Quelle: MEW 25 Das Kapital - Dritter Band
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DREISSIGSTES KAPITEL
Geldkapital und wirkliches Kapital - I
Die einzig schwierigen Fragen, denen wir uns jetzt mit Beziehung
auf das Kreditwesen nähern, sind folgende:
Erstens: Die Akkumulation des eigentlichen Geldkapitals. Wieweit
und wieweit nicht ist sie Anzeichen von wirklicher Akkumulation
des Kapitals, d.h. von Reproduktion auf erweiterter Stufenleiter?
Die sog. Plethora des Kapitals, ein Ausdruck, der immer nur vom
zinstragenden, i.e. Geldkapital gebraucht wird, ist sie nur eine
besondre Manier, die industrielle Überproduktion auszudrücken,
oder bildet sie ein besondres Phänomen neben ihr? Fällt diese
PIethora, dies Überangebot von Geldkapital, zusammen mit Vorhan-
densein stagnanter Geldmassen (Barren, Goldgeld und Banknoten),
so daß dieser Überfluß an wirklichem Geld Ausdruck und Erschei-
nungsform jener Plethora von Leihkapital ist?
Und zweitens: Wieweit drückt Geldklemme, d.h. Mangel an Leihkapi-
tal, einen Mangel an wirklichem Kapital (Warenkapital und produk-
tivem Kapital) aus? Wieweit fällt sie andrerseits zusammen mit
Mangel an Geld als solchem, Mangel an Zirkulationsmitteln?
Soweit wir die eigentümliche Form der Akkumulation des Geldkapi-
tals und Geldvermögens Oberhaupt bis jetzt betrachtet haben, hat
sie sich aufgelöst in Akkumulation von Ansprüchen des Eigentums
auf die Arbeit. Die Akkumulation des Kapitals der Staatsschuld
heißt, wie sich gezeigt hat, weiter nichts als Vermehrung einer
Klasse von Staatsgläubigern, die gewisse Summen auf den Betrag
der Steuern für sich vorwegzunehmen berechtigt sind. 6) In diesen
Tatsachen, daß sogar eine Akkumulation von Schulden als
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6) "Die Staatspapiere sind nichts anderes als das imaginäre Kapi-
tal, das der zur Bezahlung der Schulden bestimmte Teil des jähr-
lichen Einkommens darstellt. Ein gleichgroßes Kapital ist vergeu-
det worden; dieses dient als Nenner für die Anleihe, aber es ist
nicht das, was das Staatspapier darstellt, denn das Kapital exi-
stiert überhaupt nicht
#494# V. Abschnitt - Das zinstragende Kapital
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Akkumulation von Kapital erscheinen kann, zeigt sich die Vollen-
dung der Verdrehung, die im Kreditsystem stattfindet. Diese
Schuldscheine, die für das ursprünglich geliehene und längst ver-
ausgabte Kapital ausgestellt sind, diese papiernen Duplikate von
vernichtetem Kapital fungieren für ihre Besitzer soweit als Kapi-
tal, als sie verkaufbare Waren sind, und daher in Kapital rück-
verwandelt werden können. Die Eigentumstitel auf Gesellschaftsge-
schäfte, Eisenbahnen, Bergwerke etc. sind, wie wir ebenfalls ge-
sehn haben, zwar in der Tat Titel auf wirkliches Kapital. Indes
geben sie keine Verfügung über dies Kapital. Es kann nicht entzo-
gen werden. Sie geben nur Rechtsansprüche auf einen Teil des von
demselben zu erwerbenden Mehrwerts. Aber diese Titel werden eben
falls papierne Duplikate des wirklichen Kapitals, wie wenn der
dungsschein einen Wert erhielte neben der Ladung und gleichzeitig
mit ihr. Sie werden zu nominellen Repräsentanten nicht existie-
render Kapitale. Denn das wirkliche Kapital existiert daneben und
ändert durchaus nicht die Hand dadurch, daß diese Duplikate die
Hände wechseln. Sie werden zu Formen des zinstragenden Kapitals,
weil sie nicht nur gewisse Erträge sichern, sondern auch, weil
durch Verkauf ihre Rückzahlung als Kapitalwerte erhalten werden
kann. Soweit die Akkumulation dieser Papiere die Akkumulation von
Eisenbahnen, Bergwerken, Dampfschiffen etc. ausdrückt, drückt sie
Erweiterung des wirklichen Reproduktionsprozesses aus, ganz wie
die Erweiterung einer Steuerliste z.B. auf Mobilareigentum die
Expansion dieses Mobilars anzeigt. Aber als Duplikate, die selbst
als Waren verhandelbar sind und daher selbst als Kapitalwerte
zirkulieren, sind sie illusorisch, und ihr Wertbetrag kann fallen
und steigen ganz unabhängig von der Wertbewegung des wirklichen
Kapitals, auf das sie Titel sind. Ihr Wertbetrag, d.h. ihre Kurs-
notierung an der Börse, hat mit dem Fallen des Zinsfußes, soweit
dies, unabhängig von den eigentümlichen Bewegungen des Geldkapi-
tals, einfache Folge des tendenziellen Falles der Profitrate ist,
notwendig die Tendenz zu steigen, so daß dieser imaginäre Reich-
tum, dem Wertausdruck nach für jeden seiner aliquoten Teile von
bestimmtem ursprünglichem
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mehr. Mittlerweile müssen neue Reichtümer aus der Arbeit der In-
dustrie entstehen; ein jährlicher Teil dieser Reichtümer wird im
voraus denen angewiesen, die jene vergeudeten Reichtümer geliehen
hatten; dieser Teil wird durch Steuern jenen abgenommen, die die
Reichtümer hervorbringen, um an die Staatsgläubiger gegeben zu
werden, und nach dem landesüblichen Verhältnis zwischen Kapital
und Zins nimmt man ein irnaginäres Kapital an, das ebenso groß
ist wie das Kapital, woraus die jährliche Rente entstehen könnte,
die die Gläubiger zu bekommen haben." (Sisrnondi, "Nouveaux Prin-
cipes", II, p. 229, 230.)
#495# 30. Kapitel - Geldkapital und wirkliches Kapital - I
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Nominalwert, sich schon aus diesem Grunde im Entwicklungsgang der
kapitalistischen Produktion expandiert. 7)
Gewinnen und Verlieren durch Preisschwankungen dieser Eigen-
tumstitel sowie deren Zentralisation in den Händen von Eisenbahn-
königen usw. wird der Natur der Sache nach mehr und mehr Resultat
des Spiels, das an der Stelle der Arbeit als die ursprüngliche
Erwerbsart von Kapitaleigentum erscheint und auch an die Stelle
der direkten Gewalt tritt. Diese Sorte imaginären Geldvermögens
bildet nicht nur einen sehr bedeutenden Teil des Geldvermögens
der Privaten, sondern auch des Bankierkapitals, wie schon er-
wähnt. Man könnte - wir erwähnen es nur, um es rasch zu erledigen
- unter Akkumulation des Geldkapitals auch verstehn die Akkumula-
tion des Reichtums in der Hand von Bankiers (Geldverleihern von
Profession) als der Vermittler zwischen den Privatgeldkapitali-
sten hier, und dem Staat, den Gemeinden und den reproduzierenden
Borgern dort; indem die ganze ungeheure Ausdehnung des Kreditsy-
stems, Überhaupt der gesamte Kredit, von ihnen als ihr Privatka-
pital exploitiert wird. Diese Burschen besitzen das Kapital und
die Einnahme stets in Geldform oder in direkten Forderungen auf
Geld. Die Akkumulation des Vermögens dieser Klasse kann vor sich
gehn in sehr verschiedner Richtung mit der wirklichen Akkumula-
tion, beweist aber jedenfalls, daß diese Klasse einen guten Teil
von dieser letzteren einsteckt.
