Quelle: MEW 25 Das Kapital - Dritter Band


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       SIEBENUNDVIERZIGSTES KAPITEL
       Genesis der kapitalistischen Grundrente
       
       I. Einleitendes
       
       Man muß  sich klarmachen,  worin eigentlich die Schwierigkeit der
       Behandlung der  Grundrente, vom Standpunkt der modernen Ökonomie,
       als des theoretischen Ausdrucks der kapitalistischen Produktions-
       weise besteht.  Dies ist  selbst von  einer großen Anzahl neuerer
       Schriftsteller immer  noch nicht  begriffen worden, wie jeder er-
       neuerte Versuch, die Grundrente neuzu erklären, beweist. Die Neu-
       heit besteht hier fast immer in dem Rückfall in längst überwundne
       Standpunkte. Die Schwierigkeit besteht nicht darin, das vom agri-
       kolen Kapital  erzeugte Mehrprodukt  und den  ihm  entsprechenden
       Mehrwert überhaupt  zu erklären.  Diese Frage ist vielmehr gelöst
       in der  Analyse des  Mehrwerts, den  alles produktive Kapital er-
       zeugt, in weicher Sphäre immer es angelegt sei. Die Schwierigkeit
       besteht darin,  nachzuweisen, woher  nach Ausgleichung  des Mehr-
       werts unter  den verschiednen  Kapitalen zum Durchschnittsprofit,
       zu einem ihren verhältnismäßigen Größen entsprechenden proportio-
       nellen Anteil  an dem  Gesamtmehrwert, den  das gesellschaftliche
       Kapital in  allen Produktionssphären  zusammen erzeugt hat, woher
       nach dieser  Ausgleichung, nach der scheinbar bereits stattgehab-
       ten Verteilung  alles Mehrwerts,  der überhaupt zu verteilen ist,
       woher da noch der überschüssige Teil dieses Mehrwerts stammt, den
       das im  Boden angelegte  Kapital unter der Form der Grundrente an
       den Grundeigentümer  zahlt. Ganz abgesehn von den praktischen Mo-
       tiven, welche  den modernen Ökonomen als Wortführer des industri-
       ellen Kapitals  gegen das  Grundeigentum zur  Untersuchung dieser
       Frage stachelten  - Motive,  die wir  in dem Kapitel über die Ge-
       schichte der  Grundrente näher  andeuten werden  -, war die Frage
       für sie  als Theoretiker  von entscheidendem  Interesse. Zugeben,
       daß die Erscheinung der Rente für das im Ackerbau angelegte Kapi-
       tal aus einer besondren Wirkung der Anlagesphäre selbst, aus
       
       #791# 47. Kapitel - Genesis der kapitalistischen Grundrente
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       der Erdkruste  als solcher angehörigen Eigenschaften stamme - das
       hieß verzichten  auf den  Wertbegriff selbst, also verzichten auf
       jede Möglichkeit wissenschaftlicher Erkenntnis auf diesem Gebiet.
       Selbst die einfache Wahrnehmung, daß die Rente aus dem Preise des
       Bodenprodukts bezahlt  wird was  selbst da stattfindet, wo sie in
       Naturalform gezahlt  wird, wenn  der Pächter  seinen Produktions-
       preis herausschlagen  soll -,  zeigte die  Abgeschmacktheit,  den
       Überschuß dieses  Preises über den gewöhnlichen Produktionspreis,
       also die  relative Teuerkeit  des Ackerbauprodukts  aus dem Über-
       schuß der  naturwüchsigen Produktivität  der agrikolen  Industrie
       über die Produktivität der andern Industriezweige zu erklären; da
       umgekehrt, je produktiver die Arbeit, desto wohlfeiler jeder ali-
       quote Teil  ihres Produkts,  weil desto  größer die Masse der Ge-
       brauchswerte, worin  dasselbe Quantum  Arbeit, also derselbe Wert
       sich darstellt.  Die ganze Schwierigkeit in der Analyse der Rente
       bestand also  darin, den Überschuß des agrikolen Profits über den
       Durchschnittsprofit zu  erklären, nicht den Mehrwert, sondern den
       dieser Produktionssphäre eigentümlich'en überschüssigen Mehrwert,
       also auch  nicht das "Nettoprodukt", sondern den Überschuß dieses
       Nettoprodukts über  das Nettoprodukt  der andren Industriezweige.
