Quelle: MEW 25 Das Kapital - Dritter Band
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SECHSUNDZWANZIGSTES KAPITEL
Akkumulation von Geldkapital, ihr Einfluß auf den Zinsfuß
"In England findet eine beständige Akkumulation von zuschüssigem
Reichtum statt, die die Tendenz hat, schließlich Geldform anzu-
nehmen. Nach dem Wunsch, Geld zu erwerben, ist aber der nächst-
dringliche Wunsch der, sich seiner wieder zu entledigen durch ir-
gendeine Art Anlage, die Zins oder Profit bringt; denn Geld als
Geld bringt nichts ein. Wenn daher nicht, gleichzeitig mit diesem
steten Zufluß von überschüssigem Kapital, eine allmähliche und
hinreichende Ausdehnung des Beschäftigungsfeldes dafür stattfin-
det, so müssen wir periodischen Akkumulationen von Anlage suchen-
dem Geld ausgesetzt sein, die je nach den Umständen von größrer
oder geringrer Bedeutung sind. Für eine lange Reihe von Jahren
war die Staatsschuld das große Aufsaugemittel des überschüssigen
Reichtums von England. Seitdem sie mit 1816 ihr Maximum erreicht
hat und nicht länger aufsaugend wirkt, fand sich jedes Jahr eine
Summe von mindestens 27 Millionen, die andre Anlagegelegenheit
suchte. Zudem fanden verschiedne Kapitalrückzahlungen statt...
Unternehmungen, die zu ihrer Ausführung großes Kapital bedürfen
und von Zeit zu Zeit den Überschuß von unbeschäftigtem Kapital
ableiten... sind wenigstens in unserm Lande absolut notwendig, um
die periodischen Anhäufungen des überschüssigen Reichtums der Ge-
sellschaft abzufahren, die in den gewöhnlichen Anlagezweigen kei-
nen Raum finden können." ("The Currency Theory Reviewed", London
1845, p. 32-34.).
Vom Jahre 1845 heißt es ebendaselbst:
"Innerhalb einer sehr kurzen Periode sind die Preise vom niedrig-
sten Punkt der Depression emporgeschnellt... die dreiprozentige
Staatsschuld steht fast pari... das Gold in den Kellern der Bank
von England überragt jeden früher dort aufgespeicherten Betrag.
Aktien aller Art stehn auf Preisen, die fast in jedem Fall uner-
hört sind, und der Zinsfuß ist so gesunken, daß er fast nominell
ist... Alles Beweise, daß jetzt wieder einmal eine schwere Akku-
mulation von unbeschäftigtem Reichtum in England vorhanden ist,
daß wieder einmal eine Periode spekulativer Überhitzung uns nahe
bevorsteht." (ibid., p. 36.)
"Obgleich die Einfuhr von Gold kein sichres Zeichen ist von Ge-
winn im auswärtigen Handel, so repräsentiert doch prima facie ein
Teil dieser Goldeinfuhr, in
#430# V. Abschnitt - Das zinstragende Kapital
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Abwesenheit einer andren Erklärungsweise, solchen Profit." (J. G.
Hubbard,. "The Currency and the Country", London 1843, p. 40,
41.) Gesetzt, in einer Periode mit stetig gutem Geschäft, lohnen-
den Preisen und wohlgefülltem Geldumlauf, gäbe eine schlechte
Ernte Anlaß zu einer Ausfuhr von 5 Millionen Gold und zur Einfuhr
von Korn zum selben Betrag. Die Zirkulation" {soll heißen, wie
sich gleich zeigen wird, nicht Zirkulationsmittel, sondern das
unbeschäftigte Geldkapital. F. E.} "wird vermindert um denselben
Betrag. Die Privatleute mögen noch ebensoviel Zirkulationsmittel
besitzen, aber die Depositen der Kaufleute bei ihren Banken, die
Saldos der Banken bei ihren Geldmaklern und die Reserven in ihren
Kassen werden alle vermindert sein, und die unmittelbare Folge
dieser Venderung im Betrag des unbeschäftigten Kapitals wird eine
Erhöhung des Zinsfußes sein, z.B. von 4% auf 6. Da das Geschäft
gesund ist, wird das Vertrauen nicht erschüttert, aber der Kredit
wird höher geschätzt werden." (ibid., p. 42.) "Fallen die Waren-
preise allgemein, so fließt das überschüssige Geld in Form von
vermehrten Depositen zu den Banken zurück, der Überfluß an unbe-
schäftigtem Kapital senkt den Zinsfuß auf ein Minimum, und dieser
Stand der Dinge dauert, bis entweder höhere Preise oder ein leb-
hafteres Geschäft das schlummernde Geld in Dienst treten lassen,
oder bis es absorbiert ist durch Anlage in ausländischen Wertpa-
pieren oder ausländischen Waren." (p. 68.)
Die folgenden Auszüge sind wieder aus dem Parlamentsbericht über
"Commercial Distress", 1847/48. - Infolge der Mißernte und Hun-
gersnot 1846/47 wurde große Einfuhr von Nahrungsmitteln nötig.
"Daher großer Überschuß der Einfuhr über die Ausfuhr... Daher be-
trächtlicher Geldüberfluß bei den Banken und vermehrter Zudrang
zu den Diskontomaklern von Leuten, die Wechsel zu diskontieren
hatten; die Makler fingen an, den Wechseln genauer auf die Finger
zu sehn. Die bisher bewilligte Akkommodation wurde sehr ernstlich
eingeschränkt, und unter schwachen Häusern gab es Falliten. Die-
jenigen, die sich ganz auf den Kredit verließen, gingen in die
Brüche. Dies vermehrte die schon früher gefühlte Beunruhigung;
Bankiers und andre fanden, daß sie nicht mit derselben Sicherheit
wie früher darauf rechnen konnten, ihre Wechsel und andre Wertpa-
piere in Banknoten zu verwandeln, um ihren Verpflichtungen nach-
zukommen; sie beschränkten die Akkommodation noch mehr und schlu-
gen sie häufig rund ab; sie schlossen in vielen Fällen ihre
Banknoten ein, für künftige Deckung ihrer eignen Verpflichtungen;
sie gaben sie lieber gar nicht weg. Unruhe und Verwirrung nahmen
täglich zu, und ohne Lord John Russells Brief war der allgemeine
Bankrott da." (p. 74, 75.)
Der Brief Russells suspendierte den Bankakt. - Der obenerwähnte
Charles Turner sagt aus:
"Manche Häuser hatten große Mittel, aber sie waren nicht flüssig.
Ihr ganzes Kapital stak fest in Grundbesitz in Mauritius oder in
Indigo- oder Zuckerfabriken. Nachdem sie einmal Verpflichtungen
für 500 000 - 600 000 Pfd.St. eingegangen, hatten sie keine flüs-
sigen Mittel, die Wechsel dafür zu zahlen, und schließlich zeigte
sich, daß
#431# 26. Kapitel - Akkumulation von Geldkapital usw.
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sie ihre Wechsel nur zahlen konnten vermittelst ihres Kredits und
soweit dieser reichte." (p. 81.)
Der erwähnte S. Gurney:
[1664.] "Gegenwärtig" (1848) "herrscht eine Beschränkung der Um-
sätze und ein großer Überfluß von Geld." - Nr. 1763. "Ich glaube
nicht, daß Mangel an Kapital es war, das den Zinsfuß so hoch hin-
auftrieb; es war der Schrecken (the alarm), die Schwierigkeit,
Banknoten zu bekommen."
1847 zahlte England wenigstens 9 Millionen Pfd.St. in Gold ans
Ausland für eingeführte Nahrungsmittel. Davon 7 1/2 Millionen aus
der Bank von England und 1 1/2 aus andern Quellen. (p. 301.) -
Morris, Gouverneur der Bank von England:
"Am 23. Oktober 1847 waren die öffentlichen Fonds und die Kanal-
und Eisenbahnaktien schon depreziiert um 114 752 225 Pfd.St." (p.
312.)
Derselbe Morris, befragt von Lord G. Bentinck:
[3846.] "Ist Ihnen nicht bekannt. daß alles in Papieren und Pro-
dukten aller Art angelegte Kapital in derselben Weise entwertet
war, daß Rohstoffe, Baumwolle, Seide, Wolle nach dem Kontinent
gesandt wurden zu denselben Schleuderpreisen und daß Zucker, Kaf-
fee und Tee in Zwangsverkäufen losgeschlagen wurden? - Es war un-
vermeidlich, daß die Nation ein beträchtliches Opfer brachte, um
dem Goldabfluß entgegenzuwirken, den die enorme Einfuhr von Nah-
rungsmitteln verursacht hatte. - Glauben Sie nicht, es wäre bes-
ser gewesen, die 8 Millionen Pfd.St. anzuzapfen, die in den Geld-
schränken der Bank lagen, statt zu versuchen, das Gold mit sol-
chen Opfern zurückzubekommen? - D a s g l a u b e i c h
n i c h t."
Nun den Kommentar zu diesem Heroismus. Disraeli examiniert Herrn
W. Cotton, Direktor und ehemaligen Gouverneur der Bank von Eng-
land.
