Quelle: MEW 25 Das Kapital - Dritter Band
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SECHSUNDDREISSIGSTES KAPITEL
Vorkapitalistisches
Das zinstragende Kapital, oder wie wir es in seiner altertümli-
chen Form bezeichnen können, das Wucherkapital, gehört mit seinem
Zwillingsbruder, dem kaufmännischen Kapital, zu den antediluvia-
nischen Formen des Kapitals, die der kapitalistischen Produkti-
onsweise lange vorhergehn und sich in den verschiedensten ökono-
mischen Gesellschaftsformationen vorfinden. Die Existenz des Wu-
cherkapitals erfordert nichts, als daß wenigstens ein Teil der
Produkte sich in Waren verwandelt und zugleich mit dem Warenhan-
del das Geld sich in seinen verschiednen Funktionen entwickelt
hat.
Die Entwicklung des Wucherkapitals schließt sich an die des Kauf-
mannskapitals und speziell an die des Geldhandlungskapitals. Im
alten Rom, von den letzten Zeiten der Republik an, wo die Manu-
faktur tief unter der antiken Durchschnittsentwicklung stand, war
Kaufmannskapital, Geldhandlungskapital und Wucherkapital - inner-
halb der antiken Form - auf den höchsten Punkt entwickelt.
Man hat gesehn, wie sich mit dem Geld notwendig die Schatzbildne-
rei einfindet. Der professionelle Schatzbildner wird jedoch erst
wichtig, sobald er sich in den Wucherer verwandelt. Der Kaufmann
borgt Geld, um Profit mit dem Geld zu machen, um es als Kapital
anzuwenden, d. h. zu verausgaben. Auch in den frühern Formen
steht ihm also der Geldverleiher ganz so gegenüber wie dem moder-
nen Kapitalisten. Dies spezifische Verhältnis wurde auch von den
katholischen Universitäten gefühlt.
"Die Universitäten von Alcalá, von Salamanca, von Ingolstadt, von
Freiburg im Breisgau, Mainz, Köln und Trier erkannten nacheinan-
der die Rechtmäßigkeit der Zinsen für Handelsanleihen an. Die er-
sten fünf dieser Approbationen sind niedergelegt worden in den
Archiven des Konsulats der Stadt Lyon und gedruckt im Anhang des
Traité de l'usure ei des intérêts, Lyon, Bruyset-Ponthus." (M.
Augier, Le Crédit public etc.", Paris 1842, p. 206.)
#608# V. Abschnitt - Das zinstragende Kapital
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In allen Formen, worin die Sklavenwirtschaft (nicht patriarcha-
lisch, sondern wie in den spätern griechischen und römischen Zei-
ten) als Mittel der Bereicherung besteht, wo Geld also Mittel
ist, durch Ankauf von Sklaven, Land etc., fremde Arbeit anzueig-
nen, wird das Geld, eben weil es so angelegt werden kann, als Ka-
pital verwertbar, zinstragend.
Die charakteristischen Formen jedoch, worin das Wucherkapital in
den Vorzeiten der kapitalistischen Produktionsweise existiert,
sind zweierlei.
Ich sage charakteristische Formen. Dieselben Formen wiederholen
sich auf Basis der kapitalistischen Produktion, aber als bloß un-
tergeordnete Formen. Sie sind hier nicht mehr die Formen, die den
Charakter des zinstragenden Kapitals bestimmen. Diese beiden For-
men sind: erstens, der Wucher durch Geldverleihen an verschwende-
rische Große, wesentlich Grundeigentümer; zweitens, Wucher durch
Geldverleihen an den kleinen, im Besitz seiner eignen Arbeitsbe-
dingungen befindlichen Produzenten, worin der Handwerker einge-
schlossen ist, aber ganz spezifisch der Bauer, da überhaupt in
vorkapitalistischen Zuständen, soweit sie kleine selbständige
Einzelproduzenten zulassen, die Bauernklasse deren große Majori-
tät bilden muß.
Beides, sowohl der Ruin der reichen Grundeigentümer durch den Wu-
cher, wie die Aussaugung der kleinen Produzenten führt zur Bil-
dung und Konzentration großer Geldkapitallen. Wieweit aber dieser
Prozeß die alte Produktionsweise aufhebt, wie dies im modernen
Europa der Fall war, und ob er an ihrer Stelle die kapitalisti-
sche Produktionsweise setzt, hängt ganz von der historischen Ent-
wicklungsstufe und den damit gegebnen Umständen ab.
Das Wucherkapital als charakteristische Form des zinstragenden
Kapitals entspricht dem Vorherrschen der kleinen Produktion, der
selbstarbeitenden Bauern und kleinen Handwerksmeister. Wo dem Ar-
beiter, wie in der entwickelten kapitalistischen Produktions-
weise, die Arbeitsbedingungen und das Produkt der Arbeit als Ka-
pital gegenübertreten, hat er als Produzent kein Geld zu borgen.
Wo er es borgt, geschieht es wie im Pfandhaus für persönliche
Notdurft. Wo der Arbeiter dagegen Eigentümer, wirklicher oder no-
mineller, seiner Arbeitsbedingungen und seines Produkts ist,
steht er als Produzent im Verhältnis zum Kapital des Geldverlei-
hers, das ihm als Wucherkapital gegenübertritt. Newman drückt die
Sache fad aus, wenn er sagt, daß der Bankier angesehn ist, wäh-
rend der Wucherer verhaßt und verachtet ist, weil jener den Rei-
chen leiht, dieser den Armen. (F. W. Newman, "Lectures on Pol.
Econ.", London 1851, p. 44.) Er übersieht, daß hier der Unter-
schied zweler gesellschaftlicher Produktionsweisen und der ihnen
entsprechenden gesellschaftlichen Ordnungen dazwischenliegt und
die Sache
#609# 36. Kapitel - Vorkapitalistisches
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nicht mit dem Gegensatz von arm und reich abgemacht ist. Vielmehr
geht der Wucher, der den armen Kleinproduzenten aussaugt, Hand in
Hand mit dem Wucher, der den reichen Großgrundbesitzer aussaugt.
Sobald der Wucher der römischen Patrizier die römischen Plebejer,
die Kleinbauern, völlig ruiniert hatte, hatte diese Form der Aus-
beutung ein Ende, und trat die reine Sklavenwirtschaft an die
Stelle der kleinbürgerlichen.
Unter der Form des Zinses kann hier vom Wucherer aller Überschuß
über die notdürftigsten Subsistenzmittel (den Betrag des spätern
Arbeitslohns) der Produzenten verschlungen werden (was später als
Profit und Bodenrente erscheint), und es ist daher höchst abge-
schmackt, die Höhe dieses Zinses da, wo er, mit Ausnahme dessen,
was dem Staat zukommt, allen Mehrwert sich aneignet, zu verglei-
chen mit der Höhe des modernen Zinsfußes, wo der Zins, wenigstens
der normale, nur einen Teil dieses Mehrwerts bildet. Es wird da-
bei vergessen, daß der Lohnarbeiter dem Kapitalisten, der ihn an-
wendet, Profit, Zins und Grundrente, kurz den gesamten Mehrwert
produziert und abgibt. Carey macht diese abgeschmackte Verglei-
chung, um damit zu zeigen, wie vorteilhaft für die Arbeiter die
Entwicklung des Kapitals und der sie begleitende Fall des Zinsfu-
ßes ist. Wenn der Wucherer ferner, nicht zufrieden damit, die
Mehrarbeit seines Opfers auszupressen, nach und nach sich die Ei-
gentumstitel auf seine Arbeitsbedingungen selbst, Land, Haus
etc., erwirbt und beständig damit beschäftigt ist, ihn so zu ex-
propriieren, so wird demgegenüber wieder vergessen, daß diese
vollständige Expropriation des Arbeiters von seinen Arbeitsbedin-
gungen nicht ein Resultat ist, dem die kapitalistische Produkti-
onsweise zustrebt, sondern die fertige Voraussetzung, wovon sie
ausgeht. Der Lohnsklave ist ebensogut wie der wirkliche Sklave
durch seine Stellung davon ausgeschlossen, Schuldsklave zu wer-
den, wenigstens in seiner Qualität als Produzent; er kann es nur
allenfalls werden in seiner Eigenschaft als Konsument. Das Wu-
cherkapital, in dieser Form, worin es in der Tat alle Mehrarbeit
der unmittelbaren Produzenten sich aneign et, ohne die Produkti-
onsweise zu ändern; worin das Eigentum resp. der Besitz der Pro-
duzenten an den Arbeitsbedingungen - und die ihr entsprechende
vereinzelte Kleinproduktion - wesentliche Voraussetzung ist; wo
das Kapital also die Arbeit sich nicht direkt unterordnet und ihr
daher nicht als industrielles Kapital gegenübertritt, dies Wu-
cherkapital verelendet diese Produktionsweise, lähmt die Produk-
tivkräfte, statt sie zu entwickeln, und verewigt zugleich diese
jammervollen Zustände, in denen nicht, wie in der kapitalisti-
schen Produktion, die gesellschaftliche Produktivität der Arbeit
auf Kosten der, Arbeit selbst entwickelt wird.