       Der Durchschnittsprofit  selbst ist ein Produkt, eine Bildung des
       unter ganz  bestimmten historischen  Produktionsverhältnissen vor
       sich gehenden sozialen Lebensprozesses, ein Produkt, das, wie wir
       gesehn haben, sehr weitläuftige Vermittlung voraussetzt. Um Über-
       haupt von  einem Überschuß  über den Durchschnittsprofit sprechen
       zu können, muß dieser Durchschnittsprofit selbst als Maßstab und,
       wie es in der kapitalistischen Produktionsweise der Fall ist, als
       Regulator der  Produktion überhaupt  hergestellt sein. In Gesell-
       schaftsformen also,  wo es  noch nicht  das Kapital  ist, das die
       Funktion vollzieht,  alle Mehrarbeit zu erzwingen und allen Mehr-
       wert in  erster Hand  sich selbst anzueignen, wo also das Kapital
       sich die  gesellschaftliche Arbeit noch nicht oder nur sporadisch
       subsumiert hat,  kann von  der Rente  im modernen  Sinn, von  der
       Rente als einem Überschuß über den Durchschnittsprofit, d.h. über
       den proportionellen  Anteil jedes  Einzelkapitals an  dem vom ge-
       sellschaftlichen Gesamtkapital  produzierten Mehrwert,  überhaupt
       nicht die  Rede sein.  Es zeigt die Naivetät z.B. des Herrn Passy
       (siehe weiter  unten), wenn  er  schon  im  Urzuetand  von  Rente
       spricht als  von Überschuß über den Profit - über eine historisch
       bestimmte gesellschaftliche  Form des  Mehrwerts, die  also  nach
       Herrn Passy  so ziemlich  auch ohne Gesellschaft existieren kann.
       [109]
       Für die  ältern Ökonomen,  die überhaupt  mit der Analyse der, zu
       ihrer Zeit noch unentwickelten, kapitalistischen Produktionsweise
       erst beginnen,
       
       #792# VI. Abschnitt - Verwandlung von Surplusprofit in Grundrente
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       bot die  Analyse der Rente entweder überhaupt keine Schwierigkeit
       oder doch  Schwierigkeit ganz andrer Art. Petty, Cantillon, Über-
       haupt die  der Feudalzeit  näher stehenden  Schriftsteller nehmen
       die Grundrente  als die  normale Form  des Mehrwerts überhaupt an
       [110], während  der Profit ihnen noch unbestimmt mit dem Arbeits-
       lohn zerfließt  oder höchstens  als  ein  vorn  Kapitalisten  dem
       Grundeigentümer abgepreßter  Teil dieses Mehrwerts erscheint. Sie
       gehn also von einem Zustand aus, wo erstens die agrikole Bevölke-
       rung noch  den weit überwiegenden Teil der Nation ausmacht und wo
       zweitens der  Grundeigentümer noch  als die Person erscheint, die
       in erster  Hand die überschüssige Arbeit der unmittelbaren Produ-
       zenten vermittelst des Monopols des Grundeigentums sich aneignet,
       wo also  das Grundeigentum  auch noch  als die Hauptbedingung der
       Produktion erscheint.  Für sie  konnte  eine  Fragestellung  noch
       nicht existieren,  die umgekehrt, vom Standpunkt der kapitalisti-
       schen Produktionsweise aus, zu erforschen sucht, wie das Grundei-
       gentum es  fertigbringt, dem  Kapital einen  Teil des  von diesem
       produzierten (d.  h. den  unmittelbaren Produzenten ausgepreßten)
       und in  erster Hand bereits angeeigneten Mehrwerts wieder zu ent-
       ziehn.
       Bei den   P h y s i o k r a t e n   ist  die Schwierigkeit  schon
       andrer Natur.  Als in  der Tat  die ersten systematischen Dolmet-
       scher des  Kapitals, suchen sie die Natur des Mehrwerts überhaupt
       zu analysieren.  Die Analyse  fällt für sie zusammen mit der Ana-
       lyse der  Rente, der  einzigen Form,  worin der  Mehrwert für sie
       existiert. Das  Rente tragende  oder agrikole Kapital ist für sie
       daher das  einzige Mehrwert erzeugende Kapital und die von ihm in
       Bewegung gesetzte  agrikole Arbeit  die allein Mehrwert setzende,
       also vom kapitalistischen Standpunkt aus ganz richtig die einzige
       produktive Arbeit.  Die Erzeugung  von Mehrwert  gilt ihnen  ganz
       richtig als das Bestimmende. Sie haben, von andren in Buch IV 1*)
       auseinanderzusetzenden Verdiensten  abgesehn, zunächst  das große
       Verdienst, von  dem allein in der Zirkulationssphäre fungierenden
       Handelskapital zurückzugehn zum produktiven Kapital, im Gegensatz
       zum Merkantilsystem,  das in seinem groben Realismus, die eigent-
       liche Vulgärökonomie jener Zeit bildet, vor deren praktischen In-
       teressen die  Anfänge wissenschaftlicher  Analyse durch Petty und
       seine Nachfolger  ganz in den Hintergrund gedrängt waren. Beiläu-
       fig handelt  es sich  hier, bei  der Kritik des Merkantilsystems,
       nur um  seine Anschauungen von Kapital und Mehrwert. Es ist schon
       früher 2*) bemerkt worden, daß das
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       1*) Siehe  Band 26  unserer Ausgabe,  1. Teil, S. 10-33, 272-307,
       342-344 - 2*) siehe Band 13 unserer Ausgabe S. 133/134
       
       #793# 47. Kapitel - Genesis der kapitalistischen Grundrente
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       Monetarsystem die  Produktion für  den Weltmarkt und die Verwand-
       lung des  Produkts in Ware, daher in Geld, richtig als Vorausset-
       zung und  Bedingung der kapitalistischen Produktion verkündet. In
       seiner Fortsetzung  im Merkantilsystem entscheidet nicht mehr die
       Verwandlung des  Warenwerts in  Geld, sondern  die Erzeugung  von
       Mehrwert, aber  vom begriffslosen  Standpunkt  der  Zirkulations-
       sphäre aus  und zugleich so, daß dieser Mehr. wert sich darstellt
       in Surplusgeld,  im Überschuß  der  Handelsbilanz.  Es  ist  aber
       zugleich das die interessierten Kaufleute und Fabrikanten von da-
       mals richtig Charakterisierende und das der Periode der kapitali-
       stischen Entwicklung,  die sie darstellen, Adäquate darin, daß es
       bei der  Verwandlung der feudalen Ackerbaugesellschaften in indu-
       strielle und  bei dem  entsprechenden industriellen Kampf der Na-
       tionen auf  dem Weltmarkt  auf eine beschleunigte Entwicklung des
       Kapitals ankommt,  die nicht  auf dem sog. naturgemäßen Weg, son-
       dern durch Zwangsmittel zu erreichen ist. Es macht einen gewalti-
       gen Unterschied,  ob das nationale Kapital allmählich und langsam
       sich in  industrielles verwandelt oder ob diese Verwandlung zeit-
       lich beschleunigt  wird durch die Steuer, die sie vermittelst der
       Schutzzölle hauptsächlich auf Grundeigentümer, Mittel- und Klein-
       bauern und  Handwerk legen, durch die beschleunigte Expropriation
       der selbständigen  unmittelbaren Produzenten, durch gewaltsam be-
       schleunigte Akkumulation  und Konzentration  der Kapitale,  kurz,
       durch beschleunigte  Herstellung der Bedingungen der kapitalisti-
       schen Produktionsweise.  Es macht zugleich enormen Unterschied in
       der kapitalistischen  und industriellen Exploitation der natürli-
       chen nationalen  Produktivkraft. Der nationale Charakter des Mer-
       kantilsystems ist  daher nicht bloße Phrase im Munde seiner Wort-
       führer. Unter  dem Vorwand,  sich nur mit dem Reichtum der Nation
       und den  Hilfsquellen des Staats zu beschäftigen, erklären sie in
       der Tat  die Interessen  der Kapitalistenklasse und die Bereiche-
       rung überhaupt  für den  letzten Staatszweck und proklamieren sie
       die bürgerliche Gesellschaft gegen den alten überirdischen Staat.
