Quelle: MEW 25 Das Kapital - Dritter Band


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       FÜNFUNDZWANZIGSTES KAPITEL
       Kredit und fiktives Kapital
       
       Die eingehende  Analyse des Kreditwesens und der Instrumente, die
       es sich schafft (Kreditgeld usw.), liegt außerhalb unsers Planes.
       Es sind  hier nur  einige wenige  Punkte hervorzuheben, notwendig
       zur Charakteristik  der kapitalistischen  Produktionsweise  über-
       haupt. Wir  haben es dabei nur mit dem kommerziellen und Bankier-
       kredit zu  tun. Der  Zusammenhang zwischen dessen Entwicklung und
       der des öffentlichen Kredits bleibt außer Betracht.
       Ich habe  früher (Buch  I, Kap.  III, 3, b) gezeigt, wie sich aus
       der einfachen  Warenzirkulation die  Funktion des Geldes als Zah-
       lungsmittel und  damit ein Verhältnis von Gläubiger und Schuldner
       unter den Warenproduzenten und Warenhändlern bildet. Mit der Ent-
       wicklung des  Handels und  der kapitalistischen Produktionsweise,
       die nur  mit Rücksicht auf die Zirkulation produziert, wird diese
       naturwüchsige Grundlage  des Kreditsystems  erweitert,  verallge-
       meinert, ausgearbeitet.  Im großen  und ganzen  fungiert das Geld
       hier nur  als Zahlungsmittel,  d.h. die  Ware wird verkauft nicht
       gegen Geld,  sondern gegen ein schriftliches Versprechen der Zah-
       lung an einem bestimmten Termin. Diese Zahlungsversprechen können
       wir der Kürze halber sämtlich unter der allgemeinen Kategorie von
       Wechseln zusammenfassen.  Bis zu  ihrem Verfall- und Zahlungstage
       zirkulieren solche  Wechsel selbst wieder als Zahlungsmittel; und
       sie bilden  das eigentliche  Handelsgeld. Soweit  sie schließlich
       durch Ausgleichung  von Forderung  und Schuld sich aufheben, fun-
       gieren sie  absolut als  Geld, indem dann keine schließliche Ver-
       wandlung in  Geld stattfindet.  Wie  diese  wechselseitigen  Vor-
       schüsse der Produzenten und Kaufleute untereinander die eigentli-
       che Grundlage des Kredits bilden, so bildet deren Zirkulationsin-
       strument, der  Wechsel, die  Basis des  eigentlichen Kreditgelds,
       der Banknoten  usw. Diese  beruhen nicht  au der Geldzirkulation,
       sei es  von metallischem  Geld oder von Staatspapiergeld, sondern
       auf der Wechselzirkulation.
       
       #414# V. Abschnitt - Das zinstragende Kapital
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       W. Leatham (Bankier in Yorkshire), "Letters on the Currency", 2nd
       edit., London 1840:
       
       "Ich finde,  daß der  Gesamtbetrag der Wechsel für das ganze Jahr
       1839 war 528 493 842 Pfd.St." (er nimmt die ausländischen Wechsel
       auf ungefähr 1/7 1*) des Ganzen an) "und der Betrag der im selben
       Jahr gleichzeitig  laufenden Wechsel 132 123 460 Pfd.St." (p. 55,
       56.) Die Wechsels in dem Bestandteil der Zirkulation, von größerm
       Betrag als  alles übrige  zusammengenommen." (P.  3, 4.) - Dieser
       enorme Überbau  von Wechseln ruht (!) auf der Grundlage, gebildet
       durch den  Betrag der  Banknoten und des Goldes; und wenn im Lauf
       der Ereignisse  diese Grundlage sich zu sehr verengen, gerät ihre
       Solidität und selbst ihre Existenz in Gefahr." (p. 8.) - "Schätzt
       man die  ganze Zirkulation" (er meint die Banknoten) "und den Be-
       trag  der  Verpflichtungen  sämtlicher  Banken,  wofür  sofortige
       Barzahlung verlangt  werden kann, so finde ich eine Summe von 153
       Millionen, deren  Verwandlung in  Gold nach  dem Gesetz  verlangt
       werden kann, und dagegen 14 Millionen in Gold, um diese Forderung
       zu befriedigen."  (p. 11.) - "Die Wechsel können nicht unter Kon-
       trolle gestellt werden, es sei denn, daß man den Geldüberfluß und
       den niedrigen  Zinsfuß oder  Diskonto verhindert,  der einen Teil
       davon erzeugt  und diese  große und  gefährliche Expansion ermun-
       tert. Es  ist unmöglich zu entscheiden, wieviel davon von wirkli-
       chen Geschäften  herrührt, z.B. von wirklichen Käufen und Verkäu-
       fen, und  welcher Teil künstlich gemacht (fictitious) ist und nur
       aus Reitwechseln  besteht, d.h.  wo ein  Wechsel gezogen wird, um
       einen laufenden  vor Verfall aufzunehmen und so durch Herstellung
       bloßer Umlaufsmittel  fingiertes Kapital  zu kreieren.  In Zeiten
       überflüssigen und wohlfeilen Geldes weiß ich, daß dies bis zu ei-
       nem enormen Grade geschieht." (p. 43, 44.)
       
       J. W.  Bosanquet, "Metallic,  Paper, and Credit Currency", London
       1842:
       
       "Der Durchschnittsbetrag  der an  jedem Geschäftstag  im Clearing
       House" [wo  die Londoner  Bankiers gegenseitig  die  eingezahlten
       Schecks und  fälligen Wechsel  austauschen] "erledigten Zahlungen
       ist über 3 Millionen Pfd.St., und der zu diesem Zweck nötige täg-
       liche Geldvorrat ist wenig mehr als 200 000 Pfd.St." (p. 86.) {Im
       Jahr 1889  betrug der  Gesamtumschlag des Clearing House 7618 3/4
       Millionen Pfd.St.  oder bei rund 300 Geschäftstagen durchschnitt-
       lich 25  1/2 Millionen  täglich. - F.E.} "Wechsel sind unstreitig
       Zirkulationsmittel (currency),  unabhängig von  Geld, soweit  sie
       Eigentum übertragen  von Hand  zu Hand  vermittelst Endossement."
       (p. 92, 93.) "Im Durchschnitt ist anzunehmen, daß jeder zirkulie-
       rende Wechsel zwei Endossements trägt und daß im Durchschnitt je-
       der Wechsel  also zwei Zahlungen erledigt, ehe er verfällt. Hier-
       nach scheint  es, daß  allein durch  Endossement die Wechsel eine
       Eigentumsübertragung vermittelten  zum Wert  von zweimal 528 Mil-
       lionen oder 1056 Millionen Pfd.St., mehr als 3 Millionen täglich,
       im Lauf des Jahres 1839. Es ist daher sicher, daß Wechsel und De-
       positen zusammen  durch Eigentumsübertragung von Hand zu Hand und
       ohne Beihilfe von Geld, Geldfunktionen verrichten zu einem tägli-
       chen Belauf von mindestens 18 Millionen Pfd.St. (p. 93.)
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       1*) 1. Auflage: 1/5
       
       #415# 25. Kapitel - Kredit und fiktives Kapital
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       Tooke sagt folgendes über Kredit im allgemeinen:
       
