Quelle: MEW 25 Das Kapital - Dritter Band


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       EINUNDDREISSIGSTES KAPITEL
       Geldkapital und wirkliches Kapital - II
       (Fortsetzung)
       
       Wir sind  noch immer nicht zu Ende mit der Frage, wieweit die Ak-
       kumulation des  Kapitals in Form von leihbarem Geldkapital zusam-
       menfällt mit der wirklichen Akkumulation, der Erweiterung des Re-
       produktionsprozesses.
       Die Verwandlung  von Geld  in leihbares Geldkapital ist eine viel
       einfachere Geschichte als die Verwandlung von Geld in produktives
       Kapital. Aber wir haben hier zweierlei zu unterscheiden:
       1. die bloße Verwandlung von Geld in Leihkapital;
       2. die Verwandlung von Kapital oder Revenue in Geld, das in Leih-
       kapital verwandelt  wird. Es  ist bloß  der letztere  Punkt,  der
       eine, mit  der wirklichen Akkumulation des industriellen Kapitals
       zusammenhängende, positive  Akkumulation  des  Leihkapitals  ein-
       schließen kann.
       
       I. Verwandlung von Geld in Leihkapital
       
       Wir haben bereits gesehn, daß eine Anhäufung, eine Überreichlich-
       keit von  Leihkapital stattfinden  kann, die nur insofern mit der
       produktiven Akkumulation  zusammenhängt, als  sie im  umgekehrten
       Verhältnis dazu  steht. Dies ist in zwei Phasen des industriellen
       Zyklus der  Fall, nämlich  erstens zur  Zeit, wo das industrielle
       Kapital, in  den beiden Formen des produktiven und des Warenkapi-
       tals, kontrahiert  ist, also am Beginn des Zyklus nach der Krise;
       und zweitens zur Zeit, wo die Besserung beginnt, aber der kommer-
       zielle Kredit den Bankkredit noch wenig in Anspruch nimmt. Im er-
       sten Fall erscheint das Geldkapital, das früher in Produktion und
       Handel angewandt war, als unbeschäftigtes Leihkapital; im zweiten
       Fall erscheint es in steigendem Maß angewandt, aber zu sehr nied-
       rigem
       
       #512# V. Abschnitt - Das zinstragende Kapital
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       Zinsfuß, weil  jetzt der industrielle und kommerzielle Kapitalist
       dem Geldkapitalisten die Bedingungen vorschreibt. Der Überfluß an
       Leihkapital drückt im ersten Fall eine Stagnation des industriel-
       len Kapitals  aus und im zweiten relative Unabhängigkeit des kom-
       merziellen Kredits  vom Bankkredit,  beruhend auf Flüssigkeit des
       Rückstroms, kurzen  Kreditterminen und  vorwiegendem Arbeiten mit
       eignem Kapital.  Die Spekulanten,  die auf  fremdes Kreditkapital
       rechnen, sind  noch nicht  ins Feld  gerückt; die  Leute, die mit
       eignem Kapital  arbeiten, sind  noch weit  entfernt von annähernd
       reinen Kreditoperationen.  In der ersteren Phase ist der Überfluß
       an Leihkapital  das gerade  Gegenteil vom Ausdruck der wirklichen
       Akkumulation. In der zweiten Phase fällt er zusammen mit erneuter
       Expansion des  Reproduktionsprozesses, begleitet  sie,  ist  aber
       nicht Ursache  davon. Der Oberfluß an Leihkapital nimmt schon ab,
       ist nur  noch relativ im Verhältnis zur Nachfrage. In beiden Fäl-
       len wird die Ausdehnung des wirklichen Akkumulationsprozesses da-
       durch gefördert,  weil der  niedrige Zins, der im ersten Fall mit
       niedrigen Preisen,  im zweiten mit langsam steigenden Preisen zu-
       sammenfällt, den  Teil des Profits vergrößert, der sich in Unter-
       nehmergewinn verwandelt. Noch mehr findet dies statt beim Steigen
       des Zinses auf seinen Durchschnitt während der Höhe der Prosperi-
       tätszeit, wo  er zwar gewachsen ist, aber nicht im Verhältnis zum
       Profit.
       Wir haben andrerseits gesehn, daß eine Akkumulation des Leihkapi-
       tals stattfinden  kann, ohne  alle wirkliche  Akkumulation, durch
       bloß technische  Mittel, wie  Ausdehnung  und  Konzentration  des
       Bankwesens, Ersparung  der Zirkulationsreserve  oder auch der Re-
       servefonds von  Zahlungsmitteln der  Privaten, die  dadurch immer
       für kurze  Zeiten in Leihkapital verwandelt werden. Obgleich dies
       Leihkapital, was  daher auch  schwebendes Kapital (floating capi-
       tal) genannt wird, stets nur für kurze Perioden die Form von
       Leihkapital behält  (wie ja  auch nur  für kurze Perioden diskon-
       tiert werden  soll), so  fließt es beständig zu und ab. Zieht der
       eine es  weg, so bringt der andre es hin. Die Masse des leihbaren
       Geldkapitals (wir  sprechen hier überhaupt nicht von Anleihen auf
       Jahre, sondern  nur von  kurzlebigen  gegen  Wechsel  und  Depot)
       wächst so in der Tat ganz unabhängig von der wirklichen Akkumula-
       tion.
       