       Aber zugleich  ist das  Bewußtsein vorhanden, daß die Entwicklung
       der Interessen des Kapitals und der Kapitalistenklasse, der kapi-
       talistischen Produktion,  die Basis  der nationalen Macht und des
       nationalen Übergewichts  in der  modernen  Gesellschaft  geworden
       ist.
       Es ist  ferner das  Richtige bei den Physiokraten, daß in der Tat
       alle Produktion  von Mehrwert, also auch alle Entwicklung des Ka-
       pitals, der natürlichen Grundlage nach, auf der Produktivität der
       agrikolen Arbeit beruht. Wenn die Menschen überhaupt nicht fähig,
       in einem  Arbeitstag mehr Lebensmittel, also im engsten Sinn mehr
       Ackerbauprodukte zu erzeugen,
       
       #794# VI. Abschnitt - Verwandlung von Surplusprofit in Grundrente
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       als jeder Arbeiter zu seiner eignen Reproduktion bedarf, wenn die
       tägliche Verausgabung  seiner ganzen  Arbeitskraft nur  dazu hin-
       reicht, die  zu seinem  individuellen Bedarf  unentbehrlichen Le-
       bensmittel herzustellen,  so könnte  überhaupt weder von Mehrpro-
       dukt noch  von Mehrwert die Rede sein. Eine über das individuelle
       Bedürfnis des Arbeiters hinausgehende Produktivität der agrikolen
       Arbeit ist die Basis aller Gesellschaft und ist vor allem die Ba-
       sis der  kapitalistischen Produktion,  die einen immer wachsenden
       Teil der  Gesellschaft von  der Produktion  der unmittelbaren Le-
       bensmittel losllöst  und sie,  Wie Steuart  sagt [111],  in  free
       hands 1*) verwandelt, sie zur Exploitation in andren Sphären dis-
       ponibel macht.
       Was soll  man aber  zu neuern  ökonomischen  Schriftstellern  wie
       Daire, Passy etc. sagen, welche am Lebensabend der ganzen klassi-
       schen Ökonomie,  ja am Sterbebett derselben, die ursprünglichsten
       Vorstellungen über  die Naturbedingungen der Mehrarbeit und daher
       des Mehrwerts  überhaupt wiederholen  und damit  etwas Neues  und
       Schlagendes über die Grundrente vorzubringen glauben [112], nach-
       dem diese Grundrente längst als eine besondre Form und ein spezi-
       fischer Teil  des Mehrwerts  entwickelt ist?  Es  charakterisiert
       eben die  Vulgärökonomie, daß  sie das,  was in  einer bestimmten
       überlebten Entwicklungsstufe  neu, originell, tief und berechtigt
       war, zu  einer Zeit  wiederholt, wo  es  platt,  abgestanden  und
       falsch ist. Sie bekennt damit, daß sie auch nicht einmal eine Ah-
       nung über  die Probleme  besitzt, die die klassische Ökonomie be-
       schäftigt haben.  Sie verwechselt sie mit Fragen, wie sie nur auf
       einem niedrigem  Standpunkt der  Entwicklung der bürgerlichen Ge-
       sellschaft gestellt  werden konnten.  Ebenso verhält  es sich mit
       ihrem rastlosen und selbstgefälligen Wiederkäuen der physiokrati-
       schen Sätze  über den  Freihandel. Diese Sätze haben längst alles
       und jedes theoretische Interesse verloren, sosehr sie diesen oder
       jenen Staat praktisch interessieren mögen.
