Quelle: MEW 25 Das Kapital - Dritter Band


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       Vorwort
       
       Endlich ist  es mir  vergönnt, dies  dritte  Buch  des  Marxschen
       Hauptwerks, den Abschluß des theoretischen Teils, der Öffentlich-
       keit zu  übergeben. Bei  der Herausgabe  des zweiten Buchs, 1885,
       meinte ich,  das dritte würde wohl nur technische Schwierigkeiten
       machen, mit  Ausnahme freilich einiger sehr wichtigen Abschnitte.
       Dies war  in der  Tat der Fall; aber von den Schwierigkeiten, die
       grade diese,  die wichtigsten Abschnitte des Ganzen, mir bereiten
       würden, davon  hatte ich damals keine Ahnung, ebensowenig wie von
       den sonstigen  Hindernissen, die  die Fertigstellung des Buchs so
       sehr verzögern sollten.
       Zunächst und  zumeist störte  mich eine anhaltende Augenschwäche,
       die meine Arbeitszeit für Schriftliches jahrelang auf ein Minimum
       beschränkte und  auch jetzt noch nur ausnahmsweise gestattet, bei
       künstlichem Licht die Feder in die Hand zu nehmen. Dazu kamen an-
       dre, nicht  abzuweisende Arbeiten:  Neuauflagen und Übersetzungen
       früherer Arbeiten  von Marx  und mir,  also Revisionen, Vorreden,
       Ergänzungen, die  ohne neue Studien oft unmöglich, usw. Vor allem
       die englische Ausgabe des ersten Buchs, für deren Text in letzter
       Instanz ich verantwortlich bin und die mir daher viel Zeit wegge-
       nommen hat. Wer den kolossalen Anwachs der internationalen sozia-
       listischen Literatur  während der letzten zehn Jahre, und nament-
       lich die  Anzahl der Übersetzungen früherer Arbeiten von Marx und
       mir, einigermaßen  verfolgt hat,  der wird  mir recht geben, wenn
       ich mir  Glück wünsche,  daß die  Anzahl der  Sprachen  sehr  be-
       schränkt ist,  bei denen  ich dem Übersetzer nützlich sein konnte
       und also  die Verpflichtung  hatte, eine  Revision seiner  Arbeit
       nicht von  der Hand zu weisen. Der Anwachs der Literatur aber war
       nur ein  Symptom des entsprechenden Anwachses der internationalen
       Arbeiterbewegung selbst. Und dieser legte mir neue Pflichten auf.
       Von den  ersten Tagen  unsrer öffentlichen  Tätigkeit an  war ein
       gutes Stück  der Arbeit  der Vermittlung  zwischen den nationalen
       Bewegungen
       
       #8# Vorwort
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       der Sozialisten und Arbeiter in den verschiednen Ländern auf Marx
       und mich  gefallen; diese  Arbeit wuchs im Verhältnis der Erstar-
       kung der  Gesamtbewegung. Während  aber bis  zu seinem  Tode auch
       hierin Marx  die Hauptlast  übernommen hatte,  fiel von da an die
       stets anschwellende  Arbeit mir allein zu. Nun ist inzwischen der
       direkte Verkehr  der einzelnen nationalen Arbeiterparteien unter-
       einander zur  Regel geworden und wird es glücklicherweise von Tag
       zu Tage mehr; trotzdem wird noch weit öfter, als mir im Interesse
       meiner theoretischen  Arbeiten lieb  ist, meine Hilfe in Anspruch
       genommen. Wer  aber wie ich über fünfzig Jahre in dieser Bewegung
       tätig gewesen,  für den  sind die hieraus entspringenden Arbeiten
       eine unabweisbare,  augenblicklich zu  erfüllende Pflicht. Wie im
       sechzehnten Jahrhundert,  gibt es in unsrer bewegten Zeit auf dem
       Gebiet der öffentlichen Interessen bloße Theoretiker nur noch auf
       Seite der Reaktion, und ebendeswegen sind diese Herren auch nicht
       einmal wirkliche  Theoretiker, sondern  simple Apologeten  dieser
       Reaktion.
       Der Umstand, daß ich in London wohne, bringt es nun mit sich, daß
       dieser Parteiverkehr  im Winter  meist brieflich,  im Sommer aber
       großenteils persönlich  stattfindet. Und daraus, wie aus der Not-
       wendigkeit, den  Gang der  Bewegung in einer stets wachsenden An-
       zahl von  Ländern und  einer noch  stärker wachsenden  Anzahl von
       Preßorganen zu  verfolgen, hat  sich die  Unmöglichkeit für  mich
       entwickelt, Arbeiten,  die keine Unterbrechung dulden, anders als
       im Winter,  speziell in den ersten drei Monaten des Jahrs fertig-
       zustellen. Wenn man seine siebenzig Jahre hinter sich hat, so ar-
       beiten die  Meynertschen Assoziationsfasern des Gehirns mit einer
       gewissen fatalen Bedächtigkeit; man überwindet Unterbrechungen in
       schwieriger theoretischer  Arbeit nicht  mehr so  leicht  und  so
       rasch wie früher. Daher kam es, daß die Arbeit eines Winters, so-
       weit sie  nicht vollständig  zum Abschluß geführt hatte, im näch-
       sten Winter größtenteils wieder von neuem zu machen war, und dies
       fand statt, namentlich mit dem schwierigsten fünften Abschnitt.
       Wie der Leser aus den folgenden Angaben ersehen wird, war die Re-
       daktionsarbeit wesentlich  verschieden von der beim zweiten Buch.
       Für das  dritte lag eben nur ein, noch dazu äußerst lückenhafter,
       erster Entwurf  vor. In der Regel waren die Anfänge jedes einzel-
       nen Abschnitts ziemlich sorgfältig ausgearbeitet, auch meist sti-
       listisch abgerundet. Je weiter man aber kam, desto skizzenmäßiger
       und lückenhafter  wurde die  Bearbeitung, desto mehr Exkurse über
       im Lauf  der Untersuchung  auftauchende Nebenpunkte enthielt sie,
       wofür die  endgültige Stelle späterer Anordnung überlassen blieb,
       desto länger und verwickelter wurden die Perioden, worin die
       
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       Titelblatt der Erstausgabe
       
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       #11# Vorwort
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       in statu  nascencdi 1*)  niedergeschriebenen Gedanken  sich  aus-
       drückten. An  mehreren Stellen  verraten Handschrift und Darstel-
       lung nur zu deutlich das Hereinbrechen und die allmählichen Fort-
       schritte eines  einer aus Überarbeit entspringenden Krankheitsan-
       fälle, die  dem Verfasser  selbständiges Arbeiten  erst mehr  und
       mehr erschwerten  und endlich  zeitweilig ganz unmöglich machten.
       Und kein  Wunder. Zwischen 1863 und 1867 hatte Marx nicht nur die
       beiden letzten  Bücher des Kapitals im Entwurf und das erste Buch
       in druckfertiger  Handschrift hergestellt,  sondern auch noch die
       mit der  Gründung und Ausbreitung der Internationalen Arbeiteras-
       soziation verknüpfte Riesenarbeit getan. Dafür stellten sich aber
       auch schon  1864 und 1865 ernste Anzeichen jener gesundheitlichen
       Störungen ein,  die schuld  daran sind,  daß Marx  an das II. und
       III. Buch nicht selbst die letzte Hand gelegt hat.
       Meine Arbeit  begann damit,  daß ich das ganze Manuskript aus dem
       selbst für  mich oft nur mühsam zu entziffernden Original in eine
       leserliche Kopie  hinüberdiktierte, was schon eine ziemliche Zeit
       wegnahm. Erst dann konnte die eigentliche Redaktion beginnen. Ich
       habe diese  auf das  Notwendigste beschränkt,  habe den Charakter
       des ersten  Entwurfs, überall wo es die Deutlichkeit zuließ, mög-
       lichst beibehalten,  auch einzelne  Wiederholungen nicht  gestri-
       chen, da wo sie, wie gewöhnlich bei Marx, den Gegenstand jedesmal
       von andrer  Seite fassen  oder doch in andrer Ausdrucksweise wie-
       dergeben. Da,  wo meine Änderungen oder Zusätze nicht bloß redak-
       tioneller Natur  sind,  oder  wo  ich  das  von  Marx  gelieferte
       tatsächliche Material zu eignen, wenn auch möglichst im Marxschen
       Geist gehaltnen  Schlußfolgerungen  verarbeiten  mußte,  ist  die
       ganze Stelle  in eckige  Klammern gesetzt  2*) und mit meinen In-
       itialen bezeichnet.  Bei meinen  Fußnoten fehlen  hier und da die
       Klammern; wo aber meine Initialen darunter stehn, bin ich für die
       ganze Note verantwortlich.
       Wie in  einem ersten  Entwurf selbstverständlich,  finden sich im
       Manuskript zahlreiche Hinweise auf später zu entwickelnde Punkte,
       ohne daß  diese Versprechungen in allen Fällen eingehalten worden
       sind. Ich habe sie stehn lassen, da sie die Absichten des Verfas-
       sers in Beziehung auf künftige Ausarbeitung darlegen.
       Und nun zum einzelnen.
       Für den  ersten Abschnitt  war das Hauptmanuskript nur mit großen
       Einschränkungen brauchbar. Gleich anfangs wird die ganze mathema-
       tische Berechnung  des Verhältnisses  zwischen Mehrwertsrate  und
       Profitrate (was
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       1*) im  Entstehungszustand -  2*) im  vorl. Band  in geschweiften
       Klammern
       
