Quelle: MEW 25 Das Kapital - Dritter Band
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VIERUNDZWANZIGSTES KAPITEL
Veräußerlichung des Kapitalverhältnisses in der Form des zinstra-
genden Kapitals
Im zinstragenden Kapital erreicht das Kapitalverhältnis seine äu-
ßerlichste und fetischartigste Form. Wir haben hier G-G', Geld,
das mehr Geld erzeugt, sich selbst verwertenden Wert, ohne den
Prozeß, der die beiden Extreme vermittelt. Im Kaufmannskapital,
G-W-G', ist wenigstens die allgemeine Form der kapitalistischen
Bewegung vorhanden, obgleich sie sich nur in der Zirkulations-
sphäte hält, der Profit daher als bloßer Veräußerungsprofit er-
scheint; aber immerhin stellt er sich dar als ein Produkt eines
gesellschaftlichen Verhältnisses, nicht als Produkt eines bloßen
Dings. Die Form des Kaufmannskapitals stellt immer noch einen
Prozeß dar, die Einheit entgegengesetzter Phasen, eine Bewegung,
die in zwei entgegengesetzte Vorgänge zerfällt, in Kauf und Ver-
kauf von Waren. Dies ist ausgelöscht in G-G', der Form des zins-
tragenden Kapitals. Wenn z. B. 1000 Pfd.St. vom Kapitalisten aus-
geliehen werden, und der Zinsfuß ist 5%, so ist der Wert von 1000
Pfd.St. als Kapital für 1 Jahr = C + Cz', wo C das Kapital und z'
der Zinsfuß, also hier 5% = 5/100 = 1/20, 1000 + 1000 x 1/20 =
1050 Pfd.St. Der Wert von 1000 Pfd.St. als Kapital ist 1050
Pfd.St., d.h. das Kapital ist keine einfache Größe. Es ist Grö-
ßenverhältnis, Verhältnis als Hauptsumme, als gegebner Wert, zu
sich selbst als sich verwertendem Wert, als Hauptsumme, die einen
Mehrwert produziert hat. Und wie man gesehn, stellt sich das Ka-
pital als solches dar, als dieser unmittelbar sich verwertende
Wert, für alle aktiven Kapitalisten, ob sie mit eignem oder ge-
borgtem Kapital fungieren.
G-G': Wir haben hier den ursprünglichen Ausgangspunkt des Kapi-
tals, das Geld in der Formel G-W-G' reduziert auf die beiden Ex-
treme G-G', wo G '= G + delta G, Geld, das mehr Geld schafft. Es
ist die ursprüngliche und allgemeine Formel des Kapitals, auf ein
sinnloses Resumé zusammengezogen. Es ist das fertige Kapital,
Einheit von Produktionsprozeß
#405# 24. Kapitel - Veräußerlichung des Kapitalverhältnisses usw.
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und und Zirkulationsprozeß, und daher in bestimmter Zeitperiode
bestimmten Mehrwert abwerfend. In der Form des zinstragenden Ka-
pitals erscheint dies unmittelbar, unvermittelt durch Produkti-
onsprozeß und zirkulationsprozeß. Das Kapital erscheint als my-
steriöse und selbstschöpferische Quelle des Zinses, seiner eignen
Vermehrung. Das Ding (Geld, Ware, Wert) ist nun als bloßes Ding
schon Kapital, und das Kapital erscheint als bloßes Ding; das Re-
sultat des gesamten Reproduktionsprozesses erscheint als eine,
einem Ding von selbst zukommende Eigenschaft; es hängt ab von dem
Besitzer des Geldes, d.h. der Ware in ihrer stets austauschbaren
Form, ob er es als Geld verausgaben oder als Kapital vermieten
will. Im Zinstragenden Kapital ist daher dieser automatische Fe-
tisch rein herausgearbeitet, der sich selbst verwertende Wert,
Geld hackendes Geld, und trägt es in dieser Form keine Narben
seiner Entstehung mehr. Das gesellschaftliche Verhältnis ist
vollendet als Verhältnis eines Dings, des Geldes, zu sich selbst.
