Quelle: MEW 25 Das Kapital - Dritter Band
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FRIEDRICH ENGELS
Ergänzung und Nachtrag zum III. Buche des "Kapital" [127]
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Das dritte Buch des "Kapital", seitdem es der öffentlichen Beur-
teilung unterliegt, erfährt bereits mehrfache und verschiedenar-
tige Deutungen. Das war nicht anders zu erwarten. Bei der Heraus-
gabe kam es mir vor allem darauf an, einen möglichst authenti-
schen Text herzustellen, die von Marx neugewonnenen Resultate
möglichst in Marx' eignen Worten vorzufahren, mich selbst nur
einzum'schen, wo es absolut unvermeidlich war, und auch da dem
Leser keinen Zweifel darüber zu lassen, wer zu ihm spricht. Man
hat das getadelt, man hat gemeint, ich hätte das mir vorliegende
Material in ein systematisch ausgearbeitetes Buch umwandeln sol-
len, en faire un livre, wie die Franzosen sagen, mit andern Wor-
ten: die Authentizität des Textes der Bequemlichkeit des Lesers
opfern. So hatte ich meine Aufgabe aber nicht aufgefaßt. Zu einer
solchen Umarbeitung fehlte mir alle Berechtigung; ein Mann wie
Marx hat den Anspruch, selbst gehört zu werden, seine wissen-
schaftlichen Entdeckungen in der vollen Echtheit seiner eignen
Darstellung der Nachwelt zu überliefern. Ferner fehlte mir alle
Lust dazu, mich derart, wie ich das ansehn mußte, an dem Nachlaß
eines so überlegnen Mannes zu vergreifen, es hätte mich Treubruch
gedünkt. Und drittens wäre es rein nutzlos gewesen. Für die
Leute, die nicht lesen können oder wollen, die schon beim ersten
Buch sich mehr Mühe gegeben, es falsch zu verstehn, als nötig
war, es richtig zu verstehn - für diese Leute sich irgendwie in
Unkosten setzen, ist überhaupt zwecklos. Für diejenigen aber,
denen es um wirkliches Verständnis zu tun ist, war grade die Ur-
schrift selbst das Wichtigste; für sie hätte meine Umarbeitung
höchstens den Wert eines Kommentars gehabt, und obendrein des
Kommentars zu etwas Unveröffentlichtem und Unzugänglichem. Bei
der ersten Kontroverse mußte der Urtext ja doch herbeigezogen
werden, und bei der zweiten und dritten wurde seine Herausgabe in
extenso unumgänglich.
#898# Friedrich Engels
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Solche Kontroversen sind nun selbstverständlich bei einem Werk,
das soviel Neues und dies nuir in rasch hingeworfner und teil-
weise lückenhafter erster Bearbeitung bringt. Und hier kann mein
Eingreifen allerdings von Nutzen sein, um Schwierigkeiten des
Verständnisses zu beseitigen, um wichtige Gesichtspunkte, deren
Bedeutung im Text nicht schlagend genug hervortritt, mehr in den
Vordergrund zu rücken und um einzelne wichtigere Ergänzungen des
1865 geschriebnen Textes auf den Stand der Dinge von 1895 nach-
zutragen. In der Tat liegen bereits zwei Punkte vor, über die
eine kurze Auseinandersetzung mir nötig scheint.
I. Wertgesetz und Profitrate
Es war zu erwarten, daß die Lösung des scheinbaren Widerspruchs
zwischen diesen beiden Faktoren ehensosehr nach wie vor der Ver-
öffentlichung des Marxschen Textes zu Debatten führen werde. Gar
mancher hatte sich auf ein vollständiges Wunder gefaßt gemacht
und findet sich enttäuscht, weil er statt des erwarteten Hokuspo-
kus eine einfach-rationelle, prosaisch-nüchterne Vermittlung des
Gegensatzes vor sich sieht. Am freudigsten enttäuscht ist natür-
lich der bekannte illustre Loria. Der hat endlich den archimedi-
schen Hebelpunkt gefunden, von dem aus sogar ein Wichtelmännchen
seines Kalibers den festgefügten Marxschen Riesenbau in die Luft
heben und zersprangen kann. Was, ruft er entrüstet aus, das soll
eine Lösung sein? Das ist ja eine pure Mystifikation! Die Ökono-
men, wenn sie von Wert sprechen, so sprechen sie von dem Wert,
der tatsächlich im Austausch sich feststellt.
"Aber sich mit einem Wert beschäftigen, zu dem die Waren weder
verkauft werden noch je verkauft werden können (nè possono ven-
dersi mai), das hat kein Ökonom, der eine Spur von Verstand be-
sitzt, je getan, noch wird er es tun... Wenn Marx behauptet, der
Wert, zu dem die Waren nie verkauft werden, sei bestimmt im Ver-
hältnis der in ihnen enthaltnen Arbeit, was tut er da anders, als
in verkehrter Form den Satz der orthodoxen Ökonomen wiederholen:
daß der Wert, zu dem die Waren verkauft werden, n i c h t im
Verhältnis steht zu der auf sie verwandten Arbeit?... Es hilft
auch nichts, wenn Marx sagt, trotz der Abweichung der Einzel-
preise von den Einzelwerten falle der Totalpreis der sämtlichen
Waren stets zusammen mit ihrem Totalwert oder mit dem in der To-
talmenge der Waren enthaltnen Arbeitsquantität. Denn da der Wert
nichts andres ist als das Verhältnis, worin eine Ware mit einer
andren sich austauscht, ist schon die bloße Vorstellung eines To-
talwerts eine Absurdität, ein Unsinn... eine contradictio in ad-
jecto."
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Erste Seite des Manuskripts
"Wertgesetz und Profitrate" von Engels
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#901# Ergänzung und Nachtrag zum III. Buche des "Kapital"
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Gleich am Anfang des Werks sage Marx, der Austausch könne zwei
Waren nur gleichsetzen kraft eines in ihnen enthaltnen gleichar-
tigen und gleich großen Elements, nämlich der in ihnen enthaltnen
gleich großen Arbeits;menge. Und jetzt verleugne er sich selbst
aufs feierlichste, indem er versichere, die Waren tauschten sich
aus in einem ganz andern Verhältnis als in dem der in ihnen ent-
haltnen Arbeitsmenge.
"Wann gab es je eine so vollständige Reduktion ad absurdum, einen
größeren theoretischen Bankerott? Wann ist jemals ein wissen-
schaftlicher Selbstmord mit größerem Pomp und mit mehr Feierlich-
keit begangen worden?" ("Nuova Antolo", 1. Febr.
1895, p. 477, 478, 479.)
Man sieht, unser Loria ist überglücklich. Hat er nicht recht ge-
habt, Marx als seinesgleichen, als ordinären Scharlatan zu trak-
tieren? Da seht ihr's - Marx mokiert sich über sein Publikum ganz
wie Loria, er lebt von Mystifikationen ganz wie der kleinste ita-
lienische Professor der Ökonomie. Aber während Dulcamara sich das
erlauben darf, weil er sein Handwerk versteht, verfällt der
plumpe Nordländer Marx in lauter Ungeschicklichkeiten, macht Un-
sinn und Absurdität, so daß ihm schließlich nichts übrigbleibt
als feierlicher Selbstmord.
Sparen wir uns für später die Behauptung auf, daß die Waren nie
zu den durch die Arbeit bestimmten Werten verkauft worden sind
noch je dazu verkauft werden können. Halten wir uns hier nur an
die Versicherung des Herrn Loria, daß
"der Wert nichts andres ist als das Verhältnis, worin eine Ware
mit einer andern sich austauscht, und daß hiernach schon die
bloße Vorstellung eines Totalwerts der Waren eine Absurdität, ein
Unsinn etc. ist".
Das Verhältnis, worin zwei Waren sich austauschen, ihr Wert, ist
also etwas rein Zufälliges, den Waren von außen Angeflogenes, das
heute so, morgen so sein kann. Ob ein Meterzentner Weizen sich
gegen ein Gramm oder gegen ein Kilogramm Gold austauscht, hängt
nicht im mindesten von Bedingungen ab, die diesem Weizen oder
Gold inhärent sind, sondern von ihnen beiden total fremden Um-
ständen. Denn sonst müßten diese Bedingungen sich auch im Aus-
tausch geltend machen, ihn im ganzen und großen beherrschen und
auch abgesehn vom Austausch eine selbständige Existenz haben, so
daß von einem Gesamtwert der Waren die Rede sein könnte. Das ist
Unsinn, sagt der illustre Loria. In welchem Verhältnis immer zwei
Waren sich austauschen mögen, das ist ihr Wert, und damit holla.
