Quelle: MEW 24 Das Kapital - Zweiter Band

       zurück

       #7#
       -----
       Vorwort
       
       Das zweite  Buch des "Kapital" druckfertig herzustellen, und zwar
       so, daß  es einerseits  als zusammenhängendes und möglichst abge-
       schloßnes Werk,  andrerseits aber  auch als  das  ausschließliche
       Werk des  Verfassers, nicht  des Herausgebers  dastand, war keine
       leichte Arbeit. Die große Zahl der vorhandnen, meist fragmentari-
       schen Bearbeitungen  erschwerte die  Aufgabe. Höchstens eine ein-
       zige (Manuskript  IV) war,  soweit sie  ging, durch  weg für  den
       Druck redigiert;  dafür aber auch der größte Teil durch Redaktio-
       nen aus späterer Zeit veraltet. Die Hauptmasse des Materials war,
       wenn auch  größtenteils sachlich, so doch nicht sprachlich fertig
       ausgearbeitet; abgefaßt  in der Sprache, worin Marx seine Auszüge
       anzufertigen pflegte: nachlässiger Stil, familiäre, oft derbhumo-
       ristische Ausdrücke  und Wendungen,  englische  und  französische
       technische Bezeichnungen,  oft ganze Sätze und selbst Seiten eng-
       lisch; es  ist Niederschrift  der Gedanken  in der  Form, wie sie
       sich jedesmal  im Kopf des Verfassers entwickelten. Neben einzel-
       nen, ausführlich dargestellten Partien andre, gleich wichtige nur
       angedeutet; das  Material  illustrierender  Tatsachen  gesammelt,
       aber kaum  gruppiert, geschweige verarbeitet; am Schluß der Kapi-
       tel, unter dem Drang zum nächsten zu kommen, oft nur ein paar ab-
       gerißne Sätze  als Marksteine  der hier unvollendet gelaßnen Ent-
       wicklung; endlich die bekannte, dem Verfasser selbst manchmal un-
       leserliche Handschrift.
       Ich habe mich damit begnügt, die Manuskripte so wörtlich wie mög-
       lich wiederzugeben,  am Stil  nur das  zu ändern, was Marx selbst
       geändert haben  würde, und  nur da  erläuternde Zwischensätze und
       Übergänge einzuschieben, wo dies absolut nötig und der Sinn oben-
       drein ganz  unzweifelhaft war.  Sätze, deren  Deutung nur im ent-
       ferntesten Zweifel  zuließ, sind  lieber ganz wörtlich abgedruckt
       worden. Die von mir herrührenden Umarbeitungen und Einschlebungen
       betragen im  ganzen noch keine zehn Druckseiten und sind nur for-
       meller Natur.
       
       #8# Vorwort
       -----
       Die bloße Aufzählung des von hinterlaßnen handschriftlichen Mate-
       rials zu  Buch II  beweist, mit  welcher Gewissenhaftigkeit ohne-
       gleichen, mit  welcher strengen Selbstkritik er seine großen öko-
       nomischen Entdeckungen bis zur äußersten Vollendung auszuarbeiten
       strebte, ehe  er sie  veröffentlichte; eine Selbstkritik, die ihn
       nur selten dazu kommen ließ, die Darstellung nach Inhalt und Form
       seinem stets  durch neue  Studien sich erweiternden Gesichtskreis
       anzupassen. Dies Material besteht nun aus folgendem.
       Zuerst ein  Manuskript "Zur  Kritik der  politischen  Oekonomie",
       1472 Quartseiten  in 23  Heften, geschrieben August 1861 bis Juni
       1863. Es  ist die Fortsetzung des 1859 in Berlin erschienenen er-
       sten Hefts  1*) desselben  Titels. Es  behandelt auf  Seite 1-220
       (Heft I-IV)  und dann wieder auf Seite 1159-1472 (Heft XIX-XXIII)
       die in  Buch I  des "Kapital"  untersuchten Themata, von der Ver-
       wandlung von  Geld in  Kapital bis  zum Schluß, und ist die erste
       vorhandne Redaktion  dafür. Die  Seiten 973-1158  (Heft  XVI  bis
       XVIII) handeln  von: Kapital und Profit, Profitrate, Kaufmannska-
       pital und  Geldkapital, also  von Thematen,  die später  im Manu-
       skript zu  Buch III  entwickelt sind.  Die in  Buch II sowie sehr
       viele später  in Buch  III behandelten  Themata sind dagegen noch
       nicht besonders  zusammengestellt. Sie werden nebenbei behandelt,
       namentlich in  dem Abschnitt, der den Hauptkörper des Manuskripts
       ausmacht: Seite 220-972 (Heft VI-XV): Theorien über den Mehrwert.
       Dieser Abschnitt  enthält eine  ausführhche kritische  Geschichte
       des Kernpunkts  der politischen  Ökonomie, der  Mehrwertstheorie,
       und entwickelt  daneben, in  polemischem Gegensatz zu den Vorgän-
       gern, die meisten der später im Manuskript zu Buch II und III be-
       sonders und  in logischem  Zusammenhang untersuchten  Punkte. Ich
       behalte mir vor, den kritischen Teil dieses Manuskripts, nach Be-
       seitigung der  zahlreichen durch Buch II und III bereits erledig-
       ten Stellen,  als Buch  IV des "Kapitals" zu veröffentlichen. [1]
       So wertvoll dies Manuskript, so wenig war es für die gegenwärtige
       Ausgabe des Buch II zu benutzen.
       Das dem  Datum nach  jetzt folgende  Manuskript ist  das von Buch
       III. Es  ist wenigstens  größtenteils 1864  und 1865 geschrieben.
       Erst nachdem dies im wesentlichen fertig, ging Marx an die Ausar-
       beitung von Buch I, des 1867 gedruckten ersten Bandes. Dies Manu-
       skript von Buch III bearbeite ich jetzt für den Druck.
       Aus der nächsten Periode - nach Erscheinen des Buch I - liegt vor
       für Buch  II eine  Sammlung von  vier Manuskripten  in Folio, von
       Marx selbst  I-IV numeriert. Davon ist Manuskript I (150 Seiten),
       vermutlich von 1865
       -----
       1*) Siehe Band 13 unserer Ausgabe, S. 3-160
       
