Quelle: MEW 25 Das Kapital - Dritter Band
zurück
#335#
-----
ZWANZIGSTES KAPITEL
Geschichtliches über das Kaufmannskapital
Die besondre Form der Geldakkumulation des Warenhandlungs- und
Geldhandlungskapitals wird erst im nächsten Abschnitt betrachtet.
Aus dem bisher Entwickelten ergibt sich von selbst, daß nichts
abgeschmackter sein kann, als das Kaufmannskapital, sei es in der
Form des Warenhandlungskapitals, sei es in der des Geldhandlungs-
kapitals, als eine besondre Art des industriellen Kapitals zu be-
trachten, ähnlich wie etwa Bergbau, Ackerbau, Viehzucht, Manufak-
tur, Transportindustrie etc., durch die gesellschaftliche Teilung
der Arbeit gegebne Abzweigungen und daher besondre Anlagesphären
des industriellen Kapitals bilden. Schon die einfache Beobach-
tung, daß jedes industrielle Kapital, während es sich in der Zir-
kulationsphase seines Reproduktionsprozesses befindet, als Waren-
kapital und Geldkapital ganz dieselben Funktionen verrichtet, die
als ausschließliche Funktionen des kaufmännischen Kapitals in
seinen beiden Formen erscheinen, müßte diese rohe Auffassung un-
möglich machen. Im Warenhandlungskapital und Geldhandlungskapital
sind umgekehrt die Unterschiede zwischen dem industriellen Kapi-
tal als produktivem und demselben Kapital in der Zirkulations-
sphäre dadurch verselbständigt, daß die bestimmten Formen und
Funktionen, die das Kapital hier zeitweilig annimmt, als selb-
ständige Formen und Funktionen eines abgelösten Teils des Kapi-
tals erscheinen und ausschließlich darin eingepfercht sind. Ver-
wandelte Form des industriellen Kapitals und stoffliche, aus der
Natur der verschiednen Industriezweige hervorgehende Unterschiede
zwischen produktiven Kapitalen in verschiednen Produktionsanlagen
sind himmelweit verschieden.
Außer der Brutalität, womit der Ökonom überhaupt die Formunter-
schiede betrachtet, die ihn in der Tat nur nach der stofflichen
Seite interessieren, liegt bei dem Vulgärökonomen dieser Ver-
wechslung noch zweierlei zugrunde. Erstens seine Unfähigkeit, den
merkantilen Profit in seiner
#336# IV. Abschnitt - Das kaufmännische Kapital
-----
Eigentümlichkeit zu erklären; zweitens sein apologetisches Be-
streben, die aus der spezifischen Form der kapitalistischen Pro-
duktionsweise - die vor allem Warenzirkulation, und daher Geld-
zirkulation, als ihre Basis voraus. setzt - hervorgehenden Formen
von Warenkapital und Geldkapital, und weiterhin von Warenhand-
lungs- und Geldhandlungskapital, als aus dem Produktionsprozeß
als solchem notwendig hervorgehende Gestalten abzuleiten.
Wenn Warenhandlungskapital und Geldhandlungskapital sich nicht
anders von Getreidebau unterscheiden, wie dieser von Viehzucht
und Manufaktur, so ist sonnenklar, daß Produktion und kapitali-
stische Produktion überhaupt identisch sind und daß namentlich
auch die Verteilung der gesellschaftlichen Produkte unter die
Mitglieder der Gesellschaft, sei es zur produktiven oder zur in-
dividuellen Konsumtion, ebenso ewig durch Kaufleute und Bankiers
vermittelt werden muß, wie der Genuß von Fleisch durch Viehzucht
und der von Kleidungsstücken durch deren Fabrikation. 45
Die großen Ökonomen wie Smith, Ricardo etc., da sie die Grundform
des Kapitals betrachten, das Kapital als industrielles Kapital,
und das Zirkulationskapital (Geld- und Warenkapital) tatsächlich
nur, soweit es selbst eine Phase im Reproduktionsprozeß jedes Ka-
pitals, sind in Verlegenheit mit dem merkantilen Kapital als ei-
ner eignen Sorte. Die aus der Betrachtung des industriellen Kapi-
tals unmittelbar abgeleiteten Sätze über Wertbildung, Profit etc.
passen nicht direkt auf das Kaufmannskapital. Sie lassen dies da-
her in der Tat ganz beiseite liegen und erwähnen es nur als eine
Art des industriellen Kapitals. Wo sie im besondren davon han-
deln,
---
45) Der weise Roscher [44] hat ausgeklügelt, daß, wenn Gewisse
den Handel als "Vermittlung" zwischen Produzenten und Konsumenten
charakterisieren, man ebensogut die Produktion selbst als
"Vermittlung" der Konsumtion (zwischen wem?) charakterisieren
könne, woraus natürlich folgt, daß das Handelskapital ein Teil
des produktiven Kapitals ist wie Ackerbau- und Industriekapital.
Weil man also sagen kann, daß der Mensch nur durch die Produktion
seine Konsumtion vermitteln kann (dies muß er tun selbst ohne
Leipziger Bildung) oder daß die Arbeit nötig ist zur Aneignung
der Natur (was man "Vermittlung" nennen kann), so folgt daraus
natürlich, daß eine aus einer spezifischen gesellschaftlichen
Form der Produktion hervorgehende gesellschaftliche "Vermittlung"
- w e i l Vermittlung - denselben absoluten Charakter der Not-
wendigkeit hat, denselben Rang. Das Wort Vermittlung entscheidet
alles. Übrigens sind die Kaufleute ja nicht Vermittler zwischen
Produzenten und Konsumenten (die letztren in der Scheidung von
den erstren, die Konsumenten, die nicht produzieren, zunächst au-
ßer acht gelassen), sondern des Austausches der Produkte dieser
Produzenten untereinander, sind nur die Zwischenpersonen eines
Austausches, der immer in tausend Fällen ohne sie vorgeht.
