Quelle: MEW 25 Das Kapital - Dritter Band
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Vorwort
Endlich ist es mir vergönnt, dies dritte Buch des Marxschen
Hauptwerks, den Abschluß des theoretischen Teils, der Öffentlich-
keit zu übergeben. Bei der Herausgabe des zweiten Buchs, 1885,
meinte ich, das dritte würde wohl nur technische Schwierigkeiten
machen, mit Ausnahme freilich einiger sehr wichtigen Abschnitte.
Dies war in der Tat der Fall; aber von den Schwierigkeiten, die
grade diese, die wichtigsten Abschnitte des Ganzen, mir bereiten
würden, davon hatte ich damals keine Ahnung, ebensowenig wie von
den sonstigen Hindernissen, die die Fertigstellung des Buchs so
sehr verzögern sollten.
Zunächst und zumeist störte mich eine anhaltende Augenschwäche,
die meine Arbeitszeit für Schriftliches jahrelang auf ein Minimum
beschränkte und auch jetzt noch nur ausnahmsweise gestattet, bei
künstlichem Licht die Feder in die Hand zu nehmen. Dazu kamen an-
dre, nicht abzuweisende Arbeiten: Neuauflagen und Übersetzungen
früherer Arbeiten von Marx und mir, also Revisionen, Vorreden,
Ergänzungen, die ohne neue Studien oft unmöglich, usw. Vor allem
die englische Ausgabe des ersten Buchs, für deren Text in letzter
Instanz ich verantwortlich bin und die mir daher viel Zeit wegge-
nommen hat. Wer den kolossalen Anwachs der internationalen sozia-
listischen Literatur während der letzten zehn Jahre, und nament-
lich die Anzahl der Übersetzungen früherer Arbeiten von Marx und
mir, einigermaßen verfolgt hat, der wird mir recht geben, wenn
ich mir Glück wünsche, daß die Anzahl der Sprachen sehr be-
schränkt ist, bei denen ich dem Übersetzer nützlich sein konnte
und also die Verpflichtung hatte, eine Revision seiner Arbeit
nicht von der Hand zu weisen. Der Anwachs der Literatur aber war
nur ein Symptom des entsprechenden Anwachses der internationalen
Arbeiterbewegung selbst. Und dieser legte mir neue Pflichten auf.
Von den ersten Tagen unsrer öffentlichen Tätigkeit an war ein
gutes Stück der Arbeit der Vermittlung zwischen den nationalen
Bewegungen
#8# Vorwort
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der Sozialisten und Arbeiter in den verschiednen Ländern auf Marx
und mich gefallen; diese Arbeit wuchs im Verhältnis der Erstar-
kung der Gesamtbewegung. Während aber bis zu seinem Tode auch
hierin Marx die Hauptlast übernommen hatte, fiel von da an die
stets anschwellende Arbeit mir allein zu. Nun ist inzwischen der
direkte Verkehr der einzelnen nationalen Arbeiterparteien unter-
einander zur Regel geworden und wird es glücklicherweise von Tag
zu Tage mehr; trotzdem wird noch weit öfter, als mir im Interesse
meiner theoretischen Arbeiten lieb ist, meine Hilfe in Anspruch
genommen. Wer aber wie ich über fünfzig Jahre in dieser Bewegung
tätig gewesen, für den sind die hieraus entspringenden Arbeiten
eine unabweisbare, augenblicklich zu erfüllende Pflicht. Wie im
sechzehnten Jahrhundert, gibt es in unsrer bewegten Zeit auf dem
Gebiet der öffentlichen Interessen bloße Theoretiker nur noch auf
Seite der Reaktion, und ebendeswegen sind diese Herren auch nicht
einmal wirkliche Theoretiker, sondern simple Apologeten dieser
Reaktion.
Der Umstand, daß ich in London wohne, bringt es nun mit sich, daß
dieser Parteiverkehr im Winter meist brieflich, im Sommer aber
großenteils persönlich stattfindet. Und daraus, wie aus der Not-
wendigkeit, den Gang der Bewegung in einer stets wachsenden An-
zahl von Ländern und einer noch stärker wachsenden Anzahl von
Preßorganen zu verfolgen, hat sich die Unmöglichkeit für mich
entwickelt, Arbeiten, die keine Unterbrechung dulden, anders als
im Winter, speziell in den ersten drei Monaten des Jahrs fertig-
zustellen. Wenn man seine siebenzig Jahre hinter sich hat, so ar-
beiten die Meynertschen Assoziationsfasern des Gehirns mit einer
gewissen fatalen Bedächtigkeit; man überwindet Unterbrechungen in
schwieriger theoretischer Arbeit nicht mehr so leicht und so
rasch wie früher. Daher kam es, daß die Arbeit eines Winters, so-
weit sie nicht vollständig zum Abschluß geführt hatte, im näch-
sten Winter größtenteils wieder von neuem zu machen war, und dies
fand statt, namentlich mit dem schwierigsten fünften Abschnitt.
Wie der Leser aus den folgenden Angaben ersehen wird, war die Re-
daktionsarbeit wesentlich verschieden von der beim zweiten Buch.
Für das dritte lag eben nur ein, noch dazu äußerst lückenhafter,
erster Entwurf vor. In der Regel waren die Anfänge jedes einzel-
nen Abschnitts ziemlich sorgfältig ausgearbeitet, auch meist sti-
listisch abgerundet. Je weiter man aber kam, desto skizzenmäßiger
und lückenhafter wurde die Bearbeitung, desto mehr Exkurse über
im Lauf der Untersuchung auftauchende Nebenpunkte enthielt sie,
wofür die endgültige Stelle späterer Anordnung überlassen blieb,
desto länger und verwickelter wurden die Perioden, worin die
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Titelblatt der Erstausgabe
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#11# Vorwort
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in statu nascencdi 1*) niedergeschriebenen Gedanken sich aus-
drückten. An mehreren Stellen verraten Handschrift und Darstel-
lung nur zu deutlich das Hereinbrechen und die allmählichen Fort-
schritte eines einer aus Überarbeit entspringenden Krankheitsan-
fälle, die dem Verfasser selbständiges Arbeiten erst mehr und
mehr erschwerten und endlich zeitweilig ganz unmöglich machten.
Und kein Wunder. Zwischen 1863 und 1867 hatte Marx nicht nur die
beiden letzten Bücher des Kapitals im Entwurf und das erste Buch
in druckfertiger Handschrift hergestellt, sondern auch noch die
mit der Gründung und Ausbreitung der Internationalen Arbeiteras-
soziation verknüpfte Riesenarbeit getan. Dafür stellten sich aber
auch schon 1864 und 1865 ernste Anzeichen jener gesundheitlichen
Störungen ein, die schuld daran sind, daß Marx an das II. und
III. Buch nicht selbst die letzte Hand gelegt hat.
Meine Arbeit begann damit, daß ich das ganze Manuskript aus dem
selbst für mich oft nur mühsam zu entziffernden Original in eine
leserliche Kopie hinüberdiktierte, was schon eine ziemliche Zeit
wegnahm. Erst dann konnte die eigentliche Redaktion beginnen. Ich
habe diese auf das Notwendigste beschränkt, habe den Charakter
des ersten Entwurfs, überall wo es die Deutlichkeit zuließ, mög-
lichst beibehalten, auch einzelne Wiederholungen nicht gestri-
chen, da wo sie, wie gewöhnlich bei Marx, den Gegenstand jedesmal
von andrer Seite fassen oder doch in andrer Ausdrucksweise wie-
dergeben. Da, wo meine Änderungen oder Zusätze nicht bloß redak-
tioneller Natur sind, oder wo ich das von Marx gelieferte
tatsächliche Material zu eignen, wenn auch möglichst im Marxschen
Geist gehaltnen Schlußfolgerungen verarbeiten mußte, ist die
ganze Stelle in eckige Klammern gesetzt 2*) und mit meinen In-
itialen bezeichnet. Bei meinen Fußnoten fehlen hier und da die
Klammern; wo aber meine Initialen darunter stehn, bin ich für die
ganze Note verantwortlich.