       #9#
       -----
       Titelblatt der Erstausgabe
       
       #10#
       -----
       
       #11# Vorwort
       -----
       oder 1867  datierend, erste  selbständige, aber mehr oder weniger
       fragmentarische Bearbeitung  von Buch  II in seiner gegenwärtigen
       Einteilung. Auch hiervon war nichts benutzbar. Manuskript III be-
       steht teils  aus einer Zusammenstellung von Zitaten und Hinweisen
       auf Marx'  Auszugshefte - meist auf den ersten Abschnitt des Buch
       II bezüglich -, teils aus Bearbeitungen einzelner Punkte, nament-
       lich der  Kritik der A. Smithschen Sätze über fixes und zirkulie-
       rendes Kapital  und über die Quelle des Profits; ferner eine Dar-
       stellung des  Verhältnisses der Mehrwertsrate zur Profitrate, die
       in Buch  III gehört.  Die Hinweise lieferten wenig neue Ausbeute,
       die Ausarbeitungen  waren sowohl  für Buch  II wie Buch III durch
       spätere Redaktionen  überholt, mußten also auch meist beiseitege-
       legt werden.  - Manuskript  IV ist  eine druckfertige Bearbeitung
       des ersten,  und der  ersten Kapitel  des zweiten  Abschnitts von
       Buch II,  und ist da, wo es an die Reihe kommt, auch benutzt wor-
       den. Obwohl  sich herausstellte,  daß es  früher abgefaßt ist als
       Manuskript II,  so konnte  es doch, weil vollendeter in der Form,
       für den  betreffenden Teil  des Buchs mit Vorteil benutzt werden;
       es genügte,  aus Manuskript  II einige  Zusätze zu machen. - Dies
       letztre Manuskript  ist die  einzige einigermaßen  fertig vorlie-
       gende Bearbeitung des Buch II und datiert von 1870. Die gleich zu
       erwähnenden Notizen  für die  schließliche Redaktion  sagen  aus-
       drücklich: "Die zweite Bearbeitung muß zugrunde gelegt werden."
       Nach 1870 trat wieder eine Pause ein, bedingt hauptsächlich durch
       Krankheitszustände. Wie  gewöhnlich füllte  Marx diese Zeit durch
       Studien aus;  Agronomie, amerikanische  und namentlich  russische
       ländliche Verhältnisse,  Geldmarkt und  Bankwesen, endlich Natur-
       wissenschaften: Geologie  und Physiologie,  und namentlich  selb-
       ständige mathematische Arbeiten bilden den Inhalt der zahlreichen
       Auszugshefte aus  dieser Zeit.  Anfang 1877 fühlte er sich soweit
       hergestellt, daß  er wieder  an  seine  eigentliche  Arbeit  gehn
       konnte. Von Ende März 1877 datieren Hinweise und Notizen aus obi-
       gen vier Manuskripten als Grundlage einer Neubearbeitung von Buch
       II, deren  Anfang in  Manuskript V (56 Seiten Folio) vorliegt. Es
       umfaßt die  ersten vier Kapitel und ist noch wenig ausgearbeitet;
       wesentliche Punkte  werden in Noten unter dem Text behandelt; der
       Stoff ist  mehr gesammelt  als gesichtet,  aber es ist die letzte
       vollständige Darstellung  dieses wichtigsten Teils des ersten Ab-
       schnitts. -  Ein erster  Versuch, hieraus ein druckfertiges Manu-
       skript zu  machen, liegt  vor in Manuskript VI (nach Oktober 1977
       und vor  Juli 1878); nur 17 Quartseiten, den größten Teil des er-
       sten Kapitels umfassend, ein zweiter - der letzte - in Manuskript
       VII, "2. Juli 1878", nur 7 Folioseiten.
       
       #12# Vorwort
       -----
       Um diese  Zeit scheint  Marx sich  darüber klar geworden zu sein,
       daß ohne eine vollständige Revolution seines Gesundheitszustandes
       er nie  dahin kommen werde, eine ihm selbst genügende Bearbeitung
       des zweiten und dritten Buchs zu vollenden. In der Tat tragen die
       Manuskripte V-VIII  die Spuren gewaltsamen Ankampfs gegen nieder-
       drückende Krankheitszustände nur zu oft an sich. Das schwierigste
       Stück des  ersten Abschnitts  war in Manuskript V neu bearbeitet;
       der Rest  des ersten und der ganze zweite Abschnitt (mit Ausnahme
       des siebzehnten  Kapitels) boten  keine bedeutenden theoretischen
       Schwierigkeiten; der  dritte Abschnitt  dagegen, die Reproduktion
       und Zirkulation des gesellschaftlichen Kapitals, schien ihm einer
       Umarbeitung dringend  bedürftig. In Manuskript II war nämlich die
       Reproduktion behandelt  zuerst ohne Berücksichtigung der sie ver-
       mittelnden Geldzirkulation  und sodann nochmals mit Rücksicht auf
       diese. Dies sollte beseitigt und der ganze Abschnitt überhaupt so
       umgearbeitet werden,  daß er  dem erweiterten  Gesichtskreis  des
       Verfassers entsprach.  So entstand  Manuskript VIII, ein Heft von
       nur 70 Quartseiten; was Marx aber auf diesen Raum zusammenzudrän-
       gen verstand, beweist die Vergleichung von Abschnitt III im Druck
       nach Abzug  der aus Manuskript II eingeschobnen Stücke. Auch dies
       Manuskript ist  nur eine  vorläufige Behandlung  des Gegenstands,
       bei der es vor allem darauf ankam, die gewonnenen neuen Gesichts-
       punkte gegenüber  Manuskript II  festzustellen und zu entwickeln,
       unter Vernachlässigung der Punkte, über die nichts Neues zu sagen
       war. Auch ein wesentliches Stück von Kapitel XVII des zweiten Ab-
       schnitts, das ohnehin einigermaßen in den dritten Abschnitt über-
       greift, wird  wieder hineingezogen  und erweitert.  Die  logische
       Folge wird  öfters unterbrochen,  die Behandlung ist stellenweise
       lückenhaft und namentlich am Schluß ganz fragmentarisch. Aber was
       Marx sagen wollte, ist in dieser oder 'ener Weise darin gesagt.
       Das ist  das Material zu Buch II, woraus, nach einer Äußerung von
       Marx zu  seiner Tochter  Eleanor kurz vor seinem Tode, ich "etwas
       machen" sollte. Ich habe diesen Auftrag in seinen engsten Grenzen
       genommen; wo  irgend möglich,  habe ich meine Tätigkeit auf bloße
       Auswahl zwischen  den verschiednen  Redaktionen  beschränkt.  Und
       zwar so,  daß stets die letzte vorhandne Redaktion unter Verglei-
       chung der  frühern zugrunde  gelegt wurde.  Wirkliche, d.h. andre
       als bloß technische Schwierigkeiten boten dabei nur der erste und
       dritte Abschnitt,  diese aber auch nicht geringe. Ich habe sie zu
       lösen gesucht ausschließlich im Geist des Verfassers.
       Die Zitate  im Text habe ich meist übersetzt bei Belegen für Tat-
       sachen oder  wo, wie bei Stellen aus A. Smith, das Original iedem
       zu Gebot steht,
       
       #13# Vorwort
       -----
       der der  Sache auf  den Grund  kommen will.  Nur in Kapitel X war
       dies nicht  möglich, weil  hier direkt  der englische Text kriti-
       siert wird.  - Die  Zitate aus Buch I tragen die Seitenzahlen der
       zweiten Auflage, der letzten, die Marx noch erlebt hat.
       Für das  Buch III  liegt außer  der ersten  Bearbeitung im  Manu-
       skript: "Zur Kritik", den erwähnten Stücken in Manuskript III und
       einigen, in  Auszugsheften gelegentlich eingesprengten kurzen No-
       ten, nur  vor: das  erwähnte Manuskript  in Follo  von 1864-1865,
       ausgearbeitet in  ungefähr derselben  Vollständigkeit  wie  Manu-
       skript II  von Buch  II, und  endlich ein Heft von 1875: Das Ver-
       hältnis der  Mehrwertsrate zur Profitrate, mathematisch (in Glei-
       chungen) entwickelt.  Die Fertigstellung  dieses  Buchs  für  den
       Druck schreitet  rasch voran.  Soweit ich  bis  jetzt  beurteilen
       kann, wird  sie hauptsächlich  nur technische Schwierigkeiten ma-
       chen, mit Ausnahme freilich einiger sehr wichtigen Abschnitte.
       
                                     ---
       
       Es ist hier der Ort, eine Anklage gegen Marx zurückzuweisen, die,
       erst nur  leise und  vereinzelt erhoben, jetzt, nach seinem Tode,
       von deutschen  Katheder- und Staatssozialistent [2] und deren An-
       hang als  ausgemachte Tatsache  verkündet wird - die Anklage, als
       habe Marx  ein Plagiat an Rodbertus begangen. Ich habe bereits an
       andrer Stelle  das Dringendste  darüber gesagt 1), kann aber erst
       hier die entscheidenden Belege beibringen.
       Diese Anklage  findet sich  meines Wissens  zuerst in  R.  Meyers
       "Emancipationskampf des vierten Standes", S. 43:
       
       "Aus diesen  Publikationen" (den  bis in  die letzte  Hälfte  der
       dreißiger   Jahre    zurückdatierenden   von    Rodbertus)   "hat
       n a c h w e i s b a r   Marx den  größten Teil  seiner Kritik ge-
       schöpft."
       
