Quelle: MEW 25 Das Kapital - Dritter Band


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       #895#
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       FRIEDRICH ENGELS
       Ergänzung und Nachtrag zum III. Buche des "Kapital" [127]
       
       #896#
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       #897#
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       Das dritte  Buch des "Kapital", seitdem es der öffentlichen Beur-
       teilung unterliegt,  erfährt bereits mehrfache und verschiedenar-
       tige Deutungen. Das war nicht anders zu erwarten. Bei der Heraus-
       gabe kam  es mir  vor allem  darauf an, einen möglichst authenti-
       schen Text  herzustellen, die  von Marx  neugewonnenen  Resultate
       möglichst in  Marx' eignen  Worten vorzufahren,  mich selbst  nur
       einzum'schen, wo  es absolut  unvermeidlich war,  und auch da dem
       Leser keinen  Zweifel darüber  zu lassen, wer zu ihm spricht. Man
       hat das  getadelt, man hat gemeint, ich hätte das mir vorliegende
       Material in  ein systematisch ausgearbeitetes Buch umwandeln sol-
       len, en  faire un livre, wie die Franzosen sagen, mit andern Wor-
       ten: die  Authentizität des  Textes der Bequemlichkeit des Lesers
       opfern. So hatte ich meine Aufgabe aber nicht aufgefaßt. Zu einer
       solchen Umarbeitung  fehlte mir  alle Berechtigung;  ein Mann wie
       Marx hat  den Anspruch,  selbst gehört  zu werden,  seine wissen-
       schaftlichen Entdeckungen  in der  vollen Echtheit  seiner eignen
       Darstellung der  Nachwelt zu  überliefern. Ferner fehlte mir alle
       Lust dazu,  mich derart, wie ich das ansehn mußte, an dem Nachlaß
       eines so überlegnen Mannes zu vergreifen, es hätte mich Treubruch
       gedünkt. Und  drittens wäre  es rein  nutzlos  gewesen.  Für  die
       Leute, die  nicht lesen können oder wollen, die schon beim ersten
       Buch sich  mehr Mühe  gegeben, es  falsch zu  verstehn, als nötig
       war, es  richtig zu  verstehn - für diese Leute sich irgendwie in
       Unkosten setzen,  ist überhaupt  zwecklos. Für  diejenigen  aber,
       denen es  um wirkliches Verständnis zu tun ist, war grade die Ur-
       schrift selbst  das Wichtigste;  für sie  hätte meine Umarbeitung
       höchstens den  Wert eines  Kommentars gehabt,  und obendrein  des
       Kommentars zu  etwas Unveröffentlichtem  und Unzugänglichem.  Bei
       der ersten  Kontroverse mußte  der Urtext  ja doch  herbeigezogen
       werden, und bei der zweiten und dritten wurde seine Herausgabe in
       extenso unumgänglich.
       
       #898# Friedrich Engels
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       Solche Kontroversen  sind nun  selbstverständlich bei einem Werk,
       das soviel  Neues und  dies nuir  in rasch hingeworfner und teil-
       weise lückenhafter  erster Bearbeitung bringt. Und hier kann mein
       Eingreifen allerdings  von Nutzen  sein, um  Schwierigkeiten  des
       Verständnisses zu  beseitigen, um  wichtige Gesichtspunkte, deren
       Bedeutung im  Text nicht schlagend genug hervortritt, mehr in den
       Vordergrund zu  rücken und um einzelne wichtigere Ergänzungen des
       1865 geschriebnen  Textes auf  den Stand der Dinge von 1895 nach-
       zutragen. In  der Tat  liegen bereits  zwei Punkte  vor, über die
       eine kurze Auseinandersetzung mir nötig scheint.
       
       I. Wertgesetz und Profitrate
       
       Es war  zu erwarten,  daß die Lösung des scheinbaren Widerspruchs
       zwischen diesen  beiden Faktoren ehensosehr nach wie vor der Ver-
       öffentlichung des  Marxschen Textes zu Debatten führen werde. Gar
       mancher hatte  sich auf  ein vollständiges  Wunder gefaßt gemacht
       und findet sich enttäuscht, weil er statt des erwarteten Hokuspo-
       kus eine  einfach-rationelle, prosaisch-nüchterne Vermittlung des
       Gegensatzes vor  sich sieht. Am freudigsten enttäuscht ist natür-
       lich der  bekannte illustre Loria. Der hat endlich den archimedi-
       schen Hebelpunkt  gefunden, von dem aus sogar ein Wichtelmännchen
       seines Kalibers  den festgefügten Marxschen Riesenbau in die Luft
       heben und  zersprangen kann. Was, ruft er entrüstet aus, das soll
       eine Lösung  sein? Das ist ja eine pure Mystifikation! Die Ökono-
       men, wenn  sie von  Wert sprechen,  so sprechen sie von dem Wert,
       der tatsächlich im Austausch sich feststellt.
       
       "Aber sich  mit einem  Wert beschäftigen,  zu dem die Waren weder
       verkauft werden  noch je  verkauft werden können (nè possono ven-
       dersi mai),  das hat  kein Ökonom, der eine Spur von Verstand be-
       sitzt, je  getan, noch wird er es tun... Wenn Marx behauptet, der
       Wert, zu  dem die Waren nie verkauft werden, sei bestimmt im Ver-
       hältnis der in ihnen enthaltnen Arbeit, was tut er da anders, als
       in verkehrter  Form den Satz der orthodoxen Ökonomen wiederholen:
       daß der  Wert, zu  dem die  Waren verkauft werden,  n i c h t  im
       Verhältnis steht  zu der  auf sie  verwandten Arbeit?... Es hilft
       auch nichts,  wenn Marx  sagt, trotz  der Abweichung  der Einzel-
       preise von  den Einzelwerten  falle der Totalpreis der sämtlichen
       Waren stets  zusammen mit ihrem Totalwert oder mit dem in der To-
       talmenge der  Waren enthaltnen Arbeitsquantität. Denn da der Wert
       nichts andres  ist als  das Verhältnis, worin eine Ware mit einer
       andren sich austauscht, ist schon die bloße Vorstellung eines To-
       talwerts eine  Absurdität, ein Unsinn... eine contradictio in ad-
       jecto."
       
       #899#
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       Erste Seite des Manuskripts
       "Wertgesetz und Profitrate" von Engels
       
       #900#
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       #901# Ergänzung und Nachtrag zum III. Buche des "Kapital"
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       Gleich am  Anfang des  Werks sage  Marx, der Austausch könne zwei
       Waren nur  gleichsetzen kraft eines in ihnen enthaltnen gleichar-
       tigen und gleich großen Elements, nämlich der in ihnen enthaltnen
       gleich großen  Arbeits;menge. Und  jetzt verleugne er sich selbst
       aufs feierlichste,  indem er versichere, die Waren tauschten sich
       aus in  einem ganz andern Verhältnis als in dem der in ihnen ent-
       haltnen Arbeitsmenge.
       
       "Wann gab es je eine so vollständige Reduktion ad absurdum, einen
       größeren theoretischen  Bankerott? Wann  ist jemals  ein  wissen-
       schaftlicher Selbstmord mit größerem Pomp und mit mehr Feierlich-
       keit begangen worden?" ("Nuova Antolo", 1. Febr.
       1895, p. 477, 478, 479.)
       
       Man sieht,  unser Loria ist überglücklich. Hat er nicht recht ge-
       habt, Marx  als seinesgleichen, als ordinären Scharlatan zu trak-
       tieren? Da seht ihr's - Marx mokiert sich über sein Publikum ganz
       wie Loria, er lebt von Mystifikationen ganz wie der kleinste ita-
       lienische Professor der Ökonomie. Aber während Dulcamara sich das
       erlauben darf,  weil er  sein  Handwerk  versteht,  verfällt  der
       plumpe Nordländer  Marx in lauter Ungeschicklichkeiten, macht Un-
       sinn und  Absurdität, so  daß ihm  schließlich nichts übrigbleibt
       als feierlicher Selbstmord.
       Sparen wir  uns für  später die Behauptung auf, daß die Waren nie
       zu den  durch die  Arbeit bestimmten  Werten verkauft worden sind
       noch je  dazu verkauft  werden können. Halten wir uns hier nur an
       die Versicherung des Herrn Loria, daß
       
       "der Wert  nichts andres  ist als das Verhältnis, worin eine Ware
       mit einer  andern sich  austauscht, und  daß hiernach  schon  die
       bloße Vorstellung eines Totalwerts der Waren eine Absurdität, ein
       Unsinn etc. ist".
       