Statt der wirklichen Verwandlung von Geld in Kapital zeigt sich
hier nur ihre inhaltlose Form. Wie bei der Arbeitskraft wird der
Gebrauchswert des Geldes hier der, Wert zu schaffen, größren
Wert, als der in ihm selbst enthalten ist. Das Geld als solches
ist bereits potentiell sich verwertender Wert und wird als sol-
cher verliehen, was die Form des Verkaufens für diese eigentümli-
che Ware ist. Es wird ganz so Eigenschaft des Geldes, Wert zu
schaffen, Zins abzuwerfen, wie die eines Birnbaums, Birnen zu
tragen. Und als solches zinstragendes Ding verkauft der Geldver-
leiher sein Geld. Damit nicht genug. Das wirklich fungierende Ka-
pital, wie gesehn, stellt sich selbst so dar, daß es den Zins
nicht als fungierendes Kapital, sondern als Kapital an sich, als
Geldkapital abwirft.
Es verdreht sich auch dies: Während der Zins nur ein Teil des
Profits ist, d.h. des Mehrwerts, den der fungierende Kapitalist
dem Arbeiter auspreßt, erscheint jetzt umgekehrt der Zins als die
eigentliche Frucht des Kapitals, als das ursprüngliche, und der
Profit, nun in die Form des Unternehmergewinns verwandelt, als
bloßes im Reproduktionsprozeß hinzukommendes Accessorium und Zu-
tat. Hier ist die Fetischgestalt des Kapitals und die Vorstellung
vom Kapitalfetisch fertig. In G-G' haben wir die begriffslose
Form des Kapitals, die Verkehrung und Versachlichung der Produk-
tionsverhältnisse in der höchsten Potenz: zinstragende Gestalt,
die einfache Gestalt des Kapitals, worin es seinem eignen Repro-
duktionsprozeß vorausgesetzt ist; Fähigkeit des Geldes, resp. der
Ware, ihren eignen Wert zu verwerten, unabhängig von der Repro-
duktion - die Kapitalmystifikation in der grellsten Form.
Für die Vulgärökonomie, die das Kapital als selbständige Quelle
des
#406# V. Abschnitt - Das zinstragende Kapital
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Werts, der Wertschöpfung, darstellen will, ist natürlich diese
Form ein gefundnes Fressen, eine Form, worin die Quelle des Pro-
fits nicht mehr erkenntlich und worin das Resultat des kapitali-
stischen Produktionsprozessesgetrennt vom Prozeß selbst - ein
selbständiges Dasein erhält.
Erst im Geldkapital ist das Kapital zur Ware geworden, deren sich
selbst verwertende Qualität einen fixen Preis hat, der im jedes-
mallgen Zinsfuß notiert ist.
Als zinstragendes Kapital, und zwar in seiner unmittelbaren Form
als zinstragendes Geldkapital (die andren Formen des zinstragen-
den Kapitals, die uns hier nichts angehn, sind wieder von dieser
Form abgeleitet und unterstellen sie) erhält das Kapital seine
reine Fetischform, G-G' als Subjekt, verkaufbares Ding. Erstens
durch sein fortwährendes Dasein als Geld, eine Form, worin alle
Bestimmtheiten desselben ausgelöscht und seine realen Elemente
unsichtbar sind. Geld ist ja grade die Form, worin der Unter-
schied der Waren als Gebrauchswerte ausgelöscht ist, daher auch
der Unterschied der industriellen Kapitale, die aus diesen Waren
und ihren Produktionsbedingungen bestehn; es ist die Form, worin
Wert - und hier Kapital - als selbständiger Tauschwert existiert.
Im Reproduktionsprozeß des Kapitals ist die Geldform eine ver-
schwindende, ein bloßes Durchgangsmoment. Auf dem Geldmarkt dage-
gen existiert das Kapital stets in dieser Form. - Zweitens, der
von ihm erzeugte Mehrwert, hier wieder in der Form des Geldes,
erscheint ihm als solchem zukommend. Wie das Wachsen den Bäumen,
so scheint das Geldzeugen (????? 1*)) dem Kapital in dieser Form
als Geldkapital eigen.