       Ich darf  bis auf  weitern Nachweis  wohl annehmen, daß die ganze
       "Nachweisbarkeit" dieser  Behauptung darin besteht, daß Rodbertus
       dies Herrn  Meyer versichert  hat. -  1879 tritt Rodbertus selbst
       auf die  Bühne, und  schreibt an J. Zeller (Tübinger "Zeitschrift
       für die gesammte Staatswissensaaft" [3], 1879, S. 219) mit Bezie-
       hung auf  seine Schrift: Zur Erkenntniß unsrer staatswirthschaft-
       lichen Zustände" (1842) wie folgt:
       ---
       1) In  der Vorrede  zu: "Das  Elend der  Philosophie. Antwort auf
       Proudhons Philosophie  des Elends", von Karl Marx. Deutsch von E.
       Bernstein und K. Kautsky. Stuttgart 1885. 1*)
       -----
       1*) Siehe Band 4 unserer Ausgabe, S. 558-569
       
       #14# Vorwort
       -----
       "Sie werden  finden, daß  derselbe" (der darin entwickelte Gedan-
       kengang) "schon ganz hübsch von Marx... benutzt worden ist, frei-
       lich ohne mich zu zitieren."
       
       Was ihm  denn auch sein posthumer Herausgeber Th. Kozak ohne wei-
       teres nachplappert.  ("Das Kapital"  von Rodbertus.  Berlin  18M.
       Einleitung, S. XV.) - Endlich, in den von R. Meyer 1881 herausge-
       gebnen "Briefen  und socialpolitischen  Aufsätzen von Dr. Rodber-
       tus-Jagetzow", sagt Rodbertus geradezu:
       
       "heute finde  ich mich von Schäffle und Marx geplündert, ohne daß
       ich genannt werde". (Brief Nr. 60, S. 134.)
       
       Und an  einer andern Stelle nimmt Rodbertus' Anspruch bestimmtere
       Gestalt an:
       
       "Woraus    der         M e h r w e r t        des    Kapitalisten
       e n t s p r i n g t,   habe ich  in meinem 3. sozialen Brief  i m
       w e s e n t l i c h e n   e b e n s o   wie Marx,  nur kurzer und
       klarer ggezeigt." (Brief Nr. 48, S. 111.)
       
       Von allen diesen Anklagen auf Plagiat hatte Marx nie etwas erfah-
       ren. In seinem Exemplar des "Emancipationskampfs" war nur der die
       Internationale betreffende  Teil aufgeschnitten, das Aufschneiden
       des übrigen  habe ich  selbst erst  nach seinem Tode besorgt. Die
       Tübinger Zeitschrift sah er nie an. Die "Briefe etc." an R. Meyer
       blieben ihm  ebenfalls unbekannt,  und bin ich auf die Stelle von
       wegen der  "Plünderung" erst  1884 durch  die Güte  des Herrn Dr.
       Meyer selbst  aufmerksam gemacht worden. Dagegen den Brief Nr. 48
       kannte Marx; Herr Meyer hatte die Gefälligkeit gehabt, das Origi-
       nal der  jüngsten Tochter  von Marx zu schenken. Marx, dem aller-
       dings einiges  geheimnisvolle Gemunkel  über die bei Rodbertus zu
       suchende geheime  Quelle seiner  Kritik zu  Ohren  gekommen  war,
       zeigte ihn  mir mit der Bemerkung: Hier habe er endlich authenti-
       sche Auskunft  darüber, was Rodbertus selbst beanspruche; wenn er
       weiter nichts  behaupte, so  könne dies  ihm, Marx,  schon  recht
       sein; und  daß Rodbertus  seine eigne  Darstellung für die kürzre
       und klarere  halte, dies  Vergnügen könne  er ihm auch lassen. In
       der Tat hielt er durch diesen Brief von Rodbertus die ganze Sache
       für erledigt.
       Er konnte  dies um  so eher,  als ihm,  wie ich positiv weiß, die
       ganze literarische  Tätigkeit von  Rodbertus unbekannt  geblieben
       war bis  gegen 1859, wo seine eigne Kritik der politischen Ökono-
       mie nicht  nur in den Grundzügen, sondern auch in den wichtigsten
       Einzelheiten fertig  war. Er  begann seine  ökonomischen  Studien
       1843 in  Paris mit  den großen  Engländern und Franzosen; von den
       Deutschen kannte  er nur  Rau und  List und hatte genug an ihnen.
       Weder Marx noch ich erfuhren von der stenz von Rodbertus
       
       #15# Vorwort
       -----
       ein Wort,  bis wir  1848 in der "Neuen Rheinischen Zeitung" seine
       Reden als Berliner Abgeordneter und seine Handlungen als Minister
       zu kritisieren  hatten. Wir waren so unwissend, daß wir die rhei-
       nischen Abgeordneten befrugen, wer denn dieser Rodbertus sei, der
       so plötzlich Minister geworden. Aber auch diese wußten nichts von
       den ökonomischen  Schriften Rodbertus'  zu verraten. Daß, dagegen
       Marx, auch  ohne Rodbertus'  Hilfe, schon  damals sehr gut wußte,
       nicht nur woher, sondern auch  w i e  der "Mehrwert des Kapitali-
       sten entspringt",  beweisen die  "Misère de la Philosophie", 1847
       1*) und  die 1847  in Brüssel  gehaltnen und  1849 in  der "Neuen
       Rheinischen Zeitung",  Nr. 264-269 2*), veröffentlichten Vorträge
       über Lohnarbeit  und Kapital. Erst durch Lassalle erfuhr Marx ge-
       gen 1859,  daß es  auch einen  Ökonomen Rodbertus  gebe, und fand
       dann dessen "dritten sozialen Brief" auf dem Britischen Museum.
       Dies der  tatsächliche Zusammenhang. Wie steht es nun mit dem In-
       halt, um den Marx den Rodbertus "geplündert" haben soll?
       
       "Woraus der  Mehrwert des  Kapitalisten entspringt", sagt Rodber-
       tus, "habe  ich in  meinem 3. sozialen Brief ebenso wie Marx, nur
       kürzer und klarer gezeigt."
       
       Also das  ist der  Kernpunkt: die Mehrwertstheorie; und es ist in
       der Tat nicht zu sagen, was sonst Rodbertus bei Marx als sein Ei-
       gentum allenfalls reklamieren könnte. Rodbertus erklärt sich hier
       also für  den wirklichen  Urheber der  Mehrwertstheorie, die Marx
       ihm geplündert  habe. Und  was sagt  uns der 3. soziale Brief [4]
       über die  Entstehung des Mehrwerts? Einfach, daß die "Rente", wie
       er  Bodenrente   und  Profit   zusammenfaßt,  nicht   aus   einem
       "Wertzuschlag" auf den Wert der Ware entstehe, sondern
       
       "infolge eines Wertabzugs, den der Arbeitslohn erleidet, mit and-
       ren Worten:  weil der  Arbeitslohn nur  einen Teil  des Werts des
       Produkts beträgt",
       
       und bei hinreichender Produktivität der Arbeit
       
       "nicht äqual  dem natürl;chen  Tauschwert ihres  Produkts zu sein
       braucht, damit von diesem noch zu Kapitalersatz (!) und Rente üb-
       rig bleibt".
       
