dies
mit Hilfe der führenden Männer der andren nationalen Arbeiterpar-
teien, mit denen sie in Verbindung standen. Daher die Haager Kon-
ferenz (vom 28. Februar), gegen deren Beschlüsse selbst nach uns-
rem Manifest "im Prinzip keine ernsthaften Einwendungen erhoben
werden können".
4. Durch diese Beschlüsse wurde das vom Londoner Kongreß den Pos-
sibilisten gegebene Mandat in vollem Umfange angenommen und be-
stätigt; nur unter der einzigen Bedingung, daß die letzteren ih-
ren Anspruch, den künftigen Kongreß zu beherrschen, aufgeben
sollten. Die Belgier, Holländer, Deutschen, Schweizer und selbst
die nichtpossibilistischen Franzosen erklärten ihre Bereitschaft,
zu dem von den Possibilisten einberufenen Kongreß zu kommen, vor-
ausgesetzt, daß sie zu einem f r e i e n Kongreß kämen. Damit
stellten sie also eine einzige Bedingung, aber das war eine Be-
dingung, die hätte selbstverständlich und niemals umstritten sein
müssen.
5. Trotzdem weigern sich die Possibilisten, diese Beschlüsse zu
akzeptieren und bieten in den folgenden Zirkularen rein verbale
Zugeständnisse
#543# Aufzeichnungen und Dokumente
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an, die in Wirklichkeit auf nichts hinauslaufen. Die Hauptsache -
die Souveränität des Kongresses hinsichtlich all seiner internen
Angelegenheiten -räumen sie nicht ein; Verhandlungen wurden er-
gebnislos bis Ende April weiter geführt.
6. Schließlich, da die Possibilisten es ablehnten, eine klare und
bindende Antwort zu geben, die gegen eine Wiederholung der skan-
dalösen Behandlung des Londoner Kongresses durch seine Einberufer
Sicherheit gab, berufen die französischen Kollektivisten mit Zu-
stimmung mehrerer nationaler Organisationen den in Bordeaux und
Troyes beschlossenen Kongreß für den 14. Juli ein.
7. Die große Mehrheit der sozialistischen Organisationen und der
sozialistischen Vertreter Europas stimmten diesem Kongreß, wie
der Anhang zeigt, zu, da sie es ablehnen, der Welt zum zweiten
Male das Schauspiel eines Arbeiterkongresses zu bieten, der nur
geduldet wird und an Reglements gebunden ist, die ihm von seinen
Einberufern aufgezwungen werden.
Das Londoner Mandat, das von der Haager Konferenz akzeptiert wor-
den war, ist durch die Possibilisten selbst in Stücke gerissen
worden, als sie es zum Vorwand für ihren Anspruch nicht nur auf
die Organisation, sondern auch auf die Kontrolle und Leitung des
künftigen Kongresses machten.
Und nun erlaube ich mir mit den Worten des Manifests zu sagen:
"Genossen und Mitbürger, das sind die Tatsachen. Es ist an euch,
dafür zu sorgen, daß eurer Sache, der Sache der Arbeiter der
Welt, nicht wissentlich Schaden zugefügt wird durch jene, die die
ersten sein sollten, ihre persönlichen Eifersüchteleien zu unter-
drücken um der Sache des Sozialismus willen."
1. Juni 1889
Nach der Broschüre:
"The International Working Men's Congress of 1889".
Aus dem Englischen.
#544# Beilagen
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10.
Bekanntmachung über die Einberufung des Internationalen
Sozialistischen Arbeiterkongresses [490]
["Der Sozialdemokrat" Nr. 22 vom 1. Juni 1889]
Arbeiter und Sozialisten Europas und Amerikas!
Der Arbeiterkongreß von Bordeaux, der von 200 Syndikatskammern
aus den verschiedenen Industriezentren Frankreichs beschickt war,
und der Kongreß von Troyes, der von 300 Arbeitervereinen und so-
zialistischen Gruppen beschickt war, die die Arbeiterklasse und
den revolutionären Sozialismus Frankreichs in seiner Mehrheit
vertraten, beschlossen, im Laufe der Weltausstellung einen Inter-
nationalen Kongreß in Paris einzuberufen, der den Arbeitern der
ganzen Welt offenstehen soll.