Im zinstragenden Kapital ist die Bewegung des Kapitals ins Kurze
zusammengezogen; der vermittelnde Prozeß ist weggelassen, und so
ist ein Kapital 1000 fixiert als ein Ding, das an sich = 1000 2*)
ist und in einer gewissen Periode sich in 1100 verwandelt, wie
der Wein im Keller nach einer gewissen Zeit auch seinen Ge-
brauchswert verbessert. Das Kapital ist jetzt Ding, aber als Ding
Kapital. Das Geld hat jetzt Lieb' im Leibe. Sobald es verliehen
ist oder auch im Reproduktionspirozeß angelegt (insofern es dem
fungierenden Kapitalisten als seinem Eigentümer Zins abwirft, ge-
trennt vom Unternehmergewinn), wächst ihm der Zins an, es mag
schlafen oder wachen, sich zu Hause oder auf Reisen befinden, bei
Tag und bei Nacht. So ist im zinstragenden Geldkapital (und alles
Kapital ist seinem Wertausdruck nach Geldkapital oder gilt jetzt
als der Ausdruck des Geldkapitals) der fromme Wunsch des Schatz-
bildners realisiert.
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1*) Zins; Geborenes - 2 *) 1. Auflage: 1100
#407# 24. Kapitel - Veräußerlichung des Kapitalverhältnisses usw.
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Es ist dies Eingewachsensein des Zinses in das Geldkapital als in
ein Ding (wie hier die Produktion des Mehrwerts durch das Kapital
erscheint), was Luther in seiner naiven Polterei gegen den Wucher
so sehr beschäftigt. Nachdem er entwickelt, daß Zins verlangt
werden könne, wenn aus der nichterfolgten Rückzahlung am bestimm-
ten Termin dem Verleiher, der seinerseits zu zahlen hat, Unkosten
erwachsen oder wenn ihm ein Profit, den er durch Kaufen, z.B. ei-
nes Gartens, habe machen können, aus diesem Grunde verlorengeht,
fährt er fort:
"Nu ich dir sie (100 Gülden) geliehen habe, machest mir einen
Zwilling aus dem Schadewacht, dass hie nicht bezalen, und dort
nicht kaufen kann, und also zu beiden Teilen muss Schaden leiden,
das heisst man duplex interesse, damni emergentis et lucri ces-
santis 1*)... nachdem sie gehöret, dass Hans mit seinen verlieh-
nen Hundert Gülden hat Schaden gelitten und billige Erstattung
seines Schadens fordert, faren sie plumps einhin, und schlahen
auf ein jeglich Hundert Gülden, n a t ü r l i c h s o l c h e
z w e e n S c h a d e w a c h t a n g e w a c h s e n, näm-
lich, des Bezalens Unkost, und des versäumten Gartens Kauf, ge-
rade als weren den Hundert Gülden natürlich solche zween Schade-
wacht angewachsen, dass, wo Hundert Gülden vorhanden sind, die
thun sie aus, und rechnen darauf solche zween Schaden, die sie
doch nicht erlitten haben... Darum bist du ein Wucherer, der du
selber deinen errichten Schaden von deines Nähesten Gelde büs-
sest, den dir doch Niemand getan hat, und kannst ihn auch nicht
beweisen, noch berechnen. Solchen Schaden heissen die Juristen,
non verum sed phantasticum interesse 2*). Ein Schaden, den ein
jeglicher ihm selber ertreumet... es gilt nicht also sagen, Es
könnten die Schaden geschehn, dass ich nicht habe können bezalen
noch kaufen. Sonst heisst's, Ex contingente necessariums, aus dem
das nicht ist, machen das, das sein müsse, aus dem das ungewiss
ist, eitel gewiss Ding machen. Solt' solcher Wucher nicht die
Welt auffressen in kurzen Jahren... es ist zufällig Unglück, das
dem Leiher widerfaret, ohne seinen Willen, dass er sich erholen
muss, aber in den Handeln ist's umgekehrt und gar das Widerspiel,
da suchet und errichtet man Schaden, auf den benetigten Nehesten,
will damit sich neren und reich werden, faul und müssig prassen
und prangen von ander Leut Arbeit, sonder Sorge, Fahr und Scha-
den; dass ich sitze hinter dem Ofen und lasse meine Hundert Gül-
den für mich auf dem Lande werben, und doch weil es geliehen Geld
ist, gewiss im Beutel behalte, ohne all Fahr und Sorge, Lieber,
wer möchte das nicht?" (M. Luther, An die Pfarrherrn wider den
Wucher zu predigen etc.", Wittenberg 1540. [52])
Die Vorstellung vom Kapital als sich selbst reproduzierendem und
in der Reproduktion vermehrendem Wert, kraft seiner eingebornen
Eigenschaft als ewig währender und wachsender Wert - also kraft
der verborgnen
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1*) doppelten Schaden, der des entstehenden Verlusts und der des
versäumten Gewinns keinen wirklichen, sondern eingebildeten Scha-
den - 2*) Aus dem Zufälligen das Notwendige machen
#408# V. Abschnitt - Das zinstragende Kapital
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Qualität der Scholastiker -, hat zu den fabelhaften Einfällen des
Dr. Price, geleitet, die bei weitem die Phantasien der Alchimi-
sten hinter sich lassen; Einfällen, an die Pitt ernsthaft glaubte
und die er in seinen Gesetzen über den sinking fund [58] zu Säu-
len seiner Finanzwirtschaft machte.