Der Wert ist also identisch mit dem Preis, und jede Ware hat so
viel Werte, als sie Preise erzielen kann. Und der Preis wird be-
stimmt durch
#902# Friedrich Engeis
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Nachfrage und Angebot, und wer noch weiter fragt, der ist ein
Narr, wenn er auf Antwort wartet.
Die Sache hat aber doch einen kleinen Haken. Im Normalzustand
decken sich Nachfrage und Angebot. Teilen wir also sämtliche in
der Welt vorhandne Waren in zwei Hälften, in die Gruppe der Nach-
frage und die gleich große des Angebots. Nehmen wir an, jede re-
präsentiere einen Preis von 1000 Milliarden Mark, Franken, Pfund
Sterling oder was immer. Das macht zusammen nach Adam Riese einen
Preis oder Wert von 2000 Milliarden. Unsinn, absurd, sagt Herr
Loria. Die beiden Gruppen mögen zusammen einen Preis von 2000
Milliarden repräsentieren. Aber mit dem Wert ist das anders. Sa-
gen wir Preis, so sind 1000 + 1000 = 2000. Sagen wir aber Wert,
so sind 1000 + 1000 = 0. Wenigstens in diesem Fall, wo es sich um
die Gesamtheit der Waren handelt. Denn hier ist die Ware eines
jeden von beiden nur 1000 Milliarden wert, weil jeder von beiden
diese Summe für die Ware des andern geben will und kann. Vereini-
gen wir aber die Gesamtheit der Waren beider in der Hand eines
dritten, so hat der erste keinen Wert mehr in der Hand, der andre
auch nicht und der dritte erst recht nicht - am End hat keiner
nix. Und wir bewundern abermals die Überlegenheit, womit unser
südländischer Cagliostro den Wertbegriff dermaßen vermöbelt hat,
daß aber auch nicht die geringste Spur mehr von ihm übriggeblie-
ben ist. Es ist dies die Vollendung der Vulgärökonomie! 1)
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1) Derselbe durch seinen Ruhm bekannte" Herr (um mit Heine zu re-
den) hat sich etwas später auch gemüßigt gesehn, auf meine Vor-
rede zum III. Band zu antworten - nachdem nämlich dieselbe im er-
sten Heft der "Rassegna" [128] von 1895 italienisch erschienen
war. Die Antwort steht in der "Riforma Sociale" [129] vom 25. Fe-
bruar 1895. Nachdem er mich zuerst mit den bei ihm unvermeidli-
chen und ebendeshalb doppelt widerlichen Lobhudeleien überschüt-
tet, erklärt er, es sei ihm nicht eingefallen, Marx' Verdienste
um die materialistische Geschichtsauffassung für sich eskamotie-
ren zu wollen. Er habe sie schon 1885 anerkannt, nämlich ganz
beiläufig in einem Revueartikel. Dafür aber verschweigt er dies
um so hartnäckiger da, wohin es gehört, nämlich in seinem betref-
fenden Buch, wo Marx erst p. 129 genannt wird, und zwar bloß bei
Gelegenheit des kleinen Grundeigentums in Frankreich. Und jetzt
erklärt er kühnlich, Marx sei gar nicht der Urheber dieser Theo-
rie; wenn nicht bereits Aristoteles sie angedeutet, so habe Har-
rington sie doch schon 1656 unzweifelhaft proklamiert, und sie
sei entwickelt worden von einer Pleiade von Geschichtschreibern,
Politikern, Juristen und Ökonomen lange vor Marx. Was alles in
der französischen Ausgabe des Loriaschen Werkes zu lesen. Kurz,
der vollendete Plagiator. Nachdem ich ihm fernere Großprahlerei
mit Entlehnungen von Marx unmöglich gemacht, behauptet er keck-
lich, Marx schmücke sich auch mit fremden Federn, genauso wie er
selbst. - Von meinen andern
#903# Ergänzung und Nachtrag zum III. Buche des "Kapital"
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In Brauns "Archiv für soziale Gesetzgebung" [130], VII, Heft 4,
gibt Werner Sombart eine in ihrer Gesamtheit vortreffliche Dar-
stellung der Umrisse des Marxschen Systems. Es st das erstemal,
daß ein deutscher Universitätsprofessor es fertigbringt, im gan-
zen und großen in Marx' Schriften das zu sehn, was Marx wirklich
gerne hat, daß er erklärt, die Kritik des Marxschen Systems könne
nicht in einer Widerlegung bestehn - "mit der mag sich der poli-
tische Streber befassen" -, sondern nur in einer Weiterentwick-
lung. Auch Sombart, wie sich versteht, beschäftigt sich mit uns-
rem Thema. Er untersucht die Frage, welche Bedeutung der Wert im
Marxschen System hat, und kommt zu folgenden Resultaten: Der Wert
tritt in dem Austauschverhältnis der kapitalistisch produzierten
Waren nicht in die Erscheinung; er lebt nicht im Bewußtsein der
kapitalistischen Produktionsagenten; er ist keine empirische,
sondern eine gedankliche, eine logische Tatsache; der Wertbegriff
in materieller Bestimmtheit bei Marx ist nichts andres als der
ökonomische Ausdruck für die Tatsache der gesellschaftlichen
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Angriffen nimmt er noch den auf, daß nach Loria Marx nie vorge-
habt habe, einen 2. oder gar 3. Band des "Kapital" zu schreiben.
Und jetzt antwortet Engels triumphierend, indem er mir den 2. und
3. Band entgegenwirft... vortrefflich! Und ich freue mich so sehr
über diese Bände, denen ich so viel intellektuelle Genüsse ver-
danke, daß nie mir ein Sieg so lieb war, wie heute diese Nieder-
lage mir lieb ist - wenn es in der Tat eine Niederlage ist. Aber
ist sie es in der Tat? Ist es wirklich wahr, daß Marx geschrieben
hat, mit der Absicht der Veröffentlichung, dieses Gemenge von zu-
sammenhangslosen Noten, die Engels mit pietätvoller Freundschaft
zusammengestellt hat? Ist es wirklich erlaubt anzunehmen, daß
Marx... diesen Schriftseiten die Krönung seines Werks und seines
Systems anvertraut hat? Ist es in der Tat gewiß, daß Marx jenes
Kapitel über die Durchschnittsprofitrate veröffentlicht haben
wurde, worin die seit so viel Jahren versprochne Lösung sich re-
duzierte auf die trostloseste Mystifikation, auf das vulgärste
Phrasenspiel? Es ist mindestens erlaubt, daran zu zweifeln... Das
beweist, so scheint mir, daß Marx nach Herausgabe seines pracht-
vollen (splendido) Buchs nicht vorhatte, ihm einen Nachfolger zu
geben, oder doch seinen Erben, und außerhalb seiner eignen Ver-
antwortlichkeit, die Vollendung des Riesenwerks überlassen
wollte."
So steht's geschrieben, p. 267. Heine konnte von seinem deutschen
Philisterpublikum nicht verächtlicher sprechen als in den Worten:
Der Autor gewöhnt sich zuletzt an sein Publikum, als wäre es ein
vernünftiges Wesen. Für was muß erst der illustre Loria sein Pu-
blikum ansehn?
Zum Schluß eine neue Tracht Lobsprüche, die auf mich Unglückli-
chen herniederrasselt. Dabei vergleicht sich unser Sganarell mit
Bileam, der gekommen sei zu fluchen, aber dessen Lippen wider
Willen Worte des Segens und der Liebe hervorsprudelten. Der gute
Bileam zeichnete sich namentlich dadurch aus, daß er einen Esel
ritt, der gescheiter war als sein Herr. Diesmal hat Bileam offen-
bar seinen Esel zu Hause gelassen.
