Quelle: MEW 25 Das Kapital - Dritter Band
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SIEBENUNDVIERZIGSTES KAPITEL
Genesis der kapitalistischen Grundrente
I. Einleitendes
Man muß sich klarmachen, worin eigentlich die Schwierigkeit der
Behandlung der Grundrente, vom Standpunkt der modernen Ökonomie,
als des theoretischen Ausdrucks der kapitalistischen Produktions-
weise besteht. Dies ist selbst von einer großen Anzahl neuerer
Schriftsteller immer noch nicht begriffen worden, wie jeder er-
neuerte Versuch, die Grundrente neuzu erklären, beweist. Die Neu-
heit besteht hier fast immer in dem Rückfall in längst überwundne
Standpunkte. Die Schwierigkeit besteht nicht darin, das vom agri-
kolen Kapital erzeugte Mehrprodukt und den ihm entsprechenden
Mehrwert überhaupt zu erklären. Diese Frage ist vielmehr gelöst
in der Analyse des Mehrwerts, den alles produktive Kapital er-
zeugt, in weicher Sphäre immer es angelegt sei. Die Schwierigkeit
besteht darin, nachzuweisen, woher nach Ausgleichung des Mehr-
werts unter den verschiednen Kapitalen zum Durchschnittsprofit,
zu einem ihren verhältnismäßigen Größen entsprechenden proportio-
nellen Anteil an dem Gesamtmehrwert, den das gesellschaftliche
Kapital in allen Produktionssphären zusammen erzeugt hat, woher
nach dieser Ausgleichung, nach der scheinbar bereits stattgehab-
ten Verteilung alles Mehrwerts, der überhaupt zu verteilen ist,
woher da noch der überschüssige Teil dieses Mehrwerts stammt, den
das im Boden angelegte Kapital unter der Form der Grundrente an
den Grundeigentümer zahlt. Ganz abgesehn von den praktischen Mo-
tiven, welche den modernen Ökonomen als Wortführer des industri-
ellen Kapitals gegen das Grundeigentum zur Untersuchung dieser
Frage stachelten - Motive, die wir in dem Kapitel über die Ge-
schichte der Grundrente näher andeuten werden -, war die Frage
für sie als Theoretiker von entscheidendem Interesse. Zugeben,
daß die Erscheinung der Rente für das im Ackerbau angelegte Kapi-
tal aus einer besondren Wirkung der Anlagesphäre selbst, aus
#791# 47. Kapitel - Genesis der kapitalistischen Grundrente
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der Erdkruste als solcher angehörigen Eigenschaften stamme - das
hieß verzichten auf den Wertbegriff selbst, also verzichten auf
jede Möglichkeit wissenschaftlicher Erkenntnis auf diesem Gebiet.
Selbst die einfache Wahrnehmung, daß die Rente aus dem Preise des
Bodenprodukts bezahlt wird was selbst da stattfindet, wo sie in
Naturalform gezahlt wird, wenn der Pächter seinen Produktions-
preis herausschlagen soll -, zeigte die Abgeschmacktheit, den
Überschuß dieses Preises über den gewöhnlichen Produktionspreis,
also die relative Teuerkeit des Ackerbauprodukts aus dem Über-
schuß der naturwüchsigen Produktivität der agrikolen Industrie
über die Produktivität der andern Industriezweige zu erklären; da
umgekehrt, je produktiver die Arbeit, desto wohlfeiler jeder ali-
quote Teil ihres Produkts, weil desto größer die Masse der Ge-
brauchswerte, worin dasselbe Quantum Arbeit, also derselbe Wert
sich darstellt. Die ganze Schwierigkeit in der Analyse der Rente
bestand also darin, den Überschuß des agrikolen Profits über den
Durchschnittsprofit zu erklären, nicht den Mehrwert, sondern den
dieser Produktionssphäre eigentümlich'en überschüssigen Mehrwert,
also auch nicht das "Nettoprodukt", sondern den Überschuß dieses
Nettoprodukts über das Nettoprodukt der andren Industriezweige.