       Das Verhältnis,  worin zwei Waren sich austauschen, ihr Wert, ist
       also etwas rein Zufälliges, den Waren von außen Angeflogenes, das
       heute so,  morgen so  sein kann.  Ob ein Meterzentner Weizen sich
       gegen ein  Gramm oder  gegen ein Kilogramm Gold austauscht, hängt
       nicht im  mindesten von  Bedingungen ab,  die diesem  Weizen oder
       Gold inhärent  sind, sondern  von ihnen  beiden total fremden Um-
       ständen. Denn  sonst müßten  diese Bedingungen  sich auch im Aus-
       tausch geltend  machen, ihn  im ganzen und großen beherrschen und
       auch abgesehn  vom Austausch eine selbständige Existenz haben, so
       daß von  einem Gesamtwert der Waren die Rede sein könnte. Das ist
       Unsinn, sagt der illustre Loria. In welchem Verhältnis immer zwei
       Waren sich  austauschen mögen, das ist ihr Wert, und damit holla.
       Der Wert  ist also  identisch mit dem Preis, und jede Ware hat so
       viel Werte,  als sie Preise erzielen kann. Und der Preis wird be-
       stimmt durch
       
       #902# Friedrich Engeis
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       Nachfrage und  Angebot, und  wer noch  weiter fragt,  der ist ein
       Narr, wenn er auf Antwort wartet.
       Die Sache  hat aber  doch einen  kleinen Haken.  Im Normalzustand
       decken sich  Nachfrage und  Angebot. Teilen wir also sämtliche in
       der Welt vorhandne Waren in zwei Hälften, in die Gruppe der Nach-
       frage und  die gleich große des Angebots. Nehmen wir an, jede re-
       präsentiere einen  Preis von 1000 Milliarden Mark, Franken, Pfund
       Sterling oder was immer. Das macht zusammen nach Adam Riese einen
       Preis oder  Wert von  2000 Milliarden.  Unsinn, absurd, sagt Herr
       Loria. Die  beiden Gruppen  mögen zusammen  einen Preis  von 2000
       Milliarden repräsentieren.  Aber mit dem Wert ist das anders. Sa-
       gen wir  Preis, so  sind 1000 + 1000 = 2000. Sagen wir aber Wert,
       so sind 1000 + 1000 = 0. Wenigstens in diesem Fall, wo es sich um
       die Gesamtheit  der Waren  handelt. Denn  hier ist die Ware eines
       jeden von  beiden nur 1000 Milliarden wert, weil jeder von beiden
       diese Summe für die Ware des andern geben will und kann. Vereini-
       gen wir  aber die  Gesamtheit der  Waren beider in der Hand eines
       dritten, so hat der erste keinen Wert mehr in der Hand, der andre
       auch nicht  und der  dritte erst  recht nicht - am End hat keiner
       nix. Und  wir bewundern  abermals die  Überlegenheit, womit unser
       südländischer Cagliostro  den Wertbegriff dermaßen vermöbelt hat,
       daß aber  auch nicht die geringste Spur mehr von ihm übriggeblie-
       ben ist. Es ist dies die Vollendung der Vulgärökonomie! 1)
       ---
       1) Derselbe durch seinen Ruhm bekannte" Herr (um mit Heine zu re-
       den) hat  sich etwas  später auch gemüßigt gesehn, auf meine Vor-
       rede zum III. Band zu antworten - nachdem nämlich dieselbe im er-
       sten Heft  der "Rassegna"  [128] von  1895 italienisch erschienen
       war. Die Antwort steht in der "Riforma Sociale" [129] vom 25. Fe-
       bruar 1895.  Nachdem er  mich zuerst mit den bei ihm unvermeidli-
       chen und  ebendeshalb doppelt widerlichen Lobhudeleien überschüt-
       tet, erklärt  er, es  sei ihm nicht eingefallen, Marx' Verdienste
       um die  materialistische Geschichtsauffassung für sich eskamotie-
       ren zu  wollen. Er  habe sie  schon 1885  anerkannt, nämlich ganz
       beiläufig in  einem Revueartikel.  Dafür aber verschweigt er dies
       um so hartnäckiger da, wohin es gehört, nämlich in seinem betref-
       fenden Buch,  wo Marx erst p. 129 genannt wird, und zwar bloß bei
       Gelegenheit des  kleinen Grundeigentums  in Frankreich. Und jetzt
       erklärt er  kühnlich, Marx sei gar nicht der Urheber dieser Theo-
       rie; wenn  nicht bereits Aristoteles sie angedeutet, so habe Har-
       rington sie  doch schon  1656 unzweifelhaft  proklamiert, und sie
       sei entwickelt  worden von einer Pleiade von Geschichtschreibern,
       Politikern, Juristen  und Ökonomen  lange vor  Marx. Was alles in
       der französischen  Ausgabe des  Loriaschen Werkes zu lesen. Kurz,
       der vollendete  Plagiator. Nachdem  ich ihm fernere Großprahlerei
       mit Entlehnungen  von Marx  unmöglich gemacht, behauptet er keck-
       lich, Marx  schmücke sich auch mit fremden Federn, genauso wie er
       selbst. - Von meinen andern
       
       #903# Ergänzung und Nachtrag zum III. Buche des "Kapital"
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       In Brauns  "Archiv für  soziale Gesetzgebung" [130], VII, Heft 4,
       gibt Werner  Sombart eine  in ihrer Gesamtheit vortreffliche Dar-
       stellung der  Umrisse des  Marxschen Systems. Es st das erstemal,
       daß ein  deutscher Universitätsprofessor es fertigbringt, im gan-
       zen und  großen in Marx' Schriften das zu sehn, was Marx wirklich
       gerne hat, daß er erklärt, die Kritik des Marxschen Systems könne
       nicht in  einer Widerlegung bestehn - "mit der mag sich der poli-
       tische Streber  befassen" -,  sondern nur in einer Weiterentwick-
       lung. Auch  Sombart, wie sich versteht, beschäftigt sich mit uns-
       rem Thema.  Er untersucht die Frage, welche Bedeutung der Wert im
       Marxschen System hat, und kommt zu folgenden Resultaten: Der Wert
       tritt in  dem Austauschverhältnis der kapitalistisch produzierten
       Waren nicht  in die  Erscheinung; er lebt nicht im Bewußtsein der
       kapitalistischen Produktionsagenten;  er  ist  keine  empirische,
       sondern eine gedankliche, eine logische Tatsache; der Wertbegriff
       in materieller  Bestimmtheit bei  Marx ist  nichts andres als der
       ökonomische Ausdruck für die Tatsache der gesellschaftlichen
       ---
       Angriffen nimmt  er noch  den auf, daß nach Loria Marx nie vorge-
       habt habe,  einen 2. oder gar 3. Band des "Kapital" zu schreiben.
       Und jetzt antwortet Engels triumphierend, indem er mir den 2. und
       3. Band entgegenwirft... vortrefflich! Und ich freue mich so sehr
       über diese  Bände, denen  ich so viel intellektuelle Genüsse ver-
       danke, daß  nie mir ein Sieg so lieb war, wie heute diese Nieder-
       lage mir  lieb ist - wenn es in der Tat eine Niederlage ist. Aber
       ist sie es in der Tat? Ist es wirklich wahr, daß Marx geschrieben
       hat, mit der Absicht der Veröffentlichung, dieses Gemenge von zu-
       sammenhangslosen Noten,  die Engels mit pietätvoller Freundschaft
       zusammengestellt hat?  Ist es  wirklich erlaubt  anzunehmen,  daß
       Marx... diesen  Schriftseiten die Krönung seines Werks und seines
       Systems anvertraut  hat? Ist  es in der Tat gewiß, daß Marx jenes
       Kapitel über  die  Durchschnittsprofitrate  veröffentlicht  haben
       wurde, worin  die seit so viel Jahren versprochne Lösung sich re-
       duzierte auf  die trostloseste  Mystifikation, auf  das vulgärste
       Phrasenspiel? Es ist mindestens erlaubt, daran zu zweifeln... Das
       beweist, so  scheint mir, daß Marx nach Herausgabe seines pracht-
       vollen (splendido)  Buchs nicht vorhatte, ihm einen Nachfolger zu
       geben, oder  doch seinen  Erben, und außerhalb seiner eignen Ver-
       antwortlichkeit,  die   Vollendung  des   Riesenwerks  überlassen
       wollte."
       So steht's geschrieben, p. 267. Heine konnte von seinem deutschen
       Philisterpublikum nicht verächtlicher sprechen als in den Worten:
       Der Autor  gewöhnt sich zuletzt an sein Publikum, als wäre es ein
       vernünftiges Wesen.  Für was muß erst der illustre Loria sein Pu-
       blikum ansehn?
       Zum Schluß  eine neue  Tracht Lobsprüche, die auf mich Unglückli-
       chen herniederrasselt.  Dabei vergleicht sich unser Sganarell mit
       Bileam, der  gekommen sei  zu fluchen,  aber dessen  Lippen wider
       Willen Worte  des Segens und der Liebe hervorsprudelten. Der gute
       Bileam zeichnete  sich namentlich  dadurch aus, daß er einen Esel
       ritt, der gescheiter war als sein Herr. Diesmal hat Bileam offen-
       bar seinen Esel zu Hause gelassen.
       