       #12# Vorwort
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       unser Kapitel  3 ausmacht)  hineingezogen, während  der in unserm
       Kap. 1 entwickelte Gegenstand erst später und gelegentlich behan-
       delt wird.  Hier kamen  zwei Ansätze  einer Umarbeitung zu Hilfe,
       jeder von  8 Seiten  Folie; aber  auch sie sind nicht durchweg im
       Zusammenhang ausgearbeitet. Aus ihnen ist das gegenwärtige Kap. 1
       zusammengestellt. Kap.2  ist aus  dem Hauptmanuskript. Für Kap. 3
       fanden sich eine ganze Reihe unvollständiger mathematischer Bear-
       beitungen, aber  auch ein ganzes, fast vollständiges Heft aus den
       siebziger Jahren, das Verhältnis der Mehrwertsrate zur Profitrate
       in Gleichungen  darstellend. Mein  Freund Samuel  Moore, der auch
       den größten  Teil der englischen Übersetzung des ersten Buchs ge-
       liefert, übernahm  es, dies  Heft für mich zu bearbeiten, wozu er
       als alter  Cambridger Mathematiker  weit besser befähigt war. Aus
       seinem Resumé  habe ich  dann, unter gelegentlicher Benutzung des
       Hauptmanuskripts, das Kapitel 3 fertiggestellt. - Von Kap. 4 fand
       sich nur  der Titel  vor. Da aber der hier behandelte Punkt: Wir-
       kung des  Umschlags auf  die Profitrate, von entscheidender Wich-
       tigkeit ist, habe ich ihn selbst ausgearbeitet, weshalb das ganze
       Kapitel im Text auch in Klammern gesetzt ist. Es stellte sich da-
       bei heraus,  daß in  der Tat  die Formel  des Kap. 3 für die Pro-
       fitrate einer Modifikation bedurfte, um allgemein gültig zu sein.
       Vom fünften Kapitel an ist das Hauptmanuskript einzige Quelle für
       den Rest des Abschnitts, obwohl auch hier sehr viele Umstellungen
       und Ergänzungen nötig geworden sind.
       Für die  folgenden drei  Abschnitte konnte ich mich, abgesehn von
       stilistischer Redaktion,  fast durchweg an das Originalmanuskript
       halten. Einzelne, meist auf die Einwirkung des Umschlags bezügli-
       che Stellen  waren in Einklang mit dem von mir eingeschobnen Kap.
       4 auszuarbeiten; auch sie sind in Klammern gesetzt und mit meinen
       Initialen bezeichnet.
       Die Hauptschwierigkeit  machte Abschnitt  V, der auch den verwic-
       keltsten Gegenstand  des ganzen  Buchs behandelt.  Und grade hier
       war Marx  in der  Ausarbeitung von  einem der  erwähnten schweren
       Krankheitsanfälle überrascht  worden. Hier  liegt also  nicht ein
       fertiger Entwurf  vor, nicht  einmal ein  Schema, dessen  Umrisse
       auszufüllen wären,  sondern nur  ein Ansatz von Ausarbeitung, der
       mehr als  einmal in einen ungeordneten Haufen von Notizen, Bemer-
       kungen, Materialien  in Auszugsform  ausläuft. Ich  versuchte an-
       fangs, diesen  Abschnitt, wie  es mir mit dem ersten einigermaßen
       gelungen war,  durch Ausfüllung  der Lücken  und Ausarbeitung der
       nur angedeuteten  Bruchstücke zu  vervollständigen, so daß er we-
       nigstens annähernd  das alles bot, was der Verfasser zu geben be-
       absichtigt hatte.  Ich habe dies wenigstens dreimal versucht, bin
       aber jedesmal gescheitert, und
       
       #13# Vorwort
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       in der  hiermit verlernen  Zeit liegt  eine der Hauptursachen der
       Verspätung. Endlich  sah ich  ein, daß  es auf  diesem Weg  nicht
       ging. Ich  hätte die  ganze massenhafte  Literatur dieses Gebiets
       durchnehmen müssen  und am Ende etwas zustande gebracht, was doch
       nicht Marx'  Buch war.  Mir blieb  nichts übrig, als die Sache in
       gewisser Beziehung  übers Knie  zu brechen,  mich auf  möglichste
       Ordnung des  Vorhandenen zu  beschränken, nur  die notdürftigsten
       Ergänzungen zu  machen. Und  so wurde  ich Frühjahr  1893 mit der
       Hauptarbeit für diesen Abschnitt fertig.
       Von den  einzelnen Kapiteln  waren Kap.  21-24 in  der Hauptsache
       ausgearbeitet. Kap.  25 und  26 erforderten  Sichtung des  Beleg-
       stoffs und  Einschiebung von Material, das sich an andren Stellen
       vorfand. Kap.  27 und  29 konnten fast ganz nach dem Ms. gegeben,
       Kap.28 dagegen  mußte stellenweise  anders gruppiert  werden. Mit
       Kap. 30  aber fing  die eigentliche Schwierigkeit an. Von hier an
       galt es,  nicht nur  das Material  von Belegstellen, sondern auch
       den jeden Augenblick durch Zwischensätze, Abschweifungen usw. un-
       terbrochnen und an andrer Stelle, oft ganz beiläufig, weiter ver-
       folgten Gedankengang  in die  richtige Ordnung zu bringen. So kam
       das 30.  Kapitel zustande  durch Umstellungen und Ausschaltungen,
       für die sich an andrer Stelle Verwendung fand. Kap. 31 war wieder
       mehr im  Zusammenhang ausgearbeitet.  Aber nun  folgt im  Ms. ein
       langer Abschnitt,  überschrieben: "Die  Konfusion", bestehend aus
       lauter Auszügen  aus den  Parlamentsberichten über die Krisen von
       1848 und  1857, worin  die Aussagen von dreiundzwanzig Geschäfts-
       leuten und ökonomischen Schriftstellern, namentlich über Geld und
       Kapital, Goldabfluß,  Überspekulation etc.  zusammengestellt  und
       stellenweise humoristisch  kurz glossiert sind. Hier sind, sei es
       durch die  Fragenden, sei  es durch die Antwortenden, so ziemlich
       alle damals  gangbaren Ansichten über das Verhältnis von Geld und
       Kapital vertreten,  und die hier zu Tag tretende "Konfusion" über
       das, was auf dem Geldmarkte Geld und was Kapital sei, wollte Marx
       kritisch und  satirisch behandeln. Ich habe mich nach vielen Ver-
       suchen überzeugt,  daß eine Herstellung dieses Kapitels unmöglich
       ist; das Material, besonders das von Marx glossierte, ist da ver-
       wandt worden,  wo sich  ein Zusammenhang  dafür vorfand.  Hierauf
       folgt in  ziemlicher Ordnung  das von  mir im  Kap.  32  Unterge-
       brachte, unmittelbar  darauf aber ein neuer Stoß von Auszügen aus
       den Parlamentsberichten  über alle möglichen, in diesem Abschnitt
       berührten Gegenstände,  vermischt mit  längeren oder kürzeren Be-
       merkungen des  Verfassers. Gegen  das Ende konzentrieren sich die
       Auszüge und  Glossen mehr  und mehr  auf die Bewegung der Geldme-
       talle und des Wechselkurses,
       
