Quelle: MEW 24 Das Kapital - Zweiter Band
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Zweiter Abschnitt
Der Umschlag des Kapitals
SIEBENTES KAPITEL
Umschlagszeit und Umschlagszahl
Man hat gesehn: Die gesamte Zirkulationszeit eines gegebnen Kapi-
tals ist gleich der Summe seiner Umlaufszeit und seiner Produkti-
onszeit. Es ist der Zeitabschnitt von dem Augenblick des Vor-
schusses des Kapitalwerts in einer bestimmten Form bis zur Rück-
kehr des prozessierenden Kapitalwerts in derselben Form.
Der bestimmende Zweck der kapitalistischen Produktion ist stets
Verwertung des vorgeschoßnen Werts, ob dieser Wert nun in seiner
selbständigen Form, d.h. in der Geldform vorgeschossen sei, oder
in Ware, so daß seine Wertform im Preis der vorgeschoßnen Waren
nur ideelle Selbständigkeit besitzt. In beiden Fällen durchläuft
dieser Kapitalwert während seines Kreislaufs verschiedne Exi-
stenzformen. Seine Identität mit sich selbst wird konstatiert in
den Büchern des Kapitalisten oder in der Form des Rechengelds. Ob
wir die Form G... G' nehmen oder die Form P... P, beide Formen
schließen ein, 1. daß der vorgeschoßne Wert als Kapitalwert fun-
giert und sich verwertet hat; 2. daß er zu der Form, worin er
seinen Prozeß begann, nach Beschreibung desselben zurückgekehrt
ist. Die Verwertung des vorgeschoßnen Werts G und zugleich die
Rückkehr des Kapitals zu dieser Form (der Geldform) ist hand-
greiflich sichtbar in G... G'. Aber dasselbe findet in der zwei-
ten Form statt. Denn der Ausgangspunkt von P ist das Vorhanden-
sein der Produktionseleinente, Waren von gegebnem Wert. Die Form
schließt die Verwertung dieses Werts ein (W' und G') und die
Rückkehr zu der ursprünglichen Form, denn im zweiten P besitzt
der vorgeschoßne Wert wieder die Form der Produktionselemente,
worin er ursplich vorgeschossen war.
#155# 7. Kapitel - Umschlagszeit und Umschlagszahl
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Man hat früher gesehn: "Hat die Produktion kapitalistische Form,
so die Reproduktion. Wie in der kapitalistischen Produktionsweise
der Arbeitsprozeß nur als ein Mittel für den Verwertungsprozeß
erscheint, so die Reproduktion nur als ein Mittel, den vorge-
schoßnen Wert als Kapital zu reproduzieren, d.h. als sich ver-
wertenden Wert." (Buch I, Kap. XXI, S. 588. 1*))
Die drei Formen 1) G... G', II) P... P und III) W'... W' unter-
scheiden sich dadurch: In Form II (P... P) ist die Wiedererneu-
rung des Prozesses, der Reproduktionsprozeß, als wirklich, in
Form 1 aber nur der Möglichkeit nach ausgedruckt. Aber beide un-
terscheiden sich dadurch von Form III, daß der vorgeschoßne Kapi-
talwert - sei es als Geld, sei es in der Gestalt der stofflichen
Produktionselemente - den Ausgangspunkt bildet und daher auch den
Punkt der Rückkehr. In G... G' ist die Rückkehr G'= G + g. Wird
der Prozeß auf derselben Stufenleiter erneuert, so bildet G wie-
der den Ausgangspunkt und g geht nicht in ihn ein, sondern zeigt
uns nur, daß G sich als Kapital verwertet und daher einen Mehr-
wert g erzeugt, aber von sich abgestoßen hat. In der Form P... P
bildet der in der Form der Produktionselemente P vorgeschoßne Ka-
pitalwert ebenfalls den Ausgangspunkt. Die Form schließt seine
Verwertung ein. Findet einfache Reproduktion statt, so fängt der-
selbe Kapitalwert, in derselben Form P, seinen Prozeß von neuem