Wie in einem ersten Entwurf selbstverständlich, finden sich im
Manuskript zahlreiche Hinweise auf später zu entwickelnde Punkte,
ohne daß diese Versprechungen in allen Fällen eingehalten worden
sind. Ich habe sie stehn lassen, da sie die Absichten des Verfas-
sers in Beziehung auf künftige Ausarbeitung darlegen.
Und nun zum einzelnen.
Für den ersten Abschnitt war das Hauptmanuskript nur mit großen
Einschränkungen brauchbar. Gleich anfangs wird die ganze mathema-
tische Berechnung des Verhältnisses zwischen Mehrwertsrate und
Profitrate (was
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1*) im Entstehungszustand - 2*) im vorl. Band in geschweiften
Klammern
#12# Vorwort
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unser Kapitel 3 ausmacht) hineingezogen, während der in unserm
Kap. 1 entwickelte Gegenstand erst später und gelegentlich behan-
delt wird. Hier kamen zwei Ansätze einer Umarbeitung zu Hilfe,
jeder von 8 Seiten Folie; aber auch sie sind nicht durchweg im
Zusammenhang ausgearbeitet. Aus ihnen ist das gegenwärtige Kap. 1
zusammengestellt. Kap.2 ist aus dem Hauptmanuskript. Für Kap. 3
fanden sich eine ganze Reihe unvollständiger mathematischer Bear-
beitungen, aber auch ein ganzes, fast vollständiges Heft aus den
siebziger Jahren, das Verhältnis der Mehrwertsrate zur Profitrate
in Gleichungen darstellend. Mein Freund Samuel Moore, der auch
den größten Teil der englischen Übersetzung des ersten Buchs ge-
liefert, übernahm es, dies Heft für mich zu bearbeiten, wozu er
als alter Cambridger Mathematiker weit besser befähigt war. Aus
seinem Resumé habe ich dann, unter gelegentlicher Benutzung des
Hauptmanuskripts, das Kapitel 3 fertiggestellt. - Von Kap. 4 fand
sich nur der Titel vor. Da aber der hier behandelte Punkt: Wir-
kung des Umschlags auf die Profitrate, von entscheidender Wich-
tigkeit ist, habe ich ihn selbst ausgearbeitet, weshalb das ganze
Kapitel im Text auch in Klammern gesetzt ist. Es stellte sich da-
bei heraus, daß in der Tat die Formel des Kap. 3 für die Pro-
fitrate einer Modifikation bedurfte, um allgemein gültig zu sein.
Vom fünften Kapitel an ist das Hauptmanuskript einzige Quelle für
den Rest des Abschnitts, obwohl auch hier sehr viele Umstellungen
und Ergänzungen nötig geworden sind.
Für die folgenden drei Abschnitte konnte ich mich, abgesehn von
stilistischer Redaktion, fast durchweg an das Originalmanuskript
halten. Einzelne, meist auf die Einwirkung des Umschlags bezügli-
che Stellen waren in Einklang mit dem von mir eingeschobnen Kap.
4 auszuarbeiten; auch sie sind in Klammern gesetzt und mit meinen
Initialen bezeichnet.
Die Hauptschwierigkeit machte Abschnitt V, der auch den verwic-
keltsten Gegenstand des ganzen Buchs behandelt. Und grade hier
war Marx in der Ausarbeitung von einem der erwähnten schweren
Krankheitsanfälle überrascht worden. Hier liegt also nicht ein
fertiger Entwurf vor, nicht einmal ein Schema, dessen Umrisse
auszufüllen wären, sondern nur ein Ansatz von Ausarbeitung, der
mehr als einmal in einen ungeordneten Haufen von Notizen, Bemer-
kungen, Materialien in Auszugsform ausläuft. Ich versuchte an-
fangs, diesen Abschnitt, wie es mir mit dem ersten einigermaßen
gelungen war, durch Ausfüllung der Lücken und Ausarbeitung der
nur angedeuteten Bruchstücke zu vervollständigen, so daß er we-
nigstens annähernd das alles bot, was der Verfasser zu geben be-
absichtigt hatte. Ich habe dies wenigstens dreimal versucht, bin
aber jedesmal gescheitert, und
#13# Vorwort
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in der hiermit verlernen Zeit liegt eine der Hauptursachen der
Verspätung. Endlich sah ich ein, daß es auf diesem Weg nicht
ging. Ich hätte die ganze massenhafte Literatur dieses Gebiets
durchnehmen müssen und am Ende etwas zustande gebracht, was doch
nicht Marx' Buch war. Mir blieb nichts übrig, als die Sache in
gewisser Beziehung übers Knie zu brechen, mich auf möglichste
Ordnung des Vorhandenen zu beschränken, nur die notdürftigsten
Ergänzungen zu machen. Und so wurde ich Frühjahr 1893 mit der
Hauptarbeit für diesen Abschnitt fertig.
Von den einzelnen Kapiteln waren Kap. 21-24 in der Hauptsache
ausgearbeitet. Kap. 25 und 26 erforderten Sichtung des Beleg-
stoffs und Einschiebung von Material, das sich an andren Stellen
vorfand. Kap. 27 und 29 konnten fast ganz nach dem Ms. gegeben,
Kap.28 dagegen mußte stellenweise anders gruppiert werden. Mit
Kap. 30 aber fing die eigentliche Schwierigkeit an. Von hier an
galt es, nicht nur das Material von Belegstellen, sondern auch
den jeden Augenblick durch Zwischensätze, Abschweifungen usw. un-
terbrochnen und an andrer Stelle, oft ganz beiläufig, weiter ver-
folgten Gedankengang in die richtige Ordnung zu bringen. So kam
das 30. Kapitel zustande durch Umstellungen und Ausschaltungen,
für die sich an andrer Stelle Verwendung fand. Kap. 31 war wieder
mehr im Zusammenhang ausgearbeitet. Aber nun folgt im Ms. ein
langer Abschnitt, überschrieben: "Die Konfusion", bestehend aus
lauter Auszügen aus den Parlamentsberichten über die Krisen von
1848 und 1857, worin die Aussagen von dreiundzwanzig Geschäfts-
leuten und ökonomischen Schriftstellern, namentlich über Geld und
Kapital, Goldabfluß, Überspekulation etc. zusammengestellt und
stellenweise humoristisch kurz glossiert sind. Hier sind, sei es
durch die Fragenden, sei es durch die Antwortenden, so ziemlich
alle damals gangbaren Ansichten über das Verhältnis von Geld und
Kapital vertreten, und die hier zu Tag tretende "Konfusion" über
das, was auf dem Geldmarkte Geld und was Kapital sei, wollte Marx
kritisch und satirisch behandeln. Ich habe mich nach vielen Ver-
suchen überzeugt, daß eine Herstellung dieses Kapitels unmöglich
ist; das Material, besonders das von Marx glossierte, ist da ver-
wandt worden, wo sich ein Zusammenhang dafür vorfand. Hierauf
folgt in ziemlicher Ordnung das von mir im Kap. 32 Unterge-
brachte, unmittelbar darauf aber ein neuer Stoß von Auszügen aus
den Parlamentsberichten über alle möglichen, in diesem Abschnitt
berührten Gegenstände, vermischt mit längeren oder kürzeren Be-
merkungen des Verfassers. Gegen das Ende konzentrieren sich die
Auszüge und Glossen mehr und mehr auf die Bewegung der Geldme-
talle und des Wechselkurses,
#14# Vorwort
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und schließen wieder mit allerhand Nachträglichem. Das
"Vorkapitalistische" (Kap. 36) war dagegen vollständig ausgear-
beitet.
