Quelle: MEW 25 Das Kapital - Dritter Band
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EINUNDDREISSIGSTES KAPITEL
Geldkapital und wirkliches Kapital - II
(Fortsetzung)
Wir sind noch immer nicht zu Ende mit der Frage, wieweit die Ak-
kumulation des Kapitals in Form von leihbarem Geldkapital zusam-
menfällt mit der wirklichen Akkumulation, der Erweiterung des Re-
produktionsprozesses.
Die Verwandlung von Geld in leihbares Geldkapital ist eine viel
einfachere Geschichte als die Verwandlung von Geld in produktives
Kapital. Aber wir haben hier zweierlei zu unterscheiden:
1. die bloße Verwandlung von Geld in Leihkapital;
2. die Verwandlung von Kapital oder Revenue in Geld, das in Leih-
kapital verwandelt wird. Es ist bloß der letztere Punkt, der
eine, mit der wirklichen Akkumulation des industriellen Kapitals
zusammenhängende, positive Akkumulation des Leihkapitals ein-
schließen kann.
I. Verwandlung von Geld in Leihkapital
Wir haben bereits gesehn, daß eine Anhäufung, eine Überreichlich-
keit von Leihkapital stattfinden kann, die nur insofern mit der
produktiven Akkumulation zusammenhängt, als sie im umgekehrten
Verhältnis dazu steht. Dies ist in zwei Phasen des industriellen
Zyklus der Fall, nämlich erstens zur Zeit, wo das industrielle
Kapital, in den beiden Formen des produktiven und des Warenkapi-
tals, kontrahiert ist, also am Beginn des Zyklus nach der Krise;
und zweitens zur Zeit, wo die Besserung beginnt, aber der kommer-
zielle Kredit den Bankkredit noch wenig in Anspruch nimmt. Im er-
sten Fall erscheint das Geldkapital, das früher in Produktion und
Handel angewandt war, als unbeschäftigtes Leihkapital; im zweiten
Fall erscheint es in steigendem Maß angewandt, aber zu sehr nied-
rigem
#512# V. Abschnitt - Das zinstragende Kapital
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Zinsfuß, weil jetzt der industrielle und kommerzielle Kapitalist
dem Geldkapitalisten die Bedingungen vorschreibt. Der Überfluß an
Leihkapital drückt im ersten Fall eine Stagnation des industriel-
len Kapitals aus und im zweiten relative Unabhängigkeit des kom-
merziellen Kredits vom Bankkredit, beruhend auf Flüssigkeit des
Rückstroms, kurzen Kreditterminen und vorwiegendem Arbeiten mit
eignem Kapital. Die Spekulanten, die auf fremdes Kreditkapital
rechnen, sind noch nicht ins Feld gerückt; die Leute, die mit
eignem Kapital arbeiten, sind noch weit entfernt von annähernd
reinen Kreditoperationen. In der ersteren Phase ist der Überfluß
an Leihkapital das gerade Gegenteil vom Ausdruck der wirklichen
Akkumulation. In der zweiten Phase fällt er zusammen mit erneuter
Expansion des Reproduktionsprozesses, begleitet sie, ist aber
nicht Ursache davon. Der Oberfluß an Leihkapital nimmt schon ab,
ist nur noch relativ im Verhältnis zur Nachfrage. In beiden Fäl-
len wird die Ausdehnung des wirklichen Akkumulationsprozesses da-
durch gefördert, weil der niedrige Zins, der im ersten Fall mit
niedrigen Preisen, im zweiten mit langsam steigenden Preisen zu-
sammenfällt, den Teil des Profits vergrößert, der sich in Unter-
nehmergewinn verwandelt. Noch mehr findet dies statt beim Steigen
des Zinses auf seinen Durchschnitt während der Höhe der Prosperi-
tätszeit, wo er zwar gewachsen ist, aber nicht im Verhältnis zum
Profit.