"Was war die Dividende, die die Bankaktionäre 1844 erhielten? -
Sie war 7% für das Jahr. - Und die Dividende für 1847? - 9%. -
Bezahlt die Bank die Einkommensteuer für ihre Aktionäre im lau-
fenden Jahr? - Jawohl. - Tat sie das auch 1844? Nein. 83) - Dann
hat dieser Bankakt" (von 1844) "also sehr im Interesse der Aktio-
näre gewirkt... Das Resultat ist also, daß seit der Einführung
des neuen Akts die Dividende der Aktionäre von 7% auf 9% gestie-
gen ist und die Einkommensteuer jetzt außerdem
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83) D.h. früher wurde erst die Dividende festgesetzt und dann von
dieser dem einzelnen Aktionär bei der Auszahlung die Einkommen-
steuer abgezogen; nach 1844 aber wurde erst die Steuer vom Ge-
samtprofit der Bank bezahlt und dann die Dividende "free of In-
come Tax" 1*) verteilt. Dieselben nominellen Prozente sind im
letzteren Fall also höher um den Betrag der Steuer. - F.E.
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1*) "frei von Einkommensteuer"
#432# V. Abschnitt - Das zinstragende Kapital
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von der Bank gezahlt wird, während sie vorher von den Aktionären
bezahlt werden mußte? - D a s i s t g a n z r i c h t i g."
(Nr. 4356 - 4361.)
Über Schatzbildung bei den Banken während der Krise von 1847 sagt
Mr. Pease, ein Provinzialbankier:
4605. Da die Bank genötigt war, ihren Zinsfuß immer mehr zu stei-
gern, wurden die Befürchtungen allgemein; die Landbanken vermehr-
ten die Geldbeträge in ihrem Besitz und ebenso die Notenbeträge;
und viele von uns, die gewöhnlich vielleicht nur ein paar hundert
Pfund in Gold oder Banknoten zu führen pflegten, speicherten so-
fort Tausende in Geldschränken und Pulten auf, da große Ungewiß-
heit herrschte wegen des Diskontos und wegen der Umlaufsfähigkeit
von Wechseln im Markt; und so er. folgte eine allgemeine Schatz-
anhäufung."
Ein Ausschußmitglied bemerkt:
4691. "Demzufolge, was auch die Ursache während der letzten 12
Jahre gewesen sein mag, so war das Resultat jedenfalls mehr zu-
gunsten des Juden und des Geldhändlers als zugunsten der produk-
tiven Klasse überhaupt."
Wie sehr der Geldhändler eine Zeit der Krisis ausbeutet, sagt
Tooke aus:
"Im Metallwarengeschäft von Wackshire und Staffordshire wurden
1847 sehr viele Aufträge auf Waren zurückgewiesen, weil der Zins-
fuß, den der Fabrikant für D'ISkontierung seiner Wechsel zu be-
zahlen hatte, seinen ganzen Profit mehr als verschluckt hätte."
(Nr. 5451.)
Nehmen wir jetzt einen andern schon vorher zitierten Parlaments-
bericht: "Report of Select Committee on Bank Acts, communicated
from the Commons to the Lords, 1857" (zitiert weiter unten als B.
C., 1857). Darin wird Herr Norman, Direktor der Bank von England
und ein Hauptlicht unter den Leuten vom Currency principle [68],
verhört wie folgt:
3635. "Sie sagten, Sie sind der Ansicht, daß der Zinsfuß abhängt,
nicht von der Masse der Banknoten, sondern von Nachfrage und An-
gebot von Kapital. Wollen Sie angeben, was Sie unter Kapital ein-
begreifen, außer Banknoten und Hartgeld? - Ich glaube die gewöhn-
liche Definition von Kapital ist: Waren oder Dienste, gebraucht
in Produktion." - 3636. "Schließen Sie alle Waren in das Wort Ka-
pital ein, wenn Sie vom Zinsfuß sprechen? - Alle Waren, gebraucht
in der Produktion." - 3637. "Sie begreifen das alles ein in das
Wort Kapital, wenn Sie vom Zinsfuß sprechen? - Jawohl. Nehmen wir
an, ein Baumwollfabrikant braucht Baumwolle für seine Fabrik, so
wird er vermutlich sie sich dadurch verschaffen, daß er einen
Vorschuß von seinem Bankier erhält, und mit den so erhaltnen
Banknoten geht er nach Liverpool und kauft. Was er wirklich
braucht, ist die Baumwolle; er braucht die Banknoten oder das
Gold nicht, außer als Mittel, die Baumwolle zu erhalten. Oder er
braucht die Mittel, um seine Arbeiter zu
#433# 26. Kapitel - Akkumulation von Geldkapital usw.
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bezahlen; dann borgt er wieder Noten und zahlt den Lohn seiner
Arbeiter mit diesen Noten; und die Arbeiter ihrerseits brauchen
Nahrung und Wohnung, und das Geld ist das Mittel, dafür zu zah-
len." - 3638. "Aber für das Geld wird Zins gezahlt? - Gewiß, in
erster Instanz; aber nehmen Sie einen andern Fall. Angenommen, er
kauft die Baumwolle auf Kredit, ohne Vorschuß bei der Bank zu ho-
len; dann ist die Differenz zwischen dem Preis für Barzahlung und
dem Preis auf Kredit bei Verfallzeit der Maßstab des Zinses. Zins
würde existieren, auch wenn es überhaupt kein Geld gäbe."
Dieser selbstgefällige Kohl ist ganz würdig dieses Stützpfeilers
des Currency principle. Zuerst die geniale Entdeckung, daß
Banknoten oder Gold Mittel sind, etwas zu kaufen, und daß man sie
nicht ihrer selbst wegen pumpt. Und daraus soll folgen, daß der
Zinsfuß geregelt ist durch was? Durch die Nachfrage und Zufuhr
von Waren, wovon man bisher nur wußte, daß sie die Marktpreise
der Waren regeln. Mit gleichbleibenden Marktpreisen der Waren
sind aber ganz verschiedne Zinsraten verträglich. Aber nun weiter
die Schlauheit. Auf die richtige Bemerkung: "Aber für das Geld
wird Zins gezahlt", die natürlich die Frage einschließt: Was hat
der Zins, den der Bankier erhält, der gar nicht in Waren handelt,
zu tun mit diesen Waren? Und erhalten nicht Fabrikanten Geld zum
gleichen Zinsfuß, die dies Geld in ganz verschiednen Märkten aus-
legen, also in Märkten, wo ganz verschiednes Verhältnis von Nach-
frage und Angebot der in der Produktion gebrauchten Waren
herrscht? - Auf diese Frage bemerkt dieses feierliche Genie, daß,
wenn der Fabrikant Baumwolle auf Kredit kauft, dann ist die Dif-
ferenz zwischen dem Preis für Barzahlung und dem Preis auf Kredit
bei Verfallzeit der Maßstab des Zinses". Umgekehrt. Die beste-
hende Rate des Zinses, deren Regulierung Genie Norman erklären
soll, ist der Maßstab der Differenz zwischen dem Preis für
Barzahlung und dem Preis auf Kredit bis Verfallzeit. Erst ist die
Baumwolle zu verkaufen zu ihrem Preis bei Barzahlung, und dieser
ist bestimmt durch den Marktpreis, der selbst durch den Stand von
Nachfrage und Zufuhr reguliert ist. Sage der Preis ist = 1000
Pfd.St. Damit ist das Geschäft zwischen dem Fabrikanten und dem
Baumwollmakler abgemacht, soweit es Kauf und Verkauf betrifft.
Nun kommt ein zweites Geschäft hinzu. Dies ist eins zwischen
Verielher und Borger. Der Wert von 1000 Pfd.St. wird dem Fabri-
kanten in Baumwolle vorgeschossen, und er hat ihn, sage in drei
Monaten, in Geld zurückzuzahlen. Und die Zinsen für 1000 Pfd.St.
für drei Monate, bestimmt durch die Marktrate des Zinses, bilden
dann den Aufschlag auf und über den Preis für Barzahlung. Der
Preis der Baumwolle ist bestimmt durch Nachfrage und Zufuhr. Aber
der Preis des Vorschusses des Baum. wollenwerts, der 1000 Pfd.St.
für drei Monate, ist bestimmt durch die
#434# V. Abschnitt - Das zinstragende Kapital
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Zinsrate. Und dies, daß die Baumwolle selbst so in Geldkapital
verwandelt wird, beweist Herrn Norman, daß Zins existieren würde,
auch wenn es überhaupt kein Geld gäbe. Wenn es überhaupt kein
Geld gäbe, gäbe es jedenfalls keine allgemeine Zinsrate.