       Bei der  eigentlichen Naturalwirtschaft, wo gar kein oder nur ein
       sehr unbedeutender  Teil des agrikolen Produkts in den Zirkulati-
       onsprozeß eintritt  und selbst nur ein relativ unbedeutender Teil
       des Teils des Produkts, der die Revenue des Grundeigentümers dar-
       stellt, wie z.B. auf vielen altrömischen Latifundien, wie auf den
       Villen Karls  des Großen, und wie (sieh Vinard, "Histoire du tra-
       vail") mehr oder weniger während des ganzen Mittelalters, besteht
       das Produkt  und das Mehrprodukt der großen Güter keineswegs bloß
       aus den  Produkten der agrikolen Arbeit. Es umfaßt ebensowohl die
       Produkte der industriellen Arbeit. Häusliche Handwerks- und
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       1*) freie Hände; 1. Auflage: free heads (freie Köpfe)
       
       #795# 47. Kapitel - Genesis der kapitalistischen Grundrente
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       Manufakturarbeit, als  Nebenbetrieb des  Ackerbaus, der die Basis
       bildet, ist  die Bedingung der Produktionsweise, worauf diese Na-
       turalwirtschaft beruht,  im europäischen Altertum und Mittelalter
       sowohl wie  noch heutzutage  in der  indischen Gemeinde, wo deren
       traditionelle Organisation noch nicht zerstört ist. Die kapitali-
       stische Produktionsweise hebt diesen Zusammenhang völlig auf; ein
       Prozeß, den man im großen namentlich während des letzten Drittels
       des 18.  Jahrhunderts in  England studieren  kann. Köpfe,  die in
       mehr oder minder halb feudalen Gesellschaften aufgewachsen waren,
       Herrenschwand z.B.,  betrachten noch  Ende des  18.  Jahrhunderts
       diese Trennung von Ackerbau und Manufaktur als tollkühnes gesell-
       schaftliches Wagstück, als eine unbegreiflich riskierte Existenz-
       weise. Und  selbst in den Ackerbauwirtschaften des Altertums, die
       die meiste  Analogie mit der kapitalistischen Landwirtschaft zei-
       gen, in  Karthago und  Rom, ist  die Ähnlichkeit  größer mit  der
       Plantagenwirtschaft als mit der der wirklich kapitalistischen Ex-
       ploitationsweise entsprechenden Form. 42)[a] Eine formelle Analo-
       gie, die  aber auch  in allen  wesentlichen Punkten  durchaus als
       Täuschung erscheint für den, der die kapitalistische Produktions-
       weise begriffen  hat und  der nicht  etwa wie Herr Mommsen 43) in
       jeder Geldwirtschaft  auch schon kapitalistische Produktionsweise
       entdeckt - eine formelle Analogie findet sich im Altertum im kon-
       tinentalen Italien überhaupt nicht, sondern nur etwa in Sizilien,
       weil dies als agrikoles Tributland für Rom existierte, der Acker-
       bau daher  wesentlich auf  den Export  gerichtet war. Hier finden
       sich Pächter im modernen Sinn.
       Eine unrichtige  Auffassung der  Natur der  Rente basiert auf dem
       Umstand, daß  aus der Naturalwirtschaft des Mittelalters her, und
       ganz den Bedingungen der kapitalistischen Produktionsweise wider-
       sprechend, die  Rente in  Naturalform zum Teil in den Zehnten der
       Kirche, zum  Teil als  Kuriosität, durch alte Kontrakte verewigt,
       sich in die moderne Zeit her-
       
       42[a] A.  Smith hebt  hervor, wie  zu seiner  Zeit (und dies gilt
       auch für  die unsrige  mit Bezug  auf die  Plantagenwirtschaft in
       tropischen und  subtropischen Ländern) Rente und Profit sich noch
       nicht geschieden haben [113], indem der Grundeigentürner zugleich
       der Kapitalist ist, wie Cato es z.B. auf seinen Gütern war. Diese
       Scheidung ist  aber gerade die Voraussetzung der kapitalistischen
       Produktionsweise, mit deren Begriff die Basis der Sklaverei zudem
       überhaupt im Widerspruch steht.