       "Der Kredit,  in seinem  einfachsten Ausdruck,  ist das wohl oder
       übel begründete  Vertrauen, das  jemanden veranlaßt, einem andern
       einen gewissen  Kapitalbelauf anzuvertrauen, in Geld oder in, auf
       einen bestimmten  Geldwert abgeschätzten,  Waren, welcher  Betrag
       stets nach  Ablauf einer bestimmten Frist zahlbar ist. Wo das Ka-
       pital in  Geld verliehen  wird, d.h.  in Banknoten, oder in einem
       Barkredit oder in einer Anweisung auf einen Korrespondenten, wird
       ein Zuschlag von soundso viel Prozent auf ahlenden Betrag für den
       Gebrauch des Kapitals gemacht. Bei Waren, deren den rückzuzahlen-
       den Geldwert  zwischen den Beteiligten festgestellt ist und deren
       Übertragung einen  Verkauf ausmacht,  schließt die  festgestellte
       Summe, die  gezahlt werden  soll, eine  Entschädigung ein für den
       Gebrauch des Kapitals und für das bis zur Verfallzeit übernommene
       Risiko. Schriftliche  Zahlungsverpflichtungen auf  bestimmte Ver-
       falltage werden meist für solche Kredite gegeben. Und diese über-
       tragbaren Verpflichtungen oder Promessen bilden das Mittel, womit
       die Verleiher,  wenn sie Gelegenheit für den Gebrauch ihres Kapi-
       tals finden,  sei es in Form von Geld oder Waren, vor Verfallzeit
       dieser Wechsel, meistens imstande sind, wohlfeiler zu borgen oder
       zu kaufen,  indem ihr  eigner Kredit durch den des zweiten Namens
       auf dem  Wechsel verstärkt  wird." ("Inquiry  into  the  Currency
       Principle", p. 87.)
       
       Ch. Coquelin,  Du Crédit  et des Banques dans l'Industrie", Revue
       des deux Mondes" [62], 1842, tome 31 [p. 797].
       
       "In jedem  Lande vollzieht  sich die Mehrzahl der Kreditgeschäfte
       im Kreis  der industriellen  Beziehungen selbst...  der Produzent
       des Rohstoffs  schießt diesen  dem verarbeitenden Fabrikanten vor
       und erhält  von ihm  eine Zahlungspromesse  auf fixen Verfalltag.
       Der Fabrikant,  nach Ausführung  seines Teils der Arbeit, schießt
       wiederum und  zu ähnlichen  Bedingungen sein Produkt einem andern
       Fabrikanten vor,  der es  weiterverarbeiten muß, und so erstreckt
       sich der Kredit immer weiter, von einem zum andern bis zum Konsu-
       menten. Der  Großhändler macht  dem Kleinhändler Warenvorschüsse,
       während er  selbst solche  vom Fabrikanten  oder vom Kommissionär
       erhält. Jeder  borgt mit der einen Hand und leiht mit der andern,
       zuweilen Geld, aber weit häufiger Produkte. So vollzieht sich, in
       den industriellen  Beziehungen, ein  unaufhörlicher Austausch von
       Vorschüssen, die  sich kombinieren und in allen Richtungen durch-
       kreuzen. Grade  in der  Vervielfältigung und  dem Wachstum dieser
       gegenseitigem Vorschüsse besteht die Entwicklung des Kredits, und
       hier ist der wahre Sitz seiner Macht."
       
       Die andre Seite des Kreditwesens schließt sich an die Entwicklung
       des Geldhandels, die natürlich in der kapitalistischen Produktion
       Schritt hält  mit der  Entwicklung des Warenhandels. Wir haben im
       vorigen Abschnitt (Kapitel XIX) gesehn, wie sich die Aufbewahrung
       der Reservefonds  der Geschäftsleute, die technischen Operationen
       des Geldeinnehmens und Auszahlens, der internationalen Zahlungen,
       und damit der Barrenhandell in den Händen der Geldhändler konzen-
       triert. Im Anschluß an diesen Geld-
       
       #416# V. Abschnitt - Das zinstragende Kapital
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       handel entwickelt sich die andre Seite des Kreditwesens, die Ver-
       waltung des zinstragenden Kapitals oder des Geldkapitals, als be-
       sondre Funktion  der Geldhändler.  Das Borgen  und Verleihen  des
       Geldes wird  ihr besondres  Geschäft. Sie  treten als  Vermittler
       zwischen den wirklichen Verleiher und den Borger von Geldkapital.
       Allgemein ausgedruckt  besteht das  Bankiergeschäft  nach  dieser
       Seite darin, das verleihbare Geldkapital in seiner Hand zu großen
       Massen zu  konzentrieren, so  daß statt des einzelnen Geldverlei-
       hers die  Bankiers als Repräsentanten aller Geldverleiher den in-
       dustriellen und  kommerziellen Kapitalisten  gegenübertreten. Sie
       werden die  allgemeinen Verwalter  des Geldkapitals.  Andrerseits
       konzentrieren sie,  allen Verleihern gegenüber, die Borger, indem
       sie für  die ganze  Handelswelt borgen.  Eine Bank stellt auf der
       einen Seite  die Zentralisation  des Geldkapitals, der Verleiher,
       auf der  andern die Zentralisation der Borger dar. Ihr Profit be-
       steht im  allgemeinen darin,  daß sie  zu niedrigem Zinsen borgt,
       als sie ausleiht.
       Das verleihbare  Kapital, worüber die Banken verfügen, fließt ih-
       nen in  mehrfacher Weise  zu. Zunächst konzentriert sich in ihrer
       Hand, da  sie Kassierer  der industriellen Kapitalisten sind, das
       Geldkapital, das  jeder Produzent  und Kaufmann  als Reservefonds
       hält oder  das hin  als Zahlung  zufließt. Diese Fonds verwandeln
       sich so  in verleihbares  Geldkapital. Dadurch  wird  der  Reser-
       vefonds der  Handelswelt,  weil  als  gemeinschaftlicher  konzen-
       triert, auf das nötige Minimum beschränkt, und ein Teil des Geld-
       kapitals, der  sonst als Reservefonds schlummern würde, wird aus-
       geliehen, fungiert  als zinstragendes  Kapital.  Zweitens  bildet
       sich ihr verleihbares Kapital aus den Depositen der Geldkapitali-
       sten, die  ihnen das Ausleihen derselben überlassen. Mit der Ent-
       wicklung des  Banksystems und namentlich, sobald sie Zins für De-
       positen zahlen,  werden ferner die Geldersparnisse und das augen-
       blicklich unbeschäftigte  Geld aller Klassen bei ihnen deponiert.
       Kleine Summen,  jede für  sich unfähig, als Geldkapital zu wirken
       werden zu  großen Massen  vereinigt und bilden so eine Geldmacht.
       Diese Ansammlung  kleiner Beträge  muß als  besondre Wirkung  des
       Banksystems unterschieden  werden von  seiner Mittlerschaft  zwi-
       schen den  eigentlichen Geldkapitalisten und den Borgern. Endlich
       werden auch die Revenuen, die nur allmählich verzehrt werden sol-
       len, bei  den Banken  deponiert. Das Verleihen (wir haben es hier
       nur mit  dem eigentlichen  Handelskredit zu  tun) geschieht durch
       Diskontleren der  Wechsel - Verwandlung derselben in Geld vor ih-
       rer Verfallzeit  - und  durch Vorschüsse  in verschiednen Formen:
       direkte Vorschüsse auf persönlichen Kredit, Lombardvorschüsse auf
       zinstragende Papiere, Staatseffekten, Aktien aller Art,
       
