Quelle: MEW 24 Das Kapital - Zweiter Band
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Vorwort
Das zweite Buch des "Kapital" druckfertig herzustellen, und zwar
so, daß es einerseits als zusammenhängendes und möglichst abge-
schloßnes Werk, andrerseits aber auch als das ausschließliche
Werk des Verfassers, nicht des Herausgebers dastand, war keine
leichte Arbeit. Die große Zahl der vorhandnen, meist fragmentari-
schen Bearbeitungen erschwerte die Aufgabe. Höchstens eine ein-
zige (Manuskript IV) war, soweit sie ging, durch weg für den
Druck redigiert; dafür aber auch der größte Teil durch Redaktio-
nen aus späterer Zeit veraltet. Die Hauptmasse des Materials war,
wenn auch größtenteils sachlich, so doch nicht sprachlich fertig
ausgearbeitet; abgefaßt in der Sprache, worin Marx seine Auszüge
anzufertigen pflegte: nachlässiger Stil, familiäre, oft derbhumo-
ristische Ausdrücke und Wendungen, englische und französische
technische Bezeichnungen, oft ganze Sätze und selbst Seiten eng-
lisch; es ist Niederschrift der Gedanken in der Form, wie sie
sich jedesmal im Kopf des Verfassers entwickelten. Neben einzel-
nen, ausführlich dargestellten Partien andre, gleich wichtige nur
angedeutet; das Material illustrierender Tatsachen gesammelt,
aber kaum gruppiert, geschweige verarbeitet; am Schluß der Kapi-
tel, unter dem Drang zum nächsten zu kommen, oft nur ein paar ab-
gerißne Sätze als Marksteine der hier unvollendet gelaßnen Ent-
wicklung; endlich die bekannte, dem Verfasser selbst manchmal un-
leserliche Handschrift.
Ich habe mich damit begnügt, die Manuskripte so wörtlich wie mög-
lich wiederzugeben, am Stil nur das zu ändern, was Marx selbst
geändert haben würde, und nur da erläuternde Zwischensätze und
Übergänge einzuschieben, wo dies absolut nötig und der Sinn oben-
drein ganz unzweifelhaft war. Sätze, deren Deutung nur im ent-
ferntesten Zweifel zuließ, sind lieber ganz wörtlich abgedruckt
worden. Die von mir herrührenden Umarbeitungen und Einschlebungen
betragen im ganzen noch keine zehn Druckseiten und sind nur for-
meller Natur.
#8# Vorwort
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Die bloße Aufzählung des von hinterlaßnen handschriftlichen Mate-
rials zu Buch II beweist, mit welcher Gewissenhaftigkeit ohne-
gleichen, mit welcher strengen Selbstkritik er seine großen öko-
nomischen Entdeckungen bis zur äußersten Vollendung auszuarbeiten
strebte, ehe er sie veröffentlichte; eine Selbstkritik, die ihn
nur selten dazu kommen ließ, die Darstellung nach Inhalt und Form
seinem stets durch neue Studien sich erweiternden Gesichtskreis
anzupassen. Dies Material besteht nun aus folgendem.
Zuerst ein Manuskript "Zur Kritik der politischen Oekonomie",
1472 Quartseiten in 23 Heften, geschrieben August 1861 bis Juni
1863. Es ist die Fortsetzung des 1859 in Berlin erschienenen er-
sten Hefts 1*) desselben Titels. Es behandelt auf Seite 1-220
(Heft I-IV) und dann wieder auf Seite 1159-1472 (Heft XIX-XXIII)
die in Buch I des "Kapital" untersuchten Themata, von der Ver-
wandlung von Geld in Kapital bis zum Schluß, und ist die erste
vorhandne Redaktion dafür. Die Seiten 973-1158 (Heft XVI bis
XVIII) handeln von: Kapital und Profit, Profitrate, Kaufmannska-
pital und Geldkapital, also von Thematen, die später im Manu-
skript zu Buch III entwickelt sind. Die in Buch II sowie sehr
viele später in Buch III behandelten Themata sind dagegen noch
nicht besonders zusammengestellt. Sie werden nebenbei behandelt,
namentlich in dem Abschnitt, der den Hauptkörper des Manuskripts
ausmacht: Seite 220-972 (Heft VI-XV): Theorien über den Mehrwert.
Dieser Abschnitt enthält eine ausführhche kritische Geschichte
des Kernpunkts der politischen Ökonomie, der Mehrwertstheorie,
und entwickelt daneben, in polemischem Gegensatz zu den Vorgän-
gern, die meisten der später im Manuskript zu Buch II und III be-
sonders und in logischem Zusammenhang untersuchten Punkte. Ich
behalte mir vor, den kritischen Teil dieses Manuskripts, nach Be-
seitigung der zahlreichen durch Buch II und III bereits erledig-
ten Stellen, als Buch IV des "Kapitals" zu veröffentlichen. [1]
So wertvoll dies Manuskript, so wenig war es für die gegenwärtige
Ausgabe des Buch II zu benutzen.
Das dem Datum nach jetzt folgende Manuskript ist das von Buch
III. Es ist wenigstens größtenteils 1864 und 1865 geschrieben.
Erst nachdem dies im wesentlichen fertig, ging Marx an die Ausar-
beitung von Buch I, des 1867 gedruckten ersten Bandes. Dies Manu-
skript von Buch III bearbeite ich jetzt für den Druck.
Aus der nächsten Periode - nach Erscheinen des Buch I - liegt vor
für Buch II eine Sammlung von vier Manuskripten in Folio, von
Marx selbst I-IV numeriert. Davon ist Manuskript I (150 Seiten),
vermutlich von 1865
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1*) Siehe Band 13 unserer Ausgabe, S. 3-160
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Titelblatt der Erstausgabe
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#11# Vorwort
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oder 1867 datierend, erste selbständige, aber mehr oder weniger
fragmentarische Bearbeitung von Buch II in seiner gegenwärtigen
Einteilung. Auch hiervon war nichts benutzbar. Manuskript III be-
steht teils aus einer Zusammenstellung von Zitaten und Hinweisen
auf Marx' Auszugshefte - meist auf den ersten Abschnitt des Buch
II bezüglich -, teils aus Bearbeitungen einzelner Punkte, nament-
lich der Kritik der A. Smithschen Sätze über fixes und zirkulie-
rendes Kapital und über die Quelle des Profits; ferner eine Dar-
stellung des Verhältnisses der Mehrwertsrate zur Profitrate, die
in Buch III gehört. Die Hinweise lieferten wenig neue Ausbeute,
die Ausarbeitungen waren sowohl für Buch II wie Buch III durch
spätere Redaktionen überholt, mußten also auch meist beiseitege-
legt werden. - Manuskript IV ist eine druckfertige Bearbeitung
des ersten, und der ersten Kapitel des zweiten Abschnitts von
Buch II, und ist da, wo es an die Reihe kommt, auch benutzt wor-
den. Obwohl sich herausstellte, daß es früher abgefaßt ist als
Manuskript II, so konnte es doch, weil vollendeter in der Form,
für den betreffenden Teil des Buchs mit Vorteil benutzt werden;
es genügte, aus Manuskript II einige Zusätze zu machen. - Dies
letztre Manuskript ist die einzige einigermaßen fertig vorlie-
gende Bearbeitung des Buch II und datiert von 1870. Die gleich zu
erwähnenden Notizen für die schließliche Redaktion sagen aus-
drücklich: "Die zweite Bearbeitung muß zugrunde gelegt werden."