Aus all diesem Material, von der "Konfusion" an, und soweit es
nicht schon an früheren Stellen untergebracht, habe ich die Kapi-
tel 33-35 zusammengestellt. Dies ging natürlich nicht ab ohne
starke Einschübe meinerseits zur Herstellung des Zusammenhangs.
Soweit diese Einschübe nicht bloß formeller Natur, sind sie als
die meinigen ausdrücklich bezeichnet. Es ist mir auf diese Weise
endlich gelungen, alle irgendwie zur Sache gehörenden Aussprüche
des Verfassers im Text unterzubringen; es ist nichts weggefallen
als ein geringer Teil der Auszüge, der entweder anderweitig Ge-
gebnes nur wiederholte oder aber Punkte berührte, auf die im Ms.
nicht näher eingegangen ist.
Der Abschnitt über Grundrente war viel vollständiger ausgearbei-
tet, wenn auch keineswegs geordnet, wie schon daraus hervorgeht,
daß Marx es im Kap.43 (im Ms. das letzte Stück des Abschnitts
über Rente) nötig findet, den Plan des ganzen Abschnitts kurz zu
rekapitulieren. Und dies war für die Herausgabe um so erwünsch-
ter, als das Ms. anfängt mit Kap. 37, worauf Kap. 45-47 folgen
und erst hierauf die Kap. 38-44. Die meiste Arbeit machten die
Tabellen bei der Differentialrente II und die Entdeckung, daß in
Kap. 43 der hier zu behandelnde dritte Fall dieser Rentenart gar
nicht untersucht war.
Für diesen Abschnitt über Grundrente hatte Marx in den siebziger
Jahren ganz neue Spezialstudien gemacht. Er hatte die nach der
Reform von 1861 in Rußland unvermeidlich gewordnen statistischen
Aufnahmen und sonstigen Veröffentlichungen über Grundeigentum,
die ihm von russischen Freunden in wünschenswertester Vollstän-
digkeit zur Verfügung gestellt worden, jahrelang in der Ursprache
studiert und ausgezogen und beabsichtigte, sie bei der Neubear-
beitung dieses Abschnitts zu verwerten. Bei der Mannigfaltigkeit
der Formen sowohl des Grundbesitzes wie der Ausbeutung der acker-
bauenden Produzenten in Rußland, sollte im Abschnitt über Grund-
rente Rußland dieselbe Rolle spielen wie im Buch I, bei der indu-
striellen Lohnarbeit, England. Leider blieb ihm die Ausführung
dieses Plans versagt.
Endlich der siebente Abschnitt lag in vollständiger Niederschrift
vor, aber nur als erster Entwurf, dessen endlos verschlungne Pe-
rioden erst zerlegt werden mußten, um druckbar zu werden. Vom
letzten Kapitel existiert nur der Anfang. Hier sollten die den
drei großen Revenueformen: Grundrente, Profit, Arbeitslohn ent-
sprechenden drei großen Klassen der entwickelten kapitalistischen
Gesellschaft - Grundeigentümer, Kapitalisten,
#15# Vorwort
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Lohnarbeiter - und der mit ihrer Existenz notwendig gegebne Klas-
senkarnpf als tatsächlich vorliegendes Ergebnis der kapitalisti-
schen Periode dargestellt werden. Dergleichen Schlußzusammenfas-
sungen pflegte Marx sich für die Schlußredaktion, kurz vor dem
Druck, vorzubehalten, wo dann die neuesten geschichtlichen Ereig-
nisse ihm mit nie versagender Regelmäßigkeit die Belege seiner
theoretischen Entwicklungen in wünschenswertester Aktualität lie-
ferten.
Die Zitate und Belegstellen sind, wie schon im II. Buch, bedeu-
tend spärlicher als im ersten. Zitate aus Buch I geben die Sei-
tenzahlen der 2. und 3. Auflage. Wo im Ms. auf theoretische Aus-
sprüche früherer Ökonomen verwiesen wird, ist meist nur der Name
angegeben, die Stelle selbst sollte bei der Schlußbearbeitung an-
gezogen werden. Ich habe das natürlich so lassen müssen. Von Par-
lamentsberichten sind nur vier, aber diese auch ziemlich reich-
lich benutzt worden. Es sind folgende:
1. "Reports from Committees" (des Unterhauses), Vol. VIII,
"Commercial Distress", Vol. II, Part 1, 1847/48, Minutes of Evi-
dence. - Zitiert als: "Commercial Distress", 1847/48.
2. Secret Committee of the House of Lords on Commercial Distress
1847, Report printed 1848, Evidence printed 1857" (weil 1848 für
zu komprornittierlich angesehn). - Zitiert als: C. D., 1848-1857.
3. Report: Bank Acts, 1857. - Ditto, 1858. - Berichte des Unter-
haus, Ausschusses über die Wirkung der Bankakte von 1844 und
1845, mit Zeugenaussagen. - Zitiert als: B. A. (zuweilen auch B.
C.), 1857, resp. 1858.
Das vierte Buch - die Geschichte der Mehrwertstheorie - werde ich
in Angriff nehmen, sobald es mir irgendwie möglich wird. 1*)
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Im Vorwort zum zweiten Band des "Kapital" hatte ich mich abzufin-
den mit den Herren, die dazumal ein großes Geschrei erhoben, weil
sie "in Rodbertus die geheime Quelle und einen überlegnen Vorgän-
ger von Marx" gefunden haben wollten. Ich bot ihnen Gelegenheit,
zu zeigen, "was die Rodbertussche Ökonomie leisten kann"; ich
forderte sie auf, nachzuweisen, "wie nicht nur ohne Verletzung
des Wertgesetzes, sondern vielmehr auf Grundlage desselben, eine
gleiche Durchschnittsprofitrate sich bilden kann und muß". Die-
selben Herren, die damals aus subjektiven oder objektiven, in der
Regel aber alles andre als wissenschaftlichen Gründen den guten
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1*) Siehe Band 26 unserer Ausgabe
#16# Vorwort
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Rodbertus als einen ökonomischen Stern allererster Größe ausposa-
unten sind ausnahmslos die Antwort schuldig geblieben. Dagegen
haben andre Leute es der Mühe wert gehalten, sich mit dem Problem
zu beschäftigen. In seiner Kritik des II. Bandes ("Conrads Jahr-
bücher" [1], XI, 5, 1885, S. 452-465) nimmt Prof. W. Lexis die
Frage auf, wenn er auch keine direkte Lösung geben will. Er sagt:
"Die Lösung jenes Widerspruchs" (zwischen dem Ricardo-Marxschen
Wertgesetz und der gleichen Durchschnittsprofitrate) "ist unmög-
lich, wenn die verschiednen Warenarten vereinzelt betrachtet wer-
den und ihr Wert gleich ihrem Tauschwert und dieser gleich oder
proportional ihrem Preise sein soll."
Sie ist nach ihm nur möglich, wenn man
"für die einzelnen Warenarten die Bemessung des Wertes nach der
Arbeit aufgibt und nur die Warenproduktion im ganzen und die Ver-
teilung derselben unter die Gesamtklassen der Kapitalisten und
Arbeiter ins Auge faßt... Von dem Gesamtprodukt erhält die Arbei-
terklasse nur einen gewissen Teil... der andre, den Kapitalisten
zufallende Teil bildet im Manschen Sinne das Mehrprodukt und dem-
nach auch... den Mehrwert. Die Mitglieder der Kapitalistenklasse
verteilen nun diesen gesamten Mehrwert unter sich, nicht nach
Maßgabe der von ihnen beschäftigten Arbeiterzahl, sondern nach
Verhältnis der von jedem gestellten Kapitalgröße, wobei auch
Grund und Boden als Kapitalwert mit in Rechnung gezogen wird."