#904# Friedrich Engels
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Produktivkraft der Arbeit als Grundlage des wirtschaftlichen Das-
eins; das Wertgesetz beherrscht die wirtschaftlichen Vorgänge in
einer kapitalistischen Wirtschaftsordnung in letzter Instanz und
hat für diese Wirtschaftsordnung ganz allgemein den Inhalt: Der
Wert der Waren ist die spezifisch historische Form, in der sich
die in letzter Instanz alle Wirtschaftlichen Vorgänge beherr-
schende Produktivkraft der Arbeit bestimmend durchsetzt. - Soweit
Sombart; es läßt sich gegen diese Auffassung der Bedeutung des
Wertgesetzes für die kapitalistische Produktionsform nicht sagen,
daß sie unrichtig ist. Wohl aber scheint sie mir zu weit gefaßt,
einer engeren, präziseren Fassung fähig; sie erschöpft nach mei-
ner Ansicht keineswegs die ganze Bedeutung des Wertgesetzes für
die von diesem Gesetz beherrschten ökonomischen Entwicklungsstu-
fen der Gesellschaft.
In Brauns "Sozialpolitischem Zentralblatt" [131] vom 25. Februar
1895, Nr. 22, findet sich ein ebenfalls vortrefflicher Artikel
über den 3. Band des "Kapital" von Conrad Schmidt. Besonders her-
vorzuheben ist hier der Nachweis, wie die Marxsche Ableitung des
Durchschnittsprofits vom Mehrwert zum erstenmal eine Antwort auf
die von der bisherigen Ökonomie nicht einmal aufgeworfne Frage
gibt, wie denn die Höhe dieser Durchschnittsprofitrate bestimmt
werde und wie es komme, daß sie sage 10 oder 15% ist und nicht 50
oder 100%. Seitdem wir wissen, daß der vom industriellen Kapita-
listen in erster Hand angeeignete Mehrwert die einzige und aus-
schließliche Quelle ist, aus der Profit und Grundrente fließen,
löst sich diese Frage von selbst. Dieser Teil des Schmidtschen
Aufsatzes könnte direkt für Ökonomen à la Loria geschrieben sein,
wäre es nicht vergebliche Mühe, denen die Augen zu öffnen, die
nicht sehn wollen.
Auch Schmidt hat seine formellen Bedenken bezüglich des Wertge-
setzes. Er nennt es eine wissenschaftliche, zur Erklärung des
tatsächlichen Austauschprozesses aufgestellte H y p o t h e s e,
die sich auch den ihr scheinbar ganz widersprechenden Erscheinun-
gen der Konkurrenzpreise gegenüber als der notwendige theoreti-
sche Ausgangspunkt, als lichtbringend und unumgänglich bewährt;
ohne das Wertgesetz hört auch nach seiner Ansicht jede theoreti-
sche Einsicht in das ökonomische Getriebe der kapitalistischen
Wirklichkeit auf. Und in einem Privatbrief, den er mir anzufahren
gestattet, erklärt Schmidt das Wertgesetz innerhalb der kapitali-
stischen Produktionsform gradezu für eine, wenn auch theoretisch
notwendige, Fiktion. [132] - Diese Auffassung trifft aber nach
meiner Ansicht durchaus nicht zu. Das Wertgesetz hat für die ka-
pitalistische Produktion eine weit größere und bestimmtere Bedeu-
tung als die einer bloßen Hypothese, geschweige einer wenn auch
notwendigen Fiktion.
#905# Ergänzung und Nachtrag zum III. Buche des "Kapital"
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Bei Sombart sowohl wie bei Schmidt - den illustren Loria ziehe
ich nur herbe, als erheiternde vulgärökonomische Folie - wird
nicht genug berücksichtigt, daß es sich hier nicht nur um einen
rein logischen Prozeß handelt, sondern um einen historischen Pro-
zeß und dessen erklärende Rückspiegelung im Gedanken, die logi-
sche Verfolgung seiner inneren Zusammenhänge.
Die entscheidende Stelle findet sich bei Marx III, I, p. 154 1*):
Die ganze Schwierigkeit kommt dadurch hinein, daß die Waren nicht
einfach als Waren ausgetauscht werden, sondern als
P r o d u k t e v o n K a p i t a l e n, die im Verhältnis zu
ihrer Größe, oder bei gleicher Größe, gleiche Teilnahme an der
Gesamtmasse des Mehrwerts beanspruchen." Zur Illustration dieses
Unterschieds wird nun unterstellt, die Arbeiter seien im Besitz
ihrer Produktionsmittel, arbeiteten im Durchschnitt gleich lange
Zeit und mit gleicher Intensität und tauschten ihre Waren direkt
miteinander aus. Dann hätten zwei Arbeiter in einem Tage ihrem
Produkt gleich viel Neuwert durch ihre Arbeit zugesetzt, aber das
Produkt eines jeden hätte verschiednen Wert je nach der in den
Produktionsmitteln früher schon verkörperten Arbeit. Dieser letz-
tere Wertteil würde das konstante Kapital der kapitalistischen
Wirtschaft repräsentieren, der auf die Lebensmittel des Arbeiters
verwandte Teil des neu zugesetzten Werts das variable Kapital,
der dann noch übrige Teil des Neuwerts den Mehrwert, der hier
also dem Arbeiter gehörte. Beide Arbeiter erhielten also, nach
Abzug des Ersatzes für den von ihnen nur vorgeschossenen
"konstanten" Wertteil, gleiche Werte; das Verhältnis des den
Mehrwert repräsentierenden Teils zu dem Wert der Produktionsmit-
tel - was der kapitalistischen Profitrate entspräche - wäre aber
bei beiden verschieden. Da aber jeder von ihnen den Wert der Pro-
duktionsmittel im Austausch ersetzt erhält, wäre dies ein völlig
gleichgültiger Umstand. "Der Austausch von Waren zu ihren Werten
oder annähernd zu ihren Werten, erfordert also eine v i e l
n i e d r i g e r e S t u f e als der Austausch zu Produktions-
preisen, wozu eine bestimmte Höhe kapitalistischer Entwicklung
nötig ist... Abgesehn von der Beherrschung der Preise und der
Preisbewegung durch das Wertgesetz, ist es also durchaus sachge-
mäß, die Werte der Waren nicht nur theoretisch, sondern auch hi-
storisch als das prius der Produktionspreise zu betrachten. Es
gilt dies für Zustände, w o d e m A r b e i t e r d i e
P r o d u k t i o n s m i t t e l g e h ö r e n, und dieser Zu-
stand findet sich, in der alten wie in der modernen Welt, beim
selbstarbeitenden grundbesitzenden Bauer und beim Handwerker. Es
stimmt dies auch mit unsrer früher ausgesprochnen
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1*) Siehe vorl. Band, S. 184/185
#906# Friedrich Engels
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Ansicht, daß die Entwicklung der Produkte zu Waren entspringt
durch den Austausch zwischen verschiednen Gemeinwesen, nicht zwi-
schen den Gliedern einer und derselben Gemeinde. Wie für diesen
ursprünglichen Zustand, so gilt es für die späteren Zustände, die
auf Sklaverei und Leibeigenschaft gegründet sind, und für die
Zunftorganisation des Handwerks, solange die in jedem Produkti-
onszweig festgelegten Produktionsmittel nur mit Schwierigkeit aus
der einen Sphäre in die andre übertragbar sind und die verschied-
nen Sphären sich daher zueinander verhalten wie fremde Länder
oder kommunistische Gemeinwesen." (Marx, III, I, p. 155, 156.
1*))
Wäre Marx dazu gekommen, das dritte Buch nochmals durchzuarbei-
ten, er hätte ohne Zweifel diese Stelle bedeutend weiter ausge-
führt. So wie sie da steht, gibt sie nur den skizzierten Umriß
von dem, was über den Fragepunkt zu sagen ist. Gehen wir also et-
was näher darauf ein.
