Quelle: MEW 25 Das Kapital - Dritter Band


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       VIERZEHNTES KAPITEL
       Entgegenwirkende Ursachen
       
       Wenn man  die enorme  Entwicklung der Produktivkräfte der gesell-
       schaftlichen Arbeit  selbst nur in den letzten 30 Jahren, vergli-
       chen mit  allen frühern Perioden, betrachtet, wenn man namentlich
       die enorme  Masse von fixem Kapital betrachtet, das außer der ei-
       gentlichen Maschinerie  in die  Gesamtheit des gesellschaftlichen
       Produktionsprozesses eingeht,  so tritt an die Stelle der Schwie-
       rigkeit, welche  bisher die Ökonomen beschäftigt hat, nämlich den
       Fall der  Profitrate zu  erklären, die umgekehrte, nämlich zu er-
       klären, warum dieser Fall nicht größer oder rascher, ist. Es müs-
       sen gegenwirkende Einflüsse im Spiel sein, welche die Wirkung des
       allgemeinen Gesetzes  durchkreuzen und  aufheben und  ihm nur den
       Charakter einer Tendenz geben, weshalb wir auch den Fall der all-
       gemeinen Profitrate  als einen  tendenziellen Fall bezeichnet ha-
       ben. Die allgemeinsten dieser Ursachen sind folgende.
       
       I. Erhöhung des Exploitationsgrads der Arbeit
       
       Der Exploitationsgrad  der Arbeit,  die Aneignung  von Mehrarbeit
       und Mehrwert  wird erhöht  namentlich durch  Verlängerung des Ar-
       beitstags und  Intensifikation der  Arbeit. Diese  beiden  Punkte
       sind ausführlich  entwickelt in Buch I bei der Produktion des ab-
       soluten und  des relativen  Mehrwerts. Es  gibt viele Momente der
       Intensifikation der Arbeit, die ein Wachstum des konstanten Kapi-
       tals gegen  das variable,  also Fall der Profitrate einschließen,
       wie wenn  ein Arbeiter größre Masse von Maschinerie zu überwachen
       hat. Hier  - wie  bei den  meisten Prozeduren, die zur Produktion
       des relativen  Mehrwerts dienen  - mögen  dieselben Ursachen, die
       ein Wachstum  in der Rate des Mehrwerts hervorbringen, einen Fall
       in der  Masse des  Mehrwerts, gegebne  Größen von angewandtem Ge-
       samtkapital betrachtet,  einschließen. Aber es gibt andre Momente
       der Intensifikation, wie z.B.
       
       #243# 14. Kapitel - Entgegenwirkende Ursachen
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       beschleunigte Geschwindigkeit  der Maschinerie,  die in derselben
       Zeit zwar  mehr Rohmaterial  vernutzen, aber was das fixe Kapital
       angeht, die  Maschinerie zwar schneller aufnutzen, das Verhältnis
       ihres Werts  zum Preis der Arbeit, die sie in Bewegung setzt, in-
       des keineswegs  affizieren. Namentlich  aber ist es die Verlänge-
       rung des  Arbeitstags, diese  Erfindung der  modernen  Industrie,
       welche die  Masse der  angeeigneten Mehrarbeit vermehrt, ohne das
       Verhältnis der  angewandten Arbeitskraft  zu dem von ihr in Bewe-
       gung gesetzten  konstanten Kapital  wesentlich zu  verändern, und
       welche in der Tat eher das letztere relativ vermindert. Sonst ist
       es bereits  nachgewiesen -  und bildet  das eigentliche Geheimnis
       des tendenziellen  Falls der Profitrate -, daß die Prozeduren zur
       Erzeugung von relativem Mehrwert im ganzen und großen darauf hin-
       auslaufen: einerseits  von einer  gegebnen Masse Arbeit möglichst
       viel in  Mehrwert zu  verwandeln, andrerseits  im Verhältnis  zum
       vorgeschoßnen Kapital  möglichst wenig  Arbeit überhaupt anzuwen-
       den; so daß dieselben nde, welche erlauben, den Exploitationsgrad
       der Arbeit  zu erhöhen, es verbieten, mit demselben Gesamtkapital
       ebensoviel Arbeit  wie früher  zu exploitieren. Dies sind die wi-
       derstreitenden Tendenzen, die, während sie auf eine Steigerung in
       der Rate des Mehrwerts, gleichzeitig auf einen Fall der von einem
       gegebnen Kapital erzeugten Masse des Mehrwerts und daher der Rate
       des Profits  hinwirken. Ebenfalls  ist die massenhafte Einführung
       von Weiber  und Kinderarbeit  soweit hier  zu erwähnen,  als  die
       ganze Familie  dem Kapital  eine größre  Masse Mehrarbeit liefern
       muß als  vorher, selbst wenn die Gesamtsumme des ihr gegebnen Ar-
       beitslohns wächst, was keineswegs allgemein der Fall. - Alles was
       die Produktion  des relativen  Mehrwerts fördert durch bloße Ver-
       besserung der  Methoden, wie in der Agrikultur, bei unveränderter
       Größe des angewandten Kapitals, hat dieselbe Wirkung. Hier steigt
       zwar nicht das angewandte konstante Kapital im Verhältnis zum va-
       riablen, soweit  wir letzteres  als Index  der beschäftigten  Ar-
       beitskraft betrachten,  aber es  steigt die Masse des Produkts im
       Verhältnis zur  angewandten Arbeitskraft.  Dasselbe findet statt,
       wenn die  Produktivkraft der  Arbeit (einerlei  ob ihr Produkt in
       die Konsumtion der Arbeiter eingeht oder in die Elemente des kon-
       stanten Kapitals)  befreit wird von Verkehrshemmungen, willkürli-
       chen oder  im Lauf  der Zeit  störend gewordnen  Einschränkungen,
       überhaupt von  Fesseln aller  Art, ohne  daß dadurch zunächst das
       Verhältnis des vatiablen zum konstanten Kapital berührt wird.
       Es könnte  die Frage  aufgeworfen werden, ob in den, den Fall der
       Profitrate hemmenden, ihn in letzter Instanz aber stets beschleu-
       nigenden Ursachen  einbegriffen sind  die temporären,  aber  sich
       stets wiederholenden,
       
       #244# III. Abschnitt - Gesetz des tendenziellen Falls...
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       bald in  diesem, bald in jenem Produktionszweig auftauchenden Er-
       höhungen des Mehrwerts über das allgemeine Niveau für den Kapita-
       listen, der  Erfindungen usw.  benutzt, bevor sie verallgemeinert
       sind. Diese Frage muß bejaht werden.
       Die Masse  des Mehrwerts,  die ein Kapital von gegebner Größe er-
       zeugt, ist  das Produkt  zweier Faktoren,  der Rate des Mehrwerts
       multipliziert mit  der Arbeiterzahl,  die zur  gegebnen Rate  be-
       schäftigt wird. Sie hängt also ab bei gegebner Rate des Mehrwerts
       von der  Arbeiterzahl und  bei gegebner Arbeiterzahl von der Rate
       des Mehrwerts,  überhaupt also von dem zusammengesetzten Verhält-
       nis der  absoluten Größe  des variablen Kapitals und der Rate des
       Mehrwerts. Nun  hat sich  gezeigt, daß  im Durchschnitt dieselben
       Ursachen, die die Rate des relativen Mehrwerts erhöhen, die Masse
       der angewandten  Arbeitskraft erniedrigen.  Es ist aber klar, daß
       ein Mehr  oder Minder  hier eintritt, je nach dem bestimmten Ver-
       hältnis, worin  diese gegensätzliche Bewegung sich vollzieht, und
       daß die  Tendenz zur  Verminderung der  Profitrate namentlich ge-
       schwächt wird  durch Erhöhung der Rate des absoluten, aus Verlän-
       gerung des Arbeitstags stammenden Mehrwerts.
       Bei der Profitrate hat sich im allgemeinen gefunden, daß dem Sin-
       ken der  Rate, wegen der steigenden Masse des angewandten Gesamt-
       kapitals, die Zunahme der Profitmasse entspricht. Das gesamte va-
       riable Kapital  der Gesellschaft  betrachtet, ist der von ihm er-
       zeugte Mehrwert  gleich dem erzeugten Profit. Neben der absoluten
       Masse ist  auch die  Rate des Mehrwerts gewachsen; die eine, weil
       die von der Gesellschaft angewandte Masse Arbeitskraft gewachsen,
       die zweite,  weil der  Exploitationsgrad dieser Arbeit gewachsen.
       Aber mit Bezug auf ein Kapital von gegebner Größe, z.B. 100, kann
       die Rate des Mehrwerts wachsen, während die Masse im Durchschnitt
       fällt; weil  die Rate  bestimmt ist  durch das  Verhältnis, worin
       sich der  variable Kapitaltell  verwertet, die  Masse dagegen be-
       stimmt ist durch den Verhältnisteil, den das variable Kapital vom
       Gesamtkapital ausmacht.
       Das Steigen  der Mehrwertsrate  - da es namentlich auch unter Um-
       ständen stattfindet,  wo, wie  oben angeführt,  keine oder  keine
       verhältnismäßige Vermehrung des konstanten Kapitals gegen das va-
       riable stattfindet  - ist ein Faktor, wodurch die Masse des Mehr-
       werts und  daher auch  die Profitrate  mit bestimmt wird. Er hebt
       nicht das  allgemeine Gesetz  auf. Aber er macht, daß es mehr als
       Tendenz wirkt,  d.h. als ein Gesetz, dessen absolute Durchführung
       durch  gegenwirkende  Umstände  aufgehalten,  verlangsamt,  abge-
       schwächt wird. Da aber dieselben Ursachen, die die Rate des Mehr-
       werts erhöhen  (selbst die  Verlängerung der  Arbeitszeit ist ein
       Resultat der großen
       
