Quelle: MEW 25 Das Kapital - Dritter Band


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       ZWANZIGSTES KAPITEL
       Geschichtliches über das Kaufmannskapital
       
       Die besondre  Form der  Geldakkumulation des  Warenhandlungs- und
       Geldhandlungskapitals wird erst im nächsten Abschnitt betrachtet.
       Aus dem  bisher Entwickelten  ergibt sich  von selbst, daß nichts
       abgeschmackter sein kann, als das Kaufmannskapital, sei es in der
       Form des Warenhandlungskapitals, sei es in der des Geldhandlungs-
       kapitals, als eine besondre Art des industriellen Kapitals zu be-
       trachten, ähnlich wie etwa Bergbau, Ackerbau, Viehzucht, Manufak-
       tur, Transportindustrie etc., durch die gesellschaftliche Teilung
       der Arbeit  gegebne Abzweigungen und daher besondre Anlagesphären
       des industriellen  Kapitals bilden.  Schon die  einfache Beobach-
       tung, daß jedes industrielle Kapital, während es sich in der Zir-
       kulationsphase seines Reproduktionsprozesses befindet, als Waren-
       kapital und Geldkapital ganz dieselben Funktionen verrichtet, die
       als ausschließliche  Funktionen des  kaufmännischen  Kapitals  in
       seinen beiden  Formen erscheinen, müßte diese rohe Auffassung un-
       möglich machen. Im Warenhandlungskapital und Geldhandlungskapital
       sind umgekehrt  die Unterschiede zwischen dem industriellen Kapi-
       tal als  produktivem und  demselben Kapital  in der Zirkulations-
       sphäre dadurch  verselbständigt, daß  die bestimmten  Formen  und
       Funktionen, die  das Kapital  hier zeitweilig  annimmt, als selb-
       ständige Formen  und Funktionen  eines abgelösten Teils des Kapi-
       tals erscheinen  und ausschließlich darin eingepfercht sind. Ver-
       wandelte Form  des industriellen Kapitals und stoffliche, aus der
       Natur der verschiednen Industriezweige hervorgehende Unterschiede
       zwischen produktiven Kapitalen in verschiednen Produktionsanlagen
       sind himmelweit verschieden.
       Außer der  Brutalität, womit  der Ökonom überhaupt die Formunter-
       schiede betrachtet,  die ihn  in der Tat nur nach der stofflichen
       Seite interessieren,  liegt bei  dem Vulgärökonomen  dieser  Ver-
       wechslung noch zweierlei zugrunde. Erstens seine Unfähigkeit, den
       merkantilen Profit in seiner
       
       #336# IV. Abschnitt - Das kaufmännische Kapital
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       Eigentümlichkeit zu  erklären; zweitens  sein apologetisches  Be-
       streben, die  aus der spezifischen Form der kapitalistischen Pro-
       duktionsweise -  die vor  allem Warenzirkulation, und daher Geld-
       zirkulation, als ihre Basis voraus. setzt - hervorgehenden Formen
       von Warenkapital  und Geldkapital,  und weiterhin  von Warenhand-
       lungs- und  Geldhandlungskapital, als  aus dem  Produktionsprozeß
       als solchem notwendig hervorgehende Gestalten abzuleiten.
       Wenn Warenhandlungskapital  und Geldhandlungskapital  sich  nicht
       anders von  Getreidebau unterscheiden,  wie dieser  von Viehzucht
       und Manufaktur,  so ist  sonnenklar, daß Produktion und kapitali-
       stische Produktion  überhaupt identisch  sind und  daß namentlich
       auch die  Verteilung der  gesellschaftlichen Produkte  unter  die
       Mitglieder der  Gesellschaft, sei es zur produktiven oder zur in-
       dividuellen Konsumtion,  ebenso ewig durch Kaufleute und Bankiers
       vermittelt werden  muß, wie der Genuß von Fleisch durch Viehzucht
       und der von Kleidungsstücken durch deren Fabrikation. 45
       Die großen Ökonomen wie Smith, Ricardo etc., da sie die Grundform
       des Kapitals  betrachten, das  Kapital als industrielles Kapital,
       und das  Zirkulationskapital (Geld- und Warenkapital) tatsächlich
       nur, soweit es selbst eine Phase im Reproduktionsprozeß jedes Ka-
       pitals, sind  in Verlegenheit mit dem merkantilen Kapital als ei-
       ner eignen Sorte. Die aus der Betrachtung des industriellen Kapi-
       tals unmittelbar abgeleiteten Sätze über Wertbildung, Profit etc.
       passen nicht direkt auf das Kaufmannskapital. Sie lassen dies da-
       her in  der Tat ganz beiseite liegen und erwähnen es nur als eine
       Art des  industriellen Kapitals.  Wo sie  im besondren davon han-
       deln,
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       45) Der  weise Roscher  [44] hat  ausgeklügelt, daß, wenn Gewisse
       den Handel als "Vermittlung" zwischen Produzenten und Konsumenten
       charakterisieren,  man   ebensogut  die   Produktion  selbst  als
       "Vermittlung" der  Konsumtion  (zwischen  wem?)  charakterisieren
       könne, woraus  natürlich folgt,  daß das  Handelskapital ein Teil
       des produktiven  Kapitals ist wie Ackerbau- und Industriekapital.
       Weil man also sagen kann, daß der Mensch nur durch die Produktion
       seine Konsumtion  vermitteln kann  (dies muß  er tun  selbst ohne
       Leipziger Bildung)  oder daß  die Arbeit  nötig ist zur Aneignung
       der Natur  (was man  "Vermittlung" nennen  kann), so folgt daraus
       natürlich, daß  eine aus  einer  spezifischen  gesellschaftlichen
       Form der Produktion hervorgehende gesellschaftliche "Vermittlung"
       -   w e i l  Vermittlung - denselben absoluten Charakter der Not-
       wendigkeit hat,  denselben Rang. Das Wort Vermittlung entscheidet
       alles. Übrigens  sind die  Kaufleute ja nicht Vermittler zwischen
       Produzenten und  Konsumenten (die  letztren in  der Scheidung von
       den erstren, die Konsumenten, die nicht produzieren, zunächst au-
       ßer acht  gelassen), sondern  des Austausches der Produkte dieser
       Produzenten untereinander,  sind nur  die Zwischenpersonen  eines
       Austausches, der immer in tausend Fällen ohne sie vorgeht.
       