Um die vorliegende Frage auf engere Grenzen zurückzuführen:
Staatseffekten wie Aktien und andere Wertpapiere aller Art sind
Anlagesphären für verleihbares Kapital, für Kapital, das bestimmt
ist, zinstragend zu werden. Sie sind Formen, es auszuleihen. Aber
sie sind nicht selbst das Leihkapital, das in ihnen angelegt
wird. Andrerseits, soweit der Kredit direkte Rolle im Reprodukti-
onsprozeß spielt: Was der Industrielle oder Kaufmann braucht,
wenn er Wechsel diskontiert haben oder eine Anleihe aufnehmen
will, sind weder Aktien noch Staatspapiere. Was er braucht, ist
Geld. Er versetzt oder verkauft also jene Wertpapiere, wenn er
das Geld sich anders nicht beschaffen kann. Es ist die Akkumula-
tion d i e s e s Leihkapitals,
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7) Ein Teil des akkumulierten verleihbaren Geldkapitals ist in
der Tat bloßer Ausdruck von industriellem Kapital. Wenn z.B. Eng-
land um 1857 in amerikanischen Eisenbahnen und andren Unterneh-
mungen 80 Millionen Pfd.St. angelegt hatte, so wurde diese Anlage
fast durchweg vermittelt durch Ausfuhr englischer Waren, wofür
die Amerikaner keine Rückzahlung zu machen hatten. Der englische
Exporteur zog gegen diese Waren Wechsel auf Amerika, die von den
englischen Aktienzeichnern aufgekauft und nach Amerika zur Ein-
zahlung der Aktienbeträge gesandt wurden.
#496# V. Abschnitt - Das zinstragende Kapital
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von der wir hier zu handeln haben, und zwar speziell von der des
leihbaren Geldkapitals. Es handelt sich hier nicht um Anleihen
von Häusern, Maschinen oder andrem fixen Kapital. Es handelt sich
auch nicht um die Vorschüsse, die sich Industrielle und Kaufleute
untereinander in Waren und innerhalb des Zirkels des Reprodukti-
onsprozesses machen; obgleich wir auch diesen Punkt vorher noch
näher untersuchen müssen, es handelt sich ausschließlich um die
Geldanleihen, die durch die Bankiers, als Vermittler, den Indu-
striellen und Kaufleuten gemacht werden.
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Analysieren wir also zunächst den kommerziellen Kredit, d.h. den
Kredit, den die in der Reproduktion beschäftigten Kapitalisten
einander geben. Er bildet die Basis des Kreditsystems. Sein Re-
präsentant ist der Wechsel, Schuldschein mit bestimmtem Zahlungs-
termin, document of deferred payment. Jeder gibt Kredit mit der
einen Hand und empfängt Kredit mit der andern. Sehn wir zunächst
ganz ab vom Bankierkredit, der ein ganz andres, wesentlich ver-
schiednes Moment bildet Soweit diese Wechsel unter den Kaufleuten
selbst wieder als Zahlungsmittel zirkulieren, durch Endossement
von einem auf den andern, wo aber der Diskonto nicht dazwischen-
kommt, ist es nichts als eine Übertragung der Schuldforderung von
A auf B und ändert absolut nichts am Zusammenhang. Es setzt nur
eine Person an die Stelle einer andern. Und selbst in diesem Fall
kann die Liquidation ohne Dazwischenkunft von Geld stattfinden.
Der Spinner A z.B. hat einen Wechsel zu zahlen an den Baumwoll-
makler B, dieser an den Importeur C. Wenn C nun ebenfalls Garn
exportiert, was oft genug vorkommt, so kann er Garn von A gegen
Wechsel kaufen und der Spinner A den Makler B mit dessen eignem,
von C in Zahlung erhaltnen Wechsel decken, wobei höchstens ein
Saldo in Geld zu zahlen ist. Die ganze Transaktion vermittelt
dann nur den Austausch von Baumwolle und Garn. Der Exporteur re-
präsentiert nur den Spinner, der Baumwollmakler den Baumwoll-
pflanzer.
Es ist nun bei dem Kreislauf dieses rein kommerziellen Kredits
zweierlei zu bemerken:
Erstens: Die Saldierung dieser wechselseitigen Schuldforderungen
hängt ab vom Rückfluß des Kapitals; d. h. von W-G, das nur ver-
tagt ist. Wenn der Spinner einen Wechsel vom Kattunfabrikanten
erhalten hat, so kann der Kattunfahrikant zahlen, wenn der Kat-
tun, den er auf dem Markt hat, in der Zwischenzeit verkauft ist.
Hat der Kornspekulant einen Wechsel auf seinen Faktor gegeben, so
kann der Faktor das Geld zahlen, wenn unterdes das
#497# 30. Kapitel - Geldkapital und wirkliches Kapital - I
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Korn zum erwarteten Preise verkauft ist. Es hängen also diese
Zahlungen ab von der Flüssigkeit der Reproduktion, d.h. des Pro-
duktions- und Konsumtionsprozesses. Da die Kredite aber wechsel-
seitig sind, hängt die Zahlungsfähigkeit eines jeden zugleich ab
von der Zahlungsfähigkeit eines andern; denn beim Ausstellen sei-
nes Wechsels kann jener entweder auf den Rückfluß des Kapitals in
seinem eignen Geschäft oder auf Rückfluß im Geschäft eines Drit-
ten gerechnet haben, der ihm in der Zwischenzeit einen Wechsel zu
zahlen hat. Abgesehn von der Aussicht auf Rückflüsse, kann die
Zahlung nur möglich werden durch Reservekapital, worüber der
Wechselaussteller verfügt, um seinen Verpflichtungen im Fall ver-
zögerter Rückflüsse nachzukommen. Zweitens: Dies Kreditsystem be-
seitigt nicht die Notwendigkeit barer Geldzahlungen. Einmal ist
ein großer Teil der Auslagen stets bar zu zahlen, Arbeitslohn,
Steuern etc. Dann aber z. B. hat B, der von C einen Wechsel an
Zahlungsstatt erhalten, ehe dieser Wechsel fällig, selbst einen
fälligen Wechsel an D zu zahlen, und dafür muß er bares Geld ha-
ben. Ein so voll. ständiger Kreislauf der Reproduktion, wie er
oben vom Baumwollpflanzer bis Baumwollspinner und umgekehrt vor-
ausgesetzt worden, kann nur eine Ausnahme bilden und muß stets an
vielen Stellen durchbrochen werden. Wir haben beim Reproduktions-
prozeß (Buch Il, Abschn. III 1*)) gesehn, daß die Produzenten des
konstanten Kapitals zum Teil konstantes Kapital miteinander aus-
tauschen. Dafür können sich die Wechsel mehr oder weniger aus-
gleichen. Ebenso in aufsteigender Linie der Produktion, wo der
Baumwollmakler auf den Spinner, der Spinner auf den Kattunfabri-
kanten, dieser auf den Exporteur, dieser auf den Importeur
(vielleicht wieder von Baumwolle) zu ziehen hat. Aber es findet
nicht zugleich Kreislauf der Transaktionen und daher Umbiegung
der Forderungsreihe statt. Die Forderung, z.B. des Spinners an
den Weber, wird nicht saldiert durch die Forderung des Kohlenlie-
feranten an den Maschinenbauer; der Spinner hat nie in seinem Ge-
schäft Gegenforderungen auf den Maschinenbauer zu machen, weil
sein Produkt, Garn, nie als Element in dessen Reproduktionsprozeß
eingeht. Solche Forderungen müssen daher durch Geld ausgeglichen
werden. Die Grenzen für diesen kommerziellen Kredit, für sich be-
trachtet, sind 1 - der Reichtum der Industriellen und Kaufleute,
d. h. ihre Verfügung über Reservekapital im Fall verzögerter
Rückflüsse; 2. diese Rückflüsse selbst. Diese können der Zeit
nach verzögert werden, oder die Warenpreise können in der Zwi-
schenzeit fallen, oder die Ware kann momentan unverkäuflich
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1*) Siehe Band 24 unserer Ausgabe, S. 420-423
#498# V. Abschnitt - Das zinstragende Kapital
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werden bei Stockung der Märkte. Je langsichtiger die Wechsel, de-
sto größer muß erstens das Reservekapital sein und desto größer
ist die Möglichkeit einer Schmälerung oder Verspätung des Rück-
flusses durch Preisfall oder Überführung der Märkte. Und ferner
sind die Retouren um so unsicherer, je mehr die ursprüngliche
Transaktion durch Spekulation auf Steigen oder Fallen der Waren-
preise bedingt war. Es ist aber klar, daß mit der Entwicklung der
Produktivkraft der Arbeit und daher der Produktion auf großer
Stufenleiter, 1. die Märkte sich ausdehnen und vom Produktionsort
sich entfernen, 2. daher die Kredite sich verlängern müssen und
also 3. das spekulative Element mehr und mehr die Transaktionen
beherrschen muß. Die Produktion auf großer Stufenleiter und für
entfernte Märkte wirft das Gesamtprodukt in die Hand des Handels;
es ist aber unmöglich, daß sich das Kapital der Nation verdopple,
so daß der Handel für sich fähig wäre, mit eignem Kapital das ge-
samte nationale Produkt aufzukaufen und wieder zu verkaufen. Kre-
dit ist hier also unerläßlich; Kredit, dem Umfang nach wachsend
mit dem wachsenden Wertumfang der Produktion und der Zeitdauer
nach mit der zunehmenden Entfernung der Märkte. Es findet hier
Wechselwirkung statt. Die Entwicklung des Produktionsprozesses
erweitert den Kredit, und der Kredit führt zur Ausdehnung der in-
dustriellen und merkantilen Operationen.
Betrachten wir diesen Kredit, getrennt vom Bankierkredit, so ist
klar, daß er wächst mit dem Umfang des industriellen Kapitals
selbst. Leihkapital und industrielles Kapital sind hier iden-
tisch; die geliehenen Kapitale sind Warenkapitale, bestimmt ent-
weder für schließliche individuelle Konsumtion oder zum Ersatz
der konstanten Elemente von produktivem Kapital. Was hier also
als geliehenes Kapital erscheint, ist immer Kapital, das sich in
einer bestimmten Phase des Reprgduktionsprozesses befindet, aber
durch Kauf und Verkauf aus einer Hand in die andre übergeht, wäh-
rend das Äquivalent dafür von dem Käufer erst später zu bedungner
Frist gezahlt wird. Z.B. die Baumwolle geht gegen Wechsel in die
Hand des Spinners über, das Garn gegen Wechsel in die Hand des
Kattunfabrikanten, der Kattun gegen Wechsel in die Hand des Kauf-
manns, aus dessen Hand gegen Wechsel in die des Exporteurs, aus
der Hand des Exporteurs gegen Wechsel in die eines Kaufmanns in
Indien, der ihn verkauft und dafür indigo kauft usw. Während die-
ses Übergangs aus einer Hand in die andre vollzieht die Baumwolle
ihre Verwandlung in Kattun, und der Kattun wird schließlich nach
Indien transportiert und ausgetauscht gegen Indigo, der nach Eu-
ropa verschafft wird und dort wieder in die Reproduktion eingeht.
Die verschiednen Phasen des Reproduktionsprozesses sind hier ver-
mittelt
#499# 30. Kapitel - Geldkapital und wirkliches Kapital - I
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durch den Kredit, ohne daß der Spinner die Baumwolle, der Kattun-
fabrikant das Garn, der Kaufmann den Kattun etc. gezahlt hat. In
den ersten Akten des Vorgangs geht die Ware, Baumwolle, durch
ihre verschiednen Produktionsphasen, und dieser Übergang wird
vermittelt durch den Kredit. Aber sobald die Baumwolle in der
Produktion ihre letzte Form als Ware erhalten hat, geht dasselbe
Warenkapital nur noch durch die Hände verschiedner Kaufleute, die
den Transport zum entlegnen Markt vermitteln und deren letzter
sie schließlich an den Konsumenten verkauft und andre Ware dafür
einkauft, die entweder in die Konsumtion eingeht oder in den Re-
produktionsprozeß. Es sind also hier zwei Abschnitte zu unter-
scheiden: im ersten vermittelt der Kredit die wirklichen sukzes-
siven Phasen in der Produktion desselben Artikels; im zweiten
bloß den Übergang aus der Hand ines Kaufmanns in die des andern,
der den Transport einschließt, also den Akt W-G. Aber auch hier
befindet sich die Ware wenigstens immer im Zirkulationsakt, also
in einer Phase des Reproduktionsprozesses.
Was demnach hier verliehen wird, ist nie unbeschäftigtes Kapital,
sondern Kapital, das in der Hand seines Besitzers seine Form än-
dern muß, das in einer Form existiert, worin es für ihn bloßes
Warenkapital ist, d.h. Kapital, das rückverwandelt, und zwar we-
nigstens zunächst in Geld umgesetzt werden muß. Es ist somit die
Metamorphose der Ware, die hier durch den Kredit vermittelt wird;
nicht nur W-G, sondern auch G-W und der wirkliche Produktionspro-
zeß. Viel Kredit innerhalb des reproduktiven Kreislaufs - abge-
sehn vom Bankierkredit - heißt nicht: viel unbeschäftigtes Kapi-
tal, das zu Anleihen ausgeboten wird und profitliche Anlage
sucht, sondern: große Beschäftigung von Kapital im Reproduktions-
prozeß. Der Kredit vermittelt hier also 1. soweit die industriel-
len Kapitalisten in Betracht kommen, den Übergang des industriel-
len Kapitals aus einer Phase in die andre, den Zusammenhang der
zueinander gehörigen und ineinander eingreifenden Produktions-
sphären; 2. soweit die Kaufleute in Betracht kommen, den Trans-
port und den Übergang der Waren aus einer Hand in die andre bis
zu ihrem definitiven Verkauf für Geld oder ihrem Austausch mit
einer andern Ware.
Das Maximum des Kredits ist hier gleich der vollsten Beschäfti-
gung des industriellen Kapitals, d.h. der äußersten Anspannung
seiner Reproduktionskraft ohne Rücksicht auf die Grenzen der Kon-
sumtion. Diese Grenzen der Konsumtion werden erweitert durch die
Anspannung des Reproduktionsprozesses selbst; einerseits vermehrt
sie den Verzehr von Revenue durch Arbeiter und Kapitalisten,
andrerseits ist sie identisch mit Anspannung der produktiven Kon-
sumtion.
