Quelle: MEW 25 Das Kapital - Dritter Band
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FÜNFUNDDREISSIGSTES KAPITEL
Edelmetall und Wechselkurs
I. Die Bewegung des Goldschatzes
Mit Bezug auf die Aufspeicherung von Noten in Zeiten der Klemme
ist zu bemerken, daß hier die Schatzbildung mit edlen Metallen,
wie sie in den ursprünglichsten Zuständen der Gesellschaft in un-
ruhigen Zeiten vorkommt, sich wiederholt. Der Akt von 184 ist in
seinen Wirkungen deswegen interessant, weil er alles im Land be-
findliche Edelmetall in Zirkulationsmittel verwandeln will; er
sucht Goldabfluß mit Kontraktion des Umlaufsmittels und Goldzu-
fluß mit Expansion des Umlaufsmittels gleichzusetzen. Dadurch ist
dann experimentell der Beweis des Gegenteils geliefert worden.
Mit einer einzigen Ausnahme, die wir gleich erwähnen werden, hat
die Masse der zirkulierenden Noten der Bank von England seit 1844
nie das Maximum erreicht, das die Bank ausgeben durfte. Und die
Krisis von 1857 bewies andrerseits, daß unter gewissen Umständen
dies Maximum nicht ausreicht. Vom 13.-30.November 1857 zirkulier-
ten im Durchschnitt täglich 488 830 Pfd. St. über dies Maximum
hinaus. (B. A. 1858, p. XI.) Das gesetzliche Maximum war damals
14 475 000 Pfd.St. plus dem Betrag des Metallschatzes in den
Bankkellern.
Mit Bezug auf den Ab- und Zufluß von Edelmetall zu bemerken: Er-
stens ist zu unterscheiden zwischen dem Hin- und Herlaufen des
Metalls innerhalb des Gebiets, das kein Gold und Silber produ-
ziert, einerseits, und andrerseits dem Strom des Golds und Sil-
bers von ihren Produktionsquellen über die verschiednen andren
Länder und der Verteilung dieses Zuschusses unter die letztren.
Vor der Einwirkung der russischen, kalifornischen und australi-
schen Goldminen war seit Anfang dieses Jahrhunderts die Zufuhr
nur hinreichend zum Ersatz der verschlissenen Münzen, zum gewöhn-
lichen Gebrauch als Luxusmaterial und zur Ausfuhr von Silber nach
Asien.
#581# 35. Kapitel - Edelmetalll und Wechselkurs
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Seit jener Zeit jedoch wuchs erstens, mit dem asiatischen Handel
Amerikas und Europas, die Silberausfuhr nach Asien außerordent-
lich. Das aus Europa ausgeführte Silber wurde zum großen Teil er-
setzt durch das zusätzliche Gold. Ferner wurde ein Teil des neu-
zugeführten Goldes von der innern Geldzirkulation absorbiert. Es
wird geschätzt, daß bis 1857 ungefähr 30 Mill. Gold zusätzlich in
die innere Zirkulation von England eingingen. 14 Sodann vermehrte
sich seit 1844 die Durchschnittshöhe der Metallreserven in allen
Zentralbanken von Europa und Nordamerika. Das Wachstum der inlän-
dischen Geldzirkulation brachte es zugleich mit sich, daß nach
der Panik, in der darauffolgenden Stillstandsperiode, die Bankre-
serve schon rascher wuchs infolge der größere Masse der von der
inländischen Zirkulation abgestoßnen und immobilisierten Gold-
münze. Endlich stieg seit den neuen Goldentdeckungen der Konsum
von Edelmetall für Luxusartikel infolge des gewachsnen Reichtums.