Wir haben andrerseits gesehn, daß eine Akkumulation des Leihkapi-
tals stattfinden kann, ohne alle wirkliche Akkumulation, durch
bloß technische Mittel, wie Ausdehnung und Konzentration des
Bankwesens, Ersparung der Zirkulationsreserve oder auch der Re-
servefonds von Zahlungsmitteln der Privaten, die dadurch immer
für kurze Zeiten in Leihkapital verwandelt werden. Obgleich dies
Leihkapital, was daher auch schwebendes Kapital (floating capi-
tal) genannt wird, stets nur für kurze Perioden die Form von
Leihkapital behält (wie ja auch nur für kurze Perioden diskon-
tiert werden soll), so fließt es beständig zu und ab. Zieht der
eine es weg, so bringt der andre es hin. Die Masse des leihbaren
Geldkapitals (wir sprechen hier überhaupt nicht von Anleihen auf
Jahre, sondern nur von kurzlebigen gegen Wechsel und Depot)
wächst so in der Tat ganz unabhängig von der wirklichen Akkumula-
tion.
B.C. 1857. Frage 501. "Was verstehn Sie unter floating capital?"
(Herr Weguelin, Gouverneur der Bank von England:) "Es ist Kapi-
tal, verwendbar für Geldanleihen auf kurze Zeit... (502). Noten
der Bank von England... der Provinzialbanken, und der Betrag des
im Land vorhandnen Geldes." - {Frage:} "Es scheint nicht, nach
den dem Ausschuß vorliegenden Ausweisen, daß, wenn Sie unter
floating capital die aktive Zirkulation" {nämlich der Noten der
Bank von England} "verstehn, in dieser aktiven
#513# 31. Kapitel - Geldkapital und wirkliches Kapital - II
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Zirkulation irgendwelche sehr bedeutende Schwankung vorkommt?"
(Es ist aber ein sehr großer Unterschied, durch wen die aktive
Zirkulation vorgeschossen ist, ob durch den Geldverleiher oder
durch den reproduktiven Kapitalisten selbst. - Antwort Wegue-
lins:) "Ich schließe in das floating capital die Reserven der
Bankiers ein, in denen bedeutende Schwankung ist."
D.h. also, bedeutende Schwankung findet statt in dem Teil der De-
positen, den die Bankiers nicht wieder verliehen haben, sondern
der als ihre Reserve, großenteils aber auch als die Reserve der
Bank von England figuriert, bei der sie deponiert sind. Zuletzt
sagt derselbe Herr: floating capital sei - bullion, d.h. Barren
und Hartgeld. (503.) Es ist überhaupt wundervoll, wie in diesem
Kreditkauderwelsch des Geldmarkts alle Kategorien der politischen
Ökonomie einen andern Sinn und eine andre Form erhalten. Floating
capital ist dort der Ausdruck für circulating capital, was natür-
lich etwas ganz andres ist, und money ist capital, und bullion
ist capital, und Banknoten sind circulation, und Kapital ist a
commodity 1*), und Schulden sind commodities, und fixed capital
ist Geld, das in schwer verkäuflichen Papieren angelegt ist!
"Die Aktienbanken von London... haben ihre Depositen vermehrt von
8 850 774 Pfd.St. in 1847 auf 43 100 724 Pfd.St. in 1857... Die
dem Ausschuß vorgelegten Nachweise und Aussagen lassen schließen,
daß von diesem ungeheuren Betrage ein großer Teil aus Quellen ab-
geleitet ist, die früher für diesen Zweck nicht benutzbar waren;
und daß die Gewohnheit eine Rechnung beim Bankier zu eröffnen und
Geld bei ihm zu deponieren, sich ausgedehnt hat auf zahlreiche
Quellen, die früher für diesen Zweck nicht benutzbar waren; und
daß die Gewohnheit, Rechnung beim Bankier zu eröffnen und Geld
bei ihm zu deponieren, sich ausgebreitet hat auf zahlreiche Klas-
sen, die früher ihr Kapital (!) nicht in dieser Weise anlegten.