#337# 20. Kapitel - Geschichtliches über das Kaufmannskapital
-----
wie Ricardo beim auswärtigen Handel, suchen sie nachzuweisen, daß
es keinen Wert schafft (folglich auch keinen Mehrwert). Aber was
vom auswärtigen Handel, gilt vom inländischen.
---
Wir haben bisher das Kaufmannskapital vom Standpunkt und inner-
halb der Grenzen der kapitalistischen Produktionsweise betrach-
tet. Nicht nur der Handel, sondern auch das Handelskapital ist
aber älter als die kapitalistische Produktionsweise, ist in der
Tat die historisch älteste freie Existenzweise des Kapitals.
Da man bereits gesehn, daß der Geldhandel und das darin vorge-
schoßne Kapital zu seiner Entwicklung nichts bedarf als die Exi-
stenz des Großhandels, weiter des Warenhandlungskapitals, so ist
es nur das letztre, womit wir uns hier zu befassen haben.
Weil das Handlungskapital eingepfercht ist in die Zirkulations-
sphäre und seine Funktion ausschließlich darin besteht, den Wa-
renaustausch zu vermitteln, so sind zu seiner Existenz - abgesehn
von unentwickelten Formen, die aus dem unmittelbaren Tauschhandel
entspringen - keine andren Bedingungen nötig als zur einfachen
Waren- und Geldzirkulation. Oder die letztre ist vielmehr seine
Existenzbedingung. Auf Basis welcher Produktionsweise auch immer
die Produkte produziert wurden, die als Waren in die Zirkulation
eingehn - ob auf Basis des urwüchsigen Gemeinwesens oder der
Sklavenproduktion oder der kleinbäuerlichen und kleinbürgerlichen
oder der kapitalistischen -, es ändert dies nichts an ihrem Cha-
rakter als Waren, und als Waren haben sie den Austauschprozeß und
die ihn begleitenden Formveränderungen durchzumachen. Die Ex-
treme, zwischen denen das Kaufmannskapital vermittelt, sind gege-
ben für es, ganz wie sie gegeben sind für das Geld und für die
Bewegung des Geldes. Das einzig Nötige ist, daß diese Extreme als
Waren vorhanden sind, ob nun die Produktion ihrem ganzen Umfang
nach Warenproduktion ist, oder ob bloß der Oberschuß der selbst-
wirtschaftenden Produzenten über ihre, durch ihre Produktion be-
friedigten, unmittelbaren Bedürfnisse auf den Markt geworfen
sind. Das Kaufmannskapital vermittelt nur die Bewegung dieser Ex-
treme, der Waren, als ihm gegebner Voraussetzungen.
Der Umfang, worin die Produktion in den Handel eingeht, durch die
Hände der Kaufleute geht, hängt ab von der Produktionsweise und
erreicht sein Maximum in der vollen Entwicklung der kapitalisti-
schen Produktion, wo das Produkt nur noch als Ware, nicht als un-
mittelbares Subsistenzmittel
#338# IV. Abschnitt - Das kaufmännische Kapital
-----
produziert wird. Andrerseits, auf der Basis jeder Produktions-
weise, befördert der Handel die Erzeugung von überschüssigem Pro-
dukt, bestimmt, in den Austausch einzugehn, um die Genüsse oder
die Schätze der Produzenten (worunter hier die Eigner der Pro-
dukte zu verstehn sind) zu vermehren; gibt also der Produktion
einen mehr und mehr auf den Tauschwert gerichteten Charakter.
Die Metamorphose der Waren, ihre Bewegung, besteht 1. - stofflich
aus dem Austausch verschiedner Waren gegeneinander, 2. formell
aus Verwandlung der Ware in Geld, Verkaufen, und Verwandlung des
Geldes in Ware, Kaufen. Und in diese Funktionen, Austauschen von
Waren durch Kauf und Verkauf, löst sich die Funktion des Kauf-
mannskapitals auf. Es vermittelt also bloß den Warenaustausch,
der indessen von vornherein nicht bloß als Warenaustausch zwi-
schen den unmittelbaren Produzenten zu fassen ist. Beim Sklaven-
verhältnis, Leibeignenverhältnis, Tributverhältnis (soweit primi-
tive Gemeinwesen in Betracht kommen) ist es der Sklavenhalter,
der Feudalherr, der Tribut empfangende Staat, welcher Eigner,
also Verkäufer des Produkts ist. Der Kaufmann kauft und verkauft
für viele. In seiner Hand konzentrieren sich Käufe und Verkäufe,
wodurch Kauf und Verkauf aufhört, an das unmittelbare Bedürfnis
des Käufers (als Kaufmann) gebunden zu sein.
Welches aber immer die gesellschaftliche Organisation der Produk-
tionssphären, deren Warenaustausch der Kaufmann vermittelt, sein
Vermögen existiert immer als Geldvermögen und sein Geld fungiert
stets als Kapital. Seine Form ist stets G-W-G'; Geld, die selb-
ständige Form des Tauschwerts, der Ausgangspunkt, und Vermehrung
des Tauschwerts der selbständige Zweck. Der Warenaustausch selbst
und die ihn vermittelnden Operationen - getrennt von der Produk-
tion und vollzogen vom Nichtproduzenten - als bloßes Mittel der
Vermehrung, nicht nur des Reichtums, sondern des Reichtums in
seiner allgemeinen gesellschaftlichen Form, als Tauschwert. Das
treibende Motiv und der bestimmende Zweck ist, G zu verwandeln in
G + delta G; die Akte G-W und W-G', die den Akt G-G' vermitteln,
erscheinen bloß als Übergangsmomente dieser Verwandlung von G in
G + delta G. Dies G-W-G' als charakteristische Bewegung des Kauf-
mannskapitals unterscheidet es von W-G-W, dem Warenhandel zwi-
schen den Produzenten selbst, der auf den Austausch von Ge-
brauchswerten als letzten Zweck gerichtet ist.
Je unentwickelter die Produktion, um so mehr wird sich daher das
Geldvermögen konzentrieren in den Händen der Kaufleute oder als
spezifische Form des Kaufmannsvermögens erscheinen.