       B.C. 1857.  Frage 501. "Was verstehn Sie unter floating capital?"
       (Herr Weguelin,  Gouverneur der  Bank von England:) "Es ist Kapi-
       tal, verwendbar  für Geldanleihen  auf kurze Zeit... (502). Noten
       der Bank  von England... der Provinzialbanken, und der Betrag des
       im Land  vorhandnen Geldes."  - {Frage:}  "Es scheint nicht, nach
       den dem  Ausschuß vorliegenden  Ausweisen, daß,  wenn  Sie  unter
       floating capital  die aktive  Zirkulation" {nämlich der Noten der
       Bank von England} "verstehn, in dieser aktiven
       
       #513# 31. Kapitel - Geldkapital und wirkliches Kapital - II
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       Zirkulation irgendwelche  sehr bedeutende  Schwankung  vorkommt?"
       (Es ist  aber ein  sehr großer  Unterschied, durch wen die aktive
       Zirkulation vorgeschossen  ist, ob  durch den  Geldverleiher oder
       durch den  reproduktiven Kapitalisten  selbst. -  Antwort  Wegue-
       lins:) "Ich  schließe in  das floating  capital die  Reserven der
       Bankiers ein, in denen bedeutende Schwankung ist."
       
       D.h. also, bedeutende Schwankung findet statt in dem Teil der De-
       positen, den  die Bankiers  nicht wieder verliehen haben, sondern
       der als  ihre Reserve,  großenteils aber auch als die Reserve der
       Bank von  England figuriert,  bei der sie deponiert sind. Zuletzt
       sagt derselbe  Herr: floating  capital sei - bullion, d.h. Barren
       und Hartgeld.  (503.) Es  ist überhaupt wundervoll, wie in diesem
       Kreditkauderwelsch des Geldmarkts alle Kategorien der politischen
       Ökonomie einen andern Sinn und eine andre Form erhalten. Floating
       capital ist dort der Ausdruck für circulating capital, was natür-
       lich etwas  ganz andres  ist, und  money ist capital, und bullion
       ist capital,  und Banknoten  sind circulation,  und Kapital ist a
       commodity 1*),  und Schulden  sind commodities, und fixed capital
       ist Geld, das in schwer verkäuflichen Papieren angelegt ist!
       
       "Die Aktienbanken von London... haben ihre Depositen vermehrt von
       8 850 774 Pfd.St.  in 1847  auf 43 100 724 Pfd.St. in 1857... Die
       dem Ausschuß vorgelegten Nachweise und Aussagen lassen schließen,
       daß von diesem ungeheuren Betrage ein großer Teil aus Quellen ab-
       geleitet ist,  die früher für diesen Zweck nicht benutzbar waren;
       und daß die Gewohnheit eine Rechnung beim Bankier zu eröffnen und
       Geld bei  ihm zu  deponieren, sich  ausgedehnt hat auf zahlreiche
       Quellen, die  früher für  diesen Zweck nicht benutzbar waren; und
       daß die  Gewohnheit, Rechnung  beim Bankier  zu eröffnen und Geld
       bei ihm zu deponieren, sich ausgebreitet hat auf zahlreiche Klas-
       sen, die  früher ihr  Kapital (!) nicht in dieser Weise anlegten.
       Herr Rodwell,  Präsident der  Assoziation der "Provinzial-Privat-
       banken" {im  Unterschied von Aktienbanken} und delegiert von ihr,
       um vor  dem Ausschuß  auszusagen, gibt  an, daß in der Gegend von
       Ipswich diese  Gewohnheit neuerdings  sich ums Vierfache vermehrt
       hat unter  den Pächtern und Kleinhändlern jenes Bezirks; daß fast
       alle Pächter,  selbst die  nur 50 Pfd.St. jährliche Pacht zahlen,
       jetzt bei  Banken Depositen  halten. Die  Masse dieser  Depositen
       findet natürlich  ihren Weg zur Verwendung im Geschäft und gravi-
       tiert namentlich  nach London,  dem Zentrum der kommerziellen Tä-
       tigkeit, wo sie zunächst Verwendung findet im Wechseldiskonto und
       in andren  Vorschüssen an  die Kunden  der Londoner Bankiers. Ein
       großer Teil  jedoch, wofür die Bankiers selbst keine unmittelbare
       Nachfrage haben,  geht in die Hände der billbrokers, die den Ban-
       kiers dagegen  Handelswechsel geben,  welche sie schon einmal für
       Leute in  London und  in den Provinzen diskontiert haben." (B. C.
       1858, p. [V, Absatz Nr.] 8.)
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       1*) eine Ware
       
