Quelle: MEW 25 Das Kapital - Dritter Band


       zurück

       #493#
       -----
       DREISSIGSTES KAPITEL
       Geldkapital und wirkliches Kapital - I
       
       Die einzig  schwierigen Fragen, denen wir uns jetzt mit Beziehung
       auf das Kreditwesen nähern, sind folgende:
       Erstens: Die  Akkumulation des eigentlichen Geldkapitals. Wieweit
       und wieweit  nicht ist  sie Anzeichen von wirklicher Akkumulation
       des Kapitals, d.h. von Reproduktion auf erweiterter Stufenleiter?
       Die sog.  Plethora des  Kapitals, ein Ausdruck, der immer nur vom
       zinstragenden, i.e.  Geldkapital gebraucht wird, ist sie nur eine
       besondre Manier,  die industrielle  Überproduktion  auszudrücken,
       oder bildet  sie ein  besondres Phänomen  neben ihr?  Fällt diese
       PIethora, dies  Überangebot von Geldkapital, zusammen mit Vorhan-
       densein stagnanter  Geldmassen (Barren,  Goldgeld und Banknoten),
       so daß  dieser Überfluß  an wirklichem Geld Ausdruck und Erschei-
       nungsform jener Plethora von Leihkapital ist?
       Und zweitens: Wieweit drückt Geldklemme, d.h. Mangel an Leihkapi-
       tal, einen Mangel an wirklichem Kapital (Warenkapital und produk-
       tivem Kapital)  aus? Wieweit  fällt sie  andrerseits zusammen mit
       Mangel an Geld als solchem, Mangel an Zirkulationsmitteln?
       Soweit wir  die eigentümliche Form der Akkumulation des Geldkapi-
       tals und  Geldvermögens Oberhaupt bis jetzt betrachtet haben, hat
       sie sich  aufgelöst in  Akkumulation von Ansprüchen des Eigentums
       auf die  Arbeit. Die  Akkumulation des  Kapitals der Staatsschuld
       heißt, wie  sich gezeigt  hat, weiter nichts als Vermehrung einer
       Klasse von  Staatsgläubigern, die  gewisse Summen  auf den Betrag
       der Steuern für sich vorwegzunehmen berechtigt sind. 6) In diesen
       Tatsachen, daß sogar eine Akkumulation von Schulden als
       ---
       6) "Die Staatspapiere sind nichts anderes als das imaginäre Kapi-
       tal, das  der zur Bezahlung der Schulden bestimmte Teil des jähr-
       lichen Einkommens darstellt. Ein gleichgroßes Kapital ist vergeu-
       det worden;  dieses dient als Nenner für die Anleihe, aber es ist
       nicht das,  was das Staatspapier darstellt, denn das Kapital exi-
       stiert überhaupt nicht
       
       #494# V. Abschnitt - Das zinstragende Kapital
       -----
       Akkumulation von  Kapital erscheinen kann, zeigt sich die Vollen-
       dung der  Verdrehung,  die  im  Kreditsystem  stattfindet.  Diese
       Schuldscheine, die für das ursprünglich geliehene und längst ver-
       ausgabte Kapital  ausgestellt sind, diese papiernen Duplikate von
       vernichtetem Kapital fungieren für ihre Besitzer soweit als Kapi-
       tal, als  sie verkaufbare  Waren sind, und daher in Kapital rück-
       verwandelt werden können. Die Eigentumstitel auf Gesellschaftsge-
       schäfte, Eisenbahnen,  Bergwerke etc. sind, wie wir ebenfalls ge-
       sehn haben,  zwar in  der Tat Titel auf wirkliches Kapital. Indes
       geben sie keine Verfügung über dies Kapital. Es kann nicht entzo-
       gen werden.  Sie geben nur Rechtsansprüche auf einen Teil des von
       demselben zu  erwerbenden Mehrwerts. Aber diese Titel werden eben
       falls papierne  Duplikate des  wirklichen Kapitals,  wie wenn der
       dungsschein einen Wert erhielte neben der Ladung und gleichzeitig
       mit ihr.  Sie werden  zu nominellen Repräsentanten nicht existie-
       render Kapitale. Denn das wirkliche Kapital existiert daneben und
       ändert durchaus  nicht die  Hand dadurch, daß diese Duplikate die
       Hände wechseln.  Sie werden zu Formen des zinstragenden Kapitals,
       weil sie  nicht nur  gewisse Erträge  sichern, sondern auch, weil
       durch Verkauf  ihre Rückzahlung  als Kapitalwerte erhalten werden
       kann. Soweit die Akkumulation dieser Papiere die Akkumulation von
       Eisenbahnen, Bergwerken, Dampfschiffen etc. ausdrückt, drückt sie
       Erweiterung des  wirklichen Reproduktionsprozesses  aus, ganz wie
       die Erweiterung  einer Steuerliste  z.B. auf  Mobilareigentum die
       Expansion dieses Mobilars anzeigt. Aber als Duplikate, die selbst
       als Waren  verhandelbar sind  und daher  selbst als  Kapitalwerte
       zirkulieren, sind sie illusorisch, und ihr Wertbetrag kann fallen
       und steigen  ganz unabhängig  von der Wertbewegung des wirklichen
       Kapitals, auf das sie Titel sind. Ihr Wertbetrag, d.h. ihre Kurs-
       notierung an  der Börse, hat mit dem Fallen des Zinsfußes, soweit
       dies, unabhängig  von den eigentümlichen Bewegungen des Geldkapi-
       tals, einfache Folge des tendenziellen Falles der Profitrate ist,
       notwendig die  Tendenz zu steigen, so daß dieser imaginäre Reich-
       tum, dem  Wertausdruck nach  für jeden seiner aliquoten Teile von
       bestimmtem ursprünglichem
       ---
       mehr. Mittlerweile  müssen neue Reichtümer aus der Arbeit der In-
       dustrie entstehen;  ein jährlicher Teil dieser Reichtümer wird im
       voraus denen angewiesen, die jene vergeudeten Reichtümer geliehen
       hatten; dieser  Teil wird durch Steuern jenen abgenommen, die die
       Reichtümer hervorbringen,  um an  die Staatsgläubiger  gegeben zu
       werden, und  nach dem  landesüblichen Verhältnis zwischen Kapital
       und Zins  nimmt man  ein irnaginäres  Kapital an, das ebenso groß
       ist wie das Kapital, woraus die jährliche Rente entstehen könnte,
       die die Gläubiger zu bekommen haben." (Sisrnondi, "Nouveaux Prin-
       cipes", II, p. 229, 230.)
       