Der Durchschnittsprofit selbst ist ein Produkt, eine Bildung des
unter ganz bestimmten historischen Produktionsverhältnissen vor
sich gehenden sozialen Lebensprozesses, ein Produkt, das, wie wir
gesehn haben, sehr weitläuftige Vermittlung voraussetzt. Um Über-
haupt von einem Überschuß über den Durchschnittsprofit sprechen
zu können, muß dieser Durchschnittsprofit selbst als Maßstab und,
wie es in der kapitalistischen Produktionsweise der Fall ist, als
Regulator der Produktion überhaupt hergestellt sein. In Gesell-
schaftsformen also, wo es noch nicht das Kapital ist, das die
Funktion vollzieht, alle Mehrarbeit zu erzwingen und allen Mehr-
wert in erster Hand sich selbst anzueignen, wo also das Kapital
sich die gesellschaftliche Arbeit noch nicht oder nur sporadisch
subsumiert hat, kann von der Rente im modernen Sinn, von der
Rente als einem Überschuß über den Durchschnittsprofit, d.h. über
den proportionellen Anteil jedes Einzelkapitals an dem vom ge-
sellschaftlichen Gesamtkapital produzierten Mehrwert, überhaupt
nicht die Rede sein. Es zeigt die Naivetät z.B. des Herrn Passy
(siehe weiter unten), wenn er schon im Urzuetand von Rente
spricht als von Überschuß über den Profit - über eine historisch
bestimmte gesellschaftliche Form des Mehrwerts, die also nach
Herrn Passy so ziemlich auch ohne Gesellschaft existieren kann.
[109]
Für die ältern Ökonomen, die überhaupt mit der Analyse der, zu
ihrer Zeit noch unentwickelten, kapitalistischen Produktionsweise
erst beginnen,
#792# VI. Abschnitt - Verwandlung von Surplusprofit in Grundrente
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bot die Analyse der Rente entweder überhaupt keine Schwierigkeit
oder doch Schwierigkeit ganz andrer Art. Petty, Cantillon, Über-
haupt die der Feudalzeit näher stehenden Schriftsteller nehmen
die Grundrente als die normale Form des Mehrwerts überhaupt an
[110], während der Profit ihnen noch unbestimmt mit dem Arbeits-
lohn zerfließt oder höchstens als ein vorn Kapitalisten dem
Grundeigentümer abgepreßter Teil dieses Mehrwerts erscheint. Sie
gehn also von einem Zustand aus, wo erstens die agrikole Bevölke-
rung noch den weit überwiegenden Teil der Nation ausmacht und wo
zweitens der Grundeigentümer noch als die Person erscheint, die
in erster Hand die überschüssige Arbeit der unmittelbaren Produ-
zenten vermittelst des Monopols des Grundeigentums sich aneignet,
wo also das Grundeigentum auch noch als die Hauptbedingung der
Produktion erscheint. Für sie konnte eine Fragestellung noch
nicht existieren, die umgekehrt, vom Standpunkt der kapitalisti-
schen Produktionsweise aus, zu erforschen sucht, wie das Grundei-
gentum es fertigbringt, dem Kapital einen Teil des von diesem
produzierten (d. h. den unmittelbaren Produzenten ausgepreßten)
und in erster Hand bereits angeeigneten Mehrwerts wieder zu ent-
ziehn.