       #514# V. Abschnitt - Das zinstragende Kapital
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       Indem der  Bankier auf  die Wechsel,  die der bill-broker bereits
       einmal diskontiert  hat, diesem bill-broker Vorschüsse macht, re-
       diskontiert er  Sie tatsächlich noch einmal; aber in Wirklichkeit
       sind sehr  viele dieser Wechsel bereits vom bill-broker rediskon-
       tiert worden  und mit demselben Geld, womit der Bankier die Wech-
       sel des  bill-brokers rediskontiert,  rediskontiert  dieser  neue
       Wechsel. Wozu dies führt:
       
       "Ausgedehnte fiktive  Kredite sind geschaffen worden durch Akkom-
       modationswechsel und  Blankokredite, was  sehr erleichtert  wurde
       durch das  Verfahren der  provinziellen Aktienbanken,  die solche
       Wechsel diskontierten  und sie  dann bei bill-brokers im Londoner
       Markt rediskontieren  ließen, und  zwar allein auf den Kredit der
       Bank hin,  ohne Rücksicht auf die sonstige Qualität der Wechsel."
       (l.c. [p. XXI, Absatz Nr. 54].)
       
       Über dies  Rediskontieren und  über den  Vorschub, die diese bloß
       technische Vermehrung  des  leihbaren  Geldkapitals  bei  Kredit-
       schwindeleien leistet,  ist folgende  Stelle aus  dem "Economist"
       interessant:
       
       "Während vieler Jahre akkumulierte sich das Kapital" (nämlich das
       leihbare Geldkapital)  "in einigen Distrikten des Landes rascher,
       als es angewandt werden konnte, während in andren die Mittel sei-
       ner Anlage rascher wuchsen als das Kapital selbst. Während so die
       Bankiers in den Ackerbaudistrikten keine Gelegenheit fanden, ihre
       Depositen profitlich und sicher in ihrer eignen Gegend anzulegen,
       hatten diejenigen in den Industriebezirken und den Handelsstädten
       mehr Nachfrage nach Kapital, als sie liefern konnten. Die Wirkung
       dieser verschiednen  Lagen in  den verschiednen Distrikten hat in
       den letzten  Jahren zur  Entstehung und reißend schnellen Ausdeh-
       nung einer  neuen, in  der Verteilung  des Kapitals beschäftigten
       Klasse von Häusern geführt, die, obgleich gewöhnlich bill-brokers
       genannt, in  Wirklichkeit Bankiers  auf dem allergrößten Maßstabe
       sind. Das Geschäft dieser Häuser ist, für bestimmt abgemachte Pe-
       rioden und  zu bestimmt  abgemachten Zinsen das Surpluskapital zu
       übernehmen von  den Banken  der Distrikte,  wo es  nicht verwandt
       werden konnte,  ebenso wie die zeitweis brachliegenden Mittel von
       Aktiengesellschaften und  großen kaufmännischen Häusern, und dies
       Geld vorzuschießen,  zu höherem  Zinsfuß, an  die Banken  der Di-
       strikte, wo  Kapital mehr gefragt wird; in der Regel durch Redis-
       kontieren der  Wechsel von ihren Kunden... So wurde Lombardstreet
       [66] das große Zentrum, wo die Übertragung von brachliegendem Ka-
       pital erfolgt  von einem  Teil des  Landes, wo  es nicht nützlich
       verwandt werden  kann, zu einem andern, wo Nachfrage darnach; und
       dies sowohl  für die  verschiednen Landesteile, wie auch für ähn-
       lich gestellte  Individuen. Ursprünglich  waren  diese  Geschäfte
       fast ausschließlich  beschränkt auf  Borgen und  auf Leihen gegen
       bankmäßiges Unterpfand.  Aber im  Verhältnis, wie das Kapital des
       Landes rasch  anwuchs und  durch Errichtung von Banken immer mehr
       ökonomisiert wurde, wurden die Fonds zur Verfügung dieser Diskon-
       tohäuser so  groß, daß sie dazu übergingen, Vorschüsse zu machen,
       zuerst auf  dock warrants  (Lagerscheine auf  Waren in den Docks)
       und dann  auch auf  Ladescheine, die  noch gar  nicht angekommene
       Produkte repräsentierten, obgleich
       