       #495# 30. Kapitel - Geldkapital und wirkliches Kapital - I
       -----
       Nominalwert, sich schon aus diesem Grunde im Entwicklungsgang der
       kapitalistischen Produktion expandiert. 7)
       Gewinnen und  Verlieren  durch  Preisschwankungen  dieser  Eigen-
       tumstitel sowie deren Zentralisation in den Händen von Eisenbahn-
       königen usw. wird der Natur der Sache nach mehr und mehr Resultat
       des Spiels,  das an  der Stelle  der Arbeit als die ursprüngliche
       Erwerbsart von  Kapitaleigentum erscheint  und auch an die Stelle
       der direkten  Gewalt tritt.  Diese Sorte imaginären Geldvermögens
       bildet nicht  nur einen  sehr bedeutenden  Teil des Geldvermögens
       der Privaten,  sondern auch  des Bankierkapitals,  wie schon  er-
       wähnt. Man könnte - wir erwähnen es nur, um es rasch zu erledigen
       - unter Akkumulation des Geldkapitals auch verstehn die Akkumula-
       tion des  Reichtums in  der Hand von Bankiers (Geldverleihern von
       Profession) als  der Vermittler  zwischen den Privatgeldkapitali-
       sten hier,  und dem Staat, den Gemeinden und den reproduzierenden
       Borgern dort;  indem die ganze ungeheure Ausdehnung des Kreditsy-
       stems, Überhaupt  der gesamte Kredit, von ihnen als ihr Privatka-
       pital exploitiert  wird. Diese  Burschen besitzen das Kapital und
       die Einnahme  stets in  Geldform oder in direkten Forderungen auf
       Geld. Die  Akkumulation des Vermögens dieser Klasse kann vor sich
       gehn in  sehr verschiedner  Richtung mit der wirklichen Akkumula-
       tion, beweist  aber jedenfalls, daß diese Klasse einen guten Teil
       von dieser letzteren einsteckt.
       Um die  vorliegende  Frage  auf  engere  Grenzen  zurückzuführen:
       Staatseffekten wie  Aktien und  andere Wertpapiere aller Art sind
       Anlagesphären für verleihbares Kapital, für Kapital, das bestimmt
       ist, zinstragend zu werden. Sie sind Formen, es auszuleihen. Aber
       sie sind  nicht selbst  das Leihkapital,  das in  ihnen  angelegt
       wird. Andrerseits, soweit der Kredit direkte Rolle im Reprodukti-
       onsprozeß spielt:  Was der  Industrielle oder  Kaufmann  braucht,
       wenn er  Wechsel diskontiert  haben oder  eine Anleihe  aufnehmen
       will, sind  weder Aktien  noch Staatspapiere. Was er braucht, ist
       Geld. Er  versetzt oder  verkauft also  jene Wertpapiere, wenn er
       das Geld  sich anders nicht beschaffen kann. Es ist die Akkumula-
       tion  d i e s e s  Leihkapitals,
       ---
       7) Ein  Teil des  akkumulierten verleihbaren  Geldkapitals ist in
       der Tat bloßer Ausdruck von industriellem Kapital. Wenn z.B. Eng-
       land um  1857 in  amerikanischen Eisenbahnen und andren Unterneh-
       mungen 80 Millionen Pfd.St. angelegt hatte, so wurde diese Anlage
       fast durchweg  vermittelt durch  Ausfuhr englischer  Waren, wofür
       die Amerikaner  keine Rückzahlung zu machen hatten. Der englische
       Exporteur zog  gegen diese Waren Wechsel auf Amerika, die von den
       englischen Aktienzeichnern  aufgekauft und  nach Amerika zur Ein-
       zahlung der Aktienbeträge gesandt wurden.
       
       #496# V. Abschnitt - Das zinstragende Kapital
       -----
       von der  wir hier zu handeln haben, und zwar speziell von der des
       leihbaren Geldkapitals.  Es handelt  sich hier  nicht um Anleihen
       von Häusern, Maschinen oder andrem fixen Kapital. Es handelt sich
       auch nicht um die Vorschüsse, die sich Industrielle und Kaufleute
       untereinander in  Waren und innerhalb des Zirkels des Reprodukti-
       onsprozesses machen;  obgleich wir  auch diesen Punkt vorher noch
       näher untersuchen  müssen, es  handelt sich ausschließlich um die
       Geldanleihen, die  durch die  Bankiers, als Vermittler, den Indu-
       striellen und Kaufleuten gemacht werden.
       
                                     ---
       
       Analysieren wir  also zunächst den kommerziellen Kredit, d.h. den
       Kredit, den  die in  der Reproduktion  beschäftigten Kapitalisten
       einander geben.  Er bildet  die Basis des Kreditsystems. Sein Re-
       präsentant ist der Wechsel, Schuldschein mit bestimmtem Zahlungs-
       termin, document  of deferred  payment. Jeder gibt Kredit mit der
       einen Hand  und empfängt Kredit mit der andern. Sehn wir zunächst
       ganz ab  vom Bankierkredit,  der ein ganz andres, wesentlich ver-
       schiednes Moment bildet Soweit diese Wechsel unter den Kaufleuten
       selbst wieder  als Zahlungsmittel  zirkulieren, durch Endossement
       von einem  auf den andern, wo aber der Diskonto nicht dazwischen-
       kommt, ist es nichts als eine Übertragung der Schuldforderung von
       A auf  B und  ändert absolut nichts am Zusammenhang. Es setzt nur
       eine Person an die Stelle einer andern. Und selbst in diesem Fall
       kann die  Liquidation ohne  Dazwischenkunft von Geld stattfinden.
       Der Spinner  A z.B.  hat einen Wechsel zu zahlen an den Baumwoll-
       makler B,  dieser an  den Importeur  C. Wenn C nun ebenfalls Garn
       exportiert, was  oft genug  vorkommt, so kann er Garn von A gegen
       Wechsel kaufen  und der Spinner A den Makler B mit dessen eignem,
       von C  in Zahlung  erhaltnen Wechsel  decken, wobei höchstens ein
       Saldo in  Geld zu  zahlen ist.  Die ganze  Transaktion vermittelt
       dann nur  den Austausch von Baumwolle und Garn. Der Exporteur re-
       präsentiert nur  den Spinner,  der Baumwollmakler  den  Baumwoll-
       pflanzer.
       Es ist  nun bei  dem Kreislauf  dieses rein kommerziellen Kredits
       zweierlei zu bemerken:
       Erstens: Die  Saldierung dieser wechselseitigen Schuldforderungen
       hängt ab  vom Rückfluß  des Kapitals; d. h. von W-G, das nur ver-
       tagt ist.  Wenn der  Spinner einen  Wechsel vom Kattunfabrikanten
       erhalten hat,  so kann  der Kattunfahrikant zahlen, wenn der Kat-
       tun, den  er auf dem Markt hat, in der Zwischenzeit verkauft ist.
       Hat der Kornspekulant einen Wechsel auf seinen Faktor gegeben, so
       kann der Faktor das Geld zahlen, wenn unterdes das
       
       #497# 30. Kapitel - Geldkapital und wirkliches Kapital - I
       -----
       Korn zum  erwarteten Preise  verkauft ist.  Es hängen  also diese
       Zahlungen ab  von der Flüssigkeit der Reproduktion, d.h. des Pro-
       duktions- und  Konsumtionsprozesses. Da die Kredite aber wechsel-
       seitig sind,  hängt die Zahlungsfähigkeit eines jeden zugleich ab
       von der Zahlungsfähigkeit eines andern; denn beim Ausstellen sei-
       nes Wechsels kann jener entweder auf den Rückfluß des Kapitals in
       seinem eignen  Geschäft oder auf Rückfluß im Geschäft eines Drit-
       ten gerechnet haben, der ihm in der Zwischenzeit einen Wechsel zu
       zahlen hat.  Abgesehn von  der Aussicht  auf Rückflüsse, kann die
       Zahlung nur  möglich werden  durch  Reservekapital,  worüber  der
       Wechselaussteller verfügt, um seinen Verpflichtungen im Fall ver-
       zögerter Rückflüsse nachzukommen. Zweitens: Dies Kreditsystem be-
       seitigt nicht  die Notwendigkeit  barer Geldzahlungen. Einmal ist
       ein großer  Teil der  Auslagen stets  bar zu zahlen, Arbeitslohn,
       Steuern etc.  Dann aber  z. B.  hat B, der von C einen Wechsel an
       Zahlungsstatt erhalten,  ehe dieser  Wechsel fällig, selbst einen
       fälligen Wechsel  an D zu zahlen, und dafür muß er bares Geld ha-
       ben. Ein  so voll.  ständiger Kreislauf  der Reproduktion, wie er
       oben vom  Baumwollpflanzer bis Baumwollspinner und umgekehrt vor-
       ausgesetzt worden, kann nur eine Ausnahme bilden und muß stets an
       vielen Stellen durchbrochen werden. Wir haben beim Reproduktions-
       prozeß (Buch Il, Abschn. III 1*)) gesehn, daß die Produzenten des
       konstanten Kapitals  zum Teil konstantes Kapital miteinander aus-
       tauschen. Dafür  können sich  die Wechsel  mehr oder weniger aus-
       gleichen. Ebenso  in aufsteigender  Linie der  Produktion, wo der
       Baumwollmakler auf  den Spinner, der Spinner auf den Kattunfabri-
       kanten, dieser  auf  den  Exporteur,  dieser  auf  den  Importeur
       (vielleicht wieder  von Baumwolle)  zu ziehen hat. Aber es findet
       nicht zugleich  Kreislauf der  Transaktionen und  daher Umbiegung
       der Forderungsreihe  statt. Die  Forderung, z.B.  des Spinners an
       den Weber, wird nicht saldiert durch die Forderung des Kohlenlie-
       feranten an den Maschinenbauer; der Spinner hat nie in seinem Ge-
       schäft Gegenforderungen  auf den  Maschinenbauer zu  machen, weil
       sein Produkt, Garn, nie als Element in dessen Reproduktionsprozeß
       eingeht. Solche  Forderungen müssen daher durch Geld ausgeglichen
       werden. Die Grenzen für diesen kommerziellen Kredit, für sich be-
       trachtet, sind  1 - der Reichtum der Industriellen und Kaufleute,
       d. h.  ihre Verfügung  über Reservekapital  im  Fall  verzögerter
       Rückflüsse; 2.  diese Rückflüsse  selbst. Diese  können der  Zeit
       nach verzögert  werden, oder  die Warenpreise  können in der Zwi-
       schenzeit fallen, oder die Ware kann momentan unverkäuflich
       -----
       1*) Siehe Band 24 unserer Ausgabe, S. 420-423
       