       #417# 25. Kapitel - Kredit und fiktives Kapital
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       namentlich aber auch Vorschüsse auf Ladescheine, Dockwarrants 1*)
       und andre  beglaubigte Besitztitel  auf Waren,  durch Überziehung
       über die Depositen usw.
       Der Kredit nun, den der Bankier gibt, kann in verschiednen Formen
       gegeben werden,  z.B. n  Wechseln auf  andre Banken,  Schecks auf
       solche, Krediteröffnungen  derselben Art, endlich, bei Banken mit
       Notenausgabe, in  den eignen Banknoten der Bank. Die Banknote ist
       nichts als  ein Wechsel auf den Bankier, zahlbar jederzeit an den
       Inhaber, und  vom Bankier  den Privatwechseln  substituiert.  Die
       letztere Form  des Kredits erscheint dem Laien besonders frappant
       und wichtig,  erstens weil  diese Art  Kreditgeld aus  der bloßen
       Handelszirkulation heraus in die allgemeine Zirkulation tritt und
       hier als  Geld fungiert;  auch weil  in den  meisten Ländern  die
       Hauptbanken, welche  Noten ausgeben,  als sonderbarer  Mischmasch
       zwischen Nationalbank  und Privatbank in der Tat den Nationalkre-
       dit hinter  sich haben  und ihre Noten mehr oder minder gesetzli-
       ches Zahlungsmittel  sind; weil  es hier  sichtbar wird, daß das,
       worin der  Bankier handelt,  der Kredit  selbst  ist,  indem  die
       Banknote nur ein zirkulierendes Kreditzeichen vorstellt. Aber der
       Bankier handelt  auch im  Kredit in  allen andern  Formen, selbst
       wenn er  bar bei ihm deponiertes Geld vorschießt. In der Tat bil-
       det die  Banknote nur die Münze des Großhandels, und ist es stets
       das Depositum,  was als  Hauptsache bei  den Banken  ins  Gewicht
       fällt. Den besten Beweis liefern die schottischen Banken.
       Die besondren  Kreditinstitute, wie die besondren Formen der Ban-
       ken selbst, sind für unsern Zweck nicht weiter zu betrachten.
       
       "Die Bankiers  haben ein doppeltes Geschäft... 1. Kapital zu sam-
       meln von  denen, die  keine unmittelbare  Verwendung dafür haben,
       und es zu verteilen und zu übertragen an andre, die es gebrauchen
       können. 2.  Depositen von Einkommen ihrer Kunden zu empfangen und
       diesen den Betrag auszuzahlen, je nachdem sie ihn zu Konsumtions-
       auslagen brauchen.  Das erstere  ist Zirkulation von Kapital, das
       letztere Zirkulation  von   G e l d   (currency)." - Das eine ist
       Konzentration des Kapitals auf der einen und Verteilung desselben
       auf der  andern Seite,  das andre  ist Verwaltung der Zirkulation
       für die  Lokalzwecke der  Umgegend." -  Tooke, "Inquiry  into the
       Currency Principle", p. 36, 37.
       
       Wir kommen in Kap. XXVIII auf diese Stelle zurück.
       
       "Reports of Committees", Vol. VIII, "Commercial Distress", Volume
       II, Part  I, 1847/48,  Minutes of  Evidence. - (Weiterhin zitiert
       als Commercial  Distress", 1847/48.) In den vierziger Jahren wur-
       den beim Wechsel-
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       1*) Lagerhausscheine
       
       #418# V. Abschnitt - Das zinstragende Kapital
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       diskontieren in London in zahllosen Fällen statt Banknoten, Wech-
       sel von  einer Bank auf die andte von 21 Tagen Laufzeit genommen.
       (Aussage von  J. Pease,  Provinzialbankier, Nr.  4636 und  4645.)
       Nach demselben Bericht hatten die Bankiers die Gewohnheit, sobald
       Geld knapp  wurde, solche Wechsel ihren Kunden regelmäßig in Zah-
       lung zu geben. Wollte der Empfänger Banknoten, so mußte er diesen
       Wechsel wieder diskontieren. Für die Banken kam dies einem Privi-
       legium gleich,  Geld zu  machen. Die  Herren jones  Loyd and  Co.
       zahlten in dieser Weise "seit unvordenklichen Zeiten" sobald Geld
       knapp war  und der  Zinsfuß über  5%. Der  Kunde war froh, solche
       Banker's Bills  zu erhalten,  weil Wechsel  von Jones  Loyd & Co.
       leichter diskontierbar  waren als  seine eignen;  auch liefen sie
       oft durch 20 bis 30 Hände. (ibidem, Nr. 905 bis 902, 992.)
       Alle diese  Formen dienen  dazu, den Zahlungsanspruch übertragbar
       zu machen.
       
       "Es gibt  kaum irgendeine Form, in die der Kredit zu bringen ist,
       worin er nicht zu Zeiten Geldfunktion zu verrichten hat; ob diese
       Form eine Banknote oder ein Wechsel oder ein Scheck ist, der Pro-
       zeß ist  wesentlich derselbe und das Resultat ist wesentlich das-
       selbe." -  Fullarton, "On  the  Regulation  of  Currencies",  2nd
       edit., London  1845, p.  38. -  "Banknoten sind das Kleingeld des
       Kredits." (p. 51.)
       
       Das Folgende  aus J.  W. Gilbart,  "The History and Principles of
       Banking", London 1834:
       
       "Das Kapital  einer Bank besteht aus zwei Teilen, dem Anlagekapi-
       tal (invested capital) und dem Bankkapital (banking capital), das
       angeliehen ist."  (p. 117.) Das Bankkapital oder geborgte Kapital
       wird auf  drei Wegen erhalten: 1. durch Annahme von Depositen, 2.
       durch Ausgabe  von eignen  Banknoten, 3.  durch Ziehung von Wech-
       seln. Wenn  mit jemand  100 Pfd.St.  umsonst leihen will, und ich
       leihe diese  100 Pfd.St.  an jemand  anders für  4 % Zins aus, so
       werde ich  im Lauf des Jahrs durch dies Geschäft 4 Pfd.St. gewin-
       nen. Ebenso,  wenn jemand mein Zahlungsversprechen" (I promise to
       pay ist  die gewöhnliche  Formel für englische Banknoten) "nehmen
       will und  es mir  am Ende des Jahres zurückgeben und mir 4% dafür
       zahlen, ganz  als ob  ich ihm 100 Pfd.St. geliehen hätte, gewinne
       ich 4  Pfd.St. durch  dies Geschäft, und wiederum, wenn jemand in
       einer Landstadt mir 100 Pfd.St. bringt mit der Bedingung, daß ich
       21 Tage  später diesen Betrag einer dritten Person in London zah-
       len soll,  wird jeder  Zins, den  ich in der Zwischenzeit von dem
       Gelde machen kann, mein Profit sein. Dies ist eine sachgemäße Zu-
       sammenfassung der  Operationen einer  Bank und  des Wegs, wie ein
       Bankkapital geschaffen  wird mittelst  Depositen,  Banknoten  und
       Wechseln.", (p. 117.) "Die Profite eines Bankiers stehn im allge-
       meinen im  Verhältnis zum  Betrag seines geborgten oder Bankkapi-
       tals. Um  den wirklichen Profit einer Bank festzustellen, ist der
       Zins auf  das Anlagekapital  abzuziehn vom Bruttoprofit. Der Rest
       ist der  Bankprofit." (p.  118.)    "D i e    V o r s c h ü s s e
       e i n e s     B a n k i e r s     a n    s e i n e    K u n d e n
       w e r d e n  g e m a c h t  m i t  d e m
       
       #419# 25. Kapitel - Kredit und fiktives Kapital
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       G e l d   a n d r e r   L e u t e."   (p. 146.)  "Gerade die Ban-
       kiers, die  keine Banknoten  ausgeben, schaffen  ein  Bankkapital
       durch Diskontieren  von Wechseln.  Sie vermehren  ihre  Depositen
       vermittelst hrer  Diskontooperationen. Die Londoner Bankiers dis-
       kontieren nur  für diejenigen  Häuser, die ein Depositenkonto bei
       ihnen halten."  (p. 119.) "Eine Firma, die bei ihrer Bank Wechsel
       diskontiert und  auf den  ganzen Betrag dieser Wechsel Zinsen be-
       zahlt hat, muß wenigstens einen Teil dieses Betrags in den Händen
       der Bank  lassen, ohne  Zinsen dafür zu erhalten. Auf diesem Wege
       erhält der Bankier auf das vorgeschoßne Geld einen höhern als den
       laufenden Zinsfuß  und schafft  sich ein  Bankkapital vermittelst
       des in seiner Hand verbleibenden Saldos." (p. 120.)
       