an. Findet Akkumulation statt, so eröffnet P' (der Wertgröße nach
= G' = W') jetzt als vergrößerter Kapitalwert den Prozeß. Aber er
beginnt wieder mit dem vorgeschoßnen Kapitalwert in der anfängli-
chen Form, wenn auch mit größrem Kapitalwert als vorher. Dagegen
in Form III beginnt der Kapitalwert nicht als vorgeschoßner den
Prozeß, sondern als bereits verwerteter, als der gesamte in der
Form von Waren befindliche Reichtum, wovon der vorgeschoßne Kapi-
talwert nur ein Teil. Die letztre Form ist wichtig für den drit-
ten Abschnitt, wo die Bewegung der Einzelkapitale im Zusammenhang
mit der Bewegung des gesellschaftlichen Gesamtkapitals aufgefaßt
wird. Sie ist dagegen nicht zu benutzen für den Umschlag des Ka-
pitals, der stets beginnt mit dem Vorschuß von Kapitalwert, sei
es in Form von Geld oder Ware, und stets die Rückkehr des krei-
senden Kapitalwerts bedingt in der Form, worin er vorgeschossen
war. Von den Kreisläufen I und II ist der erstre festzuhalten,
soweit hauptsächlich der Einfluß des Umschlags auf Mehrwertbil-
dung ins Auge gefaßt wird; der zweite, soweit sein Einfluß auf
Produktbildung.
So wenig die Ökonomen die verschiednen Formen der Kreisläufe ge-
schieden, so wenig haben sie dieselben mit Bezug auf den Umschlag
des
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1*) Siehe Band 23 unserer Ausgabe, S. 591
#156# II. Abschnitt - Der Umschlag des Kapitals
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Kapitals getrennt betrachtet. Gewöhnlich wird die Form G... G'
genommen, weil sie den einzelnen Kapitalisten beherrscht und ihm
bei seiner Rechnung dient, selbst wenn das Geld nur in der Ge-
stalt des Rechengelds Ausgangspunkt bildet. Andre gehn von der
Auslage in Form der Produktionselemente aus, bis Rückfluß er-
folgt, wobei von der Form des Rückflusses, ob in Ware oder Geld,
gar nicht die Rede. Z.B.:
"Der ökonomische Zyklus,... d.h. der ganze Verlauf der Produk-
tion, von der Zeit, wo die Auslage gemacht wird, bis der Rückfluß
erfolgt ist." (Economic Cycle,... the whole course of production,
from the time that outlays are made till returns are received. In
agriculture seedtime is its commencement, and harvesting its en-
ding. 1*) - S. P. Newman, "Elements of Pol. Econ.", Andover and
New York, p. 81.)
Andre beginnen mit W' (III. Form):
"Die Welt des Produktionsverkehrs kann angesehn werden als umlau-
fend in einem Kreise, den wir einen ökonomischen Zyklus nennen
wollen, und worin sie je einen Umlauf vollbracht hat, sobald das
Geschäft, nach Vollzug seiner sukzessiven Transaktionen, wieder
ankommt bei dem Punkt, wovon es ausgegangen. Der Anfang kann da-
tiert werden von dem Punkt, wo der Kapitalist die eine erhalten
hat, vermittelst deren ihm sein Kapital zurückfließt; von welchem
Punkt an er von neuem dazu schreitet, seine Arbeiter anzuwerben
und ihnen ihren Unterhalt, oder vielmehr die Macht, ihn anzu-
schaffen, in Arbeitslohn auszuteilen; von ihnen die Artikel fer-
tiggestellt zu erhalten, in denen er macht, diese Artikel auf den
Markt zu bringen und dort den Kreislauf dieser einen Reihe von
Bewegungen zum Abschluß zu bringen, indem er verkauft und im Er-
lös der Ware eine Wiedererstattung seiner ganzen Kapitalauslage
empfängt." (Th. Chalmers, "On. Pol. Econ.", 2nd ed., Glasgow
1832, p. 85.)