Wir alle wissen, daß in den Anfängen der Gesellschaft die Pro-
dukte von den Produzenten selbst verbraucht werden und daß diese
Produzenten in mehr oder minder kommunistisch organisierten Ge-
meinden naturwüchsig organisiert sind; daß der Austausch des
Überschusses dieser Produkte mit Fremden, der die Verwandlung der
Produkte in Waren einleitet, späteren Datums ist, zuerst nur zwi-
schen einzelnen stammesfremden Gemeinden stattfindet, später aber
auch innerhalb der Gemeinde zur Geltung kommt und wesentlich zu
deren Auflösung in größere oder kleinere Familiengruppen bei-
trägt. Aber selbst nach dieser Auflösung bleiben die austauschen-
den Famillenhäupter arbeitende Bauern, die fast ihren ganzen Be-
darf mit Hilfe ihrer Familie auf dem eignen Hof produzieren und
nur einen geringen Teil der benötigten Gegenstände gegen über-
schüssiges eignes Produkt von außen eintauschen. Die Familie
treibt nicht bloß Ackerbau und Viehzucht, sie verarbeitet auch
deren Produkte zu fertigen Verbrauchsartikeln, mahlt stellenweise
noch selbst mit der Handmühle, bäckt Brot, spinnt, färbt, verweht
Flachs und Wolle, gerbt Leder, errichtet und repariert hölzerne
Gebäude, stellt Werkzeuge und Geräte her, schreinert und schmie-
det nicht selten; so daß die Familie oder Famillengruppe in der
Hauptsache sich selbst genügt.
Das Wenige nun, was eine solche Familie von andern einzutauschen
oder zu kaufen hat, bestand selbst bis in den Anfang des 19.
Jahrhunderts in Deutschland vorwiegend aus Gegenständen hand-
werksmäßiger Produktion, also aus solchen Dingen, deren Herstel-
lungsart dem Bauer keineswegs fremd
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1*) Vgl. vorl. Band, S. 186/187
#907# Ergänzung und Nachtrag zum III. Buche des "Kapital"
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war und die er nur deshalb nicht selbst produzierte, weil ihm
entweder der Rohstoff nicht zugänglich oder der gekaufte Artikel
viel besser oder sehr viel wohlfeiler war. Dem Bauer des Mittel-
alters war also die für die Herstellung der von ihm eingetausch-
ten Gegenstände erforderliche Arbeitszeit ziemlich genau bekannt.
Der Schmied, der Wagner des Dorfs arbeiteten ja unter seinen Au-
gen; ebenso der Schneider und Schuhmacher, der noch zu meiner Ju-
gendzeit bei unsern rheinischen Bauern der Reihe nach einkehrte
und die selbstverfertigten Stoffe zu Kleidern und Schuhen verar-
beitete. Der Bauer sowohl wie die Leute, von denen er kaufte, wa-
ren selbst Arbeiter, die ausgetauschten Artikel waren die eignen
Produkte eines jeden. Was hatten sie bei der Herstellung dieser
Produkte aufgewandt? Arbeit und nur Arbeit: für den Ersatz der
Werkzeuge, für Erzeugung des Rohstoffs, für seine Verarbeitung
haben sie nichts ausgegeben als ihre eigne Arbeitskraft; wie also
können sie diese ihre Produkte mit denen andrer arbeitenden Pro-
duzenten austauschen anders als im Verhältnis der darauf verwand-
ten Arbeit? Da war nicht nur die auf diese Produkte verwandte Ar-
beitszeit der einzige geeignete Maßstab für die quantitative Be-
stimmung der auszutauschenden Größen; da war überhaupt kein
andrer möglich. Oder glaubt man, der Bauer und der Handwerker
seien so dumm gewesen, das Produkt zehnstündiger Arbeit des einen
für das einer einzigen Arbeitsstunde des andern hinzugeben? Für
die ganze Periode der bäuerlichen Naturalwirtschaft ist kein
andrer Austausch möglich als derjenige, wo die ausgetauschten Wa-
renquanta die Tendenz haben, sich mehr und mehr nach den in ihnen
verkörperten Arbeitsmengen abzumessen. Von dem Augenblick an, wo
das Geld in diese Wirtschaftsweise eindringt, wird die Tendenz
der Anpassung an das Wertgesetz (in der Marxschen Formulierung,
nota bene!) einerseits noch ausgesprochener, andrerseits aber
wird sie auch schon durch die Eingriffe des Wucherkapitals und
der fiskalischen Aussaugung durchbrochen, die Perioden, für die
die Preise im Durchschnitt sich den Werten bis auf eine zu ver-
nachlässigende Größe nähern, werden schon länger.
Das gleiche gilt für den Austausch zwischen Bauernprodukten und
denen der städtischen Handwerker. Anfangs findet dieser direkt
statt, ohne Vermittlung des Kaufmanns, an den Markttagen der
Städte, wo der Bauer verkauft und seine Einkäufe macht. Auch hier
sind nicht nur dem Bauer die Arbeitsbedingungen des Handwerkers
bekannt, sondern dem Handwerker auch die des Bauern. Denn er ist
selbst noch ein Stück Bauer, er hat nicht nur Küchen- und Obst-
garten, sondern auch sehr oft ein Stückchen Feld, eine oder zwei
Kühe, Schweine, Federvieh usw. Die Leute im Mittelalter
#908# Friedrich Engels
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waren so imstande, jeder dem andern die Produktionskosten an Roh-
stoff, Hilfsstoff, Arbeitszeit mit ziemlicher Genauigkeit nach-
zurechnen - wenigstens, was Artikel täglichen allgemeinen Ge-
brauchs betraf.
Wie war aber für diesen Austausch nach dem Maßstab des Arbeits-
quantums dies letztere, wenn auch nur indirekt und relativ, zu
berechnen für Produkte, die eine längere, in unregelmäßigen Zwi-
schenräumen unterbrochne, in ihrem Ertrag unsichre Arbeit
erheischten, Z.B. Korn oder Vieh? Und das obendrein bei Leuten,
die nicht rechnen konnten? Offenbar nur durch einen langwierigen,
oft im Dunkeln hin und her tastenden Prozeß der Annäherung im
Zickzack, wobei man, wie sonst auch, erst durch den Schaden klug
wurde. Aber die Notwendigkeit für jeden, im ganzen und großen auf
seine Kosten zu kommen, half immer wieder in die korrekte Rich-
tung, und die geringe Anzahl der in den Verkehr kommenden Arten
von Gegenständen, sowie die oft während Jahrhunderten stabile Art
ihrer Produktion, erleichterte die Erreichung des Ziels. Und daß
es keineswegs so lange dauerte, bis die relative Wertgröße dieser
Produkte ziemlich annähernd festgestellt war, beweist allein die
Tatsache, daß die Ware, bei der dies wegen der langen Produkti-
onszeit des einzelnen Stücks am schwierigsten scheint, das Vieh,
die erste ziemlich allgemein anerkannte Geldware wurde. Um dies
fertigzubringen, mußte der Wert des Viehs, sein Austauschverhält-
nis zu einer ganzen Reihe von andern Waren, schon eine relativ
ungewöhnliche, auf dem Gebiet zahlreicher Stämme widerspruchslos
anerkannte Feststellung erlangt haben. Und die Leute von damals
waren sicher gescheit genug - die Viehzüchter sowohl wie ihre
Kunden -, um nicht die von ihnen aufgewandte Arbeitszeit im Aus-
tausch ohne Äquivalent wegzuschenken. Im Gegenteil: je näher die
Leute dem Urzustand der Warenproduktion stehn - Russen und Orien-
talen z.B. -, desto mehr Zeit verschwenden sie noch heute, um
durch langes, zähes Schachern den vollen Entgelt ihrer auf ein
Produkt verwandten Arbeitszeit herauszuschlagen.
Ausgehend von dieser Wertbestimmung durch die Arbeitszeit, ent-
wickelte sich nun die ganze Warenproduktion und mit ihr die man-
nigfachen Beziehungen, in denen die verschiednen Seiten des Wert-
gesetzes sich geltend machen, wie sie im ersten Abschnitt des er-
sten Buchs des "Kapital" dargelegt sind; also namentlich die Be-
dingungen, unter denen allein die Arbeit wertbildend ist. Und
zwar sind dies Bedingungen, die sich durchsetzen, ohne den Betei-
ligten zum Bewußtsein zu kommen, und die selbst erst durch müh-
same theoretische Untersuchung aus der alltäglichen Praxis ab-
strahiert werden können, die also nach Art von Naturgesetzen wir-
ken, wie dies Marx auch als notwendig aus der Natur der Warenpro-
duktion
#909# Ergänzung und Nachtrag zum III. Buche des "Kapital"
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folgend nachgewiesen hat. Der wichtigste und einschneidendste
Fortschritt war der Obergang zum Metallgeld, der aber auch die
Folge hatte, daß nun die Weribestimmung durch die Arbeitszeit
nicht länger auf der Oberfläche des Warenaustausches sichtbar er-
schien. Das Geld wurde für die praktische Auffassung der ent-
scheidende Wertmesser, und dies um so mehr, je mannigfaltiger die
in den Handel kommenden Waren wurden, je mehr sie entlegnen Län-
dern entstammten, je weniger also die zu ihrer Herstellung nötige
Arbeitszeit sich kontrollieren ließ. Kam doch das Geld anfänglich
selbst meist aus der Fremde; auch als Edelmetall im Lande gewon-
nen wurde, war der Bauer und Handwerker teils nicht imstande, die
darauf verwandte Arbeit annähernd abzuschätzen, teils war ihm
selbst schon das Bewußtsein von der wertmessenden Eigenschaft der
Arbeit durch die Gewohnheit des Geldrechnens ziemlich verdunkelt;
das Geld begann in der Volksvorstellung den absoluten Wert zu re-
präsentieren.