Nach 1870 trat wieder eine Pause ein, bedingt hauptsächlich durch
Krankheitszustände. Wie gewöhnlich füllte Marx diese Zeit durch
Studien aus; Agronomie, amerikanische und namentlich russische
ländliche Verhältnisse, Geldmarkt und Bankwesen, endlich Natur-
wissenschaften: Geologie und Physiologie, und namentlich selb-
ständige mathematische Arbeiten bilden den Inhalt der zahlreichen
Auszugshefte aus dieser Zeit. Anfang 1877 fühlte er sich soweit
hergestellt, daß er wieder an seine eigentliche Arbeit gehn
konnte. Von Ende März 1877 datieren Hinweise und Notizen aus obi-
gen vier Manuskripten als Grundlage einer Neubearbeitung von Buch
II, deren Anfang in Manuskript V (56 Seiten Folio) vorliegt. Es
umfaßt die ersten vier Kapitel und ist noch wenig ausgearbeitet;
wesentliche Punkte werden in Noten unter dem Text behandelt; der
Stoff ist mehr gesammelt als gesichtet, aber es ist die letzte
vollständige Darstellung dieses wichtigsten Teils des ersten Ab-
schnitts. - Ein erster Versuch, hieraus ein druckfertiges Manu-
skript zu machen, liegt vor in Manuskript VI (nach Oktober 1977
und vor Juli 1878); nur 17 Quartseiten, den größten Teil des er-
sten Kapitels umfassend, ein zweiter - der letzte - in Manuskript
VII, "2. Juli 1878", nur 7 Folioseiten.
#12# Vorwort
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Um diese Zeit scheint Marx sich darüber klar geworden zu sein,
daß ohne eine vollständige Revolution seines Gesundheitszustandes
er nie dahin kommen werde, eine ihm selbst genügende Bearbeitung
des zweiten und dritten Buchs zu vollenden. In der Tat tragen die
Manuskripte V-VIII die Spuren gewaltsamen Ankampfs gegen nieder-
drückende Krankheitszustände nur zu oft an sich. Das schwierigste
Stück des ersten Abschnitts war in Manuskript V neu bearbeitet;
der Rest des ersten und der ganze zweite Abschnitt (mit Ausnahme
des siebzehnten Kapitels) boten keine bedeutenden theoretischen
Schwierigkeiten; der dritte Abschnitt dagegen, die Reproduktion
und Zirkulation des gesellschaftlichen Kapitals, schien ihm einer
Umarbeitung dringend bedürftig. In Manuskript II war nämlich die
Reproduktion behandelt zuerst ohne Berücksichtigung der sie ver-
mittelnden Geldzirkulation und sodann nochmals mit Rücksicht auf
diese. Dies sollte beseitigt und der ganze Abschnitt überhaupt so
umgearbeitet werden, daß er dem erweiterten Gesichtskreis des
Verfassers entsprach. So entstand Manuskript VIII, ein Heft von
nur 70 Quartseiten; was Marx aber auf diesen Raum zusammenzudrän-
gen verstand, beweist die Vergleichung von Abschnitt III im Druck
nach Abzug der aus Manuskript II eingeschobnen Stücke. Auch dies
Manuskript ist nur eine vorläufige Behandlung des Gegenstands,
bei der es vor allem darauf ankam, die gewonnenen neuen Gesichts-
punkte gegenüber Manuskript II festzustellen und zu entwickeln,
unter Vernachlässigung der Punkte, über die nichts Neues zu sagen
war. Auch ein wesentliches Stück von Kapitel XVII des zweiten Ab-
schnitts, das ohnehin einigermaßen in den dritten Abschnitt über-
greift, wird wieder hineingezogen und erweitert. Die logische
Folge wird öfters unterbrochen, die Behandlung ist stellenweise
lückenhaft und namentlich am Schluß ganz fragmentarisch. Aber was
Marx sagen wollte, ist in dieser oder 'ener Weise darin gesagt.
Das ist das Material zu Buch II, woraus, nach einer Äußerung von
Marx zu seiner Tochter Eleanor kurz vor seinem Tode, ich "etwas
machen" sollte. Ich habe diesen Auftrag in seinen engsten Grenzen
genommen; wo irgend möglich, habe ich meine Tätigkeit auf bloße
Auswahl zwischen den verschiednen Redaktionen beschränkt. Und
zwar so, daß stets die letzte vorhandne Redaktion unter Verglei-
chung der frühern zugrunde gelegt wurde. Wirkliche, d.h. andre
als bloß technische Schwierigkeiten boten dabei nur der erste und
dritte Abschnitt, diese aber auch nicht geringe. Ich habe sie zu
lösen gesucht ausschließlich im Geist des Verfassers.
Die Zitate im Text habe ich meist übersetzt bei Belegen für Tat-
sachen oder wo, wie bei Stellen aus A. Smith, das Original iedem
zu Gebot steht,
#13# Vorwort
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der der Sache auf den Grund kommen will. Nur in Kapitel X war
dies nicht möglich, weil hier direkt der englische Text kriti-
siert wird. - Die Zitate aus Buch I tragen die Seitenzahlen der
zweiten Auflage, der letzten, die Marx noch erlebt hat.
Für das Buch III liegt außer der ersten Bearbeitung im Manu-
skript: "Zur Kritik", den erwähnten Stücken in Manuskript III und
einigen, in Auszugsheften gelegentlich eingesprengten kurzen No-
ten, nur vor: das erwähnte Manuskript in Follo von 1864-1865,
ausgearbeitet in ungefähr derselben Vollständigkeit wie Manu-
skript II von Buch II, und endlich ein Heft von 1875: Das Ver-
hältnis der Mehrwertsrate zur Profitrate, mathematisch (in Glei-
chungen) entwickelt. Die Fertigstellung dieses Buchs für den
Druck schreitet rasch voran. Soweit ich bis jetzt beurteilen
kann, wird sie hauptsächlich nur technische Schwierigkeiten ma-
chen, mit Ausnahme freilich einiger sehr wichtigen Abschnitte.
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Es ist hier der Ort, eine Anklage gegen Marx zurückzuweisen, die,
erst nur leise und vereinzelt erhoben, jetzt, nach seinem Tode,
von deutschen Katheder- und Staatssozialistent [2] und deren An-
hang als ausgemachte Tatsache verkündet wird - die Anklage, als
habe Marx ein Plagiat an Rodbertus begangen. Ich habe bereits an
andrer Stelle das Dringendste darüber gesagt 1), kann aber erst
hier die entscheidenden Belege beibringen.
Diese Anklage findet sich meines Wissens zuerst in R. Meyers
"Emancipationskampf des vierten Standes", S. 43:
"Aus diesen Publikationen" (den bis in die letzte Hälfte der
dreißiger Jahre zurückdatierenden von Rodbertus) "hat
n a c h w e i s b a r Marx den größten Teil seiner Kritik ge-
schöpft."