Herr Rodwell, Präsident der Assoziation der "Provinzial-Privat-
banken" {im Unterschied von Aktienbanken} und delegiert von ihr,
um vor dem Ausschuß auszusagen, gibt an, daß in der Gegend von
Ipswich diese Gewohnheit neuerdings sich ums Vierfache vermehrt
hat unter den Pächtern und Kleinhändlern jenes Bezirks; daß fast
alle Pächter, selbst die nur 50 Pfd.St. jährliche Pacht zahlen,
jetzt bei Banken Depositen halten. Die Masse dieser Depositen
findet natürlich ihren Weg zur Verwendung im Geschäft und gravi-
tiert namentlich nach London, dem Zentrum der kommerziellen Tä-
tigkeit, wo sie zunächst Verwendung findet im Wechseldiskonto und
in andren Vorschüssen an die Kunden der Londoner Bankiers. Ein
großer Teil jedoch, wofür die Bankiers selbst keine unmittelbare
Nachfrage haben, geht in die Hände der billbrokers, die den Ban-
kiers dagegen Handelswechsel geben, welche sie schon einmal für
Leute in London und in den Provinzen diskontiert haben." (B. C.
1858, p. [V, Absatz Nr.] 8.)
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1*) eine Ware
#514# V. Abschnitt - Das zinstragende Kapital
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Indem der Bankier auf die Wechsel, die der bill-broker bereits
einmal diskontiert hat, diesem bill-broker Vorschüsse macht, re-
diskontiert er Sie tatsächlich noch einmal; aber in Wirklichkeit
sind sehr viele dieser Wechsel bereits vom bill-broker rediskon-
tiert worden und mit demselben Geld, womit der Bankier die Wech-
sel des bill-brokers rediskontiert, rediskontiert dieser neue
Wechsel. Wozu dies führt:
"Ausgedehnte fiktive Kredite sind geschaffen worden durch Akkom-
modationswechsel und Blankokredite, was sehr erleichtert wurde
durch das Verfahren der provinziellen Aktienbanken, die solche
Wechsel diskontierten und sie dann bei bill-brokers im Londoner
Markt rediskontieren ließen, und zwar allein auf den Kredit der
Bank hin, ohne Rücksicht auf die sonstige Qualität der Wechsel."
(l.c. [p. XXI, Absatz Nr. 54].)
Über dies Rediskontieren und über den Vorschub, die diese bloß
technische Vermehrung des leihbaren Geldkapitals bei Kredit-
schwindeleien leistet, ist folgende Stelle aus dem "Economist"
interessant:
"Während vieler Jahre akkumulierte sich das Kapital" (nämlich das
leihbare Geldkapital) "in einigen Distrikten des Landes rascher,
als es angewandt werden konnte, während in andren die Mittel sei-
ner Anlage rascher wuchsen als das Kapital selbst. Während so die
Bankiers in den Ackerbaudistrikten keine Gelegenheit fanden, ihre
Depositen profitlich und sicher in ihrer eignen Gegend anzulegen,
hatten diejenigen in den Industriebezirken und den Handelsstädten
mehr Nachfrage nach Kapital, als sie liefern konnten. Die Wirkung
dieser verschiednen Lagen in den verschiednen Distrikten hat in
den letzten Jahren zur Entstehung und reißend schnellen Ausdeh-
nung einer neuen, in der Verteilung des Kapitals beschäftigten
Klasse von Häusern geführt, die, obgleich gewöhnlich bill-brokers
genannt, in Wirklichkeit Bankiers auf dem allergrößten Maßstabe
sind. Das Geschäft dieser Häuser ist, für bestimmt abgemachte Pe-
rioden und zu bestimmt abgemachten Zinsen das Surpluskapital zu
übernehmen von den Banken der Distrikte, wo es nicht verwandt
werden konnte, ebenso wie die zeitweis brachliegenden Mittel von
Aktiengesellschaften und großen kaufmännischen Häusern, und dies
Geld vorzuschießen, zu höherem Zinsfuß, an die Banken der Di-
strikte, wo Kapital mehr gefragt wird; in der Regel durch Redis-
kontieren der Wechsel von ihren Kunden... So wurde Lombardstreet