Es ist erstens die pöbelhafte Vorstellung von Kapital als "Waren,
gebraucht in der Produktion". Soweit diese Waren als Kapital fi-
gurieren, drückt sich ihr Wert als K a p i t a l, im Unter-
schied von ihrem Wert als W a r e n, aus in dem Profit, der aus
ihrer produktiven oder merkantilen Verwendung gemacht wird. Und
die Profitrate hat unbedingt immer etwas zu tun mit dem Markt-
preis der gekauften Waren und ihrer Nachfrage und Zufuhr, wird
aber noch durch ganz andre Umstände bestimmt. Und daß die Zins-
rate im allgemeinen ihre Grenze hat an der Profitrate, kein Zwei-
fel. Aber Herr Norman soll uns grade sagen, wie diese Grenze be-
stimmt wird. Und sie wird bestimmt durch Nachfrage und Angebot
von Geldkapital in seinem Unterschied von den andern Formen des
Kapitals. Nun könnte weiter gefragt werden: Wie wird Nachfrage
und Angebot von Geldkapital bestimmt? Daß eine stille Verbindung
besteht zwischen dem Angebot von sachlichem Kapital und dem Ange-
bot von Geldkapital, kein Zweifel, und ebensowenig, daß die Nach-
frage der industriellen Kapitalisten nach Geldkapital durch die
Umstände der wirklichen Produktion bestimmt ist. Statt uns hier-
über aufzuklären, debitiert uns Norman die Weisheit, daß Nach-
frage nach Geldkapital nicht identisch ist mit Nachfrage nach
Geld als solchem; und diese Weisheit nur, weil bei ihm, Overstone
und den andern Currency-Propheten immer das böse Gewissen im Hin-
tergrund steht, daß sie durch künstliche legislatorische Einmi-
schung aus dem Zirkulationsmittel als solchem Kapital zu machen
und den Zinsfuß zu erhöhen bestrebt sind.
Nun zu Lord Overstone, alias Samuel Jones Loyd, wie er erklären
muß, warum er 10% für sein "Geld" nimmt, weil das "Kapital" im
Lande so rar ist.
3653. "Die Schwankungen in der Zinsrate entspringen aus einer von
zwei Ursachen: aus einer Veränderung im Wert des Kapitals"
(vortrefflich! Wert des Kapitals, allgemein gesprochen, ist ja
gerade der Zinsfuß! Die Änderung in der Rate des Zinses ent-
springt hier also aus einer Änderung in der Rate des Zinses.
"Wert des Kapitals" wird theoretisch, wie wir früher gezeigt, nie
anders gefaßt. Oder aber: versteht Herr Overstone unter Wert des
Kapitals die Profitrate, so kommt der tiefsinnige Denker darauf
zurück, daß die Zinsrate reguliert wird durch die Profitrate!)
"oder aus einer Veränderung in der Summe des im Lande vorhandnen
Geldes. Alle großen Schwankungen des Zinsfußes, groß entweder der
Dauer oder der Ausdehnung
#435# 26. Kapitel - Akkumulation von Geldkapital usw.
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der Schwankung nach, lassen sich deutlich zurückführen auf Verän-
derungen im Wert des Kapitals. Schlagendere praktische Illustra-
tionen dieser Tatsache kann es nicht geben als das Steigen des
Zinsfußes 1847 und wiederum in den letzten zwei Jahren (1855/56);
die geringeren Schwankungen des Zinsfußes, die aus einem Wechsel
in der Summe des vorhandnen Geldes entstehn, sind klein sowohl
ihrer Ausdehnung wie ihrer Dauer nach. Sie sind häufig, und je
häufiger, desto wirksamer für ihren Zweck."
Nämlich die Bankiers à la Overstone zu bereichern. Freund Samuel
Gurney drückt sich darüber sehr naiv aus vor dem Committee of
Lords, C. D., 1848[1857]:
1324. "Sind Sie der Ansicht, daß die großen Schwankungen des
Zinsfußes, die im vorigen Jahre stattgefunden, den Bankiers und
Geldhändlern vorteilhaft waren oder nicht? - Ich glaube, sie wa-
ren den Geldhändlern vorteilhaft. Alle Schwankungen des Geschäfts
sind vorteilhaft für den, der Bescheid weiß (to the knowing
man)." - 1325. "Sollte nicht der Bankier schließlich doch bei dem
hohen Zinsfuß verlieren infolge der Verarmung seiner besten Kun-
den? - Nein, ich bin nicht der Ansicht, daß diese Wirkung in be-
merkbarem Grade besteht."
Voilà ce que parler veut dire. 1*)
Auf die Beeinflussung des Zinsfußes durch die Summe des vorhand-
nen Geldes werden wir zurückkommen. Aber man muß schon jetzt be-
merken, daß Overstone hier wieder ein Quidproquo begeht. Die
Nachfrage nach Geldkapital 1847 (vor Oktober bestand keine Sorge
wegen Geldknappheit, "Quantität des vorhandnen Geldes", wie er es
oben nannte) nahm zu aus verschiednen Gründen. Kornteuerung,
steigende Baumwollpreise, Unverkäuflichkeit des Zuckers wegen
Überproduktion, Eisenbahnspekulation und Krach, Überfüllung der
auswärtigen Märkte mit Baumwollwaren, die oben beschriebne
Zwangsausfuhr nach und Zwangseinfuhr von Indien zum Zweck bloßer
Wechselreiterei. Alle diese Dinge, die Überproduktion in der In-
dustrie so gut wie die Unterproduktion im Ackerbau, also ganz
verschiedne Ursachen, verursachten Steigerung der Nachfrage nach
Geldkapital, d.h. nach Kredit und Geld. Die gesteigerte Nachfrage
nach Geldkapital hatte ihre Ursachen im Gang des Produktionspro-
zesses selbst. Aber, welches immer die Ursache, es war die Nach-
frage nach G e l d kapital, die den Zinsfuß, den Wert des Geld-
kapitals steigen machte. Will Overstone sagen, daß der Wert des
Geldkapitals stieg, w e i l er stieg, so ist dies Tautologie.
Versteht er aber unter Wert des Kapitals hier Steigen der Pro-
fitrate als Ursache des Steigens des Zinsfußes, so wird sich die
Sache gleich als falsch
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1*) Das nenn' ich reden.
#436# V. Abschnitt - Das zinstragende Kapital
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herausstellen. Die Nachfrage nach Geldkapital und daher der "Wert
des Kapitals" kann steigen, obgleich der Profit fällt; sobald das
relative Angebot von Geldkapital fällt, steigt sein "Wert". Was
Overstone nachweisen will, ist, daß die Krise von 1847 und die
hohe Zinsrate, die sie begleitete, nichts zu tun hatte mit der
Quantität des vorhandnen Geldes", d.h. mit den Bestimmungen des
von ihm inspirierten Bankakts von 1844 [64]; obgleich sie in der
Tat damit zu tun hatte, soweit die Furcht vor der Erschöpfung der
Bankreserve - einer Schöpfung von Overstone - eine Geldpanik der
Krise von 1847/48 hinzufügte. Aber das ist hier nicht der Frage-
punkt. Es war vorhanden eine Geldkapitalnot, verursacht durch die
übermäßige Größe der Operationen, verglichen mit den vorhandnen
Mitteln, und zum Ausbruch gebracht durch die Störung des Repro-
duktionsprozesses infolge von rniß ratener Ernte, von Überanlage
von Eisenbahnen, von Überproduktion namentlich in Baumwollwaren,
von indischem und chinesischem Schwindel geschäft, Spekulation,
Übereinfuhr von Zucker etc. Was den Leuten, die Korn gekauft hat-
ten, als es 120 sh. per Quarter stand, fehlte, als es auf 60 sh.
gefallen war, waren die 60 sh. die sie zuviel bezahlt, und der
entsprechende Kredit dafür im Lombardvorschuß auf das Korn. Es
war durchaus nicht Mangel an Banknoten, der sie daran hinderte,
ihr Korn zum alten Preis von 120 sh. in Geld zu konvertieren.
Ebenso bei denen, welche Zucker übereingeführt hatten, und dieser
dann fast unverkäuflich wurde. Ebenso bei den Herren, die ihr
Zirkulationskapital (floating capital) in Eisenbahnen festgelegt
und sich für den Ersatz desselben in ihrem "legitimen" Geschäft
auf Kredit verlassen hatten. Alles dies drückt sich für Overstone
aus in einem moralischen Gewahrwerden des erhöhten ertes seines
Geldes (a moral sense of the enhanced value of bis money)". Aber
diesem erhöhten Wert des Geldkapitals entsprach auf der andern
Seite direkt der gefallne Geldwert des realen Kapitals
(Warenkapitals und produktiven Kapitals). Der Wert des Kapitals
in der einen Form stieg, weil der Wert des Kapitals in der andern
sank. Overstone sucht aber diese beiden Werte verschiedner Kapi-
talsorten in einem einzigen Wert des Kapitals überhaupt zu iden-
tifizieren, und zwar dadurch, daß er beide einem Mangel an Zirku-
lationsmittel, an vorhandnem Geld gegenüherstellt. Derselbe Be-
trag von Geldkapital kann aber mit sehr verschiednen Massen von
Zirkulationsmitteln verliehen werden.
Nehmen wir nun sein Beispiel von 1847. Der offizielle Bankzinsfuß
stand: Januar 3- 3 1/2 %. Februar 4 - 4 1/2 %. März meist 4%.
April (Panik) 4 - 7 1/2 %. Mai 5 - 5 1/2 %. Juni im ganzen 5%.