       #245# 14. Kapitel - Entgegenwirkende Ursachen
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       mein gegebnen  Kapital angewandte  Industrie), dahin streben, die
       von einem  Arbeitskraft zu vermindern, so streben dieselben Ursa-
       chen zur  Verminderung der Profitrate und zur verlangsamten Bewe-
       gung dieser  Verminderung. Wenn  einem Arbeiter die Arbeit aufge-
       zwungen wird,  die rationell nur zwei verrichten können, und wenn
       dies unter  Umständen geschieht,  wo dieser  eine  drei  ersetzen
       kann, so wird der eine soviel Mehrarbeit liefern wie früher zwei,
       und sofern  ist die  Rate des  Mehrwerts gestiegen.  Aber er wird
       nicht soviel liefern wie vorher drei, und damit ist die Masse des
       Mehrwerts gefallen. Ihr Fall ist aber kompensiert oder beschränkt
       durch das Steigen der Rate des Mehrwerts. Wird die gesamte Bevöl-
       kerung zu  gestiegner Rate  des Mehrwerts  beschäftigt, so steigt
       die  Masse  des  Mehrwerts,  obgleich  die  Bevölkerung  dieselbe
       bleibt. Noch  mehr bei  wachsender Bevölkerung; und obgleich dies
       verbunden ist  mit einem  relativen Fall der beschäftigten Arbei-
       terzahl im  Verhältnis zur Größe des Gesamtkapitals, so wird die-
       ser Fall  doch gemäßigt oder aufgehalten durch die gestiegne Rate
       des Mehrwerts.
       Ehe wir  diesen Punkt  verlassen, ist noch einmal zu betonen, daß
       bei gegebner Größe des Kapitals die  R a t e  des Mehrwerts wach-
       sen kann,  obgleich seine  Masse fällt,  und umgekehrt. Die Masse
       des Mehrwerts ist gleich der Rate multipliziert mit der Arbeiter-
       zahl; die  Rate wird  aber nie auf das Gesamtkapital, sondern nur
       auf das  variable Kapital  berechnet, in der Tat nur auf je einen
       Arbeitstag. Dagegen  kann bei gegebner Größe des Kapitalwerts die
       P r o f i t r a t e   nie  steigen  oder  fallen,  ohne  daß  die
       M a s s e  d e s  M e h r w e r t s  ebenfalls steigt oder fällt.

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