Quelle: MEW 27 Briefe Februar 1842 bis Dezember 1851
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KARL MARX und FRIEDRICH ENGELS
Briefe
Februar 1842 - Dezember 1851
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Erster Teil
Briefwechsel zwischen Marx und Engels
Oktober 1844 - Dezember 1851
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1844
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Engels an Marx
in Paris [1]
[Barmen, Anfang Oktober 1844]
Lieber Marx,
Du wirst Dich wundern, daß ich nicht früher schon Nachricht von
mir gab, und Du hast ein Recht dazu; indes kann ich Dir auch
jetzt noch nichts wegen meiner Rückkehr dorthin sagen. Ich sitze
jetzt hier seit drei Wochen in Barmen und amüsiere mich so gut es
geht mit wenig Freunden und viel Familie, unter der sich glückli-
cherweise ein halb Dutzend liebenswürdiger Weiber befinden. An
Arbeiten ist hier nicht zu denken, um so weniger, als meine
Schwester 1*) sich mit dem Londoner Kommunisten Emil Blank, den
Ewerb[eck] kennt, verlobt hat und jetzt natürlich ein verfluchtes
Rennen und Laufen im Hause ist. Übrigens sehe ich wohl, daß mei-
ner Rückkehr nach Paris noch bedeutende Schwierigkeiten werden in
den Weg gelegt werden, und daß ich wohl werde auf ein halbes oder
ganzes Jahr mich in Deutschland herumtreiben müssen; ich werde
natürlich alles aufbieten, um dies zu vermeiden, aber Du glaubst
nicht, was für kleinliche Rücksichten und abergläubische Befürch-
tungen mir entgegengestellt werden.
Ich war in Köln drei Tage und erstaunte über die ungeheure Propa-
ganda, die wir dort gemacht haben. Die Leute sind sehr tätig,
aber der Mangel an einem gehörigen Rückhalt ist doch sehr fühl-
bar. Solange nicht die Prinzipien logisch und historisch aus der
bisherigen Anschauungsweise und der bisherigen Geschichte und als
die notwendige Fortsetzung derselben in ein paar Schriften ent-
wickelt sind, solange ist es doch alles noch halbes Dösen und bei
den meisten blindes Umhertappen. Später war ich in Düsseldorf, wo
wir auch einige tüchtige Kerls haben. Am besten gefallen mir üb-
rigens noch meine Elberfelder, bei denen die menschliche
Anschauungsweise
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1*) Marie Engels
#6# 1 - Engels an Marx - Anfang Oktober 1844
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wirklich in Fleisch und Blut übergegangen ist; diese Kerls haben
wirklich angefangen, ihre Familienwirtschaft zu revolutionieren
und lesen ihren Alten jedesmal den Text, wenn sie sich
unterfangen, die Dienstboten oder Arbeiter aristokratisch zu be-
handeln - und so was ist schon viel in dem patriarchalischen
Elberfeld. Außer dieser einen Clique existiert aber auch noch
eine zweite in Elberfeld, die auch sehr gut, aber etwas konfuser
ist. In Barmen ist der Polizeikommissär Kommunist. Vorgestern war
ein alter Schulkamerad und Gymnasiallehrer 2*) bei mir, der auch
stark angesteckt ist, ohne daß er irgendwie mit Kommunisten in
Berührung gekommen wäre. Könnten wir unmittelbar aufs Volk wir-
ken, so wären wir bald obendrauf, aber das ist so gut wie unmög-
lich, besonders da wir Schreibenden uns still halten müssen, um
nicht gefaßt zu werden. Im übrigen ist es hier sehr sicher, man
kümmert sich wenig um uns, solange wir still sind, und ich
glaube, H[eß] mit seinen Befürchtungen sieht etwas Gespenster.
Ich bin hier noch nicht im allergeringsten molestiert worden, und
bloß der Oberprokurator hat sich einmal bei einem unsrer Leute
angelegentlich nach mir erkundigt, das ist alles, was mir bis
jetzt zu Ohren gekommen ist.
Hier hat in der Zeitung gestanden, der Bernays sei dort von der
hiesigen Regierung belangt worden und vor Gericht gewesen. [2]
Schreib mir doch, ob das wahr ist, und auch was die Broschüre 3*)
macht, sie wird jetzt doch wohl fertig sein. Von den Bauers hört
man hier nichts, kein Mensch weiß was von ihnen. Dagegen um die
"Jahrbücher" [3] reißt man sich noch bis auf die heutige Stunde.
Mein Artikel über Carlyle 4*) hat mir bei der "Masse" ein enormes
Renommee verschafft, lächerlicherweise, während den über Ökonomie
5*) nur sehr wenige gelesen haben. Das ist natürlich.