       #904# Friedrich Engels
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       Produktivkraft der Arbeit als Grundlage des wirtschaftlichen Das-
       eins; das  Wertgesetz beherrscht die wirtschaftlichen Vorgänge in
       einer kapitalistischen  Wirtschaftsordnung in letzter Instanz und
       hat für  diese Wirtschaftsordnung  ganz allgemein den Inhalt: Der
       Wert der  Waren ist  die spezifisch historische Form, in der sich
       die in  letzter Instanz  alle Wirtschaftlichen  Vorgänge  beherr-
       schende Produktivkraft der Arbeit bestimmend durchsetzt. - Soweit
       Sombart; es  läßt sich  gegen diese  Auffassung der Bedeutung des
       Wertgesetzes für die kapitalistische Produktionsform nicht sagen,
       daß sie  unrichtig ist. Wohl aber scheint sie mir zu weit gefaßt,
       einer engeren,  präziseren Fassung fähig; sie erschöpft nach mei-
       ner Ansicht  keineswegs die  ganze Bedeutung des Wertgesetzes für
       die von  diesem Gesetz beherrschten ökonomischen Entwicklungsstu-
       fen der Gesellschaft.
       In Brauns  "Sozialpolitischem Zentralblatt" [131] vom 25. Februar
       1895, Nr.  22, findet  sich ein  ebenfalls vortrefflicher Artikel
       über den 3. Band des "Kapital" von Conrad Schmidt. Besonders her-
       vorzuheben ist  hier der Nachweis, wie die Marxsche Ableitung des
       Durchschnittsprofits vom  Mehrwert zum erstenmal eine Antwort auf
       die von  der bisherigen  Ökonomie nicht  einmal aufgeworfne Frage
       gibt, wie  denn die  Höhe dieser Durchschnittsprofitrate bestimmt
       werde und wie es komme, daß sie sage 10 oder 15% ist und nicht 50
       oder 100%.  Seitdem wir wissen, daß der vom industriellen Kapita-
       listen in  erster Hand  angeeignete Mehrwert die einzige und aus-
       schließliche Quelle  ist, aus  der Profit und Grundrente fließen,
       löst sich  diese Frage  von selbst.  Dieser Teil des Schmidtschen
       Aufsatzes könnte direkt für Ökonomen à la Loria geschrieben sein,
       wäre es  nicht vergebliche  Mühe, denen  die Augen zu öffnen, die
       nicht sehn wollen.
       Auch Schmidt  hat seine  formellen Bedenken bezüglich des Wertge-
       setzes. Er  nennt es  eine wissenschaftliche,  zur Erklärung  des
       tatsächlichen Austauschprozesses aufgestellte  H y p o t h e s e,
       die sich auch den ihr scheinbar ganz widersprechenden Erscheinun-
       gen der  Konkurrenzpreise gegenüber  als der notwendige theoreti-
       sche Ausgangspunkt,  als lichtbringend  und unumgänglich bewährt;
       ohne das  Wertgesetz hört auch nach seiner Ansicht jede theoreti-
       sche Einsicht  in das  ökonomische Getriebe  der kapitalistischen
       Wirklichkeit auf. Und in einem Privatbrief, den er mir anzufahren
       gestattet, erklärt Schmidt das Wertgesetz innerhalb der kapitali-
       stischen Produktionsform  gradezu für eine, wenn auch theoretisch
       notwendige, Fiktion.  [132] -  Diese Auffassung  trifft aber nach
       meiner Ansicht  durchaus nicht zu. Das Wertgesetz hat für die ka-
       pitalistische Produktion eine weit größere und bestimmtere Bedeu-
       tung als  die einer  bloßen Hypothese, geschweige einer wenn auch
       notwendigen Fiktion.
       
       #905# Ergänzung und Nachtrag zum III. Buche des "Kapital"
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       Bei Sombart  sowohl wie  bei Schmidt  - den illustren Loria ziehe
       ich nur  herbe, als  erheiternde vulgärökonomische  Folie -  wird
       nicht genug  berücksichtigt, daß  es sich hier nicht nur um einen
       rein logischen Prozeß handelt, sondern um einen historischen Pro-
       zeß und  dessen erklärende  Rückspiegelung im Gedanken, die logi-
       sche Verfolgung seiner inneren Zusammenhänge.
       Die entscheidende Stelle findet sich bei Marx III, I, p. 154 1*):
       Die ganze Schwierigkeit kommt dadurch hinein, daß die Waren nicht
       einfach   als    Waren   ausgetauscht    werden,   sondern    als
       P r o d u k t e   v o n  K a p i t a l e n,  die im Verhältnis zu
       ihrer Größe,  oder bei  gleicher Größe,  gleiche Teilnahme an der
       Gesamtmasse des  Mehrwerts beanspruchen." Zur Illustration dieses
       Unterschieds wird  nun unterstellt,  die Arbeiter seien im Besitz
       ihrer Produktionsmittel,  arbeiteten im Durchschnitt gleich lange
       Zeit und  mit gleicher Intensität und tauschten ihre Waren direkt
       miteinander aus.  Dann hätten  zwei Arbeiter  in einem Tage ihrem
       Produkt gleich viel Neuwert durch ihre Arbeit zugesetzt, aber das
       Produkt eines  jeden hätte  verschiednen Wert  je nach der in den
       Produktionsmitteln früher schon verkörperten Arbeit. Dieser letz-
       tere Wertteil  würde das  konstante Kapital  der kapitalistischen
       Wirtschaft repräsentieren, der auf die Lebensmittel des Arbeiters
       verwandte Teil  des neu  zugesetzten Werts  das variable Kapital,
       der dann  noch übrige  Teil des  Neuwerts den  Mehrwert, der hier
       also dem  Arbeiter gehörte.  Beide Arbeiter  erhielten also, nach
       Abzug  des   Ersatzes  für  den  von  ihnen  nur  vorgeschossenen
       "konstanten" Wertteil,  gleiche Werte;  das  Verhältnis  des  den
       Mehrwert repräsentierenden  Teils zu dem Wert der Produktionsmit-
       tel -  was der kapitalistischen Profitrate entspräche - wäre aber
       bei beiden verschieden. Da aber jeder von ihnen den Wert der Pro-
       duktionsmittel im  Austausch ersetzt erhält, wäre dies ein völlig
       gleichgültiger Umstand.  "Der Austausch von Waren zu ihren Werten
       oder annähernd  zu ihren  Werten, erfordert  also eine    v i e l
       n i e d r i g e r e  S t u f e  als der Austausch zu Produktions-
       preisen, wozu  eine bestimmte  Höhe kapitalistischer  Entwicklung
       nötig ist...  Abgesehn von  der Beherrschung  der Preise  und der
       Preisbewegung durch  das Wertgesetz, ist es also durchaus sachge-
       mäß, die  Werte der Waren nicht nur theoretisch, sondern auch hi-
       storisch als  das prius  der Produktionspreise  zu betrachten. Es
       gilt dies  für Zustände,   w o   d e m   A r b e i t e r    d i e
       P r o d u k t i o n s m i t t e l  g e h ö r e n,  und dieser Zu-
       stand findet  sich, in  der alten  wie in der modernen Welt, beim
       selbstarbeitenden grundbesitzenden  Bauer und beim Handwerker. Es
       stimmt dies auch mit unsrer früher ausgesprochnen
       -----
       1*) Siehe vorl. Band, S. 184/185
       
       #906# Friedrich Engels
       -----
       Ansicht, daß  die Entwicklung  der Produkte  zu Waren  entspringt
       durch den Austausch zwischen verschiednen Gemeinwesen, nicht zwi-
       schen den  Gliedern einer  und derselben Gemeinde. Wie für diesen
       ursprünglichen Zustand, so gilt es für die späteren Zustände, die
       auf Sklaverei  und Leibeigenschaft  gegründet sind,  und für  die
       Zunftorganisation des  Handwerks, solange  die in jedem Produkti-
       onszweig festgelegten Produktionsmittel nur mit Schwierigkeit aus
       der einen Sphäre in die andre übertragbar sind und die verschied-
       nen Sphären  sich daher  zueinander verhalten  wie fremde  Länder
       oder kommunistische  Gemeinwesen." (Marx,  III, I,  p. 155,  156.
       1*))
       Wäre Marx  dazu gekommen,  das dritte Buch nochmals durchzuarbei-
       ten, er  hätte ohne  Zweifel diese Stelle bedeutend weiter ausge-
       führt. So  wie sie  da steht,  gibt sie nur den skizzierten Umriß
       von dem, was über den Fragepunkt zu sagen ist. Gehen wir also et-
       was näher darauf ein.
       Wir alle  wissen, daß  in den  Anfängen der Gesellschaft die Pro-
       dukte von  den Produzenten selbst verbraucht werden und daß diese
       Produzenten in  mehr oder  minder kommunistisch organisierten Ge-
       meinden naturwüchsig  organisiert sind;  daß  der  Austausch  des
       Überschusses dieser Produkte mit Fremden, der die Verwandlung der
       Produkte in Waren einleitet, späteren Datums ist, zuerst nur zwi-
       schen einzelnen stammesfremden Gemeinden stattfindet, später aber
       auch innerhalb  der Gemeinde  zur Geltung kommt und wesentlich zu
       deren Auflösung  in größere  oder kleinere  Familiengruppen  bei-
       trägt. Aber selbst nach dieser Auflösung bleiben die austauschen-
       den Famillenhäupter  arbeitende Bauern, die fast ihren ganzen Be-
       darf mit  Hilfe ihrer  Familie auf dem eignen Hof produzieren und
       nur einen  geringen Teil  der benötigten  Gegenstände gegen über-
       schüssiges eignes  Produkt von  außen  eintauschen.  Die  Familie
       treibt nicht  bloß Ackerbau  und Viehzucht,  sie verarbeitet auch
       deren Produkte zu fertigen Verbrauchsartikeln, mahlt stellenweise
       noch selbst mit der Handmühle, bäckt Brot, spinnt, färbt, verweht
       Flachs und  Wolle, gerbt  Leder, errichtet und repariert hölzerne
       Gebäude, stellt  Werkzeuge und Geräte her, schreinert und schmie-
       det nicht  selten; so  daß die Familie oder Famillengruppe in der
       Hauptsache sich selbst genügt.
       Das Wenige  nun, was eine solche Familie von andern einzutauschen
       oder zu  kaufen hat,  bestand selbst  bis in  den Anfang  des 19.
       Jahrhunderts in  Deutschland vorwiegend  aus  Gegenständen  hand-
       werksmäßiger Produktion,  also aus solchen Dingen, deren Herstel-
       lungsart dem Bauer keineswegs fremd
       -----
       1*) Vgl. vorl. Band, S. 186/187
       
