Quelle: MEW 25 Das Kapital - Dritter Band
zurück
#251#
-----
FÜNFZEHNTES KAPITEL
Entfaltung der inneren Widersprüche des Gesetzes
I. Allgemeines
Man hat im ersten Abschnitt dieses Buchs gesehn, daß die Pro-
fitrate die Mehrwertsrate stets niedriger ausdrückt als sie ist.
Man hat jetzt gesehn, daß selbst eine steigende Rate des Mehr-
werts die,Tendenz hat, sich in einer fallenden Profitrate auszu-
drücken. Die Profitrate wäre nur gleich der Rate des Mehrwerts,
wenn c = 0, d.h., wenn das Gesamtkapital in Arbeitslohn ausge-
legt. Eine fallende Profitrate drückt nur dann eine fallende Rate
des Mehrwerts aus, wenn das Verhältnis zwischen dem Wert des kon-
stanten Kapitals und der Menge der es in Bewegung setzenden Ar-
beitskraft un. verändert bleibt oder wenn diese letztere, im Ver-
hältnis zum Wert des konstanten Kapitals, gestiegen ist.
Ricardo, unter dem Vorwand die Profitrate zu betrachten, betrach-
tet in der Tat nur die Rate des Mehrwerts und diese nur unter der
Voraussetzung, daß der Arbeitstag intensiv und extensiv eine kon-
stante Größe ist.
Fall der Profitrate und beschleunigte Akkumulation sind insofern
nur verschiedne Ausdrücke desselben Prozesses, als beide die Ent-
wicklung der Produktivkraft ausdrücken. Die Akkumulation ihrer-
seits beschleunigt den Fall der Profitrate, sofern mit ihr die
Konzentration der Arbeiten auf großer Stufenleiter und damit eine
höhere Zusammensetzung des Kapitals gegeben ist. Andrerseits be-
schleunigt der Fall der Profitrate wieder die Konzentration des
Kapitals und seine Zentralisation durch die Enteignung der klei-
nern Kapitalisten, durch die Expropriation des letzten Rests der
un. mittelbaren Produzenten, bei denen noch etwas zu expropriie-
ren ist. Dadurch wird andrerseits die Akkumulation, der Masse
nach, beschleunigt, obgleich mit der Profitrate die Rate der Ak-
kumulation fällt.
Andrerseits, soweit die Rate der Verwertung des Gesamtkapitals,
die Profitrate, der Stachel der kapitalistischen Produktion ist
(wie die Verwertung
#252# III. Abschnitt - Gesetz des tendenziellen Falls...
-----
des Kapitals ihr einziger Zweck), verlangsamt ihr Fall die Bil-
dung neuer selbständiger Kapitale und erscheint so als bedrohlich
für die Entwicklung des kapitalistischen Produktionsprozesses; er
befördert Überproduktion, Spekulation, Krisen, überflüssiges Ka-
pital neben überflüssiger Bevölkerung. Die Ökonomen also, die wie
Ricardo die kapitalistische Produktionsweise für die absolute
halten, fühlen hier, daß diese Produktionsweise sich selbst eine
Schranke schafft, und schieben daher diese Schranke nicht der
Produktion zu, sondern der Natur (in der Lehre von der Rente).
Das Wichtige aber in ihrem Horror vor der fallenden Profitrate
ist das Gefühl, daß die kapitalistische Produktionsweise an der
Entwicklung der Produktivkräfte eine Schranke findet, die nichts
mit der Produktion des Reichtums als solcher zu tun hat; und
diese eigentümliche Schranke bezeugt die Beschränktheit und den
nur historischen, vorübergehenden Charakter der kapitalistischen
Produktionsweise; bezeugt, daß sie keine für die Produktion des
Reichtums absoluteproduktionsweise ist, vielmehr mit seiner For-
tentwicklung auf gewisser Stufe in Konflikt tritt.
