Quelle: MEW 27 Briefe Februar 1842 bis Dezember 1851
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#100# 22 - Engels an Marx - 14./15.November 1847
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Engels an Marx
in Brüssel
Lieber Marx,
Gestern erfahre ich plötzlich und endlich, nachdem ich den P.P.
Reinhardt mehrere Male wegen Deines Buchs 1*) zu Frank geschickt,
daß der Hund von Frank im Anfang mehrere der Freiexemplare an
Franzosen geschickt, überall 15 Sous Kosten gefordert und überall
die Exemplare zurückbekommen. Darauf habe er sowohl die zurückbe-
kommenen wie die andern, noch gar nicht abgeschickten, r u h i g
b e i s i c h l i e g e n l a s s e n u n d s i e e r s t
j e t z t, v o r e i n p a a r T a g e n, an die Adressaten
geschickt, ohne 15 Sous zu verlangen. Die conspiration de silence
2*) war also von seiten des Herrn Frank! Ich lief gleich zu L.
Blanc, den ich ein paar Tage vorher wieder nicht getroffen, weil
er en garde 3*) war (le petit bonhomme en bonnet à poil! 4*));
diesmal traf ich ihn, und d a s E x e m p l a r w a r n o c h
n i c h t a n g e k o m m e n! Mein eignes Exemplar habe ich
endlich zurück, das kann im Notfall helfen. Heut Sonntag ist
nichts zu machen. Dem R[ein]h[ar]dt habe ich morgen Rendezvous
gegeben, er soll gleich mit mir zu Frank, was schon früher ge-
schehen sollte, aber nur durch Nachlässigkeit dieses
R[ein]h[ar]dt nicht geschehen. Er muß mich bei dem Fr[ank] intro-
duzieren, weil ich sonst gar keine Legitimation bei dem Kerl
habe. Ich werde mir das Exemplar für L. Bl[anc] geben lassen und
es gleich hinbringen. Aber was der Flocon für ein Esel ist! Der
L. Bl[anc] sagte mir gestern, Fl[ocon] habe gegen Deinen libre-
échange 5*)-Artikel [100] einzuwenden gehabt qu'il était un peu
confus 6*)!!!! Dies konfuse Tier! Ich sprach natürlich dagegen,
oh, sagte der Kleine, ce n'est pas moi qui ai trouvé cela, tout
au contraire, l'article m'a beaucoup plu, et en effet, je ne sais
pas ce que M. Flocon... mais enfin (mit etwas zweideutiger Gri-
masse für Flocon) c'est ce qu'il m'a dit 7*). Überhaupt ist die
Redaktion der "Réforme" tout ce qu'il y a de plus 8*) lausig kom-
poniert. Die Artikel über die englische Krisis
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1*) "Misère de la philosophie" - 2*) Verschwörung des Schweigens
- 3*) auf der Wacht - 4*) das Kerlchen in der Bärenmütze! -
5*) Freihandels - 6*) daß er etwas konfus wäre - 7*) nicht ich
habe das gefunden, ganz im Gegenteil, der Artikel hat mir sehr
gefallen, und ich weiß in der Tat nicht, was Herr Flocon... aber
kurz und gut (mit etwas zweideutiger Grimasse für Flocon), das
hat er mir gesagt - 8*) im höchsten Grade
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und alle ökonomischen Sachen en général 9*) werden von einem
unglücklichen, würdigen penny-a-liner 10*) fabriziert, der seine
Studien bei den Börsenartikeln eines Korrespondenzbüros gemacht
zu haben scheint und alles mit den Augen eines Pariser Kommis
dritten Ranges bei einem Bankier vierten Ranges ansieht und mit
der Unfehlbarkeit so eines "empiric" 11*), wie die Engländer sa-
gen, aburteilt. Flocon versteht nichts davon und kommt mir alle
Tage bornierter vor. C'est tout au plus un homme de bonne vo-
lonté. 12*) L. Blanc verachtet ihn auch sichtbarlich.
Montag.