Zweitens. Zwischen den nicht Gold und Silber produzierenden Län-
dern fließt Edelmetall beständig ab und zu; dasselbe Land impor-
tiert davon beständig und exportiert ebenso beständig. Es ist nur
das Überwiegen der Bewegung nach der einen oder andern Seite,
welches entscheidet, ob schließlich Abfluß oder Zufluß stattfin-
det, da die bloß oszillierenden und oft parallelen Bewegungen
sich großenteils neutralisieren. Aber deswegen wird auch, mit
Rücksicht auf dies Resultat, die Beständigkeit und der im ganzen
parallele Verlauf beider Bewegungen übersehn. Es wird immer nur
so aufgefaßt, als ob Mehreinfuhr und Mehrausfuhr von Edelmetall
nur Wirkung und Ausdruck des Verhältnisses von Einfuhr und Aus-
fuhr von Waren, während es
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14) Wie dies auf den Geldmarkt wirkte, zeigen folgende Aussagen
von W. Newmarch: [B. A. 1857,] 1509. "Gegen Ende 1853 fanden be-
trächtliche Befürchtungen im Publikum statt; im September erhöhte
die Bank von England ihren Diskonto dreimal hintereinander... in
den ersten Oktobertagen... zeigte sich ein bedeutender Grad von
Besorgnis und Alarm unter dem Publikum. Diese Befürchtungen und
diese Beunruhigung wurden größtenteils gehoben vor Ende November
und wurden tut ganz be. seitigt durch die Ankunft von 5 Mill.
Edelmetall von Australien. Dasselbe wiederholte sich im Herbst
1854 bei Ankunft, im Oktober und November, von beinahe 6 Mill.
Edelmetall. Dasselbe wiederholte sich im Herbst 1855, bekanntlich
eine Zeit der Aufregung und Beunruhigung, durch die Ankunft von
ungefähr 8 Millionen Edelmetall während der Monate September, Ok-
tober und November. Ende 1856 finden wir, daß dasselbe geschieht.
Kurz, ich könnte ganz wohl an die Erfahrung fast jedes Mitgliedes
des Ausschusses appellieren, ob wir uns nicht schon gewöhnt ha-
ben, bei irgendwelchen finanziellen Klemme die natürliche kom-
plette Abhilfe zu sehn in der Ankunft eines Goldschiffs."
#582# V. Abschnitt - Das zinstragende Kapital
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zugleich Ausdruck des Verhältnisses einer vom Warenhandel unab-
hängigen Einfuhr und Ausfuhr von Edelmetall selbst ist.
Drittens. Das Überwiegen der Einfuhr über die Ausfuhr und umge-
kehrt mißt sich im ganzen an der Zu- oder Abnahme der Metallre-
serve in den Zentralbanken. Wieweit dieser Gradmesser mehr oder
minder exakt ist, hängt natürlich zunächst davon ab, wieweit das
Bankwesen überhaupt zentralisiert ist. Denn davon hängt es ab,
wieweit das in der sog. Nationalbank aufgespeicherte Edelmetall
überhaupt den nationalen Metallschatz repräsentiert. Vorausge-
setzt aber, daß dies der Fall ist, ist der Gradmesser nicht ex-
akt, weil zuschüssige Einfuhr unter gewissen Umständen aufgesogen
wird durch inländische Zirkulation und wachsende Luxusverwendung
von Gold und Silber; ferner aber, weil ohne zuschüssige Einfuhr
ein Herausziehn von Goldmünze für inländische Zirkulation statt-
finden und so der Metallschatz abnehmen könnte, auch ohne gleich-
zeitige Vermehrung der Ausfuhr.
Viertens. Eine Metallausfuhr nimmt die Gestalt eines Abflusses
(drain) an, wenn die Bewegung der Abnahme für längere Zeit fort-
dauert, so daß die Abnahme als Tendenz der Bewegung sich dar-
stellt und die Metallreserve der Bank bedeutend unter ihre mitt-
lere Höhe herabdrückt, bis gegen das mittlere Minimum dieser Re-
serve hin. Dies letztre ist insofern mehr oder minder willkürlich
festgesetzt, da es durch die Gesetzgebung über die Deckung für
Barzahlung der Noten etc. in jedem einzelnen Fall verschieden be-
stimmt ist. Über die quantitativen Grenzen, die ein solcher Ab-
fluß in England erreichen kann, sagt Newmarch vor dem B.A. 1857,
Evid. Nr. 1494:
"Nach der Erfahrung zu urteilen, ist es sehr unwahrscheinlich,
daß der Metallabfluß infolge irgendwelchen Schwankung im auswär-
tigen Geschäft 3 oder 4 Millionen Pfd.St. übersteigen wird."