Die Marxschen, durch die in den Waren verkörperten Arbeitseinhei-
ten bestimmten Idealwerte entsprechen nicht den Preisen, können
aber als Ausgangspunkt einer Verschiebung betrachtet werden, die
zu den wirklichen Preisen führt. Die letzteren sind dadurch be-
dingt, daß gleich große Kapitalien gleich große Gewinne verlan-
gen." Dadurch werden einige Kapitalisten für ihre Waren höhere
Preise erhalten als deren Idealwerte, andre erhalten niedrigere.
Da aber die Einbußen und Zulagen an Mehrwert sich innerhalb der
Kapitalistenklasse gegenseitig aufheben, so ist die Gesamtgröße
des Mehrwerts dieselbe, als wenn alle Preise den Idealwerten der
Waren proportional wären."
Man sieht, die Frage ist hier nicht entfernt gelöst, aber sie
ist, wenn auch in laxer und verfluchender Weise, doch im ganzen
richtig g e s t e l l t. Und dies ist in der Tat mehr, als wir
von jemand erwarten dürfen, der sich, wie der Verfasser, mit ei-
nem gewissen Stolz als einen "Vulgärökonomen" hinstellt; es ist
gradezu überraschend, wenn man es mit den später zu behandelnden
Leistungen andrer Vulgärökonomen vergleicht. Die Vulgärökonomie
des Verfassers ist allerdings eigner Art. Er sagt, der Kapitalge-
winn k ö n n e allerdings in der Marxschen Weise abgeleitet
werden, aber nichts z w i n g e zu dieser Auffassung. Im Gegen-
teil. Die Vulgärökonoe habe eine, mindestens plausiblere Erklä-
rungsweise:
#17# Vorwort
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"Die kapitalistischen Verkäufer, der Rohstoffproduzent, der Fa-
brikant, der Großhändler, der Kleinhändler, machen bei ihren Ge-
schäften Gewinn, indem jeder teurer verkauft als er kauft, also
den Selbstkostenpreis seiner Ware um einen gewissen Prozentsatz
erhöht. Nur der Arbeiter ist nicht imstande, einen ähnlichen
Wertzuschlag durchzusetzen, er ist vermöge seiner ungünstigen
Lage dem Kapitalisten gegenüber genötigt, seine Arbeit für den
Preis zu verkaufen, den sie ihm selbst kostet, nämlich für den
notwendigen Lebensunterhalt... so behalten diese Preiszuschläge
den kaufenden Lohnarbeitern gegenüber ihre volle Bedeutung und
bewirken die Übertragung eines Teils des Wertes des Gesarntpro-
dukts auf die Kapitalistenklasse."
Nun bedarf es keiner großen Anstrengung des Denkens, um einzu-
sehn, daß diese "vulgärökonomische" Erklärung des Kapitalprofits
praktisch auf dieselben Resultate hinausläuft wie die Marxsche
Mehrwertstheorie; daß die Arbeiter nach der Lexisschen Auffassung
in genau derselben "ungünstigen Lage" sich befinden wie bei Marx;
daß sie ganz ebensosehr die Geprellten sind, da jeder Nichtarbei-
ter über dem Preis verkaufen kann, der Arbeiter aber nicht; und
daß auf Grundlage dieser Theorie sich ein mindestens ebenso plau-
sibler Vulgärsozialismus aufbauen läßt, wie der hier in England
auf Grundlage der Jevons-Mengerschen Gebrauchswerts- und Grenz-
nutzentheorie [2] aufgebaute. Ja, ich vermute sogar, würde Herrn
George Bernard Shaw diese Profittheorie bekannt, er wäre imstande
mit beiden Händen zuzugreifen, Jevons und Karl Menger den Ab-
schied zu geben und auf diesem Felsen die Fabianische Kirche der
Zukunft neu zu errichten.
In Wirklichkeit aber ist diese Theorie nur eine Umschreibung der
Marxschen. Woraus werden denn die sämtlichen Preiszuschläge be-
stritten? Aus dem "Gesamtprodukt" der Arbeiter. Und zwar, indem
die Ware "Arbeit", oder, wie Marx sagt, Arbeitskraft, unter ihrem
Preis verkauft werden muß. Denn wenn es die gemeinsame Eigen-
schaft aller Waren ist, teurer verkauft zu werden als die Produk-
tionskosten, wenn aber hiervon die Arbeit allein ausgenommen ist
und stets nur zu den Produktionskosten verkauft wird, so wird sie
eben unter dem Preis verkauft, der die Regel ist in dieser vul-
gärökonomischen Welt. Der infolgedessen dem Kapitalisten, resp.
der Kapitalistenklasse zufallende Extraprofit besteht eben darin,
und kann in letzter Instanz nur dadurch zustande kommen, daß der
Arbeiter, nach Reproduktion des Ersatzes für den Preis seiner Ar-
beit, noch weiteres Produkt produzieren muß, für das er nicht be-
zahlt wird - Mehrprodukt, Produkt unbezahlter Arbeit, Mehrwert.
Lexis ist ein in der Wahl seiner Ausdrücke äußerst vorsichtiger
Mann. Er sagt nirgends gradeaus, daß obige Auffassung die seinige
ist; ist sie es aber, so ist sonnenklar, daß wir
#18# Vorwort
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es hier nicht mit einem jener gewöhnlichen Vulgärökonomen zu tun
haben, von denen er selbst sagt, daß jeder einzelne in den Augen
von Marx "bestenfalls nur ein hoffnungsloser Schwachkopf ist",
sondern mit einem als Vulgärökonomen verkleideten Marxisten. Ob
diese Verkleidung bewußt oder unbewußt vor sich gegangen, ist
eine uns hier nicht interessierende psychologische Frage. Wer das
ergründen möchte, wird vielleicht auch Untersuchen, wie es mög-
lich war, daß zu einer gewissen Zeit ein so gescheiter Mann, wie
Lexis es unzweifelhaft ist, auch einmal einen solchen Blödsinn
wie den Bimetallismus verteidigen konnte. [3]
Der erste, der die Frage wirklich zu beantworten versuchte, war
Dr. Conrad Schmidt, "Die Durchschnittsprofitrate auf Grundlage
des Marx'schen Werthgesetzes", Dietz, Stuttgart 1889. Schmidt
sucht die Details der Marktpreisbildung in Einklang zu bringen
sowohl mit dem Wertgesetz wie mit der Durchschnittsprofitrate.
Der industrielle Kapitalist erhält in seinem Produkt erstens Er-
satz für sein vorgeschoßnes Kapital, zweitens ein Mehrprodukt,
wofür er nichts bezahlt hat. Um dies Mehrprodukt aber zu erhal-
ten, muß er sein Kapital in der Produktion vorschießen; d.h. er
muß ein bestimmtes Quantum vergegenständlichter Arbeit anwenden,
um sich dies Mehrprodukt aneignen zu können. Für den Kapitalisten
ist also dies sein vorgeschoßnes Kapital das Quantum vergegen-
ständlichter Arbeit, das gesellschaftlich nötig ist, um ihm dies
Mehrprodukt zu verschaffen. Für jeden andern industriellen Kapi-
talisten gilt dasselbe. Da nun die Produkte dem Wertgesetz gemäß
sich gegeneinander austauschen im Verhältnis der zu ihrer Produk-
tion gesellschaftlich notwendigen Arbeit, und da für den Kapita-
listen die zur Herstellung seines Mehrprodukts notwendige Arbeit
eben die in seinem Kapital aufgehäufte, vergangene Arbeit ist, so
folgt, daß sich die Mehrprodukte austauschen nach dem Verhältnis
der zu ihrer Produktion erheischten Kapitale, nicht aber nach dem
der w i r k l i c h in ihnen verkörperten Arbeit. Der auf jede
Kapitaleinheit fallende Anteil ist also gleich der Summe aller
produzierten Mehrwerte, dividiert durch die Summe der darauf ver-
wandten Kapitale. hernach werfen gleiche Kapitale in gleichen
Zeiträumen gleiche Profite ab, und dies wird bewirkt, indem der
so berechnete Kostpreis des Mehrprodukts, d.h. der Durch-
schnittsprofit, auf den Kostpreis des bezahlten Produkts geschla-
gen und zu diesem erhöhten Preise beides, bezahltes und unbezahl-
tes Produkt, verkauft wird. Die Durchschnittsprofitrate ist her-
gestellt, trotzdem daß, wie Schmidt meint, die Durchschnitts-
preise der einzelnen Waren nach dem Wertgesetz bestimmt werden.