       #515# 31. Kapitel - Geldkapital und wirkliches Kapital - II
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       manchmal, wenn nicht regelmäßig, schon Wechsel darauf auf den Wa-
       renmakler gezogen  waren. Diese  Praxis änderte  bald den  ganzen
       Charakter des  englischen Geschäfts.  Die so in Lombardstreet ge-
       botnen Erleichterungen  gaben den  Warenmaklern in  Mincing  Lane
       [67] eine sehr verstärkte Stellung; diese gaben ihrerseits wieder
       den ganzen Vorteil den importierenden Kaufleuten; diese letzteren
       nahmen so  sehr teil  daran, daß, während 25 Jahre vorher Kredit-
       nahme auf  seine Ladescheine  oder selbst seine dock warrants den
       Kredit eines  Kaufmanns ruiniert  hätte, in  den  letzten  Jahren
       diese Praxis  so allgemein  wurde, daß  man sie als die Regel be-
       trachten kann, und nicht mehr, wie vor 25 Jahren, als seltne Aus-
       nahme. Ja,  dies System  ist so weit ausgedehnt worden, daß große
       Summen in  Lombardstreet aufgenommen worden sind auf Wechsel, ge-
       zogen gegen  die noch chsende Ernte entlegner Kolonien. Die Folge
       solcher Erleichterungen war, daß die Importkaufleute ihre auswär-
       tigen Geschäfte  erweiterten und ihr schwebendes (floating) Kapi-
       tal, womit  ihr Geschäft bisher geführt worden, festlegten in der
       verwerflichsten aller  Anlagen, in Kolonialplantagen, worüber sie
       wenig oder  gar keine  Kontrolle ausüben konnten. So sehn wir die
       direkte Verkettung  der Kredite.  Das Kapital  des Landes, das in
       unsern Ackerbaudistrikten  angesammelt, wird  in kleinen Beträgen
       als Depositen  in Landbanken  niedergelegt und  zur Verwendung in
       Lombardstreet zentralisiert.  Aber nutzbar  gemacht worden ist es
       erstens zur Ausdehnung des Geschäfts in unsern Bergwerks- und In-
       dustriebezirken  vermittelst   Rediskontieren  von   Wechseln  an
       dortige Banken; sodann aber auch zur Gewährung größrer Erleichte-
       rungen an  Importeure auswärtiger  Produkte durch  Vorschüsse auf
       dock warrants  und Ladescheine, wodurch das 'legitime' Kaufmanns-
       kapital von  Häusern im  auswärtigen und Kolonialgeschäft freige-
       setzt und  so zu den verwerflichsten Anlagearten in überseeischen
       Plantagen verwandt werden konnte." ("Economist", 1847, p. 1334.)
       
       Es ist dies die "schöne" Verschlingung der Kredite. Der ländliche
       Depositor bildet  sich ein, nur bei seinem Bankier zu deponieren,
       und bildet  sich ferner ein, daß, wenn der Bankier ausleiht, dies
       an diesem  bekannte Privatpersonen  geschieht. Er  hat nicht  die
       entfernteste Ahnung, daß dieser Bankier sein Depositum zur Verfü-
       gung eines  Londoner bill-brokers stellt, über dessen Operationen
       sie beide nicht die geringste Kontrolle haben.
       Wie große öffentliche Unternehmungen, z.B. Eisenbahnbau, momentan
       das Leihkapital  vermehren können, indem die eingezahlten Beträge
       bis zu  ihrer wirklichen  Verwendung immer während einer gewissen
       Zeit in  den Händen  der Banken disponibel bleiben, haben wir be-
       reits gesehn.
       