       #907# Ergänzung und Nachtrag zum III. Buche des "Kapital"
       -----
       war und  die er  nur deshalb  nicht selbst  produzierte, weil ihm
       entweder der  Rohstoff nicht zugänglich oder der gekaufte Artikel
       viel besser  oder sehr viel wohlfeiler war. Dem Bauer des Mittel-
       alters war  also die für die Herstellung der von ihm eingetausch-
       ten Gegenstände erforderliche Arbeitszeit ziemlich genau bekannt.
       Der Schmied,  der Wagner des Dorfs arbeiteten ja unter seinen Au-
       gen; ebenso der Schneider und Schuhmacher, der noch zu meiner Ju-
       gendzeit bei  unsern rheinischen  Bauern der Reihe nach einkehrte
       und die  selbstverfertigten Stoffe zu Kleidern und Schuhen verar-
       beitete. Der Bauer sowohl wie die Leute, von denen er kaufte, wa-
       ren selbst  Arbeiter, die ausgetauschten Artikel waren die eignen
       Produkte eines  jeden. Was  hatten sie bei der Herstellung dieser
       Produkte aufgewandt?  Arbeit und  nur Arbeit:  für den Ersatz der
       Werkzeuge, für  Erzeugung des  Rohstoffs, für  seine Verarbeitung
       haben sie nichts ausgegeben als ihre eigne Arbeitskraft; wie also
       können sie  diese ihre Produkte mit denen andrer arbeitenden Pro-
       duzenten austauschen anders als im Verhältnis der darauf verwand-
       ten Arbeit? Da war nicht nur die auf diese Produkte verwandte Ar-
       beitszeit der  einzige geeignete Maßstab für die quantitative Be-
       stimmung der  auszutauschenden  Größen;  da  war  überhaupt  kein
       andrer möglich.  Oder glaubt  man, der  Bauer und  der Handwerker
       seien so dumm gewesen, das Produkt zehnstündiger Arbeit des einen
       für das  einer einzigen  Arbeitsstunde des andern hinzugeben? Für
       die ganze  Periode der  bäuerlichen  Naturalwirtschaft  ist  kein
       andrer Austausch möglich als derjenige, wo die ausgetauschten Wa-
       renquanta die Tendenz haben, sich mehr und mehr nach den in ihnen
       verkörperten Arbeitsmengen  abzumessen. Von dem Augenblick an, wo
       das Geld  in diese  Wirtschaftsweise eindringt,  wird die Tendenz
       der Anpassung  an das  Wertgesetz (in der Marxschen Formulierung,
       nota bene!)  einerseits noch  ausgesprochener,  andrerseits  aber
       wird sie  auch schon  durch die  Eingriffe des Wucherkapitals und
       der fiskalischen  Aussaugung durchbrochen,  die Perioden, für die
       die Preise  im Durchschnitt  sich den Werten bis auf eine zu ver-
       nachlässigende Größe nähern, werden schon länger.
       Das gleiche  gilt für  den Austausch zwischen Bauernprodukten und
       denen der  städtischen Handwerker.  Anfangs findet  dieser direkt
       statt, ohne  Vermittlung des  Kaufmanns, an  den  Markttagen  der
       Städte, wo der Bauer verkauft und seine Einkäufe macht. Auch hier
       sind nicht  nur dem  Bauer die Arbeitsbedingungen des Handwerkers
       bekannt, sondern  dem Handwerker auch die des Bauern. Denn er ist
       selbst noch  ein Stück  Bauer, er hat nicht nur Küchen- und Obst-
       garten, sondern  auch sehr oft ein Stückchen Feld, eine oder zwei
       Kühe, Schweine, Federvieh usw. Die Leute im Mittelalter
       
       #908# Friedrich Engels
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       waren so imstande, jeder dem andern die Produktionskosten an Roh-
       stoff, Hilfsstoff,  Arbeitszeit mit  ziemlicher Genauigkeit nach-
       zurechnen -  wenigstens, was  Artikel täglichen  allgemeinen  Ge-
       brauchs betraf.
       Wie war  aber für  diesen Austausch nach dem Maßstab des Arbeits-
       quantums dies  letztere, wenn  auch nur  indirekt und relativ, zu
       berechnen für  Produkte, die eine längere, in unregelmäßigen Zwi-
       schenräumen  unterbrochne,   in  ihrem   Ertrag  unsichre  Arbeit
       erheischten, Z.B.  Korn oder  Vieh? Und das obendrein bei Leuten,
       die nicht rechnen konnten? Offenbar nur durch einen langwierigen,
       oft im  Dunkeln hin  und her  tastenden Prozeß  der Annäherung im
       Zickzack, wobei  man, wie sonst auch, erst durch den Schaden klug
       wurde. Aber die Notwendigkeit für jeden, im ganzen und großen auf
       seine Kosten  zu kommen,  half immer wieder in die korrekte Rich-
       tung, und  die geringe  Anzahl der in den Verkehr kommenden Arten
       von Gegenständen, sowie die oft während Jahrhunderten stabile Art
       ihrer Produktion,  erleichterte die Erreichung des Ziels. Und daß
       es keineswegs so lange dauerte, bis die relative Wertgröße dieser
       Produkte ziemlich  annähernd festgestellt war, beweist allein die
       Tatsache, daß  die Ware,  bei der dies wegen der langen Produkti-
       onszeit des  einzelnen Stücks am schwierigsten scheint, das Vieh,
       die erste  ziemlich allgemein  anerkannte Geldware wurde. Um dies
       fertigzubringen, mußte der Wert des Viehs, sein Austauschverhält-
       nis zu  einer ganzen  Reihe von  andern Waren, schon eine relativ
       ungewöhnliche, auf  dem Gebiet zahlreicher Stämme widerspruchslos
       anerkannte Feststellung  erlangt haben.  Und die Leute von damals
       waren sicher  gescheit genug  - die  Viehzüchter sowohl  wie ihre
       Kunden -,  um nicht die von ihnen aufgewandte Arbeitszeit im Aus-
       tausch ohne  Äquivalent wegzuschenken. Im Gegenteil: je näher die
       Leute dem Urzustand der Warenproduktion stehn - Russen und Orien-
       talen z.B.  -, desto  mehr Zeit  verschwenden sie  noch heute, um
       durch langes,  zähes Schachern  den vollen  Entgelt ihrer auf ein
       Produkt verwandten Arbeitszeit herauszuschlagen.
       Ausgehend von  dieser Wertbestimmung  durch die Arbeitszeit, ent-
       wickelte sich  nun die ganze Warenproduktion und mit ihr die man-
       nigfachen Beziehungen, in denen die verschiednen Seiten des Wert-
       gesetzes sich geltend machen, wie sie im ersten Abschnitt des er-
       sten Buchs  des "Kapital" dargelegt sind; also namentlich die Be-
       dingungen, unter  denen allein  die Arbeit  wertbildend ist.  Und
       zwar sind dies Bedingungen, die sich durchsetzen, ohne den Betei-
       ligten zum  Bewußtsein zu  kommen, und die selbst erst durch müh-
       same theoretische  Untersuchung aus  der alltäglichen  Praxis ab-
       strahiert werden können, die also nach Art von Naturgesetzen wir-
       ken, wie dies Marx auch als notwendig aus der Natur der Warenpro-
       duktion
       