       #14# Vorwort
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       und  schließen   wieder   mit   allerhand   Nachträglichem.   Das
       "Vorkapitalistische" (Kap.  36) war  dagegen vollständig ausgear-
       beitet.
       Aus all  diesem Material,  von der  "Konfusion" an, und soweit es
       nicht schon an früheren Stellen untergebracht, habe ich die Kapi-
       tel 33-35  zusammengestellt. Dies  ging natürlich  nicht ab  ohne
       starke Einschübe  meinerseits zur  Herstellung des Zusammenhangs.
       Soweit diese  Einschübe nicht  bloß formeller Natur, sind sie als
       die meinigen  ausdrücklich bezeichnet. Es ist mir auf diese Weise
       endlich gelungen,  alle irgendwie zur Sache gehörenden Aussprüche
       des Verfassers  im Text unterzubringen; es ist nichts weggefallen
       als ein  geringer Teil  der Auszüge, der entweder anderweitig Ge-
       gebnes nur  wiederholte oder aber Punkte berührte, auf die im Ms.
       nicht näher eingegangen ist.
       Der Abschnitt  über Grundrente war viel vollständiger ausgearbei-
       tet, wenn  auch keineswegs geordnet, wie schon daraus hervorgeht,
       daß Marx  es im  Kap.43 (im  Ms. das  letzte Stück des Abschnitts
       über Rente)  nötig findet, den Plan des ganzen Abschnitts kurz zu
       rekapitulieren. Und  dies war  für die Herausgabe um so erwünsch-
       ter, als  das Ms.  anfängt mit  Kap. 37, worauf Kap. 45-47 folgen
       und erst  hierauf die  Kap. 38-44.  Die meiste Arbeit machten die
       Tabellen bei  der Differentialrente II und die Entdeckung, daß in
       Kap. 43  der hier zu behandelnde dritte Fall dieser Rentenart gar
       nicht untersucht war.
       Für diesen  Abschnitt über Grundrente hatte Marx in den siebziger
       Jahren ganz  neue Spezialstudien  gemacht. Er  hatte die nach der
       Reform von  1861 in Rußland unvermeidlich gewordnen statistischen
       Aufnahmen und  sonstigen Veröffentlichungen  über  Grundeigentum,
       die ihm  von russischen  Freunden in wünschenswertester Vollstän-
       digkeit zur Verfügung gestellt worden, jahrelang in der Ursprache
       studiert und  ausgezogen und  beabsichtigte, sie bei der Neubear-
       beitung dieses  Abschnitts zu verwerten. Bei der Mannigfaltigkeit
       der Formen sowohl des Grundbesitzes wie der Ausbeutung der acker-
       bauenden Produzenten  in Rußland, sollte im Abschnitt über Grund-
       rente Rußland dieselbe Rolle spielen wie im Buch I, bei der indu-
       striellen Lohnarbeit,  England. Leider  blieb ihm  die Ausführung
       dieses Plans versagt.
       Endlich der siebente Abschnitt lag in vollständiger Niederschrift
       vor, aber  nur als erster Entwurf, dessen endlos verschlungne Pe-
       rioden erst  zerlegt werden  mußten, um  druckbar zu  werden. Vom
       letzten Kapitel  existiert nur  der Anfang.  Hier sollten die den
       drei großen  Revenueformen: Grundrente,  Profit, Arbeitslohn ent-
       sprechenden drei großen Klassen der entwickelten kapitalistischen
       Gesellschaft - Grundeigentümer, Kapitalisten,
       
       #15# Vorwort
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       Lohnarbeiter - und der mit ihrer Existenz notwendig gegebne Klas-
       senkarnpf als  tatsächlich vorliegendes Ergebnis der kapitalisti-
       schen Periode  dargestellt werden. Dergleichen Schlußzusammenfas-
       sungen pflegte  Marx sich  für die  Schlußredaktion, kurz vor dem
       Druck, vorzubehalten, wo dann die neuesten geschichtlichen Ereig-
       nisse ihm  mit nie  versagender Regelmäßigkeit  die Belege seiner
       theoretischen Entwicklungen in wünschenswertester Aktualität lie-
       ferten.
       Die Zitate  und Belegstellen  sind, wie schon im II. Buch, bedeu-
       tend spärlicher  als im  ersten. Zitate aus Buch I geben die Sei-
       tenzahlen der  2. und 3. Auflage. Wo im Ms. auf theoretische Aus-
       sprüche früherer  Ökonomen verwiesen wird, ist meist nur der Name
       angegeben, die Stelle selbst sollte bei der Schlußbearbeitung an-
       gezogen werden. Ich habe das natürlich so lassen müssen. Von Par-
       lamentsberichten sind  nur vier,  aber diese auch ziemlich reich-
       lich benutzt worden. Es sind folgende:
       1.  "Reports  from  Committees"  (des  Unterhauses),  Vol.  VIII,
       "Commercial Distress",  Vol. II, Part 1, 1847/48, Minutes of Evi-
       dence. - Zitiert als: "Commercial Distress", 1847/48.
       2. Secret  Committee of the House of Lords on Commercial Distress
       1847, Report  printed 1848, Evidence printed 1857" (weil 1848 für
       zu komprornittierlich angesehn). - Zitiert als: C. D., 1848-1857.
       3. Report:  Bank Acts, 1857. - Ditto, 1858. - Berichte des Unter-
       haus, Ausschusses  über die  Wirkung der  Bankakte von  1844  und
       1845, mit  Zeugenaussagen. - Zitiert als: B. A. (zuweilen auch B.
       C.), 1857, resp. 1858.
       Das vierte Buch - die Geschichte der Mehrwertstheorie - werde ich
       in Angriff nehmen, sobald es mir irgendwie möglich wird. 1*)
       
                                     ---
       
       Im Vorwort zum zweiten Band des "Kapital" hatte ich mich abzufin-
       den mit den Herren, die dazumal ein großes Geschrei erhoben, weil
       sie "in Rodbertus die geheime Quelle und einen überlegnen Vorgän-
       ger von  Marx" gefunden haben wollten. Ich bot ihnen Gelegenheit,
       zu zeigen,  "was die  Rodbertussche Ökonomie  leisten kann";  ich
       forderte sie  auf, nachzuweisen,  "wie nicht  nur ohne Verletzung
       des Wertgesetzes,  sondern vielmehr auf Grundlage desselben, eine
       gleiche Durchschnittsprofitrate  sich bilden  kann und muß". Die-
       selben Herren, die damals aus subjektiven oder objektiven, in der
       Regel aber alles andre als wissenschaftlichen Gründen den guten
       -----
       1*) Siehe Band 26 unserer Ausgabe
       
       #16# Vorwort
       -----
       Rodbertus als einen ökonomischen Stern allererster Größe ausposa-
       unten sind  ausnahmslos die  Antwort schuldig  geblieben. Dagegen
       haben andre Leute es der Mühe wert gehalten, sich mit dem Problem
       zu beschäftigen.  In seiner Kritik des II. Bandes ("Conrads Jahr-
       bücher" [1],  XI, 5,  1885, S.  452-465) nimmt Prof. W. Lexis die
       Frage auf, wenn er auch keine direkte Lösung geben will. Er sagt:
       
       "Die Lösung  jenes Widerspruchs"  (zwischen dem Ricardo-Marxschen
       Wertgesetz und  der gleichen Durchschnittsprofitrate) "ist unmög-
       lich, wenn die verschiednen Warenarten vereinzelt betrachtet wer-
       den und  ihr Wert  gleich ihrem Tauschwert und dieser gleich oder
       proportional ihrem Preise sein soll."
       
       Sie ist nach ihm nur möglich, wenn man
       
       "für die  einzelnen Warenarten  die Bemessung des Wertes nach der
       Arbeit aufgibt und nur die Warenproduktion im ganzen und die Ver-
       teilung derselben  unter die  Gesamtklassen der  Kapitalisten und
       Arbeiter ins Auge faßt... Von dem Gesamtprodukt erhält die Arbei-
       terklasse nur  einen gewissen Teil... der andre, den Kapitalisten
       zufallende Teil bildet im Manschen Sinne das Mehrprodukt und dem-
       nach auch...  den Mehrwert. Die Mitglieder der Kapitalistenklasse
       verteilen nun  diesen gesamten  Mehrwert unter  sich, nicht  nach
       Maßgabe der  von ihnen  beschäftigten Arbeiterzahl,  sondern nach
       Verhältnis der  von jedem  gestellten  Kapitalgröße,  wobei  auch
       Grund und  Boden als  Kapitalwert mit  in Rechnung gezogen wird."
       Die Marxschen, durch die in den Waren verkörperten Arbeitseinhei-
       ten bestimmten  Idealwerte entsprechen  nicht den Preisen, können
       aber als  Ausgangspunkt einer Verschiebung betrachtet werden, die
       zu den  wirklichen Preisen  führt. Die letzteren sind dadurch be-
       dingt, daß  gleich große  Kapitalien gleich große Gewinne verlan-
       gen." Dadurch  werden einige  Kapitalisten für  ihre Waren höhere
       Preise erhalten  als deren Idealwerte, andre erhalten niedrigere.
       Da aber  die Einbußen  und Zulagen an Mehrwert sich innerhalb der
       Kapitalistenklasse gegenseitig  aufheben, so  ist die Gesamtgröße
       des Mehrwerts  dieselbe, als wenn alle Preise den Idealwerten der
       Waren proportional wären."
       