Den verfluchten Reinh[ardt] habe ich nicht getroffen. Ich geh'
heut abend noch einmal hin. Bis morgen muß ich diese ganze Ge-
schichte ins reine gebracht haben, mag gehen wie's will. Wenn ich
Dir nicht gleich wieder schreibe, ist alles in Ordnung. - Gestern
abend war Deputiertenwahl. [101] Nach einer höchst konfusen Sit-
zung wurde ich mit 2/3 gewählt. Ich hatte diesmal gar nicht in-
trigiert, war auch wenig Gelegenheit dazu. Die Opposition war
bloß scheinbar; ein Arbeiter wurde zum Schein vorgeschlagen, aber
die ihn vorschlugen, stimmten für mich. - Das Geld kommt zusam-
men. Schreib nun, ob Du und Tedesco hingeht. Wenn das nicht mög-
lich wäre, so kann ich doch nicht allein hin und kongressieren,
das wäre ja Unsinn. Könnt ihr beide nicht, so fällt die Ge-
schichte ins Wasser und muß ein paar Monate aufgeschoben werden.
Schreib also in diesem Fall nach London, daß noch zur rechten
Zeit dies überall hin angezeigt wird.
Der Flocon hatte dem L. Bl[anc] auch gesagt, man werde an Deinem
Artikel, um ihn aufzunehmen, eine Kleinigkeit ändern müssen, eben
um ihn "klarer" zu machen. L. Bl[anc] bat mich, den Fl[ocon] de
sa part 13*) an den Artikel nochmals zu erinnern; unter diesen
Umständen aber halte ich es für viel besser, die Sache fallenzu-
lassen. Flocon den Artikel klarer machen, das fehlte noch! Ich
begreife diese vernagelte Borniertheit gar nicht, und, wie ge-
sagt, der Bl[anc] schämte sich plus ou moins 14*) mir gegenüber
seines Herrn Kollegen. Aber was soll man da machen! Ich werde den
Fl[ocon] tun lassen, was er will, ihm wenig zusprechen und mich
hauptsächlich mit dem L. Bl[anc] einlassen, der ist doch der ver-
nünftigste von allen. Beim "National" ist vollends nichts zu ma-
chen, der wird täglich bornierter und alliiert sich mehr und mehr
mit Barrot und Thiers, witness the Lille Banquet 15*) [102].
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9*) im allgemeinen - 10*) Zeilenschinder - 11*) Empirikers" -
12*) Er ist bestenfalls ein Mann mit gutem Willen. -
13*) seinerseits - 14*) mehr oder weniger - 15*) wie das Liller
Bankett beweist
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Der Seiler wird Dir geschrieben haben, Dein Buch ginge sehr
schlecht hier. Das ist nicht wahr. Der Frank hat dem
R[ein]h[ar]dt gesagt, er sei mit dem Verkauf ziemlich gut zufrie-
den. Trotz seines abgeschmackten Benehmens hat er, glaub' ich,
ca. 40 Exemplare abgesetzt. Nächstens Genaueres darüber. Der Sei-
ler behauptet - er war neulich bei mir, wo er sehr kühle anlief,
auch nicht wieder kam -, er habe Bett und Mobiliar und Papier pp.
dort gelassen, hinreichend, um Wolff und Heilberg zu decken.
Sieh, si cela est 16*), daß der Lupus dabei wenigstens nicht noch
von Heilberg beschissen wird. Aber das werden auch Renommagen
sein.
Rothschild hat bei dem neuen Anlehen 10 Millionen Franken ver-
dient - 4 Prozent netto.
Auf meiner Reise nach London werde ich nicht über Brüssel kommen
können, die Gelder sind zu knapp. Wir werden uns in Ostende Ren-
dezvous geben müssen - am 27. (Samstag) abends, und Sonntag her-
überfahren, damit wir Montag anfangen können. Vielleicht ist,
Montag den 29., Polenanniversaire, irgend etwas fraternally Demo-
kratisches los, wo wir dann werden hin müssen. [103] