Quelle: MEW 25 Das Kapital - Dritter Band
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SECHSTES KAPITEL
Wirkung von Preiswechsel
I. Preisschwankungen des Rohstoffs, ihre direkten Wirkungen auf
die Profitrate
Es wird hier wie bisher vorausgesetzt, daß kein Wechsel in der
Rate des Mehrwerts stattfindet. Diese Voraussetzung ist nötig, um
den Fall in seiner Reinheit zu untersuchen. Es wäre indes mög-
lich, bei gleichbleibender Rate des Mehrwerts, daß ein Kapital
eine wachsende oder abnehmende Zahl von Arbeitern beschäftigte,
infolge der Kontraktion oder Expansion, welche die hier zu be-
trachtenden Preisschwankungen des Rohstoffs bei ihm verursachte.
In diesem Fall könnte die Masse des Mehrwerts wechseln bei kon-
stanter Rate des Mehrwerts. Indes ist auch dies als ein Zwischen-
fall hier zu beseitigen. Wenn Verbesserung der Maschinerie und
Preisänderung des Rohstoffs gleichzeitig wirken, sei es auf die
Masse der von einem gegebnen Kapital beschäftigten Arbeiter, oder
auf die Höhe des Arbeitslohns, so hat man bloß zusammenzustellen
1. die Wirkung, welche die Variation im konstanten Kapital auf
die Profitrate hervorbringt, 2. die Wirkung, welche die Variation
im Arbeitslohn auf die Profitrate hervorbringt; das Fazit ergibt
sich dann von selbst.
Es ist aber im allgemeinen hier zu bemerken, wie bei dem frühern
Fall: Finden Variationen statt, sei es infolge von Ökonomie des
konstanten Kapitals, sei es infolge von Preisschwankungen des
Rohstoffs, so affizieren sie stets die Profitrate, auch wenn sie
den Arbeitslohn, also die Rate und Masse des Mehrwerts, ganz un-
berührt lassen. Sie ändern in m' v/C die Größe von C und damit
den Wert des ganzen Bruchs. Es ist also auch hier ganz gleichgül-
tig - im Unterschied von dem, was sich bei der Betrachtung des
Mehrwerts zeigte - in welchen Produktionssphären diese Variatio-
nen vorgehn; ob die von ihnen berührten Industriezweige Lebens-
mittel für die Arbeiter, resp. konstantes Kapital zur Produktion
solcher Lebensmittel,
#116# I. Abschnitt - Verwandlung des Mehrwerts in Profit usw.
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produzieren oder nicht. Das hier Entwickelte gilt ebensowohl, wo
die Variationen sich in Luxusproduktionen ereignen, und unter Lu-
xusprodukt ist hier alle Produktion zu verstehn, die nicht zur
Reproduktion der Arbeitskraft erheischt ist.
Unter Rohstoff werden hier auch die Hilfsstoffe einbegriffen, wie
Indigo, Kohle, Gas etc. Ferner, soweit die Maschinerie in dieser
Rubrik in Betracht kommt, besteht ihr eigner Rohstoff aus Eisen,
Holz, Leder etc. Ihr eigner Preis ist daher affiziert durch die
Preisschwankungen des Rohmaterials, das in ihre Konstruktion ein-
geht. Sofern ihr Preis erhöht wird durch Preisschwankungen, sei
es des Rohstoffs, woraus sie besteht, sei es des Hilfsstoffs, den
ihr Betrieb verbraucht, fällt pro tanto die Profitrate. Umge-
kehrt, umgekehrt.
In den folgenden Untersuchungen wird man sich beschränken auf
Preisschwankungen des Rohstoffs, nicht soweit er eingeht, sei es
als Rohstoff der Maschinerie, die als Arbeitsmittel fungiert, sei
es als Hilfsstoff in ihrer Anwendung, sondern soweit er als Roh-
stoff in den Produktionsprozeß der Ware eingeht. Nur dies ist
hier zu merken: Der Naturreichtum an Eisen, Kohle, Holz etc., den
Hauptelementen in der Konstruktion und Anwendung von Maschinerie,
erscheint hier als naturwüchsige Fruchtbarkeit des Kapitals und
ist ein Element in der Bestimmung der Profitrate, unabhängig von
der Höhe oder Niedrigkeit des Arbeitslohns.