Juli 5%. August 5 - 5 1/2 %. September 5% mit kleinen Variationen
von 5 1/4, 5 1/2, 6%. Oktober 5, 5 1/2,
#437# 26. Kapitel - Akkumulation... Geldkapital usw.
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7%. November 7 - 10%. Dezember 7 - 5%. - In diesem Fall stieg der
Zins, weil die Profite abnahmen und die Geldwerte der Waren enorm
fielen. Wenn also Overstone hier sagt, daß der Zinsfuß 1847
stieg, weil der Wert des Kapitals stieg, so kann er unter Wert
des Kapitals hier nur den Wert des Geldkapitals verstehn, und der
Wert des Geldkapitals ist eben der Zinsfuß und nichts andres.
Aber später kommt der Fuchsschwanz heraus, und der Wert des Kapi-
tals wird identifiziert mit der Profitrate. Was den hohen Zinsfuß
angeht, der 1856 gezahlt wurde, so wußte Overstone in der Tat
nicht, daß dieser zum Teil ein Symptom davon war, daß die Sorte
Kreditritter obenauf kam, die den Zins nicht aus dem Profit, son-
dern aus fremdem Kapital zahlt; er behauptete, nur ein paar Mo-
nate vor der Krise von 1857, daß "das Geschäft durchaus gesund
sei".
Er sagt ferner aus:
3722. "Die Vorstellung, daß der Geschäftsprofit durch Steigerung
des Zinsfußes zerstört wird, ist höchst irrtümlich. Erstens ist
eine Erhöhung des Zinsfußes seiten von langer Dauer; zweitens,
wenn sie von langer Dauer und bedeutend ist, so ist sie der Sache
nach ein Steigen im Wert des Kapitals, und warum steigt der Wert
des Kapitals? Weil die Profitrate gestiegen ist."
Hier erfahren wir also endlich, welchen Sinn der "Wert des Kapi-
tals" hat. Übrigens kann die Profitrate für längere Zeit hoch
bleiben, aber der Unternehmergewinn fallen und der Zinsfuß stei-
gen, so daß der Zins den größten Teil des Profits verschlingt.
3724. "Die Erhöhung des Zinsfußes ist eine Folge gewesen der
enormen Ausdehnung im Geschäft unsers Landes und der großen Erhö-
hung der Profitrate, und wenn geklagt wird, daß der erhöhte Zins-
fuß die beiden selben Dinge zerstört, die seine eigne Ursache ge-
wesen sind, so ist das eine logische Absurdität, von der man
nicht weiß, was man davon sagen soll."
Dies ist gerade so logisch, als sagte er: Die erhöhte Profitrate
ist die Folge gewesen der Steigerung der Warenpreise durch Speku-
lation, und wenn geklagt wird, daß die Preissteigerung ihre eigne
Ursache zerstört, nämlich die Spekulation, so ist das eine logi-
sche Absurdität etc. Daß ein Ding seine eigne Ursache schließlich
zerstören kann, ist nur für den in den hohen Zinsfuß verliebten
Wucherer eine logische Absurdität. Die Größe der Römer war die
Ursache ihrer Eroberungen, und ihre Eroberungen zerstörten ihre
Größe. Reichtum ist die Ursache von Luxus, und Luxus wirkt zer-
störend auf den Reichtum. Dieser Pfiffikus! Der Idiotismus der
jetzigen Bürgerwelt kann nicht besser gezeichnet werden als durch
den Respekt,
#438# V. Abschnitt - Das zinstragende Kapital
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den die "Logik" des Millionärs, dieses dung-hill aristocrat 1*),
ganz England einflößte. Übrigens, wenn hohe Profitrate und Ge-
schäftsausdehnung Ursachen hohes Zinsfußes sein können, ist des-
wegen hoher Zinsfuß keineswegs Ursache von hohem Profit. Und die
Frage ist gerade, ob dieser hohe Zins (wie sich in der Krise
wirklich herausstellte) nicht fortgedauert oder gar erst auf die
Spitze getrieben, nachdem die hohe Profitrate längst den Weg al-
les Fleisches gegangen.
3718. "Was eine große Erhöhung der Diskontorate betrifft, so ist
das ein Umstand, der ganz und gar aus dem vermehrten Wert des Ka-
pitals entspringt, und die Ursache dieses vermehrten Werts des
Kapitals kann, glaube ich, jedermann mit vollständiger Klarheit
entdecken. Ich habe bereits die Tatsache erwähnt, daß in den 13
Jahren, während deren dieser Bankakt in Wirksamkeit war, der Han-
del von England von 45 auf 120 Millionen Pfd.St. gewachsen ist.
Man denke nach über alle die Ereignisse, die diese kurze Zahlen-
angabe einschließt; man bedenke die enorme Nachfrage nach Kapi-
tal, die eine so riesige Vermehrung des Handels mit sich bringt,
und bedenke zugleich, daß die natürliche Quelle der Zufuhr für
diese große Nachfrage, nämlich die jährlichen Ersparnisse des
ndes, während der letzten drei oder vier Jahre in der unprofitab-
len Auslage für Kriegszwecke verzehrt worden ist. Ich gestehe,
ich bin überrascht, daß der Zinsfuß nicht noch viel höher ist;
oder in andern Worten, ich bin überrascht, daß die Kapitalklemme
infolge dieser riesigen Operationen nicht noch viel heftiger ist,
als Sie sie schon gefunden haben."
Welche wunderbare Durcheinanderwerfung von Worten unsers Wucher-
logikers! Hier ist er wieder mit seinem gestiegnen Wert des Kapi-
tals! Er scheint sich einzubilden, daß auf der einen Seite diese
enorme Ausdehnung des Reproduktionsprozesses vorging, also Akku-
mulation von wirklichem Kapital, und daß auf der andern Seite ein
"Kapital" stand, nach welchem "enorme Nachfrage" entsprang, um
diese so riesige Vermehrung des Handels fertigzubringen! War denn
diese riesige Vermehrung der Produktion nicht selbst die Vermeh-
rung des Kapitals, und wenn sie Nachfrage schuf, schuf sie nicht
zugleich auch die Zufuhr und nicht auch zugleich selbst eine ver-
mehrte Zufuhr von Geldkapital? Stieg der Zinsfuß sehr hoch, so
doch nur, weil die Nachfrage nach Geldkapital noch rascher wuchs
als die Zufuhr, was in andern Worten sich darin auflöst, daß mit
der Ausdehnung der industriellen Produktion ihre Führung auf Ba-
sis des Kreditsystems sich ausdehnte. Mit andern Worten, die
wirkliche industrielle Expansion verursachte eine vermehrte Nach-
frage nach "Akkommodation", und diese letztere Nachfrage ist au-
genscheinlich das, was unser Bankier unter der "enormen Nachfrage
nach Kapital" versteht. Es ist sicher nicht die Ausdehnung
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1*) Emporkömmlings
#439# 26. Kapitel - Akkumulation von Geldkapital usw.
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der bloßen Nachfrage nach Kapital, die den Exporthandel von 45
auf 120 Millionen hob. Und was versteht Overstone weiter darun-
ter, wenn er sagt, daß die vom Krimkrieg aufgefreßnen jährlichen
Ersparnisse des ndes die natürliche Quelle der Zufuhr für diese
große Nachfrage bilden? Erstens, womit akkumulierte denn England
von 1792-1815, was ein ganz andrer Krieg war als der kleine Krim-
krieg? Zweitens, wenn die natürliche Quelle vertrocknet, aus wel-
cher Quelle floß denn das Kapital? England hat bekanntlich nicht
bei fremden Nationen Vorschüsse genommen. Wenn es aber neben der
natürlichen Quelle noch eine künstliche gibt, so wäre das ja eine
allerliebste Methode für eine Nation, die natürliche Quelle im
Krieg und die künstliche Quelle im Geschäft zu verwenden. Wenn
aber nur das alte Geldkapital vorhanden war, konnte es durch ho-
hen Zinsfuß seine Wirksamkeit verdoppeln? Herr Overstone glaubt
offenbar, daß die jährlichen Ersparnisse des Landes (die aber in
diesem Fall angeblich konsumiert wurden) sich bloß in Geldkapital
verwandeln. Wenn aber keine wirkliche Akkumulation, d.h. Steige-
rung der Produktion und Vermehrung der Produktionsmittel statt-
fände, was würde die Akkumulation von Schuldansprüchen in Geld-
form auf diese Produktion nützen?
Die Steigerung des "Werts des Kapitals", die aus hoher Profitrate
folgt, wirft Overstone zusammen mit der Steigerung, die aus ver-
mehrter Nachfrage nach Geldkapital folgt. Diese Nachfrage mag
steigen aus Ursachen, die ganz unabhängig von der Profitrate
sind. Er selbst führt als Beispiel an, daß sie 1847 stieg infolge
von Entwertung des Realkapitals. je nachdem es ihm paßt, bezieht
er den Wert des Kapitals auf Realkapital oder auf Geldkapital.