Die Konstruktion ist äußerst sinnreich, sie ist ganz nach Hegel-
schem
#19# Vorwort
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Muster, aber sie teilt das mit der Mehrzahl der Hegelschen, daß
sie nicht richtig ist. Mehrprodukt oder bezahltes Produkt macht
keinen Unterschied: soll das Wertgesetz auch für die Durch-
schnittspreise unmittelbar gelten, so müssen beide verkauft wer-
den im Verhältnis der zu ihrer Herstellung erforderlichen und
darin verbrauchten gesellschaftlich nötigen Arbeit. Das Wertge-
setz richtet sich von vornherein gegen die aus der kapitalisti-
schen Vorstellungsweise überkommene Ansicht, als sei die aufge-
häufte vergangne Arbeit, woraus das Kapital besteht, nicht bloß
eine bestimmte Summe von fertigem Wert, sondern, weil Faktor der
Produktion und Profitbildung, auch wertbildend, also Quelle von
mehr Wert, als es selbst hat; es stellt fest, daß diese Eigen-
schaft nur der lebendigen Arbeit zukommt. Daß die Kapitalisten im
Verhältnis der Größe ihrer Kapitale gleiche Profite erwarten, ih-
ren Kapitalvorschuß also als eine Art Kostpreis ihres Profits an-
sehn, ist bekannt. Wenn aber Schmidt diese Vorstellung benutzt,
um vermittelst ihrer die nach der Durchschnittsprofitrate berech-
neten Preise in Einklang mit dem Wertgesetz zu bringen, so hebt
er das Wertgesetz selbst auf, indem er eine ihm total widerspre-
chende Vorstellung diesem Gesetz als mitbestimmenden Faktor ein-
verleibt.
Entweder ist die aufgehäufte Arbeit wertbildend neben der leben-
digen. Dann gilt das Wertgesetz nicht.
Oder sie ist nicht wertbildend. Dann ist Schmidts Beweisführung
unverträglich mit dem Wertgesetz.
Schmidt wurde auf diesen Seitenweg geführt, als er der Lösung
schon sehr nahe war, weil er glaubte, eine womöglich mathemati-
sche Formel finden zu müssen, die den Einklang des Durchschnitts-
preises jeder einzelnen Ware mit dem Wertgesetz nachweisen ließe.
Wenn er aber hier, ganz in der Nähe des Ziels, einem Irrweg
folgte, so beweist der übrige Inhalt der Broschüre, mit welchem
Verständnis er aus den beiden ersten Büchern des "Kapital" wei-
tere Schlüsse gezogen hat. Ihm gebührt die Ehre, für die bisher
unerklärliche sinkende Tendenz der Profitrate die richtige, bei
Marx im dritten Abschnitt des dritten Buchs gegebne Erklärung
selbständig gefunden zu haben; desgleichen die Ableitung des Han-
delsprofits aus dem industriellen Mehrwert und eine ganze Reihe
von Bemerkungen über Zins und Grundrente, wodurch Dinge antizi-
piert werden, die bei Marx im vierten und fünften Abschnitt des
dritten Buchs entwickelt sind.
In einer späteren Arbeit ("Neue Zeit", 1892/93, Nr. 3 und 4) ver-
sucht Schmidt einen andern Weg der Lösung. Dieser läuft darauf
hinaus, daß die Konkurrenz es ist, die die Durchschnittspro-
fitrate herstellt, indem sie Kapital aus Produktionszweigen mit
Unterprofit in andre auswandern
#20# Vorwort
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macht, wo Überprofit gemacht wird. Daß die Konkurrenz die große
Ausgleicherin der Profite ist, ist nicht neu. Aber nun versucht
Schmidt den Nachweis, daß diese Nivellierung der Profite iden-
tisch ist mit der Reduzierung des Verkaufspreises von im Übermaß
produzierten Waren auf das Wertmaß, das die Gesellschaft nach dem
Wertgesetz dafür zahlen kann. Warum auch dies nicht zum Ziel füh-
ren konnte, ergibt sich hinreichend aus den Auseinandersetzungen
von Marx im Buche selbst.
Nach Schmidt ging P. Fireman an das Problem ("Conrads Jahrbü-
cher", Dritte Folge, 111, S. 793). Ich gehe nicht ein auf seine
Bemerkungen über sonstige Seiten der Marxschen Darstellung. Sie
beruhen auf dem Mißverständnis, daß Marx da definieren will, wo
er entwickelt, und daß man überhaupt bei Marx nach fix und ferti-
gen, ein für allemal gültigen Definitionen suchen dürfe. Es ver-
steht sich ja von selbst, daß da, wo die Dinge und ihre gegensei-
tigem Beziehungen nicht als fixe, sondern als veränderliche auf-
gefaßt werden, auch ihre Gedankenabbilder, die Begriffe, eben-
falls der Veränderung und Umbildung unterworfen sind; daß man sie
nicht in starre Definitionen einkapselt, sondern in ihrem histo-
rischen resp. logischen Bildungsprozeß entwickelt. Danach wird es
wohl klar sein, warum Marx am Anfang des ersten Buchs, wo er von
der einfachen Warenproduktion als seiner historischen Vorausset-
zung ausgeht, um dann weiterhin von dieser Basis aus zum Kapital
zu kommen - warum er da eben von der einfachen Ware ausgeht und
nicht von einer begrifflich und geschichtlich sekundären Form,
von der schon kapitalistisch modifizierten Ware; was freilich Fi-
reman platterdings nicht einsehn kann. Diese und andre Neben-
dinge, die noch zu mancherlei Einwendungen Anlaß geben könnten,
lassen wir lieber links liegen und gehn sofort zum Kern der Sache
über. Während dem Verfasser die Theorie lehrt, daß der Mehrwert
bei gegebner Mehrwertsrate der Anzahl der angewandten Arbeits-
kräfte proportional ist, zeigt ihm die Erfahrung, daß bei gegeb-
ner Durchschnittsprofitrate der Profit proportional ist der Größe
des angewandten Gesamtkapitals. Dies erklärt Fireman dadurch, daß
der Profit eine nur konventionelle (das heißt bei ihm: einer be-
stimmten gesellschaftlichen Formation angehörige, mit ihr ste-
hende und fallende) Erscheinung ist; seine Existenz ist einfach
an das Kapital geknüpft; dies, wenn es stark genug ist, sich
einen Profit zu erzwingen, ist durch die Konkurrenz genötigt,
sich auch eine für alle Kapitale gleiche Profitrate zu erzwingen.
Ohne gleiche Profitrate ist eben keine kapitalistische Produktion
möglich; diese Produktionsform vorausgesetzt, kann für jeden Ein-
zelkapitalisten die Masse des Profits nur abhängen, bei gegebner
Profitrate, von der Größe seines Kapitals. Andrerseits besteht
der Profit
#21# Vorwort
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aus Mehrwert, unbezahlter Arbeit. Und wie geschieht hier die Ver-
wandlung des Mehrwerts, dessen Größe sich nach der Ausbeutung der
Arbeit richtet, in Profit, dessen Größe sich nach der Größe des
dazu erforderten Kapitals richtet?