       43) Herr  Mommsen in  seiner "Römischen Geschichte" faßt das Wort
       Kapitalist durchaus  nicht im  Sinn der modernen Ökonomie und der
       modernen Gesellschaft,  sondern in  der Weise  der populären Vor-
       stellung, wie  sie nicht in England oder Amerika, sondern auf dem
       Kontinent als  altertümliche Tradition  vergangner Zustände  noch
       fortwuchert.
       
       #796# VI. Abschnitt - Verwandlung von Surplusprofit in Grundrente
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       übergeschleppt hat.  Es gewinnt  dadurch den  Anschein,  daß  die
       Rente nicht  aus dem  Preis des  Agrikulturprodukts, sondern  aus
       seiner Masse  entspringt, also  nicht aus gesellschaftlichen Ver-
       hältnissen, sondern aus der Erde. Wir haben schon früher gezeigt,
       daß, obgleich  der Mehirwert  sich in  einem Surplusprodukt  dar-
       stellt, nicht  umgekehrt ein  Surplusprodukt im Sinn einer bloßen
       Zunahme der Masse des Produkts, einen Mehrwert darstellt. Es kann
       ein Minus  von Wert darstellen. Die Baumwollindustrie müßte sonst
       1860, verglichen  mit 1840,  einen enormen  Mehrwert  darstellen,
       während im  Gegenteil der Preis des Garns gefallen ist. Die Rente
       kann infolge  einer Reihe  von Mißjahren  enorm wachsen, weil der
       Preis des  Getreides steigt,  obgleich dieser Surpluswert sich in
       einer absolut  abnehmenden Masse  von teurerem  Weizen darstellt.
       Umgekehrt, infolge  einer Reihe  fruchtbarer Jahre kann die Rente
       sinken, weil  der Preis  sinkt, obgleich die gesunkene Rente sich
       in einer  größern Masse  wohlfeilern Weizens  darstellt. Zunächst
       ist nun  zu bemerken  über die Produktenrente, daß sie bloße, aus
       einer verlebten Produktionsweise herübergeschleppte und als Ruine
       ihr Dasein fristende Tradition ist, deren Widerspruch mit der ka-
       pitalistischen Produktionsweise sich darin zeigt, daß sie aus den
       Privatkontrakten von selbst verschwand und daß sie da, wo die Ge-
       setzgebung eingreifen  konnte, wie bei den Kirchenzehnten in Eng-
       land, gewaltsam als Inkongruität abgeschütteit wurde. [114] Zwei-
       tens aber, wo sie auf Basis der kapitalistischen Produktionsweise
       fortexistierte, war  sie nichts und konnte nichts andres sein als
       ein mittelalterlich  verkleideten Ausdruck der Geldrente. Das qr.