Mit einem Wort: das Marxsche Wertgesetz gilt allgemein, soweit
überhaupt ökonomische Gesetze gelten, für die ganze Periode der
einfachen Warenproduktion, also bis zur Zeit, wo diese durch den
Eintritt der kapitalistischen Produktionsform eine Modifikation
erfährt. Bis dahin gravitieren die Preise nach den durch das
Marxsche Gesetz bestimmten Werten hin und oszillieren um diese
Werte, so daß, je voller die einfache Warenproduktion zur Entfal-
tung kommt, desto mehr die Durchschnittspreise längerer, nicht
durch äußre gewaltsame Störungen unterbrochener Perioden inner-
halb der Vernachlässigungsgrenzen mit den Werten zusammenfallen.
Das Marxsche Wertgesetz hat also ökonomisch-allgemeine Gültigkeit
für eine Zeitdauer, die vom Anfang des die Produkte in Waren ver-
wandelnden Austausches bis ins fünfzehnte Jahrhundert unsrer
Zeitrechnung dauert. Der Warenaustausch aber datiert von einer
Zeit, die vor aller geschriebnen Geschichte liegt, die in Ägypten
auf mindestens drittehalbtausend, vielleicht fünftausend, in Ba-
bylonien auf viertausend, vielleicht sechstausend Jahre vor uns-
rer Zeitrechnung zurückführt; das Wertgesetz hat also geherrscht
während einer Periode von fünf bis sieben Jahrtausenden. Und nun
bewundre man die Gründlichkeit des Herrn Loria, der den während
dieser Zeit allgemein und direkt gültigen Wert einen Wert nennt,
zu dem die Waren nie verkauft werden oder verkauft werden können
und mit dem kein Ökonom sich je beschäftigen wird, der einen Fun-
ken gesunden Verstand hat!
Bisher haben wir nicht vom Kaufmann gesprochen. Wir konnten uns
die Berücksichtigung seiner Intervention aufsparen bis jetzt, wo
wir zur Verwandlung der einfachen in kapitalistische Warenproduk-
tion übergehn.
#910# Friedrich Engels
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Der Kaufmann war das revolutionäre Element in dieser Gesell-
schaft, wo alles sonst stabil war, stabil sozusagen durch Erb-
lichkeit; wo der Bauer nicht nur seine Hufe, sondern auch seine
Stellung als freier Eigentümer, freier oder höriger Zinsbauer
oder Leibeigner, der städtische Handwerker sein Handwerk und
seine zünftigen Privilegien erblich und fast unveräußerlich über-
kam und jeder von ihnen obendrein seine Kundschalt, seinen Ab-
satzmarkt, ebensosehr wie sein von Jugend auf für den ererbten
Beruf ausgebildetes Geschick. In diese Welt trat nun der Kauf-
mann, von dem ihre Umwälzung ausgehn sollte. Aber nicht als be-
wußter Revolutionär; im Gegenteil, als Fleisch von ihrem Fleisch,
Bein von ihrem Bein. Der Kaufmann des Mittelalters war durchaus
kein Individualist, er war wesentlich Genossenschafter wie alle
seine Zeitgenossen. Auf dem Lande herrschte die dem urwüchsigen
Kommunismus entsprossene Markgenossenschaft. Jeder Bauer hatte
ursprünglich eine gleich große Hufe, mit gleich großen Stücken
Boden von jeder Qualität, und einen entsprechenden gleich großen
Anteil an den Rechten in der gemeinen Mark. Seitdem die Markge-
nossenschaft eine geschlossene geworden war und keine neuen Hufen
mehr ausgeteilt wurden, traten durch Erbschaft etc. Unterteilun-
gen der Hufen ein und dementsprechende Unterteilungen der Markbe-
rechtigung; aber die Vollhufe blieb die Einheit, so daß es Halb-,
Viertels-, Achtelshufen mit halber, Viertels- und Achtelsberech-
tigung in der gemeinen Mark gab. Nach dem Vorbild der Markgenos-
senschaft richteten sich alle späteren Erwerbsgenossenschaften,
vor allem die Zünfte in den Städten, deren Ordnung nichts war als
die Anwendung der Markverfassung auf ein Handwerksprivilegium
statt auf ein begrenztes Landgebiet. Der Mittelpunkt der ganzen
Organisation war die gleiche Beteiligung jedes Genossen an den
der Gesamtheit gesicherten Vorrechten und Nutzungen, wie sich
dies noch schlagend in dem Privilegium der Elberfelder und Barmer
"Garnnahrung" von 1527 ausspricht. (Thun, "Industrie am Nieder-
rhein", II, 164 ff.) Dasselbe gilt von den Gewerken der Berg-
werke, wo auch jede Kux gleichen Anteil hatte und auch, wie die
Hufe des Markgenossen, samt ihren Rechten und Pflichten teilbar
war. Und dasselbe gilt in nicht mindrem Grad von den kaufmänni-
schen Genossenschaften, die den überseeischen Handel ins Leben
riefen. Die Venetianer und die Genuesen im Hafen von Alexandrien
oder Konstantinopel, jede "Nation" in ihrem eignen Fondaco -
Wohnhaus, Wirtshaus, erhaus, Ausstellungs- und Verkaufsraum nebst
Zentralbüro - bildeten vollständige Handelsgenossenschaften, sie
waren abgeschlossen gegen Konkurrenten und Kunden, sie verkauften
zu unter sich festgestellten Preisen, ihre Waren hatten be-
stimmte, durch öffentliche Untersuchung
#911# Ergänzung und Nachtrag zum III. Buche des "Kapital"
-----
und oft Abstempelung garantierte Qualität, sie beschlossen ge-
meinsam über die den Eingebornen für ihre Produkte zu zahlenden
Preise etc. Nicht anders verfuhren die Hanseaten auf der deut-
schen Brücke (Tydske Bryggen) zu Bergen in Norwegen und ebenso
ihre holländischen und englischen Konkurrenten. Wehe dem, der un-
ter dem Preis verkauft oder über dem Preis eingekauft hätten Der
Boykott, der ihn traf, bedeutete damals den unbedingten Ruin, un-
gerechnet die direkten Strafen, die die Genossenschaft über den
Schuldigen verhängte. Es wurden aber auch noch engere Genossen-
schaften zu bestimmten Zwecken gegründet, dergleichen die Maona
von Genua, die langjährige Beherrscherin der Alaungruben von Pho-
käa in Kleinasien sowie der Insel Chlos, im 14. und 15. Jahrhun-
dert, ferner die große Ravensberger Handelsgesellschaft, die seit
Ende des 14. Jahrhunderts nach Italien und Spanien Geschäfte
machte und dort Niederlassungen ndete, und die deutsche Gesell-
schaft der Augsburger Fugger, Welser, Vöhlin, Höchstetter etc.
und der Nürnberger Hirschvogel und andre, die mit einem Kapital
von 66 000 Dukaten und drei Schiffen sich an der portugiesischen
Expedition nach Indien 1505/06 beteiligte und dabei einen Reinge-
winn von 150, nach andern 175 Prozent herausschlug, (Heyd,
"Levantehandel", II, 524) und eine ganze Reihe andrer Gesell-
schaften "Monopolia", über die Luther sich so erzürnt.