       Man sieht,  die Frage  ist hier  nicht entfernt  gelöst, aber sie
       ist, wenn  auch in  laxer und verfluchender Weise, doch im ganzen
       richtig   g e s t e l l t.  Und dies ist in der Tat mehr, als wir
       von jemand  erwarten dürfen, der sich, wie der Verfasser, mit ei-
       nem gewissen  Stolz als  einen "Vulgärökonomen" hinstellt; es ist
       gradezu überraschend,  wenn man es mit den später zu behandelnden
       Leistungen andrer  Vulgärökonomen vergleicht.  Die Vulgärökonomie
       des Verfassers ist allerdings eigner Art. Er sagt, der Kapitalge-
       winn   k ö n n e   allerdings in  der Marxschen  Weise abgeleitet
       werden, aber nichts  z w i n g e  zu dieser Auffassung. Im Gegen-
       teil. Die  Vulgärökonoe habe  eine, mindestens plausiblere Erklä-
       rungsweise:
       
       #17# Vorwort
       -----
       "Die kapitalistischen  Verkäufer, der  Rohstoffproduzent, der Fa-
       brikant, der  Großhändler, der Kleinhändler, machen bei ihren Ge-
       schäften Gewinn,  indem jeder  teurer verkauft als er kauft, also
       den Selbstkostenpreis  seiner Ware  um einen gewissen Prozentsatz
       erhöht. Nur  der Arbeiter  ist nicht  imstande,  einen  ähnlichen
       Wertzuschlag durchzusetzen,  er ist  vermöge  seiner  ungünstigen
       Lage dem  Kapitalisten gegenüber  genötigt, seine  Arbeit für den
       Preis zu  verkaufen, den  sie ihm  selbst kostet, nämlich für den
       notwendigen Lebensunterhalt...  so behalten  diese Preiszuschläge
       den kaufenden  Lohnarbeitern gegenüber  ihre volle  Bedeutung und
       bewirken die  Übertragung eines  Teils des Wertes des Gesarntpro-
       dukts auf die Kapitalistenklasse."
       
       Nun bedarf  es keiner  großen Anstrengung  des Denkens, um einzu-
       sehn, daß  diese "vulgärökonomische" Erklärung des Kapitalprofits
       praktisch auf  dieselben Resultate  hinausläuft wie  die Marxsche
       Mehrwertstheorie; daß die Arbeiter nach der Lexisschen Auffassung
       in genau derselben "ungünstigen Lage" sich befinden wie bei Marx;
       daß sie ganz ebensosehr die Geprellten sind, da jeder Nichtarbei-
       ter über  dem Preis  verkaufen kann, der Arbeiter aber nicht; und
       daß auf Grundlage dieser Theorie sich ein mindestens ebenso plau-
       sibler Vulgärsozialismus  aufbauen läßt,  wie der hier in England
       auf Grundlage  der Jevons-Mengerschen  Gebrauchswerts- und Grenz-
       nutzentheorie [2]  aufgebaute. Ja, ich vermute sogar, würde Herrn
       George Bernard Shaw diese Profittheorie bekannt, er wäre imstande
       mit beiden  Händen zuzugreifen,  Jevons und  Karl Menger  den Ab-
       schied zu  geben und auf diesem Felsen die Fabianische Kirche der
       Zukunft neu zu errichten.
       In Wirklichkeit  aber ist diese Theorie nur eine Umschreibung der
       Marxschen. Woraus  werden denn  die sämtlichen Preiszuschläge be-
       stritten? Aus  dem "Gesamtprodukt"  der Arbeiter. Und zwar, indem
       die Ware "Arbeit", oder, wie Marx sagt, Arbeitskraft, unter ihrem
       Preis verkauft  werden muß.  Denn wenn  es die  gemeinsame Eigen-
       schaft aller Waren ist, teurer verkauft zu werden als die Produk-
       tionskosten, wenn  aber hiervon die Arbeit allein ausgenommen ist
       und stets nur zu den Produktionskosten verkauft wird, so wird sie
       eben unter  dem Preis  verkauft, der die Regel ist in dieser vul-
       gärökonomischen Welt.  Der infolgedessen  dem Kapitalisten, resp.
       der Kapitalistenklasse zufallende Extraprofit besteht eben darin,
       und kann  in letzter Instanz nur dadurch zustande kommen, daß der
       Arbeiter, nach Reproduktion des Ersatzes für den Preis seiner Ar-
       beit, noch weiteres Produkt produzieren muß, für das er nicht be-
       zahlt wird  - Mehrprodukt,  Produkt unbezahlter Arbeit, Mehrwert.
       Lexis ist  ein in  der Wahl seiner Ausdrücke äußerst vorsichtiger
       Mann. Er sagt nirgends gradeaus, daß obige Auffassung die seinige
       ist; ist sie es aber, so ist sonnenklar, daß wir
       
       #18# Vorwort
       -----
       es hier  nicht mit einem jener gewöhnlichen Vulgärökonomen zu tun
       haben, von  denen er selbst sagt, daß jeder einzelne in den Augen
       von Marx  "bestenfalls nur  ein hoffnungsloser  Schwachkopf ist",
       sondern mit  einem als  Vulgärökonomen verkleideten Marxisten. Ob
       diese Verkleidung  bewußt oder  unbewußt vor  sich gegangen,  ist
       eine uns hier nicht interessierende psychologische Frage. Wer das
       ergründen möchte,  wird vielleicht  auch Untersuchen, wie es mög-
       lich war,  daß zu einer gewissen Zeit ein so gescheiter Mann, wie
       Lexis es  unzweifelhaft ist,  auch einmal  einen solchen Blödsinn
       wie den Bimetallismus verteidigen konnte. [3]
       Der erste,  der die  Frage wirklich zu beantworten versuchte, war
       Dr. Conrad  Schmidt, "Die  Durchschnittsprofitrate auf  Grundlage
       des Marx'schen  Werthgesetzes", Dietz,  Stuttgart  1889.  Schmidt
       sucht die  Details der  Marktpreisbildung in  Einklang zu bringen
       sowohl mit  dem Wertgesetz  wie mit  der Durchschnittsprofitrate.
       Der industrielle  Kapitalist erhält in seinem Produkt erstens Er-
       satz für  sein vorgeschoßnes  Kapital, zweitens  ein Mehrprodukt,
       wofür er  nichts bezahlt  hat. Um dies Mehrprodukt aber zu erhal-
       ten, muß  er sein  Kapital in der Produktion vorschießen; d.h. er
       muß ein  bestimmtes Quantum vergegenständlichter Arbeit anwenden,
       um sich dies Mehrprodukt aneignen zu können. Für den Kapitalisten
       ist also  dies sein  vorgeschoßnes Kapital  das Quantum vergegen-
       ständlichter Arbeit,  das gesellschaftlich nötig ist, um ihm dies
       Mehrprodukt zu  verschaffen. Für jeden andern industriellen Kapi-
       talisten gilt  dasselbe. Da nun die Produkte dem Wertgesetz gemäß
       sich gegeneinander austauschen im Verhältnis der zu ihrer Produk-
       tion gesellschaftlich  notwendigen Arbeit, und da für den Kapita-
       listen die  zur Herstellung seines Mehrprodukts notwendige Arbeit
       eben die in seinem Kapital aufgehäufte, vergangene Arbeit ist, so
       folgt, daß  sich die Mehrprodukte austauschen nach dem Verhältnis
       der zu ihrer Produktion erheischten Kapitale, nicht aber nach dem
       der   w i r k l i c h  in ihnen verkörperten Arbeit. Der auf jede
       Kapitaleinheit fallende  Anteil ist  also gleich  der Summe aller
       produzierten Mehrwerte, dividiert durch die Summe der darauf ver-
       wandten Kapitale.  hernach werfen  gleiche Kapitale  in  gleichen
       Zeiträumen gleiche  Profite ab,  und dies wird bewirkt, indem der
       so  berechnete   Kostpreis  des  Mehrprodukts,  d.h.  der  Durch-
       schnittsprofit, auf den Kostpreis des bezahlten Produkts geschla-
       gen und zu diesem erhöhten Preise beides, bezahltes und unbezahl-
       tes Produkt,  verkauft wird. Die Durchschnittsprofitrate ist her-
       gestellt, trotzdem  daß, wie  Schmidt meint,  die  Durchschnitts-
       preise der einzelnen Waren nach dem Wertgesetz bestimmt werden.
       Die Konstruktion  ist äußerst sinnreich, sie ist ganz nach Hegel-
       schem
       