Ricardo und seine Schule betrachten allerdings nur den industri-
ellen Profit, worin der Zins eingeschlossen. Aber auch die Rate
der Grundrente hat fallende Tendenz, obgleich ihre absolute Masse
wächst und sie auch proportionell wachsen mag gegen den industri-
ellen Profit. (Siehe Ed. West, der vor Ricardo das Gesetz der
Grundrente entwickelt hat.) Betrachten wir das gesellschaftliche
Gesamtkapital C und setzen wir p1 für den, nach Abzug von Zins
und Grundrente bleibenden industriellen Profit, z für den Zins
und r für die Grundrente, so ist m/C = p/C = (p1+z+r)/C = p1/C +
z/C + r/C. Wir haben gesehn, daß, obwohl im Entwicklungsgang der
kapitalistischen Produktion m, die Gesamtsumme des Mehrwerts,
stetig wächst, dennoch m/C ebenso stetig abnimmt, weil C noch ra-
scher wächst als m. Es ist also durchaus kein Widerspruch, daß
p1, z und r jedes für sich stets wachsen können, während sowohl
m/C = p/C wie p1/C, z/C und r/C und jedes für sich immer klei-
ner werden, oder daß p1 gegen z, oder r gegen p1, oder auch gegen
p1 und z relativ wächst. Bei steigendem Gesamtmehrwert oder Pro-
fit m = p, aber gleichzeitig fallender Profitrate m/C = p/C kann
das Größenverhältnis der Teile p1, z und r, worin m = p zerfällt,
innerhalb der durch die Gesamtsumme in gegebnen Grenzen beliebig
wechseln, ohne daß dadurch die Größe von m oder m/C affiziert
wird.
#253# 15. Kapitel - Entfaltung der innern Widersprüche...
-----
Die wechselseitige Variation von p1, z und r ist bloß verschiedne
Verteilung von m unter verschiedne Rubriken. Es kann daher auch
p1/C, z/C oder r/C, die Rate des individuellen industriellen Pro-
fits, die Zinsrate und das Verhältnis der Rente zum Gesamtkapital
je eins gegen das andre steigen, obgleich m/C, die allgemeine
Profitrate, fällt; Bedingung bleibt nur, daß die Summe aller drei
= m/C. Fällt die Profitrate von 50% auf 25%, wenn z.B. die Kapi-
talzusammensetzung, bei einer Mehrwertsrate = 100%, sich von 50c
+ 50v auf 75c + 25v verändert, so wird im ersten Fall ein Kapital
von 1000 einen Profit von 500 und im zweiten ein Kapital von 4000
einen Profit von 1000 geben. m oder p hat sich verdoppelt, aber
p' ist um die Hälfte gefallen. Und wenn von den 50% früher 20
Profit, 10 Zins, 20 Rente, so betrug p1/C = 20%, z/C = 10%, r/C =
20% Blieben bei Verwandlung in 25% die Verhältnisse dieselben, so
p1/C = 10%, z/C = 5 und r/C = 10%.
Fiele dagegen p1/C nunauf 8% und z/C auf 4%, so stiege r/C auf
13%. Die proportionelle Größe von r wäre gestiegen gegen p1 und
z, aber dennoch wäre p' gleichgeblieben. Unter beiden Vorausset-
zungen wäre die Summe von p1, z und r gestiegen, da sie vermit-
telst eines viermal größeren Kapitals produziert wird. Übrigens
ist Ricardos Voraussetzung, daß ursprünglich der industrielle
Profit (plus Zins) den ganzen Mehrwert einsteckt, historisch und
begrifflich falsch. Es ist vielmehr nur der Fortschritt der kapi-
talistischen Produktion, der 1. den industriellen und kommerziel-
len Kapitalisten den ganzen Profit erster Hand zur spätern Ver-
teilung gibt und 2. die Rente auf den Überschuß über den Profit
reduziert. Auf dieser kapitalistischen Basis wächst dann wieder
die Rente, die ein Teil des Profits (d.h. des Mehrwerts als Pro-
dukt des Gesamtkapitals betrachtet) ist, aber nicht der spezifi-
sche Teil des Produkts, den der Kapitalist einsteckt.
Die Schöpfung von Mehrwert findet, die nötigen Produktionsmittel,
d.h. hinreichende Akkumulation von Kapital vorausgesetzt, keine
andre Schranke als die Arbeiterbevölkerung, wenn die Rate des
Mehrwerts, also der Exploitationsgrad der Arbeit, und keine andre
Schranke als den Ex ploitationsgrad der Arbeit, wenn die Arbei-
terbevölkerung gegeben ist. Und der kapitalistische Produktions-
prozeß besteht wesentlich in der Produktion von Mehrwert, darge-
stellt in dem Mehrprodukt oder dem aliquoten Teil der produzier-
ten Waren, worin unbezahlte Arbeit vergegenständlicht ist. Man
muß es nie vergessen, daß die Produktion dieses Mehrwerts - und
#254# III. Abschnitt - Gesetz des tendenziellen Falls...