1847 zeigt der niedrigste Stand der Goldreserve der B. of E. am
23. Okt. gegen den 26. Dez. 1846 ein Minus von 5 198 156 Pfd.St.
und gegen den höchsten Stand von 1846 (29. August) ein Minus von
6 453 748 Pfd.St.
Fünftens. Die Bestimmung der Metallreserve der sog. Nationalbank,
eine Bestimmung, die aber keineswegs allein die Größe des Metall-
schatzes reguliert, denn er kann wachsen durch bloße Lähmung des
Innern und äußern Geschäfts - ist dreifach: 1. Reservefonds für
internationale Zahlungen, in einem Wort Reservefonds von Welt-
geld. 2. Reservefonds für die abwechselnd expandierende und kon-
trahierende inländische metallische Zirkulation. 3. Was mit der
Bankfunktion zusammenhängt und mit den Funktionen des Geldes als
bloßen Geldes nichts zu tun hat: Reservefonds für
#583# 35. Kapitel - Edelmetall und Wechselkurs
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Depositenzahlung und für Konvertibilität von Noten. Er kann daher
auch affiziert werden durch Verhältnisse, die jede einzelne die-
ser drei Funktionen berühren; also als internationaler Fonds
durch die Zahlungsbilanz, von welchen Gründen diese auch immer
bestimmt und was auch immer ihr Verhältnis zur Handelsbilanz sei;
als Reservefonds der inländischen metallischen Zirkulation, durch
deren Ausdehnung oder Einschrumpfung. Die dritte Funktion, als
Garantiefonds, bestimmt zwar nicht die selbständige Bewegung der
Metallreserve, wirkt aber doppelt. Werden Noten ausgegeben, die
das Metallgeld (also auch Silbermünze in Ländern, wo Silber das
Wertmaß) in der inländischen Zirkulation ersetzen, so fällt die
Funktion sub 2 des Reservefonds fort. Und ein Teil des Edelme-
talls, der dazu gedient hat, wird dauernd ins Ausland wandern. In
diesem Falle findet kein Herau ziehn von metallischer Münze für
inländische Zirkulation statt, und danüt fällt zugleich die zeit-
weilige Verstärkung der Metallreserve durch Immobilisierung eines
Teils des zirkulierenden gemünzten Metalls fort. Ferner: Muß ein
Minimum von Metallschatz für Auszahlung von Depositen und Konver-
tibilität von Noten unter allen Umständen festgehalten werden, so
affiziert dies in eigner Art die Wirkungen eines Gold-Abflusses
oder -Zuflusses; es wirkt auf den Teil des Schatzes, den die Bank
unter allen Umständen zu halten verbunden ist, oder auf den, den
sie zu andrer Zeit als nutzlos loszuwerden sucht. Bei rein metal-
lischer Zirkulation und konzentriertem Bankwesen würde die Bank
ihren Metallschatz ebenfalls als Garantie für Auszahlung ihrer
Depositen zu betrachten haben, und bei einem Metallabfluß könnte
dieselbe Panik eintreten wie 1857 in Hamburg.
Sechstens. Mit Ausnahme von etwa 1837 brach die wirkliche Krise
immer los erst nach Wendung der Wechselkurse, d.h. sobald die
Einfuhr von Edelmetall über die Ausfuhr wieder die Oberhand ge-
wonnen.
1825 trat der wirkliche Krach ein, nachdem der Goldabfluß aufge-
hört hatte. 1839 fand Goldabfluß statt, ohne daß es zum Krach
kam. 1847 hörte der Goldabfluß auf im April, und der Krach kam im
Oktober. 1857 hatte der Goldabfluß ins Ausland seit Anfang Novem-
ber aufgehört, erst später im November kam der Krach.