[66] das große Zentrum, wo die Übertragung von brachliegendem Ka-
pital erfolgt von einem Teil des Landes, wo es nicht nützlich
verwandt werden kann, zu einem andern, wo Nachfrage darnach; und
dies sowohl für die verschiednen Landesteile, wie auch für ähn-
lich gestellte Individuen. Ursprünglich waren diese Geschäfte
fast ausschließlich beschränkt auf Borgen und auf Leihen gegen
bankmäßiges Unterpfand. Aber im Verhältnis, wie das Kapital des
Landes rasch anwuchs und durch Errichtung von Banken immer mehr
ökonomisiert wurde, wurden die Fonds zur Verfügung dieser Diskon-
tohäuser so groß, daß sie dazu übergingen, Vorschüsse zu machen,
zuerst auf dock warrants (Lagerscheine auf Waren in den Docks)
und dann auch auf Ladescheine, die noch gar nicht angekommene
Produkte repräsentierten, obgleich
#515# 31. Kapitel - Geldkapital und wirkliches Kapital - II
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manchmal, wenn nicht regelmäßig, schon Wechsel darauf auf den Wa-
renmakler gezogen waren. Diese Praxis änderte bald den ganzen
Charakter des englischen Geschäfts. Die so in Lombardstreet ge-
botnen Erleichterungen gaben den Warenmaklern in Mincing Lane
[67] eine sehr verstärkte Stellung; diese gaben ihrerseits wieder
den ganzen Vorteil den importierenden Kaufleuten; diese letzteren
nahmen so sehr teil daran, daß, während 25 Jahre vorher Kredit-
nahme auf seine Ladescheine oder selbst seine dock warrants den
Kredit eines Kaufmanns ruiniert hätte, in den letzten Jahren
diese Praxis so allgemein wurde, daß man sie als die Regel be-
trachten kann, und nicht mehr, wie vor 25 Jahren, als seltne Aus-
nahme. Ja, dies System ist so weit ausgedehnt worden, daß große
Summen in Lombardstreet aufgenommen worden sind auf Wechsel, ge-
zogen gegen die noch chsende Ernte entlegner Kolonien. Die Folge
solcher Erleichterungen war, daß die Importkaufleute ihre auswär-
tigen Geschäfte erweiterten und ihr schwebendes (floating) Kapi-
tal, womit ihr Geschäft bisher geführt worden, festlegten in der
verwerflichsten aller Anlagen, in Kolonialplantagen, worüber sie
wenig oder gar keine Kontrolle ausüben konnten. So sehn wir die
direkte Verkettung der Kredite. Das Kapital des Landes, das in
unsern Ackerbaudistrikten angesammelt, wird in kleinen Beträgen
als Depositen in Landbanken niedergelegt und zur Verwendung in
Lombardstreet zentralisiert. Aber nutzbar gemacht worden ist es
erstens zur Ausdehnung des Geschäfts in unsern Bergwerks- und In-
dustriebezirken vermittelst Rediskontieren von Wechseln an
dortige Banken; sodann aber auch zur Gewährung größrer Erleichte-
rungen an Importeure auswärtiger Produkte durch Vorschüsse auf
dock warrants und Ladescheine, wodurch das 'legitime' Kaufmanns-
kapital von Häusern im auswärtigen und Kolonialgeschäft freige-
setzt und so zu den verwerflichsten Anlagearten in überseeischen
Plantagen verwandt werden konnte." ("Economist", 1847, p. 1334.)
Es ist dies die "schöne" Verschlingung der Kredite. Der ländliche
Depositor bildet sich ein, nur bei seinem Bankier zu deponieren,
und bildet sich ferner ein, daß, wenn der Bankier ausleiht, dies
an diesem bekannte Privatpersonen geschieht. Er hat nicht die
entfernteste Ahnung, daß dieser Bankier sein Depositum zur Verfü-
gung eines Londoner bill-brokers stellt, über dessen Operationen
sie beide nicht die geringste Kontrolle haben.
Wie große öffentliche Unternehmungen, z.B. Eisenbahnbau, momentan
das Leihkapital vermehren können, indem die eingezahlten Beträge
bis zu ihrer wirklichen Verwendung immer während einer gewissen
Zeit in den Händen der Banken disponibel bleiben, haben wir be-
reits gesehn.