Auch in Elberfeld haben die Herren Pastoren, wenigstens der Krum-
macher, gegen uns gepredigt; vorläufig bloß gegen den Atheismus
der jungen Leute, indes hoffe ich, daß bald auch eine Philippika
gegen den Kommunismus folgen werde. Vorigen Sommer sprach ganz
Elberfeld bloß von diesen gottlosen Kerls. Überhaupt ist hier
eine merkwürdige Bewegung. Seit ich fort war hat das Wuppertal
einen größeren Fortschritt in jeder Beziehung gemacht als in den
letzten fünfzig Jahren. Der soziale Ton ist zivilisierter gewor-
den, die Teilnahme an der Politik, die Oppositionsmacherei ist
allgemein, die Industrie hat rasende Fortschritte gemacht, neue
Stadtviertel sind gebaut, ganze Wälder ausgerottet worden, und
das ganze Ding steht jetzt doch eher über als unter dem Niveau
der deutschen
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2*) Gustav Wurm - 3*) "Die heilige Familie" - 4*) "Die Lage Eng-
lands. 'Past and Present' by Thomas Carlyle" - 5*) "Umrisse zu
einer Kritik der Nationalökonomie"
#7# 1 - Engels an Marx - Anfang Oktober 1844
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Zivilisation, während es noch vor vier Jahren tief darunter stand
- kurz, hier bereitet sich ein prächtiger Boden für unser Prinzip
vor, und wenn wir erst unsre wilden, heißblütigen Färber und
Bleicher in Bewegung setzen können, so sollst Du Dich über das
Wuppertal noch wundern. Die Arbeiter sind so schon seit ein paar
Jahren auf der letzten Stufe der alten Zivilisation angekommen,
sie protestieren durch eine reißende Zunahme von Verbrechen, Räu-
bereien und Morden gegen die alte soziale Organisation. Die Stra-
ßen sind bei Abend sehr unsicher, die Bourgeoisie wird geprügelt
und mit Messern gestochen und beraubt; und wenn die hiesigen Pro-
letarier sich nach denselben Gesetzen entwickeln wie die engli-
schen, so werden sie bald einsehen, daß diese Manier, als
I n d i v i d u e n und gewaltsam gegen die soziale Ordnung zu
protestieren, nutzlos ist, und als M e n s c h e n in ihrer
allgemeinen Kapazität durch den Kommunismus protestieren. Wenn
man den Kerls nur den Weg zeigen könnte! Aber das ist unmöglich.
Mein Bruder 6*) ist jetzt Soldat in Köln und wird, solange er un-
verdächtig bleibt, eine gute Adresse sein, um Briefe für H[eß]
etc. einzuschicken. Einstweilen weiß ich indes seine Adresse
selbst noch nicht genau und kann sie Dir also auch nicht angeben.
Seit ich das Vorhergehende schrieb, war ich in Elberfeld und bin
wieder auf ein paar mir früher total unbekannte Kommunisten ge-
stoßen. Man mag sich hindrehen und hinwenden, wohin man will, man
stolpert über Kommunisten. Ein sehr wütender Kommunist, Karikatu-
ren- und angehender Geschichtsmaler, namens Seel, geht in zwei
Monaten nach Paris, ich werde ihn an Euch adressieren, der Kerl
wird Euch durch sein enthusiastisches Wesen, seine Malerei und
Musikliebhaberei gefallen und ist sehr gut zu gebrauchen als Ka-
rikaturenmacher. Vielleicht bin ich dann selbst schon da, das ist
aber noch sehr zweifelhaft.
Das "Vorwärts" [5] kommt in ein paar Exemplaren her, ich habe da-
für gesorgt, daß andre bestellen werden; laß die Expedition
Probe-Exemplare schicken: nach Elberfeld an: Richard Roth,
Wil[helm] Blank-Hauptmann junior, F.W. Strücker, bayerisch Bier-
wirt Meyer in der Funkenstraße (kommunistische Kneipe), und zwar
alle durch den kommunistischen Buchhändler Baedeker daselbst und
kuvertiert. Wenn die Kerls erst sehen, daß Exemplare herüberkom-
men, so werden sie auch bestellen. Nach Düsseldorf an W. Müller,
Dr. med.; nach Köln meinetwegen an Dr. med. d'Ester, Bierwirt
Löllchen 7*), an Deinen Schwager 8*) etc. Alles natürlich per
Buchhandel und kuvertiert.
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1*) Hermann Engels - 7*) J.A. Loellgen - 8*) Edgar von Westphalen
#8# 1 - Engels an Marx - Anfang Oktober 1844
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Nun sorge dafür, daß die Materialien, die Du gesammelt hast, bald
in die Welt hinausgeschleudert werden. [6] Es ist verflucht hohe
Zeit. Ich werde mich auch tüchtig an die Arbeit setzen und gleich
heute wieder anfangen. Die Germanen sind alle noch sehr im unkla-
ren wegen der praktischen Ausführbarkeit des Kommunismus; um
diese Lumperei zu beseitigen, werd' ich eine kleine Broschüre
schreiben [7], daß die Sache schon ausgeführt ist, und die in
England und Amerika bestehende Praxis des Kommunismus populär
schildern. Das Dings kostet mich drei Tage oder so und muß die
Kerls sehr aufklären. Das hab' ich schon in meinen Gesprächen mit
den Hiesigen gesehen.
Also tüchtig gearbeitet und rasch gedruckt! Grüße Ewerbeck, Baku-
nin, Guerrier und die andern, Deine Frau nicht zu vergessen, und
schreibe mir recht bald über alles. Schreibe, falls dieser Brief
richtig und uneröffnet ankommt, unter Kuvert an "F.W. Strücker
und Comp., Elberfeld", mit möglichst kaufmännischer Handschrift
auf der Adresse, sonst an irgendeine andre Adresse von denen, die
ich Ewerb[eck] gab. Ich bin begierig, ob die Posthunde sich durch
das damenhafte Aussehen dieses Briefes täuschen lassen werden.
Nun lebe wohl, lieber Karl, und schreibe recht bald. Ich bin
seitdem doch nicht wieder so heiter und menschlich gestimmt gewe-
sen, als ich die zehn Tage war, die ich bei Dir zubrachte. Wegen
des zu etablierenden Etablissements hatte ich noch keine rechte
Gelegenheit, Schritte zu tun.
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