Hier stoßen wir zum erstenmal auf einen Profit und eine Pro-
fitrate. Und zwar ist das Bestreben der Kaufleute absichtlich und
bewußt darauf gerichtet, diese Profitrate für alle Beteiligten
gleichzumachen. Die Venetianer in der Levante, die Hanseaten im
Norden zahlten jeder dieselben Preise für seine Waren wie seine
Nachbarn, sie kosteten ihm dieselben Transportkosten, er erhielt
dafür dieselben Preise und kaufte ebenfalls Rückfracht ein zu
denselben Preisen wie jeder andre Kaufmann seiner "Nation". Die
Profitrate war also für alle gleich. Bei den großen Handelsge-
sellschaften versteht sich die Verteilung des Gewinns pro rata
des eingeschoßnen KapitaIanteils genauso von selbst wie die Be-
teiligung an den Markrechten pro rata des berechtigten Hufenan-
teils oder an dem Bergwerksgewinn pro rata des Kuxenanteils. Die
gleiche Profitrate, die in ihrer vollen Entwicklung eins der En-
dergebnisse der kapitalistischen Produktion ist, erweist sich
hier also in ihrer einfachsten Form als einer der Punkte, wovon
das Kapital historisch ausgegangen, ja sogar als ein direkter Ab-
leger der Markgenossenschaft, die wieder ein direkter Ableger des
Urkommunismus ist. Diese ursprüngliche Profitrate war notwendig
sehr hoch. Das Geschäft war sehr riskant, nicht nur wegen des
stark grassierenden Seeraubs; auch die konkurrierenden Nationen
erlaubten sich manchmal allerlei Gewalttätigkeiten,
#912# Friedrich Engels
-----
wenn sich Gelegenheit bot; endlich beruhte der Absatz und die Ab-
satzbedingungen auf Privilegien fremder Fürsten, die oft genug
gebrochen oder widerrufen wurden. Der Gewinn mußte also eine hohe
Assekuranzprämie einschließen. Dann war der Umsatz langsam, die
Abwicklung der Geschäfte langwierig, und in den besten Zeiten,
die allerdings selten von langer Dauer, war das Geschäft ein Mo-
nopolhandel mit Monopolprofit. Daß die Profitrate im Durchschnitt
sehr hoch war, beweisen auch die damals gültigen sehr hohen Zins-
raten, die doch immer im ganzen niedriger sein mußten als der
Prozentsatz des üblichen Handelsgewinns.
Diese durch das genossenschaftliche Zusammenwirken erwirkte hohe,
für alle Beteiligten gleiche Profitrate hatte aber nur lokale
Geltung innerhalb der Genossenschaft, also hier der "Nation". Ve-
netianer, Genuesen, Hanseaten, Holländer hatten, jede Nation für
sich und wohl auch mehr oder weniger anfangs für jedes einzelne
Absatzgebiet, eine besondre Profitrate. Die Ausgleichung dieser
verschiednen Genossenschafts-Profitraten setzte sich durch auf
dem entgegengesetzten Weg, durch die Konkurrenz. Zunächst die
Profitraten der verschiednen Märkte für eine und dieselbe Nation.
Bot Alexandrien mehr Gewinn für venetianische Waren als Cypern,
Konstantinopel oder Trapezunt, so werden die Venetianer für Ale-
xandrien mehr Kapital in Bewegung gesetzt und dies dem Verkehr
mit den andern Märkten entzogen haben. Dann mußte die allmähliche
Ausgleichung der Profitraten zwischen den einzelnen, nach densel-
ben Märkten dieselben oder ähnliche Waren ausfahrenden Nationen
an die Reihe kommen, wobei sehr häufig einzelne dieser Nationen
erdrückt wurden und vom Schauplatz verschwanden. Dieser Prozeß
wurde aber fortwährend von politischen Ereignissen unterbrochen,
wie denn der ganze Levantehandel infolge der mongolischen und
türkischen Invasionen an dieser Ursache zugrunde ging und die
großen geographisch-kommerziellen Entdeckungen seit 1492 diesen
Untergang nur beschleunigten und dann endgültig machten.
Die nun erfolgende plötzliche Ausdehnung des Absatzgebiets und
damit zusammenhängende Umwälzung der Verkehrslinien brachte
zunächst keine wesentliche Änderung in der Art des Handelsbe-
triebs. Auch nach Indien und Amerika handelten zunächst vorwie-
gend noch Genossenschaften. Aber erstens standen hinter diesen
Genossenschaften größere Nationen. An die Stelle der levantehan-
delnden Katalonier trat im Amerikahandel das ganze große verei-
nigte Spanien; neben ihm zwei große Länder wie England und
Frankreich; und selbst Holland und Portugal, die kleinsten, waren
immer noch mindestens ebenso groß und stark wie Venedig, die
größte und stärkste Handelsnation der vorigen Periode. Das gab
dem fahrenden Kaufmann,
#913# Ergänzung und Nachtrag zum III. Buche des "Kapital"
-----
dem merchant adventurer des 16. und 17. Jahrhunderts einen Rück-
halt, der die ihre Glieder auch mit den Waffen schätzende Genos-
senschaft mehr und mehr überflüssig, ihre Kosten daher direkt lä-
stig machte. Dann entwickelte sich jetzt der Reichtum in einzel-
ner Hand bedeutend schneller, so daß bald vereinzelte Kaufleute
ebensoviel Fonds auf eine Unternehmung wenden konnten wie früher
eine ganze Gesellschaft. Die Handelsgeselischaften, wo sie noch
fortbestanden, verwandelten sich meist in bewaffnete Korporatio-
nen, die unter dem Schutz und der Oberhoheit des Mutterlandes neu
entdeckte ganze Länder eroberten und monopolistisch ausbeuteten.
Je mehr aber in den neuen Gebieten Kolonien vorwiegend auch von
Staats wegen angelegt wurden, desto mehr trat der genossenschaft-
liche Handel vor dem des einzelnen Kaufmanns zurück, und damit
wurde die Ausgleichung der Profitrate mehr und mehr ausschließli-
che Sache der Konkurrenz.
Bisher haben wir eine Profitrate kennengelernt nur für das Han-
delskapital. Denn nur Handels- und Wucherkapital hatte es bisher
gegeben, das industrielle Kapital sollte sich eben erst entwic-
keln. Die Produktion war noch vorwiegend in den Händen von Arbei-
tern, die im Besitz ihrer eignen Produktionsmittel waren, deren
Arbeit also keinem Kapital einen Mehrwert abwarf. Mußten sie
einen Teil des Produkts ohne Entgelt an Dritte abtreten, dann in
der Form des Tributs an Feudalherren. Das Kauf mannskapital
konnte seinen Profit daher, wenigstens anfangs, nur aus den aus-
ländischen Käufern inländischer oder den inländischen Käufern
ausländischer Produkte herausschlagen; erst gegen Ende dieser Pe-
riode - für Italien also mit dem Niedergang des Levantehandels -
mochte die auswärtige Konkurrenz und der erschwerte Absatz den
handwerksmäßigen Produzenten von Ausfuhrwaren zwingen, dem Ex-
portkaufmann die Ware unter ihrem Wert abzulassen. Und so finden
wir hier die Erscheinung, daß im inländischen Detailverkehr der
einzelnen Produzenten untereinander die Waren durchschnittlich zu
ihren Werten verkauft werden, im internationalen Handel aber, aus
angegebnen Gründen, der Regel nach nicht. Ganz im Gegensatz zur
heutigen Welt, wo die Produktionspreise im internationalen und
Großhandel Geltung haben, während im städtischen Kleinhandel die
Preisbildung durch ganz andre Profitraten reguliert wird. So daß
z.B. heute das Fleisch eines Ochsen einen größeren Preisauf
schlag erfährt auf dem Wege vom Londoner Engroshändler bis zum
einzelnen Londoner Konsumenten als vom Engroshändler in Chicago,
inklusive Transport, bis zum Londoner Engroshändler. Das Werk-
zeug, das diese Umwälzung in der Preisbildung allmählich zustande
brachte, war das industrielle Kapital. Bereits im Mittelalter
hatten
#914# Friedrich Engels
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sich Ansätze dazu,gebildet, und zwar auf drei Gebieten: Reederei,
Bergwerk, Textilindustrie. Reederei auf dem von den italienischen
und hanseattschen Seerepubliken betriebnen Maßstab war unmöglich
ohne Matrosen, d.h. Lohnarbeiter (deren Lohnverhältnis unter ge-
nossenschaftlichen Formen mit Gewinnbeteiligung versteckt sein
mochte), und für die Caleeren Jener Zeit auch ohne Ruderer, Lohn-
arbeiter oder Sklaven. Die Gewerken der Erzgruben, ursprünglich
genossenschaftliche Arbeiter, hatten sich in fast allen Fällen
bereits in Aktiengesellschaften zur Ausbeutung des Betriebs ver-
mittelst Lohnarbeiter verwandelt. Und in der Textilindustrie
hatte der Kaufmann angefangen, die kleinen Webermeister direkt in
seinen Dienst zu stellen, indem er ihnen das Garn lieferte und
gegen fixen Lohn für seine Rechnung in Gewebe verwandeln ließ,
kurz, indem er aus einem bloßen Käufer ein sogenannter
V e r l e g e r wurde.