Bei den P h y s i o k r a t e n ist die Schwierigkeit schon
andrer Natur. Als in der Tat die ersten systematischen Dolmet-
scher des Kapitals, suchen sie die Natur des Mehrwerts überhaupt
zu analysieren. Die Analyse fällt für sie zusammen mit der Ana-
lyse der Rente, der einzigen Form, worin der Mehrwert für sie
existiert. Das Rente tragende oder agrikole Kapital ist für sie
daher das einzige Mehrwert erzeugende Kapital und die von ihm in
Bewegung gesetzte agrikole Arbeit die allein Mehrwert setzende,
also vom kapitalistischen Standpunkt aus ganz richtig die einzige
produktive Arbeit. Die Erzeugung von Mehrwert gilt ihnen ganz
richtig als das Bestimmende. Sie haben, von andren in Buch IV 1*)
auseinanderzusetzenden Verdiensten abgesehn, zunächst das große
Verdienst, von dem allein in der Zirkulationssphäre fungierenden
Handelskapital zurückzugehn zum produktiven Kapital, im Gegensatz
zum Merkantilsystem, das in seinem groben Realismus, die eigent-
liche Vulgärökonomie jener Zeit bildet, vor deren praktischen In-
teressen die Anfänge wissenschaftlicher Analyse durch Petty und
seine Nachfolger ganz in den Hintergrund gedrängt waren. Beiläu-
fig handelt es sich hier, bei der Kritik des Merkantilsystems,
nur um seine Anschauungen von Kapital und Mehrwert. Es ist schon
früher 2*) bemerkt worden, daß das
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1*) Siehe Band 26 unserer Ausgabe, 1. Teil, S. 10-33, 272-307,
342-344 - 2*) siehe Band 13 unserer Ausgabe S. 133/134
#793# 47. Kapitel - Genesis der kapitalistischen Grundrente
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Monetarsystem die Produktion für den Weltmarkt und die Verwand-
lung des Produkts in Ware, daher in Geld, richtig als Vorausset-
zung und Bedingung der kapitalistischen Produktion verkündet. In
seiner Fortsetzung im Merkantilsystem entscheidet nicht mehr die
Verwandlung des Warenwerts in Geld, sondern die Erzeugung von
Mehrwert, aber vom begriffslosen Standpunkt der Zirkulations-
sphäre aus und zugleich so, daß dieser Mehr. wert sich darstellt
in Surplusgeld, im Überschuß der Handelsbilanz. Es ist aber
zugleich das die interessierten Kaufleute und Fabrikanten von da-
mals richtig Charakterisierende und das der Periode der kapitali-
stischen Entwicklung, die sie darstellen, Adäquate darin, daß es
bei der Verwandlung der feudalen Ackerbaugesellschaften in indu-
strielle und bei dem entsprechenden industriellen Kampf der Na-
tionen auf dem Weltmarkt auf eine beschleunigte Entwicklung des
Kapitals ankommt, die nicht auf dem sog. naturgemäßen Weg, son-
dern durch Zwangsmittel zu erreichen ist. Es macht einen gewalti-
gen Unterschied, ob das nationale Kapital allmählich und langsam
sich in industrielles verwandelt oder ob diese Verwandlung zeit-
lich beschleunigt wird durch die Steuer, die sie vermittelst der
Schutzzölle hauptsächlich auf Grundeigentümer, Mittel- und Klein-
bauern und Handwerk legen, durch die beschleunigte Expropriation
der selbständigen unmittelbaren Produzenten, durch gewaltsam be-
schleunigte Akkumulation und Konzentration der Kapitale, kurz,
durch beschleunigte Herstellung der Bedingungen der kapitalisti-
schen Produktionsweise. Es macht zugleich enormen Unterschied in
der kapitalistischen und industriellen Exploitation der natürli-
chen nationalen Produktivkraft. Der nationale Charakter des Mer-
kantilsystems ist daher nicht bloße Phrase im Munde seiner Wort-
führer. Unter dem Vorwand, sich nur mit dem Reichtum der Nation
und den Hilfsquellen des Staats zu beschäftigen, erklären sie in
der Tat die Interessen der Kapitalistenklasse und die Bereiche-
rung überhaupt für den letzten Staatszweck und proklamieren sie
die bürgerliche Gesellschaft gegen den alten überirdischen Staat.
Aber zugleich ist das Bewußtsein vorhanden, daß die Entwicklung
der Interessen des Kapitals und der Kapitalistenklasse, der kapi-
talistischen Produktion, die Basis der nationalen Macht und des
nationalen Übergewichts in der modernen Gesellschaft geworden
ist.
Es ist ferner das Richtige bei den Physiokraten, daß in der Tat
alle Produktion von Mehrwert, also auch alle Entwicklung des Ka-
pitals, der natürlichen Grundlage nach, auf der Produktivität der
agrikolen Arbeit beruht. Wenn die Menschen überhaupt nicht fähig,
in einem Arbeitstag mehr Lebensmittel, also im engsten Sinn mehr
Ackerbauprodukte zu erzeugen,
#794# VI. Abschnitt - Verwandlung von Surplusprofit in Grundrente
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als jeder Arbeiter zu seiner eignen Reproduktion bedarf, wenn die
tägliche Verausgabung seiner ganzen Arbeitskraft nur dazu hin-
reicht, die zu seinem individuellen Bedarf unentbehrlichen Le-
bensmittel herzustellen, so könnte überhaupt weder von Mehrpro-
dukt noch von Mehrwert die Rede sein. Eine über das individuelle
Bedürfnis des Arbeiters hinausgehende Produktivität der agrikolen
Arbeit ist die Basis aller Gesellschaft und ist vor allem die Ba-
sis der kapitalistischen Produktion, die einen immer wachsenden
Teil der Gesellschaft von der Produktion der unmittelbaren Le-
bensmittel losllöst und sie, Wie Steuart sagt [111], in free
hands 1*) verwandelt, sie zur Exploitation in andren Sphären dis-
ponibel macht.