       Wobei uns nicht gesagt wird, was das für ein "natürlicher Tausch-
       wert" des  Produkts ist,  bei dem  zu "Kapitalersatz",  also doch
       wohl Ersatz  des Rohstoffs  und des  Verschleißes  der  Werkzeuge
       nichts übrig bleibt.
       Glücklicherweise ist  uns vergönrt  zu konstatieren, welchen Ein-
       druck diese epochemachende Entdeckung Rodbertus' auf Marx machte.
       Im
       -----
       1*) Siehe  Band 4unserer Ausgabe, S. 63-182 -2*) siehe Band 6 un-
       serer Ausgabe, S. 397 bis 423
       
       #16# Vorwort
       -----
       Manuskript: "Zur  Kritik etc."  findet sich in Heft X, S. 445 ff.
       1*) eine  "Abschweifung. Herr  Rodbertus. Eine  neue Grundrenten-
       theorie". Nur unter diesem Gesichtspunkt wird hier der dritte so-
       ziale Brief  betrachtet. Die  Rodbertussche Mehrwertstheorie  irn
       allgemeinen wird  erledigt mit  der ironischen  Bemerkung:  "Herr
       Rodbertus untersucht  erst, wie  es in  einem Lande  aussieht, wo
       Grund- und  Kapitalbesitz nicht  geschieden sind,  und kommt dann
       zum wichtigen  Resultat, daß  die Rente  (worunter er  den ganzen
       Mehrwert versteht)  bloß gleich  der unbezahlten  Arbeit oder dem
       Quantum von Produkten ist, worin sie sich darstellt."
       Die kapitalistische Menschheit hat nun schon verschiedliche Jahr-
       hunderte lang  Mehrwert produziert  und ist allmählich auch dahin
       gekommen, sich über dessen Entstehung Gedanken zu machen. Die er-
       ste Ansicht  war die  aus der unmittelbaren kaufmännischen Praxis
       entspringende: der  Mehrwert entstehe aus einem Aufschlag auf den
       Wert des  Produkts. Sie  herrschte unter den Merkantilisten, aber
       schon James Steuart sah ein, daß dabei, was der eine gewinnt, der
       andre notwendig  verlieren muß. Trotzdem spukt diese Ansicht noch
       lange fort,  namentlich unter  Sozialisten; aus  der  klassischen
       Wissenschaft wird sie aber verdrängt durch A. Smith.
       Bei ihm heißt es, "Wealth of Nations", b. I, ch. VI:
       
       "Sobald Kapital  (stock) sich angehäuft hat in den Händen einzel-
       ner, werden  einige darunter  es  natürlicherweise  anwenden,  um
       fleißige Leute  an die  Arbeit zu setzen und diesen Rohstoffe und
       Lebensmittel zu  liefern, um durch den Verkauf der Produkte ihrer
       Arbeit, oder  durch   d a s   w a s   i h r e  A r b e i t  d e m
       W e r t   j e n e r    R o h s t o f f e    h i n z u g e f ü g t
       h a t,   einen   P r o f i t  zu machen... Der  W e r t,  den die
       Arbeiter  d e n  R o h s t o f f e n  z u s e t z e n,  löst sich
       hier in   z w e i   T e i l e   auf,  wovon der  eine   i h r e n
       L o h n     zahlt,  der   andre   den      P r o f i t      d e s
       B e s c h ä f t i g e r s  auf den n von ihm vorgeschoßnen Betrag
       von Rohstoffen und Arbeitslöhnen."
       
       Und etwas weiter:
       
       "Sobald der  Boden eines Landes durchweg Privateigentum geworden,
       lieben es  die Grundbesitzer  wie andre Leute auch, zu ernten, wo
       sie nicht  gesäet, und fordern Bodenrente selbst für die natürli-
       chen Erzeugnisse  des Bodens...  Der Arbeiter... muß dem Grundbe-
       sitzer   e i n e n   A n t e i l   von dem  a b t r e t e n,  was
       seine  A r b e i t  gesammelt oder produziert hat. Dieser Anteil,
       oder  was   dasselbe,  der   Preis  dieses   Anteils,  macht  die
       B o d e n r e n t e  aus."
       
       Zu dieser  Stelle bemerkt  Marx in dem erwähnten Manuskript: "Zur
       Kritik etc.",  S. 253:  A. Smith  faßt also den Mehrwert, nämlich
       die Surplusarbeit, den Überschuß der verrichteten und in der Ware
       vergegenständlichten
       -----
       1*) Siehe  Band 26  unserer Ausgabe,  2. Teil,  S. 7  ff.  -  2*)
       ebenda, 1. Teil, S. 53
       
       #17# Vorwort
       -----
       Arbeit  ü b e r  die bezahlte Arbeit hinaus, also über die Arbeit
       hinaus,  die  ihr  Äquivalent  im  Lohn  erhalten  hat,  als  die
       a l l g e m e i n e   K a t e g o r i e  auf, wovon der eigentli-
       che Profit  und die  Grundrente nur Abzweigungen." Ferner sagt A.
       Smith, b. I, ch. VIII:
       
       "Sobald der  Boden Privateigentum geworden, verlangt der Grundbe-
       sitzer einen  Anteil fast aller Produkte, die der Arbeiter darauf
       erzeugen  oder   einsammeln  kann.  Seine  Bodenrente  macht  den
       e r s t e n   A b z u g   vom  P r o d u k t  d e r  a u f  d e n
       B o d e n   v e r w a n d t e n   A r b e i t   aus. Aber der Be-
       bauer des  Bodens hat selten die Mittel, sich bis zur Einbringung
       der Ernte  zu erhalten. Sein Unterhalt wird ihm gewöhnlich vorge-
       schossen aus  dem Kapital  (steck) eines Beschäftigers, des Päch-
       ters, der kein Interesse hätte ihn zu beschäftigen, wenn er nicht
       d a s   P r o d u k t   s e i n e r   A r b e i t   m i t   i h m
       t e i l t e,  oder sein Kapital ihm ersetzt würde samt einem Pro-
       fit. Dieser  Profit macht   e i n e n   z w e i t e n   A b z u g
       von der  auf Boden  verwandten Arbeit. Das Produkt fast aller Ar-
       beit ist  demselben Abzug  für Profit unterworfen. In allen Indu-
       strien bedürfen  die meisten Arbeiter eines Beschäftigers, um ih-
       nen bis  zur Vollendung  der Arbeit  Rohstoff und Arbeitslohn und
       Unterhalt vorzuschießen.  Dieser Beschäftiger  t e i l t  mit ih-
       nen das   P r o d u k t   i h r e r  A r b e i t,  oder den Wert,
       den diese  den verarbeiteten Rohstoffen zufügt, und in diesem An-
       teil besteht sein Profit."
       
       Marx hierzu  (Manuskript, S.  256 1*)):  "Hier also bezeichnet A.
       Smith in  dürren Worten  Grundrente und  Profit des  Kapitals als
       bloße   A b z ü g e   von dem  Produkt des Arbeiters oder von dem
       Wert seines  Produkts, gleich der von ihm dem Rohstoff zugefügten
       Arbeit. Dieser  Abzug kann  aber, wie A. Smith früher selbst aus-
       einandergesetzt, nur bestehn aus dem Teil der Arbeit, den der Ar-
       beiter den  Stoffen zusetzt  über das Arbeitsquantum hinaus, wel-
       ches nur  seinen Lohn  zahlt oder  nur ein  Äquivalent für seinen
       Lohn liefert  - also  aus der  Surplusarbeit, aus dem unbezahlten
       Teil seiner Arbeit."
       "Woraus der  Mehrwert des  Kapitalisten entspringt" und obendrein
       der des  Grundeigentümers, hat  also schon  A. Smith gewußt; Marx
       erkennt dies  schon 1861 aufrichtig an, während Rodbertus und der
       Schwarm seiner unter dem warmen Sommerregen des Staatssozialismus
       wie Pilze  emporschießenden Verehrer  es total vergessen zu haben
       scheint.
       "Dennoch", fährt  Marx fort,  "hat Smith den Mehrwert als solchen
       nicht als  eigne Kategorie  geschieden von  den besondren Formen,
       die er  in Profit  und Grundrente erhält. Daher bei ihm, wie noch
       mehr bei  Ricardo, viel Irrtum und Mangelhaftigkeit in der Unter-
       suchung." 2*)  - Dieser  Satz paßt  wörtlich auf Rodbertus. Seine
       "Rente" ist  einfach die  Summe von  Bodenrente + Profit; von der
       Bodenrente macht er sich eine total falsche
       -----
       1*) Ebenda, S. 56 - 1*) ebenda, S. 53
       