Hier haben wir die ersten Anfänge kapitalistischer Mehrwertsbil-
dung vor uns. Die bergmännischen Gewerken können wir als ge-
schlossene Monopol-Korporationen außer acht lassen. Von den Ree-
dern liegt es auf der Hand, daß ihre Profite mindestens die lan-
desüblichen sein mußten, mit Extrazuschlag für Assekuranz, Ver-
schleiß der Schiffe etc. Wie aber lag die Sache mit den Textil-
verlegern, die zuerst direkt für kapitalistische Rechnung herge-
stellte Waren auf den Markt und mit den für Handwerkers Rechnung
hergestellten Waren derselben Art in Konkurrenz brachten?
Die Profitrate des Handelskapitals war vorgefunden. Sie war auch
schon, wenigstens für die betreffende Lokalität, zu einer annä-
hernden Durchschnittsrate ausgeglichen. Was konnte nun den Kauf-
mann bewegen, das Extrageschäft des Verlegers auf sich zu nehmen?
Nur eins: die Aussicht auf größeren Profit bei gleichem Verkaufs-
preis mit den andern. Und diese Aussicht hatte er. Indem er den
Kleinmeister in seinen Dienst nahm, durchbrach er die hergebrach-
ten Schranken der Produktion, innerhalb deren der Produzent sein
fertiges Produkt verkaufte und nichts andres. Der kaufmännische
Kapitalist kaufte die Arbeitskraft, die einstweilen noch ihr Pro-
duktionsinstrument besaß, aber schon nicht mehr den Rohstoff. In-
dem er so dem Weber regelmäßige Beschäftigung sicherte, konnte er
dagegen den Lohn des Webers derart drücken, daß ein Teil der
geleisteten Arbeitszeit unbezahlt blieb. Der Verleger wurde so
Aneigner von Mehrwert über seinen bisherigen Handelsgewinn hin-
aus. Allerdings mußte er dafür auch ein zusätzliches Kapital an-
wenden, um Garn etc. zu kaufen und in der Hand des Webers zu be-
lassen, bis das Stück fertig war, für das er früher erst beim
Einkauf den ganzen Preis zu zahlen hatte. Aber erstens hatte er
in den meisten Fällen auch schon Extrakapital gebraucht zu Vor-
schüssen an den
#915# Ergänzung und Nachtrag zum III. Buche des "Kapital"
-----
Weber, den in der Regel nur die Schuldknechtschaft dahin brachte,
daß er sich den neuen Produktionsbedingungen unterwarf. Und zwei-
tens, auch abgesehn davon, stellt sich die Rechnung nach folgen-
dem Schema:
Gesetzt, unser Kaufmann betriebe sein Exportgeschäft mit 30 000
Kapital, Dukaten, Zechinen, Pfund Sterling oder was immer. Davon
seien 10 000 im Einkauf von inländischen Waren tätig, während
20 000 in den überseeischen Absatzmärkten gebraucht werden. Das
Kapital schlage einmal in zwei Jahren um, jahresumschlag =
15 000. Unser Kaufmann will nun für eigne Rechnung weben lassen,
Verleger werden. Wieviel Kapital muß er da zuschießen? Nehmen wir
an, die Produktionszeit des Stückes Zeug, wie er dergleichen ver-
kauft, sei durchschnittlich zwei Monate, was sicher sehr hoch
ist. Nehmen wir ferner an, er müsse alles bar zahlen. So muß er
Kapital genug zuschießen, um seinen Webern Garn für zwei Monate
zu liefern. Da er im Jahr 15 000 umschlägt, kauft er in zwei Mo-
naten Zeug für 2500. Sagen wir, daß 2000 davon Garnwert und 500
Webelohn darstellen, so braucht unser Kaufmann ein Zuschußkapital
von 2000. Wir nehmen an, der Mehrwert, den er sich durch die neue
Methode vom Weber aneignet, betrage nur 5% vom Wert des Zeugs,
was die sicher sehr bescheidne Mehrwertsrate von 25% ausmacht
(2000 c + 500v + 125m; m' = 125/500 = 25%, p' = 125/2500 = 5%).
Dann macht unser Mann auf seinen Jahresumschlag von 15 000 einen
Extraprofit von 750, hat also sein Zuschußkapital in 2/3 Jahren
schon wieder herausgeschlagen. Um aber seinen Absatz und damit
seinen Umschlag zu beschleunigen und dadurch mit demselben Kapi-
tal in kürzerer Zeit denselben, in derselben Zeit wie bisher also
größeren Profit zu machen, wird er einen kleinen Teil seines
Mehrwerts dem Käufer schenken, wird billiger verkaufen als seine
Konkurrenten. Diese werden sich allmählich auch in Verleger ver-
wandeln, und dann reduziert sich der Extraprofit für alle auf den
gewöhnlichen Profit, oder gar einen niedrigeren, für das bei al-
len erhöhte Kapital. Die Gleichheit der Profitrate ist wiederher-
gestellt, wenn auch möglicher weise auf andrem Niveau, dadurch,
daß ein Teil des im Inland gemachten Mehrwerts an die auswärtigen
Käufer abgetreten ist.
Der nächste Schritt in der Unterwerfung der Industrie unter das
Kapital geschieht durch die Einführung der Manufaktur. Auch diese
befähigt den Manufakturisten, der im 17. und 18. Jahrhundert - in
Deutschland noch bis 1850 fast allgemein und stellenweise noch
heute - meist noch sein eigner Exportkaufmann ist, wohlfeiler zu
produzieren als sein altfränkischer Konkurrent, der Handwerker.
Derselbe Prozeß wiederholt sich; der vom
#916# Friedrich Engels
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Manufakturkapitalisten angeeignete Mehrwert erlaubt ihm resp. dem
Exportkaufmann, der mit ihm teilt, wohlfeiler zu verkaufen als
seine Konkurrenten, bis zur Verallgemeinerung der neuen Produkti-
onsweise, wo dann wieder Ausgleichung eintritt. Die schon vorge-
fundne Handelsprofitrate, selbst wenn sie nur lokal nivelliert
ist, bleibt das Prokrustesbett, worin der überschüssige industri-
elle Mehrwert ohne Barmherzigkeit abgehackt wird.