Ich darf bis auf weitern Nachweis wohl annehmen, daß die ganze
"Nachweisbarkeit" dieser Behauptung darin besteht, daß Rodbertus
dies Herrn Meyer versichert hat. - 1879 tritt Rodbertus selbst
auf die Bühne, und schreibt an J. Zeller (Tübinger "Zeitschrift
für die gesammte Staatswissensaaft" [3], 1879, S. 219) mit Bezie-
hung auf seine Schrift: Zur Erkenntniß unsrer staatswirthschaft-
lichen Zustände" (1842) wie folgt:
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1) In der Vorrede zu: "Das Elend der Philosophie. Antwort auf
Proudhons Philosophie des Elends", von Karl Marx. Deutsch von E.
Bernstein und K. Kautsky. Stuttgart 1885. 1*)
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1*) Siehe Band 4 unserer Ausgabe, S. 558-569
#14# Vorwort
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"Sie werden finden, daß derselbe" (der darin entwickelte Gedan-
kengang) "schon ganz hübsch von Marx... benutzt worden ist, frei-
lich ohne mich zu zitieren."
Was ihm denn auch sein posthumer Herausgeber Th. Kozak ohne wei-
teres nachplappert. ("Das Kapital" von Rodbertus. Berlin 18M.
Einleitung, S. XV.) - Endlich, in den von R. Meyer 1881 herausge-
gebnen "Briefen und socialpolitischen Aufsätzen von Dr. Rodber-
tus-Jagetzow", sagt Rodbertus geradezu:
"heute finde ich mich von Schäffle und Marx geplündert, ohne daß
ich genannt werde". (Brief Nr. 60, S. 134.)
Und an einer andern Stelle nimmt Rodbertus' Anspruch bestimmtere
Gestalt an:
"Woraus der M e h r w e r t des Kapitalisten
e n t s p r i n g t, habe ich in meinem 3. sozialen Brief i m
w e s e n t l i c h e n e b e n s o wie Marx, nur kurzer und
klarer ggezeigt." (Brief Nr. 48, S. 111.)
Von allen diesen Anklagen auf Plagiat hatte Marx nie etwas erfah-
ren. In seinem Exemplar des "Emancipationskampfs" war nur der die
Internationale betreffende Teil aufgeschnitten, das Aufschneiden
des übrigen habe ich selbst erst nach seinem Tode besorgt. Die
Tübinger Zeitschrift sah er nie an. Die "Briefe etc." an R. Meyer
blieben ihm ebenfalls unbekannt, und bin ich auf die Stelle von
wegen der "Plünderung" erst 1884 durch die Güte des Herrn Dr.
Meyer selbst aufmerksam gemacht worden. Dagegen den Brief Nr. 48
kannte Marx; Herr Meyer hatte die Gefälligkeit gehabt, das Origi-
nal der jüngsten Tochter von Marx zu schenken. Marx, dem aller-
dings einiges geheimnisvolle Gemunkel über die bei Rodbertus zu
suchende geheime Quelle seiner Kritik zu Ohren gekommen war,
zeigte ihn mir mit der Bemerkung: Hier habe er endlich authenti-
sche Auskunft darüber, was Rodbertus selbst beanspruche; wenn er
weiter nichts behaupte, so könne dies ihm, Marx, schon recht
sein; und daß Rodbertus seine eigne Darstellung für die kürzre
und klarere halte, dies Vergnügen könne er ihm auch lassen. In
der Tat hielt er durch diesen Brief von Rodbertus die ganze Sache
für erledigt.
Er konnte dies um so eher, als ihm, wie ich positiv weiß, die
ganze literarische Tätigkeit von Rodbertus unbekannt geblieben
war bis gegen 1859, wo seine eigne Kritik der politischen Ökono-
mie nicht nur in den Grundzügen, sondern auch in den wichtigsten
Einzelheiten fertig war. Er begann seine ökonomischen Studien
1843 in Paris mit den großen Engländern und Franzosen; von den
Deutschen kannte er nur Rau und List und hatte genug an ihnen.
Weder Marx noch ich erfuhren von der stenz von Rodbertus
#15# Vorwort
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ein Wort, bis wir 1848 in der "Neuen Rheinischen Zeitung" seine
Reden als Berliner Abgeordneter und seine Handlungen als Minister
zu kritisieren hatten. Wir waren so unwissend, daß wir die rhei-
nischen Abgeordneten befrugen, wer denn dieser Rodbertus sei, der
so plötzlich Minister geworden. Aber auch diese wußten nichts von
den ökonomischen Schriften Rodbertus' zu verraten. Daß, dagegen
Marx, auch ohne Rodbertus' Hilfe, schon damals sehr gut wußte,
nicht nur woher, sondern auch w i e der "Mehrwert des Kapitali-
sten entspringt", beweisen die "Misère de la Philosophie", 1847
1*) und die 1847 in Brüssel gehaltnen und 1849 in der "Neuen
Rheinischen Zeitung", Nr. 264-269 2*), veröffentlichten Vorträge
über Lohnarbeit und Kapital. Erst durch Lassalle erfuhr Marx ge-
gen 1859, daß es auch einen Ökonomen Rodbertus gebe, und fand
dann dessen "dritten sozialen Brief" auf dem Britischen Museum.
Dies der tatsächliche Zusammenhang. Wie steht es nun mit dem In-
halt, um den Marx den Rodbertus "geplündert" haben soll?
"Woraus der Mehrwert des Kapitalisten entspringt", sagt Rodber-
tus, "habe ich in meinem 3. sozialen Brief ebenso wie Marx, nur
kürzer und klarer gezeigt."
Also das ist der Kernpunkt: die Mehrwertstheorie; und es ist in
der Tat nicht zu sagen, was sonst Rodbertus bei Marx als sein Ei-
gentum allenfalls reklamieren könnte. Rodbertus erklärt sich hier
also für den wirklichen Urheber der Mehrwertstheorie, die Marx
ihm geplündert habe. Und was sagt uns der 3. soziale Brief [4]
über die Entstehung des Mehrwerts? Einfach, daß die "Rente", wie
er Bodenrente und Profit zusammenfaßt, nicht aus einem
"Wertzuschlag" auf den Wert der Ware entstehe, sondern
"infolge eines Wertabzugs, den der Arbeitslohn erleidet, mit and-
ren Worten: weil der Arbeitslohn nur einen Teil des Werts des
Produkts beträgt",
und bei hinreichender Produktivität der Arbeit
"nicht äqual dem natürl;chen Tauschwert ihres Produkts zu sein
braucht, damit von diesem noch zu Kapitalersatz (!) und Rente üb-
rig bleibt".
Wobei uns nicht gesagt wird, was das für ein "natürlicher Tausch-
wert" des Produkts ist, bei dem zu "Kapitalersatz", also doch
wohl Ersatz des Rohstoffs und des Verschleißes der Werkzeuge
nichts übrig bleibt.
Glücklicherweise ist uns vergönrt zu konstatieren, welchen Ein-
druck diese epochemachende Entdeckung Rodbertus' auf Marx machte.
Im
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1*) Siehe Band 4unserer Ausgabe, S. 63-182 -2*) siehe Band 6 un-
serer Ausgabe, S. 397 bis 423
#16# Vorwort
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Manuskript: "Zur Kritik etc." findet sich in Heft X, S. 445 ff.