#500# V. Abschnitt - Das zinstragende Kapital
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Solange der Reproduktionsprozeß flüssig und damit der Rückfluß
gesichert bleibt, dauert dieser Kredit und dehnt sich aus, und
seine Ausdehnung ist basiert auf die Ausdehnung des Reprodukti-
onsprozesses selbst. Sobald eine Stockung eintritt, infolge ver-
zögerter Rückflüsse, überführter Märkte, gefallner Preise, ist
Überfluß von industriellem Kapital vorhanden, aber in einer Form,
worin es seine Funktion nicht vollziehn kann. Masse von Warenka-
pital, aber unverkäuflich. Masse von fixem Kapital, aber durch
Stockung der Reproduktion großenteils unbeschäftigt. Der Kredit
kontra. hiert sich, 1. weil dies Kapital unbeschäftigt ist, d.h.
in einer seiner Reproduktionsphasen stockt, weil es seine Meta-
morphose nicht vollziehn kann; 2. weil das Vertrauen in die Flüs-
sigkeit des Reproduktionsprozesses gebrochen ist; 3. weil die
Nachfrage nach diesem kommerziellen Kredit abnimmt. Der Spinner,
der seine Produktion einschränkt und eine Masse unverkauftes Garn
auf Lager hat, braucht keine Baumwolle auf Kredit zu kaufen; der
Kaufmann braucht keine Waren auf Kredit zu kaufen, weil er deren
schon mehr als genug hat. Tritt also Störung in dieser Expansion
oder auch nur in der normalen Anspannung des Reproduktionsprozes-
ses ein, so damit auch Kreditmangel; Waren sind schwerer auf Kre-
dit zu erhalten. Besonders aber ist das Verlangen nach barer Zah-
lung und die Vorsicht im Kreditverkauf charakteristisch für die
Phase des industriellen Zyklus, die auf den Krach folgt. In der
Krisis selbst, da jeder zu verkaufen hat und nicht verkaufen kann
und doch verkaufen muß, um zu zahlen, ist die Masse, nicht des
unbeschäftigten, unterzubringenden Kapitals, sondern die des in
seinem Reproduktionsprozeß gehemmten Kapitals gerade dann am
größten, wenn auch der Kreditmangel am größten ist (und daher bei
Bankierkredit die Diskontorate am höchsten). Das schon ausgelegte
Kapital ist dann in der Tat massenweis unbeschäftigt, weil der
Reproduktionsprozeß stockt. Fabriken stehn still, Rohstoffe häu-
fen sich auf, fertige Produkte überfüllen als Waren den Markt. Es
ist also nichts falscher, als solchen Zustand einem Mangel an
produktivem Kapital zuzuschreiben. Es ist gerade dann Überfluß
von produktivem Kapital vorhanden, teils in bezug auf den norma-
len, aber augenblicklich kontrahlerten Maßstab der Reproduktion,
teils in bezug auf die gelähmte Konsumtion.
Denken wir uns die ganze Gesellschaft bloß aus industriellen Ka-
pitalisten und Lohnarbeitern zusammengesetzt. Sehn wir ferner ab
von den Preiswechseln, die große Portionen des Gesamtkapitals
hindern, sich in ihren Durchschnittsverhältnissen zu ersetzen,
und die, bei dem allgemeinen Zusammenhang des ganzen Reprodukti-
onsprozesses, wie ihn namentlich der
#501# 30. Kapitel - Geldkapital und wirkliches Kapital - I
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Kredit entwickelt, immer zeitweilige allgemeine Stockungen her-
vorbringen rnüssen. Sehn wir ab ebenfalls von den Scheingeschäf-
ten und spekulativen Umsätzen, die das Kreditwesen fördert. Dann
wäre eine Krise nur erklärlich aus Mißverhältnis der Produktion
in verschiednen Zweigen und aus einem Mißverhältnis, worin der
Konsum der Kapitalisten selbst zu ihrer Akkumulation stände. Wie
aber die Dinge liegen, hängt der Ersatz der in der Produktion an-
gelegten Kapitale großenteils ab von der Konsumtionsfähigkeit der
nicht produktiven Klassen; während die Konsumtionsfähigkeit der
Arbeiter teils durch die Gesetze des Arbeitslohns, teils dadurch
beschränkt ist, daß sie nur solange angewandt werden, als sie mit
Profit für die Kapitalistenklasse angewandt werden können. Der
letzte Grund aller wirklichen Krisen bleibt immer die Armut und
Konsumtionsbeschränkung der Massen gegenüber dem Trieb der kapi-
talistischen Produktion, die Produktivkräfte so zu entwickeln,
als ob nur die absolute Konsumtionsfähigkeit der Gesellschaft
ihre Grenze bilde. Von wirklichem Mangel an produktivem Kapital,
wenigstens bei kapitalistisch entwickelten Nationen, kann nur ge-
sprochen werden bei allgemeinen Mißernten, sei es der Hauptnah-
rungsrnittel, sei es der hauptsächlichsten industriellen Roh-
stoffe. Es kommt aber nun zu diesem kommerziellen Kredit der ei-
gentliche Geldkredit hinzu. Das Vorschießen der Industriellen und
Kaufleute untereinander verquickt sich mit dem Vorschießen des
Geldes an sie seitens der Bankiers und Geldverleiher. Beim Dis-
kontleren der Wechsel ist der Vorschuß nur nominell. Ein Fabri-
kant verkauft sein Produkt gegen Wechsel und diskontiert diesen
Wechsel bei einem bill-broker. In der Tat schießt dieser nur den
Kredit seines Bankiers vor, der ihm wieder das Geldkapital seiner
Depositoren vorschießt, die gebildet werden von den Industriellen
und Kaufleuten selbst, aber auch von Arbeitern (vermittelst Spar-
banken), von Grundrentnern und den sonstigen unproduktiven Klas-
sen. So wird für jeden individuellen Fabrikanten oder Kaufmann
sowohl die Notwendigkeit eines starken Reservekapitals umgangen,
wie die Abhängigkeit von den wirklichen Rückflüssen. Andrerseits
aber kompliziert sich teils durch einfache Wechselreiterei, teils
durch Warengeschäfte zum Zweck der bloßen Wechselfabrikation der
ganze Prozeß so sehr, daß der Schein eines sehr soliden Geschäfts
und flotter Rückflüsse noch ruhig fortexistieren kann, nachdem
die Rückflüsse in der Tat schon längst nur noch auf Kosten teils
geprellter Geldverleiher, teils geprellter Produzenten gemacht
worden sind. Daher scheint immer das Geschäft fast übertrieben
gesund gerade unmittelbar vor dem Krach. Den besten Beweis lie-
fern z.B. die "Reports on Bank
#502# V. Abschnitt - Das zinstragende Kapital
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Acts" von 1857 und 1858, wo alle Bankdirektoten, Kaufleute, kurz
alle vorgeladnen Sachverständigen, an ihrer Spitze Lord Over-
stone, sich wechselseitig Glück wünschten über die Blüte und Ge-
sundheit des Geschäfts - genau einen Monat bevor die Krise im Au-
gust 1857 ausbrach. Und sonderbarerweise macht Tooke in seiner
"History of Prices" diese Illusion noch einmal als Geschichts-
schreiber jeder Krise durch. Das Geschäft ist immer kerngesund
und die Kampagne im gedeihlichsten Fortgang, bis auf einmal der
Zusammenbruch erfolgt.