       #18# Vorwort
       -----
       Theorie, den  Profit nimmt er unbesehn wie er ihn bei seinen Vor-
       gängern   findet.    -   Marx'    Mehrwert   dagegen    ist   die
       a l l g e m e i n e  F o r m  der ohne Äquivalent von den Eignern
       der Produktionsmittel  angeeigneten Wertsumme, die sich nach ganz
       eigentümlichen, erst  von Marx entdeckten Gesetzen in die besond-
       ren, verwandelten Formen von Profit und Bodenrente spaltet. Diese
       Gesetze werden  entwickelt in Buch III, wo sich erst zeigen wird,
       wie viele  Mittelglieder nötig sind, um vom Verständnis des Mehr-
       werts im allgemeinen zum Verständnis seiner Verwandlung in Profit
       und Grundrente,  also zum  Verständnis der Gesetze der Verteilung
       des Mehrwerts innerhalb der Kapitahstenklasse zu kommen.
       Ricardo geht  schon bedeutend  weiter als  A. Smith. Er begründet
       seine Auffassung  des Mehrwerts  auf eine neue, bei A. Smith zwar
       schon im Keim vorhandne, aber in der Ausführung fast immer wieder
       vergeßne Werttheorie,  die der  Ausgangspunkt aller nachfolgenden
       ökonomischen Wissenschaft geworden. Aus der Bestimmung des Waren-
       werts durch  die in  den Waren realisierte Arbeitsmenge leitet er
       die Verteilung  des den  Rohstoffen durch  die Arbeit zugesetzten
       Wertquantums unter Arbeiter und Kapitalisten ab, ihre Spaltung in
       Arbeitslohn und  Profit (d.h.  hier Mehrwert). Er weist nach, daß
       der Wert  der Waren derselbe bleibt, wie auch das Verhältnis die-
       ser beiden  Teile wechsle,  ein Gesetz,  bei dem  er nur einzelne
       Ausnahmsfälle zugibt.  Er stellt  sogar einige  Hauptgesetze über
       das wechseln  seitige Verhältnis von Arbeitslohn und Mehrwert (in
       der Form  von Profit gefaßt), wenn auch in zu allgemeiner Fassung
       fest (Marx, "Kapital" I, Kap. XV, A *1)) und weist die Grundrente
       als einen  unter bestimmten  Umständen abfallenden Überschuß über
       den Profit nach. - In keinem dieser Punkte ist Rodbertus über Ri-
       cardo hinausgegangen.  Die innern  Widersprüche der  Ricardoschen
       Theorie, an  denen seine Schule zugrunde ging, blieben ihm entwe-
       der ganz  unbekannt oder  verleiteten ihn  nur  ("Zur  Erkenntniß
       etc.", S.  130 zu utopistischen Forderungen statt zu ökonomischen
       Lösungen.
       Die Ricardosche  Lehre vom  Wert und Mehrwert brauchte aber nicht
       auf Rodbertus'  "Zur Erkenntniß etc." zu warten, um sozialistisch
       ausgebeutet zu werden. Auf S. 609 des ersten Bandes "Kapital" (2.
       Aufl.) 2*)  findet sich  zitiert: "The possessors of surplus pro-
       duce or  capital" 3*),  aus einer Schrift: "The Source and Remedy
       of the  National Difficulties.  A Letter  to Lord  John Russell",
       London 1821. In dieser Schrift, auf deren
       -----
       1*) Siehe  Band 23  unserer Ausgabe,  S. 543-547 - 2*) ebenda, S.
       614 - 3*) "Die Besitzer des Mehrprodukts oder Kapitals"
       
       #19# Vorwort
       -----
       Bedeutung schon  der eine  Ausdruck: surplus  produce or  capital
       hätte aufmerksam  machen müssen,  und die ein von Marx aus seiner
       Verschollenheit gerißnes Pamphlet von 40 Seiten ist, heißt es:
       
       "Was auch dem Kapitalisten zukommen möge" (vom Standpunkt des Ka-
       pitalisten aus)  "er kann  immer nur  die Mehrarbeit (surplus la-
       bour) des  Arbeiters aneignen,  denn der Arbeiter muß leben." (p.
       23.)
       
       W i e   aber der Arbeiter lebt und wie groß daher die vom Kapita-
       listen angeeignete Mehrarbeit sein kann, ist sehr relativ.
       
       "Wenn das  Kapital nicht  an Wert abnimmt im Verhältnis wie es an
       Masse zunimmt,  so wird  der Kapitalist  dem Arbeiter das Produkt
       jeder Arbeitsstunde  abpressen über das Minimum hinaus, wovon der
       Arbeiter leben kann... der Kapitalist kann schließlich dem Arbei-
       ter sagen: du sollst kein Brot essen, denn man kann von Runkelrü-
       ben und  Kartoffeln leben;  und dahin sind wir gekommen." (p. 23,
       24.) "Wenn der Arbeiter dahin gebracht werden kann, sich von Kar-
       toffeln zu  nähren, statt von Brot, so ist es unbestreitbar rich-
       tig, daß  mehr aus  seiner Arbeit  herausgeschlagen werden  kann;
       d.h. wenn,  um von  Brot zu leben, er genötigt war, für seine Er-
       haltung und  die seiner  Familie    d i e    A r b e i t    d e s
       M o n t a g s   u n d   D i e n s t a g s   f ü r   s i c h   z u
       b e h a l t e n,    so  wird  er  bei  Kartoffelnahrung  nur  die
       H ä l f t e  d e s  M o n t a g s  für sich erhalten; und die an-
       dre Hälfte  des Montags  und  der  ganze  Dienstag    w e r d e n
       f r e i g e s e t z t   entweder für  den Nutzen  des Staats oder
       f ü r  d e n  K a p i t a l i s t e n."  (p. 26.) "Man bestreitet
       nicht (it is admitted), daß die den Kapitalisten bezahlten Inter-
       essen, sei  es in  der  Gestalt  von  Rente,  Geldzins  oder  Ge-
       schäftsprofit, bezahlt werden aus der Arbeit anderer." (p. 23.)
       
       Hier also  ganz Rodbertus' "Rente", nur daß statt "Rente": Inter-
       essen gesagt wird.
       Marx bemerkt  hierzu (Manuskript "Zur Kritik", S. 852 1*)): "Dies
       kaum  bekannte   Pamphlet  -  erschienen  zu  der  Zeit,  wo  der
       'unglaubliche Schuhflicker' MacCulloch [5] anfing, von sich reden
       zu machen  - enthält  einen wesentlichen Fortschritt über Ricardo
       hinaus. Es  bezeichnet direkt den Mehrwert oder 'Profit', wie Ri-
       cardo es  nennt (oft  auch Mehrprodukt, surplus produce) oder in-
       terest 2*), wie der Verfasser des Pamphlets es heißt, als surplus
       labour, Mehrarbeit,  die Arbeit, die der Arbeiter gratis verrich-
       tet, die  er verrichtet  über das  Quantum Arbeit hinaus, wodurch
       der Wert  seiner Arbeitskraft  ersetzt, also  ein Äquivalent  für
       seinen Lohn  produziert wird.  Ganz so  wichtig wie  es war,  den
       W e r t   i n   A r b e i t   aufzulösen, ganz so wichtig war es,
       den   Mehrwert    (surplus   value),    der   sich    in    einem
       M e h r p r o d u k t       (surplus   produce)   darstellt,   in
       M e h r a r b e i t  (surplus labour). Dies ist in der Tat bei A.
       S m i t h   s c h o n   g e s a g t,   u n d   b i l d e t  e i n
       H a u p t m o m e n t  i n
       -----
       1*) Siehe Band 26 unserer Ausgabe, 3. Teil, S. 234/235 - 2*) Zins
       