1*) eine "Abschweifung. Herr Rodbertus. Eine neue Grundrenten-
theorie". Nur unter diesem Gesichtspunkt wird hier der dritte so-
ziale Brief betrachtet. Die Rodbertussche Mehrwertstheorie irn
allgemeinen wird erledigt mit der ironischen Bemerkung: "Herr
Rodbertus untersucht erst, wie es in einem Lande aussieht, wo
Grund- und Kapitalbesitz nicht geschieden sind, und kommt dann
zum wichtigen Resultat, daß die Rente (worunter er den ganzen
Mehrwert versteht) bloß gleich der unbezahlten Arbeit oder dem
Quantum von Produkten ist, worin sie sich darstellt."
Die kapitalistische Menschheit hat nun schon verschiedliche Jahr-
hunderte lang Mehrwert produziert und ist allmählich auch dahin
gekommen, sich über dessen Entstehung Gedanken zu machen. Die er-
ste Ansicht war die aus der unmittelbaren kaufmännischen Praxis
entspringende: der Mehrwert entstehe aus einem Aufschlag auf den
Wert des Produkts. Sie herrschte unter den Merkantilisten, aber
schon James Steuart sah ein, daß dabei, was der eine gewinnt, der
andre notwendig verlieren muß. Trotzdem spukt diese Ansicht noch
lange fort, namentlich unter Sozialisten; aus der klassischen
Wissenschaft wird sie aber verdrängt durch A. Smith.
Bei ihm heißt es, "Wealth of Nations", b. I, ch. VI:
"Sobald Kapital (stock) sich angehäuft hat in den Händen einzel-
ner, werden einige darunter es natürlicherweise anwenden, um
fleißige Leute an die Arbeit zu setzen und diesen Rohstoffe und
Lebensmittel zu liefern, um durch den Verkauf der Produkte ihrer
Arbeit, oder durch d a s w a s i h r e A r b e i t d e m
W e r t j e n e r R o h s t o f f e h i n z u g e f ü g t
h a t, einen P r o f i t zu machen... Der W e r t, den die
Arbeiter d e n R o h s t o f f e n z u s e t z e n, löst sich
hier in z w e i T e i l e auf, wovon der eine i h r e n
L o h n zahlt, der andre den P r o f i t d e s
B e s c h ä f t i g e r s auf den n von ihm vorgeschoßnen Betrag
von Rohstoffen und Arbeitslöhnen."
Und etwas weiter:
"Sobald der Boden eines Landes durchweg Privateigentum geworden,
lieben es die Grundbesitzer wie andre Leute auch, zu ernten, wo
sie nicht gesäet, und fordern Bodenrente selbst für die natürli-
chen Erzeugnisse des Bodens... Der Arbeiter... muß dem Grundbe-
sitzer e i n e n A n t e i l von dem a b t r e t e n, was
seine A r b e i t gesammelt oder produziert hat. Dieser Anteil,
oder was dasselbe, der Preis dieses Anteils, macht die
B o d e n r e n t e aus."
Zu dieser Stelle bemerkt Marx in dem erwähnten Manuskript: "Zur
Kritik etc.", S. 253: A. Smith faßt also den Mehrwert, nämlich
die Surplusarbeit, den Überschuß der verrichteten und in der Ware
vergegenständlichten
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1*) Siehe Band 26 unserer Ausgabe, 2. Teil, S. 7 ff. - 2*)
ebenda, 1. Teil, S. 53
#17# Vorwort
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Arbeit ü b e r die bezahlte Arbeit hinaus, also über die Arbeit
hinaus, die ihr Äquivalent im Lohn erhalten hat, als die
a l l g e m e i n e K a t e g o r i e auf, wovon der eigentli-
che Profit und die Grundrente nur Abzweigungen." Ferner sagt A.
Smith, b. I, ch. VIII:
"Sobald der Boden Privateigentum geworden, verlangt der Grundbe-
sitzer einen Anteil fast aller Produkte, die der Arbeiter darauf
erzeugen oder einsammeln kann. Seine Bodenrente macht den
e r s t e n A b z u g vom P r o d u k t d e r a u f d e n
B o d e n v e r w a n d t e n A r b e i t aus. Aber der Be-
bauer des Bodens hat selten die Mittel, sich bis zur Einbringung
der Ernte zu erhalten. Sein Unterhalt wird ihm gewöhnlich vorge-
schossen aus dem Kapital (steck) eines Beschäftigers, des Päch-
ters, der kein Interesse hätte ihn zu beschäftigen, wenn er nicht
d a s P r o d u k t s e i n e r A r b e i t m i t i h m
t e i l t e, oder sein Kapital ihm ersetzt würde samt einem Pro-
fit. Dieser Profit macht e i n e n z w e i t e n A b z u g
von der auf Boden verwandten Arbeit. Das Produkt fast aller Ar-
beit ist demselben Abzug für Profit unterworfen. In allen Indu-
strien bedürfen die meisten Arbeiter eines Beschäftigers, um ih-
nen bis zur Vollendung der Arbeit Rohstoff und Arbeitslohn und
Unterhalt vorzuschießen. Dieser Beschäftiger t e i l t mit ih-
nen das P r o d u k t i h r e r A r b e i t, oder den Wert,
den diese den verarbeiteten Rohstoffen zufügt, und in diesem An-
teil besteht sein Profit."
Marx hierzu (Manuskript, S. 256 1*)): "Hier also bezeichnet A.
Smith in dürren Worten Grundrente und Profit des Kapitals als
bloße A b z ü g e von dem Produkt des Arbeiters oder von dem
Wert seines Produkts, gleich der von ihm dem Rohstoff zugefügten
Arbeit. Dieser Abzug kann aber, wie A. Smith früher selbst aus-
einandergesetzt, nur bestehn aus dem Teil der Arbeit, den der Ar-
beiter den Stoffen zusetzt über das Arbeitsquantum hinaus, wel-
ches nur seinen Lohn zahlt oder nur ein Äquivalent für seinen
Lohn liefert - also aus der Surplusarbeit, aus dem unbezahlten
Teil seiner Arbeit."
"Woraus der Mehrwert des Kapitalisten entspringt" und obendrein
der des Grundeigentümers, hat also schon A. Smith gewußt; Marx
erkennt dies schon 1861 aufrichtig an, während Rodbertus und der
Schwarm seiner unter dem warmen Sommerregen des Staatssozialismus
wie Pilze emporschießenden Verehrer es total vergessen zu haben
scheint.
"Dennoch", fährt Marx fort, "hat Smith den Mehrwert als solchen
nicht als eigne Kategorie geschieden von den besondren Formen,
die er in Profit und Grundrente erhält. Daher bei ihm, wie noch
mehr bei Ricardo, viel Irrtum und Mangelhaftigkeit in der Unter-
suchung." 2*) - Dieser Satz paßt wörtlich auf Rodbertus. Seine
"Rente" ist einfach die Summe von Bodenrente + Profit; von der
Bodenrente macht er sich eine total falsche
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1*) Ebenda, S. 56 - 1*) ebenda, S. 53
#18# Vorwort
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Theorie, den Profit nimmt er unbesehn wie er ihn bei seinen Vor-
gängern findet. - Marx' Mehrwert dagegen ist die
a l l g e m e i n e F o r m der ohne Äquivalent von den Eignern
der Produktionsmittel angeeigneten Wertsumme, die sich nach ganz
eigentümlichen, erst von Marx entdeckten Gesetzen in die besond-
ren, verwandelten Formen von Profit und Bodenrente spaltet. Diese
Gesetze werden entwickelt in Buch III, wo sich erst zeigen wird,
wie viele Mittelglieder nötig sind, um vom Verständnis des Mehr-
werts im allgemeinen zum Verständnis seiner Verwandlung in Profit
und Grundrente, also zum Verständnis der Gesetze der Verteilung
des Mehrwerts innerhalb der Kapitahstenklasse zu kommen.