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Wir kommen jetzt zurück auf die Akkumulation des Geldkapitals.
Nicht jede Vermehrung des leihbaren Geldkapitals zeigt wirkliche
Kapitalakkumulation oder Erweiterung des Reproduktionsprozesses
an. Dies tritt am klarsten hervor in der Phase des industriellen
Zyklus unmittelbar nach überstandner Krisis, wo Leihkapital mas-
senhaft brachliegt. In solchen Momenten, wo der Produktionsprozeß
eingeschränkt ist (die Produktion in den englischen Industriebe-
zirken war nach der Krise von 1847 um ein Drittel verringert), wo
die Preise der Waren auf ihrem niedrigsten Punkt stehn, wo der
Unternehmungsgeist gelähmt ist, herrscht niedriger Stand des
Zinsfußes, der hier nichts anzeigt als Vermehrung des leihbaren
Kapitals grade durch Kontraktion und Lähmung des industriellen
Kapitals. Daß weniger Zirkulationsmittel erheischt sind mit ge-
fallnen Warenpreisen, verminderten Umsätzen und der Kontraktion
des in ArbeitsIohn ausgelegten Kapitals; daß andrerseits, nach
Liquidation der Schulden ans Ausland teils durch Goldabfluß und
teils durch Bankrotte, kein zuschüssiges Geld für die Funktion
als Weltgeld erheischt ist; daß endlich der Umfang des Geschäfts
des Wechseldiskontlerens mit der Zahl und den Beträgen dieser
Wechsel selbst abnimmt -, alles dies ist augenscheinlich. Die
Nachfrage nach leihbarem Geldkapital, sei es für Zirkulationsmit-
tel, sei es für Zahlungsmittel (von neuer Kapitalanlage ist noch
keine Rede), nimmt daher ab, und es wird damit relativ reichlich.
Aber auch das Angebot des leihbaren Geldkapitals nimmt unter sol-
chen Umständen positiv zu, wie sich später zeigen wird.
So herrschte nach der Krise von 1847 "eine Einschränkung der Um-
sätze und ein großer Überfluß an Geld". ("Comm. Distress",
1847/48, Evid. Nr. 1664.) Der Zinsfuß war sehr niedrig wegen fast
vollständiger Vernichtung des Handels und fast gänzlicher Abwe-
senheit der Möglichkeit, Geld anzulegen". (l.c.p. 45. Aussage von
Hodgson, Direktor der Royal Bank of Liverpool.) Welchen Unsinn
diese Herren (und Hodgson ist noch
#503# 30. Kapitel - Geldkapital und wirkliches Kapital - I
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einer der Besten) zusammenfabeln, um sich dies zu erklären, kann
man aus folgender Phrase sehn:
"Die Klemme" (1847) "entsprang aus einer wirklichen Verminderung
des Geldkapitals im Lande, verursacht teils durch die Notwendig-
keit, die Einfuhren aus allen Weitgegenden in Gold zu bezahlen,
und teils durch die Verwandlung von Zirkulationskapital (floating
capital) in fixes." [l.c.p. 63.]
Wie die Verwandlung von Zirkulationskapital in fixes das Geldka-
pital des Landes vermindern soll, ist nicht abzusehn, da z.B. bei
Eisenbahnen, worin hauptsächlich damals Kapital festgelegt wor-
den, kein Gold oder Papier zu Viadukten und Schienen verbraucht
wird und das Geld für die Eisenbahnaktien, soweit es bloß für
Einzahlungen deponiert, ganz wie alles andre bei den Banken depo-
nierte Geld fungierte und selbst, wie schon oben gezeigt, momen-
tan das leihbare Geldkapital vermehrte; soweit es aber wirklich
im Bau verausgabt, roullerte es als Kauf- und Zahlungsmittel im
Lande. Nur soweit fixes Kapital kein exportierbarer Artikel ist,
also mit der Unmöglichkeit der Ausfuhr auch das disponible Kapi-
tal wegfällt, das durch Retouren für ausgeführte Artikel be-
schafft wird, also auch die Retouren in bar oder Barren, nur so-
weit könnte das Geldkapital affiziert werden. Aber auch englische
Exportartikel lagerten damals massenweise unverkäuflich auf den
auswärtigen Märkten. Für die Kaufleute und Fabrikanten in Manche-
ster usw., die einen Teil ihres normalen Geschäftskapitals in Ei-
senbahnaktien festgeritten und zur Führung ihres Geschäfts daher
von Borgkapital abhingen, hatte sich in der Tat ihr floating ca-
pital fixiert, und dafür mußten sie die Folgen tragen. Es wäre
aber dasselbe gewesen, wenn sie das ihrem Geschäft gehörige, aber
entzogne Kapital statt in Eisenbahnen z.B. in Bergwerken angelegt
gehabt hätten, deren Produkt selbst wieder floating capital ist,
Eisen, Kohle, Kupfer etc. - Die wirkliche Verminderung des dispo-
niblen Geldkapitals durch Mißernte, Korneinfuhr und Goldausfuhr
war natürlich ein Ereignis, das mit dem Eisenbahnschwindel nichts
zu tun hatte.
"Fast alle kaufmännischen Häuser hatten angefangen, ihr Geschäft
mehr oder weniger auszuhungern, um das Geld in Eisenbahnen anzu-
legen." [l.c.p. 42.] - Die so ausgedehnten Vorschüsse, die an Ei-
senbahnen von Handelshäusern gemacht wurden, verleiteten diese,
sich viel zu sehr durch Wechseldiskonto auf die Banken zu stützen
und dadurch ihre Handelsgeschäfte weiterzuführen." (Derselbe
Hodgson, l.c.p. 67.], "In Manchester fanden immense Verluste
statt durch die Spekulation in Eisenbahnen." (Der in Buch I, Kap.
XIII, 3, c, und sonst mehrfach angeführte R. Gardner, Aussagenum-
mer 4884, l.c.)
#504# V. Abschnitt - Das zinstragende Kapital
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Eine Hauptursache der Krisis von 1847 war die kolossale Markt-
überführung und der grenzenlose Schwindel im ostindischen Waren-
geschäft. Aber auch andre Umstände brachten sehr reiche Häuser
dieses Zweigs zu Fall:
"Sie hatten reichliche Mittel, aber sie waren nicht flüssig zu
machen. Ihr ganzes Kapital lag fest in Grundbesitz in Mauritius
oder Indigo- und Zuckerfabriken. Wenn sie dann Verpflichtungen
bis zu 500 000 - 600 000 Pfd.St. eingegangen waren, hatten sie
keine flüssigen Mittel, ihre Wechsel zu zahlen, und schließlich
stellte sich heraus, daß, um ihre Wechsel zu zahlen, sie sich
gänzlich auf ihren Kredit verlassen mußten." (Ch. Turner, großer
ostindischer Kaufmann in Liverpool, Nr. 730, l.c.)