#339# 20. Kapitel - Geschichtliches über das Kaufmannskapital
-----
Innerhalb der kapitalistischen Produktionsweise - d.h. sobald
sich das Kapital der Produktion selbst bemächtigt und ihr eine
ganz veränderte und spezifische Form gegeben hat - erscheint das
Kaufmannskapital nur als Kapital in einer besondren Funktion. In
allen frühern Produktionsweisen, und um so mehr, je mehr die Pro-
duktion unmittelbar Produktion der Lebensmittel des Produzenten
ist, erscheint Kaufmannskapital zu sein als die Funktion par ex-
cellence des Kapitals.
Es macht also nicht die geringste Schwierigkeit einzusehn, warum
das Kaufmannskapital als historische Form des Kapitals erscheint,
lange bevor das Kapital sich die Produktion selbst unterworfen
hat. Seine Existenz und Entwicklung zu einer gewissen Höhe ist
selbst historische Voraussetzung für die Entwicklung der kapita-
listischen Produktionsweise, 1. als Vorbedingung der Konzentra-
tion von Geldvermögen, und 2. weil die kapitalistische Produkti-
onsweise Produktion für den Handel voraussetzt, Absatz im großen
und nicht an den einzelnen Kunden, also auch einen Kaufmann, der
nicht zur Befriedigung seines persönlichen Bedürfnisses kauft,
sondern die Kaufakte vieler in seinem Kaufakt konzentriert.
Andrerseits wirkt alle Entwicklung des Kaufmannskapitals darauf
hin, der Produktion einen mehr und mehr auf den Tauschwert ge-
richteten Charakter zu geben, die Produkte mehr und mehr in Waren
zu verwandeln. Doch ist seine Entwicklung, für sich genommen, wie
wir gleich unten noch weiter sehn werden, unzureichend, um den
Übergang einer Produktionsweise in die andre zu vermitteln und zu
erklären.
Innerhalb der kapitalistischen Produktion wird das Kaufmannskapi-
tal von seiner frühern selbständigen Existenz herabgesetzt zu ei-
nem besondere Moment der Kapitalanlage überhaupt, und die Aus-
gleichung der Profite reduziert seine Profitrate auf den allge-
meinen Durchschnitt. Es fungiert nur noch als der Agent des pro-
duktiven Kapitals. Die mit der Entwicklung des Kaufmannskapitals
sich bildenden besondern Gesellschaftszustände sind hier nicht
mehr bestimmend; im Gegenteil, wo es vorherrscht, herrschen ver-
altete Zustände. Dies gilt sogar innerhalb desselben Landes, wo
z.B. die reinen Handelsstädte ganz andre Analogien mit vergangnen
Zuständen bilden als die Fabrikstädte. 46)
---
46)Herr Wesselbach ("Der Gang des Welthandels im Mittelalter",
1860) lebt in der Tat immer noch in den Vorstellungen einer Welt,
worin das Kaufmannskapital die Form des Kapitals überhaupt ist.
Von dem modernen Sinn des Kapitals hat er nicht die geringste Ah-
nung, sowenig wie Herr Mommsen, wenn er in seiner "Römischen Ge-
chichte" von "Kapital" spricht und von Herrschaft des Kapitals.
In der modernen
#340# IV. Abschnitt - Das kaufmännische Kapital
-----
Selbständige und vorwiegende Entwicklung des Kapitals als Kauf-
mann,kapital ist gleichbedeutend mitnichtunterwerfung der Produk-
tion unter das Kapital, also mit Entwicklung des Kapitals auf
Grundlage einer ihm fremden und von ihm unabhängigen gesell-
schaftlichen Form der Produktion. Die selbständige Entwicklung
des Kaufmannskapitals steht also im umgekehrten Verhältnis zur
allgemeinen ökonomischen Entwicklung der Gesellschaft.
Das selbständige Kaufmannsvermögen, als herrschende Form des Ka-
pitals, ist die Verselbständigung des Zirkulationsprozesses gegen
seine Extreme, und diese Extreme sind die austauschenden Produ-
zenten selbst. Diese Extreme bleiben selbständig gegen den Zirku-
lationsprozeß, und dieser Prozeß gegen sie. Das Produkt wird hier
Ware durch den Handel. Es ist der Handel, der hier die Gestaltung
der Produkte zu Waren entwickelt; es ist nicht die produzierte
Ware, deren Bewegung den Handel bildet. Kapital als Kapital tritt
hier also zuerst im Zirkulationsprozeß auf. Im Zirkulationsprozeß
entwickelt sich das Geld zu Kapital. In der Zirkulation entwic-
kelt sich das Produkt zuerst als Tauschwert, als Ware und Geld.
Das Kapital kann sich im Zirkulationsprozeß bilden und muß sich
in ihm bilden, bevor es seine Extreme beherrschen lernt, die ver-
schiednen Produktionssphären, zwischen denen die Zirkulation vet-
telt. Geld- und Warenzirkulation können Produktionssphären der
verschiedensten Organisationen vermitteln, die ihrer innern
Struktur nach noch hauptsächlich auf Produktion des Gebrauchs-
werts gerichtet sind. Diese Verselbständigung des Zirkulations-
prozesses, worin die Produktionssphären untereinander verbunden
werden durch ein Drittes, drückt Doppeltes aus. Einerseits, daß
die Zirkulation sich noch nicht der Produktion bemächtigt hat,
sondern sich zu ihr als gegebner Voraussetzung verhält. Andrer-
seits, daß der Produktionsprozeß die Zirkulation noch nicht als
bloßes Moment in sich aufgenommen hat. In der kapitalistischen
Produktion dagegen ist beides der Fall. Der Produktionsprozeß be-
ruht ganz auf der Zirkulation, und die Zirkulation ist ein bloßes
Moment, eine Durchgangsphase der Produktion, bloß die Realisie-
rung des als Ware produzierten Produkts und der Ersatz seiner als
Waren produzierten Produktionselemente. Die unmittelbar aus der
Zirkulation stammende Form des Kapitals - das Handelskapital -
er-
---
englischen Geschichte erscheint der eigentliche Handelsnd und die
Handelsstädte auch politisch reaktionär und im Bund mit der
Grundaristokratie und Finanzaristo, kratie gegen das industrielle
Kapitalvergleiche z.B. die politische Rolle von Liverpool gegen-
über Manchester und Birmingham. Die vollständige Herrschaft des
industriellen Kapitals ist erst seit Aufhebung der Kornzölle [17]
etc. vom englischen Kaufmannskapital und von der Finanzaristokra-
tie (moneyed interest) anerkannt.