       #498# V. Abschnitt - Das zinstragende Kapital
       -----
       werden bei Stockung der Märkte. Je langsichtiger die Wechsel, de-
       sto größer  muß erstens  das Reservekapital sein und desto größer
       ist die  Möglichkeit einer  Schmälerung oder Verspätung des Rück-
       flusses durch  Preisfall oder  Überführung der Märkte. Und ferner
       sind die  Retouren um  so unsicherer,  je mehr  die ursprüngliche
       Transaktion durch  Spekulation auf Steigen oder Fallen der Waren-
       preise bedingt war. Es ist aber klar, daß mit der Entwicklung der
       Produktivkraft der  Arbeit und  daher der  Produktion auf  großer
       Stufenleiter, 1. die Märkte sich ausdehnen und vom Produktionsort
       sich entfernen,  2. daher  die Kredite sich verlängern müssen und
       also 3.  das spekulative  Element mehr und mehr die Transaktionen
       beherrschen muß.  Die Produktion  auf großer Stufenleiter und für
       entfernte Märkte wirft das Gesamtprodukt in die Hand des Handels;
       es ist aber unmöglich, daß sich das Kapital der Nation verdopple,
       so daß der Handel für sich fähig wäre, mit eignem Kapital das ge-
       samte nationale Produkt aufzukaufen und wieder zu verkaufen. Kre-
       dit ist  hier also  unerläßlich; Kredit, dem Umfang nach wachsend
       mit dem  wachsenden Wertumfang  der Produktion  und der Zeitdauer
       nach mit  der zunehmenden  Entfernung der  Märkte. Es findet hier
       Wechselwirkung statt.  Die Entwicklung  des  Produktionsprozesses
       erweitert den Kredit, und der Kredit führt zur Ausdehnung der in-
       dustriellen und merkantilen Operationen.
       Betrachten wir  diesen Kredit, getrennt vom Bankierkredit, so ist
       klar, daß  er wächst  mit dem  Umfang des  industriellen Kapitals
       selbst. Leihkapital  und industrielles  Kapital sind  hier  iden-
       tisch; die  geliehenen Kapitale sind Warenkapitale, bestimmt ent-
       weder für  schließliche individuelle  Konsumtion oder  zum Ersatz
       der konstanten  Elemente von  produktivem Kapital.  Was hier also
       als geliehenes  Kapital erscheint, ist immer Kapital, das sich in
       einer bestimmten  Phase des Reprgduktionsprozesses befindet, aber
       durch Kauf und Verkauf aus einer Hand in die andre übergeht, wäh-
       rend das Äquivalent dafür von dem Käufer erst später zu bedungner
       Frist gezahlt  wird. Z.B. die Baumwolle geht gegen Wechsel in die
       Hand des  Spinners über,  das Garn  gegen Wechsel in die Hand des
       Kattunfabrikanten, der Kattun gegen Wechsel in die Hand des Kauf-
       manns, aus  dessen Hand  gegen Wechsel in die des Exporteurs, aus
       der Hand  des Exporteurs  gegen Wechsel in die eines Kaufmanns in
       Indien, der ihn verkauft und dafür indigo kauft usw. Während die-
       ses Übergangs aus einer Hand in die andre vollzieht die Baumwolle
       ihre Verwandlung  in Kattun, und der Kattun wird schließlich nach
       Indien transportiert  und ausgetauscht gegen Indigo, der nach Eu-
       ropa verschafft wird und dort wieder in die Reproduktion eingeht.
       Die verschiednen Phasen des Reproduktionsprozesses sind hier ver-
       mittelt
       
       #499# 30. Kapitel - Geldkapital und wirkliches Kapital - I
       -----
       durch den Kredit, ohne daß der Spinner die Baumwolle, der Kattun-
       fabrikant das  Garn, der Kaufmann den Kattun etc. gezahlt hat. In
       den ersten  Akten des  Vorgangs geht  die Ware,  Baumwolle, durch
       ihre verschiednen  Produktionsphasen, und  dieser  Übergang  wird
       vermittelt durch  den Kredit.  Aber sobald  die Baumwolle  in der
       Produktion ihre  letzte Form als Ware erhalten hat, geht dasselbe
       Warenkapital nur noch durch die Hände verschiedner Kaufleute, die
       den Transport  zum entlegnen  Markt vermitteln  und deren letzter
       sie schließlich  an den Konsumenten verkauft und andre Ware dafür
       einkauft, die  entweder in die Konsumtion eingeht oder in den Re-
       produktionsprozeß. Es  sind also  hier zwei  Abschnitte zu unter-
       scheiden: im  ersten vermittelt der Kredit die wirklichen sukzes-
       siven Phasen  in der  Produktion desselben  Artikels; im  zweiten
       bloß den  Übergang aus der Hand ines Kaufmanns in die des andern,
       der den  Transport einschließt,  also den Akt W-G. Aber auch hier
       befindet sich  die Ware wenigstens immer im Zirkulationsakt, also
       in einer Phase des Reproduktionsprozesses.
       Was demnach hier verliehen wird, ist nie unbeschäftigtes Kapital,
       sondern Kapital,  das in der Hand seines Besitzers seine Form än-
       dern muß,  das in  einer Form  existiert, worin es für ihn bloßes
       Warenkapital ist,  d.h. Kapital, das rückverwandelt, und zwar we-
       nigstens zunächst  in Geld umgesetzt werden muß. Es ist somit die
       Metamorphose der Ware, die hier durch den Kredit vermittelt wird;
       nicht nur W-G, sondern auch G-W und der wirkliche Produktionspro-
       zeß. Viel  Kredit innerhalb  des reproduktiven Kreislaufs - abge-
       sehn vom  Bankierkredit - heißt nicht: viel unbeschäftigtes Kapi-
       tal, das  zu Anleihen  ausgeboten  wird  und  profitliche  Anlage
       sucht, sondern: große Beschäftigung von Kapital im Reproduktions-
       prozeß. Der Kredit vermittelt hier also 1. soweit die industriel-
       len Kapitalisten in Betracht kommen, den Übergang des industriel-
       len Kapitals  aus einer  Phase in die andre, den Zusammenhang der
       zueinander gehörigen  und ineinander  eingreifenden  Produktions-
       sphären; 2.  soweit die  Kaufleute in Betracht kommen, den Trans-
       port und  den Übergang  der Waren aus einer Hand in die andre bis
       zu ihrem  definitiven Verkauf  für Geld  oder ihrem Austausch mit
       einer andern Ware.
       Das Maximum  des Kredits  ist hier gleich der vollsten Beschäfti-
       gung des  industriellen Kapitals,  d.h. der  äußersten Anspannung
       seiner Reproduktionskraft ohne Rücksicht auf die Grenzen der Kon-
       sumtion. Diese  Grenzen der Konsumtion werden erweitert durch die
       Anspannung des Reproduktionsprozesses selbst; einerseits vermehrt
       sie den  Verzehr von  Revenue durch  Arbeiter  und  Kapitalisten,
       andrerseits ist sie identisch mit Anspannung der produktiven Kon-
       sumtion.
       