Die Unredlichkeit unsers Banklords, zusammen mit seinem bornier-
ten Bankierstandpunkt, den er didaktisch zuspitzt, zeigt sich
weiter in folgendem:
3728. (Frage.) Sie sagten, daß nach Ihrer Ansicht die Diskonto-
rate für den Kaufmann von keiner wesentlichen Bedeutung ist; wol-
len Sie gütigst sagen, was Sie als die gewöhnliche Profitrate an-
sehn?"
Dies zu beantworten erklärt Herr Overstone für "unmöglich."
3729. "Angenommen, die Durchschnittsprofitrate sei 7-10%; so muß
eine Änderung in der Diskontorate von 2% auf 7 oder 8% die Pro-
fitrate wesentlich affizieren, nicht wahr?"
(Die Frage selbst wirft die Rate des Unternehmergewinns und die
Profitrate zusammen und übersieht, daß die Profitrate die gemein-
same Quelle von Zins und Unternehmergewinn. Die Zinsrate kann die
Profitrate
#440# V. Abschnitt - Das zinstragende Kapital
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unberührt lassen, aber nicht den Unternehmeirgewinn. Antwort
Overstones:)
"Erstens werden Geschäftsleute nicht eine Diskontorate bezahlen,
die ihren Profit wesentlich vorwegnimmt; sie werden lieber ihr
Geschäft einstellen."
(Jawohl, wenn sie können, ohne sich zu ruinieren. Solange ihr
Profit hoch, zahlen sie den Diskonto, weil sie wollen, und sobald
er niedrig, weil sie müssen.)
"Was bedeutet Diskonto? Warum diskontiert jemand einen Wech-
sel?... Weil er ein größres Kapital zu erlangen wünscht";
(halte-là! 1*) weil er den Geldrückfluß seines festgelegten Kapi-
tals zu antizipieren und den Stillstand seines Geschäfts zu ver-
meiden wünscht. Weil er fällige Zahlung decken muß. Vermehrtes
Kapital verlangt er nur, wenn das Geschäft gut geht oder wenn er
auf fremdes Kapital spekuliert, selbst während es schlecht geht.
Der Diskonto ist keineswegs bloß Mittel zur Ausdehnung des Ge-
schäfts.)
"Und warum will er das Kommando über ein größeres Kapital erhal-
ten? Weil er dies Kapital anwenden will; und warum will er dies
Kapital anwenden? Weil dies profitlich ist; es wäre aber nicht
profitlich für ihn, wenn der Diskonto seinen Profit verschlänge."
Dieser selbstgefällige Logiker unterstellt, daß Wechsel nur dis-
kontiert werden, um das Geschäft auszudehnen, und daß das Ge-
schäft ausgedehnt wird, weil es profitlich ist. Die erste Voraus-
setzung ist falsch. Der gewöhnliche Geschäftsmann diskontlert, um
die Geldform seines Kapitals zu antizipieren und dadurch den Re-
produktionsprozeß im Fluß zu erhalten; nicht um das Geschäft aus-
zudehnen oder Zusatzkapital aufzubringen, sondern um den Kredit,
den er gibt, auszugleichen durch den Kredit, den er nimmt. Und
wenn er sein Geschäft auf Kredit ausdehnen will, wird ihm das
Diskontleren von Wechseln wenig nutzen, das ja bloß ein Umsatz
von schon in seiner Hand befindlichem Geldkapital aus einer Form
in eine andre ist; er wird lieber eine feste Anleihe auf längere
Zeit aufnehmen. Der Kreditritter allerdings wird seine Reitwech-
sel diskontieren lassen, um sein Geschäft auszudehnen, um ein
faules Geschäft durch das andre zu decken; nicht um Profit zu ma-
chen, sondern um sich in Besitz von fremdem Kapital zu setzen.
Nachdem Herr Overstone so den Diskonto identifiziert mit Anleihe
von Zusatzkapital (statt mit Verwandlung von Wechseln, die Kapi-
tal repräsentieren,
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1*) halt mal!
#441# 26. Kapitel - Akkumulation von Geldkapital usw.
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in bares Geld), zieht er sich sofort zurück, sobald ihm die Daum-
schrauben angesetzt werden.
3730. (Frage:) "Müssen nicht Kaufleute, einmal im Geschäft enga-
giert, ihre Operationen für einen gewissen Zeitraum fortfahren
trotz einer zeitweiligen Steigerung des Zinsfußes?" -
(Overstone:) "Es ist kein Zweifel, daß bei irgendeiner einzelnen
Transaktion, wenn jemand Veng über Kapital erhalten kann zu einem
niedrigem Zinsfuß statt zu einem hohen Zinsfuß, die Sache von
diesem beschränkten Gesichtspunkt genommen, daß das für ihn ange-
nehm ist."
Dagegen ist es ein unbeschränkter Gesichtspunkt, wenn Herr Over-
stone unter "Kapital" nun plötzlich nur sein Bankierskapital ver-
steht und daher den Mann, der bei ihm Wechsel diskontiert, als
einen Mann ohne Kapital betrachtet, weil sein Kapital in Waren-
form existiert oder die Geldform seines Kapitals ein Wechsel ist,
den Herr Overstone in andre Geldform übersetzt.
3732. "Mit Beziehung auf den Bankakt von 1844, können Sie ange-
ben, was das ungefähre Verhältnis des Zinsfußes zur Goldreserve
der Bank war, ist es richtig, daß, wenn das Gold in der Bank 9
oder 10 Millionen betrug, der Zinsfuß 6 oder 7% war, und wenn es
16 Millionen war, der Zinsfuß auf etwa 3 bis 4% stand?"
(Der Fragesteller will ihn zwingen, den Zinsfuß, soweit er beein-
flußt durch die Menge des Goldes in der Bank, zu erklären aus dem
Zinsfuß, soweit er beeinflußt durch den Wert des Kapitals.)
"Ich sage nicht, daß das der Fall ist... aber wenn dem so ist,
dann müssen wir meiner Ansicht nach noch schärfre Maßregeln er-
greifen als die von 1844; denn wenn es wahr sein sollte, daß je
größer der Goldschatz, desto niedriger der Zinsfuß, dann müßten
wir an die Arbeit gehn, nach dieser Ansicht der Sache, und den
Goldschatz bis auf einen unbegrenzten Betrag erhöhen, und dann
würden wir den Zins auf 0 herabbringen."
Der Fragesteller Cayley, ungerührt durch diesen schlechten Witz,
fährt fort:
3733. "Wenn dem so wäre, angenommen, es würden 5 Millionen Gold
der Bank zurückgegeben, so würde im Lauf der nächsten sechs Mo-
nate der Goldschatz etwa 16 Millionen betragen, und angenommen,
der Zinsfuß fiele so auf 3 bis 4%, wie könnte dann behauptet wer-
den, daß der Fall im Zinsfuß von einer großen Abnahme im Geschäft
herrührte? - Ich sagte, die neuliche große Erhöhung des Zinsfu-
ßes, nicht der Fall des Zinsfußes, sei eng verknüpft mit der
großen Ausdehnung des Geschäfts."
Aber was Cayley sagt, ist dies: Wenn Steigen des Zinsfußes, zu-
sammen mit Kontraktion des Goldschatzes, Zeichen der Ausdehnung
des Geschäfts ist, so muß Fallen des Zinsfußes, zusammen mit Aus-
dehnung des Goldschatzes,
#442# V. Abschnitt - Das zinstragende Kapital
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Zeichen der Abnahme des Geschäfts sein. Hierauf hat Overstorie
keine Antwort.
3736. {Frage:} "Ich bemerke, Sie" (im Text steht immer Your Lord-
ship 1*)) "sagten, daß Geld das Instrument sei, um Kapital zu er-
halten."
(Dies ist eben die Verkehrtheit, es als Instrument zu fassen; es
ist F o r m des Kapitals.)
"Bei Abnahme des Goldschatzes" (der Bank von England) "besteht
nicht die große Schwierigkeit umgekehrt darin, daß
K a p i t a l i s t e n kein Geld erhalten können?' -
{Overstone:} "Nein, es sind nicht die Kapitalisten, es sind die
Nichtkapitalisten, die Geld zu erlangen suchen, und warum suchen
sie Geld zu erlangen?... Weil vermittelst des Geldes sie das Kom-
mando über das Kapital des Kapitalisten erlangen, um das Geschäft
von Leuten zu führen, die keine Kapitalisten sind."
Hier erklärt er geradezu, daß Fabrikanten und Kaufleute keine Ka-
pitalisten sind und daß das Kapital des Kapitalisten nur Geldka-
pital ist.
3737. "Sind denn die Leute, die Wechsel ziehn, keine Kapitali-
sten? - Die Leute, die Wechsel ziehn sind möglicherweise Kapita-
listen und möglicherweise auch nicht."
Hier sitzt er fest.
Er wird nun gefragt, ob die Wechsel der Kaufleute nicht die Waren
repräsentieren, die sie verkauft oder verschafft haben. Er leug-
net, daß diese Wechsel den Wert der Waren ganz so repräsentieren,
wie die Banknote das Gold. (3740, 3741.) Dies ist etwas unver-
schämt.
3742. "Ist nicht der Zweck des Kaufmanns, Geld zu erhalten? -
Nein; Geld zu erhalten ist nicht der Zweck beim Ziehen des Wech-
sels; Geld zu erhalten ist der Zweck beim Diskontieren des Wech-
sels."