       #337# 20. Kapitel - Geschichtliches über das Kaufmannskapital
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       wie Ricardo beim auswärtigen Handel, suchen sie nachzuweisen, daß
       es keinen  Wert schafft (folglich auch keinen Mehrwert). Aber was
       vom auswärtigen Handel, gilt vom inländischen.
       
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       Wir haben  bisher das  Kaufmannskapital vom Standpunkt und inner-
       halb der  Grenzen der  kapitalistischen Produktionsweise betrach-
       tet. Nicht  nur der  Handel, sondern  auch das Handelskapital ist
       aber älter  als die  kapitalistische Produktionsweise, ist in der
       Tat die historisch älteste freie Existenzweise des Kapitals.
       Da man  bereits gesehn,  daß der  Geldhandel und das darin vorge-
       schoßne Kapital  zu seiner Entwicklung nichts bedarf als die Exi-
       stenz des  Großhandels, weiter des Warenhandlungskapitals, so ist
       es nur das letztre, womit wir uns hier zu befassen haben.
       Weil das  Handlungskapital eingepfercht  ist in die Zirkulations-
       sphäre und  seine Funktion  ausschließlich darin besteht, den Wa-
       renaustausch zu vermitteln, so sind zu seiner Existenz - abgesehn
       von unentwickelten Formen, die aus dem unmittelbaren Tauschhandel
       entspringen -  keine andren  Bedingungen nötig  als zur einfachen
       Waren- und  Geldzirkulation. Oder  die letztre ist vielmehr seine
       Existenzbedingung. Auf  Basis welcher Produktionsweise auch immer
       die Produkte  produziert wurden, die als Waren in die Zirkulation
       eingehn -  ob auf  Basis des  urwüchsigen Gemeinwesens  oder  der
       Sklavenproduktion oder der kleinbäuerlichen und kleinbürgerlichen
       oder der  kapitalistischen -, es ändert dies nichts an ihrem Cha-
       rakter als Waren, und als Waren haben sie den Austauschprozeß und
       die ihn  begleitenden Formveränderungen  durchzumachen.  Die  Ex-
       treme, zwischen denen das Kaufmannskapital vermittelt, sind gege-
       ben für  es, ganz  wie sie  gegeben sind für das Geld und für die
       Bewegung des Geldes. Das einzig Nötige ist, daß diese Extreme als
       Waren vorhanden  sind, ob  nun die Produktion ihrem ganzen Umfang
       nach Warenproduktion  ist, oder ob bloß der Oberschuß der selbst-
       wirtschaftenden Produzenten  über ihre, durch ihre Produktion be-
       friedigten, unmittelbaren  Bedürfnisse  auf  den  Markt  geworfen
       sind. Das Kaufmannskapital vermittelt nur die Bewegung dieser Ex-
       treme, der Waren, als ihm gegebner Voraussetzungen.
       Der Umfang, worin die Produktion in den Handel eingeht, durch die
       Hände der  Kaufleute geht,  hängt ab von der Produktionsweise und
       erreicht sein  Maximum in der vollen Entwicklung der kapitalisti-
       schen Produktion, wo das Produkt nur noch als Ware, nicht als un-
       mittelbares Subsistenzmittel
       
       #338# IV. Abschnitt - Das kaufmännische Kapital
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       produziert wird.  Andrerseits, auf  der Basis  jeder Produktions-
       weise, befördert der Handel die Erzeugung von überschüssigem Pro-
       dukt, bestimmt,  in den  Austausch einzugehn, um die Genüsse oder
       die Schätze  der Produzenten  (worunter hier  die Eigner der Pro-
       dukte zu  verstehn sind)  zu vermehren;  gibt also der Produktion
       einen mehr und mehr auf den Tauschwert gerichteten Charakter.
       Die Metamorphose der Waren, ihre Bewegung, besteht 1. - stofflich
       aus dem  Austausch verschiedner  Waren gegeneinander,  2. formell
       aus Verwandlung  der Ware in Geld, Verkaufen, und Verwandlung des
       Geldes in  Ware, Kaufen. Und in diese Funktionen, Austauschen von
       Waren durch  Kauf und  Verkauf, löst  sich die Funktion des Kauf-
       mannskapitals auf.  Es vermittelt  also bloß  den Warenaustausch,
       der indessen  von vornherein  nicht bloß  als Warenaustausch zwi-
       schen den  unmittelbaren Produzenten zu fassen ist. Beim Sklaven-
       verhältnis, Leibeignenverhältnis, Tributverhältnis (soweit primi-
       tive Gemeinwesen  in Betracht  kommen) ist  es der Sklavenhalter,
       der Feudalherr,  der Tribut  empfangende Staat,  welcher  Eigner,
       also Verkäufer  des Produkts ist. Der Kaufmann kauft und verkauft
       für viele.  In seiner Hand konzentrieren sich Käufe und Verkäufe,
       wodurch Kauf  und Verkauf  aufhört, an das unmittelbare Bedürfnis
       des Käufers (als Kaufmann) gebunden zu sein.
       Welches aber immer die gesellschaftliche Organisation der Produk-
       tionssphären, deren  Warenaustausch der Kaufmann vermittelt, sein
       Vermögen existiert  immer als Geldvermögen und sein Geld fungiert
       stets als  Kapital. Seine  Form ist stets G-W-G'; Geld, die selb-
       ständige Form  des Tauschwerts, der Ausgangspunkt, und Vermehrung
       des Tauschwerts der selbständige Zweck. Der Warenaustausch selbst
       und die  ihn vermittelnden Operationen - getrennt von der Produk-
       tion und  vollzogen vom  Nichtproduzenten - als bloßes Mittel der
       Vermehrung, nicht  nur des  Reichtums, sondern  des Reichtums  in
       seiner allgemeinen  gesellschaftlichen Form,  als Tauschwert. Das
       treibende Motiv und der bestimmende Zweck ist, G zu verwandeln in
       G +  delta G; die Akte G-W und W-G', die den Akt G-G' vermitteln,
       erscheinen bloß  als Übergangsmomente dieser Verwandlung von G in
       G + delta G. Dies G-W-G' als charakteristische Bewegung des Kauf-
       mannskapitals unterscheidet  es von  W-G-W, dem  Warenhandel zwi-
       schen den  Produzenten selbst,  der auf  den  Austausch  von  Ge-
       brauchswerten als letzten Zweck gerichtet ist.
       Je unentwickelter  die Produktion, um so mehr wird sich daher das
       Geldvermögen konzentrieren  in den  Händen der Kaufleute oder als
       spezifische Form des Kaufmannsvermögens erscheinen.
       