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Die Masse des Leihkapitals ist übrigens durchaus verschieden von
der Quantität der Zirkulation. Unter Quantität der Zirkulation
verstehn wir hier die Summe aller in einem Lande befindlichen,
zirkulierenden Banknoten und alles Hartgeldes, inkl. der Barren
von Edelmetallen. Ein Teil dieser Quantität bildet die ihrer
Größe nach stets wechselnde Reserve der Banken.
#516# V. Abschnitt - Das zinstragende Kapital
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"Am 12. Nov. 1857" (dem Datum der Suspension des Bankakts von
1844) "betrug die Gesamtreserve der Bank von England, alle Zweig-
banken einbegriffen, nur 580 751 Pfd.St.; die Summe der Depositen
betrug gleichzeitig 22 1/2 Millionen Pfd.St., wovon nahe an 6 1/2
Millionen den Londoner Bankiers gehörten." (B. A. 1858, p. LVII.)
Die Variationen des Zinsfußes (abgesehn von den in längern Peri-
oden erfolgenden oder von dem Unterschied des Zinsfußes in ver-
schiednen Ländern; die erstern sind bedingt durch Variationen in
der allgemeinen Profitrate, die zweiten durch Differenzen in den
Profitraten und in der Entwicklung des Kredits) hängen ab vom An-
gebot des Leihkapitals (alle andere, Umstände, Stand des Vertrau-
ens etc. gleichgesetzt), d.h. des Kapitals, die es in Form von
Geld, Hartgeld und Noten, verliehen wird; im Unterschied zum in-
dustriellen Kapital, das als solches, in Warenform, vermittelst
des kommerziellen Kredits, unter den reproduktiven Agenten selbst
verliehen wird. Aber dennoch ist die Masse dieses leihbaren Geld-
kapitals verschieden und unabhängig von der Masse des zirkulie-
renden Geldes.
Wenn 20 Pfd.St. z.B. fünfmal per Tag verliehen würden, so würde
ein Geldkapital von 100 Pfd. St. verliehen, und dies würde
zugleich einschließen, daß diese 20 Pfd. St. außerdem wenigstens
viermal als Kauf- oder Zahlungsmittel fungiert hätten; denn wäre
es ohne Vermittlung von Kauf und Zahlung, so daß es nicht wenig-
stens viermal die verwandelte Form von Kapital (Ware, darunter
auch Arbeitskraft eingeschlossen) vorgestellt hätte, würde es
nicht ein Kapital von 100 Pfd.St., sondern nur fünf Forderungen
auf je 20 Pfd.St. konstituieren.
In Ländern von entwickeltem Kredit können wir annehmen, daß alles
zur Verleihung disponible Geldkapital in der Form von Depositen
bei Banken und Geldverleihem existiert. Dies gilt wenigstens für
das Geschäft im ganzen und großen. Zudem wird in guten Geschäfts-
zeiten, ehe die eigentliche Spekulation losgelassen wird, bei
leichtem Kredit und wachsendem Vertrauen der größte Teil der Zir-
kulationsfunktionen durch einfache KreditÜbertragung erledigt,
ohne Dazwischenkunft von Metall- oder papiernem Geld.
Die bloße Möglichkeit großer Depositenbeträge, bei relativ gerin-
gem Quantum von Zirkulationsmitteln, hängt einzig ab:
1. von der Anzahl der Käufe und Zahlungen, die dasselbe Geldstück
verrichtet;
2. der Anzahl seiner Rückwanderungen, worin es als Depositum zu
den Banken zurückkehrt, so daß seine wiederholte Funktion als
Kauf- und Zahlungsmittel vermittelt ist durch seine erneuerte
Verwandlung in Depositum.
#517# 31. Kapitel - Geldkapital und wirkliches Kapital - II
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Z.B. ein Kleinhändler deponiere wöchentlich beim Bankier 100
Pfd.St. in Geld; der Bankier zahlt damit einen Teil des Deposi-
tums des Fabrikanten aus; dieser zahlt es weg an die Arbeiter;
diese zahlen damit beim Kleinhändler, der es aufs neue bei der
Bank deponiert. Die vom Kleinhändler deponierten 100 Pfd.St. ha-
ben also gedient, erstens ein Depositum des Fabrikanten auszuzah-
len, zweitens die Arbeiter zu zahlen, drittens den Kleinhändler
selbst zu zahlen, viertens einen ferneren Teil des Geldkapitals
desselben Kleinhändlers zu deponieren; denn am Schluß von 20 Wo-
chen, wenn er selbst nicht gegen dies Geld zu ziehn hätte, hätte
er so mit denselben 100 Pfd.St. 2000 Pfd.St. beim Bankier depo-
niert.