Diese Resolution wurde von den Sozialisten Europas und Amerikas
freudig begrüßt, in froher Genugtuung, sich versammeln und die
Forderungen der Arbeiterklasse in bezug auf die Frage der Inter-
nationalen Arbeitsgesetzgebung formulieren zu können, die auf der
Berner Konferenz, welche von den Vertretern der Regierungen im
September abgehalten werden wird, beraten werden soll.
Die Kapitalisten laden die Reichen und Mächtigen zu der Welt-
ausstellung ein, die Werke der Arbeiter zu betrachten und zu
bewundern, die inmitten des kolossalsten Reichtums, den je eine
menschliche Gesellschaft besessen, zum Elend verurteilt sind. Wir
Sozialisten, deren Streben die Befreiung der Arbeit, die Abschaf-
fung der Lohnsklaverei und die Errichtung eines Gesellschaftszu-
standes ist, in dem alle Arbeiter - ohne Unterschied des Ge-
schlechtes und der Nationalität - ein Recht auf den durch ihre
gemeinsame Arbeit geschaffenen Reichtum haben - wir laden die
wirklichen Produzenten ein, mit uns am 14. Juli in Paris zusam-
menzutreffen.
Wir laden sie ein, das Band der Brüderlichkeit zu festigen, das,
indem es die Proletarier aller Länder in ihrem Kampfe stärkt, den
Beginn der neuen Welt beschleunigen wird.
Arbeiter aller Länder, vereinigt euch!
Die Unterschriften von Amerika, sowie verschiedene andere, die
zugesagt, aber noch nicht eingetroffen sind, werden in einem spä-
teren Zirkular veröffentlicht werden.
Die Delegierten werden ersucht, ihre Ankunft mindestens eine Wo-
che vor Eröffnung des Kongresses anzumelden, damit das Organisa-
tionskomitee
#545# Aufzeichnungen und Dokumente
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die nötigen Anordnungen für ihre Unterbringung (Wohnung und Kost)
und ihren Empfang am Bahnhof treffen kann.
Die Unterschriften lauten:
Österreich. Für die sozialistische Arbeiterpartei: J. Popp, V.
Adler, E. Kralik, A. Zinnram, N. Hoffmann, A. Kreutzer, J. Win-
zig, G. Popper (Wien), J. Mackart, H. Flöckinger, K. Sams (Inns-
bruck), A. Weiguny, J. Siegl (Linz), A. Friemel, V. Wiener, T.
Heinz, A. Bocek (Steyr), K. Schneeweiß, A. Sobotka, A. Klofác, J.
Hybes (Brünn), V. Sturc, F. Dosek, T. Nemecek (Prag), T. Zed-
nícek, R. Zahálka (Proßnitz), A. Gerin, C. Ucekar, J. Lax
(Triest), J. Daniluk (Lemberg), T. Adenau (Klagenfurt), E. Rieger
(Bratzan), J.Zimmermann (Jägerndorf).
Belgien. Für die sozialistische Arbeiterpartei Gents: E. Anseele,
E. Van Beveren.
Frankreich. Für die Föderation der Syndikatskammern und Arbeiter-
vereine Frankreichs: R. La vigne. Für die sozialistische Födera-
tion Frankreichs: G. Batisse.
Großbritannien. R.B. Cunninghame Graham, Parlamentsmitglied. Für
die Sozialistische Liga: William Morris, F. Kitz. Für den Arbei-
ter-Wahlverband: W. Parnell (Sekretär), G. Bateman, H. Champion,
Tom Mann.
Für den Bergarbeiterbund von Ayrshire: J. Keir Hardie.
Deutschland. Für die sozialdemokratische Arbeiterpartei Deutsch-
lands: Bebel, Frohme, Grillenberger, Harm, Kühn, Liebknecht, Mei-
ster, Sabor, Singer, Schumacher, Mitglieder des Reichstags.
Holland. Für die niederländische sozialdemokratische Arbeiterpar-
tei: Domela Nieuwenhuis, Croll.
Italien. Für die revolutionär-sozialistischen Organisationen:
Amilcare Cipriani.
Polen. S. Mendelson, für die Zeitschrift "Walka Klas" (Klassen-
kampf); W. Anielewski, für das Warschauer Arbeiterkomitee.
Portugal. Für die sozialistischen Arbeitervereine: Carvalho. Ruß-
land. Stepniak.
Spanien. Für die spanische sozialistische Arbeiterpartei: Pablo
Iglesias, F. Diego.
Schweiz. Brandt, Vizepräsident des Grütlivereins. Für die
schweizerische sozialdemokratische Partei: A. Reichel, A. Steck.
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