Quelle: MEW 25 Das Kapital - Dritter Band
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#98#. I. Abschnitt - Verwandlung des Mehrwerts in Profit usw.
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II. Ersparnis an den Arbeitsbedingungen auf Kosten der Arbeiter
Kohlenbergwerke. Vernachlässigung der notwendigsten Auslagen.
"Bei der Konkurrenz, die unter den Besitzern von Kohlengruben...
herrscht, werden nicht mehr Auslagen gemacht als nötig sind, um
die handgreiflichsten physisaen Schwierigkeiten zu übenden; und
bei der Konkurrenz unter den Grubenarbeitern, die gewöhnlich in
Überzahl vorhanden sind, setzen diese sich bedeutenden Gefahren
und den schädlichsten Einflüssen mit Vergnügen aus für einen
Lohn, der nur wenig höher ist als der der benachbarten Land-
taglöhner, da die Bergwerksarbeit zudem gestattet, ihre Kinder
profitlich zu verwenden. Diese doppelte Konkurrenz reicht voll-
ständig hin... um zu bewirken, daß ein großer Teil der Gruben mit
der unvollkommensten Trockenlegung und Ventilation betrieben
wird; oft mit schlecht gebauten Schachten, schlechtem Gestänge,
unfähigen Maschinisten, mit schlecht angelegten und schlecht aus-
gebauten Stollen und Fahrbahnen; und dies verursacht eine Zerstö-
rung an Leben, Gliedmaßen und Gesundheit, deren Statistik ein
entsetzendes Bild darstellen würde." ("First Report on Children's
Employment in Mines and Collieries etc., 21. April 1829", p.
102.)
In den englischen Kohlengruben wurden gegen 1860 wöchentlich im
Durchschnitt 15 Mann getötet. Nach dem Bericht über "Coal Mines
Accidents" (6. Febr. 1862) wurden in den 10 Jahren 1852-1861 zu-
sammen 8466 getötet. Diese Zahl ist aber viel zu gering, wie der
Bericht selbst sagt, da in den ersten Jahren, als die Inspektoren
erst eben eingesetzt und ihre Bezirke viel zu groß waren, eine
große Masse Unglücks- und Todesfälle gar nicht angemeldet wurden.
Gerade der Umstand, daß trotz der noch sehr großen Schlächterei
und der ungenügenden Zahl und geringen Macht der Inspektoren, die
Zahl der Unfälle sehr abgenommen hat seit Einrichtung der Inspek-
tion, zeigt die natürliche Tendenz der kapitalistischen Exploita-
tion. - Diese Menschenopfer sind größtenteils geschuldet dem
schmutzigen Geiz der Grubenbesitzer, die z.B. oft nur einen
Schacht graben ließen,
#99# 5. Kapitel - Ökonomie in der Anwendung des konst. Kapitals
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so daß nicht nur keine wirksame Ventilation, sondern auch kein
Ausweg möglich, sobald der eine verstopft war.
Die kapitalistische Produktion, wenn wir sie im einzelnen be-
trachten und von dem Prozeß der Zirkulation und den Überwucherun-
gen der Konkurrenz absehn, geht äußerst sparsam um mit der ver-
wirklichten, in Waren vergegenständlichten Arbeit. Dagegen ist
sie, weit mehr als jede andre Produktionsweise, eine Vergeuderin
von Menschen, von lebendiger Arbeit, eine Vergeuderin nicht nur
von Fleisch und Blut, sondern auch von Nerven und Hirn. Es ist in
der Tat nur durch die ungeheuerste Verschwendung von individuel-
ler Entwicklung, daß die Entwicklung der Menschheit überhaupt ge-
sichert und durchgeführt wird in der Geschichtsepoche, die der
bewußten Rekonstitution der menschlichen Gesellschaft unmittelbar
vorausgeht. Da die ganze Ökonomisierung, von der hier die Rede,
entspringt aus dem gesellschaftlichen Charakter der Arbeit, so
ist es in der Tat gerade dieser unmittelbar gesellschaftliche
Charakter der Arbeit, der diese Verschwendung von Leben und Ge-
sundheit der Arbeiter erzeugt. Charakteristisch in dieser Hin-
sicht ist schon die vom Fabrikinspektor R. Baker aufgeworfne
Frage:
"The whole question is one for serious consideration, in what way
this s a c r i f i c e o f i n f a n t l i f e
o c c a s i o n e d b y c o n g r e g a t i o n a l labour can
be best averted?" 1*) ("Rep. Fact., Oct. 1863", p. 157.)