Wie weit dies Geldkapital unbeschäftigt ist, zeigt sich nur im
Ab- und Zufluß der Reservefonds der Banken. Daher schließt Herr
Weguelln, 1857 Gouverneur der Bank von England, daß das Gold in
der Bank von England das "einzige" Reservekapital ist:
1258. "Nach meiner Ansicht wird die Diskontrate tatsächlich be-
stimmt durch den Belauf des unbeschäftigten Kapitals, das im Land
vorhanden ist. Der Betrag des unbeschäftigten Kapitals wird re-
präsentiert durch die Reserve der Bank von England, die tatsäch-
lich eine Goldreserve ist. Wenn also das Gold abfließt, so ver-
mindert dies den Betrag des unbeschäftigten Kapitals im Lande und
steigert deshalb den Wert des noch übrigen Teils." - 1364. New-
march [Newmarch:] Die Goldreserve der Bank von England ist in
Wahrheit die Zentralreserve oder der Barschatz, auf Grundlage wo-
von das ganze Geschäft des Landes bewirkt wird... Es ist dieser
Schatz oder dies Reservoir, worauf die Wirkung der auswärtigen
Wechselkurse immer fällt." ("Report on Bank Acts", 1857.)
Für die Akkumulation des wirklichen, d.h. produktiven und Waren-
kapitals gibt einen Maßstab die Statistik der Ausfuhr und Ein-
fuhr. Und da zeigt sich stets, daß für die in zehnjährigen Zyklen
sich bewegende Entwicklungsperlode der englischen Industrie
(1815-1870) jedesmal das Maximum der letzten Prosperitätszeit vor
der Krise als Minimum der nächstfolgenden Prosperitätszeit wieder
erscheint, um dann zu einem weit höheren neuen Maximum zu stei-
gen.
Der wirkliche oder deklarierte Wert der ausgeführten Produkte von
Großbritannien und Irland im Prosperitätslahr 1824 war 40 396 300
Pfd.St. Der Betrag der Ausfuhr fällt dann mit der Krisis von 1825
unter diese Summe und schwankt zwischen 35 und 39 Millionen jähr-
lich. Mit der wiederkehrenden Prosperität 1834 steigt er über das
frühere höchste Niveau auf 41 649 191 Pfd.St. und erreicht 1836
das neue Maximum von 53 368 571 Pfd. St. Mit 1837 fällt er wieder
auf 42 Millionen, so daß das neue Minimum
#518# V. Abschnitt - Das zinstragende Kapital
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bereits höher steht als das alte Maximum, und schwankt dann zwi-
schen 50 und 53 Millionen. Die Rückkehr der Prosperität hebt den
Ausfuhrbetrag 1844 auf 58 1/2 Millionen, wo das Maximum von 1836
schon wieder weit übertroffen ist. 1845 erreicht er 60 111 082
Pfd.St.; fällt dann auf über 57 Millionen 1846, 1847 beinahe 59
Millionen, 1848 beinahe 53 Millionen, steigt 1849 auf 63 1/2 Mil-
lionen, 1853 beinahe 99 Millionen, 1854 97 Millionen, 1855 94 1/2
Millionen, 1856 beinahe 116 Millionen und erreicht das Maximum
1857 mit 122 Millionen. Er fällt 1858 auf 116 Millionen, steigt
aber schon 1859 auf 130 Millionen, 1860 beinahe 136 Millionen,
1861 nur 125 Millionen (hier wieder das neue Minimum höher als
das frühere Maximum), 1863 146 1/2 Millionen.