"Geld, das Zinseszinsen trägt, wächst anfangs langsam; da aber
die Rate des Wachstums sich fortwährend beschleunigt, wird sie
nach einiger Zeit so rasch, daß sie jeder Einbildung spottet. Ein
Penny, ausgeliehen bei der Geburt unsers Erlösers auf Zinseszin-
sen zu 5%, wurde schon jetzt zu einer größren Summe herangewach-
sen sein, als enthalten wäre in 150 Millionen Erden, alle von ge-
diegnem Gold. Aber ausgelegt auf einfache Zinsen, würde er in
derselben Zeit nur angewachsen sein auf 7 sh. 4 1/2 d. Bis jetzt
hat unsre Regierung vorgezogen, ihre Finanzen auf diesem letzte-
ren, statt auf dem ersteren Weg zu verbessern." 80)
Noch höher fliegt er in seinen "Observations on reversionary pay-
ments etc.", London 1772:
"1 sh., ausgelegt bei der Geburt unsers Erlösers" (also wohl im
Tempel von Jerusalem) "zu 6% Zinzinsen, würde angewachsen sein zu
einer großem Summe als das ganze Sonnensystem einbegreifen
könnte, wenn in eine Kugel verwandelt von einem Durchmesser
gleich dem der Bahn des Saturn." - "Ein Staat braucht deswegen
sich nie in Schwierigkeiten zu befinden; denn mit den kleinsten
Ersparnissen kann er
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80) Richard Price, "An Appeal to the Public on the subject of the
National Debt", London 1772, p. 19. Er macht den naiven Witz: Man
muß Geld borgen zu einfachen Zinsen, um es auf Zinzeszinsen zu
vermehren." (R.Hamilton, "An Inquiry into the Rise and Progress
of the National Debt of Great Britain", 2,d ed., Edinburgh 1814
[p. 133.]) Darnach wäre Pumpen überhaupt das sicherste Mittel der
Bereicherung auch für Private. Aber wenn ich z.B. 100 Pfd.St. zu
5% jährlichem Zins aufnehme, habe ich Ende des Jahrs 5 Pfd.St. zu
zahlen, und gesetzt, dieser Vorschuß daure 100 Millionen Jahre,
so habe ich in der Zwischenzeit in jedem Jahr immer nur 100
Pfd.St. auszuleihen und ebenso in jedem Jahre 5 Pfd.St. zu zah-
len. Ich komme durch diesen Prozeß nie dazu, 105 Pfd.St. auszu-
leihen, dadurch, daß ich 100 Pfd.St. aufnehme. Und wovon soll ich
die 5% zahlen? Durch neue Anleihen, oder wenn ich der Staat bin,
durch Steuern. Nimmt aber der industrielle Kapitalist Geld auf,
so hat er bei einem Profit von sage 15%, 5% zu zahlen als Zins,
5% zu verzehren (obgleich sein Appetit wächst mit seiner Ein-
nahme) und 5% zu kapitalisieren. Es sind also schon 15% Profit
vorausgesetzt, um beständig 5% Zins zu zahlen. Dauert der Prozeß
fort, so fällt die Profitrate aus den schon entwickelten Gründen,
sage von 15% auf 10%. Aber Price vergißt ganz, daß der Zins von
5% eine Profitrate von 15% voraussetzt, und läßt diese mit der
Zirkulation des Kapitals fortdauern. Er hat überhaupt nichts mit
dem wirklichen Zirkulationsprozeß zu tun, sondern nur Geld auszu-
leihen, damit es mit Zinseszinsen zurückfließe. Wie es das an-
fängt, ist ihm ganz gleichgültig, da dies ja die eingeborne Qua-
lität des zinstragenden Kapitals ist.