       Ökonomisierung der Reservefonds, Depositen, Schecks:
       
       "Die Depositenbanken  ökonomisieren vermittelst  der  Übertragung
       der Guthaben  den Gebrauch des zirkulierenden Mediums und erledi-
       gen Geschäfte  von großem Betrag mit einer geringen Summe wirkli-
       ches Geldes.  Das so freigesetzte Geld wird vom Bankier angewandt
       in Vorschüssen  an seine  Kunden vermittelst Diskontes etc. Daher
       erhöht die  Obertragung der  Guthaben die Wirksamkeit des Deposi-
       tensystems." (p.  123.) "Es  ist gleichgültig, ob die beiden Kun-
       den, die  miteinander handeln,  ihre Rechnung  bei demselben oder
       bei verschiednen Bankiers halten. Denn die Bankiers tauschen ihre
       Schecks unter  sich aus  im Clearing House. Vermittelst der Über-
       tragung könnte  so das Depositensystem zu einem solchen Grad aus-
       gedehnt werden,  daß es  den Gebrauch  des Metallgelds  ganz ver-
       drängte. Wenn  jeder ein  Depositenkonto bei  der Bank hielte und
       alle seine  Zahlungen  durch  Schecks  machte,  so  würden  diese
       Schecks das  einzige zirkulierende  Medium. In diesem Falle müßte
       unterstellt werden,  daß die Bankiers das Geld in ihrer Hand hät-
       ten, sonst hätten die Schecks keinen Wert." (p. 124.)
       
       Die Zentralisation  des Lokalverkehrs  in den  Händen der  Banken
       wird vermittelt  1. durch Zweigbanken. Die Provinzialbanken haben
       Zweigetablissements in  den kleinern  Städten ihres Bereichs; die
       Londoner Banken in den verschiednen Stadtteilen Londons. 2. durch
       Agenturen.
       
       "Jede Provinzialbank  hat einen  Agenten in  London, um dort ihre
       Noten oder  Wechsel zu zahlen und Geld zu empfangen, das von Lon-
       doner Einwohnern  eingezahlt wird für Rechnung von Leuten, die in
       der Provinz wohnen." (p. 127.) "Jeder Bankier fängt die Noten des
       andern auf, gibt sie nicht wieder aus. In jeder großem Stadt kom-
       men sie  ein oder  zweimal wöchentlich  zusammen und tauschen die
       Noten aus.  Der Saldo  wird gezahlt  durch Anweisung auf London."
       (p. 134.)  "Der Zweck der Banken ist Erleichterung des Geschäfts.
       Alles, was  das Geschäft erleichtert, erleichtert auch die Speku-
       lation. Geschäft  und Spekulation  sind in  vielen Fällen  so eng
       verknüpft, daß  es schwer  ist zu  sagen, wo das Geschäft aufhört
       und wo  die Spekulation  anfängt... Überall,  wo Banken sind, ist
       Kapital leichter und wohlfeiler zu erhalten. Die Wohlfeilheit des
       Kapitals gibt der Spekulation Vorschub, ganz wie die Wohlfeilheit
       von Fleisch und Bier der Gefräßigkeit und Tmaenheit Vorschub lei-
       stet." (p. 137, 138.) "Da die Banken, welche eigne Banlmoten aus-
       geben, stets in diesen Noten zahlen, so kann es scheinen,
       
       #420# V. Abschnitt - Das zinstragende Kapital
       -----
       daß ihr  Diskontogeschäft gemacht  werde ausschließlich  mit  dem
       hierdurch gerechten  Kapital, aber  dem ist nicht so. Ein Bankier
       kann sehr  wohl alle von ihm diskontlerten Wechsel in seinen eig-
       nen Noten  zahlen, und  dennoch können  9/10 der in seinem Besitz
       befindlichen Wechsel  wirkliches Kapital repräsentieren. Denn ob-
       gleich er selbst für diese Wechsel nur sein eignes Papiergeld ge-
       geben, braucht dies doch nicht in Zirkulation zu bleiben, bis die
       Wechsel verfallen.  Die Wechsel  können drei Monate zu laufen ha-
       ben, die  Noten in drei Tagen zurückkommen." (p. 172.) "Das Über-
       ziehen der  Rechnung durch  die Kunden ist geregelte Geschäftssa-
       che. Es  ist in der Tat der Zweck, wofür ein Barkredit garantiert
       wird... Barkredite  werden garantiert nicht nur durch persönliche
       Sicherheit, sondern auch durch Deponierung von Wertpapieren." (p.
       174, 175.)  "Kapital, vorgeschossen auf Pfand von Waren, hat die-
       selbe Wirkung,  wie wenn  vorgeschossen im Diskontleren von Wech-
       seln. Wenn  jemand 100 Pfd.St. auf Sicherheit seiner Waren borgt,
       so ist  es dasselbe,  als hätte  er sie für einen Wechsel von 100
       Pfd.St. verkauft  und diesen  beim Bankier  diskontlert. Der Vor-
       schuß aber befähigt ihn, seine Waren für einen bessern Marktstand
       hinzuhalten und  Opfer zu  vermeiden, die  er sonst  hätte machen
       müssen, um Geld für dringende Zwecke zu erhalten." (p. 180, 181.)
       
       "The Currency Theory Reviewed etc.", p. 62, 63:
       
       "Es ist  unstreitig wahr, daß die 1000 Pfd.St., die ich heute bei
       A deponiere,  morgen wieder  ausgegeben werden  und ein Depositum
       bei B  bilden. Übermorgen mögen sie, von B wieder ausgegeben, ein
       Depositum bei  C bilden,  und so  fort ins  Unendliche. Dieselben
       1000 Pfd.St. Geld können sich also, durch eine Reihe von Übertra-
       gungen zu  einer absolut  unbestimmbaren Summe von Depositen ver-
       vielfältigen. Es  ist daher  möglich, daß  n e u n  Z e h n t e l
       a l l e r   D e p o s i t e n   i n    E n g l a n d    k e i n e
       E x i s t e n z      h a b e n      a u ß e r      i n      d e n
       B u c h u n g s p o s t e n   i n   d e n   B ü c h e r n   d e r
       B a n k i e r s,   die jeder für seinen Teil dafür einstehn... So
       in Schottland,  wo das  umlaufende Geld"  {obendrein fast nur Pa-
       piergeld!} "nie  über 3  Millionen Pfd.St., die Depositen 27 Mil-
       lionen. Solange  nun nicht eine allgemeine, plötzliche Rückforde-
       rung der  Depositen (a run on the banks) eintritt, so können die-
       selben 1000  Pfd.St., rückwärts  reisend, mit derselben Leichtig-
       keit eine  ebenso unbestimmbare  Summe ausgleichen.  Da dieselben
       1000 Pfd.St., womit ich heute meine Schuld an einen Geschäftsmann
       ausgleiche, morgen  dessen Schuld  an einen  andern Kaufmann aus-
       gleichen können  und übermorgen  dessen Ausgleichung an die Bank,
       und so  ins Unendliche; so können dieselben 1000 Pfd.St. von Hand
       zu Hand und von Bank zu Bank gehn und jede denkbare Summe von De-
       positen ausgleichen."
       
       {Wir haben gesehn, daß Gilbart schon 1834 wußte:
       
       "Alles, was das Geschäft erleichtert, erleichtert auch die Speku-
       lation, beide  sind in  vielen Fällen  so eng  verknüpft, daß  es
       schwer ist  zu sagen, wo das Geschäft aufhört und wo die Spekula-
       tion anfängt."
       