Ferner Gardner (Nr. 4872, l.c.):
"Gleich nach dem chinesischen Vertrag wurden dem Lande so große
Aussichten gemacht auf eine gewaltige Ausdehnung unsers Handels
mit China, daß viele große Fabriken expreß für dies Geschäft ge-
baut wurden, um die im chinesischen Markt hauptsächlich gangbaren
Baumwollengewebe anzufertigen, und diese kamen zu allen unsern
schon bestehenden Fabriken hinzu." - 4874. "Wie ist dieses Ge-
schäft abgelaufen? - Höchst ruinierend, so daß es fast jeder Be-
schreibung spottet; ich glaube nicht, daß von den sämtlichen Ver-
schiffungen von 1844 und 1845 nach China mehr als 2/3 des Betrags
je zurückgekommen sind; weil Tee der Hauptartikel des Rückexports
ist und weil man uns so große Erwartungen gemacht hatte, rechne-
ten wir Fabrikanten mit Sicherheit auf eine große Herabsetzung
des Teezolls."
Und nun kommt, naiv ausgedruckt, das charakteristische Credo des
englischen Fabrikanten:
"Unser Handel mit einem auswärtigen Markt ist nicht beschränkt
durch dessen Fähigkeit, die Waren zu kaufen, aber er ist be-
schränkt hier im Lande durch unsre Fähigkeit, die Produkte zu
konsumieren, die wir als Retouren für unsre Industrieerzeugnisse
erhalten."
(Die relativ armen Länder, womit England handelt, können natür-
lich jeden nur möglichen Belauf englischer Fabrikate zahlen und
konsumieren, leider aber kann das reiche England die Retourpro-
dukte nicht verdauen.)
4876. "Ich schickte anfangs einige Waren hinaus, und diese wurden
zu etwa 15% Verlust verkauft, in der vollen Überzeugung, daß der
Preis, zu dem meine Agenten Tee kaufen konnten, beim Wiederver-
kauf hier einen so großen Profit ergeben würde, daß dieser Ver-
lust gedeckt wäre; aber statt Profit zu machen, verlor ich
manchmal 25 und bis zu 50%." - 4877. "Exportierten die Fabrikan-
ten für eigne Rechnung? - Hauptsächlich; die Kaufleute, scheint
es, sahn sehr bald, daß nichts bei der Sache herauskam, und sie
errnunterten die Fabrikanten mehr zu Konsignationen, als daß sie
sich selbst dabei beteiligten."
#505# 30. Kapitel - Geldkapital und wirkliches Kapital - I
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1857 dagegen fielen Verluste und Bankrotte vorzugsweise auf die
Kaufleute, da diesmal die Fabrikanten ihnen die Überführung der
fremden Märkte "auf eigne Rechnung" überließen.
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Eine Expansion des Geldkapitals, die daraus entsteht, daß infolge
der Ausbreitung des Bankwesens (siehe das Beispiel von Ipswich
weiter unten, wo im Lauf weniger Jahre unmittelbar vor 1857 die
Depositen der Pächter sich vervielfachten) das, was früher Pri-
vatschatz oder Münzreserve war, sich für bestimmte Zeit immer in
leihbares Kapital verwandelt, drückt ebensowenig ein Wachsen des
produktiven Kapitals aus wie die wachsenden Depositen bei den
Londoner Aktienbanken, sobald diese anfingen, Zinsen auf Deposi-
ten zu zahlen. Solange die Produktionsleiter dieselbe bleibt, be-
wirkt diese Expansion nur Reichlichkeit des leihbaren Geldkapi-
tals gegenüber dem produktiven. Daher niedriger Zinsfuß. Hat der
Reproduktionsprozeß wieder den Stand der Blüte erreicht, der dem
der Überanspannung vorhergeht, so erreicht der kommerzielle Kre-
dit eine sehr große Ausdehnung, die dann in der Tat wieder die
gesunde Basis leicht eingehender Rückflüsse und ausgedehnter Pro-
duktion hat. In diesem Zustand ist der Zinsfuß immer noch nied-
rig, wenn er auch über sein Minimum steigt. Es ist dies in der
Tat der einzige Zeitpunkt, wo gesagt werden kann, daß niedriger
Zinsfuß, und daher relative Reichlichkeit des ver. leihbaren Ka-
pitals, zusammenfällt mit wirklicher Ausdehnung des industriellen
Kapitals. Die Leichtigkeit und Regelmäßigkeit der Rückflüsse,
verknüpft mit einem ausgedehnten kommerziellen Kredit, sichert
das Angebot von Leihkapital trotz der gesteigerten Nachfrage und
verhindert das Niveau des Zinsfußes zu steigen. Andrerseits kom-
men jetzt erst in merklichem Grad die Ritter herein, die ohne Re-
servekapital oder überhaupt ohne Kapital arbeiten und daher ganz
auf den Geldkredit hin operieren. Es kommt jetzt auch hinzu die
große Ausdehnung des fixen Kapitals in allen Formen und die mas-
senhafte Eröffnung neuer weitreichender Unternehmungen. Der Zins
steigt jetzt auf seine Durchschnittshöhe. Sein Maximum erreicht
er wieder, sobald die neue Krisis hereinbricht, der Kredit plötz-
lich aufhört, die Zahlungen stocken, der Reproduktionsprozeß ge-
lähmt wird und, mit früher erwähnten Ausnahmen, neben fast abso-
lutem Mangel von Leihkapital, Überfluß von unbeschäftigtem indu-
striellem Kapital eintritt.
Im ganzen also verläuft die Bewegung des Leihkapitals, wie sie
sich im Zinsfuß ausdrückt, in umgekehrter Richtung zu der des in-
dustriellen Kapjtals. Die Phase, wo der niedrige, aber über dem
Minimum stehende Zinsfuß
#506# V. Abschnitt - Das zinstragende Kapital
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mit der "Besserung" und dem wachsenden Vertrauen nach der Krise
zusammenfällt, und besonders die Phase, wo er seine Durch-
schnittshöhe erreicht, die Mitte, gleichweit entfernt von seinem
Minimum und Maximum, nur diese beiden Momente drucken das Zusam-
menfallen von reichlichem Leihkapital mit großer Expansion des
industriellen Kapitals aus. Aber am Anfang des industriellen Zy-
klus ist der niedrige Zinsfuß zusammenfallend mit Kontraktion und
am Ende des Zyklus der hohe Zinsfuß mit Oberreichlichkeit von in-
dustriellem Kapital. Der niedrige Zinsfuß, der die Besserung be-
gleitet, drückt aus, daß der kommerzielle Kredit nur in geringem
Maß des Bankkredits bedarf, indem er noch auf seinen eignen Füßen
steht.
Es verhält sich mit diesem industriellen Zyklus so, daß derselbe
Kreislauf, nachdem der erste Anstoß einmal gegeben, sich peri-
odisch reproduzieren muß. 8) Im Zustand der Abspannung sinkt die
Produktion unter die
---
8) {Wie ich schon an andrer Stelle bemerkt 1*), ist hier seit der
letzten großen allgemeinen Krise eine Wendung eingetreten. Die
akute Form des periodischen Prozesses mit ihrem bisherigen zehn-
jährigen Zyklus scheint in eine mehr chronische, länger gezogne,
sich auf die verschiednen Industrieländer verschiedenzeitig ver-
teilende Abwechslung von relativ kurzer, matter Geschäftsbesse-
rung mit relativ langem, entscheidungslosem Druck gewichen zu
sein. Vielleicht aber handelt es sich nur um eine Ausdehnung der
Dauer des Zyklus. In der Kindheit des Welthandels, 1815-1847,
lassen sich annähernd fünfjährige Zyklen 2*) nachweisen; von
1847-67 ist der Zyklus entschieden zehnjährig;, sollten wir uns
in der Vorbereitungsperiode eines neuen Weltkrachs von unerhörter
Vehemenz befinden? Dahin scheint manches zu deuten. Seit der
letzten allgemeinen Krise von 1867 sind große Änderungen einge-
treten. Die kolossale Ausdehnung der Verkehrsmittel - ozeanische
Dampfschiffe, Eisenbahnen, elektrische Telegraphen, Suezkanal -
hat den Weltmarkt erst wirklich hergestellt. Dem früher die Indu-
strie monopolisierenden England sind eine Reihe konkurrierender
Industrieländer zur Seite getreten; der Anlage des überschüssigen
europäischen Kapitals sind in allen Weltteilen unendlich größere
und mannigfaltigere Gebiete eröffnet, so daß es sich weit mehr
verteilt und lokale Überspekulation leichter Verwunden wird.