#610# V. Abschnitt - Das zinstragende Kapital
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Der Wucher wirkt so einerseits untergrabend und zerstörend auf
den antiken und feudalen Reichtum und auf das antike und feudale
Eigentum. Andrerseits untergräbt und ruiniert er die kleinbäuer-
liche und kleinbürgerliche Produktion, kurz alle Formen, worin
der Produzent noch als Eigentümer seiner Produktionsmittel er-
scheint. In der ausgebildeten kapitalistischen Produktionsweise
ist der Arbeiter nicht Eigentümer der Produktionsbedingungen, des
Ackers, den er bebaut, des Rohstoffs, den er verarbeitet, etc.
Dieser Entfremdung der Produktionsbedingung vom Produzenten ent-
spricht hier aber eine wirkliche Umwälzung in der Produktions-
weise selbst. Die vereinzelten Arbeiter werden in großer Werk-
statt vereinigt zu geteilter, ineinandergreifender Tätigkeit; das
Werkzeug wird zur Maschine. Die Produktionsweise selbst erlaubt
nicht mehr diese mit dem kleinen Eigentum verbundne Zersplittrung
der Produktionsinstrumente, sowenig wie die Isolierung der Arbei-
ter selbst. In der kapitalistischen Produktion kann der Wucher
nicht mehr die Produktionsbedingungen vom Produzenten scheiden,
weil sie bereits geschieden sind.
Der Wucher zentralisiert Geldverrnögen, wo die Produktionsmittel
zersplittert sind. Er ändert die Produktionsweise nicht, sondern
saugt sich an sie als Parasit fest und macht sie miserabel. Er
saugt sie aus, entnervt sie und zwingt die Reproduktion, unter
immer erbärmlichem Bedingungen vorzugehn. Daher der populäre Haß
gegen den Wucher, am höchsten in der antiken Welt, wo das Eigen-
tum des Produzenten an seinen Produktionsbedingungen zugleich Ba-
sis der politischen Verhältnisse, der Selbständigkeit des Staats-
bürgers.
Soweit Sklaverei herrscht oder soweit das Mehrprodukt vom Feudal-
herrn und seiner Gefolgschaft aufgegessen wird und Sklavenbesit-
zer oder Feudalherr dem Wucher verfallen, bleibt die Produktions-
weise auch dieselbe; nur wird sie härter für die Arbeiter. Der
verschuldete Sklavenhalter oder Feudalherr saugt mehr aus, weil
er selbst mehr ausgesaugt wird. Oder schließlich macht er dem Wu-
cherer Platz, der selbst Grundeigentümer oder Sklavenbesitzer
wird wie der Ritter im alten Rom. An die Stelle der alten Ausbeu-
ter, deren Exploitation mehr oder minder patriarchalisch, weil
großenteils politisches Machtmittel war, tritt ein harter, geld-
süchtiger Emporkömmling. Aber die Produktionsweise selbst wird
nicht verändert. Revolutionär wirkt der Wucher in allen vor-
kapl'tal'st'schen Produktionsweisen nur, indem er die Eigentums-
formen zerstört und auflöst, auf deren fester Basis und bestän-
diger Reproduktion in derselben Form die politische Gliederung
ruht. Bei asiatischen Formen kann der Wucher lange fortdauern,
ohne etwas andres als ökonomisches Verkommen und politische
#611# 36. Kapitel - Vorkapitalistisches
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Verdorbenheit hervorzurufen. Erst wo und wann die übrigen Bedin-
gungen der Kapitalistischen Produktionsweise vorhanden, erscheint
der Wucher als eines der Bildungsmittel der neuen Produktions-
wese, durch Ruin der Feudalherrn und der Kleinproduktion einer-
seits, durch Zentralisation der
Arbeitsbedingungen zu Kapital andrerseits.
Im Mittelalter herrschte in keinem Lande ein allgemeiner Zinsfuß.
Die Kirche verbot alle Zinsgeschäfte von vornherein. Gesetze und
Gerichte sicherten Anleihen nur wenig. Desto höher war der Zins-
satz in einzelnen Fällen. Der geringe Geldumlauf, die Notwendig-
keit, die meisten Zahlungen bar zu leisten, zwangen zu Geldauf-
nahmen, und um so mehr, je weniger das Wechselgeschäft noch aus-
gebildet war. Es herrschte große Verschiedenheit sowohl des Zins-
fußes wie der Begriffe vom Wucher. Zu Karls des Großen Zeit galt
es für wucherisch, wenn jemand 100% nahm. Zu Lindau am Bodensee
nahmen 1344 einheimische Bürger 216 2/3 %. In Zürich bestimmte
der Rat 43 1/3 % als gesetzlichen Zins. In Italien mußten zuwei-
len 40% gezahlt werden, obgleich vom 12.-14. Jahrhundert der ge-
wöhnliche Satz 20% nicht überschritt. Verona ordnete 12 1/2 % als
gesetzlichen Zins an. Kaiser Friedrich II. setzte 10% fest, aber
dies bloß für die Juden. Für die Christen mochte er nicht spre-
chen. 10% war schon im 13. Jahrhundert im rheinischen Deutschland
das gewöhnliche. (Hüllmann, Geschichte des Städtewesens, II, p.
55-57.)
Das Wucherkapital besitzt die Exploitationsweise des Kapitals
ohne seine Produktionsweise. Dies Verhältnis wiederholt sich auch
innerhalb der bürgerlichen Ökonomie in zurückgebliebnen Indu-
striezweigen oder solchen, die sich gegen den Übergang in die mo-
derne Produktionsweise sträuben. Will man z.B. den englischen
Zinsfuß mit dem indischen vergleichen, so muß man nicht den Zins-
fuß der B.v.E. nehmen, sondern den z.B. von Verleihern kleiner
Maschinen an Kleinproduzenten der Hausindustrie.
Der Wucher ist gegenüber dem konsumierenden Reichtum historisch
wichtig als selbst ein Entstehungsprozeß des Kapitals. Wucherka-
pital und Kaufmannsvermögen vermitteln die Bildung eines vom
Grundeigentum unabhängigen Geldvermögens. Je weniger der Charak-
ter des Produkts als Ware sich entwickelt, je weniger sich der
Tauschwert der Produktion in ihrer ganzen Breite und Tiefe be-
mächtigt hat, desto mehr erscheint Geld als der eigentliche
Reichtum als solcher, als der allgemeine Reichtum, gegenüber sei-
ner beschränkten Darstellungsweise in Gebrauchswerten. Darauf be-
ruht die Schatzbildung. Abgesehn vom Geld als Weltgeld und
Schatz, ist es namentlich die Form des Zahlungsmittels, worin es
als absolute Form der Ware auftritt. Und es ist namentlich seine
Funktion als Zahlungsmittel, die
#612# V. Abschnitt - Das zinstragende Kapital
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den Zins und damit das Geldkapital entwickelt. Was der verschwen-
derisch, und korrumpierende Reichtum will, ist Geld als Geld,
Geld als Mittel, alles zu kaufen. (Auch zum Schuldenzahlen.) Wozu
der kleine Produzent vor allemgeld braucht, ist zumzahlen. (Die
Verwandlung dernaturalleistungen und Lieferungen an Grundherrn
und Staat in Geldrente und Geldsteuern spielt hier eine große
Rolle.) In beiden Fällen wird das Geld als Geld gebraucht. Auf
der andren Seite wird die Schatzbildung erst real, erfüllt ihren
Traum im Wucher. Was vom Schatzeigner verlangt wird, ist nicht
Kapital, sondern Geld als Geld; aber durch den Zins verwandelt er
diesen Geldschatz für sich in Kapital - in ein Mittel, wodurch er
sich der Mehrarbeit ganz oder teilweise bemächtigt und ebenso ei-
nes Teils der Produktionsbedingungen selbst, wenn sie auch nomi-
nell als fremdes Eigentum hingegenüber stehnbleiben. Der Wucher
lebt scheinbar in den Poren der Produktion wie die Götter in den
Intermundien bei Epikur [45]. Geld ist um so schwieriger zu ha-
ben, je weniger die Warenform die allgemeine Form des Produkts.