       #20# Vorwort
       -----
       R i c a r d o s   E n t w i c k l u n g.   Aber es  ist bei ihnen
       nirgends in  der absoluten  Form herausgesagt  und  fixiert."  Es
       heißt dann  weiter, S.  859 1*)  des Manuskripts: "Im übrigen ist
       der Verfasser in den ökonomischen Kategorien befangen, wie er sie
       vorfindet. Ganz  wie bei Ricardo das Verwechseln von Mehrwert und
       Profit zu  unangenehmen Widersprüchen  führt, so  bei ihm, daß er
       Mehrwert Kapitalinteressen  tauft. Zwar  steht er  darin über Ri-
       cardo, daß  er erstens  allen Mehrwert  auf Mehrarbeit  reduziert
       und, wenn  er den Mehrwert Kapitalinteressen nennt, zugleich her-
       vorhebt, daß er unter interest of capital die allgemeine Form der
       Mehrarbeit versteht,  im Unterschied  von ihren besondern Formen,
       Rente, Geldzins  und Geschäftsprofit. Aber er nimmt den Namen ei-
       ner dieser  besondern Formen, interest, wieder als den der allge-
       meinen Form.  Und dies  reicht hin,  damit er  wieder in das öko-
       nosche Kauderwelsch" (slang steht im Manuskript) "zurückfällt."
       Dieser letztere  Passus sitzt  unserm Rodbertus  wie  angegossen.
       Auch er  ist befangen  in den ökonomischen Kategorien, wie er sie
       vorfindet. Auch  er tauft den Mehrwert mit dem Namen einer seiner
       verwandelten Unterformen, den er noch dazu ganz unbestimmt macht:
       Rente. Das Ergebnis dieser beiden Böcke ist, daß er wieder in das
       ökonomische Kauderwelsch  verfällt, seinen  Fortschritt über  Ri-
       cardo hinaus  nicht weiter  kritisch verfolgt,  und statt  dessen
       sich verleiten  läßt, seine  unfertige Theorie,  ehe sie noch die
       Eierschalen losgeworden,  zur Grundlage  einer Utopie  zu machen,
       mit der  er wie überall zu spät kommt. Das Pamphlet erschien 1821
       und antizipiert  die Rodbertussche "Rente" von 1842 bereits voll-
       ständig.
       Unser Pamphlet  ist nur der äußerste Vorposten einer ganzen Lite-
       ratur, die  in den  zwanziger Jahren  die Ricardosche  Wert-  und
       Mehrwerttheorie im Interesse des Proletariats gegen die kapitali-
       stische Produktion kehrt, die Bourgeoisie mit ihren eignen Waffen
       bekämpft. Der  ganze Owensche  Kommunismus, soweit er ökonomisch-
       polemisch auftritt,  stützt sich auf Ricardo. Neben ihm aber noch
       eine ganze  Reihe von  Schriftstellern, von denen Marx schon 1847
       nur einige  gegen Proudhon  ("Misère de la Philosophie p. 49 2*))
       anführt: Edmonds,  Thompson, Hodgskin  etc., etc., "und noch vier
       Seiten Etcetera".  Ich greife aus dieser Unzahl von Schriften nur
       aufs Geratewohl  eine heraus:  "An Inquiry into the Principles of
       the Distribution  of Wealth,  most conducive to Human Happiness",
       by William  Thompson; a new edition, London 1850. Diese 1822 ver-
       faßte Schrift  erschien zuerst  1824. Auch  hier wird der von den
       nichtproduzierenden Klassen angeeignete
       -----
       1*) Siehe  Band 26  unserer Ausgabe,  3. Teil, S. 250 - 2*) siehe
       Band 4 unserer Ausgabe, S. 98
       
       #21# Vorwort
       -----
       Reichtum überall  als Abzug vom Produkt des Arbeiters bezeichnet,
       und das in ziemlich starken Ausdrücken.
       
       "Das beständige  Streben dessen, was wir Cesellschaft nennen, be-
       stand darin,  durch Betrug  oder Beredung,  durch Schrecken  oder
       Zwang, den  produktiven Arbeiter  zu bewegen,  die Arbeit zu ver-
       richten für den möglichst kleinen Teil des Produkts seiner eignen
       Arbeit." (p.  28.) "Warum soll der Arbeiter nicht das ganze abso-
       lute Produkt  seiner Arbeit  erhalten?" (p. 32.) "Diese Kompensa-
       tion, die die Kapitalisten dem produktiven Arbeiter abnatigen un-
       ter dem  Namen Bodenrente  oder Profit,  wird beansprucht für den
       Gebrauch des Bodens oder andrer Gegenstände... Da alle physischen
       Stoffe, an denen oder vermittelst derer der besitzlose produktive
       Arbeiter, der nichts besitzt, außer seiner Fähigkeit zu produzie-
       ren, diese seine Produktionsfähigkeit geltend machen kann, im Be-
       sitz andrer  sind, deren  Interessen den  seinen entgegengesetzt,
       und deren  Einwilligung eine Vorbedingung seiner Tätigkeit ist -,
       hängt es da nicht ab, und muß es nicht abhen von der Gnade dieser
       Kapitalisten, welchen  T e i l  d e r  F r ü c h t e  s e i n e r
       e i g n e n   A r b e i t   sie   ihm als Entschädigung für diese
       Arbeit wollen  zukommen lassen?"  (p. 125)  "...im Verhältnis zur
       Größe des   z u r ü c k b e h a l t e n e n  P r o d u k t s,  ob
       man dies  Steuern, Profit  oder Diebstahl nenne... diese Defalka-
       tionen" (p. 126) usw.
       Ich gestehe,  ich schreibe  diese Zeilen  nicht ohne eine gewisse
       Beschämung. Daß  die antikapitalistische  englische Literatur der
       zwanziger und  dreißiger Jahre  in Deutschland  so gänzlich unbe-
       kannt ist,  trotzdem Marx schon in der "Misère de la Philosophie"
       direkt darauf  hingewiesen und  manches davon  - das Pamphlet von
       1821, Ravenstone,  Hodgskin etc.  - im  ersten Band des "Kapital"
       mehrfach zitiert,  das mag  noch hingehn.  Aber daß nicht nur der
       sich an Rodbertus' Rockschöße mit Verzweiflung anklammernde Lite-
       ratus vulgaris  1*), "der wirklich auch nichts gelernt hat", son-
       dern auch  der Professor in Amt und Würden 2*), der "sich mit Ge-
       lehrsamkeit brüsten  tut", seine  klassische Ökonomie  bis zu dem
       Grad vergessen  hat, daß er Marx ernsthaft vorwirft, er habe Rod-
       bertus Dinge  entwendet, die schon in A. Smith und Ricardo zu le-
       sen stehn  - das  beweist, wie tief die offizielle Ökonomie heute
       heruntergekommen ist.
       Was hat  dann aber Marx über den Mehrwert Neues gesagt? Wie kommt
       es, daß  Marx' Mehrwertstheorie  wie ein Blitz aus heitrem Himmel
       eingeschlagen hat,  und das  in allen zivilisierten Ländern, wäh-
       rend die Theorien aller seiner sozialistischen Vorgänger, Rodber-
       tus eingeschlossen, wirkungslos verpufften?
       Die Geschichte  der Chee  kann uns  das an einem Beispiel zeigen.
       Noch gegen  Ende des  vorigen Jahrhunderts  herrschte bekanntlich
       die phlogistische  Theorie, wonach  das Wesen  jeder  Verbrennung
       darin bestand,
       -----
       1*) vulgäre Schriftsteller (R. Meyer) - 2*) A. Wagner
       
       #22# Vorwort
       -----
       daß sich  von dem verbrennenden Körper ein andrer, hypothetischer
       Körper trenne,  ein absoluter Brennstoff, der mit dem Namen Phlo-
       giston bezeichnet  wurde. Diese  Theorie reichte hin, die meisten
       damals bekannten  chemischen Erscheinungen zu erklären, wenn auch
       in manchen  Fällen nicht  ohne Anwendung  von Gewalt. Nun stellte
       1774 Priestley eine Luftart dar,
       
       "die er so rein oder so frei von Phlogiston fand, daß gewöhnliche
       Luft im Vergleich damit schon verdorben erschien".
       
       Er nannte  sie:  dephlogistisierte  Luft.  Kurz  nachher  stellte
       Scheele in  Schweden dieselbe  Luft dar und wies deren Vorhanden-
       sein in  der Atmosphäre nach. Er fand auch, daß sie verschwindet,
       wenn man einen Körper in ihr oder in gewöhnlicher Luft verbrennt,
       und nannte sie daher Feuerluft.
       