-----
die Rückverwandlung eines Teils desselben in Kapital, oder die
Akkumulation, bildet einen integrierenden Teil dieserproduktion
des Mehrwertsder unmittelbare Zweck und das bestimmende Motiv der
kapitalistischen Produktion ist. Man darf diese daher nie dar-
stellen als das, was sie nicht ist, nämlich als Produktion, die
zu ihrem unmittelbaren Zweck den Genuß hat oder die Erzeugung von
Genußmitteln für den Kapitalisten. Man sieht dabei ganz ab von
ihrem spezifischen Charakter, der sich in ihrer ganzen innern
Kerngestalt darstellt. Die Gewinnung dieses Mehrwerts bildet den
unmittelbaren Produktionsprozeß, der wie gesagt keine andren
Schranken als die oben angegebnen hat. Sobald das auspreßbare
Quantum Mehrarbeit in Waren vergegenstäiidlicht ist, ist der
Mehrwert produziert. Aber mit dieser Produktion des Mehrwerts ist
nur der erste Akt des kapitalistischen Produktionsprozesses, der
unmittelbare Produktionsprozeß beendet. Das Kapital hat soundso-
viel un. bezahlte Arbeit eingesaugt. Mit der Entwicklung des Pro-
zesses, der sich im Fall der Profitrate ausdrückt, schwillt die
Masse des so produzierten Mehrwerts ins Ungeheure. Nun kommt der
zweite Akt des Prozesses. Die gesamte Warenmasse, das Gesamtpro-
dukt, sowohl der Teil, der das konstante und variable Kapital er-
setzt, wie der den Mehrwert darstellt, muß verkauft werden. Ge-
schieht das nicht oder nur zum Teil oder nur zu Preisen, die un-
ter den Produktionspreisen stehn, so ist der Arbeiter zwar ex-
ploitiert, aber seine Exploitation realisiert sich nicht als sol-
che für den Kapitalisten, kann mit gar keiner oder nur teilweiser
Realisation des abgepreßten Mehrwerts, ja mit teilweisem oder
ganzem Verlust seines Kapitals verbunden sein. Die Bedingungen
der unmittelbaren Exploitation und die ihrer Realisation sind
nicht identisch. Sie fallen nicht nur nach Zeit und Ort, sondern
auch begrifflich auseinander. Die einen sind nur beschränkt durch
die Produktivkraft der Gesellschaft, die andren durch die Propor-
tionalität der verschiednen Produktionszweige und durch die Kon-
sumtionskraft der Gesellschaft. Diese letztre ist aber bestimmt
weder durch die absolute Produktionskraft noch durch die absolute
Konsumtionskraft; sondern durch die Konsumtionskraft auf Basis
antagonistischer Distributionsverhältnisse, welche die Konsumtion
der großen Masse der Gesellschaft auf ein nur innerhalb mehr oder
minder enger Grenzen veränderliches Minimum reduziert. Sie ist
ferner beschränkt durch den Akkumulationstrieb, den Trieb nach
Vergrößerung des Kapitals und nach Produktion von Mehrwert auf
erweiterter Stufenleiter. Dies ist Gesetz für die kapitalistische
Produktion, gegeben durch die beständigen Revolutionen in den
Produktionsmethoden selbst, die damit beständig verknüpfte Ent-
wertung von vorhandnem Kapital,
#255# 15.Kapitel - Entfaltung der innern Widersprüche...
-----
den allgemeinen Konkurrenzkampf und die Notwendigkeit, die Pro-
duktion zu verbessern und ihre Stufenleiter auszudehnen, bloß als
Erhaltungsmittel und bei Strafe des Untergangs. Der Markt muß da-
her beständig ausgedehnt werden, so daß seine Zusammenhänge und
die sie regelnden Bedingungen immer mehr die Gestalt eines von
den Produzenten unabhängigen Naturgesetzes annehmen, immer unkon-
trollierbarer werden. Der innere Widerspruch sucht sich aus-
zugleichen durch Ausdehnung des äußern Feldes der Produktion. Je
mehr sich aber die Produktivkraft entwickelt, um so mehr gerät
sie in Widerstreit mit der engen Basis, worauf die Konsumtions-
verhältnisse beruhen. Es ist auf dieser widerspruchsvollen Basis
durchaus kein Widerspruch, daß Übermaß von Kapital verbunden ist
mit wachsendem Übermaß von Bevölkerung; denn obgleich, beide zu-
sammengebracht, die Masse des produzierten Mehrwerts sich steigem
würde, steigert sich eben damit der Widerspruch zwischen den Be-
dingungen, worin dieser Mehrwert produziert, und den Bedingungen,
worin er realisiert wird.
Eine bestimmte Profitrate gegeben, hängt die Masse des Profits
stets ab von der Größe des vorgeschoßnen Kapitals. Die Akkumula-
tion aber ist dann bestimmt durch den Teil dieser Masse, der in
Kapital rückverwandelt wird. Dieser Teil aber, da er gleich dem
Profit minus der von den Kapitalisten verzehrten Revenue, wird
nicht nur abhängen von dem Wert dieser Masse, sondern auch von
der Wohlfeilheit der Waren, die der Kapitalist damit kaufen kann;
der Waren, teils die in seinen Konsum, seine Revenue, teils die
in sein konstantes Kapital eingehn. (Der Arbeitslohn ist hier als
gegeben vorausgesetzt.)