       #19# Vorwort
       -----
       Muster, aber  sie teilt  das mit der Mehrzahl der Hegelschen, daß
       sie nicht  richtig ist.  Mehrprodukt oder bezahltes Produkt macht
       keinen Unterschied:  soll das  Wertgesetz  auch  für  die  Durch-
       schnittspreise unmittelbar  gelten, so müssen beide verkauft wer-
       den im  Verhältnis der  zu ihrer  Herstellung erforderlichen  und
       darin verbrauchten  gesellschaftlich nötigen  Arbeit. Das Wertge-
       setz richtet  sich von  vornherein gegen die aus der kapitalisti-
       schen Vorstellungsweise  überkommene Ansicht,  als sei die aufge-
       häufte vergangne  Arbeit, woraus  das Kapital besteht, nicht bloß
       eine bestimmte  Summe von fertigem Wert, sondern, weil Faktor der
       Produktion und  Profitbildung, auch  wertbildend, also Quelle von
       mehr Wert,  als es  selbst hat;  es stellt fest, daß diese Eigen-
       schaft nur der lebendigen Arbeit zukommt. Daß die Kapitalisten im
       Verhältnis der Größe ihrer Kapitale gleiche Profite erwarten, ih-
       ren Kapitalvorschuß also als eine Art Kostpreis ihres Profits an-
       sehn, ist  bekannt. Wenn  aber Schmidt diese Vorstellung benutzt,
       um vermittelst ihrer die nach der Durchschnittsprofitrate berech-
       neten Preise  in Einklang  mit dem Wertgesetz zu bringen, so hebt
       er das  Wertgesetz selbst auf, indem er eine ihm total widerspre-
       chende Vorstellung  diesem Gesetz als mitbestimmenden Faktor ein-
       verleibt.
       Entweder ist  die aufgehäufte Arbeit wertbildend neben der leben-
       digen. Dann gilt das Wertgesetz nicht.
       Oder sie  ist nicht  wertbildend. Dann ist Schmidts Beweisführung
       unverträglich mit dem Wertgesetz.
       Schmidt wurde  auf diesen  Seitenweg geführt,  als er  der Lösung
       schon sehr  nahe war,  weil er glaubte, eine womöglich mathemati-
       sche Formel finden zu müssen, die den Einklang des Durchschnitts-
       preises jeder einzelnen Ware mit dem Wertgesetz nachweisen ließe.
       Wenn er  aber hier,  ganz in  der Nähe  des Ziels,  einem  Irrweg
       folgte, so  beweist der  übrige Inhalt der Broschüre, mit welchem
       Verständnis er  aus den  beiden ersten Büchern des "Kapital" wei-
       tere Schlüsse  gezogen hat.  Ihm gebührt die Ehre, für die bisher
       unerklärliche sinkende  Tendenz der  Profitrate die richtige, bei
       Marx im  dritten Abschnitt  des dritten  Buchs gegebne  Erklärung
       selbständig gefunden zu haben; desgleichen die Ableitung des Han-
       delsprofits aus  dem industriellen  Mehrwert und eine ganze Reihe
       von Bemerkungen  über Zins  und Grundrente, wodurch Dinge antizi-
       piert werden,  die bei  Marx im vierten und fünften Abschnitt des
       dritten Buchs entwickelt sind.
       In einer späteren Arbeit ("Neue Zeit", 1892/93, Nr. 3 und 4) ver-
       sucht Schmidt  einen andern  Weg der  Lösung. Dieser läuft darauf
       hinaus, daß  die Konkurrenz  es ist,  die  die  Durchschnittspro-
       fitrate herstellt,  indem sie  Kapital aus Produktionszweigen mit
       Unterprofit in andre auswandern
       
       #20# Vorwort
       -----
       macht, wo  Überprofit gemacht  wird. Daß die Konkurrenz die große
       Ausgleicherin der  Profite ist,  ist nicht neu. Aber nun versucht
       Schmidt den  Nachweis, daß  diese Nivellierung  der Profite iden-
       tisch ist  mit der Reduzierung des Verkaufspreises von im Übermaß
       produzierten Waren auf das Wertmaß, das die Gesellschaft nach dem
       Wertgesetz dafür zahlen kann. Warum auch dies nicht zum Ziel füh-
       ren konnte,  ergibt sich hinreichend aus den Auseinandersetzungen
       von Marx im Buche selbst.
       Nach Schmidt  ging P.  Fireman an  das Problem  ("Conrads Jahrbü-
       cher", Dritte  Folge, 111,  S. 793). Ich gehe nicht ein auf seine
       Bemerkungen über  sonstige Seiten  der Marxschen Darstellung. Sie
       beruhen auf  dem Mißverständnis,  daß Marx da definieren will, wo
       er entwickelt, und daß man überhaupt bei Marx nach fix und ferti-
       gen, ein  für allemal gültigen Definitionen suchen dürfe. Es ver-
       steht sich ja von selbst, daß da, wo die Dinge und ihre gegensei-
       tigem Beziehungen  nicht als fixe, sondern als veränderliche auf-
       gefaßt werden,  auch ihre  Gedankenabbilder, die  Begriffe, eben-
       falls der Veränderung und Umbildung unterworfen sind; daß man sie
       nicht in  starre Definitionen einkapselt, sondern in ihrem histo-
       rischen resp. logischen Bildungsprozeß entwickelt. Danach wird es
       wohl klar  sein, warum Marx am Anfang des ersten Buchs, wo er von
       der einfachen  Warenproduktion als seiner historischen Vorausset-
       zung ausgeht,  um dann weiterhin von dieser Basis aus zum Kapital
       zu kommen  - warum  er da eben von der einfachen Ware ausgeht und
       nicht von  einer begrifflich  und geschichtlich  sekundären Form,
       von der schon kapitalistisch modifizierten Ware; was freilich Fi-
       reman platterdings  nicht einsehn  kann. Diese  und andre  Neben-
       dinge, die  noch zu  mancherlei Einwendungen Anlaß geben könnten,
       lassen wir lieber links liegen und gehn sofort zum Kern der Sache
       über. Während  dem Verfasser  die Theorie lehrt, daß der Mehrwert
       bei gegebner  Mehrwertsrate der  Anzahl der  angewandten Arbeits-
       kräfte proportional  ist, zeigt ihm die Erfahrung, daß bei gegeb-
       ner Durchschnittsprofitrate der Profit proportional ist der Größe
       des angewandten Gesamtkapitals. Dies erklärt Fireman dadurch, daß
       der Profit  eine nur konventionelle (das heißt bei ihm: einer be-
       stimmten gesellschaftlichen  Formation angehörige,  mit ihr  ste-
       hende und  fallende) Erscheinung  ist; seine Existenz ist einfach
       an das  Kapital geknüpft;  dies, wenn  es stark  genug ist,  sich
       einen Profit  zu erzwingen,  ist durch  die Konkurrenz  genötigt,
       sich auch eine für alle Kapitale gleiche Profitrate zu erzwingen.
       Ohne gleiche Profitrate ist eben keine kapitalistische Produktion
       möglich; diese Produktionsform vorausgesetzt, kann für jeden Ein-
       zelkapitalisten die  Masse des Profits nur abhängen, bei gegebner
       Profitrate, von  der Größe  seines Kapitals.  Andrerseits besteht
       der Profit
       
       #21# Vorwort
       -----
       aus Mehrwert, unbezahlter Arbeit. Und wie geschieht hier die Ver-
       wandlung des Mehrwerts, dessen Größe sich nach der Ausbeutung der
       Arbeit richtet,  in Profit,  dessen Größe sich nach der Größe des
       dazu erforderten Kapitals richtet?
       