Wechselziehen ist Verwandlung von Ware in eine Form von Kredit-
geld wie Wechseldiskontieren Verwandlung dieses Kreditgelds in
andres, nämlich Banknoten. Jedenfalls gibt Herr Overstone hier
zu, daß der Zweck des Diskontierens ist, Geld zu erhalten. Vorher
ließ er nur diskontieren, nicht um Kapital aus einer Form in die
andre zu verwandeln, sondern um Zusatzkapital zu erhalten.
3743. "Was ist der große Wunsch der Geschäftswelt, unter dem
Druck einer Panik, wie sie nach Ihrer Aussage 1825, 1837 und 1839
vorgekommen ist; ecken sie in den Besitz von Kapital zu kommen
oder von gesetzmäßigem Zahlungsgeld? - Sie bezwecken, das Kom-
mando über Kapital zu erhalten, um ihr Geschäft fortzuführen."
Ihr Zweck ist, Zahlungsmittel für verfallende Wechsel auf sie
selbst zu erhalten, wegen des eingetretnen Kreditmangels, und um
nicht ihre Waren
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1*) Eure Lordschaft
#443# 26. Kapitel - Akkumulation von Geldkapital usw.
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unter dem Preis losschlagen zu müssen. Haben sie selbst überhaupt
kein Kapital, so erhalten sie mt den Zahlungsmitteln natürlich
zugleich Kapital, weil sie Wert ohne Äquivalent erhalten. Das
Verlangen nach Geld als solchem besteht stets nur in dem Wunsch,
Wert aus der Form von Ware oder Schuldforderung in die Form von
Geld umzusetzen. Daher auch abgesehn von den Krisen, der große
Unterschied zwischen Kapitalaufnahme und Diskonto, der bloß Ver-
wandlung von Geldforderungen aus einer Form in die andre, oder in
wirkliches Geld, zuwege bringt.
{Ich - der Herausgeber - erlaube mir hier eine Zwischenbemerkung.
Bei Norman wie bei Loyd-Overstone steht der Bankier immer da als
jemand, der Kapital vorschießt", und sein Kunde als derjenige,
der "Kapital" von ihm verlangt. So sagt Overstone, jemand läßt
durch ihn Wechsel diskontieren, weil er K a p i t a l zu erlan-
gen wünscht" (3729), und es sei angenehm für denselben Mann, wenn
er "V e r f ü g u n g ü b e r K a p i t a l erhalten kann zu
niedrigem Zinsfuß" (3730). Geld ist das Instrument, um
K a p i t a l zu erhalten" (3736), und in einer Panik ist der
große Wunsch der Geschäftsweit, Kommando über K a p i t a l zu
erhalten" (3743). Bei aller Verwirrung Loyd-Overstones über das,
was Kapital ist, geht doch soviel klar hervor, daß er das, was
der Bankier dem Geschäftskunden gibt, als Kapital bezeichnet, als
ein vom Kunden vorher nicht besessenes, ihm vorgeschoßnes Kapi-
tal, das zusätzlich ist zu dem, worüber der Kunde bisher ver-
fügte.
Der Bankier hat sich so sehr daran gewöhnt, als Verteiler - in
Form des Verleihens - des in Geldform disponiblen gesellschaftli-
chen Kapitals zu figurieren, daß ihm jede Funktion, wobei er Geld
weggibt, als ein Verleihen vorkommt. Alles Geld, das er auszahlt,
erscheint ihm als ein Vorschuß. Ist das Geld direkt auf Anleihe
ausgelegt, so ist dies wörtlich richtig. Ist es im Wechseldis-
konto angelegt, so ist es in der Tat für ihn selbst Vorschuß bis
zum Verfall des Wechsels. So befestigt sich in seinem Kopf die
Vorstellung, daß er keine Zahlungen machen kann, die nicht Vor-
schüsse sind. Und zwar Vorschüsse, nicht etwa bloß in dem Sinn,
daß jede Geldanlage zum Zweck des Zins- oder Profitmachens ökono-
misch als ein Vorschuß betrachtet wird, den der betreffende Geld-
besitzer in seiner Eigenschaft als Privatmann sich selbst in sei-
ner Eigenschaft als Unternehmer macht. Sondern Vorschüsse in dem
bestimmten Sinn, daß der Bankier dem Kunden eine Summe leihweise
übergibt, die das dem letzteren zur Verfügung stehende Kapital um
ebensoviel vermehrt.
Es ist diese Vorstellung, die, aus dem Bankkontor in die politi-
sche Ökonomie übertragen, die verwirrende Streitfrage geschaffen
hat, ob das, was der Bankier seinen Geschäftskunden in barem Geld
zur Verfügung stellt,
#444# V. Abschnitt - Das zinstragende Kapital
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Kapital ist oder bloß Geld, Zirkulationsmittel, Currency? Um
diese - im Grunde einfache - Streitfrage zu entscheiden, müssen
wir uns auf den Standpunkt des Bankkunden stellen. Es kommt dar-
auf an, was dieser verlangt und erhält.
Bewilligt die Bank dem Geschäftskunden eine Anleihe einfach auf
seinen persönlichen Kredit, ohne Sicherheitsstellung seinerseits,
so ist die Sache klar. Er erhält unbedingt einen Vorschuß von be-
stimmter Wertgröße als Zusatz zu seinem bisher angewandten Kapi-
tal. Er erhält ihn in Geldform; also nicht nur Geld, sondern auch
Geld k a p i t a l.
Erhält er den Vorschuß geleistet gegen Verpfändung von Wertpapie-
ren etc., so ist es Vorschuß in dem Sinn, daß ihm Geld gezahlt
worden ist unter Vorbehalt der Rückzahlung. Aber nicht Vorschuß
von Kapital. Denn die Wertpapiere repräsentieren auch Kapital,
und zwar einen höheren Betrag als der Vorschuß. Der Empfänger er-
hält also weniger Kapitalwert, als er in Pfand gibt; dies ist für
ihn durchaus keine Akquisition von Zusatzkapital. Er macht das
Geschäft nicht, weil er Kapital braucht - das hat er ja in seinen
Wertpapieren -, sondern weil er Geld braucht. Hier liegt also
Vorschuß von G e l d vor, aber nicht von Kapital.
Wird der Vorschuß geleistet gegen Diskonto von Wechseln, so ver-
schwindet auch die F o r m des Vorschusses. Es liegt vor ein
reiner Kauf und Verkauf. Der Wechsel geht durch Endossement über
in das Eigentum der Bank, das Geld dagegen ins Eigentum der Kun-
den; von Rückzahlung seinerseits ist keine Rede. Wenn der Kunde
mit einem Wechsel oder ähnlichen Kreditinstrument bar Geld kauft,
so ist das nicht mehr oder nicht minder ein Vorschuß, als wenn er
das bare Geld mit seiner sonstigen Ware, Baumwolle, Eisen, Korn,
gekauft hätte. Und am allerwenigsten kann hier von einem Vorschuß
von K a p i t a l die Rede sein. Jeder Kauf und Verkauf zwj-
schen Händler und Händler ist eine Übertragung von Kapital. Aber
ein Vorschuß kommt nur da vor, wo die Übertragung von Kapital
nicht wechselseitig ist, sondern einseitig und auf Zeit. Kapital-
vorschuß durch Wechseldiskonto kann also nur da stattfinden, wo
der Wechsel ein Reitwechsei ist, der gar keine verkauften Waren
repräsentiert, und den nimmt kein Bankier, sobald er ihn für das
erkennt, was er ist. Im regelmäßigen Diskontogeschäft erhält also
der Bankkunde keinen Vorschuß, weder in Kapital noch in Geld,
sondern er erhält Geld für verkaufte Ware.
Die Fälle, wo der Kunde von der Bank Kapital verlangt und erhält,
sind also sehr deutlich unterschieden von denen, wo er bloß Geld
vorgeschossen erhält oder bei der Bank kauft. Und da namentlich
Herr Loyd-Overstone nur in den allerseltensten Fällen seine Fonds
ohne Deckung vorzuschießen
#445# 26. Kapitel - Akkumulation von Geldkapital usw.
-----
pflegte (er war der Bankier meiner Firma in Manchester), so ist
ebenfalls klar, daß seine schönen Schilderungen von den Massen
Kapital, die die großmütigen Bankiers den kapitalentbehrenden Fa-
brikanten vorschießen, arge Flunkerei sind.
Im Kapitel XXXII 1*) sagt Marx übrigens in der Hauptsache das-
selbe: "Die Nachfrage nach Zahlungsmitteln ist bloße Nachfrage
nach U m s e t z b a r k e i t i n G e l d, soweit die Kauf-
leute und Produzenten gute Sicherheiten bieten können; ist Nach-
frage nach G e l d k a p i t a l, soweit dies nicht der Fall
ist; soweit also ein Vorschuß von Zahlungsmitteln ihnen nicht nur
die G e l d f o r m gibt, sondern auch das ihnen mangelnde
Äquivalent, in welcher Form es sei, zum Zahlen." - Ferner in Kap.