       "Aus diesen  Ergebnissen zog  er nun  den Schluß, daß die Verbin-
       dung, welche bei der Vereinigung von Phlogiston mit einem der Be-
       standteile der  Luft" (also bei der Verbrennung) entstehe, nichts
       weiter als  Feuer oder  Wärme sei,  welche durch das Glas entwei-
       che." 2)
       
       Priestley wie  Scheele hatten  den Sauerstoff dargestellt, wußten
       aber nicht,  was sie unter der Hand hatten. Sie "blieben befangen
       in den"  phlogistischen "Kategorien,  wie sie sie vorfanden". Das
       Element, das  die ganze phlogistische Anschauung umstoßen und die
       Chemie revolutionieren sollte, war in ihrer Hand mit Unfruchtbar-
       keit geschlagen.  Aber Priestley  hatte seine  Entdeckung  gleich
       darauf in  Paris Lavoisier  mitgeteilt, und Lavoisier untersuchte
       nun, an  der Hand  dieser neuen Tatsache, die ganze phlogistische
       Chemie, entdeckte erst, daß die neue Luftart ein neues chemisches
       Element war,  daß in  der Verbrennung  nicht  das  geheimnisvolle
       Phlogiston aus  dem verbrennenden Körper  w e g g e h t,  sondern
       dies neue  Element sich  mit dem  Körper  v e r b i n d e t,  und
       stellte so  die ganze  Chemie, die  in ihrer phlotischen Form auf
       dem Kopf  gestanden, erst  auf die  Füße. Und wenn er auch nicht,
       wie er  später behauptet, den Sauerstoff gleichzeitig mit den an-
       dern und  unabhängig von ihnen dargestellt hat, so bleibt er den-
       noch der  eigentliche   E n t d e c k e r  des Sauerstolis gegen-
       über den beiden, die ihn bloß  d a r g e s t e l l t  haben, ohne
       auch nur zu ahnen,  w a s  sie dargestellt hatten.
       Wie Lavoisier  zu Priestley  und Scheele, so verhält sich Marx zu
       seinen Vorgängern  in der  Mehrwertstheorie. Die  E x i s t e n z
       des Produktenwertteils,
       ---
       2)  Roscoe-Schorlemmer,   "Ausführliches  Lehrbuch  der  Chemie",
       Braunschweig 1877, I, p. 13, 18.
       
       #23# Vorwort
       -----
       den wir  jetzt Mehrwert  nennen, war festgestellt lange vor Marx;
       ebenso war mit größrer oder geringrer Klarheit ausgesprochen, wo-
       raus er  besteht, nämlich  aus dem Produkt der Arbeit, für welche
       der Aneigner  kein Äquivalent  gezahlt hat.  Weiter aber  kam man
       nicht. Die einen - die klassischen bürgerlichen Ökonomen - unter-
       suchten höchstens  das Größenverhältnis, worin das Arbeitsprodukt
       verteilt wird  zwischen dem Arbeiter und dem Besitzer der Produk-
       tionsmittel. Die  andren - die Sozialisten - fanden diese Vertei-
       lung ungerecht  und suchten nach utopistischen Mitteln, die Unge-
       rechtigkeit zu beseitigen. Beide blieben befangen in den ökonomi-
       schen Kategorien, wie sie sie vorgefunden hatten.
       Da trat  Marx auf. Und zwar in direktem Gegensatz zu allen seinen
       Vorgängern. Wo diese eine  L ö s u n g  gesehn hatten, sah er nur
       ein   P r o b l e m.   Er sah,  daß hier  weder dephlogistisierte
       Luft vorlag noch Feuerluft, sondern Sauerstoff - daß es sich hier
       nicht handelte,  sei es um die bloße Konstatierung einer ökonomi-
       schen Tatsache,  sei es  um den  Konflikt dieser Tatsache mit der
       ewigen Gerechtigkeit und der wahren Moral, sondern um eine Tatsa-
       che, die  berufen war, die ganze Ökonomie umzuwälzen, und die für
       das Verständnis  der  gesamten  kapitalistischen  Produktion  den
       Schlüssel bot - für den, der ihn zu gebrauchen wußte. An der Hand
       dieser Tatsache  untersuchte er die sämtlichen vorgefundnen Kate-
       gorien, wie  Lavoisier an der Hand des Sauerstoffs die vorgefund-
       nen Kategorien  der phlogistischen Chemie untersucht hatte. Um zu
       wissen, was  der Mehrwert war, mußte er wissen, was der Wert war.
       Ricardos Werttheorie  selbst mußte vor allem der Kritik unterwor-
       fen werden.  Marx also  untersuchte die  Arbeit auf ihre wertbil-
       dende Qualität und stellte zum ersten Mal fest,  w e l c h e  Ar-
       beit, und  warum, und wie sie Wert bildet, und daß Wert überhaupt
       nichts ist  als festgeronnene  Arbeit   d i e s e r   Art  -  ein
       Punkt, den Rodbertus bis zuletzt nicht begriffen hat. Marx unter-
       suchte dann  das Verhältnis  von Ware und Geld und wies nach, wie
       und warum,  kraft der ihr innewohnenden Werteigenschaft, die Ware
       und der  Warenaustausch den  Gegensatz von Ware und Geld erzeugen
       muß; seine  hierauf gegründete Geldtheorie ist die erste erschöp-
       fende und  jetzt stillschweigend allgemein akzeptierte. Er unter-
       suchte die  Verwandlung von  Geld in Kapital, und bewies, daß sie
       auf dem  Kauf und  Verkauf der Arbeitskraft beruhe. Indem er hier
       die Arbeitskraft,  die wertschaffende  Eigenschaft, an die Stelle
       der Arbeit  setzte, löste er mit einem Schlag eine der Schwierig-
       keiten, an  der die Picardosche Schule zugrunde gegangen war: die
       Unmöglichkeit, den gegenseitigem Austausch von Kapital und Arbeit
       in Einklang  zu bringen  mit dem  Ricardoschen Gesetz der Wertbe-
       stimmung durch  Arbeit. Indem  er die Unterscheidung des Kapitals
       in
       
       #24# Vorwort
       -----
       konstantes und  variables konstatierte,  kam er  erst dahin,  den
       Prozeß der  Mehrwertbildung in  seinem wirklichen Hergang bis ins
       einzelnste darzustellen und damit zu erklären - was keiner seiner
       Vorgänger fertiggebracht;  konstatierte er also einen Unterschied
       innerhalb des  Kapitals selbst, mit dem Rodbertus ebensowenig wie
       die bürgerlichen Ökonomen im Stande waren, das geringste anzufan-
       gen, der  aber den Schlüssel zur Lösung der verwickeltsten ökono-
       mischen Probleme  liefert, wovon  hier wieder  Buch II - und noch
       mehr, wie  sich zeigen  wird, Buch III - der schlagendste Beweis.
       Den Mehrwert selbst untersuchte er weiter, fand seine beiden For-
       men: absoluter  und relativer Mehrwert, und wies die verschiedne,
       aber beidemal entscheidende Rolle nach, die sie in der geschicht-
       lichen Entwicklung  der kapitalistischen Produktion gespielt. Auf
       Grundlage des Mehrwerts entwickelte er die erste rationelle Theo-
       rie des  Arbeitslohns, die  wir haben, und gab zum ersten Mal die
       Grundzüge einer  Geschichte der kapitalistischen Akkumulation und
       eine Darstellung ihrer geschichtlichen Tendenz.
       Und Rodbertus?  Nachdem er  das alles  gelesen, findet er darin -
       wie immer  Tendenzökonom! -  einen "Einbruch in die Gesellschaft"
       [6], findet,  daß er selbst bereits viel kürzer und klarer gesagt
       hat, woraus  der Mehrwert  entsteht, und  findet endlich, daß das
       alles zwar auf "die heutige Kapitalform" paßt, d.h. auf das Kapi-
       tal, wie  es historisch  besteht, nicht  aber auf "den Kapitalbe-
       griff", d.h. die utopistische Vorstellung des Herrn Rodbertus vom
       Kapital. Ganz der alte Priestley, der bis an sein Ende aufs Phlo-
       giston schwor  und vom  Sauerstoff nichts  wissen wollte. Nur daß
       Priestley den  Sauerstoff wirklich  zuerst  dargestellt,  während
       Rodbertus in  seinem Mehrwert  oder vielmehr  seiner "Rente"  nur
       einen Gemeinplatz  wieder entdeckt  hatte, und  daß Marx  es ver-
       schmähte, im  Gegensatz zu Lavoisiers Verfahren, zu behaupten, er
       sei der  erste, der  die  T a t s a c h e  der Existenz des Mehr-
       werts aufgedeckt.
       Was Rodbertus sonst ökonomisch geleistet hat, steht auf demselben
       Niveau. Seine  Verarbeitung des  Mehrwerts in eine Utopie ist von
       Marx in  der "Misère  de la  Philosophie" schon unabsichtlich mit
       kritisiert; was sonst noch darüber zu sagen, habe ich in der Vor-
       rede 1*)  zur deutschen  Übersetzung jener  Schrift gesagt. Seine
       Erklärung der Handelskrisen aus der Unterkonsumtion der Arbeiter-
       klasse findet  sich bereits  in Sismondig  "Nouveaux Principes de
       l'Économie Politique", liv. IV, ch. IV. 3) Nur daß
       ---
       3) "So  verengt sich  also durch die Konzentration der Reichtümer
       in der Hand einer kleinen Anzahl von Eigentümern der innere Markt
       immer mehr, und die Industrie ist
       -----
       1*) Siehe Band 4 unserer Ausgage, S.558/559
       