"Einfach dadurch, daß in allen Produktionszweigen, wo das Ver-
hältnis zwischen... konstantem und variablem Kapital am größten
ist, die Waren über ihrem Wert verkauft werden, das heißt aber
auch, daß in denienigen Produktionszweigen, wo das Verhältnis
konstantes Kapital : variables Kapital = c:v am kleinsten ist,
die Waren unter ihrem Wert verkauft werden, und daß nur, wo das
Verhältnis c:v eine bestimmte Mittelgröße darstellt, die Waren zu
ihrem wahren Wert veräußert werden... Ist diese Inkongruenz ein-
zelner Preise mit ihren respektiven Werten eine Widerlegung des
Wertprinzips? Keineswegs. Denn dadurch, daß die Preise einiger
Waren in gleichem Maß über den Wert steigen, wie die Preise
andrer unter den Wert sinken, bleibt die Totalsumme der Preise
der Totalsumme der Werte gleich... 'in letzter Instanz' ver-
schwindet die Inkongruenz.. Diese Inkongruenz ist eine "Störung";
in den exakten Wissenschaften aber pflegt man eine berechenbare
Störung nie als eine Widerlegung eines Gesetzes zu betrachten".
Man vergleiche hiermit die entsprechenden Stellen in Kap. IX, und
man wird finden, daß Fireman hier in der Tat den Finger auf den
entscheidenden Punkt gelegt hat. Wie vieler Mittelglieder es aber
auch nach dieser Entdeckung noch bedürfte, um Fireman zu befähi-
gen, die volle handgreifliche Lösung des Problems herauszuarbei-
ten, beweist die unverdient kühle Aufnahme, die sein so bedeuten-
der Artikel gefunden hat. So viele sich auch für das Problem in-
teressierten, sie alle fürchteten noch immer, sich die Finger zu
verbrennen. Und dies erklärt sich nicht nur aus der unvollendeten
Form, worin Fireman seinen Fund gelassen hat, sondern auch aus
der unleugbaren Mangelhaftigkeit sowohl seiner Auffassung der
Marxschen Darstellung, wie seiner eignen, auf dieser Auffassung
begründeten allgemeinen Kritik derselben.
Wo es Gelegenheit gibt, sich bei einer schwierigen Sache zu bla-
mieren, da fehlt Herr Professor Julius Wolf in Zürich nie. Das
ganze Problem, erzählt er uns ("Conrads Jahrbücher", Dritte
Folge, II, S. 352 und ff.), löst sich durch den relativen Mehr-
wert. Die Produktion des relativen Mehrwerts beruht auf Vermeh-
rung des konstanten Kapitals gegenüber dem variablen.
"Ein Plus an konstantem Kapital hat ein Plus an Produktivkraft
der Arbeiter zur Voraussetzung. Da dies Plus an Produktivkraft
aber (auf dem Wege über die Verbilligung der Lebensmitteln ein
Plus an Mehrwert nach sich zieht, ist die direkte Beziehung zwi-
schen wachsendem Mehrwert und wachsender Beteiligung des konstan-
ten
#22# Vorwort
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Kapitals im Gesamtkapital hergestellt. Ein Mehr an konstantem Ka-
pital weist ein Mehr an Produktivkraft der Arbeit aus. Bei
gleichbleibendem variablem und wachsendem konstantem Kapital muß
daher der Mehrwert steigen im Einklang rnit Marx. Diese Frage war
uns aufgegeben."
Zwar sagt Marx an hundert Stellen des ersten Buchs das grade Ge-
genteil; zwar ist die Behauptung, nach Marx steige der relative
Mehrwert, bei fallendem variablem Kapital, im Verhältnis wie das
konstante Kapital steigt, von einer Erstaunlichkeit, die jedes
parlamentarischen Ausdrucks spottet; zwar beweist Herr Julius
Wolf in jeder Zelle, daß er weder relativ noch absolut das ge-
ringste verstanden hat weder von absolutem noch von relativem
Mehrwert; zwar sagt er selbst:
"man scheint sich auf den ersten BIick hier wirklich in einem
Nest von Ungereimtheiten zu befinden",
was beiläufig das einzige wahre Wort in seinem ganzen Artikel
ist. Aber was tut das alles? Herr Julius Wolf ist so stolz auf
seine geniale Entdeckung, daß er nicht unterlassen kann, dem Marx
dafür posthume Lobspr,üche zu erteilen und diesen seinen eignen
unergründlichen Unsinn anzupreisen als einen
"neuerlichen Beweis der Schärfe und Weitsichtigkeit, mit der
sein" (Marx') kritisches System der kapitalistischen Wirtschaft
entworfen ist"!
Aber es kommt noch besser: Herr Wolf sagt:
"Ricardo hat ebensowohl behauptet: gleicher Kapitalaufwand, glei-
cher Mehrwert (Profit), wie: gleicher Arbeitsaufwand, gleicher
Mehrwert (der Masse nach). Und die Frage war nun: wie reimt sich
das eine mit dem andern. Marx hat die Frage in dieser Form nun
aber nicht anerkannt. E r h a t (i m d r i t t e n B a n d)
zweifellos nachgewiesen, daß die zweite Behauptung nicht unbe-
dingte Konsequenz des Wertgesetzes sei, ja daß sie seinem Wertge-
setze widerspreche und also... direkt zu verwerfen sei."
Und nun untersucht er, wer von uns beiden sich geirrt hat, ich
oder Marx. Daß er selbst in der Irre spazierengeht, daran denkt
er natürlich nicht.
Es hieße meine Leser beleidigen und die Komik der Situation total
verkennen, wollte ich nur ein Wort verlieren über diese Pracht-
stelle. Ich füge nur noch hinzu: Mit derselben Kühnheit, womit er
damals bereits sagen konnte, was "Marx im dritten Band zweifellos
nachgewiesen", benutzt er die Gelegenheit, einen angeblichen Pro-
fessorenklatsch zu berichten, wonach Conrad Schmidts obige
Schrift "von Engels direkt inspiriert sei". Herr Julius Wolf! In
der Welt, worin Sie leben und weben, mag es üblich
#23#
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Titelblatt der ersten russischen Ausgabe
des dritten Bandes des "Kapitals"
#24#
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#25# Vorwort
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sein, daß der Mann, der andern öffentlich ein Problem stellt,
seine Privatfreunde im stillen mit der Lösung bekannt macht. Daß
Sie dazu kapabel sind, will ich Ihnen gern glauben. Daß in der
Welt, worin ich verkehre, man sich nicht zu solchen Erbärmlich-
keiten herabzulassen braucht, beweist Ihnen das gegenwärtige Vor-
wort. Kaum war Marx gestorben, da veröffentlichte Herr Achille
Loria schleunigst einen Artikel über ihn in der "Nuova Antologia"
(April 1883): zuerst eine von falschen Angaben strotzende Biogra-
phie, sodann eine Kritik der öffentlichen, politischen und lite-
rarischen Tätigkeit. Die Marxische materialistische Auffassung
der Geschichte wird hier gefälscht und verdreht mit einer Zuver-
sichtlichkeit, die einen großen Zweck erraten läßt. Und dieser
Zweck ist erreicht worden: 1886 veröffentlichte derselbe Herr Lo-
ria ein Buch "La teoria economica della costituzione politica",
worin er die 1883 so gänzlich und so absichtlich entstellte Marx-
sche Geschichtstheorie als seine eigne Erfindung der staunenden
Mitwelt verkündet. Allerdings ist die Marxsche Theorie hier auf
ein ziemlich philiströses Niveau heruntergebracht; auch wimmeln
die historischen Belege und Beispiele von Schnitzern, die man
keinem Quartaner durchlassen würde; aber was verschlägt das al-
les? Die Entdeckung, daß überall und immer die politischen Zu-
stände und Ereignisse ihre Erklärung finden in den entsprechenden
ökonomischen Zuständen, wurde, wie hiermit bewiesen, keineswegs
von Marx im Jahr 1845 gemacht, sondern von Herrn Loria 1886. We-
nigstens hat er dies seinen Landsleuten, und seit sein Buch fran-
zösisch erschienen, auch einigen Franzosen glücklich aufgebunden
und kann jetzt als Autor einer neuen epochemachenden Geschichts-
theorie in Italien herumstolzieren, bis die dortigen Sozialisten
Zeit finden, dem illustre 1*) Loria die gestohlnen Pfauenfedern
herunterzuzupfen.