Ricardo geht schon bedeutend weiter als A. Smith. Er begründet
seine Auffassung des Mehrwerts auf eine neue, bei A. Smith zwar
schon im Keim vorhandne, aber in der Ausführung fast immer wieder
vergeßne Werttheorie, die der Ausgangspunkt aller nachfolgenden
ökonomischen Wissenschaft geworden. Aus der Bestimmung des Waren-
werts durch die in den Waren realisierte Arbeitsmenge leitet er
die Verteilung des den Rohstoffen durch die Arbeit zugesetzten
Wertquantums unter Arbeiter und Kapitalisten ab, ihre Spaltung in
Arbeitslohn und Profit (d.h. hier Mehrwert). Er weist nach, daß
der Wert der Waren derselbe bleibt, wie auch das Verhältnis die-
ser beiden Teile wechsle, ein Gesetz, bei dem er nur einzelne
Ausnahmsfälle zugibt. Er stellt sogar einige Hauptgesetze über
das wechseln seitige Verhältnis von Arbeitslohn und Mehrwert (in
der Form von Profit gefaßt), wenn auch in zu allgemeiner Fassung
fest (Marx, "Kapital" I, Kap. XV, A *1)) und weist die Grundrente
als einen unter bestimmten Umständen abfallenden Überschuß über
den Profit nach. - In keinem dieser Punkte ist Rodbertus über Ri-
cardo hinausgegangen. Die innern Widersprüche der Ricardoschen
Theorie, an denen seine Schule zugrunde ging, blieben ihm entwe-
der ganz unbekannt oder verleiteten ihn nur ("Zur Erkenntniß
etc.", S. 130 zu utopistischen Forderungen statt zu ökonomischen
Lösungen.
Die Ricardosche Lehre vom Wert und Mehrwert brauchte aber nicht
auf Rodbertus' "Zur Erkenntniß etc." zu warten, um sozialistisch
ausgebeutet zu werden. Auf S. 609 des ersten Bandes "Kapital" (2.
Aufl.) 2*) findet sich zitiert: "The possessors of surplus pro-
duce or capital" 3*), aus einer Schrift: "The Source and Remedy
of the National Difficulties. A Letter to Lord John Russell",
London 1821. In dieser Schrift, auf deren
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1*) Siehe Band 23 unserer Ausgabe, S. 543-547 - 2*) ebenda, S.
614 - 3*) "Die Besitzer des Mehrprodukts oder Kapitals"
#19# Vorwort
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Bedeutung schon der eine Ausdruck: surplus produce or capital
hätte aufmerksam machen müssen, und die ein von Marx aus seiner
Verschollenheit gerißnes Pamphlet von 40 Seiten ist, heißt es:
"Was auch dem Kapitalisten zukommen möge" (vom Standpunkt des Ka-
pitalisten aus) "er kann immer nur die Mehrarbeit (surplus la-
bour) des Arbeiters aneignen, denn der Arbeiter muß leben." (p.
23.)
W i e aber der Arbeiter lebt und wie groß daher die vom Kapita-
listen angeeignete Mehrarbeit sein kann, ist sehr relativ.
"Wenn das Kapital nicht an Wert abnimmt im Verhältnis wie es an
Masse zunimmt, so wird der Kapitalist dem Arbeiter das Produkt
jeder Arbeitsstunde abpressen über das Minimum hinaus, wovon der
Arbeiter leben kann... der Kapitalist kann schließlich dem Arbei-
ter sagen: du sollst kein Brot essen, denn man kann von Runkelrü-
ben und Kartoffeln leben; und dahin sind wir gekommen." (p. 23,
24.) "Wenn der Arbeiter dahin gebracht werden kann, sich von Kar-
toffeln zu nähren, statt von Brot, so ist es unbestreitbar rich-
tig, daß mehr aus seiner Arbeit herausgeschlagen werden kann;
d.h. wenn, um von Brot zu leben, er genötigt war, für seine Er-
haltung und die seiner Familie d i e A r b e i t d e s
M o n t a g s u n d D i e n s t a g s f ü r s i c h z u
b e h a l t e n, so wird er bei Kartoffelnahrung nur die
H ä l f t e d e s M o n t a g s für sich erhalten; und die an-
dre Hälfte des Montags und der ganze Dienstag w e r d e n
f r e i g e s e t z t entweder für den Nutzen des Staats oder
f ü r d e n K a p i t a l i s t e n." (p. 26.) "Man bestreitet
nicht (it is admitted), daß die den Kapitalisten bezahlten Inter-
essen, sei es in der Gestalt von Rente, Geldzins oder Ge-
schäftsprofit, bezahlt werden aus der Arbeit anderer." (p. 23.)
Hier also ganz Rodbertus' "Rente", nur daß statt "Rente": Inter-
essen gesagt wird.
Marx bemerkt hierzu (Manuskript "Zur Kritik", S. 852 1*)): "Dies
kaum bekannte Pamphlet - erschienen zu der Zeit, wo der
'unglaubliche Schuhflicker' MacCulloch [5] anfing, von sich reden
zu machen - enthält einen wesentlichen Fortschritt über Ricardo
hinaus. Es bezeichnet direkt den Mehrwert oder 'Profit', wie Ri-
cardo es nennt (oft auch Mehrprodukt, surplus produce) oder in-
terest 2*), wie der Verfasser des Pamphlets es heißt, als surplus
labour, Mehrarbeit, die Arbeit, die der Arbeiter gratis verrich-
tet, die er verrichtet über das Quantum Arbeit hinaus, wodurch
der Wert seiner Arbeitskraft ersetzt, also ein Äquivalent für
seinen Lohn produziert wird. Ganz so wichtig wie es war, den
W e r t i n A r b e i t aufzulösen, ganz so wichtig war es,
den Mehrwert (surplus value), der sich in einem
M e h r p r o d u k t (surplus produce) darstellt, in
M e h r a r b e i t (surplus labour). Dies ist in der Tat bei A.
S m i t h s c h o n g e s a g t, u n d b i l d e t e i n
H a u p t m o m e n t i n
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1*) Siehe Band 26 unserer Ausgabe, 3. Teil, S. 234/235 - 2*) Zins
#20# Vorwort
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R i c a r d o s E n t w i c k l u n g. Aber es ist bei ihnen
nirgends in der absoluten Form herausgesagt und fixiert." Es
heißt dann weiter, S. 859 1*) des Manuskripts: "Im übrigen ist
der Verfasser in den ökonomischen Kategorien befangen, wie er sie
vorfindet. Ganz wie bei Ricardo das Verwechseln von Mehrwert und
Profit zu unangenehmen Widersprüchen führt, so bei ihm, daß er
Mehrwert Kapitalinteressen tauft. Zwar steht er darin über Ri-
cardo, daß er erstens allen Mehrwert auf Mehrarbeit reduziert
und, wenn er den Mehrwert Kapitalinteressen nennt, zugleich her-
vorhebt, daß er unter interest of capital die allgemeine Form der
Mehrarbeit versteht, im Unterschied von ihren besondern Formen,
Rente, Geldzins und Geschäftsprofit. Aber er nimmt den Namen ei-
ner dieser besondern Formen, interest, wieder als den der allge-
meinen Form. Und dies reicht hin, damit er wieder in das öko-
nosche Kauderwelsch" (slang steht im Manuskript) "zurückfällt."