Was soll man aber zu neuern ökonomischen Schriftstellern wie
Daire, Passy etc. sagen, welche am Lebensabend der ganzen klassi-
schen Ökonomie, ja am Sterbebett derselben, die ursprünglichsten
Vorstellungen über die Naturbedingungen der Mehrarbeit und daher
des Mehrwerts überhaupt wiederholen und damit etwas Neues und
Schlagendes über die Grundrente vorzubringen glauben [112], nach-
dem diese Grundrente längst als eine besondre Form und ein spezi-
fischer Teil des Mehrwerts entwickelt ist? Es charakterisiert
eben die Vulgärökonomie, daß sie das, was in einer bestimmten
überlebten Entwicklungsstufe neu, originell, tief und berechtigt
war, zu einer Zeit wiederholt, wo es platt, abgestanden und
falsch ist. Sie bekennt damit, daß sie auch nicht einmal eine Ah-
nung über die Probleme besitzt, die die klassische Ökonomie be-
schäftigt haben. Sie verwechselt sie mit Fragen, wie sie nur auf
einem niedrigem Standpunkt der Entwicklung der bürgerlichen Ge-
sellschaft gestellt werden konnten. Ebenso verhält es sich mit
ihrem rastlosen und selbstgefälligen Wiederkäuen der physiokrati-
schen Sätze über den Freihandel. Diese Sätze haben längst alles
und jedes theoretische Interesse verloren, sosehr sie diesen oder
jenen Staat praktisch interessieren mögen.
Bei der eigentlichen Naturalwirtschaft, wo gar kein oder nur ein
sehr unbedeutender Teil des agrikolen Produkts in den Zirkulati-
onsprozeß eintritt und selbst nur ein relativ unbedeutender Teil
des Teils des Produkts, der die Revenue des Grundeigentümers dar-
stellt, wie z.B. auf vielen altrömischen Latifundien, wie auf den
Villen Karls des Großen, und wie (sieh Vinard, "Histoire du tra-
vail") mehr oder weniger während des ganzen Mittelalters, besteht
das Produkt und das Mehrprodukt der großen Güter keineswegs bloß
aus den Produkten der agrikolen Arbeit. Es umfaßt ebensowohl die
Produkte der industriellen Arbeit. Häusliche Handwerks- und
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1*) freie Hände; 1. Auflage: free heads (freie Köpfe)
#795# 47. Kapitel - Genesis der kapitalistischen Grundrente
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Manufakturarbeit, als Nebenbetrieb des Ackerbaus, der die Basis
bildet, ist die Bedingung der Produktionsweise, worauf diese Na-
turalwirtschaft beruht, im europäischen Altertum und Mittelalter
sowohl wie noch heutzutage in der indischen Gemeinde, wo deren
traditionelle Organisation noch nicht zerstört ist. Die kapitali-
stische Produktionsweise hebt diesen Zusammenhang völlig auf; ein
Prozeß, den man im großen namentlich während des letzten Drittels
des 18. Jahrhunderts in England studieren kann. Köpfe, die in
mehr oder minder halb feudalen Gesellschaften aufgewachsen waren,
Herrenschwand z.B., betrachten noch Ende des 18. Jahrhunderts
diese Trennung von Ackerbau und Manufaktur als tollkühnes gesell-
schaftliches Wagstück, als eine unbegreiflich riskierte Existenz-
weise. Und selbst in den Ackerbauwirtschaften des Altertums, die
die meiste Analogie mit der kapitalistischen Landwirtschaft zei-
gen, in Karthago und Rom, ist die Ähnlichkeit größer mit der
Plantagenwirtschaft als mit der der wirklich kapitalistischen Ex-
ploitationsweise entsprechenden Form. 42)[a] Eine formelle Analo-
gie, die aber auch in allen wesentlichen Punkten durchaus als
Täuschung erscheint für den, der die kapitalistische Produktions-
weise begriffen hat und der nicht etwa wie Herr Mommsen 43) in
jeder Geldwirtschaft auch schon kapitalistische Produktionsweise
entdeckt - eine formelle Analogie findet sich im Altertum im kon-
tinentalen Italien überhaupt nicht, sondern nur etwa in Sizilien,
weil dies als agrikoles Tributland für Rom existierte, der Acker-
bau daher wesentlich auf den Export gerichtet war. Hier finden
sich Pächter im modernen Sinn.