       #339# 20. Kapitel - Geschichtliches über das Kaufmannskapital
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       Innerhalb der  kapitalistischen Produktionsweise  -  d.h.  sobald
       sich das  Kapital der  Produktion selbst  bemächtigt und ihr eine
       ganz veränderte  und spezifische Form gegeben hat - erscheint das
       Kaufmannskapital nur  als Kapital in einer besondren Funktion. In
       allen frühern Produktionsweisen, und um so mehr, je mehr die Pro-
       duktion unmittelbar  Produktion der  Lebensmittel des Produzenten
       ist, erscheint  Kaufmannskapital zu sein als die Funktion par ex-
       cellence des Kapitals.
       Es macht  also nicht die geringste Schwierigkeit einzusehn, warum
       das Kaufmannskapital als historische Form des Kapitals erscheint,
       lange bevor  das Kapital  sich die  Produktion selbst unterworfen
       hat. Seine  Existenz und  Entwicklung zu  einer gewissen Höhe ist
       selbst historische  Voraussetzung für die Entwicklung der kapita-
       listischen Produktionsweise,  1. als  Vorbedingung der Konzentra-
       tion von  Geldvermögen, und 2. weil die kapitalistische Produkti-
       onsweise Produktion  für den Handel voraussetzt, Absatz im großen
       und nicht  an den einzelnen Kunden, also auch einen Kaufmann, der
       nicht zur  Befriedigung seines  persönlichen Bedürfnisses  kauft,
       sondern die  Kaufakte  vieler  in  seinem  Kaufakt  konzentriert.
       Andrerseits wirkt  alle Entwicklung  des Kaufmannskapitals darauf
       hin, der  Produktion einen  mehr und  mehr auf den Tauschwert ge-
       richteten Charakter zu geben, die Produkte mehr und mehr in Waren
       zu verwandeln. Doch ist seine Entwicklung, für sich genommen, wie
       wir gleich  unten noch  weiter sehn  werden, unzureichend, um den
       Übergang einer Produktionsweise in die andre zu vermitteln und zu
       erklären.
       Innerhalb der kapitalistischen Produktion wird das Kaufmannskapi-
       tal von seiner frühern selbständigen Existenz herabgesetzt zu ei-
       nem besondere  Moment der  Kapitalanlage überhaupt,  und die Aus-
       gleichung der  Profite reduziert  seine Profitrate auf den allge-
       meinen Durchschnitt.  Es fungiert nur noch als der Agent des pro-
       duktiven Kapitals.  Die mit der Entwicklung des Kaufmannskapitals
       sich bildenden  besondern Gesellschaftszustände  sind hier  nicht
       mehr bestimmend;  im Gegenteil, wo es vorherrscht, herrschen ver-
       altete Zustände.  Dies gilt  sogar innerhalb desselben Landes, wo
       z.B. die reinen Handelsstädte ganz andre Analogien mit vergangnen
       Zuständen bilden als die Fabrikstädte. 46)
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       46)Herr Wesselbach  ("Der Gang  des Welthandels  im Mittelalter",
       1860) lebt in der Tat immer noch in den Vorstellungen einer Welt,
       worin das  Kaufmannskapital die  Form des Kapitals überhaupt ist.
       Von dem modernen Sinn des Kapitals hat er nicht die geringste Ah-
       nung, sowenig  wie Herr Mommsen, wenn er in seiner "Römischen Ge-
       chichte" von  "Kapital" spricht  und von Herrschaft des Kapitals.
       In der modernen
       
       #340# IV. Abschnitt - Das kaufmännische Kapital
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       Selbständige und  vorwiegende Entwicklung  des Kapitals als Kauf-
       mann,kapital ist gleichbedeutend mitnichtunterwerfung der Produk-
       tion unter  das Kapital,  also mit  Entwicklung des  Kapitals auf
       Grundlage einer  ihm fremden  und von  ihm  unabhängigen  gesell-
       schaftlichen Form  der Produktion.  Die selbständige  Entwicklung
       des Kaufmannskapitals  steht also  im umgekehrten  Verhältnis zur
       allgemeinen ökonomischen Entwicklung der Gesellschaft.
       Das selbständige  Kaufmannsvermögen, als herrschende Form des Ka-
       pitals, ist die Verselbständigung des Zirkulationsprozesses gegen
       seine Extreme,  und diese  Extreme sind die austauschenden Produ-
       zenten selbst. Diese Extreme bleiben selbständig gegen den Zirku-
       lationsprozeß, und dieser Prozeß gegen sie. Das Produkt wird hier
       Ware durch den Handel. Es ist der Handel, der hier die Gestaltung
       der Produkte  zu Waren  entwickelt; es  ist nicht die produzierte
       Ware, deren Bewegung den Handel bildet. Kapital als Kapital tritt
       hier also zuerst im Zirkulationsprozeß auf. Im Zirkulationsprozeß
       entwickelt sich  das Geld  zu Kapital. In der Zirkulation entwic-
       kelt sich  das Produkt  zuerst als Tauschwert, als Ware und Geld.
       Das Kapital  kann sich  im Zirkulationsprozeß bilden und muß sich
       in ihm bilden, bevor es seine Extreme beherrschen lernt, die ver-
       schiednen Produktionssphären, zwischen denen die Zirkulation vet-
       telt. Geld-  und Warenzirkulation  können Produktionssphären  der
       verschiedensten  Organisationen   vermitteln,  die  ihrer  innern
       Struktur nach  noch hauptsächlich  auf Produktion  des Gebrauchs-
       werts gerichtet  sind. Diese  Verselbständigung des Zirkulations-
       prozesses, worin  die Produktionssphären  untereinander verbunden
       werden durch  ein Drittes,  drückt Doppeltes aus. Einerseits, daß
       die Zirkulation  sich noch  nicht der  Produktion bemächtigt hat,
       sondern sich  zu ihr  als gegebner Voraussetzung verhält. Andrer-
       seits, daß  der Produktionsprozeß  die Zirkulation noch nicht als
       bloßes Moment  in sich  aufgenommen hat.  In der kapitalistischen
       Produktion dagegen ist beides der Fall. Der Produktionsprozeß be-
       ruht ganz auf der Zirkulation, und die Zirkulation ist ein bloßes
       Moment, eine  Durchgangsphase der  Produktion, bloß die Realisie-
       rung des als Ware produzierten Produkts und der Ersatz seiner als
       Waren produzierten  Produktionselemente. Die  unmittelbar aus der
       Zirkulation stammende  Form des  Kapitals -  das Handelskapital -
       er-
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       englischen Geschichte erscheint der eigentliche Handelsnd und die
       Handelsstädte auch  politisch reaktionär  und  im  Bund  mit  der
       Grundaristokratie und Finanzaristo, kratie gegen das industrielle
       Kapitalvergleiche z.B.  die politische Rolle von Liverpool gegen-
       über Manchester  und Birmingham.  Die vollständige Herrschaft des
       industriellen Kapitals ist erst seit Aufhebung der Kornzölle [17]
       etc. vom englischen Kaufmannskapital und von der Finanzaristokra-
       tie (moneyed interest) anerkannt.
       