Da die Profitrate m/C oder = m/(c+v), so ist klar, daß alles, was
einen Wechsel in der Größe von c und deswegen von C verursacht,
ebenfalls einen Wechsel in der Profitrate hervorbringt, auch wenn
in und v und ihr gegenseitigem Verhältnis unverändert bleiben.
Der Rohstoff bildet aber einen Hauptteil des konstanten Kapitals.
Selbst in Industriezweigen, worin kein eigentlicher Rohstoff ein-
geht, geht er ein als Hilfsstoff oder als Bestandteil der Ma-
schine usw., und beeinflussen dadurch seine Preisschwankungen pro
tanto die Profitrate. Fällt der Preis des Rohstoffs um eine Summe
= d, so geht m/C oder m/(c+v) über in m/((c-d) +v). Es steigt da-
her die Profitrate. Umgekehrt. Steigt der Preis des Rohstoffs, so
wird aus m/C oder m/(c+v) nun m(C+d) oder m/((c+d) + v). es fällt
daher die Profitrate. Bei sonst gleichen Umständen fällt und
steigt die Profitrate daher in umgekehrter Richtung wie der Preis
des Rohstoffs. Es ergibt sich hieraus u.a., wie wichtig für indu-
strielle Länder der niedrige Preis des Rohstoffs ist, selbst wenn
die Schwankungen im Preis des Rohstoffs durchaus nicht begleitet
wären von Änderungen in der
#117# 6. Kapitel - Wirkung von Preiswechsel
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Verkaufssphäre des Produkts, also ganz abgesehn von dem Verhält-
nis von Nachfrage und Zufuhr. Es ergibt sich ferner, daß der aus-
wärtige Handel die Profitrate beeinflußt, auch abgesehn von aller
Einwirkung desselben auf den Arbeitslohn durch Verwohlfeilerung
der notwendigen Lebensmittel. Er affiziert nämlich die Preise der
in die Industrie oder Agrikultur eingehenden Roh- oder Hilfs-
stoffe. Der bisher noch durchaus mangelhaften Einsicht in die Na-
tur der Profitrate und in ihre spezifische Verschiedenheit von
der Rate des Mehrwerts ist es geschuldet, wenn einerseits Ökono-
men, die den durch praktische Erfahrung festgestellten, bedeuten-
den Einfluß der Preise des Rohstoffs auf die Profitrate hervorhe-
ben, dies theoretisch ganz falsch erklären (Torrens [15]), wäh-
rend andrerseits an den allgemeinen Prinzipien festhaltende Öko-
nomen, wie Ricardot [16] den Einfluß z.B. des Welthandels auf die
Profitrate verkennen.
Man begreift daher die große Wichtigkeit, für die Industrie, von
Aufhebung oder Ermäßigung der Zölle auf Rohstoffe; diese mög-
lichst frei hereinzulassen, war daher schon Hauptlehre des ratio-
neller entwickelten Schutzzollsystems. Dies war, neben der Ab-
schaffung der Kornzölle [17], Hauptaugeninerk der englischen
Freetraders, die vor allem sorgten, daß auch der Zoll auf Baum-
wolle abgeschafft wurde.
Als ein Beispiel von der Wichtigkeit der Preiserniedrigung, nicht
eines eigentlichen Rohstoffs, sondern eines Hilfsstoffs, der al-
lerdings zugleich Hauptelernent der Nahrung ist, kann der Ge-
brauch des Mehls in der Baumwollindustrie dienen. Schon 1837 be-
rechnete R. H. Greg 13), daß die damals in Großbritannien be-
triebnen 100 000 Kraftstühle und 250 000 Handstühle der Baumwoll-
weberei jährlich 41 Millionen Pfund Mehl zum Kettenschlichten
verbrauchten. Dazu kam noch ein Drittel dieser Quantität beim
Bleichen und andern Prozessen. Den Gesamtwert des so verbrauchten
Mehls berechnet er auf 342 000 Pfd.St. jährlich für die letzten
10 Jahre. Der Vergleich mit den Mehlpreisen auf dem Kontinent
zeigte, daß der durch die Kornzölle den Fabrikanten aufgenötigte
Preisaufschlag für Mehl allein jährlich 170 000 Pfd. St. betragen
hatte. Für 1837 schätzt ihn Greg auf mindestens 200 000 Pfd.St.
und spricht von einer Firma, für die der Preisaufschlag auf Mehl
1000 Pfd.St. jährlich betrug. Infolge hiervon
"haben große Fabrikanten, sorgfältige und berechnende Geschäfts-
männer, gesagt, daß 10 Stunden tägliche Arbeit ganz hinreichend
sein wurden, wären die Kornzölle abgeschafft". ("Rep. Fact., Oct.