Der Wucherer kennt daher durchaus keine Schranke außer der Lei-
stungsfähigkeit oder Widerstandsfähigkeit der Geldbedürftigen.
Als Kaufmittel wird in der kleinbäuerlichen und kleinbürgerlichen
Produktion das Geld hauptsächlich gebraucht, wenn die Produkti-
onsbedingungen dem Arbeiter (der in diesen Produktionsweisen vor-
wiegend noch ihr Eigentümer) durch Zufälle oder außerordentliche
Erschüttrungen verlorengehn oder wenigstens nicht im gewöhnlichen
Lauf der Reproduktion ersetzt werden. Lebensmittel und Rohstoffe
bilden wesentlichen Teil dieser Produktionsbedingungen. Ihre Ver-
teurung kann ihren Ersatz aus dem Erlös des Produkts unmöglich
machen, wie einfache Mißernten den Bauer verhindern können, sein
Saatkorn in natura zu ersetzen. Dieselben Kriege, wodurch die rö-
mischen Patrizier die Plebeier ruinierten, sie zu Kriegsdiensten
zwangen, die sie an der Reproduktion ihrer Arbeitsbedingungen
hinderten, sie daher verarmen machten (und Verarmung, Verkümme-
rung oder Verlust der Reproduktionsbedingungen, ist hier die vor-
herrschende Form), füllten jenen die Speicher und Keller mit er-
beutetem Kupfer, dem damaligen Geld. Statt den Plebeiern direkt
die benötigten Waren zu geben, Korn, Pferde, Hornvieh, liehen sie
ihnen dies für sie selbst nutzlose Kupfer und benutzten diese
Lage zur Erpressung enormer Wucherzinsen, wodurch sie die Pie-
beier zu ihren Schuldsklaven machten. Unter Karl dem Großen wur-
den die fränkischen Bauern ebenfalls durch Kriege ruiniert, so
daß ihnen nichts übrigblieb, als aus Schuldnern Leibeigne zu wer-
den. Im römischen Reich geschah es bekanntlich häufig, daß Hun-
gersnot den Verkauf der Kinder und Selbstverkauf von Freien als
Sklaven an die Reicheren herbeiführte. Soviel
#613# 36. Kapitel - Vorkapitalistisches
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für allgemeine Wendepunkte. Im einzelnen betrachtet, hängt Erhal-
tung oder Verlust der Produktionsbedingungen für den Kleinprodu-
zenten von tausend Zufällen ab, und jeder solcher Zufall oder
Verlust bedeutet Verarrnung und wird ein Punkt, wo der Wucherpa-
rasit sich ansetzen kann. Dem Kleinbauer braucht bloß eine Kuh zu
krepieren, damit er unfähig Wird, seine Reproduktion auf der al-
ten Stufenleiter wieder zu beginnen. Damit verfällt er dem Wu-
cher, und einmal verfallen, kommt er nie wieder frei. Die Funk-
tion des Geldes als Zahlungsrnittel ist jedoch das eigentliche,
große und eigentürnliche Terrain des Wuchers. Jede an bestimmtem
Terrnin fällige Geldleistung, Grundzins, Tribut, Steuer etc.,
bringt die Notwendigkeit einer Geldzahlung mit sich. Daher setzt
sich der Wucher im großen von den alten Römern bis auf die moder-
nen Zeiten an die Steuerpächter, fermiers généraux, receveurs gé-
néraux 2*) an. Dann entwickelt sich mit dem Handel und der Ver-
allgemeinerung der Warenproduktion die zeitliche Trennung von
Kauf und Zahlung. Das Geld ist an bestimmtem Termin zu liefern.
Wie dies zu Umständen führen kann, wo Geldkapitalist und Wucherer
noch heute ineinander verschwimmen, beweisen die modernen Geld-
krisen. Derselbe Wucher wird aber Hauptmittel, die Notwendigkeit
des Geldes als Zahlungsmittel weiter auszubilden, indem er den
Produzenten tiefer und tiefer verschuldet und ihm die gewöhnli-
chen Zahlungsmittel dadurch vernichtet, daß er durch die Zinslast
selbst seine regelmäßige Reproduktion unmöglich macht.
Hier schießt der Wucher aus dem Geld als Zahlungsmittel empor und
erweitert diese Funktion des Geldes, sein eigenstes Terrain. Die
Entwicklung des Kreditwesens vollbringt sich als Reaktion gegen
den Wucher. Man muß dies aber nicht mißverstehn und keineswegs im
Sinn der antiken Schriftsteller, der Kirchenväter, Luthers oder
der älteren Sozialisten nehmen. Es bedeutet nichts mehr und
nichts weniger als die Unterordnung des zinstragenden Kapitals
unter die Bedingungen und Bedürfnisse der kapitalistischen Pro-
duktionsweise.
Im großen und ganzen wird das zinstragende Kapital im modernen
Kreditsystem den Bedingungen der kapitalistischen Produktion an-
gepaßt. Der Wucher als solcher existiert nicht nur fort, sondern
wird bei Völkern entwickelter kapitalistischer Produktion von den
Schranken befreit, die ihm alle ältere Gesetzgebung gezogen hat.
Das zinstragende Kapital behält die Form von Wucherkapital gegen-
über Personen und Klassen oder in Verhältnissen, wo nicht im Sinn
der kapitalistischen Produktionsweise geborgt
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1*) Generalpächter - 2*) Steuereinnehmer
#614# V. Abschnitt - Das zinstragende Kapital
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wird und geborgt werden kann; wo aus individueller Not geborgt
wird wie im Pfandhaus; wo dem genießenden Reichtum für Verschwen-
dung geborgt wird; oder wo der Produzent nichtkapitalistischer
Produzent ist, kleiner Bauer, Handwerker etc., also noch als un-
mittelbarer Produzent Besitzer seiner eignen Produktionsbedingun-
gen; endlich wo der kapitalistische Produzent selbst auf so klei-
ner Stufenleiter operiert, daß er sich jenen selbst arbeitenden
Produzenten nähert.
Was das zinstragende Kapital, soweit es ein wesentliches Element
der kapitalistischen Produktionsweise bildet, vom Wucherkapital
unterscheidet, ist in keiner Weise die Natur oder der Charakter
dieses Kapitals selbst. Es sind nur die veränderten Bedingungen,
unter denen es fungiert, und daher auch die total verwandelte Ge-
stalt des Borgers, der dem Geldverleiher gegenübertritt. Selbst
wo ein vermögensloser Mann als Industrieller oder Kaufmann Kredit
erhält, geschieht es in dem Vertrauen, daß er als Kapitalist fun-
gieren, unbezahlte Arbeit aneignen wird mit dem geliehenen Kapi-
tal. Es wird ihm Kredit gegeben als potentiellem Kapitalisten.