       #500# V. Abschnitt - Das zinstragende Kapital
       -----
       Solange der  Reproduktionsprozeß flüssig  und damit  der Rückfluß
       gesichert bleibt,  dauert dieser  Kredit und  dehnt sich aus, und
       seine Ausdehnung  ist basiert  auf die Ausdehnung des Reprodukti-
       onsprozesses selbst.  Sobald eine Stockung eintritt, infolge ver-
       zögerter Rückflüsse,  überführter Märkte,  gefallner Preise,  ist
       Überfluß von industriellem Kapital vorhanden, aber in einer Form,
       worin es  seine Funktion nicht vollziehn kann. Masse von Warenka-
       pital, aber  unverkäuflich. Masse  von fixem  Kapital, aber durch
       Stockung der  Reproduktion großenteils  unbeschäftigt. Der Kredit
       kontra. hiert  sich, 1. weil dies Kapital unbeschäftigt ist, d.h.
       in einer  seiner Reproduktionsphasen  stockt, weil es seine Meta-
       morphose nicht vollziehn kann; 2. weil das Vertrauen in die Flüs-
       sigkeit des  Reproduktionsprozesses gebrochen  ist; 3.  weil  die
       Nachfrage nach  diesem kommerziellen Kredit abnimmt. Der Spinner,
       der seine Produktion einschränkt und eine Masse unverkauftes Garn
       auf Lager  hat, braucht keine Baumwolle auf Kredit zu kaufen; der
       Kaufmann braucht  keine Waren auf Kredit zu kaufen, weil er deren
       schon mehr  als genug hat. Tritt also Störung in dieser Expansion
       oder auch nur in der normalen Anspannung des Reproduktionsprozes-
       ses ein, so damit auch Kreditmangel; Waren sind schwerer auf Kre-
       dit zu erhalten. Besonders aber ist das Verlangen nach barer Zah-
       lung und  die Vorsicht  im Kreditverkauf charakteristisch für die
       Phase des  industriellen Zyklus,  die auf den Krach folgt. In der
       Krisis selbst, da jeder zu verkaufen hat und nicht verkaufen kann
       und doch  verkaufen muß,  um zu  zahlen, ist die Masse, nicht des
       unbeschäftigten, unterzubringenden  Kapitals, sondern  die des in
       seinem Reproduktionsprozeß  gehemmten  Kapitals  gerade  dann  am
       größten, wenn auch der Kreditmangel am größten ist (und daher bei
       Bankierkredit die Diskontorate am höchsten). Das schon ausgelegte
       Kapital ist  dann in  der Tat  massenweis unbeschäftigt, weil der
       Reproduktionsprozeß stockt.  Fabriken stehn still, Rohstoffe häu-
       fen sich auf, fertige Produkte überfüllen als Waren den Markt. Es
       ist also  nichts falscher,  als solchen  Zustand einem  Mangel an
       produktivem Kapital  zuzuschreiben. Es  ist gerade  dann Überfluß
       von produktivem  Kapital vorhanden, teils in bezug auf den norma-
       len, aber  augenblicklich kontrahlerten Maßstab der Reproduktion,
       teils in bezug auf die gelähmte Konsumtion.
       Denken wir  uns die ganze Gesellschaft bloß aus industriellen Ka-
       pitalisten und  Lohnarbeitern zusammengesetzt. Sehn wir ferner ab
       von den  Preiswechseln, die  große Portionen  des  Gesamtkapitals
       hindern, sich  in ihren  Durchschnittsverhältnissen zu  ersetzen,
       und die,  bei dem allgemeinen Zusammenhang des ganzen Reprodukti-
       onsprozesses, wie ihn namentlich der
       
       #501# 30. Kapitel - Geldkapital und wirkliches Kapital - I
       -----
       Kredit entwickelt,  immer zeitweilige  allgemeine Stockungen her-
       vorbringen rnüssen.  Sehn wir ab ebenfalls von den Scheingeschäf-
       ten und  spekulativen Umsätzen, die das Kreditwesen fördert. Dann
       wäre eine  Krise nur  erklärlich aus Mißverhältnis der Produktion
       in verschiednen  Zweigen und  aus einem  Mißverhältnis, worin der
       Konsum der  Kapitalisten selbst zu ihrer Akkumulation stände. Wie
       aber die Dinge liegen, hängt der Ersatz der in der Produktion an-
       gelegten Kapitale großenteils ab von der Konsumtionsfähigkeit der
       nicht produktiven  Klassen; während  die Konsumtionsfähigkeit der
       Arbeiter teils  durch die Gesetze des Arbeitslohns, teils dadurch
       beschränkt ist, daß sie nur solange angewandt werden, als sie mit
       Profit für  die Kapitalistenklasse  angewandt werden  können. Der
       letzte Grund  aller wirklichen  Krisen bleibt immer die Armut und
       Konsumtionsbeschränkung der  Massen gegenüber dem Trieb der kapi-
       talistischen Produktion,  die Produktivkräfte  so zu  entwickeln,
       als ob  nur die  absolute Konsumtionsfähigkeit  der  Gesellschaft
       ihre Grenze  bilde. Von wirklichem Mangel an produktivem Kapital,
       wenigstens bei kapitalistisch entwickelten Nationen, kann nur ge-
       sprochen werden  bei allgemeinen  Mißernten, sei es der Hauptnah-
       rungsrnittel, sei  es der  hauptsächlichsten  industriellen  Roh-
       stoffe. Es  kommt aber nun zu diesem kommerziellen Kredit der ei-
       gentliche Geldkredit hinzu. Das Vorschießen der Industriellen und
       Kaufleute untereinander  verquickt sich  mit dem  Vorschießen des
       Geldes an  sie seitens  der Bankiers und Geldverleiher. Beim Dis-
       kontleren der  Wechsel ist  der Vorschuß nur nominell. Ein Fabri-
       kant verkauft  sein Produkt  gegen Wechsel und diskontiert diesen
       Wechsel bei  einem bill-broker. In der Tat schießt dieser nur den
       Kredit seines Bankiers vor, der ihm wieder das Geldkapital seiner
       Depositoren vorschießt, die gebildet werden von den Industriellen
       und Kaufleuten selbst, aber auch von Arbeitern (vermittelst Spar-
       banken), von  Grundrentnern und den sonstigen unproduktiven Klas-
       sen. So  wird für  jeden individuellen  Fabrikanten oder Kaufmann
       sowohl die  Notwendigkeit eines starken Reservekapitals umgangen,
       wie die  Abhängigkeit von den wirklichen Rückflüssen. Andrerseits
       aber kompliziert sich teils durch einfache Wechselreiterei, teils
       durch Warengeschäfte  zum Zweck der bloßen Wechselfabrikation der
       ganze Prozeß so sehr, daß der Schein eines sehr soliden Geschäfts
       und flotter  Rückflüsse noch  ruhig fortexistieren  kann, nachdem
       die Rückflüsse  in der Tat schon längst nur noch auf Kosten teils
       geprellter Geldverleiher,  teils geprellter  Produzenten  gemacht
       worden sind.  Daher scheint  immer das  Geschäft fast übertrieben
       gesund gerade  unmittelbar vor  dem Krach. Den besten Beweis lie-
       fern z.B. die "Reports on Bank
       
       #502# V. Abschnitt - Das zinstragende Kapital
       -----
       Acts" von  1857 und 1858, wo alle Bankdirektoten, Kaufleute, kurz
       alle vorgeladnen  Sachverständigen, an  ihrer Spitze  Lord  Over-
       stone, sich  wechselseitig Glück wünschten über die Blüte und Ge-
       sundheit des Geschäfts - genau einen Monat bevor die Krise im Au-
       gust 1857  ausbrach. Und  sonderbarerweise macht  Tooke in seiner
       "History of  Prices" diese  Illusion noch  einmal als Geschichts-
       schreiber jeder  Krise durch.  Das Geschäft  ist immer kerngesund
       und die  Kampagne im  gedeihlichsten Fortgang, bis auf einmal der
       Zusammenbruch erfolgt.
       