       Je größer  die Leichtigkeit, womit Vorschüsse auf unverkaufte Wa-
       ren zu erlangen sind, desto mehr solcher Vorschüsse werden aufge-
       nommen, desto  größer ist  die Versuchung,  Waren zu  fabrizieren
       oder schon fabrizierte auf
       
       #421# 25. Kapitel - Kredit und fiktives Kapital
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       entfernte Märkte  zu schleudern,  nur, um zunächst Geldvorschüsse
       darauf zu  erhalten. Wie  die gesamte  Geschäftswelt eines Landes
       von solchem  Schwindel ergriffen werden kann und wie das dann en-
       det, davon gibt uns die englische Handelsgeschichte von 1845-1847
       ein schlagendes  Beispiel. Hier  sehn wir, was der Kredit leisten
       kann. Zur  Erläuterung der  folgenden Beispiele vorher nur einige
       kurze Bemerkungen.
       Ende 1842  begann der  Druck zu weichen, der seit 1837 fast unun-
       terbrochen auf  der englischen  Industrie gelastet  hatte. In den
       beiden folgenden  Jahren steigerte sich die Nachfrage des Auslan-
       des nach  englischen Industrieprodukten  noch mehr,  1845/46  be-
       zeichnete die  Periode der  höchsten Prosperität.  1843 hatte der
       Opiumkrieg [63]  dem englischen  Handel China  geöffnet. Der neue
       Markt bot  einen neuen  Vorwand zu  der bereits in vollem Schwung
       begriffnen Ausdehnung, namentlich der Baumwollindustrie. Wie kön-
       nen wir  je zuviel  produzieren? Wir haben 300 Millionen Menschen
       zu kleiden"  - sagte dem Schreiber dieses damals ein Fabrikant in
       Manchester. Aber  alle die  neuerrichteten Fabrikgebäude,  Dampf-
       und Spinnmaschinen  und Webstühle  waren nicht  hinreichend,  den
       massenweise hereinströmenden Mehrwert von Lancashire zu absorbie-
       ren. Mit  derselben Leidenschaft,  womit man die Produktion stei-
       gerte, warf  man sich  auf den Bau von Eisenbahnen; hier fand das
       Spekulationsgelüst der Fabrikanten und Kaufleute zuerst Befriedi-
       gung, und  zwar schon seit Sommer 1844. Man zeichnete Aktien, so-
       viel man konnte, d.h. soweit das Geld zur Deckung der ersten Ein-
       zahlungen reichte;  für das  weitere wird  sich schon Rat finden!
       Als dann die weiteren Einzahlungen kamen - nach Frage 1059, C. D.
       1848/1857, betrug das 1846/47 in Eisenbahnen angelegte Kapital an
       75 Millionen  Pfd.St. -,  mußte der  Kredit in  Anspruch genommen
       werden, und  das eigentliche  Geschäft der Firma mußte meist auch
       noch bluten.
       Und dies  eigentliche Geschäft  war in  den meisten  Fällen  auch
       schon überlastet. Die lockenden hohen Profite hätten zu weit aus-
       gedehnteren Operationen  verleitet, als die disponiblen flüssigen
       Mittel rechtfertigten.  Aber der Kredit war ja da, leicht erlang-
       bar und  wohlfeil obendrein. Der Bankdiskonto stand niedrig: 1844
       1 3/4  -2 3/4  %, 1845 bis Oktober unter 3%, dann eine kurze Zeit
       steigend bis 5% (Febr. 1846), dann wieder fallend bis auf 3 1/4 %
       im Dez.  1846. Die  Bank hatte  in ihren Kellern einen Goldvorrat
       von unerhörtem  Betrag. Alle  inländischen Börsenwerte standen so
       hoch wie nie vorher. Warum also die schöne Gelegenheit vorbeigehn
       lassen, warum nicht flott ins Geschirr gehn? Warum nicht den nach
       englischen Fabrikaten  schmachtenden fremden  Märkten alle  Waren
       zuschicken, die  man nur  fabrizieren konnte?  Und  warum  sollte
       nicht der Fabrikant selbst den
       
       #422# V. Abschnitt - Das zinstragende Kapital
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       doppelten Gewinn  einheimsen, der  aus dem  Verkauf des Garns und
       Gewebes im  fernen Osten und aus dem Verkauf der dafür erhaltenen
       Rückfracht in England erwuchs?
       So entstand  das System  der massenhaften  Konsignationen,  gegen
       Vorschuß, nach  Indien und  China, das sehr bald sich fortentwic-
       keite zu  einem System von Konsignationen bloß um des Vorschusses
       willen, wie  es in  den nachfolgenden Noten im einzelnen geschil-
       dert ist und wie es mit Notwendigkeit enden mußte in massenhafter
       Überführung der Märkte und im Krach.
       Dieser Krach kam zum Ausbruch infolge der Mißernte von 1846. Eng-
       land und  besonders Irland bedurften enormer Zufuhren von Lebens-
       mitteln, namentlich  Korn und  Kartoffeln. Aber  die Länder,  die
       diese lieferten,  konnten nur  zum allergeringsten Teil in engli-
       schen Industrieprodukten  dafür bezahlt werden; man mußte Edelme-
       tall in  Zahlung geben;  Gold für mindestens 9 Millionen ging ins
       Ausland. Von diesem Gold kamen volle 7 1/2 Millionen aus dem Bar-
       schatz der  Bank von  England, deren  Bewegungsfreiheit  auf  dem
       Geldmarkt dadurch  empfindlich gelähmt wurde; die übrigen Banken,
       deren Reserven  bei der  Bank von England liegen, tatsächlich mit
       der Reserve dieser Bank identisch sind, mußten nun ebenfalls ihre
       Geldakkommodation einschränken;  der rasch  und leicht dahinströ-
       mende Fluß  der Zahlungen  geriet ins  Stocken, erst hier und da,
       dann allgemein.  Der Bankdiskonto,  im Januar 1847 noch 3 - 3 1/2
       %, stieg  im April, wo die erste Panik losbrach, auf 7%; dann kam
       im Sommer nochmals eine vorübergehende kleine Erleichterung (6,5,
       6%), als  aber auch  die neue Ernte mißriet, brach die Panik aufs
       neue und  heftiger los.  Der offizielle  Minimaldiskonto der Bank
       stieg im  Oktober auf  7, im  November auf  10%, d.h. die weitaus
       größte Mehrzahl  der Wechsel wurde nur gegen kolossale Wucherzin-
       sen oder  überhaupt nicht mehr diskontierbar; die allgemeine Zah-
       lungsstockung brachte  eine Reihe  der ersten  Häuser und  viele,
       viele mittlere  und kleine  zum Bankrott;  die Bank selbst war in
       Gefahr, infolge der ihr durch den pfiffigen Bankakt von 1844 [64]
       auferlegten Beschränkungen fallieren zu müssen - da suspendierte,
       auf allgemeines  Andringen, die Regierung am 25. Oktober den Ban-
       kakt und  entfernte damit  die der  Bank auferlegten absurden ge-
       setzlichen Fesseln.  Nun konnte sie ihren Notenschatz ungehindert
       in Zirkulation setzen; da der Kredit dieser Banknoten tatsächlich
       durch den  Kredit der  Nation garantiert, also unerschüttert war,
       trat damit  sofort die entscheidende Erleichterung der Geldklemme
       ein; natürlich  fallierten noch  eine Menge  großer und  kleiner,
       hoffnungslos festgerittner  Firmen, aber  der Höhepunkt der Krise
       war überwunden, der Bankdiskonto
       