       #341# 20. Kapitel - Geschichtliches über das Kaufmannskapital
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       scheint hier  nur noch als eine der Formen des Kapitals in seiner
       Reproduktionsbewegung.
       Das Gesetz,  daß die  selbständige Entwicklung des Kaufmannskapi-
       tals im umgekehrten Verhältnis steht zum Entwicklungsgrad der ka-
       pitalistischen Produktion, erscheint am meisten in der Geschichte
       des Zwischenhandels (carrying trade), wie bei Venezianern, Genue-
       sern, Holländern etc., wo also der Hauptgewinn gemacht wird nicht
       durch Ausfuhr  der eignen  Landesprodukte, sondern durch Vermitt-
       lung des  Austausches der  Produkte kommerziell  und sonst ökono-
       misch unentwickelter  Gemeinwesen und  durch Exploitation  beider
       Produktionsländer. 47)  Hier ist das Kaufmannskapital rein, abge-
       trennt von  den Extremen,  den Produktionssphären, zwischen denen
       es vermittelt.  Es ist die seine Hauptquelle seiner Bildung. Aber
       dies Monopol  des Zwischenhandels verfällt, und damit dieser Han-
       del selbst,  im selben Verhältnis wie die ökonomische Entwicklung
       der Völker fortschreitet, die es beiderseits exploitierte und de-
       ren Unentwickeltheit seine Existenzbasis war. Beim Zwischenhandel
       erscheint dies  nicht nur  als Verfall  eines besondren  Handels-
       zweigs, sondern auch als Verfall des Übergewichts reiner Handels-
       völker und  ihres kommerziellen  Reichtums überhaupt, der auf der
       Basis dieses Zwischenhandels beruhte. Es ist dies nur eine beson-
       dre Form, worin die Unterordnung des kommerziellen Kapitals unter
       das industrielle  im Fortschritt der Entwicklung der kapitalisti-
       schen Produktion  sich ausdrückt. Von der Art und Weise übrigens,
       wie das  Kaufmannskapital da  wirtschaftet, wo es direkt die Pro-
       duktion beherrscht,  bietet schlagendes Exempel nicht nur die Ko-
       lonialwirtschaft überhaupt  (das  sog.  Kolonialsystem),  sondern
       ganz speziell  die Wirtschaft  der alten Holländisch-Ostindischen
       Kompanie. [42]
       Da die  Bewegung des  kaufmännischen Kapitals G-W-G' ist, so wird
       der Profit  des Kaufmanns erstens gemacht durch Akte, die nur in-
       nerhalb des  Zirkulationsprozesses vorgehn,  also gemacht  in den
       zwei Akten des
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       47) "Die  Bewohner der Handelsstädte führten aus reichern Ländern
       verfeinerte Manufakturwaren und kostspielige Luxusartikel ein und
       boten so  der Eitelkeit  der großen  Grundeigentümer Nahrung, die
       diese Waren  begierig kauften und große Mengen vom Rohprodukt ih-
       rer Ländereien  dafür zahlten. So bestand der Handel eines großen
       Teils von  Europa in dieser Zeit im Austausch des Rohprodukts ei-
       nes Landes  gegen die  Manufakturprodukte eines  in der Industrie
       fortgeschrittnern Landes...  Sobald dieser Geschmack sich verall-
       gemeinerte und  eine bedeutende  Nachfrage veranlaßte, fingen die
       Kaufleute an,  um die Frachtkosten zu sparen, ähnliche Manufaktu-
       ren in  ihrem eignen Lande anzulegen." (A. Smith, ["Wealth of Na-
       tions", Aberdeen, London 1848] Book III, chap. III [p. 267].)
       
       #342# IV. Abschnitt - Das kaufmännische Kapital
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       Kaufs und  Verkaufs; und  zweitens wird  er realisiert im letzten
       Akt, dem  Verkauf. Es  ist also  Veräußerungsprofit, profit  upon
       alienation [38].  Prima facie  erscheint der  reine,  unabhängige
       Handelsprofit unmöglich,  solang, Produkte  zu ihren  Werten ver-
       kauft werden. Wohlfeil kaufen, um teuer zu verkaufen, ist das Ge-
       setz des  Handels. Also nicht der Austausch von Äquivalenten. Der
       Begriff des Werts ist insofern darin eingeschlossen, als die ver-
       schiednen Waren  alle Wert und darum Geld sind; der Qualität nach
       gleichmäßig Ausdrücke  der gesellschaftlichen  Arbeit.  Aber  sie
       sind nicht gleiche Wertgrößen. Das quantitative Verhältnis, worin
       sich Produkte austauschen, ist zunächst ganz zufällig. Sie nehmen
       sofern Warenform  an, daß  sie überhaupt Austauschbare, d.h. Aus-
       drücke desselben Dritten sind. Der fortgesetzte Austausch und die
       regelmäßigere Reproduktion für den Austausch hebt diese Zufällig-
       keit mehr  und mehr  auf. Zunächst aber nicht für die Produzenten
       und Konsumenten,  sondern für den Vermittler zwischen beiden, den
       Kaufmann, der  die Geldpreise  vergleicht und  die Differenz ein-
       steckt. Durch seine Bewegung selbst setzt er die Äquivalenz.
       Das Handelskapital  ist im  Anfang bloß die vermittelnde Bewegung
       zwischen Extremen,  die es nicht beherrscht, und Voraussetzungen,
       die es nicht schafft.
       Wie aus  der bloßen  Form der Warenzirkulation, W-G-W, Geld nicht
       nur als Wertmaß und Zirkulationsmittel, sondern als absolute Form
       der Ware  und danüt des Reichtums, als Schatz hervorgeht und sein
       Beisichbleiben und  Anwachsen als  Geld zum  Selbstzweck wird, so
       geht aus  der bloßen Zirkulationsform des Kaufmannskapitals, G-W-
       G', das  Geld, der Schatz, hervor als etwas, das sich durch bloße
       Veräußerung erhält und vermehrt.
       Die Handelsvölker der Alten existierten wie die Götter des Epikur
       [45] in  den Intermundien der Welt oder vielmehr wie die Juden in
       den Poren  der polnischen  Gesellschaft. Der  Handel  der  ersten
       selbständigen, großartig  entwickelten Handelsstädte und Handels-
       völker beruhte  als reiner  Zwischenhandel auf  der Barbarei  der
       produzierenden Völker,  zwischen denen  sie die Vermittler spiel-
       ten.
       In den Vorstufen der kapitalistischen Gesellschaft beherrscht der
       Handel die Industrie; in der modernen Gesellschaft umgekehrt. Der
       Handel wird  natürlich mehr oder weniger zurückwirken auf die Ge-
       meinwesen, zwischen  denen er getrieben wird; er wird die Produk-
       tion mehr  und mehr  dem Tauschwert unterwerfen, indem er Genüsse
       und Subsistenz mehr abhän macht vom Verkauf als vom unmittelbaren
       Gebrauch des  Produkts. Er  löst dadurch  die alten  Verhältnisse
       auf. Er vermehrt die Geldzirkulation.
       