XXXIII 2*): "Bei entwickeltem Kreditwesen, wo sich das Geld in
den Händen der Banken konzentriert, sind sie es,
w e n i g s t e n s n o m i n e l l, die es vorschießen. Dieser
Vorschuß bezieht sich nur 3*) auf das in Zirkulation befindliche
Geld. Es ist Vorschuß von Z i r k u l a t i o n, nicht Vorschuß
der Kapitale, die diese zirkuliert." - Auch Herr Chapman, der es
wissen muß, bestätigt obige Auffassung des Diskontogeschäfts,
B.C., 1857:
"Der Bankier hat den Wechsel, der Bankier hat d e n
W e c h s e l g e k a u f t." Evid. Frage 5139.
Wir kommen übrigens im Kap. XXVIII 4*) nochmals auf dieses Thema
zurück. - F. E.}
3744. "Wollen Sie gefälligst beschreiben, was Sie unter dem Aus-
druck Kapital wirklich verstehn? - {Antwort Overstones:} "Kapital
besteht aus verschiednen Waren, vermittelst deren das Geschäft in
Gang gehalten wird (capital consists of various commodities by
the means of which trade is carried on); es gibt fixes Kapital,
und es gibt zirkulierendes Kapital. Ihre Schiffe, Ihre Docks,
Ihre Werften sind fixes Kapital, Ihre Lebensmittel, Ihre Kleider
usw. sind zirkulierendes Kapital."
3745. "Hat der Abfluß des Goldes ins Ausland schädliche Folgen
für England? - Nicht, solange man mit diesem Wort einen rationel-
len Sinn verbindet."
(Nun kommt die alte Ricardosche Geldtheorie.)
... "Im natürlichen Zustand der Dinge verteilt sich das Geld der
Welt auf die verschiednen Länder der Welt in gewissen Proportio-
nen; diese Proportionen sind der. art, daß bei solcher Vertei-
lung" des {Geldes} der Verkehr zwischen irgendeinem Lande einer-
seits und allen andren Ländern der Welt andrerseits ein bloßer
Tauschverkehr ist; aber es gibt störende Einflüsse, die diese
Verteilung von Zeit zu Zeit affizieren, und wenn diese Einflüsse
entstehn, fließt ein Teil des Geldes eines gegebnen
-----
1*) Siehe vorl. Band, S. 531 - 2*) siehe vorl. Band, S. 547 - 3*)
1. Auflage: nicht - 4*) siehe vorl. Band, S. 472/473
#446# V. Abschnitt - Das zinstragende Kapital
-----
Landes in andre Länder ab." - 3746. "Sie gebrauchen jetzt den
Ausdruck: Geld. Wenn ich Sie früher recht verstand, so nannten
Sie das einen Verlust von Kapital. - Was nannte ich einen Verlust
von Kapital?" - 3747. "Den Goldabfluß. - Nein, das sagte ich
nicht. Wenn Sie Gold als Kapital behandeln, so ist es ohne Zwei-
fel ein Verlust von Kapital; es ist Weggabe einer gewissen Pro-
portion des Edelmetalls, woraus das Weltgeld besteht." - 3748.
"Sagten Sie nicht vorher, daß ein Wechsel in der Rate des Diskon-
tos ein bloßes Anzeichen sei eines Wechsels im Wert des Kapitals?
- Jawohl." 3749. "Und daß die Rate des Diskontos im allgemeinen
wechselt mit der Goldreserve in der Bank von England? - Jawohl;
aber ich habe bereits gesagt, daß die Schwankungen des Zinsfußes,
die aus einem Wechsel in der Quantität des Geldes" (also darunter
versteht er hier die Quantität des wirklichen Goldes) in einem
Lande entspringen, sehr geringfügig sind..."
3750. "Wollen Sie also sagen, daß eine Kapitalabnahme stattgefun-
den hat, wenn eine längre, aber doch nur zeitweilige Steigerung
des Diskontos über den gewöhnlichen Satz stattgefunden hat? -
Eine Abnahme in einem gewissen Sinn des Worts. Das Verhältnis
zwischen dem Kapital und der Nachfrage danach hat gewechselt;
möglicherweise aber durch vermehrte Nachfrage, nicht durch eine
Abnahme in der Quantität des Kapitals."
(Aber es war ja eben Kapital = Geld oder Gold, und es war noch
etwas früher die Steigerung des Zinsfußes erklärt durch die hohe
Profitrate, die aus der Ausdehnung, nicht der Einschränkung des
Geschäfts oder Kapitals entsprang.)
3751. "Was ist das für ein Kapital, das Sie hier speziell im Auge
haben? - Das kommt ganz darauf an, was das für ein Kapital ist,
das jeder einzelne nötig hat. Es ist das Kapital, das die Nation
zu ihrer Vegung hat, um ihr Geschäft fortzufahren, und wenn dies
Geschäft sich verdoppelt, so muß eine große Zunahme eintreten in
der Nachfrage nach dem Kapital, womit es fortgeführt werden
soll."
(Dieser pfiffige Bankier verdoppelt erst das Geschäft und dann
hinterher die Nachfrage nach dem Kapital, womit es verdoppelt
werden soll. Er sieht immer nur seinen Kunden, der bei Herrn Loyd
ein größres Kapital verlangt, um sein Geschäft zu verdoppeln.)
"Das Kapital ist wie jede andre Ware"; (aber das Kapital ist ja
nach Herrn Loyd eben nichts andres als die Gesamtheit der Waren)
"es wechselt in seinem Preise" (die Waren wechseln also doppelt
im Preis, einmal qua Waren, das andre Mal qua Kapital) "je nach
Nachfrage und Angebot."
3752. "Die Schwankungen in der Rate des Diskontos stehn im allge-
meinen im Zusammenhang mit den Schwankungen des Goldbetrages in
der Schatzkammer der Bank. Ist dies das Kapital, das Sie meinen?
- Nein." - 3753. "Können Sie ein Beispiel angeben, wo in der Bank
von England ein großer Kapitalvorrat aufgehäuft war und gleich-
zeitig die Rate des Diskontos hoch stand? - In der Bank von Eng-
land wird nicht
#447# 26. Kapitel - Akkumulation von Geldkapital usw.
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Kapital aufgehäuft, sondern Geld." - 3754. "Sie sagten aus, daß
der Zinsfuß abhängt von der Menge des Kapitals; wollen Sie gefäl-
ligst angeben, was für Kapital Sie meinen und ob Sie ein Beispiel
anführen können, wo ein großer Goldvorrat in der Bank lag und
gleichzeitig der Zinsfuß hoch stand? - Es ist sehr wahrschein-
lich", (aha!) "daß die Anhäufung von Gold in der Bank zusammen-
fallen mag mit einem niedrigen Zinsfuß, weil eine Periode gerin-
gerer Nachfrage nach Kapital" (nämlich Geldkapital; die Zeit, von
der hier die Rede ist, 1844 und 1845, waren Zeiten der Prosperi-
tät) "eine Periode ist, während deren natürlicherweise das Mittel
oder Werkzeug, vermöge dessen man über Kapital kommandiert, akku-
mulieren kann." - 3755. "Sie glauben also, daß kein Zusammenhang
existiert zwischen der Rate des Diskontos und der Masse des
Goldes im Bankschatz? - Es mag ein Zusammenhang existieren, aber
es ist kein prinzipieller Zusammenhang"; (sein Bankakt von 1844
macht es aber grade zum Prinzip der Bank von England, den Zinsfuß
zu regulieren nach dermasse des in ihrem Besitz befindlichen
Goldes) sie mögen gleichzeitig stattfinden (there may be a coin-
cidence of time).- 3758. "Beabsichtigen Sie also zu sagen, daß
die Schwierigkeit bei den Kaufleuten hierzulande, in geldknapper
Zeit, infolge hoher Rate des Diskontos, darin besteht, Kapital zu
bekommen, und nicht darin, Geld zu bekommen? - Sie werfen zwei
Dinge zusammen, die ich nicht in dieser Form zusammenbringe; die
Schwierigkeit besteht darin, Kapital zu bekommen, und die Schwie-
rigkeit ist ebenfalls, Geld zu bekommen... Die Schwierigkeit,
Geld zu bekommen, und die Schwierigkeit, Kpital zu bekommen, ist
dieselbe Schwierigkeit, betrachtet auf zwei verschiednen Stufen
ihres Verlaufs."
Hier sitzt der Fisch wieder fest. Die erste Schwierigkeit ist,
einen Wechsel zu diskontieren oder einen Vorschuß auf Warenpfand
zu erhalten. Es ist Schwierigkeit, Kapital oder ein kommerzielles
Wertzeichen für Kapital in Geld zu verwandeln. Und diese Schwie-
rigkeit drückt sich aus, unter andrem, im hohen Zinsfuß. Sobald
aber das Geld empfangen ist, worin besteht dann die zweite
Schwierigkeit? Wenn es sich nur ums Zahlen handelt, findet jemand
Schwierigkeit, sein Geld loszuwerden? Und wenn es sich ums Kaufen
handelt, wo hat ie jemand in Zeiten der Krisis Schwierigkeiten
gefunden, um einzukaufen? Und gesetzt auch, dies bezöge sich auf
den besondren Fall einer Teurung in Korn, Baumwolle etc., so
könnte diese Schwierigkeit sich doch nur zeigen, nicht in dem
Wert des Geldkapitals, d.h. dem Zinsfuß, sondern in dem Preis der
Ware; und diese Schwierigkeit ist ja dadurch überwunden, daß un-
ser Mann jetzt das Geld hat, sie zu kaufen.