#341# 20. Kapitel - Geschichtliches über das Kaufmannskapital
-----
scheint hier nur noch als eine der Formen des Kapitals in seiner
Reproduktionsbewegung.
Das Gesetz, daß die selbständige Entwicklung des Kaufmannskapi-
tals im umgekehrten Verhältnis steht zum Entwicklungsgrad der ka-
pitalistischen Produktion, erscheint am meisten in der Geschichte
des Zwischenhandels (carrying trade), wie bei Venezianern, Genue-
sern, Holländern etc., wo also der Hauptgewinn gemacht wird nicht
durch Ausfuhr der eignen Landesprodukte, sondern durch Vermitt-
lung des Austausches der Produkte kommerziell und sonst ökono-
misch unentwickelter Gemeinwesen und durch Exploitation beider
Produktionsländer. 47) Hier ist das Kaufmannskapital rein, abge-
trennt von den Extremen, den Produktionssphären, zwischen denen
es vermittelt. Es ist die seine Hauptquelle seiner Bildung. Aber
dies Monopol des Zwischenhandels verfällt, und damit dieser Han-
del selbst, im selben Verhältnis wie die ökonomische Entwicklung
der Völker fortschreitet, die es beiderseits exploitierte und de-
ren Unentwickeltheit seine Existenzbasis war. Beim Zwischenhandel
erscheint dies nicht nur als Verfall eines besondren Handels-
zweigs, sondern auch als Verfall des Übergewichts reiner Handels-
völker und ihres kommerziellen Reichtums überhaupt, der auf der
Basis dieses Zwischenhandels beruhte. Es ist dies nur eine beson-
dre Form, worin die Unterordnung des kommerziellen Kapitals unter
das industrielle im Fortschritt der Entwicklung der kapitalisti-
schen Produktion sich ausdrückt. Von der Art und Weise übrigens,
wie das Kaufmannskapital da wirtschaftet, wo es direkt die Pro-
duktion beherrscht, bietet schlagendes Exempel nicht nur die Ko-
lonialwirtschaft überhaupt (das sog. Kolonialsystem), sondern
ganz speziell die Wirtschaft der alten Holländisch-Ostindischen
Kompanie. [42]
Da die Bewegung des kaufmännischen Kapitals G-W-G' ist, so wird
der Profit des Kaufmanns erstens gemacht durch Akte, die nur in-
nerhalb des Zirkulationsprozesses vorgehn, also gemacht in den
zwei Akten des
---
47) "Die Bewohner der Handelsstädte führten aus reichern Ländern
verfeinerte Manufakturwaren und kostspielige Luxusartikel ein und
boten so der Eitelkeit der großen Grundeigentümer Nahrung, die
diese Waren begierig kauften und große Mengen vom Rohprodukt ih-
rer Ländereien dafür zahlten. So bestand der Handel eines großen
Teils von Europa in dieser Zeit im Austausch des Rohprodukts ei-
nes Landes gegen die Manufakturprodukte eines in der Industrie
fortgeschrittnern Landes... Sobald dieser Geschmack sich verall-
gemeinerte und eine bedeutende Nachfrage veranlaßte, fingen die
Kaufleute an, um die Frachtkosten zu sparen, ähnliche Manufaktu-
ren in ihrem eignen Lande anzulegen." (A. Smith, ["Wealth of Na-
tions", Aberdeen, London 1848] Book III, chap. III [p. 267].)
#342# IV. Abschnitt - Das kaufmännische Kapital
-----
Kaufs und Verkaufs; und zweitens wird er realisiert im letzten
Akt, dem Verkauf. Es ist also Veräußerungsprofit, profit upon
alienation [38]. Prima facie erscheint der reine, unabhängige
Handelsprofit unmöglich, solang, Produkte zu ihren Werten ver-
kauft werden. Wohlfeil kaufen, um teuer zu verkaufen, ist das Ge-
setz des Handels. Also nicht der Austausch von Äquivalenten. Der
Begriff des Werts ist insofern darin eingeschlossen, als die ver-
schiednen Waren alle Wert und darum Geld sind; der Qualität nach
gleichmäßig Ausdrücke der gesellschaftlichen Arbeit. Aber sie
sind nicht gleiche Wertgrößen. Das quantitative Verhältnis, worin
sich Produkte austauschen, ist zunächst ganz zufällig. Sie nehmen
sofern Warenform an, daß sie überhaupt Austauschbare, d.h. Aus-
drücke desselben Dritten sind. Der fortgesetzte Austausch und die
regelmäßigere Reproduktion für den Austausch hebt diese Zufällig-
keit mehr und mehr auf. Zunächst aber nicht für die Produzenten
und Konsumenten, sondern für den Vermittler zwischen beiden, den
Kaufmann, der die Geldpreise vergleicht und die Differenz ein-
steckt. Durch seine Bewegung selbst setzt er die Äquivalenz.
Das Handelskapital ist im Anfang bloß die vermittelnde Bewegung
zwischen Extremen, die es nicht beherrscht, und Voraussetzungen,
die es nicht schafft.
Wie aus der bloßen Form der Warenzirkulation, W-G-W, Geld nicht
nur als Wertmaß und Zirkulationsmittel, sondern als absolute Form
der Ware und danüt des Reichtums, als Schatz hervorgeht und sein
Beisichbleiben und Anwachsen als Geld zum Selbstzweck wird, so
geht aus der bloßen Zirkulationsform des Kaufmannskapitals, G-W-
G', das Geld, der Schatz, hervor als etwas, das sich durch bloße
Veräußerung erhält und vermehrt.