       #343# 20. Kapitel - Geschichtliches über das Kaufmannskapital
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       Er ergreift nicht mehr bloß den Überschuß der Produktion, sondern
       frißt nach  und nach diese selbst an und macht ganze Produktions-
       zweige von  sich abhängig.  Indes hängt  diese auflösende Wirkung
       sehr ab von der Natur des produzierenden Geineinwesens.
       Solange das  Handelskapital den Produktenaustausch unentwickelter
       Gemeinwesen vermittelt,  erscheint der  kommerzielle Profit nicht
       nur als  Übervorteilung und Prellerei, sondern entspringt großen-
       teils aus  ihr. Abgesehn  davon, daß  es den Unterschied zwischen
       den Produktionspreisen verschiedner Länder ausbeutet (und in die-
       ser Beziehung  wirkt es  hin auf die Ausgleichung und Festsetzung
       der Warenwerte),  bringen es  ene Produktionsweisen mit sich, daß
       das Kaufmannskapital  sich einen  überwiegenden Teil des Mehrpro-
       dukts aneignet,  teils als Zwischenschieber zwischen Gemeinwesen,
       deren Produktion  noch wesentlich auf den Gebrauchswert gerichtet
       ist und  für deren ökonomische Organisation der Verkauf des über-
       haupt in Zirkulation tretenden Produktenteils, also überhaupt der
       Verkauf der  Produkte zu  ihrem Wert von untergeordneter Wichtig-
       keit ist; teils weil in jenen frühem Produktionsweisen die Haupt-
       besitzer des  Mehrprodukts, mit  denen der  Kaufmann handelt, der
       Sklavenhalter, der  feudale Grundherr, der Staat (z.B. der orien-
       talische Despot)  den genießenden  Reichtum vorstellen,  dem  der
       Kaufmann Fallen  stellt, wie  schon A.  Smith in der an geführten
       Stelle für  die Feudalzeit  richtig herausgewittert hat. Das Han-
       delskapital in  überwiegender Herrschaft  stellt also überall ein
       System der  Plünderung dar  48), wie  denn auch seine Entwicklung
       bei den  Handelsvölkern der  alten wie der neuern Zeit direkt mit
       gewaltsamer Plünderung, Seeraub, Sklavenraub, Unterjochung in Ko-
       lonien verbunden  ist; so  in Karthago,  Rom, später bei Venezia-
       nern, Portugiesen, Holländern etc.
       ---
       48) "Nun  ist bei den Kaufleuten eine grosse Klage über die Edel-
       leut oder  Räuber, wie  sie mit  grosser Fahr müssen handeln, und
       werden drüber  gefangen, geschlagen,  geschazt und  beraubt. Wenn
       sie aber  solches um  der Gerechtigkeit  willen litten:  so wären
       freilich die  Kaufleut heilige  Leut... Aber weil solch gross Un-
       recht und unchristliche Dieberei und Räuberei über die ganze Welt
       durch die  Kaufleut, auch  selbst unter  einander, geschieht: was
       ist Wunder,  ob Gott  schafft, dass  solch gross Gut, mit Unrecht
       gewonnen, wiederum  verloren oder  geraubt wird,  und sie  selbst
       dazu über  die Köpfe  geschlagen oder gefangen werden?... Und den
       Fürsten gebürt, solch unrechte Kaufhändel mit ordentlicher Gewalt
       zu strafen oder gefangen zu werden, dass ihre Untertanen nicht so
       schändlich von  den Kaufleuten  geschunden würden.  Weil sie  das
       nicht thun:  so braucht  Gott der  Reuter und  Räuber, und straft
       durch sie  das Unrecht an den Kaufleuten, und müssen seine Teufel
       sein: gleich wie er Aegyptenland und alle Welt mit Teufeln plagt,
       oder mit Feinden verderbt. Also staubt er einen Buben mit dem an-
       dern,
       