Und dieser Umstand, der so sehr bewundert wird von den ökonomi-
schen Apologeten, daß ein Mann ohne Vermögen, aber mit Energie,
Solidität, Fähigkeit und Geschäftskenntnis sich in dieser Weise
in einen Kapitalisten verwandeln kann - wie denn überhaupt in der
kapitalistischen Produktionsweise der Handelswert eines jeden
mehr oder weniger richtig abgeschätzt wird -, so sehr er bestän-
dig gegenüber den vorhandnen einzelnen Kapitalisten eine unwill-
kommene Reihe neuer Glücksritter ins Feld fährt, befestigt die
Herrschaft des Kapitals selbst, erweitert ihre Basis und erlaubt
ihr, sich mit stets neuen Kräften aus der gesellschaftlichen Un-
terlage zu rekrutieren. Ganz wie der Umstand, daß die katholische
Kirche im Mittelalter ihre Hierarchie ohne Ansehn von Stand, Ge-
burt, Vermögen aus den besten Köpfen im Volk bildete, ein Haupt-
befestigungsmittel der Pfaffenherrschaft und der Unterdrückung
der Laien war. Je mehr eine herrschende Klasse fähig ist, die be-
deutendsten Männer der beherrschten KJassen in sich aufzunehmen,
desto solider und gefährlicher ist ihre Herrschaft.
Statt des Bannfluchs gegen das zinstragende Kapital überhaupt,
ist es daher umgekehrt seine ausdrückliche Anerkennung, wovon die
Initiatoren des modernen Kreditsystems ausgehn.
Wir sprechen hier nicht von der Reaktion gegen den Wucher, die
die Armen vor ihm zu schützen suchte, wie die Monts-de-piéte [78]
(1350 zu Sarlins in der Franche-Comté, später zu Perugia und Sa-
vona in Italien, 1400 und 1479). Sie sind nur merkwürdig, weil
sie die geschichtliche Ironie zeigen, womit fromme Wünsche in ih-
rer Realisation ins grade Gegenteil
#615# 36. Kapitel - Vorkapitalistisches
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umschlagen. Die englische Arbeiterklasse zahlt nach einer mäßigen
Schätzung 100% an die Pfandhäuser, diese Nachkömmlinge der Monts-
de-piété. 21) Wir sprechen ebensowenig von den Kreditphantasien
z.B. eines Dr. Hugh Chamberleyne oder John Briscoe, die im letz-
ten Dezennium des 17. Jahrhunderts durch eine Landbank mit auf
Grundeigentum basiertem Papiergeld die englische Aristokratie vom
Wucher zu emanzipieren suchten. 22)
Die Kreditassoziationen, die sich im 12. und 14. Jahrhundert in
Venedig und Genua bildeten, entsprangen aus dem Bedürfnis des
Seehandels und des auf denselben gegründeten Großhandels, sich
von der Herrschaft des altmodischen Wuchers und den Monopoli-
sierern des Geldhandels zu emanzipieren. Wenn die eigentlichen
Banken, die in diesen Stadtrepubliken gestiftet wurden, zugleich
als Anstalten für den öffentlichen Kredit sich darstellen, von
denen der Staat Vorschüsse auf einzunehmende Steuern erhielt, so
darf nicht vergessen werden, daß die Kaufleute, die jene Assozia-
tionen bildeten, selbst die ersten Leute jener Staaten und ebenso
interessiert waren, ihre Regierung wie sich selbst vom Wucher zu
emanzipieren 23) und zugleich sich den Staat dadurch mehr und si-
cherer zu unterwerfen.
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21) "Es ist infolge häufiger Versetzungen und Einlösungen im sel-
ben Monat und durch Versatz eines Artikels, um einen andern her-
auszunehmen und dabei eine kleine Gelddifferenz zu erhalten, daß
der Pfandhauszins so übermäßig wird. In London sind 240 konzes-
sionierte Pfandverleiher und in der Provinz ungefähr 1450. Das
angewandte Kapital wird auf ungefähr 1 Mill. geschätzt. Es wird
wenigstens dreimal im Jahre umgeschlagen und jedesmal im Durch-
schnitt für 33 1/2 %; so daß die untern Klassen von England 100 %
jährlich bezahlen für den temporären Vorschuß einer Million, ab-
gesehn von dem Verlust durch verwirkte Auslösungsfrist versetzter
Artikel." (J. D. Tuckett, A History of the Past and Present State
of the Labouring Population", London 1846, I, p. 114.)
22) Selbst in den Titeln ihrer Werke gaben sie als Hauptzweck an
"das allgemeine Wohl der Grundbesitzer, die große Steigerung des
Wertes von Grundbesitz, die Befreiung des Adels und der gentry
etc. von Steuern, die Vermehrung ihres jährlichen Einkommens
etc." Nur die Wucherer würden verlieren, diese schlimmsten Feinde
der Nation, die dem Adel und der yeomanry 1*) mehr Schaden getan,
als eine Invasionsarmee aus Frankreich hätte tun können.
23) Karl II. von England z.B. hatte noch enorme Wucherzinsen und
Agios an die Goldschmiede" (die Vorläufer der Bankiers) zu zah-
len, 20-30%. Ein so profitliches Geschäft veranlaßte 'die Gold-
schmiede', mehr und mehr dem Könige Vorschüsse zu machen, die ge-
samten Steuereingänge zu antizipieren, jede parlamentarische
Geldbewilligung in Pfand zu nehmen, sobald sie gemacht war, auch
miteinander zu wett-
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1*) Siehe Band 23 unserer Ausgabe, S. 750 -752
#616# V. Abschnitt - Das zinstragende Kapital
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Als die Bank von England gestiftet werden sollte, warfen daher
auch die Tories ein:
"Banken seien republikanische Institutionen. Blühende Banken exi-
stierten zu Venedig, Genua, Amsterdam und Hamburg. Aber wer hätte
je gehört von einer Bank vn Frankreich oder Spanien."
Die Bank von Amsterdam. 1609 bezeichnet ebensowenig wie die vn
Hamburg (1619) eine Epoche in der Entwicklung des modernen Kre-
ditwesens. Sie war eine reine Depositenbank. Die Bons, die die
Bank ausgab, waren in der Tat nur Empfangscheine für das depo-
nierte gemünzte und ungemünzte Edelmetall und zirkulierten nur
mit dem Endossement ihrer Empfänger. Aber in Holland hatte sich
mit dem Handel und der Manufaktur der kommerzielle Kredit und der
Geldhandel entwickelt, und war das zinstragende Kapital durch den
Gang der Entwlcldung selbst dem industriellen und kommerziellen
Kapital untergeordnet worden. Dies zeigte sich schon in der Nied-
rigkeit des Zinsfußes. Holland aber galt im 17. Jahrhundert für
das Musterland der ökonomischen Entwicklung, wie England jetzt.
Das Monopol des altmodischen Wuchers, der auf der Armut basierte,
vmr dort von selbst über den Haufen geworfen.
Während des ganzen 18. Jahrhunderts ertönt - und die Gesetzgebung
handelt in diesem Sinn - mit Hinweis auf Holland der Schrei nach
gewaltsamer Herabsetzung des Zinsfußes, um das zinstragende Kapi-
tal dem kommerziellen und industriellen unterzuordnen statt umge-
kehrt. Der Hauptstimmführer ist Sir Josiah Child, der Vater des
normalen englischen Privatbankiertums. Er deklamiert ganz so ge-
gen das Monopol der Wucherer, wie die Massenkonfektionsschneider
Moses & Son sich als Bekämpfer des Monopols der "Privatschneider"
ausschreien. Dieser Josiah Child ist zugleich der Vater der eng-
lischen Stockjobberei. So verteidigt er, der Autokrat der Ostin-
dischen Kompanie, ihr Monopol im Namen der Handelsfreiheit. Gegen
Thomas Manley ("Interest of Money mistaken") [79] sagt er:
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eifern im Aufkauf und Pfandnahme von bills 1*), orders 2*) und
tallies 3*), so daß in Wirklichkeit sämtliche Staatseinnahmen
durch ihre Hand gingen." (John Francis, History of the Bank of
England", London 1848, I., p. 30, 31.) Die Errichtung einer Bank
war schon früher manchmal vorgeschlagen. Sie war endlich notwen-
dig geworden." l.c.p. 38.) Die Bank war schon nötig allein für
die von den Wucherern ausgesaugte Regierung, um Geld zu einem er-
träglichen Zinsfuß zu erhalten, auf die Sicherheit von parlamen-
tarischen Bewilligungen." (l.c.p. 59, 60.)