Fabriken. Es gehört hierher die Unterdrückung aller Vorsichtsmaß-
regeln zur Sicherheit, Bequemlichkeit und Gesundheit der Arbeiter
auch in den eigentlichen Fabriken. Ein großer Teil der Schlacht-
bulletins, die die Verwundeten und Getöteten der industriellen
Armee aufzählen (siehe die alljährlichen Fabrikberichte), stammt
hieher. Ebenso Mangel an Raum, Lüftung etc.
Noch Oktober 1855 beklagt sich Leonard Homer über den Widerstand
sehr zahlreicher Fabrikanten gegen die gesetzlichen Bestimmungen
über Schutzvorrichtungen an Horizontalwellen, trotzdem daß die
Gefahr fortwährend durch, oft tödliche, Unfälle bewiesen wird und
die Schutzvorrichtung weder kostspielig ist, noch den Betrieb ir-
gendwie stört. ("Rep. Fact., Oct. 1855", p. 6.) In solchem Wider-
stand gegen diese und andre gesetzliche Bestimmungen wurden die
Fabrikanten redlich unterstützt von den unbezahlten Friedensrich-
tern, die, meist selbst Fabrikanten oder deren Freunde, über sol-
che Fälle zu entscheiden hatten. Welcher Art die Urteile
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1*) "Die ganze Frage bedarf ernster Überlegung, wie dieses
O p f e r a n K i n d e r l e b e n, d a s d u r c h d i e
A r b e i t i n z u s a m m e n g e d r ä n g t e n
M a s s e n v e r u r s a c h t w i r d, am besten vermieden
werden kann."
#100# I. Abschnitt - Verwandlung des Mehrwerts in Profit usw.
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dieser Herren waren, sagte der Oberrichter Campbell mit Bezug auf
eins derselben, wogegen an ihn appelliert wurde: Dies ist nicht
eine Auslegung des Parlamentsakts, es ist einfach seine Abschaf-
fung' (l.c.p. 11). - In demselben Bericht erzählt Horner, daß in
vielen Fabriken die Maschinerie in Bewegung gesetzt wird, ohne
dies den Arbeitern vorher kundzugeben. Da auch an der stillste-
henden Maschinerie immer etwas zu tun ist, sind dann immer Hände
und Finger darin beschäftigt, und fortwährende Unfälle entstehn
aus dieser einfachen Unterlassung eines Signals (l.c.p. 44). Die
Fabrikanten hatten damals eine Trades-Union zum Widerstand gegen
die Fabrikgesetzgebung gebildet, die sog. "National Association
for the Amendment of the Factory Laws" in Manchester, die im März
1855 vermittelst Beiträgen von 2 sh. per Pferdekraft eine Summe
von über 50 000 Pfd.St. aufbrachte, um hieraus die Prozeßkosten
der Mitglieder gegen gerichtliche Klagen der Fabrikinspektoren zu
bestreiten und die Prozesse von Vereins wegen zu führen. Es han-
delte sich zu beweisen, daß killing no murder [12] ist, wenn es
um des Profits willen geschieht. Der Fabrikinspektor für Schott-
land, Sir John Kincaid, erzählt von einer Firma in Glasgow, daß
sie mit dem alten Eisen in ihrer Fabrik ihre sämtliche Maschine-
rie mit Schutzvorrichtungen versah, was ihr 9 Pfd. St. 1 sh. ko-
stete. Hätte sie sich an jenen Verein angeschlossen, so hätte sie
für ihre 110 Pferdekraft 11 Pfd.St. Beitrag zahlen müssen, also
mehr als ihr die gesamte Schutzvorrichtung kostete. Die National
Association war aber 1854 ausdrücklich gestiftet worden, um dem
Gesetz zu trotzen, das solche Schutzvorrichtungen vorschrieb.
