Quelle: MEW 25 Das Kapital - Dritter Band
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#218# II. Abschnitt - Verwandlung des Profits in Durchschnittspr.
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III. Kompensationsgründe des Kapitalisten
Es ist gesagt worden, daß die Konkurrenz die Profitraten der ver-
schiednen Produktionssphären zur Durchschnittsprofitrate aus-
gleicht und ebendadurch die Werte der Produkte dieser verschied-
nen Sphären in Produktionspreise verwandelt. Und zwar geschieht
dies durch fortwährende Übertragung von Kapital aus einer Sphäre
in die andre, wo augenblicklich der Profit über dem Durchschnitt
steht; wobei jedoch in Betracht kommen die mit dem Wechsel der
magern und fetten Jahre, wie sie in einem gegebnen Industriezweig
innerhalb einer gegebnen Epoche einander folgen, verbundnen Pro-
fitschwankungen. Diese ununterbrochne Aus- und Einwanderung des
Kapitals, die zwischen verschiednen Sphären der Produktion statt-
findet, erzeugt steigende und fallende Bewegungen der Profitrate,
die sich gegenseitig mehr oder weniger ausgleichen und dadurch
die Tendenz haben, die Profitrate überall auf dasselbe gemeinsame
und allgemeine Niveau zu reduzieren.
Diese Bewegung der Kapitale wird in erster Linie stets verursacht
durch den Stand der Marktpreise, die die Profite hier über das
allgemeine Niveau des Durchschnitts erhöhen, dort sie darunter
hinabdrücken. Wir sehn einstweilen noch ab vom Kaufmannskapital,
womit wir hier noch nichts zu tun haben und das, wie die plötz-
lich emporschießenden Paroxysmen der Spekulation in gewissen
Lieblingsartikeln zeigen, mit außerordentlicher Schnelligkeit Ka-
pitalmassen aus einer Geschäftsbranche ziehn und sie ebenso
plötzlich in eine andre werfen kann. Aber in jeder Sphäre der ei-
gentlichen Produktion - Industrie, Ackerbau, Bergwerke etc. -
bietet die Übertragung von Kapital aus einer Sphäre in die andre
bedeutende Schwierigkeit, besonders wegen des vorhandnen fixen
Kapitals. Zudem zeigt die Erfahrung, daß, wenn ein Industrie-
zweig, z.B. die Baumwollindustrie, zu einer Zeit außerordentlich
hohe Profite abwirft, er dann auch zu einer andern Zeit sehr ge-
ringen Profit oder gar Verlust bringt, so daß in einem gewissen
Zyklus von Jahren der Durchschnittsprofit ziemlich derselbe ist
wie in andern Zweigen. Und mit dieser Erfahrung lernt das Kapital
bald rechnen.
#219# 12. Kapitel - Nachträge
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Was aber die Konkurrenz n i c h t zeigt, das ist die Wertbe-
stimmung, die die Bewegung der Produktion beherrscht; das sind
die Werte, die hinter den Produktionspreisen stehn und sie in
letzter Instanz bestimmen. Die Konkurrenz zeigt dagegen: 1. die
Durchschnittsprofite, die unabhängig sind von der organischen Zu-
sammensetzung des Kapitals in den verschiednen Produktionssphä-
ren, also auch von der Masse der von einem gegebnen Kapital in
einer gegebnen Exploitationssphäre angeeigneten lebendigen Ar-
beit; 2. Steigen und Fallen der Produktionspreise infolge von
Wechsel in der Höhe des Arbeitslohns - eine Erscheinung, die dem
Wertverhältnis der Waren auf den ersten Blick durchaus wider-
spricht; 3. Schwankungen der Marktpreise, die den Durchschnitts-
marktpreis der Waren in einer gegebnen Zeitperiode reduzieren,
nicht auf den Marktu)ert, sondern auf einen von diesem Marktwert
abweichenden, sehr verschiednen Marktproduktionspreis. Alle diese
Erscheinungen scheinen ebensosehr der Bestimmung des Werts durch
die Arbeitszeit, wie der aus unbezahlter Mehrarbeit bestehen, den
Natur des Mehrwerts zu widersprechen. E s e r s c h e i n t
a l s o i n d e r K o n k u r r e n z a l l e s
v e r k e h r t. Die fertige Gestalt der ökonomischen Verhält-
nisse, wie sie sich auf der Oberfläche zeigt, in ihrer realen
Existenz, und daher auch in den Vorstellungen, worin die Träger
und Agenten dieser Verhältnisse sich über dieselben klarzuwerden
suchen, sind sehr verschieden von, und in der Tat verkehrt, ge-
gensätzlich zu ihrer innern, wesentlichen, aber verhallten Kern-
gestalt und dem ihr entsprechenden Begriff.