                                     ---
       
       Die Masse  des Leihkapitals ist übrigens durchaus verschieden von
       der Quantität  der Zirkulation.  Unter Quantität  der Zirkulation
       verstehn wir  hier die  Summe aller  in einem Lande befindlichen,
       zirkulierenden Banknoten  und alles  Hartgeldes, inkl. der Barren
       von Edelmetallen.  Ein Teil  dieser Quantität  bildet  die  ihrer
       Größe nach stets wechselnde Reserve der Banken.
       
       #516# V. Abschnitt - Das zinstragende Kapital
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       "Am 12.  Nov. 1857"  (dem Datum  der Suspension  des Bankakts von
       1844) "betrug die Gesamtreserve der Bank von England, alle Zweig-
       banken einbegriffen, nur 580 751 Pfd.St.; die Summe der Depositen
       betrug gleichzeitig 22 1/2 Millionen Pfd.St., wovon nahe an 6 1/2
       Millionen den Londoner Bankiers gehörten." (B. A. 1858, p. LVII.)
       
       Die Variationen  des Zinsfußes (abgesehn von den in längern Peri-
       oden erfolgenden  oder von  dem Unterschied des Zinsfußes in ver-
       schiednen Ländern;  die erstern sind bedingt durch Variationen in
       der allgemeinen  Profitrate, die zweiten durch Differenzen in den
       Profitraten und in der Entwicklung des Kredits) hängen ab vom An-
       gebot des Leihkapitals (alle andere, Umstände, Stand des Vertrau-
       ens etc.  gleichgesetzt), d.h.  des Kapitals,  die es in Form von
       Geld, Hartgeld  und Noten, verliehen wird; im Unterschied zum in-
       dustriellen Kapital,  das als  solches, in Warenform, vermittelst
       des kommerziellen Kredits, unter den reproduktiven Agenten selbst
       verliehen wird. Aber dennoch ist die Masse dieses leihbaren Geld-
       kapitals verschieden  und unabhängig  von der Masse des zirkulie-
       renden Geldes.
       
       Wenn 20  Pfd.St. z.B.  fünfmal per Tag verliehen würden, so würde
       ein Geldkapital  von 100  Pfd.  St.  verliehen,  und  dies  würde
       zugleich einschließen,  daß diese 20 Pfd. St. außerdem wenigstens
       viermal als  Kauf- oder Zahlungsmittel fungiert hätten; denn wäre
       es ohne  Vermittlung von Kauf und Zahlung, so daß es nicht wenig-
       stens viermal  die verwandelte  Form von  Kapital (Ware, darunter
       auch Arbeitskraft  eingeschlossen) vorgestellt  hätte,  würde  es
       nicht ein  Kapital von  100 Pfd.St., sondern nur fünf Forderungen
       auf je 20 Pfd.St. konstituieren.
       
       In Ländern von entwickeltem Kredit können wir annehmen, daß alles
       zur Verleihung  disponible Geldkapital  in der Form von Depositen
       bei Banken  und Geldverleihem existiert. Dies gilt wenigstens für
       das Geschäft im ganzen und großen. Zudem wird in guten Geschäfts-
       zeiten, ehe  die eigentliche  Spekulation losgelassen  wird,  bei
       leichtem Kredit und wachsendem Vertrauen der größte Teil der Zir-
       kulationsfunktionen durch  einfache  KreditÜbertragung  erledigt,
       ohne Dazwischenkunft von Metall- oder papiernem Geld.
       Die bloße Möglichkeit großer Depositenbeträge, bei relativ gerin-
       gem Quantum von Zirkulationsmitteln, hängt einzig ab:
       
       1. von der Anzahl der Käufe und Zahlungen, die dasselbe Geldstück
       verrichtet;
       2. der  Anzahl seiner  Rückwanderungen, worin es als Depositum zu
       den Banken  zurückkehrt, so  daß seine  wiederholte Funktion  als
       Kauf- und  Zahlungsmittel vermittelt  ist durch  seine  erneuerte
       Verwandlung in Depositum.
       