Während der ganzen Zeit von 1844-1854 hatten die Fabrikanten
nicht die geringste Rücksicht darauf genommen. Auf Anweisung Pal-
merstons kündigten die Fabrikinspektoren den Fabrikanten jetzt
an, daß nun mit dem Gesetz Ernst gemacht werden soll. Sofort
stifteten die Fabrikanten ihre Assoziation, unter deren hervorra-
gendsten Mitgliedern viele selbst Friedensrichter waren und in
dieser Eigenschaft das Gesetz selbst anzuwenden hatten. Als April
1855 der neue Minister des Innern, Sir George Grey, einen Ver-
mittlungsvorschlag machte, wonach die Regierung sich mit fast nur
nominellen Schutzvorrichtungen zufriedengeben wollte, wies die
Assoziation auch dies mit Entrüstung zurück. Bei verschiednen
Prozessen gab sich der berühmte Ingenieur William 1*) Fairbairn
dazu her, als Sachverständiger zugunsten der Ökonomie und ver-
letzten Freiheit des Kapitals seinen Ruf in die Schanze zu schla-
gen. Der Chef der Fabrikinspektion, Leonard Horner, wurde von den
Fabrikanten in jeder Weise verfolgt und verlästert.
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1*) 1. Auflage: Thomas
#101# 5. Kapitel - Ökonomie in der Anwendung des konst. Kapitals
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Die Fabrikanten ruhten jedoch nicht, bis sie ein Urteil des Court
of Queen's Bericht [13] erwirkt, nach dessen Auslegung das Gesetz
von 1844 keine Schutzvorrichtungen vorschrieb bei Horizontalwel-
len, die mehr als 7 Fuß über dem Boden angebracht waren, und end-
lich 1856 gelang es ihnen durch den Mucker Wilson-Patten - einen
von jenen frommen Leuten, deren zur Schau getragne Religion sich
stets bereit macht, den Rittern vom Geldsack zu Gefallen schmut-
zige Arbeit zu tun - einen Parlamentsakt durchzusetzen, mit dem
sie unter den Umständen zufrieden sein konnten. Der Akt entzog
tatsächlich den Arbeitern allen besondren Schutz und verwies sie
für Schadenersatz bei Unfällen durch Maschinerie an die gewöhnli-
chen Gerichte (reiner Hohn bei englischen Gerichtskosten), wäh-
rend er andrerseits durch eine sehr fein ausgetüftelte Vorschrift
wegen der einzuhaltenden Expertise es den Fabrikanten fast unmög-
lich machte, den Prozeß zu verlieren. Die Folge war rasche Zu-
nahme der Unfälle. Im Halbjahr Mai bis Oktober 1858 hatte Inspek-
tor Baker eine Zunahme der Unfälle von 21% allein gegen das vo-
rige Halbjahr. 36,7% sämtlicher Unfälle konnten nach seiner An-
sicht vermieden werden. Allerdings hatte 1858 und 1859 die Zahl
der Unfälle sich gegen 1845 und 1846 bedeutend vermindert, näm-
lich um 29%, bei einer Vermehrung der Arbeiterzahl in den der In-
spektion unterworfnen Industriezweigen um 20%. Aber woher kam
dies? Soweit der Streitpunkt bis jetzt (1865) erledigt ist, ist
er hauptsächlich erledigt worden durch die Einführung neuer Ma-
schinerie, bei der die Schutzvorrichtungen schon von vornherein
angebracht sind und wo sie sich der Fabrikant gefallen läßt, weil
sie ihm keine Extrakosten machen. Auch war es einigen Arbeitern
gelungen, für ihre verlernen Arme schweren gerichtlichen Schaden-
ersatz und diese Urteile bis in die höchste Instanz bestätigt zu
erhalten. ("Rep., Fact., 30. April 1861", p. 31, ditto April
1862, p. 17.)