#409# 24. Kapitel - Veräußerlichung des Kapitalverhältnisses usw.
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die größte Schuld abzahlen in einer so kurzen Zeit wie sein In-
teresse erfordern mag." (p. XIII, XIV.)
Welche hübsche theoretische Einleitung zur englischen Staats-
schuld!
Price wurde einfach geblendet durch die Ungeheuerlichkeit der
Zahl, die aus geometrischer Progression entsteht. Da er das Kapi-
tal, ohne Rücksicht auf die Bedingungen der Reproduktion und der
Arbeit, als selbsttätigen Automaten betrachtete, als eine bloße,
sich selbst vermehrende Zahl (ganz konnte wie Malthus den Men-
schen in seiner geometrischen Progression er wähnen, das Gesetz
seines Wachstums gefunden zu haben in der Formel
n
s = c (1 + z) ,
wo s = Summe von Kapital + Zinseszins, c = dem vorgeschoßnen Ka-
pital, z = dem Zinsfuß (in aliquoten Teilen von 100 ausgedrückt)
und n die Reihe der Jahre, worin der Prozeß vorgeht.
Pitt nimmt die Mystifikation des Dr. Price ganz ernst. 1786 hatte
das Haus der Gemeinen beschlossen, es solle 1 Million Pfd.St. er-
hoben werden für den öffentlichen Nutzen. Nach Price, an den Pitt
glaubte, war natürlich nichts besser, als das Volk besteuern, um
die so erhobne Summe zu "akkumulieren" und so die Staatsschuld
durch das Mysterium des Zinseszinses wegzuhexen. jener Resolution
des Hauses der Gemeinen folgte bald ein von Pitt veranlagtes Ge-
setz, das die Akkumulation von 250 000 Pfd. St. anordnete,
"bis daß, mit den verfallnen Librenten, der Fonds auf 4 000 000
Pfd.St. jährlich angewachsen sei". (Act 26 Georg III., Kap. 31.
[60])
In seiner Rede von 1792, worin Pitt die dem Tilgungsfonds gewid-
mete Summe zu vermehren vorschlug, führte er an unter den Ursa-
chen des kommerziellen Übergewichts Englands: Maschinen, Kredit
etc., aber als
"die ausgedehnteste und dauerhafteste Ursache die Akkumulation.
Dies Prinzip sei nun vollständig entwickelt und hinreichend er-
klärt in dem Werk Smiths, dieses Genies... diese Akkumulation der
Kapitale bewirke sich, indem man mindestens einen Teil des jähr-
lichen Profits zurücklege, um die Hauptsumme zu vermehren, die in
derselben Weise im nächsten Jahr zu verwenden sei und so einen
kontinuierlichen Profit gebe."
Vermittelst des Dr. Price verwandelt Pitt so Smiths Akkumulati-
onstheorie in die Bereicherung eines Volks durch Akkumulation von
Schulden und kommt in den angenehmen Progreß ins Unendliche der
Anleihen, Anleihen, um Anleihen zu zahlen.
Wir finden schon bei Josias Child, dem Vater des modernen Ban-
kiertums, daß
#410# V. Abschnitt - Das zinstragende Kapital
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"100 Pfd.St. zu 10% in 70 Jahren, bei Zins von Zins, 102 400
Pfd.St. produzieren wurden." ("Traité sur le commerce etc. par J.
Child, traduit etc.", Amsterdam et Berlin 1754, p. 115. Geschrie-
ben 1669.)
Wie die Anschauung des Dr. Price bei der modernen Ökonomie gedan-
kenlos unterläuft, zeigt der "Economist" in folgender Stelle:
"Capital, with compound interest on every portion of capital sa-
ved, is so allengrossing that all the wealth in the worid from
which income is derived, has long ago become the interest of ca-
pital... all rent is now the payment of interest Ort capital pre-
viously invested in the land." 1*) ("Economist", 19 July 1851.)
In seiner Eigenschaft als zinstragendes Kapital gehört dem Kapi-
tal aller Reichtum, der überhaupt je produziert werden kann, und
alles, was es bisher erhalten hat, ist nur Abschlagszahlung an
seinen all-engrossing Appetit. Nach seinen eingebornen Gesetzen
gehört ihm alle Surplusarbeit, die das Menschengeschlecht je lie-
fern kann. Moloch.