       #909# Ergänzung und Nachtrag zum III. Buche des "Kapital"
       -----
       folgend nachgewiesen  hat. Der  wichtigste  und  einschneidendste
       Fortschritt war  der Obergang  zum Metallgeld,  der aber auch die
       Folge hatte,  daß nun  die Weribestimmung  durch die  Arbeitszeit
       nicht länger auf der Oberfläche des Warenaustausches sichtbar er-
       schien. Das  Geld wurde  für die  praktische Auffassung  der ent-
       scheidende Wertmesser, und dies um so mehr, je mannigfaltiger die
       in den  Handel kommenden Waren wurden, je mehr sie entlegnen Län-
       dern entstammten, je weniger also die zu ihrer Herstellung nötige
       Arbeitszeit sich kontrollieren ließ. Kam doch das Geld anfänglich
       selbst meist  aus der Fremde; auch als Edelmetall im Lande gewon-
       nen wurde, war der Bauer und Handwerker teils nicht imstande, die
       darauf verwandte  Arbeit annähernd  abzuschätzen, teils  war  ihm
       selbst schon das Bewußtsein von der wertmessenden Eigenschaft der
       Arbeit durch die Gewohnheit des Geldrechnens ziemlich verdunkelt;
       das Geld begann in der Volksvorstellung den absoluten Wert zu re-
       präsentieren.
       Mit einem  Wort: das  Marxsche Wertgesetz  gilt allgemein, soweit
       überhaupt ökonomische  Gesetze gelten,  für die ganze Periode der
       einfachen Warenproduktion,  also bis zur Zeit, wo diese durch den
       Eintritt der  kapitalistischen Produktionsform  eine Modifikation
       erfährt. Bis  dahin gravitieren  die Preise  nach den  durch  das
       Marxsche Gesetz  bestimmten Werten  hin und  oszillieren um diese
       Werte, so daß, je voller die einfache Warenproduktion zur Entfal-
       tung kommt,  desto mehr  die Durchschnittspreise  längerer, nicht
       durch äußre  gewaltsame Störungen  unterbrochener Perioden inner-
       halb der  Vernachlässigungsgrenzen mit den Werten zusammenfallen.
       Das Marxsche Wertgesetz hat also ökonomisch-allgemeine Gültigkeit
       für eine Zeitdauer, die vom Anfang des die Produkte in Waren ver-
       wandelnden Austausches  bis  ins  fünfzehnte  Jahrhundert  unsrer
       Zeitrechnung dauert.  Der Warenaustausch  aber datiert  von einer
       Zeit, die vor aller geschriebnen Geschichte liegt, die in Ägypten
       auf mindestens  drittehalbtausend, vielleicht fünftausend, in Ba-
       bylonien auf  viertausend, vielleicht sechstausend Jahre vor uns-
       rer Zeitrechnung  zurückführt; das Wertgesetz hat also geherrscht
       während einer  Periode von fünf bis sieben Jahrtausenden. Und nun
       bewundre man  die Gründlichkeit  des Herrn Loria, der den während
       dieser Zeit  allgemein und direkt gültigen Wert einen Wert nennt,
       zu dem  die Waren nie verkauft werden oder verkauft werden können
       und mit dem kein Ökonom sich je beschäftigen wird, der einen Fun-
       ken gesunden Verstand hat!
       Bisher haben  wir nicht  vom Kaufmann gesprochen. Wir konnten uns
       die Berücksichtigung  seiner Intervention aufsparen bis jetzt, wo
       wir zur Verwandlung der einfachen in kapitalistische Warenproduk-
       tion übergehn.
       
       #910# Friedrich Engels
       -----
       Der Kaufmann  war das  revolutionäre Element  in  dieser  Gesell-
       schaft, wo  alles sonst  stabil war,  stabil sozusagen durch Erb-
       lichkeit; wo  der Bauer  nicht nur seine Hufe, sondern auch seine
       Stellung als  freier Eigentümer,  freier oder  höriger  Zinsbauer
       oder Leibeigner,  der städtische  Handwerker  sein  Handwerk  und
       seine zünftigen Privilegien erblich und fast unveräußerlich über-
       kam und  jeder von  ihnen obendrein  seine Kundschalt, seinen Ab-
       satzmarkt, ebensosehr  wie sein  von Jugend  auf für den ererbten
       Beruf ausgebildetes  Geschick. In  diese Welt  trat nun der Kauf-
       mann, von  dem ihre  Umwälzung ausgehn sollte. Aber nicht als be-
       wußter Revolutionär; im Gegenteil, als Fleisch von ihrem Fleisch,
       Bein von  ihrem Bein.  Der Kaufmann des Mittelalters war durchaus
       kein Individualist,  er war  wesentlich Genossenschafter wie alle
       seine Zeitgenossen.  Auf dem  Lande herrschte die dem urwüchsigen
       Kommunismus entsprossene  Markgenossenschaft. Jeder  Bauer  hatte
       ursprünglich eine  gleich große  Hufe, mit  gleich großen Stücken
       Boden von  jeder Qualität, und einen entsprechenden gleich großen
       Anteil an  den Rechten  in der gemeinen Mark. Seitdem die Markge-
       nossenschaft eine geschlossene geworden war und keine neuen Hufen
       mehr ausgeteilt  wurden, traten durch Erbschaft etc. Unterteilun-
       gen der Hufen ein und dementsprechende Unterteilungen der Markbe-
       rechtigung; aber die Vollhufe blieb die Einheit, so daß es Halb-,
       Viertels-, Achtelshufen  mit halber, Viertels- und Achtelsberech-
       tigung in  der gemeinen Mark gab. Nach dem Vorbild der Markgenos-
       senschaft richteten  sich alle  späteren Erwerbsgenossenschaften,
       vor allem die Zünfte in den Städten, deren Ordnung nichts war als
       die Anwendung  der Markverfassung  auf  ein  Handwerksprivilegium
       statt auf  ein begrenztes  Landgebiet. Der Mittelpunkt der ganzen
       Organisation war  die gleiche  Beteiligung jedes  Genossen an den
       der Gesamtheit  gesicherten Vorrechten  und Nutzungen,  wie  sich
       dies noch schlagend in dem Privilegium der Elberfelder und Barmer
       "Garnnahrung" von  1527 ausspricht.  (Thun, "Industrie am Nieder-
       rhein", II,  164 ff.)  Dasselbe gilt  von den  Gewerken der Berg-
       werke, wo  auch jede  Kux gleichen Anteil hatte und auch, wie die
       Hufe des  Markgenossen, samt  ihren Rechten und Pflichten teilbar
       war. Und  dasselbe gilt  in nicht mindrem Grad von den kaufmänni-
       schen Genossenschaften,  die den  überseeischen Handel  ins Leben
       riefen. Die  Venetianer und die Genuesen im Hafen von Alexandrien
       oder Konstantinopel,  jede "Nation"  in ihrem  eignen  Fondaco  -
       Wohnhaus, Wirtshaus, erhaus, Ausstellungs- und Verkaufsraum nebst
       Zentralbüro -  bildeten vollständige Handelsgenossenschaften, sie
       waren abgeschlossen gegen Konkurrenten und Kunden, sie verkauften
       zu unter  sich festgestellten  Preisen,  ihre  Waren  hatten  be-
       stimmte, durch öffentliche Untersuchung
       
       #911# Ergänzung und Nachtrag zum III. Buche des "Kapital"
       -----
       und oft  Abstempelung garantierte  Qualität, sie  beschlossen ge-
       meinsam über  die den  Eingebornen für ihre Produkte zu zahlenden
       Preise etc.  Nicht anders  verfuhren die  Hanseaten auf der deut-
       schen Brücke  (Tydske Bryggen)  zu Bergen  in Norwegen und ebenso
       ihre holländischen und englischen Konkurrenten. Wehe dem, der un-
       ter dem  Preis verkauft oder über dem Preis eingekauft hätten Der
       Boykott, der ihn traf, bedeutete damals den unbedingten Ruin, un-
       gerechnet die  direkten Strafen,  die die Genossenschaft über den
       Schuldigen verhängte.  Es wurden  aber auch noch engere Genossen-
       schaften zu  bestimmten Zwecken  gegründet, dergleichen die Maona
       von Genua, die langjährige Beherrscherin der Alaungruben von Pho-
       käa in  Kleinasien sowie der Insel Chlos, im 14. und 15. Jahrhun-
       dert, ferner die große Ravensberger Handelsgesellschaft, die seit
       Ende des  14. Jahrhunderts  nach Italien  und  Spanien  Geschäfte
       machte und  dort Niederlassungen  ndete, und die deutsche Gesell-
       schaft der  Augsburger Fugger,  Welser, Vöhlin,  Höchstetter etc.
       und der  Nürnberger Hirschvogel  und andre, die mit einem Kapital
       von 66 000  Dukaten und drei Schiffen sich an der portugiesischen
       Expedition nach Indien 1505/06 beteiligte und dabei einen Reinge-
       winn von  150,  nach  andern  175  Prozent  herausschlug,  (Heyd,
       "Levantehandel", II,  524) und  eine ganze  Reihe andrer  Gesell-
       schaften "Monopolia", über die Luther sich so erzürnt.
       Hier stoßen  wir zum  erstenmal auf  einen Profit  und eine  Pro-
       fitrate. Und zwar ist das Bestreben der Kaufleute absichtlich und
       bewußt darauf  gerichtet, diese  Profitrate für  alle Beteiligten
       gleichzumachen. Die  Venetianer in  der Levante, die Hanseaten im
       Norden zahlten  jeder dieselben  Preise für seine Waren wie seine
       Nachbarn, sie  kosteten ihm dieselben Transportkosten, er erhielt
       dafür dieselben  Preise und  kaufte ebenfalls  Rückfracht ein  zu
       denselben Preisen  wie jeder  andre Kaufmann seiner "Nation". Die
       Profitrate war  also für  alle gleich.  Bei den großen Handelsge-
       sellschaften versteht  sich die  Verteilung des  Gewinns pro rata
       des eingeschoßnen  KapitaIanteils genauso  von selbst wie die Be-
       teiligung an  den Markrechten  pro rata des berechtigten Hufenan-
       teils oder  an dem Bergwerksgewinn pro rata des Kuxenanteils. Die
       gleiche Profitrate,  die in ihrer vollen Entwicklung eins der En-
       dergebnisse der  kapitalistischen Produktion  ist,  erweist  sich
       hier also  in ihrer  einfachsten Form als einer der Punkte, wovon
       das Kapital historisch ausgegangen, ja sogar als ein direkter Ab-
       leger der Markgenossenschaft, die wieder ein direkter Ableger des
       Urkommunismus ist.  Diese ursprüngliche  Profitrate war notwendig
       sehr hoch.  Das Geschäft  war sehr  riskant, nicht  nur wegen des
       stark grassierenden  Seeraubs; auch  die konkurrierenden Nationen
       erlaubten sich manchmal allerlei Gewalttätigkeiten,
       