Soweit über Ökonomie in den Mitteln zur Sicherung des Lebens und
der Glieder der Arbeiter (worunter viele Kinder) vor den Gefah-
ren, die direkt aus ihrer Verwendung bei Maschinerie entspringen.
A r b e i t i n g e s c h l o ß n e n R ä u m e n
ü b e r h a u p t. - Es ist bekannt, wie sehr die Ökonomie am
Raum, und daher an den Baulichkeiten, die Arbeiter in engen Loka-
len zusammendrängt. Dazu kommt noch Ökonomie an den Lüftungsmit-
teln. Zusammen mit der längern Arbeitszeit produziert beides
große Vermehrung der Krankheiten der Atmungsorgane und folglich
vermehrte Sterblichkeit. Die folgenden Illustrationen sind genom-
men aus den Berichten über "Public Health, 6th Rep. 1863"; der
Bericht ist kompiliert von dem aus unserm Buch I wohlbekannten
Dr. John Simon.
Wie es die Kombination der Arbeiter und ihre Kooperation ist, die
die
#102# I. Abschnitt - Verwandlung des Mehrwerts in Profit usw.
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Anwendung der Maschinerie auf großer Stufenleiter, die Konzentra-
tion der Produktionsmittel und die Ökonomie in ihrer Anwendung
erlaubt, so ist es dies massenhafte Zusammenarbeiten in geschloß-
nen Räumen und unter Umständen, für die nicht die Gesundheit der
Arbeiter, sondern die erleichterte Herstellung des Produkts ent-
scheidend ist - es ist diese massenhafte Konzentration in dersel-
ben Werkstatt, die einerseits Quelle des wachsenden Profits für
den Kapitalisten, andrerseits aber auch, wenn nicht kompensiert
sowohl durch Kürze der Arbeitszeit wie durch besondere Vorsichts-
maßregeln, zugleich Ursache der Verschwendung des Lebens und der
Gesundheit der Arbeiter ist.
Dr. Simon stellt als Regel auf, die er durch massenhafte Stati-
stik beweist:
"Im Verhältnis wie die Bevölkerung einer Gegend auf gemeinschaft-
liche Arbeit in geschloßnen Räumen angewiesen wird, in demselben
Verhältnis steigt, bei sonst gleichen Umständen, die Sterblich-
keitsrate dieses Distrikts infolge von Lungenkrankheiten" (p.
23). Die Ursache ist die schlechte Ventilation. "Und wahrschein-
lich gibt es in ganz England keine einzige Ausnahme von der Re-
gel, daß in jedem Distrikt, der eine bedeutende, in geschloßnen
Räumen betriehne Industrie besitzt, die vermehrte Sterblichkeit
dieser Arbeiter hinreicht, die Sterblichkeitsstatistik des ganzen
Distrikts mit einem entschiednen rschuß von Lungenkrankheiten zu
färben" (p. 23).