Die Masse des Kapitals, die der Arbeiter in Bewegung setzt und
deren Wert er durch seine Arbeit erhält und im Produkt wiederer-
scheinen macht, ist durchaus verschieden von dem Wert, den er zu-
setzt. Ist die Masse des Kapitals = 1000 und die zugesetzte Ar-
beit = 100, so das reproduzierte Kapital = 1 100. Ist die Masse =
100 und die zugesetzte Arbeit = 20, so das reproduzierte Kapital
= 120. Die Profitrate ist im ersten Fall = 10%, im zweiten = 20%.
Und dennoch kann aus 100 mehr akkumuliert werden als aus 20. Und
so wälzt sich der Strom des Kapitals fort (abgesehn von seiner
Entwertung durch Steigerung der Produktivkraft) oder seine Akku-
mulation im Verhältnis der Wucht, die es schon besitzt, nicht im
Verhältnis zur Höhe der Profitrate. Hohe Profitrate, soweit sie
auf hoher Mehrwertsrate beruht, ist möglich, wenn der Arbeitstag
sehr lang, obgleich die Arbeit unproduktiv ist; sie ist möglich,
weil die Bedürfnisse der Arbeiter sehr gering, darum der Durch-
schnittalohn sehr niedrig, obgleich die Arbeit
#256# III. Abschnitt - Gesetz des tendenziellen Falls...
-----
unproduktiv. Der Niedrigkeit des Lohns wird die Energielosigkeit
der Arbeiter entsprechen. Das Kapital akkumuliert dabei langsam,
trotz der hohen Profitrate. Die Bevölkerung ist stagnant, und die
Arbeitszeit, die das Produkt kostet, ist groß, obgleich der dem
Arbeiter bezahlte Lohn klein ist.
Die Profitrate fällt, nicht weil der Arbeiter weniger exploitiert
wird, sondern weil im Verhältnis zum angewandten Kapital über-
haupt weniger Arbeit angewandt wird.
Fällt, wie gezeigt, sinkende Profitrate zusammen mit Steigen der
Profitmasse, so wird ein größrer Teil des jährlichen Produkts der
Arbeit vorn Kapitalisten unter der Kategorie Kapital angeeignet
(als Ersatz von verbrauchtem Kapital) und ein verhältnismäßig ge-
ringrer unter der Kategorie Profit. Daher die Phantasie des Pfaf-
fen Chalmers [40], daß je geringre Masse des jährlichen Produkts
die Kapitalisten als Kapital verausgaben, sie um so größre Pro-
fite schlucken; wobei ihnen dann die Staatskirche zu Hilfe kommt,
um für die Verzehrung, statt Kapitalisierung eines großen Teils
des Mehrprodukts zu sorgen. Der Pfaff verwechselt Ursache und
Wirkung. Übrigens wächst ja die Masse des Profits, auch bei klei-
nerer Rate, mit der Größe des ausgelegten Kapitals. Dies bedingt
jedoch zugleich Konzentration des Kapitals, da jetzt die Produk-
tionsbedingungen die Anwendung von massenhaftem Kapital gebieten.
Es bedingt ebenso dessen Zentralisation, d.h. Verschlucken der
kleinen Kapitalisten durch die großen und Entkapitalisierung der
erstern. Es ist wieder nur in einer zweiten Potenz die Scheidung
der Arbeitsbedingungen von den Produzenten, zu denen diese klei-
nern Kapitalisten noch gehören, da bei ihnen die eigne Arbeit
noch eine Rolle spielt; die Arbeit des Kapitalisten steht über-
haupt im umgekehrten Verhältnis zur Größe seines Kapitals, d.h.
zum Grad, worin er Kapitalist. Es ist diese Scheidung zwischen
Arbeitsbedingungen hier und Produzenten dort, die den Begriff des
Kapitals bildet, die mit der ursprünglichen Akkumulation (Buch I,
Kap. XXIV) sich eröffnet, dann als beständiger Prozeß in der Ak-
kumulation und Konzentration des Kapitals erscheint und hier end-
lich sich als Zentralisation schon vorhandner Kapitale in wenigen
Händen und Entkapitalisierung (dahin verändert sich nun die Ex-
propriation) vieler ausdrückt. Dieser Prozeß würde bald die kapi-
talistische Produktion zum Zusammenbruch bringen, wenn nicht wi-
derstrebende Tendenzen beständig wieder dezentralisierend neben
der zentripetalen Kraft wirkten.
zurück