       #912# Friedrich Engels
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       wenn sich Gelegenheit bot; endlich beruhte der Absatz und die Ab-
       satzbedingungen auf  Privilegien fremder  Fürsten, die  oft genug
       gebrochen oder widerrufen wurden. Der Gewinn mußte also eine hohe
       Assekuranzprämie einschließen.  Dann war  der Umsatz langsam, die
       Abwicklung der  Geschäfte langwierig,  und in  den besten Zeiten,
       die allerdings  selten von langer Dauer, war das Geschäft ein Mo-
       nopolhandel mit Monopolprofit. Daß die Profitrate im Durchschnitt
       sehr hoch war, beweisen auch die damals gültigen sehr hohen Zins-
       raten, die  doch immer  im ganzen  niedriger sein  mußten als der
       Prozentsatz des üblichen Handelsgewinns.
       Diese durch das genossenschaftliche Zusammenwirken erwirkte hohe,
       für alle  Beteiligten gleiche  Profitrate hatte  aber nur  lokale
       Geltung innerhalb der Genossenschaft, also hier der "Nation". Ve-
       netianer, Genuesen,  Hanseaten, Holländer hatten, jede Nation für
       sich und  wohl auch  mehr oder weniger anfangs für jedes einzelne
       Absatzgebiet, eine  besondre Profitrate.  Die Ausgleichung dieser
       verschiednen Genossenschafts-Profitraten  setzte sich  durch  auf
       dem entgegengesetzten  Weg, durch  die Konkurrenz.  Zunächst  die
       Profitraten der verschiednen Märkte für eine und dieselbe Nation.
       Bot Alexandrien  mehr Gewinn  für venetianische Waren als Cypern,
       Konstantinopel oder  Trapezunt, so werden die Venetianer für Ale-
       xandrien mehr  Kapital in  Bewegung gesetzt  und dies dem Verkehr
       mit den andern Märkten entzogen haben. Dann mußte die allmähliche
       Ausgleichung der Profitraten zwischen den einzelnen, nach densel-
       ben Märkten  dieselben oder  ähnliche Waren ausfahrenden Nationen
       an die  Reihe kommen,  wobei sehr häufig einzelne dieser Nationen
       erdrückt wurden  und vom  Schauplatz verschwanden.  Dieser Prozeß
       wurde aber  fortwährend von politischen Ereignissen unterbrochen,
       wie denn  der ganze  Levantehandel infolge  der mongolischen  und
       türkischen Invasionen  an dieser  Ursache zugrunde  ging und  die
       großen geographisch-kommerziellen  Entdeckungen seit  1492 diesen
       Untergang nur beschleunigten und dann endgültig machten.
       Die nun  erfolgende plötzliche  Ausdehnung des  Absatzgebiets und
       damit  zusammenhängende   Umwälzung  der  Verkehrslinien  brachte
       zunächst keine  wesentliche Änderung  in der  Art des  Handelsbe-
       triebs. Auch  nach Indien  und Amerika handelten zunächst vorwie-
       gend noch  Genossenschaften. Aber  erstens standen  hinter diesen
       Genossenschaften größere  Nationen. An die Stelle der levantehan-
       delnden Katalonier  trat im  Amerikahandel das ganze große verei-
       nigte Spanien;  neben ihm  zwei  große  Länder  wie  England  und
       Frankreich; und selbst Holland und Portugal, die kleinsten, waren
       immer noch  mindestens ebenso  groß und  stark wie  Venedig,  die
       größte und  stärkste Handelsnation  der vorigen  Periode. Das gab
       dem fahrenden Kaufmann,
       
       #913# Ergänzung und Nachtrag zum III. Buche des "Kapital"
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       dem merchant  adventurer des 16. und 17. Jahrhunderts einen Rück-
       halt, der  die ihre Glieder auch mit den Waffen schätzende Genos-
       senschaft mehr und mehr überflüssig, ihre Kosten daher direkt lä-
       stig machte.  Dann entwickelte sich jetzt der Reichtum in einzel-
       ner Hand  bedeutend schneller,  so daß bald vereinzelte Kaufleute
       ebensoviel Fonds  auf eine Unternehmung wenden konnten wie früher
       eine ganze  Gesellschaft. Die  Handelsgeselischaften, wo sie noch
       fortbestanden, verwandelten  sich meist in bewaffnete Korporatio-
       nen, die unter dem Schutz und der Oberhoheit des Mutterlandes neu
       entdeckte ganze  Länder eroberten und monopolistisch ausbeuteten.
       Je mehr  aber in  den neuen Gebieten Kolonien vorwiegend auch von
       Staats wegen angelegt wurden, desto mehr trat der genossenschaft-
       liche Handel  vor dem  des einzelnen  Kaufmanns zurück, und damit
       wurde die Ausgleichung der Profitrate mehr und mehr ausschließli-
       che Sache der Konkurrenz.
       Bisher haben  wir eine  Profitrate kennengelernt nur für das Han-
       delskapital. Denn  nur Handels- und Wucherkapital hatte es bisher
       gegeben, das  industrielle Kapital  sollte sich eben erst entwic-
       keln. Die Produktion war noch vorwiegend in den Händen von Arbei-
       tern, die  im Besitz  ihrer eignen Produktionsmittel waren, deren
       Arbeit also  keinem Kapital  einen Mehrwert  abwarf.  Mußten  sie
       einen Teil  des Produkts ohne Entgelt an Dritte abtreten, dann in
       der Form  des Tributs  an  Feudalherren.  Das  Kauf  mannskapital
       konnte seinen  Profit daher, wenigstens anfangs, nur aus den aus-
       ländischen Käufern  inländischer oder  den  inländischen  Käufern
       ausländischer Produkte herausschlagen; erst gegen Ende dieser Pe-
       riode -  für Italien also mit dem Niedergang des Levantehandels -
       mochte die  auswärtige Konkurrenz  und der  erschwerte Absatz den
       handwerksmäßigen Produzenten  von Ausfuhrwaren  zwingen, dem  Ex-
       portkaufmann die  Ware unter ihrem Wert abzulassen. Und so finden
       wir hier  die Erscheinung,  daß im inländischen Detailverkehr der
       einzelnen Produzenten untereinander die Waren durchschnittlich zu
       ihren Werten verkauft werden, im internationalen Handel aber, aus
       angegebnen Gründen,  der Regel  nach nicht. Ganz im Gegensatz zur
       heutigen Welt,  wo die  Produktionspreise im  internationalen und
       Großhandel Geltung  haben, während im städtischen Kleinhandel die
       Preisbildung durch  ganz andre Profitraten reguliert wird. So daß
       z.B. heute  das Fleisch  eines  Ochsen  einen  größeren  Preisauf
       schlag erfährt  auf dem  Wege vom  Londoner Engroshändler bis zum
       einzelnen Londoner  Konsumenten als vom Engroshändler in Chicago,
       inklusive Transport,  bis zum  Londoner Engroshändler.  Das Werk-
       zeug, das diese Umwälzung in der Preisbildung allmählich zustande
       brachte, war  das industrielle  Kapital. Bereits  im  Mittelalter
       hatten
       