Die Handelsvölker der Alten existierten wie die Götter des Epikur
[45] in den Intermundien der Welt oder vielmehr wie die Juden in
den Poren der polnischen Gesellschaft. Der Handel der ersten
selbständigen, großartig entwickelten Handelsstädte und Handels-
völker beruhte als reiner Zwischenhandel auf der Barbarei der
produzierenden Völker, zwischen denen sie die Vermittler spiel-
ten.
In den Vorstufen der kapitalistischen Gesellschaft beherrscht der
Handel die Industrie; in der modernen Gesellschaft umgekehrt. Der
Handel wird natürlich mehr oder weniger zurückwirken auf die Ge-
meinwesen, zwischen denen er getrieben wird; er wird die Produk-
tion mehr und mehr dem Tauschwert unterwerfen, indem er Genüsse
und Subsistenz mehr abhän macht vom Verkauf als vom unmittelbaren
Gebrauch des Produkts. Er löst dadurch die alten Verhältnisse
auf. Er vermehrt die Geldzirkulation.
#343# 20. Kapitel - Geschichtliches über das Kaufmannskapital
-----
Er ergreift nicht mehr bloß den Überschuß der Produktion, sondern
frißt nach und nach diese selbst an und macht ganze Produktions-
zweige von sich abhängig. Indes hängt diese auflösende Wirkung
sehr ab von der Natur des produzierenden Geineinwesens.
Solange das Handelskapital den Produktenaustausch unentwickelter
Gemeinwesen vermittelt, erscheint der kommerzielle Profit nicht
nur als Übervorteilung und Prellerei, sondern entspringt großen-
teils aus ihr. Abgesehn davon, daß es den Unterschied zwischen
den Produktionspreisen verschiedner Länder ausbeutet (und in die-
ser Beziehung wirkt es hin auf die Ausgleichung und Festsetzung
der Warenwerte), bringen es ene Produktionsweisen mit sich, daß
das Kaufmannskapital sich einen überwiegenden Teil des Mehrpro-
dukts aneignet, teils als Zwischenschieber zwischen Gemeinwesen,
deren Produktion noch wesentlich auf den Gebrauchswert gerichtet
ist und für deren ökonomische Organisation der Verkauf des über-
haupt in Zirkulation tretenden Produktenteils, also überhaupt der
Verkauf der Produkte zu ihrem Wert von untergeordneter Wichtig-
keit ist; teils weil in jenen frühem Produktionsweisen die Haupt-
besitzer des Mehrprodukts, mit denen der Kaufmann handelt, der
Sklavenhalter, der feudale Grundherr, der Staat (z.B. der orien-
talische Despot) den genießenden Reichtum vorstellen, dem der
Kaufmann Fallen stellt, wie schon A. Smith in der an geführten
Stelle für die Feudalzeit richtig herausgewittert hat. Das Han-
delskapital in überwiegender Herrschaft stellt also überall ein
System der Plünderung dar 48), wie denn auch seine Entwicklung
bei den Handelsvölkern der alten wie der neuern Zeit direkt mit
gewaltsamer Plünderung, Seeraub, Sklavenraub, Unterjochung in Ko-
lonien verbunden ist; so in Karthago, Rom, später bei Venezia-
nern, Portugiesen, Holländern etc.
---
48) "Nun ist bei den Kaufleuten eine grosse Klage über die Edel-
leut oder Räuber, wie sie mit grosser Fahr müssen handeln, und
werden drüber gefangen, geschlagen, geschazt und beraubt. Wenn
sie aber solches um der Gerechtigkeit willen litten: so wären
freilich die Kaufleut heilige Leut... Aber weil solch gross Un-
recht und unchristliche Dieberei und Räuberei über die ganze Welt
durch die Kaufleut, auch selbst unter einander, geschieht: was
ist Wunder, ob Gott schafft, dass solch gross Gut, mit Unrecht
gewonnen, wiederum verloren oder geraubt wird, und sie selbst
dazu über die Köpfe geschlagen oder gefangen werden?... Und den
Fürsten gebürt, solch unrechte Kaufhändel mit ordentlicher Gewalt
zu strafen oder gefangen zu werden, dass ihre Untertanen nicht so
schändlich von den Kaufleuten geschunden würden. Weil sie das
nicht thun: so braucht Gott der Reuter und Räuber, und straft
durch sie das Unrecht an den Kaufleuten, und müssen seine Teufel
sein: gleich wie er Aegyptenland und alle Welt mit Teufeln plagt,
oder mit Feinden verderbt. Also staubt er einen Buben mit dem an-
dern,
#344# IV. Abschnitt - Das kaufmännische Kapital
-----
Die Entwicklung des Handels und des Handelskapitals entwickelt
überall die Richtung der Produktion auf Tauschwert, vergrößert
ihren Umfang, vermannigfacht und kosmopolisiert sie, entwickelt
das Geld zum Weltgeld. Der Handel wirkt deshalb überall mehr oder
minder auflösend auf die vorgefundenen Organisationen der Produk-
tion, die in allen ihren verschiednen Formen hauptsächlich auf
den Gebrauchswert gerichtet sind. Wieweit er aber die Auflösung
der alten Produktionsweise bewirkt, hängt zunächst ab von ihrer
Festigkeit und innern Gliederung. Und wohin dieser Prozeß der
Auflösung ausläuft, d.h. welche neue Produktionsweise an Stelle
der alten tritt, hängt nicht vom Handel ab, sondern vom Charakter
der alten Produktionsweise selbst. In der antiken Welt resultiert
die Wirkung des Handels und die Entwicklung des Kaufmannskapitals
stets in Sklavenwirtschaft; je nach dem Ausgangspunkt auch nur in
Verwandlung eines patriarchalischen, auf Produktion unmittelbarer
Subsistenzmittel gerichteten Sklavensystems in ein auf Produktion
von Mehrwert gerichtetes. In der modernen Welt dagegen läuft sie
aus in die kapitalistische Produktionsweise. Es folgt hieraus,
daß diese Resultate selbst noch durch ganz andre Umstände bedingt
waren als durch die Entwicklung des Handelskapitals.