Dieser letztere Passus sitzt unserm Rodbertus wie angegossen.
Auch er ist befangen in den ökonomischen Kategorien, wie er sie
vorfindet. Auch er tauft den Mehrwert mit dem Namen einer seiner
verwandelten Unterformen, den er noch dazu ganz unbestimmt macht:
Rente. Das Ergebnis dieser beiden Böcke ist, daß er wieder in das
ökonomische Kauderwelsch verfällt, seinen Fortschritt über Ri-
cardo hinaus nicht weiter kritisch verfolgt, und statt dessen
sich verleiten läßt, seine unfertige Theorie, ehe sie noch die
Eierschalen losgeworden, zur Grundlage einer Utopie zu machen,
mit der er wie überall zu spät kommt. Das Pamphlet erschien 1821
und antizipiert die Rodbertussche "Rente" von 1842 bereits voll-
ständig.
Unser Pamphlet ist nur der äußerste Vorposten einer ganzen Lite-
ratur, die in den zwanziger Jahren die Ricardosche Wert- und
Mehrwerttheorie im Interesse des Proletariats gegen die kapitali-
stische Produktion kehrt, die Bourgeoisie mit ihren eignen Waffen
bekämpft. Der ganze Owensche Kommunismus, soweit er ökonomisch-
polemisch auftritt, stützt sich auf Ricardo. Neben ihm aber noch
eine ganze Reihe von Schriftstellern, von denen Marx schon 1847
nur einige gegen Proudhon ("Misère de la Philosophie p. 49 2*))
anführt: Edmonds, Thompson, Hodgskin etc., etc., "und noch vier
Seiten Etcetera". Ich greife aus dieser Unzahl von Schriften nur
aufs Geratewohl eine heraus: "An Inquiry into the Principles of
the Distribution of Wealth, most conducive to Human Happiness",
by William Thompson; a new edition, London 1850. Diese 1822 ver-
faßte Schrift erschien zuerst 1824. Auch hier wird der von den
nichtproduzierenden Klassen angeeignete
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1*) Siehe Band 26 unserer Ausgabe, 3. Teil, S. 250 - 2*) siehe
Band 4 unserer Ausgabe, S. 98
#21# Vorwort
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Reichtum überall als Abzug vom Produkt des Arbeiters bezeichnet,
und das in ziemlich starken Ausdrücken.
"Das beständige Streben dessen, was wir Cesellschaft nennen, be-
stand darin, durch Betrug oder Beredung, durch Schrecken oder
Zwang, den produktiven Arbeiter zu bewegen, die Arbeit zu ver-
richten für den möglichst kleinen Teil des Produkts seiner eignen
Arbeit." (p. 28.) "Warum soll der Arbeiter nicht das ganze abso-
lute Produkt seiner Arbeit erhalten?" (p. 32.) "Diese Kompensa-
tion, die die Kapitalisten dem produktiven Arbeiter abnatigen un-
ter dem Namen Bodenrente oder Profit, wird beansprucht für den
Gebrauch des Bodens oder andrer Gegenstände... Da alle physischen
Stoffe, an denen oder vermittelst derer der besitzlose produktive
Arbeiter, der nichts besitzt, außer seiner Fähigkeit zu produzie-
ren, diese seine Produktionsfähigkeit geltend machen kann, im Be-
sitz andrer sind, deren Interessen den seinen entgegengesetzt,
und deren Einwilligung eine Vorbedingung seiner Tätigkeit ist -,
hängt es da nicht ab, und muß es nicht abhen von der Gnade dieser
Kapitalisten, welchen T e i l d e r F r ü c h t e s e i n e r
e i g n e n A r b e i t sie ihm als Entschädigung für diese
Arbeit wollen zukommen lassen?" (p. 125) "...im Verhältnis zur
Größe des z u r ü c k b e h a l t e n e n P r o d u k t s, ob
man dies Steuern, Profit oder Diebstahl nenne... diese Defalka-
tionen" (p. 126) usw.
Ich gestehe, ich schreibe diese Zeilen nicht ohne eine gewisse
Beschämung. Daß die antikapitalistische englische Literatur der
zwanziger und dreißiger Jahre in Deutschland so gänzlich unbe-
kannt ist, trotzdem Marx schon in der "Misère de la Philosophie"
direkt darauf hingewiesen und manches davon - das Pamphlet von
1821, Ravenstone, Hodgskin etc. - im ersten Band des "Kapital"
mehrfach zitiert, das mag noch hingehn. Aber daß nicht nur der
sich an Rodbertus' Rockschöße mit Verzweiflung anklammernde Lite-
ratus vulgaris 1*), "der wirklich auch nichts gelernt hat", son-
dern auch der Professor in Amt und Würden 2*), der "sich mit Ge-
lehrsamkeit brüsten tut", seine klassische Ökonomie bis zu dem
Grad vergessen hat, daß er Marx ernsthaft vorwirft, er habe Rod-
bertus Dinge entwendet, die schon in A. Smith und Ricardo zu le-
sen stehn - das beweist, wie tief die offizielle Ökonomie heute
heruntergekommen ist.
Was hat dann aber Marx über den Mehrwert Neues gesagt? Wie kommt
es, daß Marx' Mehrwertstheorie wie ein Blitz aus heitrem Himmel
eingeschlagen hat, und das in allen zivilisierten Ländern, wäh-
rend die Theorien aller seiner sozialistischen Vorgänger, Rodber-
tus eingeschlossen, wirkungslos verpufften?
Die Geschichte der Chee kann uns das an einem Beispiel zeigen.
Noch gegen Ende des vorigen Jahrhunderts herrschte bekanntlich
die phlogistische Theorie, wonach das Wesen jeder Verbrennung
darin bestand,
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1*) vulgäre Schriftsteller (R. Meyer) - 2*) A. Wagner
#22# Vorwort
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daß sich von dem verbrennenden Körper ein andrer, hypothetischer
Körper trenne, ein absoluter Brennstoff, der mit dem Namen Phlo-
giston bezeichnet wurde. Diese Theorie reichte hin, die meisten
damals bekannten chemischen Erscheinungen zu erklären, wenn auch
in manchen Fällen nicht ohne Anwendung von Gewalt. Nun stellte
1774 Priestley eine Luftart dar,
"die er so rein oder so frei von Phlogiston fand, daß gewöhnliche
Luft im Vergleich damit schon verdorben erschien".
Er nannte sie: dephlogistisierte Luft. Kurz nachher stellte
Scheele in Schweden dieselbe Luft dar und wies deren Vorhanden-
sein in der Atmosphäre nach. Er fand auch, daß sie verschwindet,
wenn man einen Körper in ihr oder in gewöhnlicher Luft verbrennt,
und nannte sie daher Feuerluft.