Aus der Sterblichkeitsstatistik mit Bezug auf Industrien, die in
geschloßnen Räumen betrieben werden und die 1860 und 1861 vom Ge-
sundheitsamt untersucht wurden, ergibt sich: auf dieselbe Zahl
von Männern zwischen 15 und 55 Jahren, auf die in den englischen
Ackerbaudistrikten 1 00 Todesfälle von Schwindsucht und andren
Lungenkrankheiten kommen, ist die Zahl für eine gleiche Bevölke-
rungszahl von Männern: in Coventry 163 Todesfälle von Schwind-
sucht, in Blackburn und Skipton 167, in Congleton und Bradford
168, n Leicester 171, in Leek 182, in Macclesfield 184, in Bolton
190, in Nottingham 192, in Rochdale 193, in Derby 198, in Salford
und Ashton-under-Lyne 203, in Leeds 218, in Preston 220 und in
Manchester 263 (p. 24). Die nachfolgende Tabelle gibt ein noch
schlagenderes Beispiel. Sie gibt die Todesfälle durch Lungen-
krankheiten getrennt für beide Geschlechter für das Alter von 15
bis 25 Jahren und berechnet auf je 100 000. Die ausgewählten Di-
strikte sind solche, wo nur die Frauen in der in geschloßnen Räu-
men betriebnen Industrie, die Männer aber in allen Möglichen Ar-
beitszweigen beschäftigt werden.
In den Bezirken der Seidenindustrie, wo die Beteiligung der Män-
ner an der Fabrikarbeit größer, ist auch ihre Sterblichkeit be-
deutend. Die Sterblichkeitsrate an Schwindsucht etc. bei beiden
Geschlechtern enthüllt hier, wie es in dem Bericht heißt,
#103# 5. Kapitel - Ökonomie in der Anwendung des konst. Kapitals
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"die empörenden (atrocious) sanitären Umstände, unter denen ein
großer Teil unsrer Seidenindustrie betrieben wird".
Und es ist dies dieselbe Seidenindustrie, bei der die Fabrikan-
ten, unter Berufung auf die ausnahmsweise günstigen Gesundheits-
bedingungen ihres Betriebs, ausnahmswels lange Arbeitszeit der
Kinder unter 13 Jahren verlangten und auch teilweis bewilligt er-
hielten (Buch I, Kap. VIII, 6, S. 296/286 1*)).
Todesfälle von Lungen-
krankheiten zwischen 15
Distrikt Hauptindustrie und 25 Jahren, berechnet
auf je 100000
Männer Weiber
Berkhampstead Strohflechterei, von
Weibern betrieben 219 578
Leighton
Buzzard Strohflechterei, von
Weibern betrieben 309 554
Nwport
Pagnell Spitzenfabrikation durch
Weiber 301 617
Towcester Spitzenfabrikation durch
Weiber 239 577
Yeovil Handschuhmachen, meist
durch Weiber 280 409
Leek Seidenindustrie, Weiber
vorwiegend 437 856
Congleton Seidenindustrie, Weiber
vorwiegend 566 790
Macclesfield Seidenindustrie, Weiber
vorwiegend 593 890
Gesunde
Landgegend Ackerbau 331 333
"Keine der bisher untersuchten Industrien hat wohl ein schlim-
meres Bild geliefert als das, welches Dr. Smith von der Schneide-
rei gibt... Die Werkstätten, sagt er, sind sehr verschieden in
sanitärer Beziehung; aber fast alle sind überfüllt, schlecht ge-
lüftet und der Gesundheit in hohem Grade ungünstig... Solche Zim-
mer sind notwendig ohnehin heiß; wenn aber das Gas angesteckt
wird, wie bei Tage während des Nebels und des Abends im Winter,
steigt die Hitze auf 80 und selbst 90 Grad" (Fahrenheit, = 27-
33°C) "und verursacht triefenden Schweiß und Verdichtung des Dun-
stes auf den Glasscheiben, so daß das Wasser fortwährend her-
abrieselt oder vom Oberlicht heruntertropft und die Arbeiter ge-
zwungen sind, einige Fenster offenzuhalten, obgleich sie sich da-
bei unvermeidlich erkälten. - Von dem Zustand in 16 der bedeu-
tendsten Werkstätten des Westends von London gibt er folgende Be-
schreibung: Der größte Kubikraum, der in diesen schlechtgelüfte-
ten Zimmern auf einen Arbeiter kommt, ist 270 Kubikfuß; der ge-
ringste 105 Fuß, im Durchschnitt aller nur 156 Fuß pro Mann. In
einer Werkstatt, in der eine Galerie rundherum läuft und die nur
Oberlicht hat, werden von 92 bis über 100 Leute beschäftigt, eine
große Menge Gasflammen
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1*) Siehe Band 23 unserer Ausgabe, S. 309/310
#104# I. Abschnitt - Verwandlung des Mehrweirts in Profit usw.