       #344# IV. Abschnitt - Das kaufmännische Kapital
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       Die Entwicklung  des Handels  und des  Handelskapitals entwickelt
       überall die  Richtung der  Produktion auf  Tauschwert, vergrößert
       ihren Umfang,  vermannigfacht und  kosmopolisiert sie, entwickelt
       das Geld zum Weltgeld. Der Handel wirkt deshalb überall mehr oder
       minder auflösend auf die vorgefundenen Organisationen der Produk-
       tion, die  in allen  ihren verschiednen  Formen hauptsächlich auf
       den Gebrauchswert  gerichtet sind.  Wieweit er aber die Auflösung
       der alten  Produktionsweise bewirkt,  hängt zunächst ab von ihrer
       Festigkeit und  innern Gliederung.  Und wohin  dieser Prozeß  der
       Auflösung ausläuft,  d.h. welche  neue Produktionsweise an Stelle
       der alten tritt, hängt nicht vom Handel ab, sondern vom Charakter
       der alten Produktionsweise selbst. In der antiken Welt resultiert
       die Wirkung des Handels und die Entwicklung des Kaufmannskapitals
       stets in Sklavenwirtschaft; je nach dem Ausgangspunkt auch nur in
       Verwandlung eines patriarchalischen, auf Produktion unmittelbarer
       Subsistenzmittel gerichteten Sklavensystems in ein auf Produktion
       von Mehrwert  gerichtetes. In der modernen Welt dagegen läuft sie
       aus in  die kapitalistische  Produktionsweise. Es  folgt hieraus,
       daß diese Resultate selbst noch durch ganz andre Umstände bedingt
       waren als durch die Entwicklung des Handelskapitals.
       Es liegt in der Natur der Sache, daß, sobald städtische Industrie
       als solche sich von der agrikolen trennt, ihre Produkte von vorn-
       herein Waren sind und deren Verkauf also der Vermittlung des Han-
       dels bedarf. Die Anlehnung des Handels an die städtische Entwick-
       lung und  andrerseits die Bedingtheit der letztren durch den Han-
       del sind soweit selbstverständlich.
       ---
       ohn dass er dadurch zu verstehen giebt, dass Reuter geringre Räu-
       ber sind  dann die  Kaufleut: sintemal  die Kaufleut  täglich die
       ganze Welt  rauben, wo ein Reuter im Jahr einmal oder zwei, einen
       oder zween  beraubt." -  "Gehet nach  dem Spruch Esaie 1*): deine
       Fürsten sind  der Diebe  Gesellen geworden.  Die weil  lassen sie
       Diebe hängen,  die einen Gülden oder einen halben gestolen haben;
       und hantiren  mit denen,  die alle Welt berauben, und stehlen si-
       cherer denn alle andre, dass ja das Sprüchwort war bleibe:
       grosse Diebe hängen die kleinen Diebe; und wie der römische Rats-
       herr Cato  sprach: Schlechte Diebe liegen in Thürmen und Stöcken,
       aber öffentliche  Diebe gehen  in Gold  und Seiden. Was wird aber
       zuletzt Gott  dazu sagen?  Er wird thun wie er durch 2*) Ezechiel
       spricht, Fürsten und Kaufleut, einen Dieb mit dem andern, in ein-
       ander schmelzen,  wie Blei  und Ertz,  gleich als wenn eine Stadt
       ausbrennt, dass  weder Fürsten  noch Kaufleut mer seien." (Martin
       Luther, Bücher vom Kaufhandel und Wucher. Vom Jahr 1527.) [46]
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       1*) 1. Auflage: Esau - 2*) 1. Auflage: zu
       
       #345# 20. Kapitel - Geschichtliches über das Kaufmannskapital
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       Jedoch hängt  es hier  durchaus von  andren Umständen ab, wieweit
       industrielle Entwicklung  damit Hand  in Hand  geht. Das alte Rom
       entwickelt schon  in der  spätern republikanischen Zeit das Kauf-
       mannskapital höher  als es  je zuvor  in der alten Welt bestanden
       hat, ohne  irgendwelchen  Fortschritt  gewerblicher  Entwicklung;
       während in  Korinth und  andren griechischen  Städten Europas und
       Kleinasiens ein hochentwickeltes Gewerbe die Entwicklung des Han-
       dels begleitet. Andrerseits, im geraden Gegenteil zur städtischen
       Entwicklung und  ihren Bedingungen, ist Handelsgeist und Entwick-
       lung des  Handelskapitals oft gerade nichtansässigen, nomadischen
       Völkern eigen.
       Es unterliegt keinem Zweifel - und gerade diese Tatsache hat ganz
       falsche Anschauungen erzeugt -, daß im 16. und im 17. Jahrhundert
       die großen  Revolutionen, die mit den geographischen Entdeckungen
       im Handel  vorgingen [47]  und die Entwicklung des Kaufmannskapi-
       tals rasch  steigerten, ein  Hauptmoment bilden  in der Förderung
       des Übergangs  der feudalen  Produktionsweise in die kapitalisti-
       sche. Die plötzliche Ausdehnung des Weltmarkts, die Vervielfälti-
       gung der  umlaufenden Waren, der Wetteifer unter den europäischen
       Nationen, sich  der asiatischen  Produkte und  der amerikanischen
       Schätze zu bemächtigen, das Kolonialsystem, trugen wesentlich bei
       zur Sprengung  der feudalen  Schranken der Produktion. Indes ent-
       wickelte sich die moderne Produktionsweise, in ihrer ersten Peri-
       ode, der Manufakturperiode, nur da, wo die Bedingungen dafür sich
       innerhalb des  Mittelalters erzeugt  hatten. Man  vergleiche z.B.
       Holland mit  Portugal. 49)  Und wenn  im 16. und zum Teil noch im
       17. Jahrhundert  die plötzliche  Ausdehnung des  Handels und  die
       Schöpfung eines  neuen Weltmarkts einen überwiegenden Einfluß auf
       den Untergang  der alten  und den Aufschwung der kapitalistischen
       Produktionsweise ausübten,  so geschah  dies umgekehrt  auf Basis
       der einmal  geschaffnen  kapitalistischen  Produktionsweise.  Der
       Weltmarkt  bildet   selbst  die  Basis  dieser  Produktionsweise.
       Andrerseits, die  derselben immanente  Notwendigkeit,  auf  stets
       grüßrer Stufenleiter zu produzieren,
       ---
       49) Wie  sehr überwiegend  in der  holländischen Entwicklung, von
       andren Umständen abgesehn, die in Fischfang, Manufaktur und Agri-
       kultur gelegte Basis, ist schon von Schriftstellern des 18. Jahr-
       hunderts auseinandergesetzt worden. S. z.B. Massie. [48] - Im Ge-
       gensatz zu  der frühern  Auffassung, die Umfang und Bedeutung des
       asiatischen, antiken und mittelalterlichen Handels unterschätzte,
       ist es  Mode geworden, ihn außerordentlich zu Verschätzen. Am be-
       sten heilt  man sich  von dieser Vorstellung, wenn man die engli-
       sche Aus-  und Einfuhr gegen Anfang des 18. Jahrhunderts betrach-
       tet und  der heutigen  gegenüberstellt. Und  doch war  sie unver-
       gleichlich  größer  als  die  irgendeines  frühern  Handelsvolks.
       (Siehe Anderson. "History of Commerce" [p. 261 sqq.].)
       
       #346# IV. Abschnitt - Das kaufmännische Kapital
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       treibt zur beständigen Ausdehnung des Weltmarkts, so daß der Han-
       del hier nicht die Industrie, sondern die Industrie beständig den
       Handel revolutioniert.  Auch die  Handelsherrschaft ist jetzt ge-
       knüpft an  das größre oder geringre Vorwiegen der Bedingungen der
       großen Industrie Man vergleiche z.B. England und Holland. Die Ge-
       schichte des  Untergangs Hollands  als herrschender Handelsnation
       ist die Geschichte der Unterordnung des Handelskapitals unter das
       industrielle Kapital.  Die Hindernisse, die die innere Festigkeit
       und Gliederung  vorkapitalistischer, nationaler Produktionsweisen
       der auflösenden  Wirkung des  Handels entgegensetzt,  zeigt  sich
       schlagend im  Verkehr der  Engländer mit  Indien und  China.  Die
       breite Basis  der Produktionsweise  ist hier  gebildet durch  die
       Einheit kleiner  Agrikultur und  häuslicher Industrie, wobei noch
       in Indien  die Form  der auf  Gemeineigentum am  Boden beruhenden
       Dorfgemeinden hinzukommt,  die übrigens  auch in  China  die  ur-
       sprüngliche Form  war. In  Indien wandten  die Engländer zugleich
       ihre unmittelbare politische und ökonomische Macht, als Herrscher
       und Grundrentner,  an, um  diese kleinen ökonomischen Gemeinwesen
       zu sprengen.  50) Soweit ihr Handel hier revolutionierend auf die
       Produktionsweise wirkt,  ist es nur, soweit sie durch den niedri-
       gen Preis ihrer Waren die Spinnerei und Weberei, die einen uralt-
       integrierenden Teil dieser Einheit der industriell-agrikolen Pro-
       duktion bildet,  vernichten und  so  die  Gemeinwesen  zerreißen.
       Selbst hier  gelingt ihnen  dies Auflösungswerk  nur sehr allmäh-
       lich. Noch weniger in China, wo die unmittelbare poljtische Macht
       nicht zu  Hilfe kommt.  Die große Ökonomie und Zeitersparung, die
       aus der unmittelbaren Verbindung von Ackerbau und Manufaktur her-
       vorgehn, bieten  hier hartnäckigsten Widerstand den Produkten der
       großen Industrie,  in deren  Preis die faux frals des sie überall
       durchlöchernden Zirkulationsprozesses  eingehn. Im  Gegensatz zum
       englischen Handel  läßt dagegen  der  russische  die  ökonomische
       Grundlage der asiatischen Produktion unangetastet. 51)
       ---
       50) Wenn  die Geschichte  irgendeines Volks bietet die Wirtschaft
       der Engländer  in Indien  die Geschichte  verfehlter und wirklich
       alberner (in der Praxis infamer) ökonomischer Exprimente. In Ben-
       galen schufen  sie eine  Karikatur des englischen großen Grundei-
       gentums, im  südastlichen Indien  eine Karikatur des Parzellenei-
       gentums; im Nordwesten verwandelten sie, soviel an ihnen, das in-
       dische ökonomische  Gemeinwesen mit  Gemeineigentum am  Boden  in
       eine Karikatur seiner selbst.
       51) Seitdem Rußland die krampfhaftesten Anstrengungen macht, eine
       eigne kapitalistische  Produktion zu  entwickeln, die ausschließ-
       lich auf  den innern und den angrenzenden asiatischen Markt ange-
       wiesen ist, fängt dies auch an anders zu werden. - F.E.
       
       #347# 20. Kapitel - Geschichtliches über das Kaufmannskapital
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       Der Übergang  aus der  feudalen Produktionsweise  macht sich dop-
       pelt. Der  Produzent wird  Kaufmann und  Kapitalist, im Gegensatz
       zur agrikolen  Naturalwirtschaft und  zum zünftig gebundnen Hand-
       werk der  mittelalterlichen städtischen  Industrie. Dies  ist der
       wirklich revolutionierende  Weg. Oder  aber, der Kaufmann bemäch-
       tigt sich  der Produktion unmittelbar. Sosehr der letztre Weg hi-
       storisch als Übergang wirkt - wie z.B. der englische Clothier 1*)
       des 17.  Jahrhunderts, der  die Weber, die aber selbständig sind,
       unter seine  Kontrolle bringt,  ihnen ihre Wolle verkauft und ihr
       Tuch abkauft  -, sowenig  bringt er es an und für sich zur Umwäl-
       zung der  alten Produktionsweise, die er vielmehr konserviert und
       als seine  Voraussetzung beibehält.  So z.B. war großenteils noch
       bis in die Mitte dieses Jahrhunderts der Fabrikant in der franzö-
       sischen  Seidenindustrie,   der  englischen   Strumpfwaren-   und
       Spitzenindustrie bloß  nominell Fabrikant, in Wirklichkeit bloßer
       Kaufmann, der die Weber in ihrer alten zersplitterten Weise fort-
       arbeiten läßt  und nur  die Herrschaft  des Kaufmanns ausübt, für
       den sie  in der  Tat arbeiten. 52) Diese Manier steht überall der
       wirklichen kapitalistischen Produktionsweise im Wege und geht un-
       ter mit  deren Entwicklung. Ohne die Produktionsweise umzuwälzen,
       verschlechtert sie  nur die Lage der un. mittelbaren Produzenten,
       verwandelt  sie  in  bloße  Lohnarbeiter  und  Proletarier  unter
       schlechtem Bedingungen  als die  direkt unter  das Kapital subsu-
       mierten und  eignet sich ihre Mehrarbeit auf Basis der alten Pro-
       duktionsweise an.  Etwas modifiziert  besteht dasselbe Verhältnis
       bei einem Teil der Londoner handwerksmäßig betriebnen Möbelfabri-
       kation. Sie  wird namentlich  in den  Tower Hamlets [49] auf sehr
       ausgebreitetem Fuß  betrieben. Die  ganze Produktion  ist in sehr
       viele voneinander  unabhängige Geschäftszweige  geteilt. Das eine
       Geschäft macht  bloß Stühle,  das andre  bloß Tische,  das dritte
       bloß Schränke  usw. Aber  diese Geschäfte selbst werden mehr oder
       weniger handwerksmäßig  betrieben, von  einem kleinen Meister mit
       wenigen Gesellen.  Dennoch ist  die Produktion  zu massenhaft, um
       direkt für Private zu arbeiten. Ihre Käufer sind die Besitzer von
       Möbelmagazinen. Am Sonnabend begibt sich der Meister zu ihnen und
       verkauft sein  Produkt, wobei  ganz so über den Preis geschachert
       wird wie  im Pfandhaus  über den  Vorschuß auf  dies  oder  jenes
       Stück. Diese Meister bedürfen des wöchentlichen
       ---
       [52] Dasselbe  galt von  der rheinischen Band, und Litzenwirkerei
       und Seidenweberei.  Bei Krefeld  ist sogar  eine eigene Eisenbahn
       für den  Verkehr dieser  ländlichen Handweber mit den städtischen
       "Fabrikanten" gebaut,  aber seitdem  mitsamt den Handwebern durch
       die mechanische Weberei brachgelegt worden. - F.E.
       -----
       1*) Tuchhändler
       