Sobald der gesamte Kapitalwert, den ein individueller Kapitalist
in einem beliebigen Produktionszweig anlegt, den Kreislauf seiner
Bewegung beschrieben hat, befindet er sich wieder in seiner An-
fangsform und kann nun denselben Prozeß wiederholen. Er muß ihn
wiederholen, soll der Wert sich als Kapitalwert verewigen und
verwerten. Der einzelne Kreislauf bildet im Leben des Kapitals
nur einen Abschnitt, der sich beständig wiederholt, also eine Pe-
riode. Am Abschluß der Periode G... G' befindet sich das Kapital
wieder in der Form des Geldkapitals, das die Reihe der Formver-
wandlungen, worin sein Reproduktions- resp. Verwertungsprozeß
einbegriffen ist, von neuem durchläuft. Beim Abschluß der Periode
P... P befindet das Kapital sich wieder in der Form der Produkti-
onselemente, welche die Voraussetzung seines erneuerten Kreis-
laufs bilden. Der Kreislauf des Kapitals, nicht als vereinzelter
Vorgang, sondern als periodischer Prozeß
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1*) Im Ackerbau ist die Zeit der Aussaat sein Anfang und die
Ernte sein Ende.
#157# 7. Kapitel - Umschlagszeit und Umschlagszahl
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bestimmt, heißt sein Umschlag. Die Dauer dieses Umschlags ist ge-
geben durch die Summe seiner Produktionszeit und seiner Umlaufs-
zeit. Diese Zeitsumme bildet die Umschlagszeit des Kapitals. Sie
mißt daher den Zwischenraum zwischen einer Kreislaufsperiode des
gesamten Kapitalwerts und der nächstfolgenden; die Periodizität
im Lebensprozeß des Kapitals, oder wenn man will, die Zeit der
Erneuerung, Wiederholung des Verwertungs- resp. Produktionspro-
zesses desselben Kapitalwerts. Abgesehn von den individuellen
Abenteuern, die für ein einzelnes Kapital die Umschlagszeit be-
schleunigen oder abkürzen mögen, ist die Umschlagszeit der Kapi-
tale verschieden je nach ihren verschiednen Anlagesphären. Wie
der Arbeitstag die natürliche Maßeinheit für die Funktion der Ar-
beitskraft, bildet das Jahr die natürliche Maßeinheit für die Um-
schläge des prozessierenden Kapitals. Die Naturbasis dieser Maß-
einheit liegt darin, daß die wichtigsten Erdfrüchte der gemäßig-
ten Zone, welche das Mutterland der kapitalistischen Produktion
ist, jährliche Produkte sind.
Nennen wir das Jahr als Maßeinheit der Umschlagszeit U, die Um-
schlagszeit eines bestimmten Kapitals u, die Anzahl seiner Um-
schläge n, so ist n = U/u. Beträgt also z.B. die Umschlagszeit u
3 Monate, so n = 12/3 = 4;
das Kapital vollzieht 4 Umschläge im Jahr oder schlägt viermal
um. Ist u = 18 Monate, so n = 12/18 = 2/3 oder das Kapital legt
in einem Jahr nur 2/3 seiner Umschlagszeit zurück. Beträgt seine
Umschlagszeit mehrere Jahre, so wird sie also nach Vielfachen ei-
nes Jahres berechnet. Für den Kapitalisten ist die Umschlagszeit
seines Kapitals die Zeit, während deren er sein Kapital vorschie-
ßen muß, um es zu verwerten und in der ursprünglichen Gestalt zu-
rückzuerhalten.
Bevor wir den Einfluß des Umschlags auf den Produktions- und Ver-
wertungsprozeß näher untersuchen, sind zwei neue Formen zu be-
trachten, die dem Kapital aus dem Zirkulationsprozeß anschießen
und auf die Form seines Umschlags einwirken.
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