Ferner: Sobald die kapitalistische Produktion einen gewissen Ent-
wicklungsgrad erreicht hat, geht die Ausgleichung zwischen den
verschiednen Profitraten der einzelnen Sphären zu einer allgemei-
nen Profitrate keineswegs bloß noch vor sich durch das Spiel der
Attraktion und Repulsion, worin die Marktpreise Kapital anziehn
oder abstoßen. Nachdem sich die Durchschnittspreise und ihnen
entsprechende Marktpreise für eine Zeitlang befestigt haben,
tritt es in das B e w u ß t s e i n der einzelnen Kapitalisten,
daß in dieser Ausgleichung b e s t i m m t e
U n t e r s c h i e d e ausgeglichen werden, so daß sie diesel-
ben gleich in ihrer wechselseitigen Berechnung einschließen. In
der Vorstellung der Kapitalisten leben sie und werden von ihnen
in Rechnung gebracht als Kompensationsgründe.
Die Grundvorstellung dabei ist der Durchschnittsprofit selbst,
die Vorstellung, daß Kapitale von gleicher Größe in denselben
Zeitfristen gleich große Profite abwerfen müssen. Ihr liegt wie-
der die Vorstellung zugrunde, daß das Kapital jeder Produktions-
sphäre pro rata seiner Größe teilzunehmen hat an dem von dem ge-
sellschaftlichen Gesamtkapital den Arbeitern ausgepreßten Gesamt-
mehrwert; oder daß jedes besondre Kapital nur als
#220# II. Abschnitt - Verwandlung des Profits in Durchschnittspr.
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Stück des Gesamtkapitals, jeder Kapitalist in der Tat als Aktio-
när in dem Gesamtunternehmen zu betrachten ist, der pro rata der
Größe seine, Kapitalanteils am Gesamtprofit sich beteiligt.
Auf diese Vorstellung stützt sich dann die Berechnung des Kapita-
listen, z.B. daß ein Kapital, welches langsamer umschlägt, weil
entweder die Ware länger im Produktionsprozeß verharrt oder weil
sie auf entfernten Märkten verkauft werden muß, den Profit, der
ihm dadurch entgeht, dennoch anrechnet, sich also durch Aufschlag
auf den Preis entschädigt. Oder aber, daß Kapitalanlagen, die
großem Gefahren ausgesetzt sind, wie z.B. in der Reederei, eine
Entschädigung durch Preisaufschlag erhalten. Sobald die kapitali-
stische Produktion, und mit ihr das Assekuranzwesen entwickelt
ist, ist die Gefahr in der Tat für alle Produktionssphären gleich
groß (s. Corbet [35]); die gefährdeteren zahlen aber die höhere
Assekuranzpräe und erhalten sie im Preis ihrer Waren vergütet. In
der Praxis kommt dies alles darauf hinaus, daß jeder Umstand, der
eine Kapitalanlage - und alle gelten für gleich notwendig, inner-
halb gewisser Schranken - weniger, und eine andre mehr profitlich
macht, als ein für allemal gültiger Kompensation grund in Rech-
nung gebracht wird, ohne daß es immer von neuem wieder der Tätig-
keit der Konkurrenz bedürfte, um die Berechtigung solches Motivs
oder Berechnungsfaktors darzutun. Nur vergißt der Kapitalist -
oder sieht vielmehr nicht, da die Konkurrenz ihm das nicht zeigt
-, daß alle diese, in der wechselseitigen Berechnung der Waren-
preise verschiedner Produktionszweige von den Kapitalisten gegen-
einander geltend gemachten Kornpensationsgründe sich bloß darauf
beziehn, daß sie alle, pro rata ihres Kapitals, gleich großen An-
spruch haben auf die gemeinschaftliche Beute, den Totalmehrwert.
Ihnen scheint vielmehr, da der von ihnen einkassierte Profit ver-
schieden von dem von ihnen ausgepreßten Mehrwert, daß seine Kom-
pensationsgründe nicht die Beteiligung am Gesamtmehrwert ausglei-
chen, sondern d e n P r o f i t s e l b s t s c h a f f e n,
indem dieser einfach aus dem so oder so motivierten Aufschlag auf
den Kostpreis der Waren herstamme.
Im übrigen gilt auch für den Durchschnittsprofit, was in Kap.
VII, S. 116 1*) gesagt wurde über die Vorstellungen des Kapitali-
sten von der Quelle des Mehrwerts. Hier stellt sich die Sache nur
insoweit anders dar, daß bei gegebnem Marktpreis der Waren und
gegebner Exploitation der Arbeit die Ersparung in den Kostpreisen
von individuellem Geschick, Aufmerksamkeit etc. abhängt.
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1*) Siehe vorl. Band. S. 148
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