Durch alles dies sind die meisten alten Krisenherde und Gelegen-
heiten zur Krisenbildung beseitigt oder stark abgeschwächt. Dane-
ben weicht die Konkurrenz im innern Markt zurück vor den Kartel-
len und Trusts, während sie auf dem äußeren Markt beschränkt wird
durch die Schutzzölle, womit außer England alle großen Industrie-
länder sich umgeben. Aber diese Schutzzölle selbst sind nichts
als die Rüstungen für den schließlichen allgemeinen Industrie-
feldzug, der über die Herrschaft auf dem Weltmarkt entscheiden
soll. So birgt jedes der Elemente, das einer Wiederholung der al-
ten Krisen entgegenstrebt, den Keim einer weit gewaltigeren künf-
tigen Krise in sich. - F. E.}
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1*) Siehe Band 23 unserer Ausgabe, S. 40 - 2*) 1 Auflage: Krisen
#507# 30. Kapitel - Geldkapital und wirkliches Kapital - I
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Stufe, die sie im vorigen Zyklus erreicht und wofür jetzt die
technische Basis gelegt ist. In der Prosperität - der Mittelperi-
ode - entwickelt sie sich weiter auf dieser Basis. In der Periode
der Überproduktion und des Schwindels spannt sie die Produktiv-
kräfte auf höchste an, bis hinaus über die kapitalistischen
Schranken des Produktionsprozesses.
Daß es in der Periode der Krise an Zahlungsmitteln fehlt, ist
selbsteinleuchtend. Die Konvertibilität der Wechsel hat sich sub-
stituiert der Metamorphose der Waren selbst, und grade zu solcher
Zeit um so mehr, je mehr ein Teil der Geschäftshäuser bloß auf
Kredit arbeitet. Unwissende und verkehrte Bankgesetzgebung, wie
die von 1844/45, kann diese Geldkrise erschweren. Aber keine Art
Bankgesetzgebung kann die Krise beseitigen.
In einem Produktionssystem, wo der ganze Zusammenhang des Repro-
duktionsprozesses auf dem Kredit beruht, wenn da der Kredit
plötzlich aufhört und nur noch bare Zahlung gilt, muß augen-
scheinlich eine Krise eintreten, ein gewaltsamer Andrang nach
Zahlungsmitteln. Auf den ersten Blick stellt sich daher die ganze
Krise nur als Kreditkrise und Geldkrise dar. Und in der Tat han-
delt es sich nur um die Konvertibilität der Wechsel in Geld. Aber
diese Wechsel repräsentieren der Mehrzahl nach wirkliche Käufe
und Verkäufe, deren das gesellschaftliche Bedürfnis weit über-
schreitende Ausdehnung schließlich der ganzen Krisis zugrunde
liegt. Daneben aber stellt auch eine ungeheure Masse dieser Wech-
sel bloße Schwindelgeschäfte vor, die jetzt ans Tageslicht kommen
und platzen; ferner mit fremdem Kapital getriebne, aber verun-
glückte Spekulationen; endlich Warenkapitale, die entwertet oder
gar unverkäuflich sind, oder Rückflüsse, die nie mehr einkommen
können. Das ganze künstliche System gewaltsamer Ausdehnung des
Reproduktionsprozesses kann natürlich nicht dadurch kuriert wer-
den, daß nun etwa eine Bank, z.B. die Bank von England, in ihrem
Papier allen Schwindlern das fehlende Kapital gibt und die sämt-
lichen entwerteten Waren zu ihren alten Nominalwerten kauft. Üb-
rigens erscheint hier alles verdreht, da in dieser papiernen Welt
nirgendswo der reale Preis und seine realen Momente erscheinen,
sondern nur Barren, Hartgeld, Noten, Wechsel, Wertpapiere. Na-
mentlich in den Zentren, wo das ganze Geldgeschäft des Landes zu-
sammengedrängt, wie London, erscheint diese Verkehrung; der ganze
Vorgang wird unbegreiflich; weniger schon in den Zentren der Pro-
duktion. Übrigens ist mit Bezug auf die in den Krisen zutage tre-
tende Überreichlichkeit des industriellen Kapitals zu bemerken:
Das Warenkapital ist an sich zugleich Geldkapital, d.h. bestimmte
Wertsumme, ausgedruckt im
#508# V. Abschnitt - Das zinstragende Kapital
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Preis der Ware. Als Gebrauchswert ist es bestimmtes Quantum be-
stimmter Gebrauchsgegenstände, und dies ist im Moment der Krise
in Überfluß vorhanden. Aber als Geldkapital an sich, als potenti-
elles Geldkapital, ist es beständiger Expansion und Kontraktion
unterworfen. Am Vorabend der Krise und innerhalb derselben ist
das Warenkapital in seiner Eigenschaft als potentielles Geldkapi-
tal kontrahiert. Es stellt für seinen Besitzer und dessen Gläubi-
ger (wie auch als Sicherheit für Wechsel und Anleihen) weniger
Geldkapital vor, als zur Zeit, wo es eingekauft und wo die auf es
begründeten Diskontlerungen und Pfandgeschäfte abgeschlossen wur-
den. Soll dies der Sinn der Behauptung sein, daß das Geldkapital
eines Landes in Zeiten der Klemme vermindert ist, so ist dies
identisch damit, daß die Preise der Waren gefallen sind. Ein sol-
cher Zusammenbruch der Preise gleicht übrigens nur ihre frühere
Aufblähung aus.
Die Einnahmen der unproduktiven Klassen und derer, die von festem
Einkommen leben, bleiben zum größten Teil stationär während der
Preisaufblähung, die mit der Oberproduktion und Überspekulation
Hand in Hand geht. Ihre Konsumtionsfähigkeit vermindert sich da-
her relativ und damit ihre Fähigkeit, den Teil der Gesamtrepro-
duktion zu ersetzen, der normalster in ihre Konsumtion eingehn
müßte. Selbst wenn ihre Nachfrage nominell dieselbe bleibt, nimmt
sie in Wirklichkeit ab.
Mit Bezug auf Einfuhr und Ausfuhr ist zu bemerken, daß der Reihe
nach alle Länder in die Krisis verwickelt werden und daß es sich
dann zeigt, daß sie alle, mit wenigen Ausnahmen, zuviel expor-
tiert und importiert haben, also die Z a h l u n g s b i l a n z
g e g e n a l l e i s t, die Sache also in der Tat nicht an
der Zahlungsbilanz liegt. Z.B. England laboriert an Goldabfluß.