                                     ---
       
       Wir kommen jetzt zurück auf die Akkumulation des Geldkapitals.
       Nicht jede  Vermehrung des leihbaren Geldkapitals zeigt wirkliche
       Kapitalakkumulation oder  Erweiterung des  Reproduktionsprozesses
       an. Dies  tritt am klarsten hervor in der Phase des industriellen
       Zyklus unmittelbar  nach überstandner Krisis, wo Leihkapital mas-
       senhaft brachliegt. In solchen Momenten, wo der Produktionsprozeß
       eingeschränkt ist  (die Produktion in den englischen Industriebe-
       zirken war nach der Krise von 1847 um ein Drittel verringert), wo
       die Preise  der Waren  auf ihrem  niedrigsten Punkt stehn, wo der
       Unternehmungsgeist gelähmt  ist,  herrscht  niedriger  Stand  des
       Zinsfußes, der  hier nichts  anzeigt als Vermehrung des leihbaren
       Kapitals grade  durch Kontraktion  und Lähmung  des industriellen
       Kapitals. Daß  weniger Zirkulationsmittel  erheischt sind mit ge-
       fallnen Warenpreisen,  verminderten Umsätzen  und der Kontraktion
       des in  ArbeitsIohn ausgelegten  Kapitals; daß  andrerseits, nach
       Liquidation der  Schulden ans  Ausland teils durch Goldabfluß und
       teils durch  Bankrotte, kein  zuschüssiges Geld  für die Funktion
       als Weltgeld  erheischt ist; daß endlich der Umfang des Geschäfts
       des Wechseldiskontlerens  mit der  Zahl und  den Beträgen  dieser
       Wechsel selbst  abnimmt -,  alles dies  ist augenscheinlich.  Die
       Nachfrage nach leihbarem Geldkapital, sei es für Zirkulationsmit-
       tel, sei  es für Zahlungsmittel (von neuer Kapitalanlage ist noch
       keine Rede), nimmt daher ab, und es wird damit relativ reichlich.
       Aber auch das Angebot des leihbaren Geldkapitals nimmt unter sol-
       chen Umständen positiv zu, wie sich später zeigen wird.
       So herrschte  nach der Krise von 1847 "eine Einschränkung der Um-
       sätze und  ein  großer  Überfluß  an  Geld".  ("Comm.  Distress",
       1847/48, Evid. Nr. 1664.) Der Zinsfuß war sehr niedrig wegen fast
       vollständiger Vernichtung  des Handels  und fast gänzlicher Abwe-
       senheit der Möglichkeit, Geld anzulegen". (l.c.p. 45. Aussage von
       Hodgson, Direktor  der Royal  Bank of  Liverpool.) Welchen Unsinn
       diese Herren (und Hodgson ist noch
       
       #503# 30. Kapitel - Geldkapital und wirkliches Kapital - I
       -----
       einer der  Besten) zusammenfabeln, um sich dies zu erklären, kann
       man aus folgender Phrase sehn:
       
       "Die Klemme"  (1847) "entsprang aus einer wirklichen Verminderung
       des Geldkapitals  im Lande, verursacht teils durch die Notwendig-
       keit, die  Einfuhren aus  allen Weitgegenden in Gold zu bezahlen,
       und teils durch die Verwandlung von Zirkulationskapital (floating
       capital) in fixes." [l.c.p. 63.]
       
       Wie die  Verwandlung von Zirkulationskapital in fixes das Geldka-
       pital des Landes vermindern soll, ist nicht abzusehn, da z.B. bei
       Eisenbahnen, worin  hauptsächlich damals  Kapital festgelegt wor-
       den, kein  Gold oder  Papier zu Viadukten und Schienen verbraucht
       wird und  das Geld  für die  Eisenbahnaktien, soweit  es bloß für
       Einzahlungen deponiert, ganz wie alles andre bei den Banken depo-
       nierte Geld  fungierte und selbst, wie schon oben gezeigt, momen-
       tan das  leihbare Geldkapital  vermehrte; soweit es aber wirklich
       im Bau  verausgabt, roullerte  es als Kauf- und Zahlungsmittel im
       Lande. Nur  soweit fixes Kapital kein exportierbarer Artikel ist,
       also mit  der Unmöglichkeit der Ausfuhr auch das disponible Kapi-
       tal wegfällt,  das durch  Retouren für  ausgeführte  Artikel  be-
       schafft wird,  also auch die Retouren in bar oder Barren, nur so-
       weit könnte das Geldkapital affiziert werden. Aber auch englische
       Exportartikel lagerten  damals massenweise  unverkäuflich auf den
       auswärtigen Märkten. Für die Kaufleute und Fabrikanten in Manche-
       ster usw., die einen Teil ihres normalen Geschäftskapitals in Ei-
       senbahnaktien festgeritten  und zur Führung ihres Geschäfts daher
       von Borgkapital  abhingen, hatte sich in der Tat ihr floating ca-
       pital fixiert,  und dafür  mußten sie  die Folgen tragen. Es wäre
       aber dasselbe gewesen, wenn sie das ihrem Geschäft gehörige, aber
       entzogne Kapital statt in Eisenbahnen z.B. in Bergwerken angelegt
       gehabt hätten,  deren Produkt selbst wieder floating capital ist,
       Eisen, Kohle, Kupfer etc. - Die wirkliche Verminderung des dispo-
       niblen Geldkapitals  durch Mißernte,  Korneinfuhr und Goldausfuhr
       war natürlich ein Ereignis, das mit dem Eisenbahnschwindel nichts
       zu tun hatte.
       
       "Fast alle  kaufmännischen Häuser hatten angefangen, ihr Geschäft
       mehr oder  weniger auszuhungern, um das Geld in Eisenbahnen anzu-
       legen." [l.c.p. 42.] - Die so ausgedehnten Vorschüsse, die an Ei-
       senbahnen von  Handelshäusern gemacht  wurden, verleiteten diese,
       sich viel zu sehr durch Wechseldiskonto auf die Banken zu stützen
       und  dadurch  ihre  Handelsgeschäfte  weiterzuführen."  (Derselbe
       Hodgson, l.c.p.  67.], "In  Manchester  fanden  immense  Verluste
       statt durch die Spekulation in Eisenbahnen." (Der in Buch I, Kap.
       XIII, 3, c, und sonst mehrfach angeführte R. Gardner, Aussagenum-
       mer 4884, l.c.)
       
       #504# V. Abschnitt - Das zinstragende Kapital
       -----
       Eine Hauptursache  der Krisis  von 1847  war die kolossale Markt-
       überführung und  der grenzenlose Schwindel im ostindischen Waren-
       geschäft. Aber  auch andre  Umstände brachten  sehr reiche Häuser
       dieses Zweigs zu Fall:
       
       "Sie hatten  reichliche Mittel,  aber sie  waren nicht flüssig zu
       machen. Ihr  ganzes Kapital  lag fest in Grundbesitz in Mauritius
       oder Indigo-  und Zuckerfabriken.  Wenn sie  dann Verpflichtungen
       bis zu  500 000 -  600 000 Pfd.St.  eingegangen waren, hatten sie
       keine flüssigen  Mittel, ihre  Wechsel zu zahlen, und schließlich
       stellte sich  heraus, daß,  um ihre  Wechsel zu  zahlen, sie sich
       gänzlich auf  ihren Kredit verlassen mußten." (Ch. Turner, großer
       ostindischer Kaufmann in Liverpool, Nr. 730, l.c.)
       