       #423# 25. Kapitel - Kredit und fiktives Kapital
       -----
       fiel im  Dezember 1*)  wieder auf 5%, und schon im Laufe von 1848
       bereitet. sich jene erneuerte Geschäftstätigkeit vor, die den re-
       volutionären Bewegungen  des Kontinents  im Jahre 1849 die Spitze
       abbrach, und  die in  den fünfziger  Jahren zuerst eine bis dahin
       unerhörte industrielle Prosperität herbeiführte, dann aber auch -
       den Krach von 1857. - F.E.}
       I. Über  die kolossale  Entwertung von  Staatspapieren und Aktien
       während der Krise 1847 gibt ein vom House of Lords 1848 herausge-
       gebnes Aktenstück  Aufschluß. Danach  betrug der  Wertfall am 23.
       Oktober 1847  verglichen mit dem Stand vom Februar desselben Jah-
       res:
        auf englische Staatspapiere 93 824 217 Pfd.St.
        Dock- und Kanalaktien        1 358 288  "  "
        Eisenbahnaktien             19 579 820  "  "
                                  --------------------
                         Zusammen: 114 762 325 Pfd.St.
       II. Über  den Schwindel  im ostindischen  Geschäft, wo  man nicht
       mehr Wechsel  zog, weil  Ware gekauft  worden war,  sondern Waren
       kaufte, um  diskontlerbare, in  Geld umsetzbare Wechsel ziehen zu
       können, heißt es im "Manchester Guardian" [65] vom 24. Nov. 1847:
       A in  London läßt  durch B beim Fabrikanten C in Manchester Waren
       zur Verschiffung  an D in Ostindien kaufen. B zahlt C in Sechsmo-
       nats-Wechseln, gezogen von C auf B. Er deckt sich ebenfalls durch
       Sechsmonats-Wechsel auf  A. Sobald  die Ware verschafft, zieht A,
       gegen den  eingesandten Ladeschein, ebenfalls Sechsmonats-Wechsel
       auf D.
       
       "Käufer und  Versender sind also beide im Besitz von Fonds, viele
       Monate ehe  sie die  Waren wirklich bezahlen: und sehr gewöhnlich
       wurden diese Wechsel bei Verfall erneuert unter dem Vorwand, Zeit
       für den Rückfluß zu geben bei einem so langatmigen Geschäft. Lei-
       der aber führten Verluste in einem solchen Geschäft nicht zu sei-
       ner Einschränkung, sondern gradezu zu seiner Ausdehnung. Je ärmer
       die Beteiligten  wurden, desto größer ihr Bedürfnis zu kaufen, um
       dadurch in neuen Vorschüssen Ersatz für das in den vorigen Speku-
       lationen verlorne  Kapital zu  finden. Die  Einkäufe  wurden  nun
       nicht mehr  reguliert durch  Nachfrage und Zufuhr, sie wurden der
       wichtigste Teil  der Finanzoperationen einer festgerittnen Firma.
       Aber das  ist nur die eine Seite. Wie mit dem Export von Manufak-
       turwaren hier,  so ging  es mit  dem Einkauf  und Verschiffen von
       Produkten drüben. Häuser in Indien, die Kredit genug hatten, ihre
       Wechsel diskontlert  zu bekommen,  kauften Zucker,  Indigo, Seide
       oder Baumwolle - nicht weil die Einkaufspreise, gegen die letzten
       Londoner Preise,  einen Profit  versprachen, sondern weil frühere
       Tratten auf das Londoner Haus bald fällig wurden und gedeckt wer-
       den mußten.  Was war einfacher, als eine Ladung Zucker zu kaufen,
       sie in Zehnmonats-
       -----
       1*) 1. Auflage: September
       
       #424# V. Abschnitt - Das zinstragende Kapital
       -----
       Wechseln auf  das Londoner  Haus zu  bezahlen und die Ladescheine
       mit der  Überlandpost nach  London zu  schicken? Weniger als zwei
       Monate nachher waren die Ladescheine dieser kaum verschifften Wa-
       ren, und  damit die Waren selbst, in Lombard Street [66] verpfän-
       det, und  das Londoner  Haus kam zu Geld, acht Monate vor Verfall
       der dagegen  gezognen Wechsel. Und alles das ging flott, ohne Un-
       terbrechung oder Schwierigkeit, solange die Diskonthäuser Geld im
       Überfluß fanden,  um es  auf Lade scheine und Dockwarrants vorzu-
       schießen und  bis zu  unbegrenzten Beträgen die Wechsel indischer
       Häuser auf 'feine' Firmen in Mincing Lane [67] zu diskontieren."
       
       {Diese Schwindelprozedur  blieb im Schwung, solange die Waren von
       und nach  Indien das  Kap umsegeln  mußten. Seitdem sie durch den
       Suezkanal gehn,  und zwar  mit Dampfschiffen, ist dieser Methode,
       fiktives Kapital  zu fabrizieren,  die  Grundlage  entzogen:  die
       lange Reisezeit  der Waren.  Und seitdem  der Telegraph den Stand
       des indischen  Markts dem  englischen Geschäftsmann und den Stand
       des englischen  Marktes dem  indischen Händler noch am selben Tag
       bekanntgab, wurde diese Methode vollends unmöglich. - F.E.}
       
       III. Das  Folgende ist aus dem schon zitierten Bericht Commercial
       Distress", 1847/48:
       
       "In der  letzten Aprilwoche  1847 zeigte die Bank von England der
       Royal Bank  of Liverpool  an, daß  sie von nun an ihr Diskontoge-
       schäft mit  der letztren  auf die  Hälfte des Betrags herabsetzen
       werde. Diese  Mitteilung wirkte  sehr schlimm, weil die Zahlungen
       in Liverpool letzthin weit mehr in Wechseln als in bar erfolgten;
       und weil  die Kaufleute,  die der Bank gewöhnlich viel bares Geld
       brachten, um  damit ihre  Akzepte zu  zahlen, in der letzten Zeit
       nur Wechsel  bringen konnten,  die sie  selbst für Ihre Baumwolle
       und andre  Produkte erhalten  hatten. Dies hatte stark zugenommen
       und damit  die Geschäftsschwierigkeit.  Die Akzepte, die die Bank
       für die  Kaufleute zu zahlen hatte, waren meistens auswärts gezo-
       gen und  waren bisher meist ausgeglichen worden durch die für die
       Produkte erhaltne  Zahlung. Die  Wechsel, die die Kaufleute jetzt
       brachten, statt  des frühern  Bargelds, waren  Wechsel  von  ver-
       schiedner Laufzeit  und verschiedner Art, eine beträchtliche Zahl
       Bankwechsel auf  drei Monate  dato, die große Masse waren Wechsel
       gegen Baumwolle.  Diese Wechsel  waren akzeptiert, wenn Bankwech-
       sel, durch  Londoner Bankiers,  sonst aber  durch Kaufleute aller
       Art, im  brasilischen, amerikanischen, kanadischen, westindischen
       usw. Geschäft...  Die Kaufleute  zogen nicht aufeinander, sondern
       die Kunden  im Inlande, die Produkte in Liverpool gekauft hatten,
       deckten sie  in Wechseln auf Londoner Banken oder in Wechseln auf
       sonstige Häuser  in ndon  oder in Wechseln auf irgend jemand. Die
       Ankündigung der Bank von England verursachte, daß für Wechsel ge-
       gen verkaufte  fremde Produkte  die Laufzeit abgekürzt wurde, die
       sonst häufig über drei Monate war." (p. 26, 27.)
       