Besonders deutlich tritt dies hervor in der Krise von 1847, wo
der Goldabfluß im April schon aufhörte, nachdem er eine relativ
gelinde Vorkrise bewirkt und dann die eigentliche Geschäftskrise
erst im Oktober zum Ausbruch kam.
Die folgenden Aussagen sind abgegeben vor dem Secret Committee of
the House of Lords on Commercial Distress 1848; die Zeugenaussa-
gen (evidence) wurden erst gedruckt 1857 (auch zitiert als C. D.
1848/1857).
#584# V. Abschnitt - Das zinstragende Kapital
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Aussagen von Tooke:
"Im April 1847 entstand eine Klemme, die streng gesprochen einer
Panik gleichkam, aber von verhältnismäßig kurzer Dauer war und
nicht begleitet von kommerziellen Falliten von irgendwelchen Be-
deutung. Im Oktober war die Klemme weit intensiver als zu irgend-
einer Zeit im April, eine fast unerhörte Summe von konunerziellen
Bankrotten fand statt." (2996.) - "Im April legten uns die Wech-
selkurse, besonders mit Amerika, die Notwendigkeit auf, eine be-
trächtliche Menge Gold zu exportieren, in Zahlung für ungewöhn-
lich große Importe; nur durch eine äußerst gewaltsame Anstrengung
brachte die Bank den Goldabfluß zum Stecken und trieb den Kurs in
die Höhe." (2997.) - Im Oktober waren die Wechselkurse zugunsten
von England." (2998.) - Die Wendung in den Wechselkursen hatte
begonnen in der dritten Aprilwoche." (3000.) - "Sie schwankten im
Juli und August; seit Anfang August waren sie stets für England."
(3001.) - Der Goldabfluß im August "entsprang der Nachfrage, für
innere Zirkulation". [3003.]
J. Morris, Gouverneur der Bank v. England: Obwohl der Wechselkurs
seit August 1847 für England günstig geworden und deshalb Gold-
einfuhr stattgefunden hatte, nahm der Metallvorrat in der Bank
dennoch ab.
"2 200 000 Pfd.St. in Gold gingen hinaus instand, infolge inlän-
discher Nachfrage." (137.) - Dies wird erklärt einerseits aus der
vermehrten Beschäftigung von Arbeitern bei Eisenbahnbauten, ande-
rerseits aus dem Wunsch der Bankiers, in Zeiten der Krise eine
eigne Goldreserve zu besitzen". (147.)
Palmer, Exgouverneur und seit 1811 Direktor der B. of E.:
684. "Während der ganzen Periode von Mitte April 1847 bis zum Tag
der Suspension des Bankakts von 1844 waren die Wechselkurse zu-
gunsten Englands."
Der Metallabfluß, der im April 1847 eine selbständige Geldpanik
bewirkt, ist also hier wie immer nur Vorläufer der Krise und hat
sich schon gewendet, ehe diese losbricht. 1839 fand bei großem
Geschäftsdruck sehr starker Metallabfluß statt - für Korn usw. -
aber ohne Krisis und Geldpanik.
Siebentens. Sobald die allgemeinen Krisen sich ausgebrannt haben,
verteilt sich - abgesehn von dem Zufluß von frischem Edelmetall
aus den Produktionsländern - das Gold und Silber wieder in den
Verhältnissen, worin es als besondrer Schatz der verschiednen
Länder, im Zustand ihres Gleichgewichts, existierte. Bei sonst
gleichbleibenden Umständen wird seine relative Größe in jedem
Land durch dessen Rolle auf dem Weltmarkt bestimmt sein. Von dem
Land, das einen größern als den normalen Teil hatte, fließt es ab
und dem andern zu; diese Bewegungen des Zu- und Abflusses stellen
nur seine ursprüngliche Verteilung unter die verschiednen natio-
nalen
#585# 35. Kapitel - Edelmetall und Wechselkurs
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Schätze wieder her. Diese Rückverteilung ist jedoch vermittelt
durch die Wirkung verschiedner Umstände, die bei Behandlung der
Wechselkurse erwähnt werden. Sobald die normale Verteilung wieder
da - über diesen Punkt hinaus -, tritt zuerst Wachstum ein und
dann wieder Abfluß. {Dieser letzte Satz gilt selbstredend nur für
England als Mittelpunkt des Welt-Geldmarkts. - F. E.}
Achtens. Die Metallabflüsse sind meistens Symptom einer Verände-
rung in der Lage des auswärtigen Handels, und diese Veränderung
ist ihrerseits ein Vorzeichen, daß die Verhältnisse wieder zur
Krise heranreifen. 15)
Neuntens. Die Zahlungsbilanz kann für Asien gegen Europa und Ame-
rika sein. 16)
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Einfuhr von Edelmetall findet statt vorwiegend in zwei Momenten.