Das ist aber erst ein kleines Pröbchen von Herrn Lorias Manier.
Er versichert uns, daß sämtliche Theorien von Marx beruhen auf
einem bewußten Sophisma (un consaputo sofisma); daß Marx vor Pa-
ralogismen nicht zurückscheute, auch wenn er sie als s o l c h e
e r k a n n t e (sapendoll tali) usw. Und nachdem er mit einer
ganzen Reihe ähnlicher gemeiner Schnurren seinen Lesern das Nö-
tige beigebracht hat, damit sie Marx für einen Streber à la Loria
ansehn, der seine Effektchen mit denselben kleinen faulen Humbug-
smittelchen in Szene setzt wie unser paduanischer Professor,
jetzt kann er ihnen ein wichtiges Geheimnis verraten, und damit
führt er auch uns zur Profitrate zurück.
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1*) erlauchten
#26# Vorwort
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Herr Loria sagt: Nach Marx soll sich die in einem kapitalisti-
schen Industriegeschäft produzierte Masse des Mehrwerts (den Herr
Loria hier mit dem Profit identifiziert) richten nach dem darin
angewandten variablen Kapital, da das konstante Kapital keinen
Profit abwirft. Das widerspricht aber der Wirklichkeit. Denn in
der Praxis richtet sich der Profit nicht nach dem variablen, son-
dern nach dem Gesamtkapital. Und Marx sieht dies selbst ein (I.
Kap. XI [5]) und gibt zu, daß dem Anschein nach die Tatsachen
seiner Theorie widersprechen. Wie aber löst er den Widerspruch?
Er verweist seine Leser auf einen noch nicht erschienenen folgen-
den Band. Von diesem Band hatte Loria seinen Lesern schon früher
gesagt, er glaube nicht, daß Marx auch nur einen Augenblick daran
gedacht habe, ihn zu schreiben, und jetzt ruft er triumphierend
aus:
"Nicht mit Unrecht habe ich also behauptet, dieser zweite Band,
womit Marx in einem fort seinen Gegnern droht, ohne daß er je er-
scheint, dieser Band könne sehr wohl ein pfiffiges Auskunftstitel
gewesen sein, das Marx da anwandte, wo ihm die wissenschaftlichen
Argumente ausgingen (un ingegneso spediente ideato dal Marx a so-
stituzione degli argomenti scientifici)."
Und wer jetzt nicht überzeugt ist, daß Marx auf derselben Höhe
des wissenschaftlichen Schwindels steht wie l'illustre Loria, an
dem ist Hopfen und Malz verloren.
Soviel also haben wir gelernt: nach Herrn Loria ist die Marxsche
Mehrwertstheorie absolut unvereinbar mit der Tatsache der allge-
meinen gleichen Profitrate. Nun kam das zweite Buch heraus und
damit meine öffentlich gestellte Frage grade über diesen selben
Punkt. 1*) Wäre Herr Loria einer von uns blöden Deutschen gewe-
sen, er wäre einigermaßen in Verlegenheit geraten. Aber er ist
ein kecker Südländer, er kommt aus einem heißen Kiima, wo, wie er
behaupten kann, die Unverfrorenheit gewissermaßen Naturbedingung
ist. Die Frage wegen der Profitrate ist öffentlich gestellt. Herr
Loria hat sie öffentlich für unlöslich erklärt. Und grade deshalb
wird er sich jetzt selbst übertreifen, indem er sie öffentlich
löst.
Dies Wunder geschieht in Conrads "Jahrbüchern", N.F., Bd. XX, S.
272ff., in einem Artikel über Conrad Schmidts oben erwähnte
Schrift. Nachdem er von Schmidt gelernt, wie der kommerzielle
Profit zustande kommt, ist ihm auf einmal alles klar.
"Da nun die Wertbestimmung durch die Arbeitszeit den Kapitali-
sten, die einen guten Teil ihres Kapitals in Löhnen anlegen,
einen Vorteil gibt, so kann das unproduktive" (soll heißen kom-
merzielle) "Kapital von diesen bevorzugten Kapitalisten
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1*) Siehe Band 24 unserer Ausgabe, S. 26
#27# Vorwort
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einen höheren Zins" (soll heißen Profit) erzwingen und die
Gleichheit zwischen den einzelnen industriellen Kapitalisten her-
vorbringen... So z.B., wenn die industriellen Kapitalisten A, B,
C, 100 Arbeitstage für jeden, und respektive 0, 100, 200 konstan-
tes Kapital in der Produktion anwenden, und der Arbeitslohn für
100 Arbeitstage 50 Arbeitstage in sich enthält, jeder Kapitalist
einen Mehrwert von 50 Arbeitstagen bekommt und die Profitrate
100% ist für den ersten, 33,3% für den zweiten und 20% für den
dritten Kapitalisten. Wenn aber ein vierter Kapitalist D ein un-
produktives Kapital von 300 akkumuliert, das einen Zins" (Profit)
"von dem Wert von 40 Arbeitstagen von A, einen Zins von 20 Ar-
beitstagen von B erheischt, so wird die Profitrate der Kapitali-
sten A und B zu 20%, wie die C's sinken und D mit einem Kapital
von 300 wird einen Profit von 60, d.h. eine Profitrate von 20%,
wie die übrigen Kapitalisten bekommen."
Mit so überraschender Gewandtheit, im Handumdrehn, löst
l'illustre Loria dieselbe Frage, die er vor zehn Jahren für un-
lösbar erklärt hatte. Leider hat er uns das Geheimnis nicht ver-
raten, woher das "unproduktive Kapital" die Macht erhält, den In-
dustriellen diesen ihren, die Durchschnittsprofitrate überschrei-
tenden Extraprofit nicht nur abzuzwacken, sondern auch selbst in
der Tasche zu behalten, ganz wie der Grundeigentümer den über-
schüssigen Profit des Pächters als Grundrente einsteckt. In der
Tat würden die Kaufleute hiernach einen der Grundrente durchaus
analogen Tribut von den Industriellen erheben und dadurch die
Durchschnittsprofitrate herstellen.
Allerdings ist das Handelskapital ein sehr wesentlicher Faktor in
der Herstellung der allgemeinen Profitrate, wie so ziemlich je-
dermann weiß. Aber nur ein literarischer Abenteurer, der im
Grunde seines Herzens auf die ganze Ökonomie pfeift, kann sich
die Behauptung erlauben, es besitze die Zauberkraft, allen über
die allgemeine Profitrate, und dazu noch ehe eine solche herge-
stellt ist, überschüssigen Mehrwert an sich zu saugen und in
Grundrente für sich selbst zu verwandeln, und das obendrein, ohne
daß es irgendein Grundeigentum dazu nötig hat. Nicht weniger er-
staunlich ist die Behauptung, das Handelskapital bringe es fer-
tig, diejenigen Industriellen zu entdecken, deren Mehrwert nur
grade die Durchschnittsprofitrate deckt, und es rechne es sich
zur Ehre an, diesen unglücklichen Opfern des Marxschen Wertgeset-
zes ihr Los einigermaßen zu erleichtern, indem es ihnen ihre Pro-
dukte gratis, sogar ohne jede Provision verkauft. Welch ein Ta-
schenspieler gehört dazu, sich einzubilden, Marx habe solche jäm-
merliche Kunststückchen nötig!