Schließlich noch folgender Galimathias des "romantischen" Müller:
"Des Dr. Price ungeheurer Anwachs des Zinseszinses, oder der sich
selbst beschleunigenden Kräfte der Menschen, setzt, wenn er diese
ungeheuren Wirkungen hervorbringen soll, eine ungeteilte oder un-
gebrochne gleichförmige Ordnung durch mehrere Jahrhunderte vor-
aus. Sobald das Kapital zerteilt, in mehrere einzelne, in sich
fortwachsende Ableger zerschnitten wird, fängt der gesamte Prozeß
der Akkumulation von Kräften von neuem an. Die Natur hat die Pro-
gression der Kraft auf eine Laufbahn von etwa 20 bis 25 Jahren,
die im Durchschnitt etwa jedem einzelnen Arbeiter (!) zuteil wer-
den, verteilt. Nach Ablauf dieser Zeit verläßt der Arbeiter seine
Laufbahn, und muß er nun das durch den Zinseszins der Arbeit ge-
wonnene Kapital einem neuen Arbeiter übertragen, meistenteils es
unter mehrere Arbeiter oder Länder verteilen. Diese müssen das
ihnen zufallende Kapital, ehe sie eigentlichen Zinseszins davon
ziehn können, erst beleben und anwenden lernen. Ferner wird eine
ungeheure Menge des Kapitals, das die bürgerliche Gesellschaft
gewinnt, auch selbst in den bewegtesten Gemeinwesen, lange Jahre
hindurch allmählich aufgehäuft und nicht zur unmittelbaren Erwei-
terung der Arbeit verwendet, vielmehr, sobald eine namhafte Summe
zusammengebracht ist, einem andern Individuum, einem Arbeiter,
einer Bank, Staat, unter der Benennung Anleihe übertragen, wo
dann der Empfänger, indem er das Kapital in wirkliche Bewegung
setzt, aus demselben Zinseszins zieht, und sich leicht anheischig
machen kann, dem Darbringer einfache Zinsen zu bezahlen. Endlich
reagiert gegen jene ungeheuren Progressionen, in welchen sich die
Kräfte der Menschen
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1*) Kapital mit Zinseszins auf jeden Teil des gesparten Kapitals
reißt so sehr alles an sich, daß aller Reichtum der Welt, aus dem
man Einkommen zieht, längst zu Zins von Kapital geworden ist...
alle Rente ist ietzt die Zinszahlung auf Kapital, das früher im
Boden angelegt wurde."
#411# 24.Kapitel - Veräußerlichung des Kapitalverhältnisses usw.
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und ihr Produkt vermehren möchten, wenn das Gesetz der Produktion
oder der Sparsamkeit allein gelten sollen, das Gesetz des Verzeh-
rens, Begehren, Verschwendung." (A. Müller, l.c. III., p. 147-
149.)
Es ist unmöglich, in wenigen Zeilen mehr haarsträubenden Unsinn
zusammenzufaseln. Nicht zu erwähnen der drolligen Verwechslung
von Arbeiter und Kapitalist, von Wert der Arbeitskraft und Zins
von Kapital usw., soll die Abnahme des Zinseszinses u. a. daraus
erklärt werden, daß Kapital "ausgeliehen" wird, wo es "dann Zin-
seszins" bringt. Das Verfahren unsers Müller ist für die Romantik
in allen Fächern charakteristisch. Ihr Inhalt besteht aus All-
tagsvorurteilen, abgeschöpft von dem oberflächlichsten Schein der
Dinge. Dieser falsche und triviale Inhalt soll dann durch eine
mystifizierende Ausdrucksweise "erhöht" und poetisiert werden.