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gebrannt; die Abtritte sind dicht daneben, und der Rann über-
steigt nicht 150 Kubikfuß pro Mann. In einer andern Werkstatt,
die nur als ein Hundehaus in einem von oben erhellten Hof be-
zeichnet, und nur durch ein kleines Dachfenster gelüftet werden
kann, arbeiten 5 oder 6 Leute in einem Raum von 112 Kubikfuß per
Mann." Und "in diesen infamen (atrocious) Werkstätten, die Dr.
Smith beschreibt, arbeiten die Schneider gewöhnlich 12-13 Stunden
des Tages, und zu gewissen Zeiten wird die Arbeit während 15-16
Stunden fortgesetzt" (p. 25, 26, 28).
Sterblichkeitsrate pro
Anzahl der Industriezwecke 100 000 im Alter von
beschäftigten Leute und Lokalität 25-35 35-45 45-55
958265 Ackerbau, England 743 805 1145
und Wales
22301 Männer und
12377 Weiber Schneider, London 958 1262 2093
13803 Schriftsetzer und 894 1747 2367
(p. 30.) Es ist zu bemerken und ist in der Tat von John Simon,
dem Chef der medizinischen Abteilung, von dem der Bericht aus-
geht, bemerkt, daß für das Alter von 25-35 Jahren die Sterblich-
keit der Schneider, Schriftsetzer und Drucker in London zu gering
angegeben ist, weil in beiden Geschäftszweigen die Londoner Mei-
ster eine große Zahl junger Leute (wahrscheinlich bis zu 30 Jah-
ren) vom Lande als Lehrlinge und "improvers" 1*), d.h. zur wei-
tern Ausbildung, erhalten. Sie vermehren die Anzahl der Beschäf-
tigten, worauf die industriellen Sterblichkeitsraten für London
berechnet werden müssen; aber sie tragen nicht in gleichem Ver-
hältnis bei zur Anzahl der Todesfälle in London, weil ihr Aufent-
halt dort nur zeitweilig ist; erkranken sie während dieser Zeit,
so gehn sie aufs Land nach Hause zurück, und dort wird, wenn sie
sterben, der Todesfall eingetragen. Dieser Umstand affiziert noch
mehr die frühern Altersstufen und macht die Londoner Sterblich-
keitsraten für diese Stufen vollständig wertlos als Maßstäbe der
industriellen Gesundheitswidrigkeit (p. 30).
Ähnlich wie mit den Schneidern verhält es sich mit den
Schriftsetzern, bei denen zum Mangel an Ventilation, zur Pestluft
usw. noch Nachtarbeit hinzukommt. Ihre gewöhnliche Arbeitszeit
dauert 12 bis 13 Stunden, manchmal 15 bis 16.