In seiner vollen Glorie aber strahlt unser illustre Loria erst,
wenn wir ihn mit seinen nordischen Konkurrenten vergleichen, Z.B.
mit Herrn Julius Wolf, der doch auch nicht von gestern ist. Welch
ein kleiner Kläffer scheint dieser, selbst in seinem dicken Buch
über Sozialismus und kapitalistische
#28# Vorwort
-----
"Gesellschaftsordnung", neben dem Italiener! Wie unbehilflich,
ich wäre fast versucht zu sagen, wie bescheiden steht er da neben
der edlen Dreistigkeit, womit der Maestro es als selbstredend
hinstellt, daß Marx nicht mehr und nicht minder als alle andern
Leute auch, ein genau ebenso bewußter Sophist, Paralogist, Auf-
schneider und Marktschreier war wie Herr Loria selbst - daß Marx
jedesmal, wenn er festsetzt, dem Publikum von einem Abschluß sei-
ner Theorie in einem folgenden Band vorschwefelt, den er, wie er
selbst sehr gut weiß, weder liefern kann noch will! Unbegrenzte
Keckheit, gepaart mit aalglattem Durchschlüpfen durch unmögliche
Situationen, heroische Verachtung gegen erhaltne Fußtritte, rasch
zugreifende Aneignung fremder Leistungen, zudringliche Markt-
schreierei der Reklame, Organisation des Ruhms vermittelst des
Kamaraderieklüngels - wer reicht ihm in alledem das Wasser?
Italien ist das Land der Klassizität. Seit der großen Zeit, als
bei ihm die Morgenröte der modernen Welt aufging, brachte es
großartige Charaktere hervor in unerreicht klassischer Vollen-
dung, von Dante bis auf Garibaldi. Aber auch die Zeit der Ernied-
rigung und Fremdherrschaft hinterließ ihm klassische Charakter-
masken, darunter zwei besonders ausgemeißelte Typen: den Sgana-
rell und den Dulcamara. Die klassische Einheit beider sehn wir
verkörpert in unserm illustre Loria.
Zum Schluß muß ich meine Leser über den Ozean führen. In New York
hat Herr Dr. med. George C. Stiebeling auch eine Lösung des Pro-
blems gefunden, und zwar eine äußerst einfache. So einfach, daß
kein Mensch weder hüben noch drüben sie anerkennen wollte, wor-
über er in großen Zorn geriet und in einer endlosen Reihe Bro-
schüren und Zeitungsartikel auf beiden Seiten des großen Wassers
sich bitterlichst über diese Unbill beschwerte. Man sagte ihm
zwar in der "Neuen Zeit" [6], seine ganze Lösung beruhe auf einem
Rechenfehler. Aber das konnte ihn nicht stören; Marx hat auch Re-
chenfehler gemacht und behält dennoch in vielen Dingen recht.
Sehn wir uns also die Stiebelingsche Lösung an.
"Ich nehme zwei Fabriken an, die mit gleichem Kapital gleiche
Zeit arbeiten, aber mit einem verschiednen Verhältnis des kon-
stanten und des variablen Kapitals. Das Gesamtkapital (c+v) setze
ich y, und bezeichne den Unterschied in dem Verhältnis des kon-
stanten zu dem variablen Kapital mit x. In Fabrik I ist y = c +
v, in Fabrik II ist y = (c-x) + (v+x). Die Rate des Mehrwerts ist
also in Fabrik I = m/vund in Fabrik II = m/(v+x). Profit (p)
nenne ich den Mehrwert (m), um den sich das Gesamtkapital y oder
c + v in der gegebnen Zeit vermehrt, also p = m. Die Rate des
Profits ist demnach in Fabrik I = p/y oder m/(c+v) und in Fabrik
II ebenfalls p/y oder
#29# Vorwort
-----
m
-------------
(c-x) + (v+x)
daß d.h. ebenfalls = m/(c+v). Das... Problem löst sich also der-
art, daß auf Grundlage des Wertgesetzes, bei Anwendung gleichen
Kapitals und gleicher Zeit, aber ungleicher Mengen lebendiger Ar-
beit, aus der Veränderung der Rate des Mehrwerts eine gleiche
Durchschnittsprofitrate hervorgeht." (G. C. Stiebeling, "Das
Werthgesetz und die Profitrate", New York, John Heinrich.)
So schön und einleuchtend auch die obige Rechnung ist, so sind
wir doch genötigt, eine Frage an Herrn Dr. Stiebeling zu richten:
Woher weiß er, daß die Summe des Mehrwerts, den Fabrik I produ-
ziert, aufs Haar gleich ist der Summe des in Fabrik II erzeugten
Mehrwerts? Von c, v, y und x, also von allen übrigen Faktoren der
Rechnung sagt er uns ausdrücklich, daß sie für beide Fabriken
gleiche Größe haben, aber von in kein Wort. Daraus aber, daß er
beide hier vorkommende Mengen Mehrwert algebraisch mit in be-
zeichnet, folgt dies keineswegs. Es ist, da Herr Stiebeling auch
den Profit p ohne weiteres mit dem Mehrwert identifiziert, viel-
mehr grade das, was bewiesen werden soll. Nun sind nur zwei Fälle
möglich: entweder sind die beiden in gleich, jede Fabrik produ-
ziert gleich viel Mehrwert, also bei gleichem Gesamtkapital auch
gleich viel Profit, und dann hat Herr Stiebeling von vornherein
das schon vorausgesetzt, was er erst beweisen soll. Oder aber,
die eine Fabrik produziert eine größere Summe Mehrwert als die
andre, und dann fällt seine ganze Rechnung dahin.
Herr Stiebeling hat weder Mühe noch Kosten gescheut, auf diesen
seinen Rechenfehler ganze Berge von Rechnungen aufzubauen und dem
Publikum zur Schau zu stellen. Ich kann ihm die beruhigende Ver-
sicherung geben, daß sie fast alle gleichmäßig unrichtig sind,
und daß sie da, wo dies ausnahmsweise nicht der Fall ist, ganz
etwas anders beweisen, als er beweisen will. So beweist er aus
der Vergleichung der amerikanischen Zensusberichte von 1870 und
1880 tatsächlich den Fall der Profitrate, erklärt ihn aber total
falsch und meint, die Marxsche Theorie einer sich immer gleich-
bleibenden, stabilen Profitrate durch die Praxis berichtigen zu
müssen. Nun folgt aber aus dem dritten Abschnitt des vorliegenden
dritten Buchs, daß diese Marxsche "feststehende Profitrate" ein
reines Hirngespinst ist, und daß die fallende Tendenz der Pro-
fitrate auf Ursachen beruht, die den von Dr. Stiebeling angegeb-
nen diametral entgegengesetzt sind. Herr Dr. Stiebeling meint es
sicher sehr gut, aber wenn man sich mit wissenschaftlichen Fragen
beschäftigen will, muß man vor allen Dingen lernen, die Schrif-
ten, die man benutzen will, so zu lesen, wie der Verfasser sie
geschrieben hat und vor allem, ohne Dinge hineinzulesen, die
nicht darinstehn.
#30# Vorwort
-----
Resultat der ganzen Untersuchung: auch mit Bezug auf die vorlie-
gende Frage ist es wieder nur die Marxsche Schule, die etwas
geleistet hat. Fireman und Conrad Schmidt können, wenn sie dies
dritte Buch lesen, mit ihren eignen Arbeiten jeder an seinem Teil
ganz zufrieden sein.
London, 4. Oktober 1894 F. Engels
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