       Die Prosperitätsperiode  1844-1847 in  England war,  wie oben ge-
       schildert, verknüpft  mit dem  ersten großen  Eisenbahnschwindel.
       Über dessen
       
       #425# 25. Kapitel - Kredit und fiktives Kapital
       -----
       Wirkung auf  das Geschäft  im allgemeinen  hat der angeführte Be-
       richt folgendes:
       
       "Im April 1847 hatten fast alle kaufmännischen Häuser angefangen,
       ihr Geschäft  mehr oder weniger auszuhungern (to starve their bu-
       siness) durch  Anlage eines Teils ihres Handelskapitals in Eisen-
       bahnen." (p.  41, 42.)  - "Es wurden auch Anleihen zu hohem Zins-
       fuß, z.B.  8%, aufgenommen  auf Eisenbahnaktien bei Privatleuten,
       Bankiers und  Assekuranzgesellschaften." (p.  66, 67.)  Diese  so
       großen Vorschüsse  dieser Geschäftshäuser an die Eisenbahnen ver-
       anlaßten sie  wiederum, bei den Banken zuviel Kapital vermittelst
       Wechseldiskontos aufzunehmen,  um damit ihr eignes Geschäft fort-
       zuführen." (p. 67.) - (Frage:) "Würden Sie sagen, daß die Einzah-
       lungen auf Eisenbahnaktien viel beitrugen zu dem Druck, der" {auf
       dem  Geldmarkt}   "im  April  und  Oktober"  {1847}  "herrschte?"
       (Antwort:) "Ich  glaube, daß  sie kaum  irgend etwas beitrugen zu
       dem Druck  im April.  Nach meiner  Ansicht hatten  sie bis in den
       April, und vielleicht bis in den Sommer hinein, die Bankiers eher
       gestärkt als geschwächt. Denn die wirkliche Verwendung des Geldes
       erfolgte durchaus  nicht ebenso  rasch wie  die Einzahlungen; in-
       folge davon  hatten die  meisten Banken im Anfang des Jahrs einen
       ziemlich großen  Betrag von  Eisenbahnfonds in ihrer Hand." {Dies
       wird bestätigt  durch zahlreiche  Aussagen von Bankiers im C. D.,
       1848/1857.) "Dieser schmolz im Sommer allmählich zusammen und war
       am 31.  Dezember wesentlich  geringer. Eine Ursache des Drucks im
       Oktober war  die allmähliche  Abnahme der  Eisenbahnfonds in  den
       Händen der  Banken; zwischen  dem 22.  April und dem 31. Dezember
       verminderten sich die Eisenbahnsaldos in unsrer Hand um ein Drit-
       tel. Diese Wirkung hatten die Eisenbahneinzahlungen in ganz Groß-
       britannien; sie  haben nach und nach die Depositen der Banken ab-
       gezapft." (p. 43, 44.)
       
       So sagt  auch Samuel Gurney (Chef der berechtigten Firma Overend,
       Gurney & Co.):
       
       "1846 war  bedeutend größre  Nachfrage nach Kapital für Eisenbah-
       nen, hob  aber nicht den Zinsfuß. Es fand eine Kondensation klei-
       nerer Summen  zu größern  Massen statt,  und diese  großen Massen
       wurden in  unserm Markt  verbraucht; so daß im ganzen die Wirkung
       die war, mehr Geld auf den Geldmarkt der City zu werfen, nicht so
       sehr, es herauszunehmen." [p. 159.]
       
       A. Hodgson,  Direktor der  Liverpool Joint Stock Bank, zeigt, wie
       sehr Wechsel die Reserve für Bankiers bilden können:
       
       "Es war  unsre Gewohnheit, mindestens 9/10 aller unsrer Depositen
       und alles  Geld, das wir von andren Personen erhielten, in unserm
       Portefeuille zu  halten in  Wechseln, die  von Tag zu Tag verfal-
       len... so  sehr, daß  während der  Zeit der  Krise der Ertrag der
       täglich verfallenden  Wechsel fast  dem Betrag der täglich an uns
       gemachten Zahlungsforderungen gleichkam." (p. 53.)
       
       #426# V. Abschnitt - Das zinstragende Kapital
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       S p e k u l a t i o n s w e c h s e l.
       
       Nr. 5092. "Von wem waren die Wechsel" (gegen verkaufte Baumwolle)
       hauptsächlich akzeptiert?"  {R. Gardner,  der in diesem Werk mehr
       genannte Baumwollfabrikant:} "Von Warenmaklern; ein Händler kauft
       Baumwolle, übergibt  sie einem  Makler, zieht  auf diesen Makler,
       und läßt  die Wechsel diskontieren." Nr. 5094. "Und diese Wechsel
       gehn zu den Liverpooler Banken und werden dort diskontiert? - Ja-
       wohl, und auch sonstwo... Hätte nicht diese Akkommodation bestan-
       den, die hauptsächlich von Liverpooler Banken bewilligt wurde, so
       wäre nach  meiner Ansicht  Baumwolle im  vorigen Jahr um 1 1/2 d.
       oder 2  d. per Pfund wohlfeiler gewesen." - Nr. 600. "Sie sagten,
       eine ungeheure Anzahl Wechsel hätten zirkuliert, gezogen von Spe-
       kulanten auf Baumwollmakler in Liverpool; gilt dasselbe von Ihren
       Vorschüssen auf  Wechsel gegen andre Kolonialprodukte außer Baum-
       wolle?" -  {A. Hodgson,  Bankier in  Liverpool:} "Es bezieht sich
       auf alle  Arten Kolonialprodukte,  aber ganz  besonders auf Baum-
       wolle." Nr.  601. "Suchen  Sie als Bankier sich diese Art Wechsel
       fernzuhalten? -  Keineswegs; wir betrachten sie als ganz rechtmä-
       ßige Wechsel, wenn in mäßiger Menge gehalten... Diese Art Wechsel
       werden oft verlängert."
       
       S c h w i n d e l            i m            o s t i n d i s c h -
       c h i n e s i s c h e n  Markt 1847. - Charles Turner (Chef einer
       der ersten ostindischen Firmen in Liverpool):
       
       "Wir alle  kennen die Vorfälle, die in Beziehung auf das Geschäft
       nach Mautitius  und in  ähnlichen Geschäften stattgefunden haben.
       Die Makler  waren gewohnt,  Vorschüsse zu machen auf Waren, nicht
       nur nach  ihrer Ankunft,  zur Deckung der gegen diese Waren gezo-
       gnen Wechsel,  was vollständig in der Ordnung ist, und Vorschüsse
       auf Ladescheine...  sondern sie  haben Vorschüsse gemacht auf das
       Produkt, ehe  es verschifft, und in einigen Fällen, ehe es fabri-
       ziert war.  Ich z.B. hatte in einem Spezialfall in Kalkutta Wech-
       sel gekauft  für 6000-7000  Pfd.St.; der  Erlös für diese Wechsel
       ging nach Mauritius, um dort Zucker pflanzen zu helfen; die Wech-
       sel kamen  nach England,  und über die Hälfte davon wurden prote-
       stiert; dann,  als die Verschiffungen von Zucker endlich ankamen,
       aus denen diese Wechsel bezahlt werden sollten, da fand sich, daß
       dieser Zucker  bereits an  dritte Personen verpfändet war, ehe er
       verschafft, ja  in der  Tat fast schon, ehe er gesotten war." (p.
       78.) "Die  Waren für  den ostindischen Markt müssen jetzt dem Fa-
       brikanten bar  bezahlt werden;  aber das hat nicht viel zu sagen,
       denn wenn  der Käufer  einigen Kredit  in London hat, so zieht er
       auf London und diskontiert den Wechsel in London, wo der Diskonto
       jetzt niedrig  steht; er  bezahlt den  Fabrikanten mit dem so er-
       haltnen Geld...  es dauert  mindestens zwölf Monate, bis ein Ver-
       schiffer von  Waren nach  Indien seine Retouren von dort bekommen
       kann... ein Mann mit 10 000 oder 15 000 Pfd.St., der ins indische
       Geschäft geht,  würde sich  einen Kredit  zu einer beträchtlichen
       Summe bei  einem Londoner  Hause ausmachen; diesem Hause werde er
       1% geben und auf es ziehn, gegen die Bedingung, daß der Erlös der
       nach Indien gesandten Waren an dies Londoner Haus geschickt wird;
       wobei aber  beide Teile  stillschweigend einverstanden  sind, daß
       das Londoner  Haus keinen  wirklichen Barvorschuß zu leisten hat;
       d.h. die Wechsel werden prolongiert, bis die Retouren
       