       "Einfach dadurch,  daß in  allen Produktionszweigen,  wo das Ver-
       hältnis zwischen...  konstantem und  variablem Kapital am größten
       ist, die  Waren über  ihrem Wert  verkauft werden, das heißt aber
       auch, daß  in denienigen  Produktionszweigen, wo  das  Verhältnis
       konstantes Kapital  : variables  Kapital =  c:v am kleinsten ist,
       die Waren  unter ihrem  Wert verkauft werden, und daß nur, wo das
       Verhältnis c:v eine bestimmte Mittelgröße darstellt, die Waren zu
       ihrem wahren  Wert veräußert werden... Ist diese Inkongruenz ein-
       zelner Preise  mit ihren  respektiven Werten eine Widerlegung des
       Wertprinzips? Keineswegs.  Denn dadurch,  daß die  Preise einiger
       Waren in  gleichem Maß  über den  Wert steigen,  wie  die  Preise
       andrer unter  den Wert  sinken, bleibt  die Totalsumme der Preise
       der Totalsumme  der Werte  gleich... 'in  letzter  Instanz'  ver-
       schwindet die Inkongruenz.. Diese Inkongruenz ist eine "Störung";
       in den  exakten Wissenschaften  aber pflegt man eine berechenbare
       Störung nie als eine Widerlegung eines Gesetzes zu betrachten".
       
       Man vergleiche hiermit die entsprechenden Stellen in Kap. IX, und
       man wird  finden, daß  Fireman hier in der Tat den Finger auf den
       entscheidenden Punkt gelegt hat. Wie vieler Mittelglieder es aber
       auch nach  dieser Entdeckung noch bedürfte, um Fireman zu befähi-
       gen, die  volle handgreifliche Lösung des Problems herauszuarbei-
       ten, beweist die unverdient kühle Aufnahme, die sein so bedeuten-
       der Artikel  gefunden hat. So viele sich auch für das Problem in-
       teressierten, sie  alle fürchteten noch immer, sich die Finger zu
       verbrennen. Und dies erklärt sich nicht nur aus der unvollendeten
       Form, worin  Fireman seinen  Fund gelassen  hat, sondern auch aus
       der unleugbaren  Mangelhaftigkeit sowohl  seiner  Auffassung  der
       Marxschen Darstellung,  wie seiner  eignen, auf dieser Auffassung
       begründeten allgemeinen Kritik derselben.
       Wo es  Gelegenheit gibt, sich bei einer schwierigen Sache zu bla-
       mieren, da  fehlt Herr  Professor Julius  Wolf in Zürich nie. Das
       ganze Problem,  erzählt  er  uns  ("Conrads  Jahrbücher",  Dritte
       Folge, II,  S. 352  und ff.), löst sich durch den relativen Mehr-
       wert. Die  Produktion des  relativen Mehrwerts beruht auf Vermeh-
       rung des konstanten Kapitals gegenüber dem variablen.
       
       "Ein Plus  an konstantem  Kapital hat  ein Plus an Produktivkraft
       der Arbeiter  zur Voraussetzung.  Da dies  Plus an Produktivkraft
       aber (auf  dem Wege  über die  Verbilligung der Lebensmitteln ein
       Plus an  Mehrwert nach sich zieht, ist die direkte Beziehung zwi-
       schen wachsendem Mehrwert und wachsender Beteiligung des konstan-
       ten
       
       #22# Vorwort
       -----
       Kapitals im Gesamtkapital hergestellt. Ein Mehr an konstantem Ka-
       pital weist  ein Mehr  an  Produktivkraft  der  Arbeit  aus.  Bei
       gleichbleibendem variablem  und wachsendem konstantem Kapital muß
       daher der Mehrwert steigen im Einklang rnit Marx. Diese Frage war
       uns aufgegeben."
       
       Zwar sagt  Marx an hundert Stellen des ersten Buchs das grade Ge-
       genteil; zwar  ist die  Behauptung, nach Marx steige der relative
       Mehrwert, bei  fallendem variablem Kapital, im Verhältnis wie das
       konstante Kapital  steigt, von  einer Erstaunlichkeit,  die jedes
       parlamentarischen Ausdrucks  spottet; zwar  beweist  Herr  Julius
       Wolf in  jeder Zelle,  daß er  weder relativ noch absolut das ge-
       ringste verstanden  hat weder  von absolutem  noch von  relativem
       Mehrwert; zwar sagt er selbst:
       
       "man scheint  sich auf  den ersten  BIick hier  wirklich in einem
       Nest von Ungereimtheiten zu befinden",
       
       was beiläufig  das einzige  wahre Wort  in seinem  ganzen Artikel
       ist. Aber  was tut  das alles?  Herr Julius Wolf ist so stolz auf
       seine geniale Entdeckung, daß er nicht unterlassen kann, dem Marx
       dafür posthume  Lobspr,üche zu  erteilen und diesen seinen eignen
       unergründlichen Unsinn anzupreisen als einen
       
       "neuerlichen Beweis  der Schärfe  und  Weitsichtigkeit,  mit  der
       sein" (Marx')  kritisches System  der kapitalistischen Wirtschaft
       entworfen ist"!
       
       Aber es kommt noch besser: Herr Wolf sagt:
       
       "Ricardo hat ebensowohl behauptet: gleicher Kapitalaufwand, glei-
       cher Mehrwert  (Profit), wie:  gleicher Arbeitsaufwand,  gleicher
       Mehrwert (der  Masse nach). Und die Frage war nun: wie reimt sich
       das eine  mit dem  andern. Marx  hat die Frage in dieser Form nun
       aber nicht  anerkannt.  E r  h a t  (i m  d r i t t e n  B a n d)
       zweifellos nachgewiesen,  daß die  zweite Behauptung  nicht unbe-
       dingte Konsequenz des Wertgesetzes sei, ja daß sie seinem Wertge-
       setze widerspreche und also... direkt zu verwerfen sei."
       
       Und nun  untersucht er,  wer von  uns beiden sich geirrt hat, ich
       oder Marx.  Daß er  selbst in der Irre spazierengeht, daran denkt
       er natürlich nicht.
       Es hieße meine Leser beleidigen und die Komik der Situation total
       verkennen, wollte  ich nur  ein Wort verlieren über diese Pracht-
       stelle. Ich füge nur noch hinzu: Mit derselben Kühnheit, womit er
       damals bereits sagen konnte, was "Marx im dritten Band zweifellos
       nachgewiesen", benutzt er die Gelegenheit, einen angeblichen Pro-
       fessorenklatsch  zu   berichten,  wonach  Conrad  Schmidts  obige
       Schrift "von  Engels direkt inspiriert sei". Herr Julius Wolf! In
       der Welt, worin Sie leben und weben, mag es üblich
       
       #23#
       -----
       Titelblatt der ersten russischen Ausgabe
       des dritten Bandes des "Kapitals"
       