1848", p. 98.)
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13 "The Factory Question and the Ten Hours Bill", by R. H. Greg,
London 1837, P. 115.
#118# I. Abschnitt - Verwandlung des Mehrwerts in Profit usw.
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Die Kornzölle wurden abgeschafft; außerdem der Zoll auf Baumwolle
und andre Rohstoffe; aber kaum war dies erreicht, so wurde die
Opposition der Fabrikanten gegen die Zehnstundenbill heftiger als
je. Und als die zehnstündige Fabrikarbeit trotzdem gleich darauf
Gesetz wurde, war die erste Folge ein Versuch allgemeiner Herab-
setzung des Lohns. 1*)
Der Wert der Roh- und Hilfsstoffe geht ganz und auf einmal in den
Wert des Produkts ein, wozu sie verbraucht werden, während der
Wert der Elemente des fixen Kapitals nur nach Maßgabe seines Ver-
schleißes, also nur allmählich in das Produkt eingeht. Es folgt
daraus, daß der Preis des Produkts in einem viel höhern Grad af-
fiziert wird vom Preis des Rohmaterials als von dem des fixen Ka-
pitals, obwohl die Profitrate bestimmt wird durch die Gesamt-
wertsumme des angewandten Kapitals, einerlei, wieviel davon kon-
sumiert ist oder nicht. Es ist aber klar - obgleich dies nur ne-
benbei erwähnt wird, da wir hier noch voraussetzen, daß die Waren
zu ihrem Wert verkauft werden, die durch die Konkurrenz herbeige-
führten Preisschwankungen uns also hier noch nichts angehn -, daß
Ausdehnung oder Einschränkung des Markts vom Preis der einzelnen
Ware abhängt und in umgekehrtem Verhältnis zum Steigen oder Fal-
len dieses Preises steht. In der Wirklichkeit findet sich daher
auch, daß mit steigendem Preis des Rohstoffs der Preis des Fabri-
kats nicht in demselben Verhältnis steigt wie jener und bei
fallendem Preis des Rohstoffs nicht in demselben Verhältnis
sinkt. Daher fällt in dem einen Fall die Profittate tiefer und
steigt in dem andern höher, als bei Verkauf der Waren zu ihrem
Wert der Fall wäre.
Ferner: Masse und Wert der angewandten Maschinerie wächst mit der
Entwicklung der Produktivkraft der Arbeit, aber nicht im selben
Verhältnis wie diese Produktivkraft wächst, d.h. wie diese Ma-
schinerie ein vermehrtes Produkt liefert. In den Industriezweigen
also, worin überhaupt Rohstoff eingeht, d.h. wo der Arbeitsgegen-
stand selbst schon Produkt früherer Arbeit ist, drückt sich die
wachsende Produktivkraft der Arbeit gerade in dem Verhältnis aus,
worin ein größeres Quantum Rohstoff ein bestimmtes Quantum Arbeit
absorbiert, also in der wachsenden Masse Rohstoff, die z.B. in
einer Arbeitsstunde in Produkt verwandelt, zu Ware verarbeitet
wird. Im Verhältnis also wie die Produktivkraft der Arbeit sich
entwickelt, bildet der Wert des Rohstoffs einen stets wachsenden
Bestandteil des Werts des Warenprodukts, nicht nur weil er ganz
in diesen eingeht, sondern weil in jedem aliquoten Teil des Ge-
samtprodukts der Teil, den der Verschleiß der Maschinerie, und
der Teil, den die neu zugesetzte Arbeit
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1*) Vgl. Band 23 unserer Ausgabe, S. 300-302
#119# 6. Kapitel - Wirkung von Preiswechsel
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bildet, beide beständig abnehmen. Infolge dieser fallenden Bewe-
gung wächst verhältnismäßig der andre Wertteii, den der Rohstoff
bildet, wenn dies Wachstum nicht aufgehoben wird durch eine ent-
sprechende Wertabnahme auf seiten des Rohstoffs, die aus der
wachsenden Produktivität der zu seiner eignen Erzeugung angewand-
ten Arbeit hervorgeht. Ferner: Da die Roh- und Hilfsstoffe, ganz
wie der Arbeitslohn, Bestandteile des zirkulierenden Kapitals
bilden, also beständig ganz ersetzt werden müssen aus dem iedes-
maligen Verkauf des Produkts, während von der Maschinerie nur der
Verschleiß, und zwar zunächst in Form eines Reservelonds, zu er-
setzen ist - wobei es in der Tat keineswegs so wesentlich ist, ob
jeder einzelne Verkauf seinen Teil zu diesem Reservefonds bei-
trägt vorausgesetzt nur, daß der ganze Jahresverkauf seinen Jah-
resantell dazu liefert -, so zeigt sich hier wieder, wie ein
Steigen im Preis des Rohstoffs den ganzen Reproduktionsprozeß be-
schneiden oder hemmen kann, indem der aus dem Warenverkauf gelö-
ste Preis nicht hinreicht, alle Elemente der Ware zu ersetzen;
oder indem er es unmöglich macht, den Prozeß auf einer, seiner
technischen Grundlage gemäßen Stufe fortzusetzen, so daß also
entweder nur ein Teil der Maschinerie beschäftigt werden oder die
gesamte Maschinerie nicht die volle gewohnheitsmäßige Zeit arbei-
ten kann.