       Ferner Gardner (Nr. 4872, l.c.):
       
       "Gleich nach  dem chinesischen  Vertrag wurden dem Lande so große
       Aussichten gemacht  auf eine  gewaltige Ausdehnung unsers Handels
       mit China,  daß viele große Fabriken expreß für dies Geschäft ge-
       baut wurden, um die im chinesischen Markt hauptsächlich gangbaren
       Baumwollengewebe anzufertigen,  und diese  kamen zu  allen unsern
       schon bestehenden  Fabriken hinzu."  - 4874.  "Wie ist dieses Ge-
       schäft abgelaufen?  - Höchst ruinierend, so daß es fast jeder Be-
       schreibung spottet; ich glaube nicht, daß von den sämtlichen Ver-
       schiffungen von 1844 und 1845 nach China mehr als 2/3 des Betrags
       je zurückgekommen sind; weil Tee der Hauptartikel des Rückexports
       ist und  weil man uns so große Erwartungen gemacht hatte, rechne-
       ten wir  Fabrikanten mit  Sicherheit auf  eine große Herabsetzung
       des Teezolls."
       
       Und nun  kommt, naiv ausgedruckt, das charakteristische Credo des
       englischen Fabrikanten:
       
       "Unser Handel  mit einem  auswärtigen Markt  ist nicht beschränkt
       durch dessen  Fähigkeit, die  Waren zu  kaufen, aber  er ist  be-
       schränkt hier  im Lande  durch unsre  Fähigkeit, die  Produkte zu
       konsumieren, die  wir als Retouren für unsre Industrieerzeugnisse
       erhalten."
       
       (Die relativ  armen Länder,  womit England handelt, können natür-
       lich jeden  nur möglichen  Belauf englischer Fabrikate zahlen und
       konsumieren, leider  aber kann  das reiche England die Retourpro-
       dukte nicht verdauen.)
       
       4876. "Ich schickte anfangs einige Waren hinaus, und diese wurden
       zu etwa  15% Verlust verkauft, in der vollen Überzeugung, daß der
       Preis, zu  dem meine  Agenten Tee kaufen konnten, beim Wiederver-
       kauf hier  einen so  großen Profit ergeben würde, daß dieser Ver-
       lust gedeckt  wäre; aber  statt  Profit  zu  machen,  verlor  ich
       manchmal 25  und bis zu 50%." - 4877. "Exportierten die Fabrikan-
       ten für  eigne Rechnung?  - Hauptsächlich; die Kaufleute, scheint
       es, sahn  sehr bald,  daß nichts bei der Sache herauskam, und sie
       errnunterten die  Fabrikanten mehr zu Konsignationen, als daß sie
       sich selbst dabei beteiligten."
       
       #505# 30. Kapitel - Geldkapital und wirkliches Kapital - I
       -----
       1857 dagegen  fielen Verluste  und Bankrotte vorzugsweise auf die
       Kaufleute, da  diesmal die  Fabrikanten ihnen die Überführung der
       fremden Märkte "auf eigne Rechnung" überließen.
       
                                     ---
       
       Eine Expansion des Geldkapitals, die daraus entsteht, daß infolge
       der Ausbreitung  des Bankwesens  (siehe das  Beispiel von Ipswich
       weiter unten,  wo im  Lauf weniger Jahre unmittelbar vor 1857 die
       Depositen der  Pächter sich  vervielfachten) das, was früher Pri-
       vatschatz oder  Münzreserve war, sich für bestimmte Zeit immer in
       leihbares Kapital  verwandelt, drückt ebensowenig ein Wachsen des
       produktiven Kapitals  aus wie  die wachsenden  Depositen bei  den
       Londoner Aktienbanken,  sobald diese anfingen, Zinsen auf Deposi-
       ten zu zahlen. Solange die Produktionsleiter dieselbe bleibt, be-
       wirkt diese  Expansion nur  Reichlichkeit des leihbaren Geldkapi-
       tals gegenüber  dem produktiven. Daher niedriger Zinsfuß. Hat der
       Reproduktionsprozeß wieder  den Stand der Blüte erreicht, der dem
       der Überanspannung  vorhergeht, so erreicht der kommerzielle Kre-
       dit eine  sehr große  Ausdehnung, die  dann in der Tat wieder die
       gesunde Basis leicht eingehender Rückflüsse und ausgedehnter Pro-
       duktion hat.  In diesem  Zustand ist der Zinsfuß immer noch nied-
       rig, wenn  er auch  über sein  Minimum steigt. Es ist dies in der
       Tat der  einzige Zeitpunkt,  wo gesagt werden kann, daß niedriger
       Zinsfuß, und  daher relative Reichlichkeit des ver. leihbaren Ka-
       pitals, zusammenfällt mit wirklicher Ausdehnung des industriellen
       Kapitals. Die  Leichtigkeit und  Regelmäßigkeit  der  Rückflüsse,
       verknüpft mit  einem ausgedehnten  kommerziellen Kredit,  sichert
       das Angebot  von Leihkapital trotz der gesteigerten Nachfrage und
       verhindert das  Niveau des Zinsfußes zu steigen. Andrerseits kom-
       men jetzt erst in merklichem Grad die Ritter herein, die ohne Re-
       servekapital oder  überhaupt ohne Kapital arbeiten und daher ganz
       auf den  Geldkredit hin  operieren. Es kommt jetzt auch hinzu die
       große Ausdehnung  des fixen Kapitals in allen Formen und die mas-
       senhafte Eröffnung  neuer weitreichender Unternehmungen. Der Zins
       steigt jetzt  auf seine  Durchschnittshöhe. Sein Maximum erreicht
       er wieder, sobald die neue Krisis hereinbricht, der Kredit plötz-
       lich aufhört,  die Zahlungen stocken, der Reproduktionsprozeß ge-
       lähmt wird  und, mit früher erwähnten Ausnahmen, neben fast abso-
       lutem Mangel  von Leihkapital, Überfluß von unbeschäftigtem indu-
       striellem Kapital eintritt.
       Im ganzen  also verläuft  die Bewegung  des Leihkapitals, wie sie
       sich im Zinsfuß ausdrückt, in umgekehrter Richtung zu der des in-
       dustriellen Kapjtals.  Die Phase,  wo der niedrige, aber über dem
       Minimum stehende Zinsfuß
       
       #506# V. Abschnitt - Das zinstragende Kapital
       -----
       mit der  "Besserung" und  dem wachsenden Vertrauen nach der Krise
       zusammenfällt, und  besonders  die  Phase,  wo  er  seine  Durch-
       schnittshöhe erreicht,  die Mitte, gleichweit entfernt von seinem
       Minimum und  Maximum, nur diese beiden Momente drucken das Zusam-
       menfallen von  reichlichem Leihkapital  mit großer  Expansion des
       industriellen Kapitals  aus. Aber am Anfang des industriellen Zy-
       klus ist der niedrige Zinsfuß zusammenfallend mit Kontraktion und
       am Ende des Zyklus der hohe Zinsfuß mit Oberreichlichkeit von in-
       dustriellem Kapital.  Der niedrige Zinsfuß, der die Besserung be-
       gleitet, drückt  aus, daß der kommerzielle Kredit nur in geringem
       Maß des Bankkredits bedarf, indem er noch auf seinen eignen Füßen
       steht.
       Es verhält  sich mit diesem industriellen Zyklus so, daß derselbe
       Kreislauf, nachdem  der erste  Anstoß einmal  gegeben, sich peri-
       odisch reproduzieren  muß. 8) Im Zustand der Abspannung sinkt die
       Produktion unter die
       ---
       8) {Wie ich schon an andrer Stelle bemerkt 1*), ist hier seit der
       letzten großen  allgemeinen Krise  eine Wendung  eingetreten. Die
       akute Form  des periodischen Prozesses mit ihrem bisherigen zehn-
       jährigen Zyklus  scheint in eine mehr chronische, länger gezogne,
       sich auf  die verschiednen Industrieländer verschiedenzeitig ver-
       teilende Abwechslung  von relativ  kurzer, matter Geschäftsbesse-
       rung mit  relativ langem,  entscheidungslosem Druck  gewichen  zu
       sein. Vielleicht  aber handelt es sich nur um eine Ausdehnung der
       Dauer des  Zyklus. In  der Kindheit  des Welthandels,  1815-1847,
       lassen sich  annähernd fünfjährige  Zyklen  2*)  nachweisen;  von
       1847-67 ist  der Zyklus  entschieden zehnjährig;, sollten wir uns
       in der Vorbereitungsperiode eines neuen Weltkrachs von unerhörter
       Vehemenz befinden?  Dahin scheint  manches zu  deuten.  Seit  der
       letzten allgemeinen  Krise von  1867 sind große Änderungen einge-
       treten. Die  kolossale Ausdehnung der Verkehrsmittel - ozeanische
       Dampfschiffe, Eisenbahnen,  elektrische Telegraphen,  Suezkanal -
       hat den Weltmarkt erst wirklich hergestellt. Dem früher die Indu-
       strie monopolisierenden  England sind  eine Reihe konkurrierender
       Industrieländer zur Seite getreten; der Anlage des überschüssigen
       europäischen Kapitals  sind in allen Weltteilen unendlich größere
       und mannigfaltigere  Gebiete eröffnet,  so daß  es sich weit mehr
       verteilt und  lokale  Überspekulation  leichter  Verwunden  wird.
       Durch alles  dies sind die meisten alten Krisenherde und Gelegen-
       heiten zur Krisenbildung beseitigt oder stark abgeschwächt. Dane-
       ben weicht  die Konkurrenz im innern Markt zurück vor den Kartel-
       len und Trusts, während sie auf dem äußeren Markt beschränkt wird
       durch die Schutzzölle, womit außer England alle großen Industrie-
       länder sich  umgeben. Aber  diese Schutzzölle  selbst sind nichts
       als die  Rüstungen für  den schließlichen  allgemeinen Industrie-
       feldzug, der  über die  Herrschaft auf  dem Weltmarkt entscheiden
       soll. So birgt jedes der Elemente, das einer Wiederholung der al-
       ten Krisen entgegenstrebt, den Keim einer weit gewaltigeren künf-
       tigen Krise in sich. - F. E.}
       -----
       1*) Siehe Band 23 unserer Ausgabe, S. 40 - 2*) 1 Auflage: Krisen
       
       #507# 30. Kapitel - Geldkapital und wirkliches Kapital - I
       -----
       Stufe, die  sie im  vorigen Zyklus  erreicht und  wofür jetzt die
       technische Basis gelegt ist. In der Prosperität - der Mittelperi-
       ode - entwickelt sie sich weiter auf dieser Basis. In der Periode
       der Überproduktion  und des  Schwindels spannt sie die Produktiv-
       kräfte auf  höchste an,  bis  hinaus  über  die  kapitalistischen
       Schranken des Produktionsprozesses.
       Daß es  in der  Periode der  Krise an  Zahlungsmitteln fehlt, ist
       selbsteinleuchtend. Die Konvertibilität der Wechsel hat sich sub-
       stituiert der Metamorphose der Waren selbst, und grade zu solcher
       Zeit um  so mehr,  je mehr  ein Teil der Geschäftshäuser bloß auf
       Kredit arbeitet.  Unwissende und  verkehrte Bankgesetzgebung, wie
       die von  1844/45, kann diese Geldkrise erschweren. Aber keine Art
       Bankgesetzgebung kann die Krise beseitigen.
       In einem  Produktionssystem, wo der ganze Zusammenhang des Repro-
       duktionsprozesses auf  dem Kredit  beruht,  wenn  da  der  Kredit
       plötzlich aufhört  und nur  noch bare  Zahlung gilt,  muß  augen-
       scheinlich eine  Krise eintreten,  ein gewaltsamer  Andrang  nach
       Zahlungsmitteln. Auf den ersten Blick stellt sich daher die ganze
       Krise nur  als Kreditkrise und Geldkrise dar. Und in der Tat han-
       delt es sich nur um die Konvertibilität der Wechsel in Geld. Aber
       diese Wechsel  repräsentieren der  Mehrzahl nach  wirkliche Käufe
       und Verkäufe,  deren das  gesellschaftliche Bedürfnis  weit über-
       schreitende Ausdehnung  schließlich der  ganzen  Krisis  zugrunde
       liegt. Daneben aber stellt auch eine ungeheure Masse dieser Wech-
       sel bloße Schwindelgeschäfte vor, die jetzt ans Tageslicht kommen
       und platzen;  ferner mit  fremdem Kapital  getriebne, aber verun-
       glückte Spekulationen;  endlich Warenkapitale, die entwertet oder
       gar unverkäuflich  sind, oder  Rückflüsse, die nie mehr einkommen
       können. Das  ganze künstliche  System gewaltsamer  Ausdehnung des
       Reproduktionsprozesses kann  natürlich nicht dadurch kuriert wer-
       den, daß  nun etwa eine Bank, z.B. die Bank von England, in ihrem
       Papier allen  Schwindlern das fehlende Kapital gibt und die sämt-
       lichen entwerteten  Waren zu ihren alten Nominalwerten kauft. Üb-
       rigens erscheint hier alles verdreht, da in dieser papiernen Welt
       nirgendswo der  reale Preis  und seine realen Momente erscheinen,
       sondern nur  Barren, Hartgeld,  Noten, Wechsel,  Wertpapiere. Na-
       mentlich in den Zentren, wo das ganze Geldgeschäft des Landes zu-
       sammengedrängt, wie London, erscheint diese Verkehrung; der ganze
       Vorgang wird unbegreiflich; weniger schon in den Zentren der Pro-
       duktion. Übrigens ist mit Bezug auf die in den Krisen zutage tre-
       tende Überreichlichkeit  des industriellen  Kapitals zu bemerken:
       Das Warenkapital ist an sich zugleich Geldkapital, d.h. bestimmte
       Wertsumme, ausgedruckt im
       
       #508# V. Abschnitt - Das zinstragende Kapital
       -----
       Preis der  Ware. Als  Gebrauchswert ist es bestimmtes Quantum be-
       stimmter Gebrauchsgegenstände,  und dies  ist im Moment der Krise
       in Überfluß vorhanden. Aber als Geldkapital an sich, als potenti-
       elles Geldkapital,  ist es  beständiger Expansion und Kontraktion
       unterworfen. Am  Vorabend der  Krise und  innerhalb derselben ist
       das Warenkapital in seiner Eigenschaft als potentielles Geldkapi-
       tal kontrahiert. Es stellt für seinen Besitzer und dessen Gläubi-
       ger (wie  auch als  Sicherheit für  Wechsel und Anleihen) weniger
       Geldkapital vor, als zur Zeit, wo es eingekauft und wo die auf es
       begründeten Diskontlerungen und Pfandgeschäfte abgeschlossen wur-
       den. Soll  dies der Sinn der Behauptung sein, daß das Geldkapital
       eines Landes  in Zeiten  der Klemme  vermindert ist,  so ist dies
       identisch damit, daß die Preise der Waren gefallen sind. Ein sol-
       cher Zusammenbruch  der Preise  gleicht übrigens nur ihre frühere
       Aufblähung aus.
       Die Einnahmen der unproduktiven Klassen und derer, die von festem
       Einkommen leben,  bleiben zum  größten Teil stationär während der
       Preisaufblähung, die  mit der  Oberproduktion und Überspekulation
       Hand in  Hand geht. Ihre Konsumtionsfähigkeit vermindert sich da-
       her relativ  und damit  ihre Fähigkeit, den Teil der Gesamtrepro-
       duktion zu  ersetzen, der  normalster in  ihre Konsumtion eingehn
       müßte. Selbst wenn ihre Nachfrage nominell dieselbe bleibt, nimmt
       sie in Wirklichkeit ab.
       Mit Bezug  auf Einfuhr und Ausfuhr ist zu bemerken, daß der Reihe
       nach alle  Länder in die Krisis verwickelt werden und daß es sich
       dann zeigt,  daß sie  alle, mit  wenigen Ausnahmen, zuviel expor-
       tiert und importiert haben, also die  Z a h l u n g s b i l a n z
       g e g e n   a l l e   i s t,   die Sache also in der Tat nicht an
       der Zahlungsbilanz  liegt. Z.B.  England laboriert an Goldabfluß.
       Es hat  überimportiert. Aber zugleich sind alle andren Länder mit
       englischen Waren  überladen. Sie  haben also  auch überimportiert
       oder sind  überimportiert worden.  (Allerdings tritt  ein  Unter-
       schied ein  zwischen dem  Land, das  auf Kredit  exportiert,  und
       denen, die  nicht oder  nur wenig  gegen Kredit  exportieren. Die
       letzteren importieren dann aber auf Kredit; und dies ist nur dann
       nicht der  Fall, wenn die Ware dorthin auf Konsignation geschickt
       wird.) Die  Krise mag zuerst in England ausbrechen, in dem Lande,
       das den  meisten Kredit  gibt und  den wenigsten  nimmt, weil die
       Zahlungsbilanz, die Bilanz der fälligen Zahlungen, die sofort li-
       quidiert werden muß, gegen es, obgleich die allgemeine Handelsbi-
       lanz   f ü r   e s  ist. Dies letztere erklärt sich teils aus dem
       von ihm gegebnen Kredit, teils aus der Masse ans Ausland verlieh-
       ner Kapitale,  so daß  eine Masse  Rückflüsse in Waren, außer den
       eigentlichen Handelsretouren,  ihm zuströmen.  (Die  Krise  brach
       aber zuweilen auch zuerst in Amerika aus, dem Lande, das den mei-
       sten Handels- und Kapitalkredit von
       