Es hat überimportiert. Aber zugleich sind alle andren Länder mit
englischen Waren überladen. Sie haben also auch überimportiert
oder sind überimportiert worden. (Allerdings tritt ein Unter-
schied ein zwischen dem Land, das auf Kredit exportiert, und
denen, die nicht oder nur wenig gegen Kredit exportieren. Die
letzteren importieren dann aber auf Kredit; und dies ist nur dann
nicht der Fall, wenn die Ware dorthin auf Konsignation geschickt
wird.) Die Krise mag zuerst in England ausbrechen, in dem Lande,
das den meisten Kredit gibt und den wenigsten nimmt, weil die
Zahlungsbilanz, die Bilanz der fälligen Zahlungen, die sofort li-
quidiert werden muß, gegen es, obgleich die allgemeine Handelsbi-
lanz f ü r e s ist. Dies letztere erklärt sich teils aus dem
von ihm gegebnen Kredit, teils aus der Masse ans Ausland verlieh-
ner Kapitale, so daß eine Masse Rückflüsse in Waren, außer den
eigentlichen Handelsretouren, ihm zuströmen. (Die Krise brach
aber zuweilen auch zuerst in Amerika aus, dem Lande, das den mei-
sten Handels- und Kapitalkredit von
#509# 30. Kapitel - Geldkapital und wirkliches Kapital - I
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England nimmt.) Der Krach in England, eingeleitet und begleitet
von Goldabfluß, saldiert Englands Zahlungsb,lanz, teils durch den
Bankrott seiner Importeurs (worüber weiter unten), teils durch
Wegtreiben eines Teils seines Warenkapitals zu wohlfellen Preisen
ins Ausland, teils durch Verkauf fremder Wertpapiere, Ankauf von
englischen etc. Nun kommt die Reihe an ein andres Land. Die Zah-
lungsbilanz war momentan für es; aber jetzt ist der in normalen
Zeiten geltende Termin zwischen Zahlungsbilanz und Handelsbilanz
weggefallen oder doch verkürzt durch die Krise; alle Zahlungen
sollen auf einmal erledigt werden. Dieselbe Sache wiederholt sich
nun hier. England hat jetzt Goldrückfluß, das andre Land Goldab-
fluß. Was in dem einen Land als Übereinfuhr, erscheint in dem an-
dren als Überausfuhr und umgekehrt. Es hat aber Übereinfuhr und
Überausfuhr in allen Ländern stattgefunden (wir sprechen hier
nicht von Mißernten etc., sondern von allgemeiner Krise); d.h.
Überproduktion, befördert durch den Kredit und die ihn beglei-
tende allgemeine Aufblähung der Preise.
1857 brach die Krisis in den Vereinigten Staaten aus. Es erfolgte
Goldabfluß aus England nach Amerika. Aber sobald die Aufblähung
in Amerika geplatzt, erfolgte Krise in England und Goldabfluß von
Amerika nach Eng. land. Ebenso zwischen England und dem Konti-
nent. Die Zahlungsbilanz ist in Zeiten der allgemeinen Krise ge-
gen jede Nation, wenigstens gegen jede kommerziell entwickelte
Nation, aber stets bei einer nach der andern, wie in einem Rot-
tenfeuer, sobald die Reihe der Zahlung an sie kommt; und die ein-
mal, z.B. in England, ausgebrochne Krise drängt die Reihe dieser
Termine in eine ganz kurze Periode zusammen. Es zeigt sich dann,
daß alle diese Nationen gleichzeitig überexportiert (also über-
produziert) und überimportiert (also überhandelt) haben, daß in
allen die Preise aufgetrieben waren und der Kredit überspannt.
Und bei allen folgt derselbe Zusammenbruch. Die Erscheinung des
Goldabflusses kommt dann an alle der Reihe nach und zeigt eben
durch ihre Allgemeinheit 1., daß der Goldabfluß bloßes Phänomen
der Krise, nicht ihr Grund ist; 2., daß die Reihenfolge, worin er
bei den verschiednen Nationen eintritt, nur anzeigt, wann die
Reihe an sie gekommen, ihre Rechnung mit dem Himmel zu schließen,
wann der Termin der Krise bei ihnen eingetreten und die latenten
Elemente derselben bei ihnen zum Ausbruch kommen.
Es ist charakteristisch für die englischen ökonomischen Schrift-
steller und die erwähnenswerte ökonomische Literatur seit 1830
löst sich hauptsächlich auf in Literatur über currency, Kredit,
Krisen -, daß sie den Export von Edelmetall, trotz der Wendung
der Wechselkurse, in Zeiten der Krise bloß vom Standpunkt von
England aus betrachten, als ein rein
#510# V. Abschnitt - Das zinstragende Kapital
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nationales Phänomen, und ihre Augen resolut gegen die Tatsache
verschließen, daß, wenn ihre Bank in Zeiten der Krise den Zinsfuß
erhöht, alle andern europäischen Banken dasselbe tun, und daß,
wenn heute bei ihnen der Notschrei wegen des Goldabflusses er-
tönt, er morgen in Amerika, übermorgen in Deutschland und
Frankreich erschallt.
1847 "war den auf England laufenden Verpflichtungen" (zum sehr
großen Teil für Korn) nachzukommen. Unglücklicherweise kam man
ihnen großenteils nach durch Bankrotte." (Das reiche England ver-
schaffte sich Luft durch Bankrott gegenüber dem Kontinent und
Amerika.) Aber soweit inan sie nicht durch Bankrott erledigte,
kam man ihnen nach durch Ausfuhr von Edelmetallen." ("Report of
Committee on Bank Acts", 1857.)
Soweit also die Krise in England verschärft wird durch die Bank-
gesetzgebung, ist diese Gesetzgebung ein Mittel, um in Zeiten der
Hungersnot die kornausführenden Nationen zu prellen, erst um ihr
Korn und dann um das Geld für ihr Korn. Ein Verbot der Kornaus-
fuhr in solchen Zeiten für Länder, die selbst mehr oder weniger
an Teuerung laborieren, ist also ein sehr rationelles Mittel ge-
gen diesen Plan der Bank von England, "Verpflichtungen nachzukom-
men" für Korneinfuhr "durch Bankrotte". Es ist dann viel besser,
daß die Kornproduzenten und Spekulanten einen Teil ihres Profits
zum Besten des Landes verlieren, als ihr Kapital zum Besten Eng-
lands.
Aus dem Gesagten ergibt sich, daß das Warenkapital seine Eigen-
schaft, potentielles Geldkapital darzustellen, in der Krise und
überhaupt in Geschäftsstockungen in großem Maß verliert. Dasselbe
gilt von dem fiktiven Kapital, den zinstragenden Papieren, soweit
diese selbst als Geldkapitale auf der Börse zirkulieren. Mit dem
steigenden Zins fällt ihr Preis. Er fällt ferner durch den allge-
meinen Kreditmangel, der ihre Eigner zwingt, sie massenweis auf
dem Markt loszuschlagen, um sich Geld zu verschaffen. Er fällt
endlich bei Aktien, teils infolge der Abnahme der Revenuen, wo-
rauf sie Anweisungen sind, teils infolge des Schwindelcharakters
der Unternehmungen, die sie oft genug repräsentieren. Dies fik-
tive Geldkapital ist in Krisen enorm vermindert und damit die
Macht seiner Eigner, Geld darauf im Markt aufzunehmen. Die Ver-
minderung der GeIdnamen dieser Wertpapiere im Kurszettel hat je-
doch nichts zu tun mit dem wirklichen Kapital, das sie vorstel-
len, dagegen sehr viel mit der Zahlungsfähigkeit seiner Eigner.
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