"Große Hitze und Stickluft, sobald das Gas angezündet wird... Es
kommt nicht selten vor, daß Dünste von einer Gießerei oder Ge-
stank von Maschinerie oder Senkgruben aus dem untern Stockwerk
heraufsteigen und die Übel des obern Zimmers verschlinunern. Die
erhitzte Luft der untern Räume heizt die obern schon durch Er
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1*) "Volontäre"
#105# 5. Kapitel - Ökonomie in der Anwendung des konst. Kapitals
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wärmung des Bodens, und wenn die Räume bei großem Gasverbrauch
niedrig sind, ist dies ein großes Übel. Noch schlimmer ist es da,
wo die Dampfkessel im untern Raum stehn und das ganze Haus mit
unerwünschter Hitze fällen... Im allgemeinen kann gesagt werden,
daß die Lüftung durchweg mangelhaft und total ungenügend ist, um
die Hitze und die Verbrennungsprodukte des Gases nach Sonnenun-
tergang zu entfernen, und daß in vielen Werkstätten, besonders wo
sie früher Wohnhäuser waren, der Zustand höchst beklagenswert
ist." "In einigen Werkstätten, besonders für Wochenzeitungen, wo
ebenfalls Jungen von 12 bis 16 Jahren beschäftigt werden, wird
während zwei Tagen und einer Nacht fast ununterbrochen gearbei-
tet; während in andern Setzereien, die sich auf die Besorgung
'dringender' Arbeit legen, auch der Sonntag dem Arbeiter keine
Ruhe gibt und seine Arbeitstage 7 statt 6 in jeder Woche betra-
gen." (p. 26, 28.)
Die Putzmacherinnen (milliners and dressmakers) beschäftigten uns
schon in Buch I, Kap. VIII, 3, S. 249/241 1*) mit Bezug auf Über-
arbeit. Ihre Arbeitslokale werden in unserm Bericht von Dr. Ord
geschildert. Selbst wenn während des Tages besser, sind sie wäh-
rend der Stunden, wo Gas gebrannt wird, überhitzt, müffig (foul)
und ungesund. In 34 Werkstätten der bessern Sorte fand Dr. Ord,
daß die Durchschnittsanzahl von Kubikfuß Raum für je eine Arbei-
terin war:
"In 4 Fällen mehr als 500; in 4 andern 400-500, in 5 andern von
300-400; in 5 andern von 250-300; in 7 andern von 200-250; in 4
von 150-200; und endlich in 9 nur 100-150. Selbst der günstigste
dieser Fälle genügt nur knapp für andauernde Arbeit, wenn das Lo-
kal nicht vollkommen gelüftet ist... Selbst mit guter Lüftung
werden die Werkstätten sehr heiß und dumpfig nach Dunkelwerden
wegen der vielen erforderlichen Gasflammen."
Und hier ist die Bemerkung Dr. Ords über eine von ihm besuchte
Werkstatt der geringem, für Rechnung eines Zwischenfaktors
(middlernan) betriebnen Klasse:
"Ein Zimmer, haltend 1280 Kubikfuß; anwesende Personen 14; Raum
für jede 91,5 Kubikfuß. Die Arbeiterinnen sahen hier abgearbeitet
und verkommen aus. Ihr Verdienst wurde angegeben auf 7-15 sh. die
Woche, daneben den Tee... Arbeitsstunden von 8-8. Das kleine Zim-
mer, worin diese 14 Personen zusammengedrängt, war schlecht ven-
tiliert. Es waren zwei bewegliche Fenster und ein Kamin, der aber
verstopft war; besondre Lüftungsvorrichtungen irgendwelchen Art
waren nicht vorhanden" (p. 27).
Derselbe Bericht bemerkt mit Bezug auf die Überarbeit der Putzma-
cherinnen:
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1*) Siehe Band 23 unserer Ausgabe, S. 269
#106# I. Abschnitt - Verwandlung des Mehrwerts in Profit usw.