       #914# Friedrich Engels
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       sich Ansätze dazu,gebildet, und zwar auf drei Gebieten: Reederei,
       Bergwerk, Textilindustrie. Reederei auf dem von den italienischen
       und hanseattschen  Seerepubliken betriebnen Maßstab war unmöglich
       ohne Matrosen,  d.h. Lohnarbeiter (deren Lohnverhältnis unter ge-
       nossenschaftlichen Formen  mit Gewinnbeteiligung  versteckt  sein
       mochte), und für die Caleeren Jener Zeit auch ohne Ruderer, Lohn-
       arbeiter oder  Sklaven. Die  Gewerken der Erzgruben, ursprünglich
       genossenschaftliche Arbeiter,  hatten sich  in fast  allen Fällen
       bereits in  Aktiengesellschaften zur Ausbeutung des Betriebs ver-
       mittelst Lohnarbeiter  verwandelt.  Und  in  der  Textilindustrie
       hatte der Kaufmann angefangen, die kleinen Webermeister direkt in
       seinen Dienst  zu stellen,  indem er  ihnen das Garn lieferte und
       gegen fixen  Lohn für  seine Rechnung  in Gewebe verwandeln ließ,
       kurz,  indem   er  aus   einem  bloßen   Käufer  ein  sogenannter
       V e r l e g e r  wurde.
       Hier haben  wir die ersten Anfänge kapitalistischer Mehrwertsbil-
       dung vor  uns. Die  bergmännischen Gewerken  können wir  als  ge-
       schlossene Monopol-Korporationen  außer acht lassen. Von den Ree-
       dern liegt  es auf der Hand, daß ihre Profite mindestens die lan-
       desüblichen sein  mußten, mit  Extrazuschlag für Assekuranz, Ver-
       schleiß der  Schiffe etc.  Wie aber lag die Sache mit den Textil-
       verlegern, die  zuerst direkt für kapitalistische Rechnung herge-
       stellte Waren  auf den Markt und mit den für Handwerkers Rechnung
       hergestellten Waren derselben Art in Konkurrenz brachten?
       Die Profitrate  des Handelskapitals war vorgefunden. Sie war auch
       schon, wenigstens  für die  betreffende Lokalität, zu einer annä-
       hernden Durchschnittsrate  ausgeglichen. Was konnte nun den Kauf-
       mann bewegen, das Extrageschäft des Verlegers auf sich zu nehmen?
       Nur eins: die Aussicht auf größeren Profit bei gleichem Verkaufs-
       preis mit  den andern.  Und diese Aussicht hatte er. Indem er den
       Kleinmeister in seinen Dienst nahm, durchbrach er die hergebrach-
       ten Schranken  der Produktion, innerhalb deren der Produzent sein
       fertiges Produkt  verkaufte und  nichts andres. Der kaufmännische
       Kapitalist kaufte die Arbeitskraft, die einstweilen noch ihr Pro-
       duktionsinstrument besaß, aber schon nicht mehr den Rohstoff. In-
       dem er so dem Weber regelmäßige Beschäftigung sicherte, konnte er
       dagegen den  Lohn des  Webers derart  drücken, daß  ein Teil  der
       geleisteten Arbeitszeit  unbezahlt blieb.  Der Verleger  wurde so
       Aneigner von  Mehrwert über  seinen bisherigen Handelsgewinn hin-
       aus. Allerdings  mußte er dafür auch ein zusätzliches Kapital an-
       wenden, um  Garn etc. zu kaufen und in der Hand des Webers zu be-
       lassen, bis  das Stück  fertig war,  für das  er früher erst beim
       Einkauf den  ganzen Preis  zu zahlen hatte. Aber erstens hatte er
       in den  meisten Fällen  auch schon Extrakapital gebraucht zu Vor-
       schüssen an den
       
       #915# Ergänzung und Nachtrag zum III. Buche des "Kapital"
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       Weber, den in der Regel nur die Schuldknechtschaft dahin brachte,
       daß er sich den neuen Produktionsbedingungen unterwarf. Und zwei-
       tens, auch  abgesehn davon, stellt sich die Rechnung nach folgen-
       dem Schema:
       Gesetzt, unser  Kaufmann betriebe  sein Exportgeschäft mit 30 000
       Kapital, Dukaten,  Zechinen, Pfund Sterling oder was immer. Davon
       seien 10 000  im Einkauf  von inländischen  Waren tätig,  während
       20 000 in  den überseeischen  Absatzmärkten gebraucht werden. Das
       Kapital schlage  einmal  in  zwei  Jahren  um,  jahresumschlag  =
       15 000. Unser  Kaufmann will nun für eigne Rechnung weben lassen,
       Verleger werden. Wieviel Kapital muß er da zuschießen? Nehmen wir
       an, die Produktionszeit des Stückes Zeug, wie er dergleichen ver-
       kauft, sei  durchschnittlich zwei  Monate, was  sicher sehr  hoch
       ist. Nehmen  wir ferner  an, er müsse alles bar zahlen. So muß er
       Kapital genug  zuschießen, um  seinen Webern Garn für zwei Monate
       zu liefern.  Da er im Jahr 15 000 umschlägt, kauft er in zwei Mo-
       naten Zeug  für 2500.  Sagen wir, daß 2000 davon Garnwert und 500
       Webelohn darstellen, so braucht unser Kaufmann ein Zuschußkapital
       von 2000. Wir nehmen an, der Mehrwert, den er sich durch die neue
       Methode vom  Weber aneignet,  betrage nur  5% vom Wert des Zeugs,
       was die  sicher sehr  bescheidne Mehrwertsrate  von 25%  ausmacht
       (2000 c  + 500v  + 125m; m' = 125/500 = 25%, p' = 125/2500 = 5%).
       Dann macht  unser Mann auf seinen Jahresumschlag von 15 000 einen
       Extraprofit von  750, hat  also sein Zuschußkapital in 2/3 Jahren
       schon wieder  herausgeschlagen. Um  aber seinen  Absatz und damit
       seinen Umschlag  zu beschleunigen und dadurch mit demselben Kapi-
       tal in kürzerer Zeit denselben, in derselben Zeit wie bisher also
       größeren Profit  zu machen,  wird er  einen kleinen  Teil  seines
       Mehrwerts dem  Käufer schenken, wird billiger verkaufen als seine
       Konkurrenten. Diese  werden sich allmählich auch in Verleger ver-
       wandeln, und dann reduziert sich der Extraprofit für alle auf den
       gewöhnlichen Profit,  oder gar einen niedrigeren, für das bei al-
       len erhöhte Kapital. Die Gleichheit der Profitrate ist wiederher-
       gestellt, wenn  auch möglicher  weise auf andrem Niveau, dadurch,
       daß ein Teil des im Inland gemachten Mehrwerts an die auswärtigen
       Käufer abgetreten ist.
       Der nächste  Schritt in  der Unterwerfung der Industrie unter das
       Kapital geschieht durch die Einführung der Manufaktur. Auch diese
       befähigt den Manufakturisten, der im 17. und 18. Jahrhundert - in
       Deutschland noch  bis 1850  fast allgemein  und stellenweise noch
       heute -  meist noch sein eigner Exportkaufmann ist, wohlfeiler zu
       produzieren als  sein altfränkischer  Konkurrent, der Handwerker.
       Derselbe Prozeß wiederholt sich; der vom
       
       #916# Friedrich Engels
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       Manufakturkapitalisten angeeignete Mehrwert erlaubt ihm resp. dem
       Exportkaufmann, der  mit ihm  teilt, wohlfeiler  zu verkaufen als
       seine Konkurrenten, bis zur Verallgemeinerung der neuen Produkti-
       onsweise, wo  dann wieder Ausgleichung eintritt. Die schon vorge-
       fundne Handelsprofitrate,  selbst wenn  sie nur  lokal nivelliert
       ist, bleibt das Prokrustesbett, worin der überschüssige industri-
       elle Mehrwert ohne Barmherzigkeit abgehackt wird.
       Hat die Manufaktur schon durch Verwohlfeilerung der Produkte sich
       emporgeschwungen, so  noch weit mehr die große Industrie, die mit
       ihren immer  wieder erneuerten  Revolutionen der  Produktion  die
       Herstellungskosten der  Waren niedriger und niedriger herabdrückt
       und alle  früheren Produktionsweisen  unerbittlich beseitigt. Sie
       ist es  auch, die dadurch den inneren Markt endgültig für das Ka-
       pital erobert, der Kleinproduktion und Naturalwirtschaft der sich
       selbst genügenden Bauernfamilie ein Ende macht, den direkten Aus-
       tausch zwischen  den Kleinproduzenten beseitigt, die ganze Nation
       in den Dienst des Kapitals stellt. Sie gleicht ebenfalls die Pro-
       fitraten der  verschiednen kaufmännischen  und industriellen  Ge-
       schäftszweige zu  einer allgemeinen  Profitrate aus  und  sichert
       endlich der  Industrie den ihr gebührenden Machtposten bei dieser
       Ausgleichung, indem  sie den  größten Teil der Hindernisse besei-
       tigt, die  bisher der  Übertragung von Kapital aus einem Zweig in
       einen andern  im Wege  standen. Damit  vollzieht sich für den ge-
       samten Austausch im großen die Verwandlung der Werte in Produkti-
       onspreise. Diese  Verwandlung geht  also nach objektiven Gesetzen
       vor sich,  ohne Bewußtsein  oder Absicht der Beteiligten. Daß die
       Konkurrenz die  über die  allgemeine Rate  überschüssigen Profite
       auf das allgemeine Niveau reduziert und so dem ersten industriel-
       len Ane'gner  den den Durchschnitt überschreitenden Mehrwert wie-
       der entzieht, bietet theoretisch durchaus keine Schwierigkeit. In
       der Praxis aber um so mehr, denn die Produktionssphären mit über-
       schüssigem Mehrwert,  also mit hohem variablem bei niedrigem kon-
       stantem Kapital, also mit niedriger Kapitalzusamrnensetzung, sind
       grade ihrer  Natur nach  dieienigen, die dem kapitalistischen Be-
       trieb am  spätesten und  am unvollständigsten unterworfen werden;
       vor allem der Ackerbau. Was dagegen die Erhöhung der Produktions-
       preise über  die Warenwerte  angeht, die erforderlich ist, um den
       in den  Produkten der  Sphären hoher  Kapitalzusammensetzung ent-
       haltnen, unterschüssigen  Mehrwert  auf  das  Niveau  der  Durch-
       schnittsprofitrate zu  erheben, so  sieht das theoretisch äußerst
       schwierig aus, macht sich aber, wie wir gesehn haben, in der Pra-
       xis am  leichtesten und  ehesten. Denn  die Waren  dieser Klasse,
       wenn sie zuerst kapitalistisch produziert werden und in den kapi-
       talistischen Handel  kommen, treten in Konkurrenz mit Waren glei-
       cher Art, die nach
       