Es liegt in der Natur der Sache, daß, sobald städtische Industrie
als solche sich von der agrikolen trennt, ihre Produkte von vorn-
herein Waren sind und deren Verkauf also der Vermittlung des Han-
dels bedarf. Die Anlehnung des Handels an die städtische Entwick-
lung und andrerseits die Bedingtheit der letztren durch den Han-
del sind soweit selbstverständlich.
---
ohn dass er dadurch zu verstehen giebt, dass Reuter geringre Räu-
ber sind dann die Kaufleut: sintemal die Kaufleut täglich die
ganze Welt rauben, wo ein Reuter im Jahr einmal oder zwei, einen
oder zween beraubt." - "Gehet nach dem Spruch Esaie 1*): deine
Fürsten sind der Diebe Gesellen geworden. Die weil lassen sie
Diebe hängen, die einen Gülden oder einen halben gestolen haben;
und hantiren mit denen, die alle Welt berauben, und stehlen si-
cherer denn alle andre, dass ja das Sprüchwort war bleibe:
grosse Diebe hängen die kleinen Diebe; und wie der römische Rats-
herr Cato sprach: Schlechte Diebe liegen in Thürmen und Stöcken,
aber öffentliche Diebe gehen in Gold und Seiden. Was wird aber
zuletzt Gott dazu sagen? Er wird thun wie er durch 2*) Ezechiel
spricht, Fürsten und Kaufleut, einen Dieb mit dem andern, in ein-
ander schmelzen, wie Blei und Ertz, gleich als wenn eine Stadt
ausbrennt, dass weder Fürsten noch Kaufleut mer seien." (Martin
Luther, Bücher vom Kaufhandel und Wucher. Vom Jahr 1527.) [46]
-----
1*) 1. Auflage: Esau - 2*) 1. Auflage: zu
#345# 20. Kapitel - Geschichtliches über das Kaufmannskapital
-----
Jedoch hängt es hier durchaus von andren Umständen ab, wieweit
industrielle Entwicklung damit Hand in Hand geht. Das alte Rom
entwickelt schon in der spätern republikanischen Zeit das Kauf-
mannskapital höher als es je zuvor in der alten Welt bestanden
hat, ohne irgendwelchen Fortschritt gewerblicher Entwicklung;
während in Korinth und andren griechischen Städten Europas und
Kleinasiens ein hochentwickeltes Gewerbe die Entwicklung des Han-
dels begleitet. Andrerseits, im geraden Gegenteil zur städtischen
Entwicklung und ihren Bedingungen, ist Handelsgeist und Entwick-
lung des Handelskapitals oft gerade nichtansässigen, nomadischen
Völkern eigen.
Es unterliegt keinem Zweifel - und gerade diese Tatsache hat ganz
falsche Anschauungen erzeugt -, daß im 16. und im 17. Jahrhundert
die großen Revolutionen, die mit den geographischen Entdeckungen
im Handel vorgingen [47] und die Entwicklung des Kaufmannskapi-
tals rasch steigerten, ein Hauptmoment bilden in der Förderung
des Übergangs der feudalen Produktionsweise in die kapitalisti-
sche. Die plötzliche Ausdehnung des Weltmarkts, die Vervielfälti-
gung der umlaufenden Waren, der Wetteifer unter den europäischen
Nationen, sich der asiatischen Produkte und der amerikanischen
Schätze zu bemächtigen, das Kolonialsystem, trugen wesentlich bei
zur Sprengung der feudalen Schranken der Produktion. Indes ent-
wickelte sich die moderne Produktionsweise, in ihrer ersten Peri-
ode, der Manufakturperiode, nur da, wo die Bedingungen dafür sich
innerhalb des Mittelalters erzeugt hatten. Man vergleiche z.B.
Holland mit Portugal. 49) Und wenn im 16. und zum Teil noch im
17. Jahrhundert die plötzliche Ausdehnung des Handels und die
Schöpfung eines neuen Weltmarkts einen überwiegenden Einfluß auf
den Untergang der alten und den Aufschwung der kapitalistischen
Produktionsweise ausübten, so geschah dies umgekehrt auf Basis
der einmal geschaffnen kapitalistischen Produktionsweise. Der
Weltmarkt bildet selbst die Basis dieser Produktionsweise.
Andrerseits, die derselben immanente Notwendigkeit, auf stets
grüßrer Stufenleiter zu produzieren,
---
49) Wie sehr überwiegend in der holländischen Entwicklung, von
andren Umständen abgesehn, die in Fischfang, Manufaktur und Agri-
kultur gelegte Basis, ist schon von Schriftstellern des 18. Jahr-
hunderts auseinandergesetzt worden. S. z.B. Massie. [48] - Im Ge-
gensatz zu der frühern Auffassung, die Umfang und Bedeutung des
asiatischen, antiken und mittelalterlichen Handels unterschätzte,
ist es Mode geworden, ihn außerordentlich zu Verschätzen. Am be-
sten heilt man sich von dieser Vorstellung, wenn man die engli-
sche Aus- und Einfuhr gegen Anfang des 18. Jahrhunderts betrach-
tet und der heutigen gegenüberstellt. Und doch war sie unver-
gleichlich größer als die irgendeines frühern Handelsvolks.
(Siehe Anderson. "History of Commerce" [p. 261 sqq.].)