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1*) Wechseln - 2*) Zahlungsaufträgen - 3*) Kerbhölzern
#617# 36. Kapitel - Vorkapitalistisches
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"Als Vorkämpfer der furchtsamen und zitternden Bande der Wucherer
errichtet er seine Hauptbatterie an dem Punkt, den ich für den
schwächsten erklärt habe... er leugnet gradezu, daß der niedrige
Zinsfuß die Ursache des Reichtums sei, und versichert, er sei nur
seine Wirkung." ("Traités sur le Commerce etc.", 1669, Trad. Am-
sterdam et Berlin, 1754 [p. 120].) Wenn es der Handel ist, der
ein Land bereichert, und wenn die Herabsetzung des Zinses den
Handel vermehrt, so ist eine Herabsetzung des Zinses oder Be-
schränkung des Wuchers ohne Zweifel eine fruchtbare Hauptursache
der Reichtümer einer Nation. Es ist durchaus nicht abgeschmackt
zu sagen, daß dieselbe Sache zu gleicher Zeit Ursache unter ge-
wissen Umständen und Wirkung unter andern sein kann." (l.c.p.
155.) "Das Ei ist die Ursache der Henne, und die Henne ist die
Ursache des Eies. Die Zinsreduktion kann eine Vermehrung des
Reichtums, und die Vermehrung des Reichtums kann eine noch größre
Zinsreduktion verursachen." (l.c.p. 156.) "Ich bin der Verteidi-
ger der Industrie, und mein Gegner verteidigt die Faulheit und
den Müßiggang." (p. 179.)
Diese gewaltsame Bekämpfung des Wuchers, diese Forderung der Un-
terordnung des zinstragenden unter das industrielle Kapital ist
nur der Vorläufer der organischen Schöpfungen, die diese Bedin-
gungen der kapitalistischen Produktion im modernen Bankwesen her-
stellen, das einerseits das Wucherkapital seines Monopols be-
raubt, indem es alle totliegenden Geldreserven konzentriert und
auf den Geldmarkt wirft, andrerseits das Monopol der edlen Me-
talle selbst durch Schöpfung des Kreditgelds beschränkt. Ebenso
wie hier bei Child wird man in allen Schriften über Bankwesen in
England im letzten Drittel des 17. und Anfang des 18. Jahrhun-
derts den Gegensatz gegen den Wucher finden, die Forderung der
Emanzipation des Handels und der Industrie wie des Staats vom Wu-
cher. Zugleich kolossale Illusionen über die Wunderwirkung des
Kredits, der Entmonopolisierung der edlen Metalle, ihren Ersatz
durch Papier etc. Der Schotte William Paterson, Stifter der Bank
v. E. und der Bank von Schottland, ist durchaus Law der Erste
[80].
Gegen die B. v. E. "erhoben alle Goldschmiede und Pfandverleiher
ein Wutgeheul". (Macaulay, "History of England", IV., p. 499.)
"In den ersten 10 Jahren hatte die Bank mit großen Schwierigkei-
ten zu kämpfen; große Feindschaft von außen; ihre Noten wurden
nur weit unter dem Nominalwert angenommen... die Goldschmiede"
(in deren Händen der Handel mit den edlen Metallen zur Basis ei-
nes primitiven Bankgeschäfts diente) "intrigierten bedeutend ge-
gen die Bank, weil durch diese ihr Geschäft vermindert, ihr Dis-
konto herabgedrückt wurde, und ihre Geschäfte mit der Re in die
Hände dieser Gegnerin gekommen waren." (J. Francis, l.c.p. 73.)
Schon vor der Stiftung der B. v. E. entstand 1683 der Plan einer
National Bank of Credit, deren Zweck u.a. war:
#618# V. Abschnitt - Das zinstragende Kapital
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"daß Geschäftsleute, wenn sie eine beträchtliche Menge Waren be-
sitzen, durch Unterstützung dieser Bank ihre Waren deponieren und
auf ihre festliegenden Vorräte einen Kredit aufnehmen, ihre Ange-
stellten beschäftigen und Geschäft vermehren können, bis sie
einen guten Markt finden, statt mit Verlust zu verkaufen". [81]
Nach vielen Mühen wurde diese Bank of Credit errichtet in Devons-
hire House in Bishopsgate Street. Sie lieh an Industrielle und
Kaufleute auf Sicherheit deponierter Waren 3/4 des Werts dersel-
ben in Wechseln. Um diese Wechsel lauffähig zu machen, wurde in
jedem Geschäftszweig eine Anzahl von Leuten zu einer Gesellschaft
vereinigt, von der jeder Besitzer solcher Wechsel Waren dagegen
mit derselben Leichtigkeit erhalten sollte, als ob er bare Zah-
lung offerierte. Die Bank machte keine blühenden Geschäfte. Die
Maschinerie war zu kompliziert, das Risiko bei Depreziation der
Waren zu groß. Hält man sich an den wirklichen Inhalt jener
Schriften, die die Gestaltung des modernen Kreditwesens in Eng-
land theoretisch begleiten und befördern, so wird man darin
nichts finden als die Forderung der Unterordnung des zinstragen-
den Kapitals, Überhaupt der verleihbaren Produktionsmittel, unter
die kapitalistische Produktionsweise als eine ihrer Bedingungen.
Hält man sich an die bloße Phrase, so wird die Übereinstimmung,
bis auf den Ausdruck herab, mit den Bank- und Kreditillusionen
der St. Simonisten oft in Erstaunen setzen.
Ganz wie der cultivateur bei den Physiokraten nicht den wirkli-
chen Landbauer, sondern den Großpächter bedeutet, so der travail-
leur bei St. Simon, und immer noch durchlaufend bei seinen Schü-
lern, nicht den Arbeiter, sondern den industriellen und kommer-
ziellen Kapitalisten.
"Un travailleur a besoin daides, de seconds, d' o u v r i e r s;
il les cherche intelligente, habiles, dévoués; il les met à
l'oeuvre, et leurs travaux sont productifs." 1*) (Enfantin,
"Religion Saint-Simonienne. Économie politique et Politique", Pa-
ris 1831, p. 104.)
Man muß überhaupt nicht vergessen, daß erst in seiner letzten
Schrift, dem "Nouveau Christianisme", St. Simon direkt als Wort-
führer der arbeitenden Klasse auftritt und ihre Emanzipation als
Endzweck seines Strebens erklärt. Alle seine frühern Schriften
sind in der Tat nur Verherrlichung der modernen bürgerlichen Ge-
sellschaft gegen die feudale oder der Industriellen und Bankiers
gegen die Marschälle und Juristischen Gesetzfabrikanten der Napo-
leonischen Zeit. Welcher Unterschied, verglichen mit den gleich-
zeitigen
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1*)
"Ein Arbeiter braucht Hilfskräfte, Handlanger, Handarbeiter; sie
sollen geschickt geübt und anstellig sein; er weist ihnen Arbeit
zu, und was sie tun, ist produktiv."
#619# 36. Kapitel - Vorkapitalistisches
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Schriften Owens! 24) Auch bei seinen Nachfolgern, wie schon die
zitierte Stelle zeigt, bleibt der industrielle Kapitalist der
travailleur par excellence 1*). Wenn man ihre Schriften kritisch
liest, wird man sich nicht wundern, daß die Realisierung ihrer
Kredit- und Bankträume der vom Ex-St.-Simonisten Émile Péreire
gegründete Crédit mobilier [82] war, eine Form, die übrigens nur
in einem Land wie Frankreich vorherrschend werden konnte, wo we-
der das Kreditsystem noch die große Industrie zur modernen Höhe
entwickelt waren. In England und Amerika war so etwas unmöglich.