Dasselbe könnte natürlich auch nachgewiesen werden für die Ein-
fuhr, die die Ausdehnung des Markts zeigt; hier haben wir es nur
mit der Stufenleiter der Produktion zu tun. {Dies gilt für Eng-
land selbstverständlich nur für die Zeit des tatsächlichen indu-
striellen Monopols; es gilt aber überhaupt für die Gesamtheit der
Länder mit moderner großer Industrie, solange der Weltmarkt sich
noch expandiert. - F. E.}
2. Verwandlung von Kapital oder Revenue in Geld, das in Leihkapi-
tal verwandelt wird
Wir betrachten hier die Akkumulation des Geldkapitals, soweit sie
nicht Ausdruck ist entweder einer Stockung im Fluß des kommer-
ziellen Kredits oder aber einer Ökonomisierung, sei es des wirk-
lich umlaufenden Mittels, sei es des Reservekapitals der in der
Reproduktion beschäftigten Agenten. Außer diesen beiden Fällen
kann Akkumulation von Geldkapital entstehn durch außergewöhnli-
chen Goldzufluß, wie 1852 und 1853 infolge der australischen und
kalifornischen neuen Goldminen. Solches Gold wurde in der Bank
von England deponiert. Die Depositoren nahmen Noten dagegen, die
sie nicht wieder direkt bei Bankiers deponierten. Dadurch wurde
das zirkulierende Mittel außergewöhnlich vermehrt. (Aussage von
Weguelin, B.C. 1857, Nr. 1329.) Die Bank suchte diese Depositen
zu verwerten durch Erniedrigung des Diskontos auf 2%. Die in der
Bank aufgehäufte Goldmasse stieg während sechs Monaten von 1853
auf 22-23 Mill. Die Akkumulation aller Geld verleihenden Kapita-
listen geschieht selbstredend stets unmittelbar in der Geldform,
während wir gesehn haben, daß die wirkliche Akkumulation der in-
dustriellen Kapitalisten in der Regel durch Vermehrung der Ele-
mente des reproduktiven Kapitals selbst sich
#519# 31. Kapitel - Geldkapital und wirkliches Kapital
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vollzieht. Die Entwicklung des Kreditwesens und die ungeheure
Konzentration des Geld verleihenden Geschäfts in den Händen
großer Banken muß also an und für sich schon die Akkumulation des
leihbaren Kapitals beschleunigen als eine von der wirklichen Ak-
kumulation verschiedne Form. Diese rasche Entwicklung des Leihka-
pitals ist daher ein Resultat der wirklichen Akkumulation, denn
sie ist die Folge der Entwicklung des Reproduktionsprozesses, und
der Profit, der die Akkurnulationsquelle dieser Geldkapitatisten
bildet, ist nur ein Abzug von dem Mehrwert, den die Reproduktiven
herausschlagen (zugleich Aneignung eines Teils des Zinses von
f r e m d e n Ersparungen). Das Leihkapital akkumuliert auf Ko-
sten zugleich der Industriellen und Kommerziellen. Wir haben ge-
sehn, wie in den ungünstigen Phasen des industriellen Zyklus der
Zinsfuß so hoch steigen kann, daß er für einzelne, besonders
nachteilig gestellte Geschäftszweige den Profit zeitweilig ganz
verschlingt. Gleichzeitig fallen die Preise der Staatseffekten
und andren Wertpapiere. Dies ist der Moment, wo die Geldkapitali-
sten diese entwerteten Papiere massenhaft aufkaufen, die in den
spätern Phasen bald wieder auf und über ihre normale Höhe stei-
gen. Dann werden sie losgeschlagen und so ein Teil des Geldkapi-
tals des Publikums angeeignet. Der Teil, der nicht losgeschlagen
wird, wirft höhere Zinsen ab, weil unter dem Preis gekauft. Allen
Profit aber, den die Geldkapitalisten machen und den sie in Kapi-
tal rückverwandeln, verwandeln sie zunächst in leihbares Geldka-
pital. Die Akkumulation des letzteren, als unterschieden von der
wirklichen Akkumulation, obgleich deren Sprößling, folgt also
schon, wenn wir nur die Geldkapitalisten, Bankiers etc. selbst
betrachten, als Akkumulation dieser besonderen Klasse von Kapita-
listen. Und sie muß wachsen mit jeder Ausdehnung des Kreditwe-
sens, wie es die wirkliche Erweiterung des Reproduktionsprozesses
begleitet.