       #517# 31. Kapitel - Geldkapital und wirkliches Kapital - II
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       Z.B. ein  Kleinhändler deponiere  wöchentlich  beim  Bankier  100
       Pfd.St. in  Geld; der  Bankier zahlt damit einen Teil des Deposi-
       tums des  Fabrikanten aus;  dieser zahlt  es weg an die Arbeiter;
       diese zahlen  damit beim  Kleinhändler, der  es aufs neue bei der
       Bank deponiert.  Die vom Kleinhändler deponierten 100 Pfd.St. ha-
       ben also gedient, erstens ein Depositum des Fabrikanten auszuzah-
       len, zweitens  die Arbeiter  zu zahlen, drittens den Kleinhändler
       selbst zu  zahlen, viertens  einen ferneren Teil des Geldkapitals
       desselben Kleinhändlers  zu deponieren; denn am Schluß von 20 Wo-
       chen, wenn  er selbst nicht gegen dies Geld zu ziehn hätte, hätte
       er so  mit denselben  100 Pfd.St. 2000 Pfd.St. beim Bankier depo-
       niert.
       Wie weit  dies Geldkapital  unbeschäftigt ist,  zeigt sich nur im
       Ab- und  Zufluß der  Reservefonds der Banken. Daher schließt Herr
       Weguelln, 1857  Gouverneur der  Bank von England, daß das Gold in
       der Bank von England das "einzige" Reservekapital ist:
       
       1258. "Nach  meiner Ansicht  wird die Diskontrate tatsächlich be-
       stimmt durch den Belauf des unbeschäftigten Kapitals, das im Land
       vorhanden ist.  Der Betrag  des unbeschäftigten Kapitals wird re-
       präsentiert durch  die Reserve der Bank von England, die tatsäch-
       lich eine  Goldreserve ist.  Wenn also das Gold abfließt, so ver-
       mindert dies den Betrag des unbeschäftigten Kapitals im Lande und
       steigert deshalb  den Wert  des noch übrigen Teils." - 1364. New-
       march [Newmarch:]  Die Goldreserve  der Bank  von England  ist in
       Wahrheit die Zentralreserve oder der Barschatz, auf Grundlage wo-
       von das  ganze Geschäft  des Landes bewirkt wird... Es ist dieser
       Schatz oder  dies Reservoir,  worauf die  Wirkung der auswärtigen
       Wechselkurse immer fällt." ("Report on Bank Acts", 1857.)
       
       Für die  Akkumulation des wirklichen, d.h. produktiven und Waren-
       kapitals gibt  einen Maßstab  die Statistik  der Ausfuhr und Ein-
       fuhr. Und da zeigt sich stets, daß für die in zehnjährigen Zyklen
       sich  bewegende   Entwicklungsperlode  der  englischen  Industrie
       (1815-1870) jedesmal das Maximum der letzten Prosperitätszeit vor
       der Krise als Minimum der nächstfolgenden Prosperitätszeit wieder
       erscheint, um  dann zu  einem weit höheren neuen Maximum zu stei-
       gen.
       Der wirkliche oder deklarierte Wert der ausgeführten Produkte von
       Großbritannien und Irland im Prosperitätslahr 1824 war 40 396 300
       Pfd.St. Der Betrag der Ausfuhr fällt dann mit der Krisis von 1825
       unter diese Summe und schwankt zwischen 35 und 39 Millionen jähr-
       lich. Mit der wiederkehrenden Prosperität 1834 steigt er über das
       frühere höchste  Niveau auf  41 649 191 Pfd.St. und erreicht 1836
       das neue Maximum von 53 368 571 Pfd. St. Mit 1837 fällt er wieder
       auf 42 Millionen, so daß das neue Minimum
       
       #518# V. Abschnitt - Das zinstragende Kapital
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       bereits höher  steht als das alte Maximum, und schwankt dann zwi-
       schen 50  und 53 Millionen. Die Rückkehr der Prosperität hebt den
       Ausfuhrbetrag 1844  auf 58 1/2 Millionen, wo das Maximum von 1836
       schon wieder  weit übertroffen  ist. 1845  erreicht er 60 111 082
       Pfd.St.; fällt  dann auf  über 57 Millionen 1846, 1847 beinahe 59
       Millionen, 1848 beinahe 53 Millionen, steigt 1849 auf 63 1/2 Mil-
       lionen, 1853 beinahe 99 Millionen, 1854 97 Millionen, 1855 94 1/2
       Millionen, 1856  beinahe 116  Millionen und  erreicht das Maximum
       1857 mit  122 Millionen.  Er fällt 1858 auf 116 Millionen, steigt
       aber schon  1859 auf  130 Millionen,  1860 beinahe 136 Millionen,
       1861 nur  125 Millionen  (hier wieder  das neue Minimum höher als
       das frühere Maximum), 1863 146 1/2 Millionen.
       Dasselbe könnte  natürlich auch  nachgewiesen werden für die Ein-
       fuhr, die  die Ausdehnung des Markts zeigt; hier haben wir es nur
       mit der  Stufenleiter der  Produktion zu tun. {Dies gilt für Eng-
       land selbstverständlich  nur für die Zeit des tatsächlichen indu-
       striellen Monopols; es gilt aber überhaupt für die Gesamtheit der
       Länder mit  moderner großer Industrie, solange der Weltmarkt sich
       noch expandiert. - F. E.}
       