- In den folgenden Stellen der "Doctrine de St. Simon. Exposi-
tion. Première année. 1828/29", 3e éd., Paris 1831, steckt schon
der Keim zum Crédit mobilier. Begreiflicherweise kann der Bankier
wohlfeiler vorschießen als der Kapitalist und Privatwucherer. Es
ist also diesen Bankiers
"möglich, den Industriellen Werkzeuge weit wohlfeiler, d.h. zu
niedrigeren Zinsen zu verschaffen, als die Grundeigentümer und
Kapitalisten es könnten, die sich leichter in der Auswahl der
Borger täuschen können". (p. 202.)
Aber die Verfasser fügen selbst in der Note hinzu:
"Der Vorteil, der aus der Vermittlung des Bankiers zwischen den
Müßigen und den travailleurs folgen müßte, wird oft aufgewogen
und selbst vernichtet durch die Gelegenheit, die unsre desorgani-
sierte Gesellschaft dem Egoismus bietet, sich in den verschiednen
Formen des Betrugs und des Charlatanismus geltend zu machen; die
Bankiers drängen sich oft zwischen travailleurs und Müßige, um
beide zum Schaden der Gesellschaft auszubeuten."
Travailleur 2*) steht hier für capitaliste industriel 3*). Übri-
gens ist es falsch, die Mittel, worüber das moderne Bankwesen
verfügt, bloß als die
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24) Bei der Überarbeitung des Manuskripts hätte Marx diese Stelle
unbedingt stark modifiziert. Sie ist inspiriert durch die Rolle
der Ex-Saint-Simonisten unter dem zweiten Kaiserreich in
Frankreich, wo grade, als Marx obiges schrieb, die welterlösenden
Kreditphantasien der Schule kraft der geschichtlichen Ironie sich
realisierten als Schwindel auf bisher unerhörter Potenz. Später
sprach Marx nur mit Bewunderung vom Genie und enzyklopädischen
Kopf Saint-Simons. Wenn dieser in seinen frühern Schriften den
Gegensatz zwischen der Bourgeoisie und dem in Fraikreich eben
erst entstehenden Proletariat ignorierte, wenn er den in der Pro-
duktion tätigen Teil der Bourgeoisie mit zu den travailleurs
rechnete, so entspricht dies der Auffassung Fouriers, der Kapital
und Arbeit versöhnen wollte, und erklärt sich aus der ökonomi-
schen und politischen Lage des damaligen Frankreichs. Wenn Owen
hier weiter sah, so, weil er in einem andern umgebenden Mittel
lebte, inmitten der industriellen Revolution und dem sich bereits
akut zuspitzenden Klassengegensatz. - F. E.
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1*) Arbeiter im wahren und eigentlichen Sinn - 2*) Arbeiter - 3*)
industrieller Kapitalist
#620# V. Abschnitt - Das zinstragende Kapital
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Mittel der Müßigen zu betrachten. Erstens ist es der Teil des Ka-
pitals, den Industrielle und Kaufleute momentan unbeschäftigt in
Geldform halten, als Geldreserve oder erst anzulegendes Kapital;
also müßiges Kapital, aber nicht Kapital der Müßigen. Zweitens
der Teil der Revenuen und Ersparungen aller, der permanent oder
transitoirisch für Akkumulation bestimmt ist. Und beides ist we-
sentlich für den Charakter des Banksystems.
Es muß aber nie vergessen werden, daß erstens das Geld - in der
Form der edlen Metalle - die Unterlage bleibt, wovon das Kredit-
wesen der Natur der Sache nach nie 1.skommen kann. Zweitens, daß
das Kreditsystem das Monopol der gesellschaftlichen Produktions-
mittel (in der Form von Kapital und Grundeigentum) in den Händen
von Privaten zur Voraussetzung hat, daß es selbst einerseits eine
immanente Form der kapitalistischen Produktionsweise ist und
andrerseits eine treibende Kraft ihrer Entwicklung zu ihrer
höchst- und letztmöglichen Form.
Das Banksystem ist, der formellen Organisation und Zentralisation
nach, wie schon 1697 in "Some Thoughts of the Interests of Eng-
land" ausgesprochen, das künstlichste und ausgebildetste Produkt,
wozu es die kapitalistische Produktionsweise überhaupt bringt.
Daher die ungeheure Macht eines Instituts wie die Bank v. E. auf
Handel und Industrie, obgleich deren wirkliche Bewegung ganz au-
ßerhalb ihres Bereichs bleibt und sie sich passiv dazu verhält.
Es ist damit allerdings die Form einer allgemeinen Buchführung
und Verteilung der Produktionsmittel auf gesellschaftlicher Stu-
fenleiter gegeben, aber auch nur die Form. Wir haben gesehn, daß
der Durchschnittsprofit des einzelnen Kapitalisten, oder jedes
besondren Kapitals, bestimmt ist nicht durch die Mehrarbeit, die
dies Kapital in erster and aneignet, sondern durch das Quantum
von Gesamtmehrarbeit, die das Gesamtkapital aneignet und wovon
jedes besondre Kapital nur als proportionelier Teil des Gesamtka-
pitals seine Dividende zieht. Dieser gesellschaftliche Charakter
des Kapitals wird erst vermittelt und vollauf verwirklicht durch
volle Entwicklung des Kredit- und Banksystems. Andrerseits geht
dies weiter. Es stellt den industriellen und kommerziellen Kapi-
talisten alles disponible und selbst potentielle, nicht bereits
aktiv engagierte Kapital der Gesellschaft zur Verfügung, so daß
weder der Verleiher noch der Anwender dieses Kapitals dessen Ei-
gentümer oder Produzenten sind. Es hebt damit den Privatcharakter
des Kapitals auf und enthält so an sich, aber auch nur an sich,
die Aufhebung des Kapitals selbst. Durch das Bankwesen ist die
Verteilung des Kapitals den Händen der Privatkapitalisten und Wu-
cherer als ein besondres Geschäft, als gesellschaftliche Funktion
entzogen. Bank und Kredit werden aber dadurch zugleich das kräf-
tigste
#621# 36. Kapitel - Vorkapitalistisches
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Mittel, die kapitalistische Produktion über ihre eignen Schranken
hinauszutreiben, und eins der wirksamsten Vehlkel der Krisen und
des Schwindels. Das Banksystem zeigt ferner durch die Substitu-
tion verschiedner Forrnen von zirkullerendem Kredit an Stelle des
Geldes, daß das Geld in der Tat nichts andres ist als ein be-
sondrer Ausdruck des gesellschaftlichen Charakters der Arbeit und
ihrer Produkte, der aber als im Gegensatz zu der Basis der Pri-
vatproduktion stets in letzter Instanz als ein Ding, als besondre
Ware neben andren Waren sich darstellen muß.
Endlich unterliegt es keinem Zweifel, daß das Kreditsystem als
ein mächtiger Hebel dienen wird während des Obergangs aus der ka-
pitalistischen Produktionsweise in die Produktionsweise der asso-
ziierten Arbeit; jedoch nur als ein Element im Zusammenhang mit
andren großen organischen Umwälzungen der Produktionsweise
selbst. Dagegen entspringen die Illusionen über die wunderwir-
kende Macht des Kredit- und Bankwesens, im sozialistischen Sinn,
aus völliger Unkenntnis der kapitalistischen Produktionsweise und
des Kreditwesens als einer ihrer Formen. Sobald die Produktions-
mittel aufgehört haben, sich in Kapital zu verwandeln (worin auch
die Aufhebung des Privatgrundeigentums eingeschlossen ist), hat
der Kredit als solcher keinen Sinn mehr, was übrigens selbst die
St.-Simonisten eingesehn haben. Solange andrerseits die kapitali-
stische Produktionsweise fortdauert, dauert das zinstragende Ka-
pital als eine ihrer Formen fort und bildet in der Tat die Basis
ihres Kreditsystems. Nur derselbe Sensationsschriftsteller,
Proudhon, der die Warenproduktion fortbestehn lassen und das Geld
aufheben wollte 25), war fähig, das Ungeheuer eines crédit gra-
tuit [83] zu erträumen, diese vergebliche Realisation des frommen
Wunsches des kleinbürgerlichen Standpunkts.