       #348# IV. Abschnitt - Das kaufmännische Kapital
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       Verkaufs, schon  um für die nächste Woche wieder RohmaterW kaufen
       und Arbeitslohn  auszahlen zu können. Unter diesen Umständen sind
       sie eigentlich nur Zwischenschleber zwischen dem Kaufmann und ih-
       ren eignen  Arbeitern. Der  Kaufmann ist  der eigentliche Kapita-
       list, der  den größten  Teil des  Mehrwerts in die Tasche steckt.
       53) So  ähnlich beim  Übergang in die Manufaktur aus den Zweigen,
       die früher handwerksmäßig oder als Nebenzweige der ländlichen In-
       dustrie betrieben  worden. Je  nach der  technischen Entwicklung,
       die dieser  kleine Selbstbetrieb hat - wo er selbst schon Maschi-
       nen anwendet,  die handwerksmäßigen  Betrieb zulassen  -,  findet
       auch Übergang  zur großen  Industrie statt,  die  Maschine  wird,
       statt mit  der Hand,  mit Dampf  getrieben; wie dies z. B. in der
       letzten Zeit im englischen Strumpfwarengeschäft sich ereignet.
       Es findet  also ein dreifacher Übergang statt: Erstens, der Kauf-
       mann wird direkt Industrieller; dies ist der Fall bei den auf den
       Handel gendeten  Gewerben, namentlich bei Luxusindustrien, welche
       von den  Kaufleuten mitsamt  den Rohstoffen und den Arbeitern aus
       der Fremde  eingeführt werden,  wie im fünfzehnten Jahrhundert in
       Italien aus  Konstantinopel. Zweitens,  der  Kaufmann  macht  die
       kleinen Meister  zu  seinen  Zwischenschiebern  (middlemen)  oder
       kauft auch  direkt vom  Selbstproduzenten; er  läßt ihn  nominell
       selbständig und  läßt seine  Produktionsweise unverändert.  Drit-
       tens, der  Industrielle wird  Kaufmann und  produziert direkt  im
       großen für den Handel.
       Im Mittelalter  ist der Kaufmann bloß "Verleger", wie Poppe rich-
       tig sagt  [50], der sei es von den Zünftlern, sei es von den Bau-
       ern produzierten  Waren. Der  Kaufmann  wird  Industrieller  oder
       vielmehr läßt die handwerksmäßige, besonders die ländliche kleine
       Industrie für sich arbeiten. Andrerseits wird der Produzent Kauf-
       mann. Statt  daß z.B.  der Tuchwebermeister  seine Wolle nach und
       nach in  kleinen Portionen vom Kaufmann erhält und mit seinen Ge-
       sellen für  diesen arbeitet,  kauft er selbst Wolle oder Garn und
       verkauft sein  Tuch an den Kaufmann. Die Produktionselemente gehn
       als von  ihm selbst  gekaufte Waren in den Produktionsprozeß ein.
       Und statt  für den einzelnen Kaufmann zu produzieren oder für be-
       stimmte Kunden,  produziert der  Tuchweber jetzt für die Handels-
       welt. Der  Produzent ist selbst Kaufmann. Das Handelskapital ver-
       richtet nur  noch den  Zirkulationsprozeß. Ursprünglich  war  der
       Handel Voraussetzung für die
       ---
       53) Dies  System ist  seit 1865 auf noch weit größerem Fuß ausge-
       bildet worden.  Ausführliches darüber  im First Report of the Se-
       lect Committee  of the  House of  Lords on  the Sweating System",
       London 1888. - F.E.
       
       #349# 20. Kapitel - Geschichtliches über das Kaufmannskapital
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       Verwandlung des  zünftigen und  ländlich-häuslichen Gewerbes  und
       des feudalen Ackerbaus in kapitalistische Betriebe. Er entwickelt
       das Produkt  zur Ware,  teils indem  er ihm  einen Markt schafft,
       teils indem er neue Warenäquivalente und der Produktion neue Roh-
       und Hilfsstoffe zuführt und damit Produktionszweige eröffnet, die
       von vornherein  auf den Handel gegründet sind, sowohl auf Produk-
       tion für  den Markt und Weltmarkt wie auf Produktionsbedingungen,
       die aus  dem Weltmarkt herstammen. Sobald die Manufaktur einiger-
       maßen erstarkt,  und noch  mehr die  große Industrie, schafft sie
       sich ihrerseits  den Markt,  erobert ihn  durch ihre Waren. Jetzt
       wird der  Handel Diener der industriellen Produktion, für die be-
       ständige Erweiterung  des Markts  Lebensbedingung ist. Eine stets
       ausgedehntere Massenproduktion  überschwemmt den vorhandnen Markt
       und arbeitet  daher stets  an Ausdehnung dieses Markts, an Durch-
       brechung seiner Schranken. Was diese Massenproduktion beschränkt,
       ist nicht  der Handel  (soweit dieser  nur existierende Nachfrage
       ausdrückt), sondern  die Größe  des funktionierenden Kapitals und
       die entwickelte Produktivkraft der Arbeit. Der industrielle Kapi-
       talist hat  beständig den Weltmarkt vor sich, vergleicht, und muß
       beständig vergleichen, seine eignen Kostpreise mit den Marktprei-
       sen nicht  nur der  Heimat, sondern  der ganzen  Welt. Diese  Ver
       Gleichung fällt  in der  frühem Periode  fast ausschließlich  den
       Kaufleuten zu  und sichert  so dem  Handelskapital die Herrschaft
       über das industrielle.
       Die erste theoretische Behandlung der modernen Produktionsweise -
       das Merkantilsystem  - ging notwendig aus von den oberflächlichen
       Phänomenen des Zirkulationsprozesses, wie sie in der Bewegung des
       Handelskapitals verselbständigt  sind, und  griff daher  nur  den
       Schein auf.  Teils weil  das Handelskapital  die erste freie Exi-
       stenzweise des  Kapitals überhaupt  ist. Teils wegen des überwie-
       genden Einflusses,  den es  in der  ersten Umwälzungsperiode  der
       feudalen Produktion,  der Entstehungsperiode der modernen Produk-
       tion ausübt. Die wirkliche Wissenschaft der modernen Ökonomie be-
       ginnt erst,  wo die theoretische Betrachtung vom Zirkulationspro-
       zeß zum  Produktionsprozeß übergeht. Das zinstragende Kapital ist
       zwar auch uralte Form des Kapitals. Warum aber der Merkantilismus
       nicht von  ihm ausgeht, sondern sich vielmehr polemisch dazu ver-
       hält, werden wir später sehn.

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