       #427# 25. Kapitel - Kredit und fiktives Kapital
       -----
       ankommen. Die  Wechsel wurden  diskontiert in  Liverpool, Manche-
       ster, London,  manche von  ihnen sind  im Besitz von schottischen
       Banken." (p. 79.) - Nr. 786. Da ist ein Haus, das neulich in Lon-
       don fallierte,  bei Prüfung  der Bücher  entdeckte man folgendes:
       Hier ist  eine Firma  in Manchester,  und eine andre in Kalkutta;
       sie eröffneten  einen Kredit  bei dem  Londoner Haus  für 200 000
       Pfd.St., d.h.  die Geschäftsfreunde  dieser Manchester Firma, die
       dem Hause in Kalkutta von Glasgow und Manchester Waren auf Konsi-
       gnation schickten,  trassierten auf das Londoner Haus bis zum Be-
       trage von  200 000 Pfd.St.; gleichzeitig war die Verabredung, daß
       das Kalkutta-Haus  auf das  Londoner Haus  auch  200 000  Pfd.St.
       zieht; diese  Wechsel wurden in Kalkutta verkauft, mit dem Ertrag
       andre Wechsel gekauft, und diese wurden nach London geschickt, um
       das dortige  Haus zu  befähigen, die ersten von Glasgow oder Man-
       chester gezognen Wechsel zu bezahlen. So wurden durch dieses eine
       GeschäftWechsel für  600 000 Pfd.St.  in die Welt gesetzt." - Nr.
       971. "Gegenwärtig,  wenn ein  Haus in Kalkutta eine Schiffsladung
       kauft" {für  England} "und sie mit ihren eignen Tratten auf ihren
       Londoner Korrespondenten  bezahlt und die Ladescheine hierher ge-
       sandt werden,  so werden diese Ladescheine sofort für sie benutz-
       bar zur  Erhebung von  Vorschüssen in  Lombard Street; also haben
       sie acht  Monate Zeit,  worin sie  das Geld  benutzen können, ehe
       ihre Korrespondenten die Wechsel zu zahlen haben."
       
       IV. Im Jahr 1848 saß ein geheimer Ausschuß des Oberhauses zur Un-
       tersuchung der  Ursachen der  Krise von 1847. Die vor diesem Aus-
       schuß abgelegten  Zeugenaussagen wurden  jedoch erst  1857 veröf-
       fentlicht (Minutes of Evidence, taken before the Secret Committee
       of the  H. of L. appointed to inquire into the Causes of Distress
       etc.", 1857;  zitiert als  C. D., 1848/1857). Hier sagte Herr Li-
       ster, Dirigent der Union Bank of Liverpool unter andrem aus:
       
       2444. "Es  bestand, Frühjahr 1847, eine ungehörige Ausdehnung des
       Kredits... weil  Geschäftsleute ihr  Kapital vom Geschäft auf Ei-
       senbahnen übertrugen  und doch  das Geschäft in der alten Ausdeh-
       nung fortführen  wollten. Jeder glaubte wahrscheinlich zuerst, er
       könne die Eisenbahnaktien mit Profit verkaufen und so das Geld im
       Geschäft ersetzen.  Er fand vielleicht, daß das nicht möglich war
       und nahm  so Kredit  in seinem Geschäft, wo er früher bar bezahlt
       hatte. Hieraus entsprang eine Kreditausdehnung.
       2500. "Diese  Wechsel, worauf die Banken, die sie übernommen hat-
       ten, Verluste  erlitten, waren  dies Wechsel  hauptsächlich gegen
       Korn oder gegen Baumwolle?... Es waren Wechsel gegen Produkte al-
       ler Art,  Korn, Baumwolle  und Zucker  und Produkte aller Art. Es
       gab damals  fast nichts,  Öl vielleicht ausgenommen, das nicht im
       Preise fiel."  - 2506. "Ein Makler, der einen Wechsel akzeptiert,
       akzeptiert ihn  nicht, ohne hinreichend gedeckt zu sein, auch ge-
       gen einen Preisfall der Ware, die als Deckung dient."
       2512. "Gegen  Produkte werden  zweierlei Wechsel gezogen. Zur er-
       sten Art gehört der ursprüngliche Wechsel, der von drüben auf den
       Importeur gezogen  wird... Die Wechsel, die so gegen Produkte ge-
       zogen werden, verfallen häufig, ehe die Produkte
       
       #428# V. Abschnitt - Das zinstragende Kapital
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       ankommen. Der  Kaufmann muß deshalb, wenn die Ware ankommt und er
       nicht hinreichendes  Kapital hat, sie beim Makler verpfänden, bis
       er sie  verkaufen kann.  Dann wird  sofort ein Wechsel der andern
       Art vom  Liverpooler Kaufmann auf den Makler gezogen, auf Sicher-
       heit jener Ware... es wird dann die Sache des Bankiers, sich beim
       Makler zu  vergewissern, ob er die Ware hat und wieweit er darauf
       vorgeschossen hat. Er muß sich überzeugen, daß der Makler Deckung
       hat, um sich im Fall eines Verlusts zu erholen."
       2516. "Wir bekommen auch Wechsel vom Ausland... Jemand kauft drü-
       ben einen Wechsel auf England und schickt ihn an ein Haus in Eng-
       land; wir  können dem Wechsel nicht ansehn, ob er verständig oder
       unverständig gezogen  ist, ob  er Produkte  oder  Wind  repräsen-
       tiert."
       2533. "Sie  sagten, daß  auswärtige Produkte  fast aller  Art mit
       großem Verlust verkauft wurden. Glauben Sie, daß das der Fall war
       infolge ungerechtfertigter  Spekulation in diesen Produkten? - Es
       entsprang aus  einer sehr  großen Einfuhr, während keine entspre-
       chende Konsumtion  bestand, um  sie wegzuführen.  Nach allem  An-
       schein fiel  die Konsumtion  sehr bedeutend."  -  2534.  "Im  Ok-
       tober... waren Produkte fast unverkäuflich."
       Wie auf  der Höhe  des Krachs sich ein allgemeines sauve qui peut
       1*) entwickelt, darüber spricht sich im selben Bericht ein Kenner
       ersten Ranges aus, der würdige geriebene Quäker Samuel Gurney von
       Overend, Gurney & Co.:
       
       1262. "Wenn  eine Panik herrscht, so fragt ein Geschäftsmann sich
       nicht, wie hoch er seine Banknoten anlegen kann oder ob er 1 oder
       2% beim  Verkauf seiner  Schatz scheine oder Dreiprozentigen ver-
       lieren wird.  Ist er  einmal unter dem Einfluß des Schreckens, so
       liegt ihm nichts an Gewinn oder Verlust; er bringt sich selbst in
       Sicherheit, die übrige Welt mag tun was sie will."
       
       V. Über  die wechselseitige  Überführung zweier  Märkte sagt Herr
       Alexander, Kaufmann  im ostindischen Geschäft, vor dem Unterhaus-
       Ausschuß über die Bankakte 1857 (zitiert als B. C., 1857).
       
       4330. "Augenblicklich,  wenn ich in Manchester 6 Schill. auslege,
       bekomme ich 5 Schill. in Indien zurück; wenn ich 6 Schill. in In-
       dien auslege, bekomme ich 5 Schill. in London zurück."
       
       So daß  also der  indische Markt  durch England und der englische
       durch Indien  gleichmäßig überführt worden ist. Und zwar war dies
       der Fall  im Sommer 1857, kaum zehn Jahre nach der bittern Erfah-
       rung von 1847!
       -----
       1*) Rette sich, wer kann

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