Eine unrichtige Auffassung der Natur der Rente basiert auf dem
Umstand, daß aus der Naturalwirtschaft des Mittelalters her, und
ganz den Bedingungen der kapitalistischen Produktionsweise wider-
sprechend, die Rente in Naturalform zum Teil in den Zehnten der
Kirche, zum Teil als Kuriosität, durch alte Kontrakte verewigt,
sich in die moderne Zeit her-
42[a] A. Smith hebt hervor, wie zu seiner Zeit (und dies gilt
auch für die unsrige mit Bezug auf die Plantagenwirtschaft in
tropischen und subtropischen Ländern) Rente und Profit sich noch
nicht geschieden haben [113], indem der Grundeigentürner zugleich
der Kapitalist ist, wie Cato es z.B. auf seinen Gütern war. Diese
Scheidung ist aber gerade die Voraussetzung der kapitalistischen
Produktionsweise, mit deren Begriff die Basis der Sklaverei zudem
überhaupt im Widerspruch steht.
43) Herr Mommsen in seiner "Römischen Geschichte" faßt das Wort
Kapitalist durchaus nicht im Sinn der modernen Ökonomie und der
modernen Gesellschaft, sondern in der Weise der populären Vor-
stellung, wie sie nicht in England oder Amerika, sondern auf dem
Kontinent als altertümliche Tradition vergangner Zustände noch
fortwuchert.
#796# VI. Abschnitt - Verwandlung von Surplusprofit in Grundrente
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übergeschleppt hat. Es gewinnt dadurch den Anschein, daß die
Rente nicht aus dem Preis des Agrikulturprodukts, sondern aus
seiner Masse entspringt, also nicht aus gesellschaftlichen Ver-
hältnissen, sondern aus der Erde. Wir haben schon früher gezeigt,
daß, obgleich der Mehirwert sich in einem Surplusprodukt dar-
stellt, nicht umgekehrt ein Surplusprodukt im Sinn einer bloßen
Zunahme der Masse des Produkts, einen Mehrwert darstellt. Es kann
ein Minus von Wert darstellen. Die Baumwollindustrie müßte sonst
1860, verglichen mit 1840, einen enormen Mehrwert darstellen,
während im Gegenteil der Preis des Garns gefallen ist. Die Rente
kann infolge einer Reihe von Mißjahren enorm wachsen, weil der
Preis des Getreides steigt, obgleich dieser Surpluswert sich in
einer absolut abnehmenden Masse von teurerem Weizen darstellt.
Umgekehrt, infolge einer Reihe fruchtbarer Jahre kann die Rente
sinken, weil der Preis sinkt, obgleich die gesunkene Rente sich
in einer größern Masse wohlfeilern Weizens darstellt. Zunächst
ist nun zu bemerken über die Produktenrente, daß sie bloße, aus
einer verlebten Produktionsweise herübergeschleppte und als Ruine
ihr Dasein fristende Tradition ist, deren Widerspruch mit der ka-
pitalistischen Produktionsweise sich darin zeigt, daß sie aus den
Privatkontrakten von selbst verschwand und daß sie da, wo die Ge-
setzgebung eingreifen konnte, wie bei den Kirchenzehnten in Eng-
land, gewaltsam als Inkongruität abgeschütteit wurde. [114] Zwei-
tens aber, wo sie auf Basis der kapitalistischen Produktionsweise
fortexistierte, war sie nichts und konnte nichts andres sein als
ein mittelalterlich verkleideten Ausdruck der Geldrente. Das qr.