Einerseits in der ersten Phase niedrigen Zinsfußes, die der Krise
folgt und Ausdruck der Einschränkung der Produktion ist; und dann
in der zweiten Phase, wo der Zinsfuß steigt, aber noch nicht
seine mittlere Höhe erreicht hat. Dies ist die Phase, worin die
Rückflüsse sich leicht bewirken, der kommerzielle Kredit groß ist
und daher die Nachfrage nach Leihkapital nicht im Verhältnis zur
Ausdehnung der Produktion wächst. In beiden Phasen, wo Leihkapi-
tal verhältnismäßig reichlich, muß der überschüssige Zufluß von
Kapital, das in Form von Gold und Silber existiert, also in einer
Form, worin es zunächst nur als Leihkapital fungieren kann, be-
deutend auf den Zinsfuß und damit auf den Ton des ganzen Ge-
schäfts wirken.
Andrerseits: Abfluß, fortgesetzte starke Ausfuhr von Edelmetall
tritt ein, sobald die Eingänge nicht mehr flüssig, die Märkte
überführt sind und die scheinbare Prosperität nur noch durch den
Kredit aufrechterhalten wird;
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15) Nach Newmarch kann Goldabfluß ins Ausland aus dreierlei Ursa-
chen entspringen und zwar 1. aus rein geschäftlichen Ursachen,
d.h. wenn die Einfuhr größer gewesen ist als die Ausfuhr, wie
zwischen 1836 und 184, und wiederum 1847, hauptsächlich starke
Korneinfuhr; 2. um die Mittel zu beschaffen für Anlage von engli-
schem Kapital im Ausland, wie 1857 für Eisenbahnen in Indien; und
3. für definitive Verausgabung im Ausland, wie 1853 und 1854 für
Kriegszwecke im Orient.
16) 1918. Newmarch. "Wenn Sie Indien und China zusammennehmen,
wenn Sie in Rechnung ziehn die Umsätze zwischen Indien und Au-
stralien und die noch wichtigern Umsätze zwischen China und den
Vereinigten Staaten, und in diesen Fällen ist das Geschäft ein
trianguläres und die Ausgleichung findet statt durch unsre Ver-
mittlung... dann ist es richtig, daß die Handelsbilanz nicht nur
gegen England war, sondern auch gegen Frankreich und die Verei-
nigten Staaten." - (B. A. 1857.)
#586# V. Abschnitt - Das zinstragende Kapital
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sobald also bereits eine sehr verstärkte Nachfrage nach Leihkapi-
tal existiert und daher der Zinsfuß mindestens schon seine mitt-
lere Höhe erreicht hat. Unter diesen sich eben im Edelmetallab-
fluß widerspiegelnden Umständen verstärkt sich bedeutend die Wir-
kung der fortgesetzten Entziehung von Kapital in einer Form,
worin es direkt als leihbares Geldkapital existiert, Es muß dies
direkt auf den Zinsfuß wirken. Statt aber daß das Steigen des
Zinsfußes die Kreditgeschäfte einschränkte, erweitert es sie und
führt zur Überanspannung aller ihrer Hilfsmittel. Diese Periode
geht deshalb dem Krach voraus.