Hat die Manufaktur schon durch Verwohlfeilerung der Produkte sich
emporgeschwungen, so noch weit mehr die große Industrie, die mit
ihren immer wieder erneuerten Revolutionen der Produktion die
Herstellungskosten der Waren niedriger und niedriger herabdrückt
und alle früheren Produktionsweisen unerbittlich beseitigt. Sie
ist es auch, die dadurch den inneren Markt endgültig für das Ka-
pital erobert, der Kleinproduktion und Naturalwirtschaft der sich
selbst genügenden Bauernfamilie ein Ende macht, den direkten Aus-
tausch zwischen den Kleinproduzenten beseitigt, die ganze Nation
in den Dienst des Kapitals stellt. Sie gleicht ebenfalls die Pro-
fitraten der verschiednen kaufmännischen und industriellen Ge-
schäftszweige zu einer allgemeinen Profitrate aus und sichert
endlich der Industrie den ihr gebührenden Machtposten bei dieser
Ausgleichung, indem sie den größten Teil der Hindernisse besei-
tigt, die bisher der Übertragung von Kapital aus einem Zweig in
einen andern im Wege standen. Damit vollzieht sich für den ge-
samten Austausch im großen die Verwandlung der Werte in Produkti-
onspreise. Diese Verwandlung geht also nach objektiven Gesetzen
vor sich, ohne Bewußtsein oder Absicht der Beteiligten. Daß die
Konkurrenz die über die allgemeine Rate überschüssigen Profite
auf das allgemeine Niveau reduziert und so dem ersten industriel-
len Ane'gner den den Durchschnitt überschreitenden Mehrwert wie-
der entzieht, bietet theoretisch durchaus keine Schwierigkeit. In
der Praxis aber um so mehr, denn die Produktionssphären mit über-
schüssigem Mehrwert, also mit hohem variablem bei niedrigem kon-
stantem Kapital, also mit niedriger Kapitalzusamrnensetzung, sind
grade ihrer Natur nach dieienigen, die dem kapitalistischen Be-
trieb am spätesten und am unvollständigsten unterworfen werden;
vor allem der Ackerbau. Was dagegen die Erhöhung der Produktions-
preise über die Warenwerte angeht, die erforderlich ist, um den
in den Produkten der Sphären hoher Kapitalzusammensetzung ent-
haltnen, unterschüssigen Mehrwert auf das Niveau der Durch-
schnittsprofitrate zu erheben, so sieht das theoretisch äußerst
schwierig aus, macht sich aber, wie wir gesehn haben, in der Pra-
xis am leichtesten und ehesten. Denn die Waren dieser Klasse,
wenn sie zuerst kapitalistisch produziert werden und in den kapi-
talistischen Handel kommen, treten in Konkurrenz mit Waren glei-
cher Art, die nach
#917# Ergänzung und Nachtrag zurn III. Buche des "Kapital"
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vorkapitalistischen Methoden fabriziert, also teurer sind. Der
kapitalistische Produzent kann also selbst bei Verzicht auf einen
Teil des Mehrwerts immer noch die für seine Lokalität gültige
Profitrate herausschlagen, die ursprünglich keine direkte Bezie-
hung zum Mehrwert hatte, weil sie aus dem Handelskapital entstan-
den war schon lange, ehe überhaupt kapitalistisch produziert,
also eine industrielle Profitrate möglich war.
II. Die Börse
1. Aus dem 3. Bd., 5. Abschnitt, besonders Kapitel 27, geht her-
vor, welche Stellung die Börse in der kapitalistischen Produktion
überhaupt einnimmt. Nun ist aber seit 1865, wo das Buch verfaßt,
eine Veränderung eingetreten, die der Börse heute eine um ein Be-
deutendes gesteigerte und noch stets wachsende Rolle zuweist und
die bei der ferneren Entwicklung die Tendenz hat, die gesamte
Produktion, industrielle wie agrikulturelle, und den gesamten
Verkehr, Kommunikationsmittel wie Austauschfunktion, in den Hän-
den von Börsianern zu konzentrieren, so daß die Börse die hervor-
ragendste Vertreterin der kapitalistischen Produktion selbst
wird.
2. 1865 war die Börse noch ein sekundäres Element im kapitalisti-
schen System. Die Staatspapiere repräsentierten die Hauptmasse
der Börsenwerte, und auch ihre Masse war noch relativ gering. Da-
neben die Aktienbanken, die auf dem Kontinent und in Amerika vor-
herrschend, in England sich eben erst zur Verschluckung der ari-
stokratischen Privatbanken anschickten. Aber in Masse noch rela-
tiv unbedeutend. 3. Die Eisenbahnaktien auch noch relativ schwach
gegen jetzt. Direkt produktive Etablissements aber nur wenig in
Aktienform. Damals war noch das Auge des Meisters" ein unüberwun-
dener Aberglaube - und wie die Banken, am meisten in den
ä r m e r e n Ländern, in Deutschland, Österreich, Amerika etc.
Damals also die Börse noch ein Ort, wo die Kapitalisten sich ihre
akkumulierten Kapitalien untereinander abnahmen und der die Ar-
beiter direkt nur anging als neues Beweisstück der demoralisie-
renden allgemeinen Wirkung der kapitalistischen Wirtschaft und
Bestätigung des kalvinistischen Satzes, daß die Gnadenwahl alias
der Zufall schon in diesem Leben über Seligkeit und Verdammnis,
über Reichtum, d.h. Genuß und Macht, und über Armut, d.h. Entbeh-
rung und Knechtschaft, entscheidet.
3. Jetzt anders. Die Akkumulation ist seit der Krise von 1866 mit
einer stets wachsenden Schnelligkeit vorgegangen, und zwar so,
daß in keinem Industrieland, am wenigsten England, die Ausdehnung
der Produktion mit
#918# Friedrich Engels
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der der Akkumulation Schritt halten, die Akkumulation des einzel-
nen Kapitalisten in der Vergrößerung seines eigenen Geschäfts
volle Verwendung finden konnte; englische Baumwollindustrie schon
1845, Eisenbahnschwindel. Mit dieser Akkumulation aber stieg auch
die Masse der Rentiers, der Leute, die die regelmäßige Anspannung
im Geschäft satt waren, die also bloß sich amüsieren wollten oder
doch nur gelinde Beschäftigung als Direktoren oder Aufsichtsräte
von Kompanien treiben. Und drittens wurden, um die Anlage der so
als Geldkapital flottierenden Masse zu erleichtern, nun überall,
wo es noch nicht geschehn, neue gesetzliche Formen der Gesell-
schaften mit beschränkter Haftbarkeit hergestellt, und die Ver-
pflichtung der bisher unbeschränkt haftenden Aktionäre auch +-
1*) reduziert (Aktien-Gesellschaften in Deutschland 1890. 40% der
Zeichnung!).
4. Hiernach allmähliche Verwandlung der Industrie in Aktienunter-
nehmungen. Ein Zweig nach dem andern verfällt dem Schicksal. Zu-
erst Eisen, wo Riesenanlagen jetzt nötig (vorher Bergwerke, wo
diese nicht schon verkuxt). Dann chemische Industrie ditto. Ma-
schinenfabriken. Auf dem Kontinent Textilindustrie, in England
bloß noch in einigen Gegenden von Lancashire (Spinnerei Oldham,
Weberei Burnley etc., Schneider-Kooperation, diese aber nur Vor-
stufe, um bei der nächsten Krisis wieder an die masters 2*) zu
fallen), Brauereien (vor ein paar Jahren die amerik. an engl. Ka-
pital[isten] verschachert, dann Guinness, Bass, Allsopp). Dann
die Trusts, die Riesenunternehmungen mit gemeinsamer Leitung
schaffen (wie die United Alkali). Die gewöhnliche EinzeIfirma +&+
3*) nur Vorstufe, um das Geschäft dahin zu bringen, wo es groß
genug, um "gegründet" zu werden.
Dasselbe vom Handel. Leafs, Parsons, Morleys, Morrison, Dillon,
alle gegründet. Ebenso jetzt schon Detailhäuser, und zwar nicht
nur unter dem Schein der Kooperation à la "Stores".
Dasselbe von Banken und andern Kreditinstituten auch in England.
Unmassen neuer, alle Aktien delimited 4*). Sogar alte Banken wie
Glyns etc. verwandeln sich mit 7 Privat-Aktionären in Limited.
5. Auf dem Gebiet des Ackerbaues dasselbe. Die enorm ausgedehnten
Banken besonders in Deutschland (unter allerlei bürokratischen
Namen) mehr und mehr Träger der Hypothek, mit ihren Aktien wird
das wirkliche Obereigentum über den Grundbesitz der Börse über-
liefert, und dies noch mehr bei Verfall der Güter an die Gläubi-
ger. Hier wirkt die agrikulturelle Revolution der Steppenkultur
gewaltsam; gehts so fort, die Zeit abzusehn, wo auch Englands und
Frankreichs Boden verbörset.
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1*) mehr oder minder - 2*) Meister - 3*) mehr und mehr - 4*) mit
beschränkter Haftung
#919# Ergänzung und Nachtrag zum III. Buche des "KapitaI"
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6. Nun aber die auswärtigen Anlagen alle in Aktien. Um nur von
England zu sprechen: amerik. Eisenbahnen, Nord und Süd (die
Stock-List nachschlagen), Goldberger etc.
7. Dann die Kolonisation. Diese ist heute rein Sukkursale der
Börse, in derem Interesse die europäischen Mächte vor ein paar
Jahren Afrika geteilt, die Franzosen Tunis und Tonkin erobert ha-
ben. Afrika direkt an Kompanien verpachtet (Niger, Südafrika,
Deutsch-Südwest- und Ostafrika) und Maschonaland und Natalland
für die Börse von Rhodes in Besitz genommen.
Nach der Handschrift.
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