In der "Religion Saint-Simonienne, Econoe et Politique", heißt es
p. 45:
"Der Kredit hat zum Zweck, in einer Gesellschaft, wo die einen
Werkzeuge der Industrie besitzen, ohne die Fähigkeit oder den
Willen zu ihrer Anwendung zu haben, und wo andre industriöse
Leute keine Arbeitsinstrumente besitzen, diese Instrumente auf
die reichtest mögliche Weise aus den Händen der ersteren, ihrer
Besitzer, zu übertragen in die Hände der andern, die sie zu ver-
wenden wissen. Bemerken wir, daß nach dieser Definition der Kre-
dit eine Folge der Art und Weise ist, in der das E i g e n t u m
konstituiert ist."
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25) Karl Marx, Misère de la Philosoplie", Bruxelles et Paris 1847
1*). - Karl Marx, "Kritik der Polit. Oekonomie", p. 64 2*).
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1*) Siehe Band 4 unserer Ausgabe, S. 63-182 - 2*) siehe Band 13
unserer Ausgabe, S. 68/69
#622# V. Abschnitt - Das zinstragende Kapital
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Also fällt der Kredit fort mit dieser Konstitution des Eigentums.
heißt ferner, p. 98: Die jetzigen Banken
"betrachten sich als bestimmt, der Bewegung Folge zu geben, die
die außerhalb ihrer bewirkten Geschäfte in Gang gesetzt haben,
nicht aber ihnen selbst den Impuls zu geben; in andren Worten,
die Banken erfüllen bei den travailleurs, denen sie Kapitalien
vorschießen, die Rolle von Kapitalisten".
In dem Gedanken, daß die Banken selbst die Leitung übernehmen und
sich auszeichnen sollen
"durch die Zahl und die Nützlichkeit der komandierten Etablisse-
ments und der in Anregung gebrachten Arbeiten" (p. 101)
liegt der crédit mobilier latent. Ebenso verlangt Constantin
Pecqueur, daß die Banken (was die St.-Simonisten Systme général
des banques 1*) nennen) "die Produktion regieren". Überhaupt ist
Pecqueur wesentlich St. Simonist, obgleich viel radikaler. Er
will, daß
"die KreditanstaIt... die ganze Bewegung der nationalen Produk-
tion regiere". - "Versucht eine nationale Kreditanstalt zu schaf-
fen, die dem nichtbesitzenden Talent und Verdienst Mittel vor-
schießt, ohne jedoch diese Borger zwangsmäßig durch eine enge So-
lidarität in Produktion und Konsumtion unter sich zu verknüpfen,
sondern im Gegenteil so, daß sie selbst ihre Austausche und ihre
Produktionen bestimmen. Auf diesem Wege werdet ihr nur erreichen,
was jetzt schon die Privatbanken erreichen, die Anarchie, das
Mißverhältnis zwischen Produktion und Konsumtion, den plötzlichen
Ruin der einen und die plötzliche Bereicherung der andren; der-
art, daß eure Anstalt nie weiter kommen wird, als für die einen
eine Summe von Wohlergehn zu produzieren, welche gleichkommt der
Summe des von den andren ertragnen Unglücks... bloß daß ihr den
von euch mit Vorschüssen unterstützten Lohnarbeitern die Mittel
gegeben habt, sich untereinander dieselbe Konkurrenz zu machen,
die sich jetzt ihre kapitalistischen Meister machen." (C.
Pecqueur, "Théorie Nouvelle d'Economie "Soc. et Pol.", Paris
1842, p. 433, 434.)
Wir haben gesehn, daß das Kaufmannskapital und das zinstragende
Kapital die ältesten Formen des Kapitals sind. Es liegt aber in
der Natur der Sache, daß das zinstragende Kapital in der Volks-
vorstellung sich als die Form des Kapitals par excellence dar-
stellt. Im Kaufmannskapital findet eine vermittelnde Tätigkeit
statt, möge sie nun als Prellerei, Arbeit oder wie immer ausge-
legt werden. Dagegen stellt sich im zinstragenden Kapital der
selbstreproduzierende Charakter des Kapitals, der sich ver-
wertende Wert, die Produktion des Mehrwerts, als okkulte Qualität
rein dar. Daher kommt es denn auch, daß selbst ein Teil der poli-
tischen Ökonomen, besonders in
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1*) allgemeines Banksystem
#623# 36. Kapitel - Vorkapitalistisches
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Ländern, wo das industrielle Kapital noch nicht vollständig ent-
wickelt ist, wie in Frankreich, daran als an der Grundform des
Kapitals festhalten und B. die Grundrente nur als andre Form da-
von fassen, indem auch hier die orm des Verleihens vorherrscht.
Es wird dadurch die innere Gliederung der kapitalistischen Pro-
duktionsweise völlig verkannt und ganz übersehn, daß der Boden,
ebenso wie das Kapital, nur an Kapitalisten verliehen wird. Statt
Geld können natürlich Produktionsmittel in natura, wie Maschinen,
Geschäftsgebäude usw., verliehen werden. Sie stellen dann aber
eine bestimmte Geldsumme dar, und daß außer dem Zins ein Teil für
Verschleiß gezahlt wird, geht aus dem Gebrauchswert, aus der spe-
zifischen Naturalform dieser Kapitalelemente hervor. Das Ent-
scheidende ist hier wieder, ob sie an den unmittelbaren Produzen-
ten verliehen werden, was Nichtexistenz der kapitalistischen Pro-
duktionsweise voraussetzt, wenigstens in der Sphäre, worin dies
stattfindet; oder ob sie an den industriellen Kapitalisten ver-
liehen werden, was eben die Voraussetzung auf Basis der kapitali-
stischen Produktionsweise ist. Noch ungehöriger und begriffsloser
ist es, das Verleihen von Häusern etc. für den individuellen Kon-
sum hierherzuziehn. Daß die Arbeiterklasse auch in dieser Form
beschwindelt wird, und zwar himmelschreiend, ist klare Tatsache;
aber dies geschieht ebenso von dem Kleinhändler, der ihr die Le-
bensmittel liefert. Es ist dies eine sekundäre Ausbeutung, die
neben der ursprünglichen herläuft, die im Produktionsprozeß
selbst unmittelbar vor sich geht. Der Unterschied zwischen Ver-
kaufen und Verleihen ist hier ein durchaus gleichgültiger und
formeller, der, wie schon gezeigt, nur der völligen Unkenntnis
des wirklichen Zusammenhangs als wesentlich erscheint.
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Der Wucher wie der Handel exploitieren eine gegebne Produktions-
weise, schaffen sie nicht, verhalten sich äußerlich zu ihr. Der
Wucher sucht sie direkt zu erhalten, um sie stets von neuem aus-
beuten zu können, ist konservativ, macht sie nur miserabler. Je
weniger die Produktionselemente als Waren in den Produktionspro-
zeß eintreten und als Waren aus ihm herauskommen, um so mehr er-
scheint ihre Herstellung aus Geld als ein besondrer Akt. Je unbe-
deutender die Rolle ist, die die Zirkulation in der gesellschaft-
lichen Reproduktion spielt, desto blühender der Wucher.
Daß das Geldvermögen als besondres Vermögen sich entwickelt,
heißt mit Bezug auf das Wucherlkapital, daß es alle seine Forde-
rungen in der Form von Geldforderungen besitzt. Es entwickelt
sich um so mehr in einem Lande, je mehr die Masse der Produktion
auf Naturalleistungen etc., also auf Gebrauchswert beschränkt.
#624# V. Abschnitt - Das zinstragende Kapital
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Insofern der Wucher das Doppelte bewirkt: erstens überhaupt, ne-
ben dem Kaufmannsstand, ein selbständiges Geldvermögen zu bilden,
zweitens die Arbeitsbedingungen sich anzueignen, d.h. die Besit-
zer der alten Arbeitsbedingungen zu ruinieren, ist er ein mächti-
ger Hebel zur Bildung der Voraussetzungen für das industrielle
Kapital.