Newmarch wird gefragt (B. A. 1857):
1520. "Der Betrag der zirkulierenden Wechsel steigt also mit dem
Zinsfuß? - Es scheint so." - 1522. "In ruhigen, gewöhnlichen Zei-
ten ist das Hauptbuch das wirkliche Instrument des Austausches;
aber wenn Schwierigkeiten entstehn, wenn z.B. unter Umständen,
wie ich sie angeführt habe, die Diskontorate der Bank erhöht
wird... dann lösen sich die Geschäfte ganz von selbst in Ziehen
von Wechseln auf; diese Wechsel sind nicht nur geeigneter, als
gesetzlicher Beweis des abgeschloßnen Geschäfts zu dienen, son-
dern sie passen auch besser für den Zweck, weitre Einkäufe zu ma-
chen, und sind vor allen Dingen brauchbar als Kreditniittel, um
Kapital aufzunehmen."
Es kommt hinzu, daß, sobald bei einigermaßen drohenden Umständen
die Bank ihre Diskontorate erhöht - womit zugleich die Wahr-
scheinlichkeit gegeben, daß die Bank die ufzeit der von ihr zu
diskontierenden Wechsel einer Beschränkung unterwerfen wird -,
die allgemeine Befürchtung eintritt, daß dies crescendo gehn
wird. Jeder, und am ersten der Kreditritter, sucht also die Zu-
kunft zu diskontieren und soviel Kreditmittel wie möglich im ge-
gebnen Moment zu seiner Verfügung zu haben. Die eben angeführten
Gründe kommen also darauf hinaus, daß die bloße Quantität, sei es
des eingeführten, sei es des ausgeführten Edelmetalls, nicht als
solche wirkt, sondern daß sie wirkt erstens durch den spezifi-
schen Charakter des Edelmetalls als Kapital in Geldform und daß
sie zweitens wirkt wie die Feder, die, der Last auf der Waag-
schale hinzugefügt, hinreicht, die schwankende Waagschale nach
der einen Seite endgültig zu senken; wirkt, weil sie in Umständen
eintritt, wo irgendein Excess nach dieser oder jener Seite den
Ausschlag gibt. Ohne diese Gründe wäre es ganz und gar unbegreif-
lich, wie ein Goldabfluß sage von 5-8 Mill. Pfd.St., und dies ist
die Grenze der bisherigen Erfahrung, irgend bedeutende Wirkungen
ausüben könnte; dies geringe Mehr oder Weniger von Kapital, das
selbst gegenüber den 70 Mill. Pfd.St. in Gold, die durchschnitt-
lich in England zirkulieren, unbedeutend erscheint, ist in einer
Produktion vom Umfang der englischen in der Tat
#587# 35. Kapitel - Edelmetall und Wechselkurs
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eine verschwindende Größe. 17) Es ist aber eben die Entwicklung
des Kredit- und Banksystems, das einerseits dahin treibt, alles
Geldkapital in den Dienst der Produktion zu pressen (oder was auf
dasselbe hinauskommt, alles Geldeinkommen in Kapital zu verwan-
deln) und das andrerseits in einer gewissen Phase des Zyklus die
Metallreserve auf ein Minimum reduziert, worin sie die ihr zukom-
menden Funktionen nicht mehr vollziehn kann - es ist dies ausge-
bildete Kredit- und Banksystem, das diese Überempfindlichkeit des
ganzen Organismus erzeugt. Auf minder entwickelten Produktions-
stufen ist Verringerung oder Vergrößerung des Schatzes, gegen
sein Durchschnittsmaß, eine relativ gleichgültige Sache. Ebenso
ist andrerseits selbst ein sehr bedeutender Goldabfluß relativ
wirkungslos, wenn er nicht in der kritischen Periode des indu-
striellen Zyklus eintritt. Bei der gegebnen Erklärung ist abge-
sehn von Fällen, wo der Metallabfluß infolge von Mißernten usw.
eintritt. Hier macht die große und plötzliche Störung des Gleich-
gewichts der Produktion, deren Ausdruck der Abfluß ist, keine
weitre Erklärung seiner Wirkung nötig. Diese Wirkung ist um so
größer, je mehr solche Störung eintritt in einer Periode, wo die
Produktion unter Hochdruck arbeitet. Wir haben ferner abgesehn
von der Funktion des Metallschatzes als Garanten der Konvertibi-
lität der Banknoten und als Angelpunkt des ganzen Kreditsystems.