Weizen steht z.B. auf 40 sh. Von diesem qr. muß ein Teil den in
ihm enthaltnen Arbeitslohn ersetzen und verkauft werden, um ihn
von neuem auslegen zu können; ein andrer Teil muß verkauft wer-
den, um den auf ihn fallenden Teil der Steuern zu zahlen. Aussaat
und ein Teil des Düngers selbst gehn da, wo die kapitalistische
Produktionsweise und mit ihr die Teilung der gesellschaftlichen
Arbeit entwickelt ist, als Waren in die Reproduktion ein, müssen
also zum Ersatz gekauft werden; und es muß wieder ein Teil des
qr. verkauft werden, um das Geld hierfür zu liefern. Soweit sie
nicht wirklich als Ware gekauft werden müssen, sondern aus dem
Produkt selbst in natura entnommen werden, um von neuem als Pro-
duktionsbedingungen in seine Reproduktion einzugehn - wie dies
nicht nur im Ackerbau, sondern in vielen Produktionszweigen ge-
schieht, die konstantes Kapital produzieren -, gehn sie in die
Rechnung, in Rechengeld ausgedruckt, ein und kommen als Bestand-
teile des Kostpreises in Abzug. Der Verschleiß der Maschinerie
und des fixen Kapitals überhaupt muß in Geld ersetzt werden. End-
lich kommt der Profit, der auf die Summe dieser, in wirklichem
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Geld oder in Rechengeld ausgedrückten Kosten berechnet ist. Die-
ser Profit stellt sich in einem bestimmten Teil des Bruttopro-
dukts dar, der durch seinen Preis bestimmt ist. Und der Teil, der
dann übrigbleibt, bildet die Rente. Ist die kontraktliche Produk-
tenrente größer als dieser durch den Preis bestimmte Rest, so
bildet sie keine Rente, sondern ist Abzug vom Profit. Wegen die-
ser Möglichkeit schon ist die Produktenrente, die dem Preis des
Produkts nicht folgt, die also mehr oder weniger betragen kann
als die wirkliche Rente und die daher nicht nur einen Abzug vom
Profit, sondern auch von Bestandteilen des Kapitalersatzes bilden
kann, eine veraltete Form. In der Tat ist diese Produktenrente,
soweit sie nicht dem Namen, sondern der Sache nach Rente ist,
ausschließlich bestimmt durch den Überschuß des Preises des Pro-
dukts über seine Produktionskosten. Nur unterstellt sie diese va-
riable Größe als eine konstante. Aber es ist eine so anheimelnde
Vorstellung, daß das Produkt in natura erstens hinreicht, die Ar-
beiter zu ernähren, dann dem kapitalistischen Pächter mehr Nah-
rung zu lassen als er braucht, und daß der Überschuß darüber die
natürliche Rente bildet. Ganz wie wenn ein Kattunfabrikant
200 000 Ellen fabriziert. Diese Ellen reichen nicht nur hin,
seine Arbeiter zu kleiden, seine Frau und alle seine Nachkommen-
schaft und ihn selbst mehr als zu kleiden, ihm außerdem noch Kat-
tun zum Verkauf zu lassen und endlich eine gewaltige Rente in
Kattun zu zahlen. Die Sache ist so einfach! Man ziehe von 200 000
Ellen Kattun die Produktionskosten ab, und es muß ein Überschuß
von Kattun als Rente bleiben. Von 200 000 Ellen Kattun z.B. die
Produktionskosten von 10 000 Pfd.St. abziehn, ohne den Verkaufs-
preis des Kattuns zu kennen, von Kattun Geld abziehn, von einem
Gebrauchswert als solchem einen Tauschwert, und dann den Über-
schuß der Ellen Kattun über die Pfunde Sterling bestimmen, ist in
der Tat eine naive Vorstellung. Es ist schlimmer als die Quadra-
tur des Zirkels, der wenigstens der Begriff der Grenzen, in denen
gerade Linie und Kurve verschwimmen, zugrunde liegt. Aber es ist
das Rezept des Herrn Passy. Man ziehe Geld von Kattun ab, bevor
der Kattun im Kopf oder in der Wirklichkeit in Geld verwandelt
ist! Der Überschuß ist die Rente, die aber naturaliter (siehe z.
B. Karl Arndt [115]) und nicht durch "sophistische" Teufeleien
handgegriffen werden soll! Auf diese Narrheit, den Abzug des Pro-
duktionspreises von soundso viel Scheffeln Weizen, die Subtrak-
tion einer Geldsumme von einem Kubikmaß, konunt diese ganze Re-
stauration der Naturalrente hinaus.
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