3760. "Aber eine höhere Rate des Diskontos ist doch eine ver-
mehrte Schwierigkeit, Geld zu erhalten? - Sie ist eine vermehrte
Schwierigkeit, Geld zu erhalten, aber es ist nicht das Geld, auf
dessen Besitz es ankommt; es ist nur die Form", (und diese Form
bringt Profit in die Tasche des Bankiers) worin die vermehrte
Schwierigkeit, Kapital zu erhalten, sich in den komplizierten Be-
ziehungen eines zivilisierten Zustandes darbietet."
#448# V. Abschnitt - Das zinstragende Kapital
-----
3763. {Antwort Overstones:} Der Banker ist der Mittelsmann, der
auf der einen Seite Depositen empfängt und auf der andren Seite
diese Depositen anwendet, indem er sie, i n d e r F o r m
v o n K a p i t a l, anvertraut in die Hinde von Personen, wel-
che etc."
Hier haben wir endlich, was er unter Kapital versteht. Er verwan-
delt das Geld in Kapital, indem er es "anvertraut", weniger eu-
phemistisch, indem er es auf Zinsen ausleiht.
Nachdem Herr Overstone vorher gesagt, daß Änderung in der Rate
des Diskontos nicht im wesentlichen Zusammenhang stehe mit Ände-
rung im Betrag des Goldschatzes der Bank oder der Menge des vor-
handnen Geldes, sondern höchstens im Zusammenhang der Gleichzei-
tigkeit, wiederholt er:
3805. "Wenn das Celd im nde durch Abfluß vermindert wird, so
steigt sein Wert, und die Bank von England muß sich diesem Wech-
sel im Wert des Geldes anpassen."
(Also in dem Wert des Geldes a l s K a p i t a l, in andren
Worten, im Zinsfuß, denn der Wert des Geldes als G e l d, verg-
lichen mit Waren, bleibt derselbe.)
"Was man technisch so ausdrückt, daß sie den Zinsfuß erhöht."
3819. "Ich werfe die beiden nie durcheinander."
Nämlich Geld und Kapital, aus dem einfachen Grunde, weil er sie
nie unterscheidet.
3834. "Die sehr große Summe, die' (für Korn im Jahre 1847). für
den notwendigen Lebensunterhalt des Landes weggezahlt werden
mußte und die i n d e r T a t K a p i t a l w a r."
3841. "Die Schwankungen in der Rate des Diskontos haben unzwei-
felhaft eine sehr nahe Beziehung zu dem Stand der Goldreserve"
{der Bank von England}, "denn der Stand der Reserve ist der An-
zeiger der Zunahme oder Abnahme der im Lande vorhandnen Geld-
menge; und im Verhältnis, wie das Geld im Lande zunimmt oder ab-
nimmt, fällt oder steigt der Wert des Geldes, und die Bankrate
des Diskontos wird sich dem anpassen."
Hier gibt er also das zu, was er in Nr. 3755 ein für allemal ab-
leugnete.
3842. "Es findet ein enger Zusammenhang zwischen beiden statt."
Nämlich der Menge des Goldes im issue department und der Reserve
von Noten im banking department. Hier erklärt er den Wechsel im
Zinsfuß aus dem Wechsel in der Quantität des Geldes. Dabei ist
falsch, was er sagt. Die Reserve kann abnehmen, weil das zirku-
lierende Geld im Grunde zunimmt. Dies ist der Fall, wenn das Pu-
blikum mehr Noten nimmt und der Metallschatz nicht abnimmt. Aber
dann steigt der Zinsfuß, weil dann das Bankkapital der Bank von
England nach dem Gesetz von 1844 [64] limitiert
#449# 26. Kapitel - Akkumulation von Geldkapital usw.
-----
ist. Davon darf er aber nicht sprechen, da infolge dieses Geset-
zes die zwei Departements der Bank nichts miteinander gemein ha-
ben.
3859. "Eine hohe Profitrate wird stets eine große Nachfrage nach
Kapital erzeugen; eine große Nachfrage nach Kapital wird seinen
Wert steigern."
Hier also endlich der Zusammenhang zwischen hoher Profitrate und
Nachfrage nach Kapital, wie Overstone sich ihn vorstellt. Nun
herrschte z.B. 1844/45 in der Baumwollindustrie eine hohe Pro-
fitrate, weil bei starker Nachfrage für Baumwollenwaren Rohbaum-
wolle wohlfeil war und wohlfeil blieb. Der Wert des Kapitals (und
nach einer frühern Stelle nennt Overstone Kapital dasjenige, was
jeder in seinem Geschäft braucht), also hier der Wert der Roh-
baumwolle, wurde nicht erhöht für den Fabrikanten. Nun mag die
hohe Profitrate manchen Baumwollfabrikanten veranlaßt haben, zur
Erweiterung seines Geschäfts Geld auf zunehmen. Dadurch stieg
seine Nachfrage für G e l d kapital und für sonst nichts.
3889. "Gold kann Geld sein oder auch nicht, gerade wie Papier
eine Banknote sein kann oder auch nicht."
3896. "Verstehe ich Sie also richtig dahin, daß Sie den Satz auf-
geben, den Sie 1840 anwandten: daß die Schwankungen in den zirku-
lierenden Noten der Bank von England sich richten sollten nach
den Schwankungen im Betrag des Goldschatzes? - Ich gebe ihn inso-
fern auf... daß nach dem heutigen Stand unsrer Kenntnisse wir zu
den zirkulierenden Noten noch diejenigen Noten hinzuaddieren müs-
sen, welche in der Bankreserve der Bank von England liegen."
Dies ist superlativ. Die willkürliche Bestimmung, daß die Bank
soviel Papiernoten macht, wie sie Gold im Schatz hat und 14 Mil-
lionen mehr, bedingt natürlich, daß ihre Notenausgabe schwankt
mit den Schwankungen des Goldschatzes. Da aber "der heutige Stand
unsrer Kenntnise" klar zeigte, daß die Masse Noten, die die Bank
hiernach fabrizieren kann (und die das issue department dem ban-
king department überträgt) - daß diese mit den Schwankungen des
Goldschatzes schwankende Zirkulation zwischen den beiden Abtei-
lungen der Bank von England die Schwankungen der Zirkulation der
Banknoten außerhalb der Mauern der Bank von England nicht be-
stimmt, so wird die letztre, die wirkliche Zirkulation, jetzt für
die Bankverwaltung gleichgültig, und die Zirkulation zwischen den
zwei Abteilungen der Bank, deren Unterschied von der wirklichen
sich in der Reserve zeigt, wird allein entscheidend. Für die Au-
ßenwelt ist sie nur sofern wichtig, weil die Reserve anzeigt, in-
wieweit die Bank sich dem gesetzlichen Maximum ihrer Notenausgabe
nähert und wieviel die Kunden der Bank noch aus dem banking de-
partment erhalten können.
#450# V. Abschnitt - Das zinstragende Kapital
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Von der mala fides 1*) Overstones folgendes brillante Exempel:
4243. "Schwankt nach Ihrer Ansicht die Menge des Kapitals vor ei-
nem Monat zum andern in einem solchen Grade, daß sein Wert da-
durch verändert wird in der Art, wie wir es in den letzten Jahren
in den Schwankungen der Rate des Diskontos gesehn haben? - Das
Verhältnis zwischen Nachfrage und Angebot von Kapital kann un-
zweifelhaft selbst in kurzen Zeiträumen schwanken... Wenn
Frankreich morgen anzeigt, daß es eine sehr große Anleihe aufneh-
men will, so wird das unzweifelhaft sofort eine große Änderung
verursachen i n d e m W e r t d e s G e l d e s, d a s
h e i ß t i n d e m W e r t d e s K a p i t a l s i n
E n g l a n d."
4245. Wenn Frankreich anzeigt, daß es plötzlich für irgendeinen
Zweck für 30 Millionen Waren braucht, so wird eine große Nach-
frage entstehn nach Kapital, um den wissenschaftlicheren und ein-
facheren Ausdruck zu gebrauchen." 4246. Das Kapital, das
Frankreich mit seiner Anleihe machte kaufen wollen, ist eine Sa-
che; das Geld, womit Frankreich dies kauft, ist eine andre Sache;
ist es das Geld, was seinen Wert ändert oder nicht? - Wir kommen
wieder auf die alte Frage, und die glaube ich, ist geeigneter für
das Studierzimmer eines Gelehrten als für dies Komiteezimmer."
Und hiermit zieht er sich zurück, aber nicht ins Studierzimmer.
84)
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84) Weiteres über die Begriff Owrstones in Sachen des Kapitals am
Schluß von Kap. XXXII. [F. E.]
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1*) Unehrlichkeit
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