Steht der Zinsfuß niedrig, so fällt diese Entwertung des Geldka-
pitals hauptsächlich auf die Depositoren, nicht auf die Banken.
Vor der Entwicklung der Aktienbanken lagen in England 3/4 aller
Depositen bei den Banken unverzinst. Wo jetzt Zins dafür gezahlt
wird, beträgt dieser mindestens 1% weniger als der Tageszinsfuß.
Was die Geldakkumulation der übrigen Klassen von Kapitalisten an-
betrifft, so sehn wir ab von dem Teil, der in zinstragenden Pa-
pieren angelegt wird und in dieser Form akkumuliert. Wir betrach-
ten bloß den Teil, der als leihbares Geldkapital auf den Markt
geworfen wird. Wir haben hier erstens den Teil des Profits, der
nicht als Revenue ver ausgabt, sondern zur Akkumulation bestimmt
wird, wofür aber die industriellen Kapitalisten zunächst keine
Verwendung in ihrem eignen Geschäft
#520# V. Abschnitt - Das zinsnde Kapital
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haben. Unmittelbar existiert dieser Profit im Warenkapital, von
dessen Wert er einen Teil ausmacht, und wird mit diesem in Geld
realisiert. Wird er nun nicht (wir sehn zunächst vom Kaufmann ab,
von dem wir besonders sprechen werden) rückverwandelt in die Pro-
duktionselemente des Warenkapitals, so muß er eine Zeitlang in
Form des Geldes verharren. Diese Masse steigt mit der Masse des
Kapitals selbst, auch bei abnehmender Profitrat, Der Teil, der
als Revenue verausgabt werden soll, wird nach und nach verzehrt,
bildet aber in der Zwischenzeit als Depositum Leihkapital beim
Bankier. Also selbst das Wachsen des als Revenue verausgabten
Teils des Profits drückt sich aus in einer allmählichen, sich be-
ständig wiederholenden Akkumulation von Leihkapital. Und ebenso
der andre Teil, der zur Akkumulation bestimmt ist. Mit Entwick-
lung des Kreditwesens und seiner Organisation drückt sich also
selbst das Steigen der Revenue, d.h. der Konsumtion der industri-
ellen und kommerziellen Kapitalisten aus als Akkumulation von
Leihkapital. Und dies gilt von allen Revenuen, soweit sie nach
und nach verzehrt werden, also von Grundrente, Arbeitslohn in
seinen höhern Formen, Einnahme der unproduktiven Klassen etc. Sie
alle nehmen für eine gewisse Zeit die Form der Geldrevenue an und
sind daher verwandelbar in Depositen und damit in Leihkapital. Es
gilt von aller Revenue, ob zur Konsumtion oder zur Akkumulation
bestimmt, sobald sie in irgendwelchen Geldform existiert, daß sie
ein in Geld verwandelter Wertteil des Warenkapitals ist und daher
Ausdruck und Resultat der wirklichen Akkumulation, aber nicht das
produktive Kapital selbst. Wenn ein Spinner sein Garn ausge-
tauscht hat gegen Baumwolle, den Teil aber, der Revenue bildet,
gegen Geld, so ist das wirkliche Dasein seines industriellen Ka-
pitals das Garn, das in die Hand des Webers oder auch etwa des
Privatkonsumenten übergegangen, und zwar ist das Garn das Dasein
- sei es für Reproduktion, sei es für Konsumtion - sowohl des Ka-
pitalwerts wie des Mehrwerts, der in ihm steckt. Die Größe des in
Geld verwandelten Mehrwerts hängt ab von der Größe des im Garn
steckenden Mehrwerts. Sobald es aber in Geld verwandelt, ist dies
Geld nur das Wertdasein dieses Mehrwerts. Und als solches wird es
Moment des Leihkapitals. Dazu ist nichts nötig, als daß es sich
in Depositum verwandelt, wenn nicht schon durch seinen Eigner
selbst ausgeliehn. Um in produktives Kapital rückverwandelt zu
werden, muß es dagegen schon eine bestimmte Minimalgrenze er-
reicht haben.
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