#346# IV. Abschnitt - Das kaufmännische Kapital
-----
treibt zur beständigen Ausdehnung des Weltmarkts, so daß der Han-
del hier nicht die Industrie, sondern die Industrie beständig den
Handel revolutioniert. Auch die Handelsherrschaft ist jetzt ge-
knüpft an das größre oder geringre Vorwiegen der Bedingungen der
großen Industrie Man vergleiche z.B. England und Holland. Die Ge-
schichte des Untergangs Hollands als herrschender Handelsnation
ist die Geschichte der Unterordnung des Handelskapitals unter das
industrielle Kapital. Die Hindernisse, die die innere Festigkeit
und Gliederung vorkapitalistischer, nationaler Produktionsweisen
der auflösenden Wirkung des Handels entgegensetzt, zeigt sich
schlagend im Verkehr der Engländer mit Indien und China. Die
breite Basis der Produktionsweise ist hier gebildet durch die
Einheit kleiner Agrikultur und häuslicher Industrie, wobei noch
in Indien die Form der auf Gemeineigentum am Boden beruhenden
Dorfgemeinden hinzukommt, die übrigens auch in China die ur-
sprüngliche Form war. In Indien wandten die Engländer zugleich
ihre unmittelbare politische und ökonomische Macht, als Herrscher
und Grundrentner, an, um diese kleinen ökonomischen Gemeinwesen
zu sprengen. 50) Soweit ihr Handel hier revolutionierend auf die
Produktionsweise wirkt, ist es nur, soweit sie durch den niedri-
gen Preis ihrer Waren die Spinnerei und Weberei, die einen uralt-
integrierenden Teil dieser Einheit der industriell-agrikolen Pro-
duktion bildet, vernichten und so die Gemeinwesen zerreißen.
Selbst hier gelingt ihnen dies Auflösungswerk nur sehr allmäh-
lich. Noch weniger in China, wo die unmittelbare poljtische Macht
nicht zu Hilfe kommt. Die große Ökonomie und Zeitersparung, die
aus der unmittelbaren Verbindung von Ackerbau und Manufaktur her-
vorgehn, bieten hier hartnäckigsten Widerstand den Produkten der
großen Industrie, in deren Preis die faux frals des sie überall
durchlöchernden Zirkulationsprozesses eingehn. Im Gegensatz zum
englischen Handel läßt dagegen der russische die ökonomische
Grundlage der asiatischen Produktion unangetastet. 51)
---
50) Wenn die Geschichte irgendeines Volks bietet die Wirtschaft
der Engländer in Indien die Geschichte verfehlter und wirklich
alberner (in der Praxis infamer) ökonomischer Exprimente. In Ben-
galen schufen sie eine Karikatur des englischen großen Grundei-
gentums, im südastlichen Indien eine Karikatur des Parzellenei-
gentums; im Nordwesten verwandelten sie, soviel an ihnen, das in-
dische ökonomische Gemeinwesen mit Gemeineigentum am Boden in
eine Karikatur seiner selbst.
51) Seitdem Rußland die krampfhaftesten Anstrengungen macht, eine
eigne kapitalistische Produktion zu entwickeln, die ausschließ-
lich auf den innern und den angrenzenden asiatischen Markt ange-
wiesen ist, fängt dies auch an anders zu werden. - F.E.
#347# 20. Kapitel - Geschichtliches über das Kaufmannskapital
-----
Der Übergang aus der feudalen Produktionsweise macht sich dop-
pelt. Der Produzent wird Kaufmann und Kapitalist, im Gegensatz
zur agrikolen Naturalwirtschaft und zum zünftig gebundnen Hand-
werk der mittelalterlichen städtischen Industrie. Dies ist der
wirklich revolutionierende Weg. Oder aber, der Kaufmann bemäch-
tigt sich der Produktion unmittelbar. Sosehr der letztre Weg hi-
storisch als Übergang wirkt - wie z.B. der englische Clothier 1*)
des 17. Jahrhunderts, der die Weber, die aber selbständig sind,
unter seine Kontrolle bringt, ihnen ihre Wolle verkauft und ihr
Tuch abkauft -, sowenig bringt er es an und für sich zur Umwäl-
zung der alten Produktionsweise, die er vielmehr konserviert und
als seine Voraussetzung beibehält. So z.B. war großenteils noch
bis in die Mitte dieses Jahrhunderts der Fabrikant in der franzö-
sischen Seidenindustrie, der englischen Strumpfwaren- und
Spitzenindustrie bloß nominell Fabrikant, in Wirklichkeit bloßer
Kaufmann, der die Weber in ihrer alten zersplitterten Weise fort-
arbeiten läßt und nur die Herrschaft des Kaufmanns ausübt, für
den sie in der Tat arbeiten. 52) Diese Manier steht überall der
wirklichen kapitalistischen Produktionsweise im Wege und geht un-
ter mit deren Entwicklung. Ohne die Produktionsweise umzuwälzen,
verschlechtert sie nur die Lage der un. mittelbaren Produzenten,
verwandelt sie in bloße Lohnarbeiter und Proletarier unter
schlechtem Bedingungen als die direkt unter das Kapital subsu-
mierten und eignet sich ihre Mehrarbeit auf Basis der alten Pro-
duktionsweise an. Etwas modifiziert besteht dasselbe Verhältnis
bei einem Teil der Londoner handwerksmäßig betriebnen Möbelfabri-
kation. Sie wird namentlich in den Tower Hamlets [49] auf sehr
ausgebreitetem Fuß betrieben. Die ganze Produktion ist in sehr
viele voneinander unabhängige Geschäftszweige geteilt. Das eine
Geschäft macht bloß Stühle, das andre bloß Tische, das dritte
bloß Schränke usw. Aber diese Geschäfte selbst werden mehr oder
weniger handwerksmäßig betrieben, von einem kleinen Meister mit
wenigen Gesellen. Dennoch ist die Produktion zu massenhaft, um
direkt für Private zu arbeiten. Ihre Käufer sind die Besitzer von
Möbelmagazinen. Am Sonnabend begibt sich der Meister zu ihnen und
verkauft sein Produkt, wobei ganz so über den Preis geschachert
wird wie im Pfandhaus über den Vorschuß auf dies oder jenes
Stück. Diese Meister bedürfen des wöchentlichen
---
[52] Dasselbe galt von der rheinischen Band, und Litzenwirkerei
und Seidenweberei. Bei Krefeld ist sogar eine eigene Eisenbahn
für den Verkehr dieser ländlichen Handweber mit den städtischen
"Fabrikanten" gebaut, aber seitdem mitsamt den Handwebern durch
die mechanische Weberei brachgelegt worden. - F.E.