       #917# Ergänzung und Nachtrag zurn III. Buche des "Kapital"
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       vorkapitalistischen Methoden  fabriziert, also  teurer sind.  Der
       kapitalistische Produzent kann also selbst bei Verzicht auf einen
       Teil des  Mehrwerts immer  noch die  für seine  Lokalität gültige
       Profitrate herausschlagen,  die ursprünglich keine direkte Bezie-
       hung zum Mehrwert hatte, weil sie aus dem Handelskapital entstan-
       den war  schon lange,  ehe überhaupt  kapitalistisch  produziert,
       also eine industrielle Profitrate möglich war.
       
       II. Die Börse
       
       1. Aus  dem 3. Bd., 5. Abschnitt, besonders Kapitel 27, geht her-
       vor, welche Stellung die Börse in der kapitalistischen Produktion
       überhaupt einnimmt.  Nun ist aber seit 1865, wo das Buch verfaßt,
       eine Veränderung eingetreten, die der Börse heute eine um ein Be-
       deutendes gesteigerte  und noch stets wachsende Rolle zuweist und
       die bei  der ferneren  Entwicklung die  Tendenz hat,  die gesamte
       Produktion, industrielle  wie agrikulturelle,  und  den  gesamten
       Verkehr, Kommunikationsmittel  wie Austauschfunktion, in den Hän-
       den von Börsianern zu konzentrieren, so daß die Börse die hervor-
       ragendste  Vertreterin  der  kapitalistischen  Produktion  selbst
       wird.
       2. 1865 war die Börse noch ein sekundäres Element im kapitalisti-
       schen System.  Die Staatspapiere  repräsentierten die  Hauptmasse
       der Börsenwerte, und auch ihre Masse war noch relativ gering. Da-
       neben die Aktienbanken, die auf dem Kontinent und in Amerika vor-
       herrschend, in  England sich eben erst zur Verschluckung der ari-
       stokratischen Privatbanken  anschickten. Aber in Masse noch rela-
       tiv unbedeutend. 3. Die Eisenbahnaktien auch noch relativ schwach
       gegen jetzt.  Direkt produktive  Etablissements aber nur wenig in
       Aktienform. Damals war noch das Auge des Meisters" ein unüberwun-
       dener Aberglaube  -  und  wie  die  Banken,  am  meisten  in  den
       ä r m e r e n  Ländern, in Deutschland, Österreich, Amerika etc.
       Damals also die Börse noch ein Ort, wo die Kapitalisten sich ihre
       akkumulierten Kapitalien  untereinander abnahmen  und der die Ar-
       beiter direkt  nur anging  als neues Beweisstück der demoralisie-
       renden allgemeinen  Wirkung der  kapitalistischen Wirtschaft  und
       Bestätigung des  kalvinistischen Satzes, daß die Gnadenwahl alias
       der Zufall  schon in  diesem Leben über Seligkeit und Verdammnis,
       über Reichtum, d.h. Genuß und Macht, und über Armut, d.h. Entbeh-
       rung und Knechtschaft, entscheidet.
       3. Jetzt anders. Die Akkumulation ist seit der Krise von 1866 mit
       einer stets  wachsenden Schnelligkeit  vorgegangen, und  zwar so,
       daß in keinem Industrieland, am wenigsten England, die Ausdehnung
       der Produktion mit
       
       #918# Friedrich Engels
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       der der Akkumulation Schritt halten, die Akkumulation des einzel-
       nen Kapitalisten  in der  Vergrößerung seines  eigenen  Geschäfts
       volle Verwendung finden konnte; englische Baumwollindustrie schon
       1845, Eisenbahnschwindel. Mit dieser Akkumulation aber stieg auch
       die Masse der Rentiers, der Leute, die die regelmäßige Anspannung
       im Geschäft satt waren, die also bloß sich amüsieren wollten oder
       doch nur  gelinde Beschäftigung als Direktoren oder Aufsichtsräte
       von Kompanien  treiben. Und drittens wurden, um die Anlage der so
       als Geldkapital  flottierenden Masse zu erleichtern, nun überall,
       wo es  noch nicht  geschehn, neue  gesetzliche Formen der Gesell-
       schaften mit  beschränkter Haftbarkeit  hergestellt, und die Ver-
       pflichtung der  bisher unbeschränkt  haftenden Aktionäre  auch +-
       1*) reduziert (Aktien-Gesellschaften in Deutschland 1890. 40% der
       Zeichnung!).
       4. Hiernach allmähliche Verwandlung der Industrie in Aktienunter-
       nehmungen. Ein  Zweig nach dem andern verfällt dem Schicksal. Zu-
       erst Eisen,  wo Riesenanlagen  jetzt nötig  (vorher Bergwerke, wo
       diese nicht  schon verkuxt).  Dann chemische Industrie ditto. Ma-
       schinenfabriken. Auf  dem Kontinent  Textilindustrie, in  England
       bloß noch  in einigen  Gegenden von Lancashire (Spinnerei Oldham,
       Weberei Burnley  etc., Schneider-Kooperation, diese aber nur Vor-
       stufe, um  bei der  nächsten Krisis  wieder an die masters 2*) zu
       fallen), Brauereien (vor ein paar Jahren die amerik. an engl. Ka-
       pital[isten] verschachert,  dann Guinness,  Bass, Allsopp).  Dann
       die Trusts,  die  Riesenunternehmungen  mit  gemeinsamer  Leitung
       schaffen (wie die United Alkali). Die gewöhnliche EinzeIfirma +&+
       3*) nur  Vorstufe, um  das Geschäft  dahin zu bringen, wo es groß
       genug, um "gegründet" zu werden.
       Dasselbe vom  Handel. Leafs,  Parsons, Morleys, Morrison, Dillon,
       alle gegründet.  Ebenso jetzt  schon Detailhäuser, und zwar nicht
       nur unter dem Schein der Kooperation à la "Stores".
       Dasselbe von  Banken und andern Kreditinstituten auch in England.
       Unmassen neuer,  alle Aktien delimited 4*). Sogar alte Banken wie
       Glyns etc. verwandeln sich mit 7 Privat-Aktionären in Limited.
       5. Auf dem Gebiet des Ackerbaues dasselbe. Die enorm ausgedehnten
       Banken besonders  in Deutschland  (unter allerlei  bürokratischen
       Namen) mehr  und mehr  Träger der Hypothek, mit ihren Aktien wird
       das wirkliche  Obereigentum über  den Grundbesitz der Börse über-
       liefert, und  dies noch mehr bei Verfall der Güter an die Gläubi-
       ger. Hier  wirkt die  agrikulturelle Revolution der Steppenkultur
       gewaltsam; gehts so fort, die Zeit abzusehn, wo auch Englands und
       Frankreichs Boden verbörset.
       -----
       1*) mehr  oder minder - 2*) Meister - 3*) mehr und mehr - 4*) mit
       beschränkter Haftung
       
       #919# Ergänzung und Nachtrag zum III. Buche des "KapitaI"
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       6. Nun  aber die  auswärtigen Anlagen  alle in Aktien. Um nur von
       England zu  sprechen: amerik.  Eisenbahnen,  Nord  und  Süd  (die
       Stock-List nachschlagen), Goldberger etc.
       7. Dann  die Kolonisation.  Diese ist  heute rein  Sukkursale der
       Börse, in  derem Interesse  die europäischen  Mächte vor ein paar
       Jahren Afrika geteilt, die Franzosen Tunis und Tonkin erobert ha-
       ben. Afrika  direkt an  Kompanien verpachtet  (Niger,  Südafrika,
       Deutsch-Südwest- und  Ostafrika) und  Maschonaland und  Natalland
       für die Börse von Rhodes in Besitz genommen.
       
       Nach der Handschrift.

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