       2. Verwandlung von Kapital oder Revenue in Geld, das in Leihkapi-
       tal verwandelt wird
       
       Wir betrachten hier die Akkumulation des Geldkapitals, soweit sie
       nicht Ausdruck  ist entweder  einer Stockung  im Fluß des kommer-
       ziellen Kredits  oder aber einer Ökonomisierung, sei es des wirk-
       lich umlaufenden  Mittels, sei  es des Reservekapitals der in der
       Reproduktion beschäftigten  Agenten. Außer  diesen beiden  Fällen
       kann Akkumulation  von Geldkapital  entstehn durch außergewöhnli-
       chen Goldzufluß,  wie 1852 und 1853 infolge der australischen und
       kalifornischen neuen  Goldminen. Solches  Gold wurde  in der Bank
       von England  deponiert. Die Depositoren nahmen Noten dagegen, die
       sie nicht  wieder direkt  bei Bankiers deponierten. Dadurch wurde
       das zirkulierende  Mittel außergewöhnlich  vermehrt. (Aussage von
       Weguelin, B.C.  1857, Nr.  1329.) Die Bank suchte diese Depositen
       zu verwerten  durch Erniedrigung des Diskontos auf 2%. Die in der
       Bank aufgehäufte  Goldmasse stieg  während sechs Monaten von 1853
       auf 22-23  Mill. Die Akkumulation aller Geld verleihenden Kapita-
       listen geschieht  selbstredend stets unmittelbar in der Geldform,
       während wir  gesehn haben, daß die wirkliche Akkumulation der in-
       dustriellen Kapitalisten  in der  Regel durch Vermehrung der Ele-
       mente des reproduktiven Kapitals selbst sich
       
       #519# 31. Kapitel - Geldkapital und wirkliches Kapital
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       vollzieht. Die  Entwicklung des  Kreditwesens und  die  ungeheure
       Konzentration des  Geld  verleihenden  Geschäfts  in  den  Händen
       großer Banken muß also an und für sich schon die Akkumulation des
       leihbaren Kapitals  beschleunigen als eine von der wirklichen Ak-
       kumulation verschiedne Form. Diese rasche Entwicklung des Leihka-
       pitals ist  daher ein  Resultat der wirklichen Akkumulation, denn
       sie ist die Folge der Entwicklung des Reproduktionsprozesses, und
       der Profit,  der die Akkurnulationsquelle dieser Geldkapitatisten
       bildet, ist nur ein Abzug von dem Mehrwert, den die Reproduktiven
       herausschlagen (zugleich  Aneignung eines  Teils des  Zinses  von
       f r e m d e n   Ersparungen). Das Leihkapital akkumuliert auf Ko-
       sten zugleich  der Industriellen und Kommerziellen. Wir haben ge-
       sehn, wie  in den ungünstigen Phasen des industriellen Zyklus der
       Zinsfuß so  hoch steigen  kann, daß  er für  einzelne,  besonders
       nachteilig gestellte  Geschäftszweige den  Profit zeitweilig ganz
       verschlingt. Gleichzeitig  fallen die  Preise der  Staatseffekten
       und andren Wertpapiere. Dies ist der Moment, wo die Geldkapitali-
       sten diese  entwerteten Papiere  massenhaft aufkaufen, die in den
       spätern Phasen  bald wieder  auf und über ihre normale Höhe stei-
       gen. Dann  werden sie losgeschlagen und so ein Teil des Geldkapi-
       tals des  Publikums angeeignet. Der Teil, der nicht losgeschlagen
       wird, wirft höhere Zinsen ab, weil unter dem Preis gekauft. Allen
       Profit aber, den die Geldkapitalisten machen und den sie in Kapi-
       tal rückverwandeln,  verwandeln sie zunächst in leihbares Geldka-
       pital. Die  Akkumulation des letzteren, als unterschieden von der
       wirklichen Akkumulation,  obgleich deren  Sprößling,  folgt  also
       schon, wenn  wir nur  die Geldkapitalisten,  Bankiers etc. selbst
       betrachten, als Akkumulation dieser besonderen Klasse von Kapita-
       listen. Und  sie muß  wachsen mit  jeder Ausdehnung des Kreditwe-
       sens, wie es die wirkliche Erweiterung des Reproduktionsprozesses
       begleitet.
       Steht der  Zinsfuß niedrig, so fällt diese Entwertung des Geldka-
       pitals hauptsächlich  auf die  Depositoren, nicht auf die Banken.
       Vor der  Entwicklung der  Aktienbanken lagen in England 3/4 aller
       Depositen bei  den Banken unverzinst. Wo jetzt Zins dafür gezahlt
       wird, beträgt dieser mindestens 1% weniger als der Tageszinsfuß.
       Was die Geldakkumulation der übrigen Klassen von Kapitalisten an-
       betrifft, so  sehn wir  ab von dem Teil, der in zinstragenden Pa-
       pieren angelegt wird und in dieser Form akkumuliert. Wir betrach-
       ten bloß  den Teil,  der als  leihbares Geldkapital auf den Markt
       geworfen wird.  Wir haben  hier erstens den Teil des Profits, der
       nicht als  Revenue ver ausgabt, sondern zur Akkumulation bestimmt
       wird, wofür  aber die  industriellen Kapitalisten  zunächst keine
       Verwendung in ihrem eignen Geschäft
       