"Aus diesen Ergebnissen zog er nun den Schluß, daß die Verbin-
dung, welche bei der Vereinigung von Phlogiston mit einem der Be-
standteile der Luft" (also bei der Verbrennung) entstehe, nichts
weiter als Feuer oder Wärme sei, welche durch das Glas entwei-
che." 2)
Priestley wie Scheele hatten den Sauerstoff dargestellt, wußten
aber nicht, was sie unter der Hand hatten. Sie "blieben befangen
in den" phlogistischen "Kategorien, wie sie sie vorfanden". Das
Element, das die ganze phlogistische Anschauung umstoßen und die
Chemie revolutionieren sollte, war in ihrer Hand mit Unfruchtbar-
keit geschlagen. Aber Priestley hatte seine Entdeckung gleich
darauf in Paris Lavoisier mitgeteilt, und Lavoisier untersuchte
nun, an der Hand dieser neuen Tatsache, die ganze phlogistische
Chemie, entdeckte erst, daß die neue Luftart ein neues chemisches
Element war, daß in der Verbrennung nicht das geheimnisvolle
Phlogiston aus dem verbrennenden Körper w e g g e h t, sondern
dies neue Element sich mit dem Körper v e r b i n d e t, und
stellte so die ganze Chemie, die in ihrer phlotischen Form auf
dem Kopf gestanden, erst auf die Füße. Und wenn er auch nicht,
wie er später behauptet, den Sauerstoff gleichzeitig mit den an-
dern und unabhängig von ihnen dargestellt hat, so bleibt er den-
noch der eigentliche E n t d e c k e r des Sauerstolis gegen-
über den beiden, die ihn bloß d a r g e s t e l l t haben, ohne
auch nur zu ahnen, w a s sie dargestellt hatten.
Wie Lavoisier zu Priestley und Scheele, so verhält sich Marx zu
seinen Vorgängern in der Mehrwertstheorie. Die E x i s t e n z
des Produktenwertteils,
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2) Roscoe-Schorlemmer, "Ausführliches Lehrbuch der Chemie",
Braunschweig 1877, I, p. 13, 18.
#23# Vorwort
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den wir jetzt Mehrwert nennen, war festgestellt lange vor Marx;
ebenso war mit größrer oder geringrer Klarheit ausgesprochen, wo-
raus er besteht, nämlich aus dem Produkt der Arbeit, für welche
der Aneigner kein Äquivalent gezahlt hat. Weiter aber kam man
nicht. Die einen - die klassischen bürgerlichen Ökonomen - unter-
suchten höchstens das Größenverhältnis, worin das Arbeitsprodukt
verteilt wird zwischen dem Arbeiter und dem Besitzer der Produk-
tionsmittel. Die andren - die Sozialisten - fanden diese Vertei-
lung ungerecht und suchten nach utopistischen Mitteln, die Unge-
rechtigkeit zu beseitigen. Beide blieben befangen in den ökonomi-
schen Kategorien, wie sie sie vorgefunden hatten.
Da trat Marx auf. Und zwar in direktem Gegensatz zu allen seinen
Vorgängern. Wo diese eine L ö s u n g gesehn hatten, sah er nur
ein P r o b l e m. Er sah, daß hier weder dephlogistisierte
Luft vorlag noch Feuerluft, sondern Sauerstoff - daß es sich hier
nicht handelte, sei es um die bloße Konstatierung einer ökonomi-
schen Tatsache, sei es um den Konflikt dieser Tatsache mit der
ewigen Gerechtigkeit und der wahren Moral, sondern um eine Tatsa-
che, die berufen war, die ganze Ökonomie umzuwälzen, und die für
das Verständnis der gesamten kapitalistischen Produktion den
Schlüssel bot - für den, der ihn zu gebrauchen wußte. An der Hand
dieser Tatsache untersuchte er die sämtlichen vorgefundnen Kate-
gorien, wie Lavoisier an der Hand des Sauerstoffs die vorgefund-
nen Kategorien der phlogistischen Chemie untersucht hatte. Um zu
wissen, was der Mehrwert war, mußte er wissen, was der Wert war.
Ricardos Werttheorie selbst mußte vor allem der Kritik unterwor-
fen werden. Marx also untersuchte die Arbeit auf ihre wertbil-
dende Qualität und stellte zum ersten Mal fest, w e l c h e Ar-
beit, und warum, und wie sie Wert bildet, und daß Wert überhaupt
nichts ist als festgeronnene Arbeit d i e s e r Art - ein
Punkt, den Rodbertus bis zuletzt nicht begriffen hat. Marx unter-
suchte dann das Verhältnis von Ware und Geld und wies nach, wie
und warum, kraft der ihr innewohnenden Werteigenschaft, die Ware
und der Warenaustausch den Gegensatz von Ware und Geld erzeugen
muß; seine hierauf gegründete Geldtheorie ist die erste erschöp-
fende und jetzt stillschweigend allgemein akzeptierte. Er unter-
suchte die Verwandlung von Geld in Kapital, und bewies, daß sie
auf dem Kauf und Verkauf der Arbeitskraft beruhe. Indem er hier
die Arbeitskraft, die wertschaffende Eigenschaft, an die Stelle
der Arbeit setzte, löste er mit einem Schlag eine der Schwierig-
keiten, an der die Picardosche Schule zugrunde gegangen war: die
Unmöglichkeit, den gegenseitigem Austausch von Kapital und Arbeit
in Einklang zu bringen mit dem Ricardoschen Gesetz der Wertbe-
stimmung durch Arbeit. Indem er die Unterscheidung des Kapitals
in
#24# Vorwort
-----
konstantes und variables konstatierte, kam er erst dahin, den
Prozeß der Mehrwertbildung in seinem wirklichen Hergang bis ins
einzelnste darzustellen und damit zu erklären - was keiner seiner
Vorgänger fertiggebracht; konstatierte er also einen Unterschied
innerhalb des Kapitals selbst, mit dem Rodbertus ebensowenig wie
die bürgerlichen Ökonomen im Stande waren, das geringste anzufan-
gen, der aber den Schlüssel zur Lösung der verwickeltsten ökono-
mischen Probleme liefert, wovon hier wieder Buch II - und noch
mehr, wie sich zeigen wird, Buch III - der schlagendste Beweis.
Den Mehrwert selbst untersuchte er weiter, fand seine beiden For-
men: absoluter und relativer Mehrwert, und wies die verschiedne,
aber beidemal entscheidende Rolle nach, die sie in der geschicht-
lichen Entwicklung der kapitalistischen Produktion gespielt. Auf
Grundlage des Mehrwerts entwickelte er die erste rationelle Theo-
rie des Arbeitslohns, die wir haben, und gab zum ersten Mal die
Grundzüge einer Geschichte der kapitalistischen Akkumulation und
eine Darstellung ihrer geschichtlichen Tendenz.
Und Rodbertus? Nachdem er das alles gelesen, findet er darin -
wie immer Tendenzökonom! - einen "Einbruch in die Gesellschaft"
[6], findet, daß er selbst bereits viel kürzer und klarer gesagt
hat, woraus der Mehrwert entsteht, und findet endlich, daß das
alles zwar auf "die heutige Kapitalform" paßt, d.h. auf das Kapi-
tal, wie es historisch besteht, nicht aber auf "den Kapitalbe-
griff", d.h. die utopistische Vorstellung des Herrn Rodbertus vom
Kapital. Ganz der alte Priestley, der bis an sein Ende aufs Phlo-
giston schwor und vom Sauerstoff nichts wissen wollte. Nur daß
Priestley den Sauerstoff wirklich zuerst dargestellt, während
Rodbertus in seinem Mehrwert oder vielmehr seiner "Rente" nur
einen Gemeinplatz wieder entdeckt hatte, und daß Marx es ver-
schmähte, im Gegensatz zu Lavoisiers Verfahren, zu behaupten, er
sei der erste, der die T a t s a c h e der Existenz des Mehr-
werts aufgedeckt.