Zins im Mittelalter
"Im Mittelalter war die Bevölkerung rein ackerbauend. Und da, wie
unter der feudalen Regierung, kann nur wenig Verkehr und daher
auch nur wenig Profit sein. Daher waren die Wuchergesetze im Mit-
telalter gerechtfertigt. Zudem kommt in einem ackerbauenden Land
jemand selten in die Lage, Geld zu borgen, außer wenn er zu Armut
und Elend heruntergekommen ist... Heinrich VIII. beschränkt den
Zins auf 10%, Jakob I. auf 8, Karl II. auf 6, Anna auf 5%... In
jenen Zeiten waren die Geld verleihen, wenn nicht rechtliche, so
doch tatsächliche Monopolisten, und daher war es nötig, sie wie
andre Monopolisten unter Beschränkung zu setzen... In unsern Zei-
ten reguliert die Rate des Profits die Rate des Zinses; in jenen
Zeiten regulierte die Rate des Zinses die Rate des Profits. Wenn
der Geldverleiher dem Kaufmann eine hohe Zinsrate aufbürdete,
mußte der Kaufmann eine höhere Profitrate auf seine Waren schla-
gen. Daher wurde eine große Summe Geldes aus den Taschen der Käu-
fer genommen, um sie in die Taschen der Geldverleiher zu brin-
gen." (Gilbart, History and Princ. of Banking", p. 164, 165.)
"Ich lasse mir sagen, dass man jetzt jährlich auf einen Beglichen
Leiptzischen Markt 10 Gulden, das ist 30 aufs Hundert nimmt [84];
etliche setzen hinzu den Neuenburgisehen Markt, dass es 40 aufs
Hundert werden: obs nur sei, das weiss ich nicht. Pfui dich, wo
zum Teufel will denn auch zuletzt das hinaus?... Wer nun jetzt zu
Leipztig 100 Floren hat, der nimmt järlich 40, das heisst einen
Bauer oder einen Bürger in einem Jar gefressen. Hat er 1000 Flo-
ren; so nimmt er järlich 400, das heisst einen Ritter oder rei-
chen Edelmann in einem Jar gefressen. Hat er 10 000, so nimmt er
järlich 4000; das heisst einen reichen Grafen in einem Jar ge-
fressen. Hat er 100 000, wie es sein muss bei den grossen Händ-
lern, so nimmt er järlich 40 000; das heisst einen grossen rei-
chen Fürsten in einem Jahr gefressen. Hat er 1 000 000, so nimmt
er järlich 400 000, da heisst einen grossen König in einem Jar
gefressen. Und leidet darüber kein Fahr, wed an Leib noch an
Wahr, Arbeit nichts, sitzt hinter dem Ofen und brät Aepfel: also
möchte ein Stul-Räuber sitzen zu Hause, und eine ganze Welt in
zehn Jahren fressen". (Dies ist aus "An die Pfarrherrn wider den
Wucher zu predigen" vom Jahre 1540 1*). Luther's Werke, Witten-
berg 1589, 6. Theil [S. 312].)
"Ich habe vor 15 Jahren wider den Wucher geschrieben, da er be-
reit so gewaltig eingerimn war, dass ich keine Besserung zu hof-
fen wüsste. Seit der Zeit hat er sich
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1*) 1. Auflage: "Bücher vom Kaufhandel und Wucher" vom Jahre 1524
#625# 36. Kapitel - Vorkapitalistisches
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also erhebt, dass er nie auch kein Laster, Sünde oder Schande
mehr sein will, sondern lässt sich rhümen für eitel Tugend und
Ehre, als thue er den Leuten grosse Lebe und einen christlichen
Dienst. Was will nun helfen rahten da Schande ist Ehre und Laster
ist Tugend worden." (An die Pfarherrn wider den Wucher zu predi-
gen. Wittenberg 1540.)
"Juden, Lombarden, Wucherer und Blutsauger waren unsre ersten
Bankiers, unsre ursprünglichen Bankschacherer, ihr Charakter war
fast infam zu nennen... Dem gesellten sich dann die Londoner
Goldschmiede bei. Im ganzen... waren unsre ursprünglichen Ban-
kiers... eine sehr schlimme Gesellschaft, sie waren gierige Wu-
cherer, steinherzige Aussauger." (D. Hardcastle, "Banks and Ban-
kers", 2nd ed. London 1843, p. 19, 20.)
"Das von Venedig gegebne Beispiel" (der Bildung einer Bank)
"wurde also rasch nachgeahmt; alle Seestädte und überhaupt alle
Städte, die sich durch ihre Unabhängigkeit und ihren Handel einen
Namen gemacht hatten, gründeten ihre ersten Banken. Die Rückkehr
ihrer Schiffe, die oft lange auf sich warten ließ, führte unver-
meidlich zur Gewohnheit des Kreditgebens, die die Entdeckung Ame-
rikas und der Handel dorthin in der Folge noch weiter ver-
stärkte." (Dies ein Hauptpunkt.) Die Schiffsbefrachtungen zwangen
zur Aufnahme starker Vorschüsse, was bereits im Altertum in Athen
und Griechenland vorgekommen. 1308 besaß die nsestadt Brügge eine
Assekuranzkammer." (M. Augier, l.c.p. 202, 203.)
Wie sehr das Verleihen an die Grundeigentümer und damit überhaupt
an den genießenden Reichtum, selbst noch in England vorwog im
letzten Drittel des 17. Jahrhunderts, vor der Entwicklung des mo-
dernen Kreditsystems, kann man u.a. ersehn aus Sir Dudley North,
nicht nur einem der ersten englischen Kaufleute, sondern auch ei-
nem der bedeutendsten theoretischen Ökonomen seiner Zeit:
"Die in unserm Volk auf Zinsen ausgelegten Gelder werden noch
lange nicht zum zehnten Teil an Geschäftsleute ausgegeben, um da-
mit ihre Geschäfte zu betreiben; sie werden zum größten Teil aus-
geliehen für Luxusartikel und für die Ausgaben von Leuten, die,
obwohl große Grundbesitzer, doch rascher Geld ausgeben, als ihr
Grundbesitz es einbringt; und da sie den Verkauf ihrer Güter
scheuen, sie lieber verhypothekieren." ("Discourses upon Trade",
London 1691, p. 6, 7.)
Im 18. Jahrhundert in Polen:
"Warschau machte ein, großes Wechselgeschäft, das aber hauptsäch-
lich den Wucher seiner Bankiers zum Grunde und zur Absicht hatte.
Um sich Geld zu verschaffen, welches sie den verschwenderischen
Großen zu 8 und zu mehr Prozent leihen konnten suchten und fanden
sie außer Landes einen Wechselkredit in Blanco, d.h. der gar kei-
nen Warenhandel zu Grunde hatte, welchen der ausländische Trassat
aber so lange geduldig akzeptierte, als noch die durch Wechsel-
reiterei erschaffnen Rimessen nicht ausblieben. Dafür haben diese
durch die Bankrotte eines Tepper und andrer großgeachteter
#626# V. Abschnitt - Das zinstragende Kapital
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Warschauer Bankiers schwer gebüßt." (J. G. Büsch, "Theoretisch-
praktische Darstellung der Handlung etc.", 3. Auflage, Hamburg
1808, Band II, p. 232, 233.)
Nutzen für die Kirche vom Zinsverbot
"Zins zu nehmen hatte die Kirche verboten; aber nicht das Eigen-
tum zu verkaufen, um sich aus der Not zu helfen, ja auch nicht
einmal, dasselbe dem Geldleihenden auf eine bestimmte Zeit und
bis zur Wiederbezahlung abzutreten, damit derselbe seine Sicher-
heit darin finden, aber auch während des Besitzes in dessen Nut-
zung den Ersatz des von ihm entlehnten Geldes genießen möchte...
Die Kirche selbst, oder die ihr angehörenden Kommunen und pia
corpora 1*) zogen ihren großen Nutzen davon, zumal in den Zeiten
der Kreuzzüge. Dies brachte einen so großen Teil des National-
reichtums in den Besitz der sog. 'toten Hand', zumal da der Jude
in diesem Wege nicht wuchern durfte, weil der Besitz eines so fe-
sten Unterpfandes nicht verhehlt werden konnte... Ohne das Verbot
der Zinsen würden die Kirchen und Klöster nimmermehr so reich ha-
ben werden können." (l.c.p. 55.)
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1*) frommen Körperschaften
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