Quelle: MEW 25 Das Kapital - Dritter Band


       zurück

       #115#
       -----
       SECHSTES KAPITEL
       Wirkung von Preiswechsel
       
       I. Preisschwankungen  des Rohstoffs,  ihre direkten Wirkungen auf
       die Profitrate
       
       Es wird  hier wie  bisher vorausgesetzt,  daß kein Wechsel in der
       Rate des Mehrwerts stattfindet. Diese Voraussetzung ist nötig, um
       den Fall  in seiner  Reinheit zu  untersuchen. Es wäre indes mög-
       lich, bei  gleichbleibender Rate  des Mehrwerts,  daß ein Kapital
       eine wachsende  oder abnehmende  Zahl von Arbeitern beschäftigte,
       infolge der  Kontraktion oder  Expansion, welche  die hier zu be-
       trachtenden Preisschwankungen  des Rohstoffs bei ihm verursachte.
       In diesem  Fall könnte  die Masse des Mehrwerts wechseln bei kon-
       stanter Rate des Mehrwerts. Indes ist auch dies als ein Zwischen-
       fall hier  zu beseitigen.  Wenn Verbesserung  der Maschinerie und
       Preisänderung des  Rohstoffs gleichzeitig  wirken, sei es auf die
       Masse der von einem gegebnen Kapital beschäftigten Arbeiter, oder
       auf die  Höhe des Arbeitslohns, so hat man bloß zusammenzustellen
       1. die  Wirkung, welche  die Variation  im konstanten Kapital auf
       die Profitrate hervorbringt, 2. die Wirkung, welche die Variation
       im Arbeitslohn  auf die Profitrate hervorbringt; das Fazit ergibt
       sich dann von selbst.
       Es ist  aber im allgemeinen hier zu bemerken, wie bei dem frühern
       Fall: Finden  Variationen statt,  sei es infolge von Ökonomie des
       konstanten Kapitals,  sei es  infolge von  Preisschwankungen  des
       Rohstoffs, so  affizieren sie stets die Profitrate, auch wenn sie
       den Arbeitslohn,  also die Rate und Masse des Mehrwerts, ganz un-
       berührt lassen.  Sie ändern  in m'  v/C die Größe von C und damit
       den Wert des ganzen Bruchs. Es ist also auch hier ganz gleichgül-
       tig -  im Unterschied  von dem,  was sich bei der Betrachtung des
       Mehrwerts zeigte  - in welchen Produktionssphären diese Variatio-
       nen vorgehn;  ob die  von ihnen berührten Industriezweige Lebens-
       mittel für  die Arbeiter, resp. konstantes Kapital zur Produktion
       solcher Lebensmittel,
       
       #116# I. Abschnitt - Verwandlung des Mehrwerts in Profit usw.
       -----
       produzieren oder  nicht. Das hier Entwickelte gilt ebensowohl, wo
       die Variationen sich in Luxusproduktionen ereignen, und unter Lu-
       xusprodukt ist  hier alle  Produktion zu  verstehn, die nicht zur
       Reproduktion der Arbeitskraft erheischt ist.
       Unter Rohstoff werden hier auch die Hilfsstoffe einbegriffen, wie
       Indigo, Kohle,  Gas etc. Ferner, soweit die Maschinerie in dieser
       Rubrik in  Betracht kommt, besteht ihr eigner Rohstoff aus Eisen,
       Holz, Leder  etc. Ihr  eigner Preis ist daher affiziert durch die
       Preisschwankungen des Rohmaterials, das in ihre Konstruktion ein-
       geht. Sofern  ihr Preis  erhöht wird durch Preisschwankungen, sei
       es des Rohstoffs, woraus sie besteht, sei es des Hilfsstoffs, den
       ihr Betrieb  verbraucht, fällt  pro tanto  die Profitrate.  Umge-
       kehrt, umgekehrt.
       In den  folgenden Untersuchungen  wird man  sich beschränken  auf
       Preisschwankungen des  Rohstoffs, nicht soweit er eingeht, sei es
       als Rohstoff der Maschinerie, die als Arbeitsmittel fungiert, sei
       es als  Hilfsstoff in ihrer Anwendung, sondern soweit er als Roh-
       stoff in  den Produktionsprozeß  der Ware  eingeht. Nur  dies ist
       hier zu merken: Der Naturreichtum an Eisen, Kohle, Holz etc., den
       Hauptelementen in der Konstruktion und Anwendung von Maschinerie,
       erscheint hier  als naturwüchsige  Fruchtbarkeit des Kapitals und
       ist ein  Element in der Bestimmung der Profitrate, unabhängig von
       der Höhe oder Niedrigkeit des Arbeitslohns.
       Da die Profitrate m/C oder = m/(c+v), so ist klar, daß alles, was
       einen Wechsel  in der  Größe von c und deswegen von C verursacht,
       ebenfalls einen Wechsel in der Profitrate hervorbringt, auch wenn
       in und  v und  ihr gegenseitigem  Verhältnis unverändert bleiben.
       Der Rohstoff bildet aber einen Hauptteil des konstanten Kapitals.
       Selbst in Industriezweigen, worin kein eigentlicher Rohstoff ein-
       geht, geht  er ein  als Hilfsstoff  oder als  Bestandteil der Ma-
       schine usw., und beeinflussen dadurch seine Preisschwankungen pro
       tanto die Profitrate. Fällt der Preis des Rohstoffs um eine Summe
       = d, so geht m/C oder m/(c+v) über in m/((c-d) +v). Es steigt da-
       her die Profitrate. Umgekehrt. Steigt der Preis des Rohstoffs, so
       wird aus m/C oder m/(c+v) nun m(C+d) oder m/((c+d) + v). es fällt
       daher die  Profitrate. Bei  sonst gleichen  Umständen  fällt  und
       steigt die Profitrate daher in umgekehrter Richtung wie der Preis
       des Rohstoffs. Es ergibt sich hieraus u.a., wie wichtig für indu-
       strielle Länder der niedrige Preis des Rohstoffs ist, selbst wenn
       die Schwankungen  im Preis des Rohstoffs durchaus nicht begleitet
       wären von Änderungen in der
       
       #117# 6. Kapitel - Wirkung von Preiswechsel
       -----
       Verkaufssphäre des  Produkts, also ganz abgesehn von dem Verhält-
       nis von Nachfrage und Zufuhr. Es ergibt sich ferner, daß der aus-
       wärtige Handel die Profitrate beeinflußt, auch abgesehn von aller
       Einwirkung desselben  auf den  Arbeitslohn durch Verwohlfeilerung
       der notwendigen Lebensmittel. Er affiziert nämlich die Preise der
       in die  Industrie oder  Agrikultur eingehenden  Roh- oder  Hilfs-
       stoffe. Der bisher noch durchaus mangelhaften Einsicht in die Na-
       tur der  Profitrate und  in ihre  spezifische Verschiedenheit von
       der Rate  des Mehrwerts ist es geschuldet, wenn einerseits Ökono-
       men, die den durch praktische Erfahrung festgestellten, bedeuten-
       den Einfluß der Preise des Rohstoffs auf die Profitrate hervorhe-
       ben, dies  theoretisch ganz  falsch erklären (Torrens [15]), wäh-
       rend andrerseits  an den allgemeinen Prinzipien festhaltende Öko-
       nomen, wie Ricardot [16] den Einfluß z.B. des Welthandels auf die
       Profitrate verkennen.
       Man begreift  daher die große Wichtigkeit, für die Industrie, von
       Aufhebung oder  Ermäßigung der  Zölle auf  Rohstoffe; diese  mög-
       lichst frei hereinzulassen, war daher schon Hauptlehre des ratio-
       neller entwickelten  Schutzzollsystems. Dies  war, neben  der Ab-
       schaffung der  Kornzölle  [17],  Hauptaugeninerk  der  englischen
       Freetraders, die  vor allem  sorgten, daß auch der Zoll auf Baum-
       wolle abgeschafft wurde.
       Als ein Beispiel von der Wichtigkeit der Preiserniedrigung, nicht
       eines eigentlichen  Rohstoffs, sondern eines Hilfsstoffs, der al-
       lerdings zugleich  Hauptelernent der  Nahrung ist,  kann der  Ge-
       brauch des  Mehls in der Baumwollindustrie dienen. Schon 1837 be-
       rechnete R.  H. Greg  13), daß  die damals  in Großbritannien be-
       triebnen 100 000 Kraftstühle und 250 000 Handstühle der Baumwoll-
       weberei jährlich  41 Millionen  Pfund Mehl  zum  Kettenschlichten
       verbrauchten. Dazu  kam noch  ein Drittel  dieser Quantität  beim
       Bleichen und andern Prozessen. Den Gesamtwert des so verbrauchten
       Mehls berechnet  er auf  342 000 Pfd.St. jährlich für die letzten
       10 Jahre.  Der Vergleich  mit den  Mehlpreisen auf  dem Kontinent
       zeigte, daß  der durch die Kornzölle den Fabrikanten aufgenötigte
       Preisaufschlag für Mehl allein jährlich 170 000 Pfd. St. betragen
       hatte. Für  1837 schätzt  ihn Greg auf mindestens 200 000 Pfd.St.
       und spricht  von einer Firma, für die der Preisaufschlag auf Mehl
       1000 Pfd.St. jährlich betrug. Infolge hiervon
       
       "haben große  Fabrikanten, sorgfältige und berechnende Geschäfts-
       männer, gesagt,  daß 10  Stunden tägliche Arbeit ganz hinreichend
       sein wurden, wären die Kornzölle abgeschafft". ("Rep. Fact., Oct.
       1848", p. 98.)
       -----
       13 "The  Factory Question and the Ten Hours Bill", by R. H. Greg,
       London 1837, P. 115.
       
       #118# I. Abschnitt - Verwandlung des Mehrwerts in Profit usw.
       -----
       Die Kornzölle wurden abgeschafft; außerdem der Zoll auf Baumwolle
       und andre  Rohstoffe; aber  kaum war  dies erreicht, so wurde die
       Opposition der Fabrikanten gegen die Zehnstundenbill heftiger als
       je. Und  als die zehnstündige Fabrikarbeit trotzdem gleich darauf
       Gesetz wurde,  war die erste Folge ein Versuch allgemeiner Herab-
       setzung des Lohns. 1*)
       Der Wert der Roh- und Hilfsstoffe geht ganz und auf einmal in den
       Wert des  Produkts ein,  wozu sie  verbraucht werden, während der
       Wert der Elemente des fixen Kapitals nur nach Maßgabe seines Ver-
       schleißes, also  nur allmählich  in das Produkt eingeht. Es folgt
       daraus, daß  der Preis des Produkts in einem viel höhern Grad af-
       fiziert wird vom Preis des Rohmaterials als von dem des fixen Ka-
       pitals, obwohl  die Profitrate  bestimmt wird  durch die  Gesamt-
       wertsumme des  angewandten Kapitals, einerlei, wieviel davon kon-
       sumiert ist  oder nicht. Es ist aber klar - obgleich dies nur ne-
       benbei erwähnt wird, da wir hier noch voraussetzen, daß die Waren
       zu ihrem Wert verkauft werden, die durch die Konkurrenz herbeige-
       führten Preisschwankungen uns also hier noch nichts angehn -, daß
       Ausdehnung oder  Einschränkung des Markts vom Preis der einzelnen
       Ware abhängt  und in umgekehrtem Verhältnis zum Steigen oder Fal-
       len dieses  Preises steht.  In der Wirklichkeit findet sich daher
       auch, daß mit steigendem Preis des Rohstoffs der Preis des Fabri-
       kats nicht  in demselben  Verhältnis steigt  wie  jener  und  bei
       fallendem Preis  des  Rohstoffs  nicht  in  demselben  Verhältnis
       sinkt. Daher  fällt in  dem einen  Fall die Profittate tiefer und
       steigt in  dem andern  höher, als  bei Verkauf der Waren zu ihrem
       Wert der Fall wäre.
       Ferner: Masse und Wert der angewandten Maschinerie wächst mit der
       Entwicklung der  Produktivkraft der  Arbeit, aber nicht im selben
       Verhältnis wie  diese Produktivkraft  wächst, d.h.  wie diese Ma-
       schinerie ein vermehrtes Produkt liefert. In den Industriezweigen
       also, worin überhaupt Rohstoff eingeht, d.h. wo der Arbeitsgegen-
       stand selbst  schon Produkt  früherer Arbeit ist, drückt sich die
       wachsende Produktivkraft der Arbeit gerade in dem Verhältnis aus,
       worin ein größeres Quantum Rohstoff ein bestimmtes Quantum Arbeit
       absorbiert, also  in der  wachsenden Masse  Rohstoff, die z.B. in
       einer Arbeitsstunde  in Produkt  verwandelt, zu  Ware verarbeitet
       wird. Im  Verhältnis also  wie die Produktivkraft der Arbeit sich
       entwickelt, bildet  der Wert des Rohstoffs einen stets wachsenden
       Bestandteil des  Werts des  Warenprodukts, nicht nur weil er ganz
       in diesen  eingeht, sondern  weil in jedem aliquoten Teil des Ge-
       samtprodukts der  Teil, den  der Verschleiß  der Maschinerie, und
       der Teil, den die neu zugesetzte Arbeit
       -----
       1*) Vgl. Band 23 unserer Ausgabe, S. 300-302
       