       Weizen steht  z.B. auf  40 sh. Von diesem qr. muß ein Teil den in
       ihm enthaltnen  Arbeitslohn ersetzen  und verkauft werden, um ihn
       von neuem  auslegen zu  können; ein andrer Teil muß verkauft wer-
       den, um den auf ihn fallenden Teil der Steuern zu zahlen. Aussaat
       und ein  Teil des  Düngers selbst gehn da, wo die kapitalistische
       Produktionsweise und  mit ihr  die Teilung der gesellschaftlichen
       Arbeit entwickelt  ist, als Waren in die Reproduktion ein, müssen
       also zum  Ersatz gekauft  werden; und  es muß wieder ein Teil des
       qr. verkauft  werden, um  das Geld hierfür zu liefern. Soweit sie
       nicht wirklich  als Ware  gekauft werden  müssen, sondern aus dem
       Produkt selbst  in natura entnommen werden, um von neuem als Pro-
       duktionsbedingungen in  seine Reproduktion  einzugehn -  wie dies
       nicht nur  im Ackerbau,  sondern in vielen Produktionszweigen ge-
       schieht, die  konstantes Kapital  produzieren -,  gehn sie in die
       Rechnung, in  Rechengeld ausgedruckt, ein und kommen als Bestand-
       teile des  Kostpreises in  Abzug. Der  Verschleiß der Maschinerie
       und des fixen Kapitals überhaupt muß in Geld ersetzt werden. End-
       lich kommt der Profit, der auf die Summe dieser, in wirklichem
       
       #797# 47. Kapitel - Genesis der kapitalistischen Grundrente
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       Geld oder  in Rechengeld ausgedrückten Kosten berechnet ist. Die-
       ser Profit  stellt sich  in einem  bestimmten Teil des Bruttopro-
       dukts dar, der durch seinen Preis bestimmt ist. Und der Teil, der
       dann übrigbleibt, bildet die Rente. Ist die kontraktliche Produk-
       tenrente größer  als dieser  durch den  Preis bestimmte  Rest, so
       bildet sie  keine Rente, sondern ist Abzug vom Profit. Wegen die-
       ser Möglichkeit  schon ist  die Produktenrente, die dem Preis des
       Produkts nicht  folgt, die  also mehr  oder weniger betragen kann
       als die  wirkliche Rente  und die daher nicht nur einen Abzug vom
       Profit, sondern auch von Bestandteilen des Kapitalersatzes bilden
       kann, eine  veraltete Form.  In der Tat ist diese Produktenrente,
       soweit sie  nicht dem  Namen, sondern  der Sache  nach Rente ist,
       ausschließlich bestimmt  durch den Überschuß des Preises des Pro-
       dukts über seine Produktionskosten. Nur unterstellt sie diese va-
       riable Größe  als eine konstante. Aber es ist eine so anheimelnde
       Vorstellung, daß das Produkt in natura erstens hinreicht, die Ar-
       beiter zu  ernähren, dann  dem kapitalistischen Pächter mehr Nah-
       rung zu  lassen als er braucht, und daß der Überschuß darüber die
       natürliche  Rente  bildet.  Ganz  wie  wenn  ein  Kattunfabrikant
       200 000 Ellen  fabriziert. Diese  Ellen reichen  nicht  nur  hin,
       seine Arbeiter  zu kleiden, seine Frau und alle seine Nachkommen-
       schaft und ihn selbst mehr als zu kleiden, ihm außerdem noch Kat-
       tun zum  Verkauf zu  lassen und  endlich eine  gewaltige Rente in
       Kattun zu zahlen. Die Sache ist so einfach! Man ziehe von 200 000
       Ellen Kattun  die Produktionskosten  ab, und es muß ein Überschuß
       von Kattun  als Rente  bleiben. Von 200 000 Ellen Kattun z.B. die
       Produktionskosten von  10 000 Pfd.St. abziehn, ohne den Verkaufs-
       preis des  Kattuns zu  kennen, von Kattun Geld abziehn, von einem
       Gebrauchswert als  solchem einen  Tauschwert, und  dann den Über-
       schuß der Ellen Kattun über die Pfunde Sterling bestimmen, ist in
       der Tat  eine naive Vorstellung. Es ist schlimmer als die Quadra-
       tur des Zirkels, der wenigstens der Begriff der Grenzen, in denen
       gerade Linie  und Kurve verschwimmen, zugrunde liegt. Aber es ist
       das Rezept  des Herrn  Passy. Man ziehe Geld von Kattun ab, bevor
       der Kattun  im Kopf  oder in  der Wirklichkeit in Geld verwandelt
       ist! Der  Überschuß ist die Rente, die aber naturaliter (siehe z.
       B. Karl  Arndt [115])  und nicht  durch "sophistische" Teufeleien
       handgegriffen werden soll! Auf diese Narrheit, den Abzug des Pro-
       duktionspreises von  soundso viel  Scheffeln Weizen, die Subtrak-
       tion einer  Geldsumme von  einem Kubikmaß, konunt diese ganze Re-
       stauration der Naturalrente hinaus.

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