Die Zentralbank ist Angelpunkt des Kreditsystems. Und die Metall-
reserve ihrerseits ist Angelpunkt der Bank." Der Umschlag des
Kreditsystems in das Monetarsystem ist notwendig, wie ich schon
in Buch I, Kap. III, beim Zahlungsmittel dargestellt habe. Daß
die größten Opfer an realem Reichtum nötig sind, um im kritischen
Moment die metallne
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17 Man sehe z.B. die lächerliche Antwort von Weguelin, wo er
sagt, daß 5 Mill. weggeflossenes Gold um soviel Kapital weniger
ist, und er damit Erscheinungen erklären will, die bei unendlich
großem Preissteigerungen oder Entwertungen, Expansionen und Kon-
traktionen des wirklichen industriellen Kapitals nicht eintreten.
Andrerseits ist der Versuch nicht minder lächerlich, diese Ex-
scheinungen direkt als Symptome einer Expansion oder Kontraktion
in der Muse des realen Kapitals (seinen stofflichen Elementen
nach betrachtet) zu erklären.
18) Newmarch (B. A. 1857): 1364. Die Metallreserve in der Bank v.
E. ist in Wahrheit... die Zentralreserve oder der Zentralmetall-
schatz, auf Grund wovon das ganze Geschäft des Landes betrieben
wird. Sie ist sozusagen der Angelpunkt, um den das ganze Geschäft
des Landes sich zu drehn hat; alle andern Banken im Lande be-
trachten die Bank von England als den Zentralschatz oder das Re-
servoir, von wo sie ihre Reserve von Hartgeld zu ziehn haben; und
die Wirkung der auswärtigen Wechselkurse fällt stets grade auf
diesen Schatz und dies Reservoir."
#588# V. Abschnitt - Das zinstragende Kapital
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Basis zu halten, ist von Tooke so gut zugegeben wie von Loyd-
Overston,. Der Streit dreht sich nur um ein Plus oder Minus, und
um die mehr oder minder rationelle Behandlung des Unvermeidli-
chen. 19) Ein gewisses, im Vergleich mit der Gesamtproduktion un-
bedeutendes Quantum Metall ist als Angelpunkt des Systems aner-
kannt. Daher, abgesehn von der erschreckenden Exemplifikation
dieses seines Charakters als Angelpunkt in den Krisen, der schöne
theoretische Dualismus. Solange sie "von Kapital" ex professo
handelt, sieht die aufgeklärte Ökonomie mit der größten Verach-
tung auf Gold und Silber herab als auf die in der Tat gleichgül-
tigste und nutzloseste Form des Kapitals. Sobald sie vom Bankwe-
sen handelt, dreht sich das alles um, und Gold und Silber werden
das Kapital par exceiience, für dessen Erhaltung jede andre Form
von Kapital und Arbeit geopfert werden muß. Wodurch aber unter-
scheiden sich nun Gold und Silber von den andren Gestalten des
Reichtums? Nicht durch die Wertgröße, denn diese ist bestimmt
durch die Menge der in ihnen vergegenständlichten Arbeit. Sondern
als selbständige Inkarnationen, Ausdrücke des
g e s e l l s c h a f t l i c h e n Charakters des Reichtums.