       #509# 30. Kapitel - Geldkapital und wirkliches Kapital - I
       -----
       England nimmt.)  Der Krach  in England, eingeleitet und begleitet
       von Goldabfluß, saldiert Englands Zahlungsb,lanz, teils durch den
       Bankrott seiner  Importeurs (worüber  weiter unten),  teils durch
       Wegtreiben eines Teils seines Warenkapitals zu wohlfellen Preisen
       ins Ausland,  teils durch Verkauf fremder Wertpapiere, Ankauf von
       englischen etc.  Nun kommt die Reihe an ein andres Land. Die Zah-
       lungsbilanz war  momentan für  es; aber jetzt ist der in normalen
       Zeiten geltende  Termin zwischen Zahlungsbilanz und Handelsbilanz
       weggefallen oder  doch verkürzt  durch die  Krise; alle Zahlungen
       sollen auf einmal erledigt werden. Dieselbe Sache wiederholt sich
       nun hier.  England hat jetzt Goldrückfluß, das andre Land Goldab-
       fluß. Was in dem einen Land als Übereinfuhr, erscheint in dem an-
       dren als  Überausfuhr und  umgekehrt. Es hat aber Übereinfuhr und
       Überausfuhr in  allen Ländern  stattgefunden (wir  sprechen  hier
       nicht von  Mißernten etc.,  sondern von  allgemeiner Krise); d.h.
       Überproduktion, befördert  durch den  Kredit und  die ihn beglei-
       tende allgemeine Aufblähung der Preise.
       1857 brach die Krisis in den Vereinigten Staaten aus. Es erfolgte
       Goldabfluß aus  England nach  Amerika. Aber sobald die Aufblähung
       in Amerika geplatzt, erfolgte Krise in England und Goldabfluß von
       Amerika nach  Eng. land.  Ebenso zwischen  England und dem Konti-
       nent. Die  Zahlungsbilanz ist in Zeiten der allgemeinen Krise ge-
       gen jede  Nation, wenigstens  gegen jede  kommerziell entwickelte
       Nation, aber  stets bei  einer nach der andern, wie in einem Rot-
       tenfeuer, sobald die Reihe der Zahlung an sie kommt; und die ein-
       mal, z.B.  in England, ausgebrochne Krise drängt die Reihe dieser
       Termine in  eine ganz kurze Periode zusammen. Es zeigt sich dann,
       daß alle  diese Nationen  gleichzeitig überexportiert (also über-
       produziert) und  überimportiert (also  überhandelt) haben, daß in
       allen die  Preise aufgetrieben  waren und  der Kredit überspannt.
       Und bei  allen folgt  derselbe Zusammenbruch. Die Erscheinung des
       Goldabflusses kommt  dann an  alle der  Reihe nach und zeigt eben
       durch ihre  Allgemeinheit 1.,  daß der Goldabfluß bloßes Phänomen
       der Krise, nicht ihr Grund ist; 2., daß die Reihenfolge, worin er
       bei den  verschiednen Nationen  eintritt, nur  anzeigt, wann  die
       Reihe an sie gekommen, ihre Rechnung mit dem Himmel zu schließen,
       wann der  Termin der Krise bei ihnen eingetreten und die latenten
       Elemente derselben bei ihnen zum Ausbruch kommen.
       Es ist  charakteristisch für die englischen ökonomischen Schrift-
       steller und  die erwähnenswerte  ökonomische Literatur  seit 1830
       löst sich  hauptsächlich auf  in Literatur über currency, Kredit,
       Krisen -,  daß sie  den Export  von Edelmetall, trotz der Wendung
       der Wechselkurse,  in Zeiten  der Krise  bloß vom  Standpunkt von
       England aus betrachten, als ein rein
       
       #510# V. Abschnitt - Das zinstragende Kapital
       -----
       nationales Phänomen,  und ihre  Augen resolut  gegen die Tatsache
       verschließen, daß, wenn ihre Bank in Zeiten der Krise den Zinsfuß
       erhöht, alle  andern europäischen  Banken dasselbe  tun, und daß,
       wenn heute  bei ihnen  der Notschrei  wegen des Goldabflusses er-
       tönt,  er  morgen  in  Amerika,  übermorgen  in  Deutschland  und
       Frankreich erschallt.
       
       1847 "war  den auf  England laufenden  Verpflichtungen" (zum sehr
       großen Teil  für Korn)  nachzukommen. Unglücklicherweise  kam man
       ihnen großenteils nach durch Bankrotte." (Das reiche England ver-
       schaffte sich  Luft durch  Bankrott gegenüber  dem Kontinent  und
       Amerika.) Aber  soweit inan  sie nicht  durch Bankrott erledigte,
       kam man  ihnen nach  durch Ausfuhr von Edelmetallen." ("Report of
       Committee on Bank Acts", 1857.)
       
       Soweit also  die Krise in England verschärft wird durch die Bank-
       gesetzgebung, ist diese Gesetzgebung ein Mittel, um in Zeiten der
       Hungersnot die  kornausführenden Nationen zu prellen, erst um ihr
       Korn und  dann um  das Geld für ihr Korn. Ein Verbot der Kornaus-
       fuhr in  solchen Zeiten  für Länder, die selbst mehr oder weniger
       an Teuerung  laborieren, ist also ein sehr rationelles Mittel ge-
       gen diesen Plan der Bank von England, "Verpflichtungen nachzukom-
       men" für  Korneinfuhr "durch Bankrotte". Es ist dann viel besser,
       daß die  Kornproduzenten und Spekulanten einen Teil ihres Profits
       zum Besten  des Landes verlieren, als ihr Kapital zum Besten Eng-
       lands.
       Aus dem  Gesagten ergibt  sich, daß das Warenkapital seine Eigen-
       schaft, potentielles  Geldkapital darzustellen,  in der Krise und
       überhaupt in Geschäftsstockungen in großem Maß verliert. Dasselbe
       gilt von dem fiktiven Kapital, den zinstragenden Papieren, soweit
       diese selbst  als Geldkapitale auf der Börse zirkulieren. Mit dem
       steigenden Zins fällt ihr Preis. Er fällt ferner durch den allge-
       meinen Kreditmangel,  der ihre  Eigner zwingt, sie massenweis auf
       dem Markt  loszuschlagen, um  sich Geld  zu verschaffen. Er fällt
       endlich bei  Aktien, teils  infolge der Abnahme der Revenuen, wo-
       rauf sie  Anweisungen sind, teils infolge des Schwindelcharakters
       der Unternehmungen,  die sie  oft genug repräsentieren. Dies fik-
       tive Geldkapital  ist in  Krisen enorm  vermindert und  damit die
       Macht seiner  Eigner, Geld  darauf im Markt aufzunehmen. Die Ver-
       minderung der  GeIdnamen dieser Wertpapiere im Kurszettel hat je-
       doch nichts  zu tun  mit dem wirklichen Kapital, das sie vorstel-
       len, dagegen sehr viel mit der Zahlungsfähigkeit seiner Eigner.

       zurück