       #24#
       -----
       
       #25# Vorwort
       -----
       sein, daß  der Mann,  der andern  öffentlich ein  Problem stellt,
       seine Privatfreunde  im stillen mit der Lösung bekannt macht. Daß
       Sie dazu  kapabel sind,  will ich  Ihnen gern glauben. Daß in der
       Welt, worin  ich verkehre,  man sich nicht zu solchen Erbärmlich-
       keiten herabzulassen braucht, beweist Ihnen das gegenwärtige Vor-
       wort. Kaum  war Marx  gestorben, da  veröffentlichte Herr Achille
       Loria schleunigst einen Artikel über ihn in der "Nuova Antologia"
       (April 1883): zuerst eine von falschen Angaben strotzende Biogra-
       phie, sodann  eine Kritik der öffentlichen, politischen und lite-
       rarischen Tätigkeit.  Die Marxische  materialistische  Auffassung
       der Geschichte  wird hier gefälscht und verdreht mit einer Zuver-
       sichtlichkeit, die  einen großen  Zweck erraten  läßt. Und dieser
       Zweck ist erreicht worden: 1886 veröffentlichte derselbe Herr Lo-
       ria ein  Buch "La  teoria economica della costituzione politica",
       worin er die 1883 so gänzlich und so absichtlich entstellte Marx-
       sche Geschichtstheorie  als seine  eigne Erfindung der staunenden
       Mitwelt verkündet.  Allerdings ist  die Marxsche Theorie hier auf
       ein ziemlich  philiströses Niveau  heruntergebracht; auch wimmeln
       die historischen  Belege und  Beispiele von  Schnitzern, die  man
       keinem Quartaner  durchlassen würde;  aber was verschlägt das al-
       les? Die  Entdeckung, daß  überall und  immer die politischen Zu-
       stände und Ereignisse ihre Erklärung finden in den entsprechenden
       ökonomischen Zuständen,  wurde, wie  hiermit bewiesen, keineswegs
       von Marx  im Jahr 1845 gemacht, sondern von Herrn Loria 1886. We-
       nigstens hat er dies seinen Landsleuten, und seit sein Buch fran-
       zösisch erschienen,  auch einigen Franzosen glücklich aufgebunden
       und kann  jetzt als Autor einer neuen epochemachenden Geschichts-
       theorie in  Italien herumstolzieren, bis die dortigen Sozialisten
       Zeit finden,  dem illustre  1*) Loria die gestohlnen Pfauenfedern
       herunterzuzupfen.
       Das ist  aber erst  ein kleines Pröbchen von Herrn Lorias Manier.
       Er versichert  uns, daß  sämtliche Theorien  von Marx beruhen auf
       einem bewußten  Sophisma (un consaputo sofisma); daß Marx vor Pa-
       ralogismen nicht zurückscheute, auch wenn er sie als  s o l c h e
       e r k a n n t e   (sapendoll tali)  usw. Und nachdem er mit einer
       ganzen Reihe  ähnlicher gemeiner  Schnurren seinen Lesern das Nö-
       tige beigebracht hat, damit sie Marx für einen Streber à la Loria
       ansehn, der seine Effektchen mit denselben kleinen faulen Humbug-
       smittelchen in  Szene setzt  wie  unser  paduanischer  Professor,
       jetzt kann  er ihnen  ein wichtiges Geheimnis verraten, und damit
       führt er auch uns zur Profitrate zurück.
       -----
       1*) erlauchten
       
       #26# Vorwort
       -----
       Herr Loria  sagt: Nach  Marx soll  sich die in einem kapitalisti-
       schen Industriegeschäft produzierte Masse des Mehrwerts (den Herr
       Loria hier  mit dem  Profit identifiziert) richten nach dem darin
       angewandten variablen  Kapital, da  das konstante  Kapital keinen
       Profit abwirft.  Das widerspricht  aber der Wirklichkeit. Denn in
       der Praxis richtet sich der Profit nicht nach dem variablen, son-
       dern nach  dem Gesamtkapital.  Und Marx sieht dies selbst ein (I.
       Kap. XI  [5]) und  gibt zu,  daß dem  Anschein nach die Tatsachen
       seiner Theorie  widersprechen. Wie  aber löst er den Widerspruch?
       Er verweist seine Leser auf einen noch nicht erschienenen folgen-
       den Band.  Von diesem Band hatte Loria seinen Lesern schon früher
       gesagt, er glaube nicht, daß Marx auch nur einen Augenblick daran
       gedacht habe,  ihn zu  schreiben, und jetzt ruft er triumphierend
       aus:
       "Nicht mit  Unrecht habe  ich also behauptet, dieser zweite Band,
       womit Marx in einem fort seinen Gegnern droht, ohne daß er je er-
       scheint, dieser Band könne sehr wohl ein pfiffiges Auskunftstitel
       gewesen sein, das Marx da anwandte, wo ihm die wissenschaftlichen
       Argumente ausgingen (un ingegneso spediente ideato dal Marx a so-
       stituzione degli argomenti scientifici)."
       
       Und wer  jetzt nicht  überzeugt ist,  daß Marx auf derselben Höhe
       des wissenschaftlichen  Schwindels steht wie l'illustre Loria, an
       dem ist Hopfen und Malz verloren.
       Soviel also  haben wir gelernt: nach Herrn Loria ist die Marxsche
       Mehrwertstheorie absolut  unvereinbar mit der Tatsache der allge-
       meinen gleichen  Profitrate. Nun  kam das  zweite Buch heraus und
       damit meine  öffentlich gestellte  Frage grade über diesen selben
       Punkt. 1*)  Wäre Herr  Loria einer von uns blöden Deutschen gewe-
       sen, er  wäre einigermaßen  in Verlegenheit  geraten. Aber er ist
       ein kecker Südländer, er kommt aus einem heißen Kiima, wo, wie er
       behaupten kann,  die Unverfrorenheit gewissermaßen Naturbedingung
       ist. Die Frage wegen der Profitrate ist öffentlich gestellt. Herr
       Loria hat sie öffentlich für unlöslich erklärt. Und grade deshalb
       wird er  sich jetzt  selbst übertreifen,  indem er sie öffentlich
       löst.
       Dies Wunder  geschieht in Conrads "Jahrbüchern", N.F., Bd. XX, S.
       272ff., in  einem Artikel  über  Conrad  Schmidts  oben  erwähnte
       Schrift. Nachdem  er von  Schmidt gelernt,  wie der  kommerzielle
       Profit zustande kommt, ist ihm auf einmal alles klar.
       
       "Da nun  die Wertbestimmung  durch die  Arbeitszeit den Kapitali-
       sten, die  einen guten  Teil ihres  Kapitals in  Löhnen  anlegen,
       einen Vorteil  gibt, so  kann das unproduktive" (soll heißen kom-
       merzielle) "Kapital von diesen bevorzugten Kapitalisten
       -----
       1*) Siehe Band 24 unserer Ausgabe, S. 26
       
       #27# Vorwort
       -----
       einen höheren  Zins"  (soll  heißen  Profit)  erzwingen  und  die
       Gleichheit zwischen den einzelnen industriellen Kapitalisten her-
       vorbringen... So  z.B., wenn die industriellen Kapitalisten A, B,
       C, 100 Arbeitstage für jeden, und respektive 0, 100, 200 konstan-
       tes Kapital  in der  Produktion anwenden, und der Arbeitslohn für
       100 Arbeitstage  50 Arbeitstage in sich enthält, jeder Kapitalist
       einen Mehrwert  von 50  Arbeitstagen bekommt  und die  Profitrate
       100% ist  für den  ersten, 33,3%  für den zweiten und 20% für den
       dritten Kapitalisten.  Wenn aber ein vierter Kapitalist D ein un-
       produktives Kapital von 300 akkumuliert, das einen Zins" (Profit)
       "von dem  Wert von  40 Arbeitstagen  von A, einen Zins von 20 Ar-
       beitstagen von  B erheischt, so wird die Profitrate der Kapitali-
       sten A  und B  zu 20%, wie die C's sinken und D mit einem Kapital
       von 300  wird einen  Profit von 60, d.h. eine Profitrate von 20%,
       wie die übrigen Kapitalisten bekommen."
       
       Mit  so   überraschender  Gewandtheit,   im   Handumdrehn,   löst
       l'illustre Loria  dieselbe Frage,  die er vor zehn Jahren für un-
       lösbar erklärt  hatte. Leider hat er uns das Geheimnis nicht ver-
       raten, woher das "unproduktive Kapital" die Macht erhält, den In-
       dustriellen diesen ihren, die Durchschnittsprofitrate überschrei-
       tenden Extraprofit  nicht nur abzuzwacken, sondern auch selbst in
       der Tasche  zu behalten,  ganz wie  der Grundeigentümer den über-
       schüssigen Profit  des Pächters  als Grundrente einsteckt. In der
       Tat würden  die Kaufleute  hiernach einen der Grundrente durchaus
       analogen Tribut  von den  Industriellen erheben  und dadurch  die
       Durchschnittsprofitrate herstellen.
       Allerdings ist das Handelskapital ein sehr wesentlicher Faktor in
       der Herstellung  der allgemeinen  Profitrate, wie so ziemlich je-
       dermann weiß.  Aber nur  ein  literarischer  Abenteurer,  der  im
       Grunde seines  Herzens auf  die ganze  Ökonomie pfeift, kann sich
       die Behauptung  erlauben, es  besitze die Zauberkraft, allen über
       die allgemeine  Profitrate, und  dazu noch ehe eine solche herge-
       stellt ist,  überschüssigen Mehrwert  an sich  zu saugen  und  in
       Grundrente für sich selbst zu verwandeln, und das obendrein, ohne
       daß es  irgendein Grundeigentum dazu nötig hat. Nicht weniger er-
       staunlich ist  die Behauptung,  das Handelskapital bringe es fer-
       tig, diejenigen  Industriellen zu  entdecken, deren  Mehrwert nur
       grade die  Durchschnittsprofitrate deckt,  und es  rechne es sich
       zur Ehre an, diesen unglücklichen Opfern des Marxschen Wertgeset-
       zes ihr Los einigermaßen zu erleichtern, indem es ihnen ihre Pro-
       dukte gratis,  sogar ohne  jede Provision verkauft. Welch ein Ta-
       schenspieler gehört dazu, sich einzubilden, Marx habe solche jäm-
       merliche Kunststückchen nötig!
       In seiner  vollen Glorie  aber strahlt unser illustre Loria erst,
       wenn wir ihn mit seinen nordischen Konkurrenten vergleichen, Z.B.
       mit Herrn Julius Wolf, der doch auch nicht von gestern ist. Welch
       ein kleiner  Kläffer scheint dieser, selbst in seinem dicken Buch
       über Sozialismus und kapitalistische
       