Endlich wechseln die durch Abfälle verursachten Kosten in direk-
tem Verhältnis zu den Preisschwankungen des Rohstoffs, steigen,
wenn er steigt, und fallen, wenn er fällt. Aber auch hier gibt es
eine Grenze. 1850 hieß es noch:
"Eine Quelle beträchtlichen Verlustes aus der Preissteigerung des
Rohstoffs würde kaum jemandem auffallen, der kein praktischer
Spinner ist, nämlich der Verlust durch Abfall. Man teilt mir mit,
daß, wenn Baumwolle steigt, die Kosten für den Spinner, besonders
der geringem Qualitäten, in höherrn Verhältnis wachsen als der
gezahlte Preisauf schlag anzeigt. Der Abfall beim Spinnen grober
Garne beträgt reichlich 15%; wenn dieser Satz also einen Verlust
von 1/2 d. per Pfund bei einem Baumwollpreis von 3 1/2 d. verur-
sacht, so steigert er den Verlust per Pfund auf 1 d., sobald
Baumwolle auf 7 d. per Pfund steigt." ("Rep. Fact., April 1850",
p. 17.)
Als aber infolge des Amerikanischen Bürgerkriegs die Baumwolle
auf seit fast 100 Jahren unerhörte Preise stieg, lautete der Be-
richt ganz anders:
"Der Preis, der jetzt für Baumwollabfall gegeben wird, und die
Wiedereinführung des Abfalls in die Fabrik als Rohstoff bieten
einigen Ersatz für den Unterschied, im Verlust durch Abfall, zwi-
schen indischer und amerikanischer Baumwolle. Dieser Unterschied
beträgt ungefähr 12 1/2 %. Der Verlust bei Verarbeitung indischer
Baumwolle ist 25%, so daß die Baumwolle in Wirklichkeit dem Spin-
ner 1/4 mehr kostet, als er für sie zahlt. Der Verlust durch Ab-
fall war nicht so wichtig, als amerikanische Baumwolle
#120# I. Abschnitt - Verwandlung des Mehrwerts in Profit usw.
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auf 5 oder 6 d. per Pfund stand, denn er überstieg nicht 3/4 d.
per Pfund; aber er ist jetzt sehr wichtig, wo das Pfund Baumwolle
2 sh. kostet und der Verlust durch Abfall also 6 d. beträgt." 14)
("Rep. Fact., Oct. 1863", p. 106.)
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14) Der Bericht macht im Schlußsatz ein Versehn. Statt 6 d. für
Verlust durch Abfall rnuß es 3 d. heißen. Dieser Verlust beträgt
zwar 25% bei indischer. aber nur 12 1/2 bis 15% bei amerikani-
scher Baumwolle, und von dieser ist hier die Rede, wie auch vor-
her derselbe Satz beim Preis von 5 bis 6 d. richtig berechnet
worden. Allerdings stieg auch bei der amerikanischen Baumwolle,
die während der letzten Jahre des Bürgerkriegs nach Europa kam,
das Verhältnis des Abfalls oft bedeutend gegen früher. - F.E.
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