       #520# V. Abschnitt - Das zinsnde Kapital
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       haben. Unmittelbar  existiert dieser  Profit im Warenkapital, von
       dessen Wert  er einen  Teil ausmacht, und wird mit diesem in Geld
       realisiert. Wird er nun nicht (wir sehn zunächst vom Kaufmann ab,
       von dem wir besonders sprechen werden) rückverwandelt in die Pro-
       duktionselemente des  Warenkapitals, so  muß er  eine Zeitlang in
       Form des  Geldes verharren.  Diese Masse steigt mit der Masse des
       Kapitals selbst,  auch bei  abnehmender Profitrat,  Der Teil, der
       als Revenue  verausgabt werden soll, wird nach und nach verzehrt,
       bildet aber  in der  Zwischenzeit als  Depositum Leihkapital beim
       Bankier. Also  selbst das  Wachsen des  als Revenue  verausgabten
       Teils des Profits drückt sich aus in einer allmählichen, sich be-
       ständig wiederholenden  Akkumulation von  Leihkapital. Und ebenso
       der andre  Teil, der  zur Akkumulation bestimmt ist. Mit Entwick-
       lung des  Kreditwesens und  seiner Organisation  drückt sich also
       selbst das Steigen der Revenue, d.h. der Konsumtion der industri-
       ellen und  kommerziellen Kapitalisten  aus als  Akkumulation  von
       Leihkapital. Und  dies gilt  von allen  Revenuen, soweit sie nach
       und nach  verzehrt werden,  also von  Grundrente, Arbeitslohn  in
       seinen höhern Formen, Einnahme der unproduktiven Klassen etc. Sie
       alle nehmen für eine gewisse Zeit die Form der Geldrevenue an und
       sind daher verwandelbar in Depositen und damit in Leihkapital. Es
       gilt von  aller Revenue,  ob zur Konsumtion oder zur Akkumulation
       bestimmt, sobald sie in irgendwelchen Geldform existiert, daß sie
       ein in Geld verwandelter Wertteil des Warenkapitals ist und daher
       Ausdruck und Resultat der wirklichen Akkumulation, aber nicht das
       produktive Kapital  selbst. Wenn  ein Spinner  sein  Garn  ausge-
       tauscht hat  gegen Baumwolle,  den Teil aber, der Revenue bildet,
       gegen Geld,  so ist das wirkliche Dasein seines industriellen Ka-
       pitals das  Garn, das  in die  Hand des Webers oder auch etwa des
       Privatkonsumenten übergegangen,  und zwar ist das Garn das Dasein
       - sei es für Reproduktion, sei es für Konsumtion - sowohl des Ka-
       pitalwerts wie des Mehrwerts, der in ihm steckt. Die Größe des in
       Geld verwandelten  Mehrwerts hängt  ab von  der Größe des im Garn
       steckenden Mehrwerts. Sobald es aber in Geld verwandelt, ist dies
       Geld nur das Wertdasein dieses Mehrwerts. Und als solches wird es
       Moment des  Leihkapitals. Dazu  ist nichts nötig, als daß es sich
       in Depositum  verwandelt, wenn  nicht schon  durch seinen  Eigner
       selbst ausgeliehn.  Um in  produktives Kapital  rückverwandelt zu
       werden, muß  es dagegen  schon eine  bestimmte Minimalgrenze  er-
       reicht haben.

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