       #28# Vorwort
       -----
       "Gesellschaftsordnung", neben  dem Italiener!  Wie  unbehilflich,
       ich wäre fast versucht zu sagen, wie bescheiden steht er da neben
       der edlen  Dreistigkeit, womit  der Maestro  es als  selbstredend
       hinstellt, daß  Marx nicht  mehr und nicht minder als alle andern
       Leute auch,  ein genau  ebenso bewußter Sophist, Paralogist, Auf-
       schneider und  Marktschreier war wie Herr Loria selbst - daß Marx
       jedesmal, wenn er festsetzt, dem Publikum von einem Abschluß sei-
       ner Theorie  in einem folgenden Band vorschwefelt, den er, wie er
       selbst sehr  gut weiß,  weder liefern kann noch will! Unbegrenzte
       Keckheit, gepaart  mit aalglattem Durchschlüpfen durch unmögliche
       Situationen, heroische Verachtung gegen erhaltne Fußtritte, rasch
       zugreifende Aneignung  fremder  Leistungen,  zudringliche  Markt-
       schreierei der  Reklame, Organisation  des Ruhms  vermittelst des
       Kamaraderieklüngels - wer reicht ihm in alledem das Wasser?
       Italien ist  das Land  der Klassizität. Seit der großen Zeit, als
       bei ihm  die Morgenröte  der modernen  Welt aufging,  brachte  es
       großartige Charaktere  hervor in  unerreicht klassischer  Vollen-
       dung, von Dante bis auf Garibaldi. Aber auch die Zeit der Ernied-
       rigung und  Fremdherrschaft hinterließ  ihm klassische Charakter-
       masken, darunter  zwei besonders  ausgemeißelte Typen: den Sgana-
       rell und  den Dulcamara.  Die klassische  Einheit beider sehn wir
       verkörpert in unserm illustre Loria.
       Zum Schluß muß ich meine Leser über den Ozean führen. In New York
       hat Herr  Dr. med. George C. Stiebeling auch eine Lösung des Pro-
       blems gefunden,  und zwar  eine äußerst einfache. So einfach, daß
       kein Mensch  weder hüben  noch drüben sie anerkennen wollte, wor-
       über er  in großen  Zorn geriet  und in einer endlosen Reihe Bro-
       schüren und  Zeitungsartikel auf beiden Seiten des großen Wassers
       sich bitterlichst  über diese  Unbill beschwerte.  Man sagte  ihm
       zwar in der "Neuen Zeit" [6], seine ganze Lösung beruhe auf einem
       Rechenfehler. Aber das konnte ihn nicht stören; Marx hat auch Re-
       chenfehler gemacht  und behält  dennoch in  vielen Dingen  recht.
       Sehn wir uns also die Stiebelingsche Lösung an.
       
       "Ich nehme  zwei Fabriken  an, die  mit gleichem  Kapital gleiche
       Zeit arbeiten,  aber mit  einem verschiednen  Verhältnis des kon-
       stanten und des variablen Kapitals. Das Gesamtkapital (c+v) setze
       ich y,  und bezeichne  den Unterschied in dem Verhältnis des kon-
       stanten zu  dem variablen  Kapital mit x. In Fabrik I ist y = c +
       v, in Fabrik II ist y = (c-x) + (v+x). Die Rate des Mehrwerts ist
       also in  Fabrik I  = m/vund  in Fabrik  II =  m/(v+x). Profit (p)
       nenne ich  den Mehrwert (m), um den sich das Gesamtkapital y oder
       c +  v in  der gegebnen  Zeit vermehrt,  also p = m. Die Rate des
       Profits ist  demnach in Fabrik I = p/y oder m/(c+v) und in Fabrik
       II ebenfalls p/y oder
       
       #29# Vorwort
       -----
            m
       -------------
       (c-x) + (v+x)
       daß d.h.  ebenfalls = m/(c+v). Das... Problem löst sich also der-
       art, daß  auf Grundlage  des Wertgesetzes, bei Anwendung gleichen
       Kapitals und gleicher Zeit, aber ungleicher Mengen lebendiger Ar-
       beit, aus  der Veränderung  der Rate  des Mehrwerts  eine gleiche
       Durchschnittsprofitrate  hervorgeht."  (G.  C.  Stiebeling,  "Das
       Werthgesetz und die Profitrate", New York, John Heinrich.)
       
       So schön  und einleuchtend  auch die  obige Rechnung ist, so sind
       wir doch genötigt, eine Frage an Herrn Dr. Stiebeling zu richten:
       Woher weiß  er, daß  die Summe des Mehrwerts, den Fabrik I produ-
       ziert, aufs  Haar gleich ist der Summe des in Fabrik II erzeugten
       Mehrwerts? Von c, v, y und x, also von allen übrigen Faktoren der
       Rechnung sagt  er uns  ausdrücklich, daß  sie für  beide Fabriken
       gleiche Größe  haben, aber  von in kein Wort. Daraus aber, daß er
       beide hier  vorkommende Mengen  Mehrwert algebraisch  mit in  be-
       zeichnet, folgt  dies keineswegs. Es ist, da Herr Stiebeling auch
       den Profit  p ohne weiteres mit dem Mehrwert identifiziert, viel-
       mehr grade das, was bewiesen werden soll. Nun sind nur zwei Fälle
       möglich: entweder  sind die  beiden in gleich, jede Fabrik produ-
       ziert gleich  viel Mehrwert, also bei gleichem Gesamtkapital auch
       gleich viel  Profit, und  dann hat Herr Stiebeling von vornherein
       das schon  vorausgesetzt, was  er erst  beweisen soll. Oder aber,
       die eine  Fabrik produziert  eine größere  Summe Mehrwert als die
       andre, und dann fällt seine ganze Rechnung dahin.
       Herr Stiebeling  hat weder  Mühe noch Kosten gescheut, auf diesen
       seinen Rechenfehler ganze Berge von Rechnungen aufzubauen und dem
       Publikum zur  Schau zu stellen. Ich kann ihm die beruhigende Ver-
       sicherung geben,  daß sie  fast alle  gleichmäßig unrichtig sind,
       und daß  sie da,  wo dies  ausnahmsweise nicht der Fall ist, ganz
       etwas anders  beweisen, als  er beweisen  will. So beweist er aus
       der Vergleichung  der amerikanischen  Zensusberichte von 1870 und
       1880 tatsächlich  den Fall der Profitrate, erklärt ihn aber total
       falsch und  meint, die  Marxsche Theorie einer sich immer gleich-
       bleibenden, stabilen  Profitrate durch  die Praxis berichtigen zu
       müssen. Nun folgt aber aus dem dritten Abschnitt des vorliegenden
       dritten Buchs,  daß diese  Marxsche "feststehende Profitrate" ein
       reines Hirngespinst  ist, und  daß die  fallende Tendenz der Pro-
       fitrate auf  Ursachen beruht, die den von Dr. Stiebeling angegeb-
       nen diametral  entgegengesetzt sind. Herr Dr. Stiebeling meint es
       sicher sehr gut, aber wenn man sich mit wissenschaftlichen Fragen
       beschäftigen will,  muß man  vor allen Dingen lernen, die Schrif-
       ten, die  man benutzen  will, so  zu lesen, wie der Verfasser sie
       geschrieben hat  und vor  allem, ohne  Dinge  hineinzulesen,  die
       nicht darinstehn.
       
       #30# Vorwort
       -----
       Resultat der  ganzen Untersuchung: auch mit Bezug auf die vorlie-
       gende Frage  ist es  wieder nur  die Marxsche  Schule, die  etwas
       geleistet hat.  Fireman und  Conrad Schmidt können, wenn sie dies
       dritte Buch lesen, mit ihren eignen Arbeiten jeder an seinem Teil
       ganz zufrieden sein.
       
       London, 4. Oktober 1894                   F. Engels

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