Was Rodbertus sonst ökonomisch geleistet hat, steht auf demselben
Niveau. Seine Verarbeitung des Mehrwerts in eine Utopie ist von
Marx in der "Misère de la Philosophie" schon unabsichtlich mit
kritisiert; was sonst noch darüber zu sagen, habe ich in der Vor-
rede 1*) zur deutschen Übersetzung jener Schrift gesagt. Seine
Erklärung der Handelskrisen aus der Unterkonsumtion der Arbeiter-
klasse findet sich bereits in Sismondig "Nouveaux Principes de
l'Économie Politique", liv. IV, ch. IV. 3) Nur daß
---
3) "So verengt sich also durch die Konzentration der Reichtümer
in der Hand einer kleinen Anzahl von Eigentümern der innere Markt
immer mehr, und die Industrie ist
-----
1*) Siehe Band 4 unserer Ausgage, S.558/559
#25# Vorwort
-----
Sismondi dabei stets den Weltmarkt vor Augen hatte, während Rod-
bertus' Horizont nicht über die preußische Grenze hinausgeht.
Seine Spekulationen darüber, ob der Arbeitslohn aus Kapital oder
Einkommen stamme, gehören der Scholastik an und erledigen sich
endgültig durch den dritten Abschnitt dieses zweiten Buchs des
"Kapital". Seine Rententheorie ist sein ausschließliches Eigentum
geblieben und kann fortschlummern, bis das sie kritisierende Ma-
nuskript von Marx erscheint. 1*) Endlich seine Vorschläge zur
Emanzipation des altpreußischen Grundbesitzes vom Druck des Kapi-
tals sind wieder durchaus utopistisch; sie vermeiden nämlich die
einzige praktische Frage, um die es sich dabei handelt - die
Frage: Wie kann der altpreußische Landjunker jahraus, jahrein
sage 20000 Mark einnehmen und sage 30000 Mark ausgeben, und doch
keine Schulden machen?
Die Ricardosche Schule scheiterte gegen 1830 am Mehrwert. Was sie
nicht lösen konnte, blieb erst recht unlösbar für ihre Nachfolge-
rin, die Vulgärökonomie. Die beiden Punkte, an denen sie zugrunde
ging, waren diese:
Erstens. Die Arbeit ist das Maß des Werts. Nun hat aber die le-
bendige Arbeit im Austausch mit dem Kapital einen geringem Wert
als die vergegenständlichte Arbeit, gegen die sie ausgetauscht
wird. Der Arbeitslohn, der Wert eines bestimmten Quantums leben-
diger Arbeit, ist stets geringer als der Wert des Produkts, das
von diesem selben Quantum lebendiger Arbeit erzeugt wird, oder
worin dieses sich darstellt. Die Frage ist in dieser Fassung in
der Tat unlöslich. Sie ist von Marx richtig gestellt und damit
beantwortet worden. Es ist nicht die Arbeit, die einen Wert hat.
Als wertschaffende Tätigkeit kann sie ebensowenig einen besondren
Wert haben, wie die Schwere ein besondres Gewicht, die Wärme eine
besondre Temperatur, die Elektrizität eine besondre Stromstärke.
Es ist nicht die Arbeit, die als Ware gekauft und verkauft wird,
sondern die Arbeitskraft. Sobald sie Ware wird, richtet sich ihr
Wert nach der in ihr, als einem gesellschaftlichen Produkt, ver-
körperten Arbeit, ist er gleich der zu ihrer Produktion und Re-
produktion gesellschaftlich nötigen Arbeit. Der Kauf und Verkauf
der Arbeitskraft auf Grund dieses ihres Werts widerspricht also
keineswegs dem ökonomischen Wertgesetz.
---
immer mehr gezwungen, ihre Absatzgebiete auf den fremden Märkten
zu suchen, wo noch größere Umwälzungen sie erwarten" (nämlich die
Krise von 1817, die gleich darauf beschrieben wird). "Nouv.
Princ.", éd. 1819, I, p. 336.
-----
1*) Siehe Band 26 unserer Ausgabe, 2. Teil, S. 7-106
#26# Vorwort
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Zweitens. Nach dem Ricardoschen Wertgesetz produzieren zwei Kapi-
tale, die gleich viel und gleich hoch bezahlte lebendige Arbeit
anwenden, alle andern Umstände gleichgesetzt, in gleichen Zeiten
Produkte von gleichem Wert und ebenfalls Mehrwert oder Profit von
gleicher Höhe. Wenden sie aber ungleiche Mengen lebendiger Arbeit
an, so können sie nicht Mehrwert oder, wie die Ricardianer sagen,
Profit von gleicher Höhe produzieren. Nun ist aber das Gegenteil
der Fall. Tatsächlich produzieren gleiche Kapitale, einerlei wie
viel oder wie wenig lebendige Arbeit sie an wenden, in gleichen
Zeiten durchschnittlich gleiche Profite. Hier liegt also ein Wi-
derspruch gegen das Wertgesetz vor, den schon Ricardo fand, und
den seine Schule ebenfalls zu lösen unfähig war. Auch Rodbertus
konnte nicht umhin, diesen Widerspruch zu sehn; statt ihn zu lö-
sen, macht er ihn zu einem der Ausgangspunkte seiner Utopie.
("Zur Erk.", S. 131.) Diesen Widerspruch hatte Marx bereits im
Manuskript "Zur Kritik" 1*) gelöst; die Lösung erfolgt nach dem
Plan des "Kapital" in Buch III. 2*) Bis zu seiner Veröffentli-
chung werden noch Monate verstreichen. Die Ökonomen also, die in
Rodbertus die geheime Quelle und einen überlegnen Vorgänger von
Marx entdecken wollen, haben hier eine Gelegenheit zu zeigen, was
die Rodbertussche Ökonomie leisten kann. Wenn sie nachweisen, wie
nicht nur ohne Verletzung des Wertgesetzes, sondern vielmehr auf
Grundlage desselben eine gleiche Durchschnittsprofitrate sich
bilden kann und muß, dann wollen wir weiter miteinander sprechen.
Inzwischen mögen sie sich gefälligst beeilen. Die brillanten Un-
tersuchungen dieses Buch II und ihre ganz neuen Ergebnisse auf
bisher fast unbetretenen Gebieten sind nur Vordersätze zum Inhalt
des Buch III, das die Schlußergebnisse der Marxschen Darstellung
des gesellschaftlichen Reproduktionsprozesses auf kapitalisti-
scher Grundlage entwickelt. Wenn dies Buch III erschienen, wird
von einem Ökonomen Rodbertus wenig mehr die Rede sein.
Das zweite und dritte Buch des "Kapital" sollte, wie Marx öfters
sagte, seiner Frau gewidmet werden.
London, an Marx' Geburtstag, 5. Mai 1885.
Friedrich Engels
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1*) "Siehe Band 26 unserer, 2. Teil, S. 19-24, 58-65, 170-234,
428-470 - 2*) siehe Band 25 unserer Ausgabe, 1. und 2. Abschnitt
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