-----
1*) Tuchhändler
#348# IV. Abschnitt - Das kaufmännische Kapital
-----
Verkaufs, schon um für die nächste Woche wieder RohmaterW kaufen
und Arbeitslohn auszahlen zu können. Unter diesen Umständen sind
sie eigentlich nur Zwischenschleber zwischen dem Kaufmann und ih-
ren eignen Arbeitern. Der Kaufmann ist der eigentliche Kapita-
list, der den größten Teil des Mehrwerts in die Tasche steckt.
53) So ähnlich beim Übergang in die Manufaktur aus den Zweigen,
die früher handwerksmäßig oder als Nebenzweige der ländlichen In-
dustrie betrieben worden. Je nach der technischen Entwicklung,
die dieser kleine Selbstbetrieb hat - wo er selbst schon Maschi-
nen anwendet, die handwerksmäßigen Betrieb zulassen -, findet
auch Übergang zur großen Industrie statt, die Maschine wird,
statt mit der Hand, mit Dampf getrieben; wie dies z. B. in der
letzten Zeit im englischen Strumpfwarengeschäft sich ereignet.
Es findet also ein dreifacher Übergang statt: Erstens, der Kauf-
mann wird direkt Industrieller; dies ist der Fall bei den auf den
Handel gendeten Gewerben, namentlich bei Luxusindustrien, welche
von den Kaufleuten mitsamt den Rohstoffen und den Arbeitern aus
der Fremde eingeführt werden, wie im fünfzehnten Jahrhundert in
Italien aus Konstantinopel. Zweitens, der Kaufmann macht die
kleinen Meister zu seinen Zwischenschiebern (middlemen) oder
kauft auch direkt vom Selbstproduzenten; er läßt ihn nominell
selbständig und läßt seine Produktionsweise unverändert. Drit-
tens, der Industrielle wird Kaufmann und produziert direkt im
großen für den Handel.
Im Mittelalter ist der Kaufmann bloß "Verleger", wie Poppe rich-
tig sagt [50], der sei es von den Zünftlern, sei es von den Bau-
ern produzierten Waren. Der Kaufmann wird Industrieller oder
vielmehr läßt die handwerksmäßige, besonders die ländliche kleine
Industrie für sich arbeiten. Andrerseits wird der Produzent Kauf-
mann. Statt daß z.B. der Tuchwebermeister seine Wolle nach und
nach in kleinen Portionen vom Kaufmann erhält und mit seinen Ge-
sellen für diesen arbeitet, kauft er selbst Wolle oder Garn und
verkauft sein Tuch an den Kaufmann. Die Produktionselemente gehn
als von ihm selbst gekaufte Waren in den Produktionsprozeß ein.
Und statt für den einzelnen Kaufmann zu produzieren oder für be-
stimmte Kunden, produziert der Tuchweber jetzt für die Handels-
welt. Der Produzent ist selbst Kaufmann. Das Handelskapital ver-
richtet nur noch den Zirkulationsprozeß. Ursprünglich war der
Handel Voraussetzung für die
---
53) Dies System ist seit 1865 auf noch weit größerem Fuß ausge-
bildet worden. Ausführliches darüber im First Report of the Se-
lect Committee of the House of Lords on the Sweating System",
London 1888. - F.E.
#349# 20. Kapitel - Geschichtliches über das Kaufmannskapital
-----
Verwandlung des zünftigen und ländlich-häuslichen Gewerbes und
des feudalen Ackerbaus in kapitalistische Betriebe. Er entwickelt
das Produkt zur Ware, teils indem er ihm einen Markt schafft,
teils indem er neue Warenäquivalente und der Produktion neue Roh-
und Hilfsstoffe zuführt und damit Produktionszweige eröffnet, die
von vornherein auf den Handel gegründet sind, sowohl auf Produk-
tion für den Markt und Weltmarkt wie auf Produktionsbedingungen,
die aus dem Weltmarkt herstammen. Sobald die Manufaktur einiger-
maßen erstarkt, und noch mehr die große Industrie, schafft sie
sich ihrerseits den Markt, erobert ihn durch ihre Waren. Jetzt
wird der Handel Diener der industriellen Produktion, für die be-
ständige Erweiterung des Markts Lebensbedingung ist. Eine stets
ausgedehntere Massenproduktion überschwemmt den vorhandnen Markt
und arbeitet daher stets an Ausdehnung dieses Markts, an Durch-
brechung seiner Schranken. Was diese Massenproduktion beschränkt,
ist nicht der Handel (soweit dieser nur existierende Nachfrage
ausdrückt), sondern die Größe des funktionierenden Kapitals und
die entwickelte Produktivkraft der Arbeit. Der industrielle Kapi-
talist hat beständig den Weltmarkt vor sich, vergleicht, und muß
beständig vergleichen, seine eignen Kostpreise mit den Marktprei-
sen nicht nur der Heimat, sondern der ganzen Welt. Diese Ver
Gleichung fällt in der frühem Periode fast ausschließlich den
Kaufleuten zu und sichert so dem Handelskapital die Herrschaft
über das industrielle.
Die erste theoretische Behandlung der modernen Produktionsweise -
das Merkantilsystem - ging notwendig aus von den oberflächlichen
Phänomenen des Zirkulationsprozesses, wie sie in der Bewegung des
Handelskapitals verselbständigt sind, und griff daher nur den
Schein auf. Teils weil das Handelskapital die erste freie Exi-
stenzweise des Kapitals überhaupt ist. Teils wegen des überwie-
genden Einflusses, den es in der ersten Umwälzungsperiode der
feudalen Produktion, der Entstehungsperiode der modernen Produk-
tion ausübt. Die wirkliche Wissenschaft der modernen Ökonomie be-
ginnt erst, wo die theoretische Betrachtung vom Zirkulationspro-
zeß zum Produktionsprozeß übergeht. Das zinstragende Kapital ist
zwar auch uralte Form des Kapitals. Warum aber der Merkantilismus
nicht von ihm ausgeht, sondern sich vielmehr polemisch dazu ver-
hält, werden wir später sehn.
zurück