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"Die Verarbeitung junger Frauenzimmer in fashionablen Putzmacher-
läden, herrscht nur für ungefähr 4 Monate des Jahrs in dem mon-
strasen Grad vor, der bei vielen Gelegenheiten die Überraschung
und den Unwillen des Publikums für einen Augenblick hervorgerufen
hat; aber während dieser Monate wird in der Werkstatt als Regel
während voller 14 Stunden täglich gearbeitet, und bei gehäuften
eiligen Aufträgen während ganzer Tage 17-18 Stunden. Während
andrer Jahreszeiten wird in der Werkstatt wahrscheinlich 10-14
Stunden gearbeitet; die zu Hause arbeiten, sind regelmäßig 12
oder 13 Stunden am Werk. In der Konfektion von Damenmänteln, Kra-
gen, Hemden etc., die Arbeit mit der Nähmaschine einbegriffen,
sind die in der gemeinsamen Werkstatt zugebrachten Stunden weni-
ger, meist nicht mehr als 10-12; aber, sagt Dr. Ord, die regelmä-
ßigen Arbeitsstunden sind in gewissen Häusern zu gewissen Zeiten
bedeutender Ausdehnung unterworfen durch besonders bezahlte Über-
stunden, und in andern Häusern wird Arbeit mit nach Hause genom-
men, um nach der regelmäßigen Arbeitszeit fertiggemacht zu wer-
den: Die eine wie die andre Art der Überarbeit, können wir hinzu-
fügen, ist oft zwangsmäßig" (p. 28).
John Simon bemerkt in einer Note zu dieser Seite:
"Herr Radcliffe, der Sekretär der Epidemiological Society, der
besonders viel Gelegenheit hatte, die Gesundheit von Putzmache-
rinnen der ersten Geschäftshäuser zu prüfen, fand auf je 20 Mäd-
chen, die von sich sagten, sie seien 'ganz wohl', nur eine ge-
sund, die übrigen zeigten verschiedne Grade physischer Kräfteab-
spannung, nervöser Erschöpfung und zahlreicher daher stammender
Funktionsstörungen. Er gibt als Gründe an: In erster Instanz die
Länge der Arbeitsstunden, die er im Minimum auf 12 täglich selbst
in der stillen Jahreszeit schätzt; und zweitens Überfüllung und
schlechte Lüftung der Werkstätten, durch Gasflammen verdorbne
Luft, ungenügende oder schlechte Nahrung und Mangel an Sorge für
häuslichen Komfort."
Der Schluß, zu dem der Chef des englischen Gesundheitsamts kommt,
ist der, daß
"es für die Arbeiter praktisch unmöglich ist, auf dem zu bestehn,
was theoretisch ihr erstes Gesundheitsrecht ist: das Recht, daß,
zur Vollendung welcher Arbeit ihr Beschäftiger sie auch zusammen-
bringt, diese gemeinsame Arbeit, soweit an ihm liegt und auf
seine Kosten, von allen unnötigen gesundheitsschädlichen Umstän-
den befreit werden soll; und daß, während die Arbeiter selbst
tatsächlich nicht imstande sind, diese sanitäre Justiz für sich
selbst zu erzwingen, sie ebensowenig, trotz der präsumierten Ab-
sicht des Gesetzgebers, irgendwelchen wirksamen Beistand erwarten
können von den Beamten, die die Nuisances Removal Acts 1*) durch-
zuführen haben" (p. 29). - Ohne Zweifel wird es einige kleine
technische Schwierigkeiten machen, die genaue Grenze zu bestim-
men, von welcher an die Beschäftiger der Regierung unterworfen
werden sollen. Aber... im Prinzip ist der Anspruch auf Gesund-
heitsschonung universell. Und im Interesse von Myriaden Arbeiter
und Arbeiterinnen, deren Leben jetzt ohne Not
-----
1*) gesundheitspolizeilichen Gesetze
#107# 5. Kapitel - Ökonomie in der Anwendung des konst. Kapitals
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verkümmert und verkürzt wird durch die unendlichen physischen
Leiden, die ihre bloße Beschäftigung erzeugt, wage ich die Hoff-
nung auszusprechen, daß die sanitären Bdingungen der Arbeit
ebenso universell unter geeigneten gesetzlichen Schutz gestellt
werden; wenigstens soweit, daß die wirksame Lüftung aller ge-
schloßnen Arbeitsräume sichergestellt und daß in jedem seiner Na-
tur nach ungesunden Arbeitszweig die besondre gesundheitsgefähr-
liche Einwirkung soviel wie möglich beschränkt wird. (p. 31.)
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