       #25# Vorwort
       -----
       Sismondi dabei  stets den Weltmarkt vor Augen hatte, während Rod-
       bertus' Horizont  nicht über  die preußische  Grenze  hinausgeht.
       Seine Spekulationen  darüber, ob der Arbeitslohn aus Kapital oder
       Einkommen stamme,  gehören der  Scholastik an  und erledigen sich
       endgültig durch  den dritten  Abschnitt dieses  zweiten Buchs des
       "Kapital". Seine Rententheorie ist sein ausschließliches Eigentum
       geblieben und  kann fortschlummern, bis das sie kritisierende Ma-
       nuskript von  Marx erscheint.  1*) Endlich  seine Vorschläge  zur
       Emanzipation des altpreußischen Grundbesitzes vom Druck des Kapi-
       tals sind  wieder durchaus utopistisch; sie vermeiden nämlich die
       einzige praktische  Frage, um  die es  sich dabei  handelt -  die
       Frage: Wie  kann der  altpreußische Landjunker  jahraus,  jahrein
       sage 20000  Mark einnehmen und sage 30000 Mark ausgeben, und doch
       keine Schulden machen?
       Die Ricardosche Schule scheiterte gegen 1830 am Mehrwert. Was sie
       nicht lösen konnte, blieb erst recht unlösbar für ihre Nachfolge-
       rin, die Vulgärökonomie. Die beiden Punkte, an denen sie zugrunde
       ging, waren diese:
       Erstens. Die  Arbeit ist  das Maß des Werts. Nun hat aber die le-
       bendige Arbeit  im Austausch  mit dem Kapital einen geringem Wert
       als die  vergegenständlichte Arbeit,  gegen die  sie ausgetauscht
       wird. Der  Arbeitslohn, der Wert eines bestimmten Quantums leben-
       diger Arbeit,  ist stets  geringer als der Wert des Produkts, das
       von diesem  selben Quantum  lebendiger Arbeit  erzeugt wird, oder
       worin dieses  sich darstellt.  Die Frage ist in dieser Fassung in
       der Tat  unlöslich. Sie  ist von  Marx richtig gestellt und damit
       beantwortet worden.  Es ist nicht die Arbeit, die einen Wert hat.
       Als wertschaffende Tätigkeit kann sie ebensowenig einen besondren
       Wert haben, wie die Schwere ein besondres Gewicht, die Wärme eine
       besondre Temperatur,  die Elektrizität eine besondre Stromstärke.
       Es ist  nicht die Arbeit, die als Ware gekauft und verkauft wird,
       sondern die  Arbeitskraft. Sobald sie Ware wird, richtet sich ihr
       Wert nach  der in ihr, als einem gesellschaftlichen Produkt, ver-
       körperten Arbeit,  ist er  gleich der zu ihrer Produktion und Re-
       produktion gesellschaftlich  nötigen Arbeit. Der Kauf und Verkauf
       der Arbeitskraft  auf Grund  dieses ihres Werts widerspricht also
       keineswegs dem ökonomischen Wertgesetz.
       ---
       immer mehr  gezwungen, ihre Absatzgebiete auf den fremden Märkten
       zu suchen, wo noch größere Umwälzungen sie erwarten" (nämlich die
       Krise von  1817, die  gleich  darauf  beschrieben  wird).  "Nouv.
       Princ.", éd. 1819, I, p. 336.
       -----
       1*) Siehe Band 26 unserer Ausgabe, 2. Teil, S. 7-106
       
       #26# Vorwort
       -----
       Zweitens. Nach dem Ricardoschen Wertgesetz produzieren zwei Kapi-
       tale, die  gleich viel  und gleich hoch bezahlte lebendige Arbeit
       anwenden, alle  andern Umstände gleichgesetzt, in gleichen Zeiten
       Produkte von gleichem Wert und ebenfalls Mehrwert oder Profit von
       gleicher Höhe. Wenden sie aber ungleiche Mengen lebendiger Arbeit
       an, so können sie nicht Mehrwert oder, wie die Ricardianer sagen,
       Profit von  gleicher Höhe produzieren. Nun ist aber das Gegenteil
       der Fall.  Tatsächlich produzieren gleiche Kapitale, einerlei wie
       viel oder  wie wenig  lebendige Arbeit sie an wenden, in gleichen
       Zeiten durchschnittlich  gleiche Profite. Hier liegt also ein Wi-
       derspruch gegen  das Wertgesetz  vor, den schon Ricardo fand, und
       den seine  Schule ebenfalls  zu lösen unfähig war. Auch Rodbertus
       konnte nicht  umhin, diesen Widerspruch zu sehn; statt ihn zu lö-
       sen, macht  er ihn  zu einem  der Ausgangspunkte  seiner  Utopie.
       ("Zur Erk.",  S. 131.)  Diesen Widerspruch  hatte Marx bereits im
       Manuskript "Zur  Kritik" 1*)  gelöst; die Lösung erfolgt nach dem
       Plan des  "Kapital" in  Buch III.  2*) Bis zu seiner Veröffentli-
       chung werden  noch Monate verstreichen. Die Ökonomen also, die in
       Rodbertus die  geheime Quelle  und einen überlegnen Vorgänger von
       Marx entdecken wollen, haben hier eine Gelegenheit zu zeigen, was
       die Rodbertussche Ökonomie leisten kann. Wenn sie nachweisen, wie
       nicht nur  ohne Verletzung des Wertgesetzes, sondern vielmehr auf
       Grundlage desselben  eine  gleiche  Durchschnittsprofitrate  sich
       bilden kann und muß, dann wollen wir weiter miteinander sprechen.
       Inzwischen mögen  sie sich gefälligst beeilen. Die brillanten Un-
       tersuchungen dieses  Buch II  und ihre  ganz neuen Ergebnisse auf
       bisher fast unbetretenen Gebieten sind nur Vordersätze zum Inhalt
       des Buch  III, das die Schlußergebnisse der Marxschen Darstellung
       des gesellschaftlichen  Reproduktionsprozesses  auf  kapitalisti-
       scher Grundlage  entwickelt. Wenn  dies Buch III erschienen, wird
       von einem Ökonomen Rodbertus wenig mehr die Rede sein.
       Das zweite  und dritte Buch des "Kapital" sollte, wie Marx öfters
       sagte, seiner Frau gewidmet werden.
       
       London, an Marx' Geburtstag, 5. Mai 1885.
       
       Friedrich Engels
       -----
       1*) "Siehe  Band 26  unserer, 2.  Teil, S. 19-24, 58-65, 170-234,
       428-470 - 2*) siehe Band 25 unserer Ausgabe, 1. und 2. Abschnitt
       

       zurück