{Der Reichtum der Gesellschaft besteht nur als Reichtum einzel-
ner, die seine Privateigentümer sind. Er bewährt sich nur dadurch
als gesellschaftlicher, daß diese einzelnen, zur Bef riedigung
ihrer Bedürfnisse, die qualltativ verschiednen Gebrauchswerte ge-
geneinander austauschen. In der kapitalistischen Produktion kön-
nen sie dies nur vermittelst des Geldes. So wird nur vermittelst
des Geldes der Reichtum des einzelnen als gesellschaftlicher
Reichtum verwirklicht; im Geld, in diesem Ding, ist die gesell-
schaftliche Natur dieses Reichtums verkörpert. F. E.} Dies sein
gesellschaftliches Dasein erscheint also als jenseits, als Ding,
Sache, Ware, neben und außerhalb der wirklichen Elemente des ge-
sellschaftlichen Reichtums. Solange die Produktion flüssig, wird
dies vergessen. Der Kredit, als ebenfalls gesellschaftliche Form
des Reichtums, verdrängt das Geld und usurpiert seine Stelle. Es
ist das Vertrauen in den gesellschaftlichen Charakter der Produk-
tion, welches die Geldform der Produkte als etwas nur Verschwin-
dendes und ideales, als bloße Vorstellung erscheinen läßt. Aber
sobald der Kredit erschüttert wird - und diese Phase tritt immer
notwendig ein im Zyklus der modernen Industrie -, soll nun
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19) "Praktisch also wurden beide, Tooke und Loyd, einer über-
großen Nachfrage nach Gold begegnen durch eine frühzeitige Ein-
schränkung der Kredite vermittelst Erhöhung des Zinsfußes und
Verminderung des Kapitalvorschusses. Nur verursacht Loyd durch
seine Illusion lästige und selbst gefährliche (gesetzliche) Be-
schränkungen und Vorschriften." ("Economist", 1847, p. 1418.)
#589# 35. Kapitel - Edelmetall und Wechselkurs
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aller reale Reichtum wirklich und plötzlich in Geld verwandelt
werden, in Gold und Silber, eine verrückte Forderung, die aber
notwendig aus dem System selbst hervorwächst. Und alles Gold und
Silber, das diesen ungeheuren Ansprüchen genügen soll, beläuft
sich auf ein paar Millionen in den Kellern der Bank. 20) In den
Wirkungen des Goldabflusses tritt also der Umstand, daß die Pro-
duktion nicht wirklich als gesellschaftliche Produktion der ge-
sellschaftlichen Kontrolle unterworfen ist, schlagend hervor in
der Form, daß die gesellschaftliche Form des Reichtums, als ein
Ding außer ihm existiert. Das kapitalistische System hat dies in
der Tat gemein mit frühern Produktionssystemen, soweit sie auf
Warenhandel und Privataustausch beruhen. Es tritt aber erst in
ihm am schlagendsten und in der grotesksten Form des absurden Wi-
derspruchs und Widersinns hervor, weil 1. im kapitalistischen Sy-
stem am vollständigsten die Produktion für den unmittelbaren Ge-
brauchswert, für den Selbstgebrauch der Produzenten aufgehoben
ist, also der Reichtum nur als gesellschaftlicher Prozeß exi-
stiert, der sich als Verschlingung von Produktion und Zirkulation
ausdrückt; 2. weil mit der Entwicklung des Kreditsystems die ka-
pitalistische Produktion diese metallne Schranke, zugleich ding-
liche und phantastische Schranke des Reichtums und seiner Bewe-
gung, beständig aufzuheben strebt, sich aber immer wieder den
Kopf an dieser Schranke einstößt.
In der Krise tritt die Forderung ein, daß sämtliche Wechsel,
Wertpapiere, Waren auf einmal gleichzeitig in Bankgeld konverti-
bel sein sollen und dies sämtliche Bankgeld wieder in Gold.
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20) Sie stimmen ganz damit überein, daß es keinen Weg gibt, die
Nachfrage nach Gold zu modifizieren, als durch Erhöhung des Zins-
fußes?" - Chapman (Associé der großen Billbrokerfirma Overend,
Gurney & Co.): "Das ist meine Ansicht. Wenn unser Gold auf einen
gewissen Punkt fällt, tun wir am besten, sogleich die Sturmglocke
zu läuten und zu sagen: Wir sind im Niedergang, und wer Gold ins
Ausland schickt, muß es auf seine eigne Gefahr tun." - B. A.
1857, Evid. Nr. 5057.
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