       #119# 6. Kapitel - Wirkung von Preiswechsel
       -----
       bildet, beide  beständig abnehmen. Infolge dieser fallenden Bewe-
       gung wächst  verhältnismäßig der andre Wertteii, den der Rohstoff
       bildet, wenn  dies Wachstum nicht aufgehoben wird durch eine ent-
       sprechende Wertabnahme  auf seiten  des Rohstoffs,  die  aus  der
       wachsenden Produktivität der zu seiner eignen Erzeugung angewand-
       ten Arbeit  hervorgeht. Ferner: Da die Roh- und Hilfsstoffe, ganz
       wie der  Arbeitslohn, Bestandteile  des  zirkulierenden  Kapitals
       bilden, also  beständig ganz ersetzt werden müssen aus dem iedes-
       maligen Verkauf des Produkts, während von der Maschinerie nur der
       Verschleiß, und  zwar zunächst in Form eines Reservelonds, zu er-
       setzen ist - wobei es in der Tat keineswegs so wesentlich ist, ob
       jeder einzelne  Verkauf seinen  Teil zu  diesem Reservefonds bei-
       trägt vorausgesetzt  nur, daß der ganze Jahresverkauf seinen Jah-
       resantell dazu  liefert -,  so zeigt  sich hier  wieder, wie  ein
       Steigen im Preis des Rohstoffs den ganzen Reproduktionsprozeß be-
       schneiden oder  hemmen kann, indem der aus dem Warenverkauf gelö-
       ste Preis  nicht hinreicht,  alle Elemente  der Ware zu ersetzen;
       oder indem  er es  unmöglich macht,  den Prozeß auf einer, seiner
       technischen Grundlage  gemäßen Stufe  fortzusetzen, so  daß  also
       entweder nur ein Teil der Maschinerie beschäftigt werden oder die
       gesamte Maschinerie nicht die volle gewohnheitsmäßige Zeit arbei-
       ten kann.
       Endlich wechseln  die durch Abfälle verursachten Kosten in direk-
       tem Verhältnis  zu den  Preisschwankungen des Rohstoffs, steigen,
       wenn er steigt, und fallen, wenn er fällt. Aber auch hier gibt es
       eine Grenze. 1850 hieß es noch:
       
       "Eine Quelle beträchtlichen Verlustes aus der Preissteigerung des
       Rohstoffs würde  kaum jemandem  auffallen, der  kein  praktischer
       Spinner ist, nämlich der Verlust durch Abfall. Man teilt mir mit,
       daß, wenn Baumwolle steigt, die Kosten für den Spinner, besonders
       der geringem  Qualitäten, in  höherrn Verhältnis  wachsen als der
       gezahlte Preisauf  schlag anzeigt. Der Abfall beim Spinnen grober
       Garne beträgt  reichlich 15%; wenn dieser Satz also einen Verlust
       von 1/2  d. per Pfund bei einem Baumwollpreis von 3 1/2 d. verur-
       sacht, so  steigert er  den Verlust  per Pfund  auf 1  d., sobald
       Baumwolle auf  7 d. per Pfund steigt." ("Rep. Fact., April 1850",
       p. 17.)
       
       Als aber  infolge des  Amerikanischen Bürgerkriegs  die Baumwolle
       auf seit  fast 100 Jahren unerhörte Preise stieg, lautete der Be-
       richt ganz anders:
       
       "Der Preis,  der jetzt  für Baumwollabfall  gegeben wird, und die
       Wiedereinführung des  Abfalls in  die Fabrik  als Rohstoff bieten
       einigen Ersatz für den Unterschied, im Verlust durch Abfall, zwi-
       schen indischer  und amerikanischer Baumwolle. Dieser Unterschied
       beträgt ungefähr 12 1/2 %. Der Verlust bei Verarbeitung indischer
       Baumwolle ist 25%, so daß die Baumwolle in Wirklichkeit dem Spin-
       ner 1/4  mehr kostet, als er für sie zahlt. Der Verlust durch Ab-
       fall war nicht so wichtig, als amerikanische Baumwolle
       
       #120# I. Abschnitt - Verwandlung des Mehrwerts in Profit usw.
       -----
       auf 5  oder 6  d. per Pfund stand, denn er überstieg nicht 3/4 d.
       per Pfund; aber er ist jetzt sehr wichtig, wo das Pfund Baumwolle
       2 sh. kostet und der Verlust durch Abfall also 6 d. beträgt." 14)
       ("Rep. Fact., Oct. 1863", p. 106.)
       ---
       14) Der  Bericht macht  im Schlußsatz ein Versehn. Statt 6 d. für
       Verlust durch  Abfall rnuß es 3 d. heißen. Dieser Verlust beträgt
       zwar 25%  bei indischer.  aber nur  12 1/2 bis 15% bei amerikani-
       scher Baumwolle,  und von dieser ist hier die Rede, wie auch vor-
       her derselbe  Satz beim  Preis von  5 bis  6 d. richtig berechnet
       worden. Allerdings  stieg auch  bei der amerikanischen Baumwolle,
       die während  der letzten  Jahre des Bürgerkriegs nach Europa kam,
       das Verhältnis des Abfalls oft bedeutend gegen früher. - F.E.

       zurück