Der Akkumulationsprozeß des Kapitals kann insofern als Akkumula-
tion von Zinseszins aufgefaßt werden, als der Teil des Profits
(Mehrwerts), der in Kapital rückverwandelt wird, d.h. zur Aufsau-
gung von neuer Mehrarbeit dient, Zins genannt werden kann. Aber:
1. Von allen zufälligen Störungen abgesehn, wird im Lauf des Re-
produktionsprozesses beständig ein großer Teil des vorhandnen Ka-
pitals mehr oder weniger entwertet, weil der Wert der Waren be-
stimmt ist nicht durch die Arbeitszeit, die ihre Produktion ur-
sprünglich kostet, sondern durch die Arbeitszeit, die ihre Repro-
duktion kostet, und diese infolge der Entwicklung der gesell-
schaftlichen Produktivkraft der Arbeit fortwährend abnimmt. Auf
einer höhern Entwicklungsstufe der gesellschaftlichen Produktivi-
tät erscheint daher alles vorhandne Kapital, statt als das Resul-
tat eines langen Prozesses der Kapitalaufsparung, als das Resul-
tat einer verhältnismäßig sehr kurzen Reproduktionszeit. 81)
2) Wie im Abschnitt III dieses Buchs bewiesen, nimmt die Pro-
fitrate ab im Verhältnis zur steigenden Akkumulation des Kapitals
und der ihr entsprechenden steigernden Produktivkraft der gesell-
schaftlichen Arbeit, die sich gerade in der wachsenden relativen
Abnahme des variablen Kapitaltells, gegenüber dem konstanten,
ausdrückt. Um dieselbe Profitrate hervorzubringen, wenn das von
einem Arbeiter in Bewegung gesetzte konstante Kapital sich ver-
zehnfacht, müßte die Mehrarbeitszeit sich verzehnfachen, und bald
würde die ganze Arbeitszeit, ja die 24 Stunden des Tages dazu
nicht hinreichen, selbst wenn ganz vom Kapital angeeignet. Die
Vorstellung, daß die Profitrate sich nicht verringert, liegt aber
der Priceschen Progression
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81) Sieh Mill und Carey, und Roschers mißverständlichen Kommentar
dazu. [61]
#412# V. Abschnitt - Das zinstragende Kapital
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zugrunde und Oberhaupt dem all-engrossing capital, with compound
interest" 1*). 82)
Durch die Identität des Mehrwerts mit der Mehrarbeit ist eine
qualitative Grenze für die Akkumulation des Kapitals gesetzt: der
G e s a m t a r b e i t s t a g, die jedesmal vorhandne Entwick-
lung der Produktivkräfte und der Bevölkerung, welche die Anzahl
der gleichzeitig exploitierbaren Arbeitstage begrenzt. Wird dage-
gen der Mehrwert in der begriffslosen Form des Zinses gefaßt, so
ist die Grenze nur quantitativ und spottet jeder Phantasie. In
dem zinstragenden Kapital ist aber die Vorstellung vom Kapitalfe-
tisch vollendet, die Vorstellung, die dem aufgehäuften Ar-
beitsprodukt, und noch dazu fixiert als Geld, die Kraft zu-
schreibt, durch eine eingeborne geheime Qualität, als reiner Au-
tomat, in geometrischer Progression Mehrwert zu erzeugen, so daß
dies aufgehäufte Arbeitsprodukt, wie der "Economist" meint, allen
Reichtum der Welt für alle Zeiten als ihm von Rechts wegen gehö-
rig und zufallend schon längst diskontiert hat. Das Produkt ver-
gangner Arbeit, die vergangne Arbeit selbst, ist hier an und für
sich geschwängert mit einem Stück gegenwärtiger oder zukünftiger
lebendiger Mehrarbeit. Man weiß dagegen, daß in der Tat die Er-
haltung, und insoweit auch die Reproduktion des Werts der Pro-
dukte vergangner Arbeit nur das Resultat ihres Kontakts mit der
lebendigen Arbeit ist; und zweitens: daß das Kommando der Pro-
dukte vergangner Arbeit über lebendige Mehrarbeit grade nur so
lange dauert, wie das Kapitalverhältnis dauert, das bestimmte so-
ziale Verhältnis, worin die vergangne Arbeit selbständig und
übermächtig der lebendigen gegenübertritt.
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82) "Es ist klar, daß keine Arbeit, keine Produvkraft, kein
Scharfsinn und keine Kunst den überwältigenden Ansprüchen des
Zinseszinses Genüge tun kann. Aber alle Ersparnis wird von der
Revenue des Kapitalisten gemacht, so daß wirklich diese Ansprüche
dauernd gestellt werden und die Produktivkraft der Arbeit sich
ebenso dauernd weigert, sie zu befriedigen. Es wird daher bestän-
dig eine Art Ausgleichung geschaffen." ("Labour defended against
the Claims of Capital", p. 23. - Von Hodgskin.)
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1*) "Kapital mit Zinseszins, das alles an sich reißt"
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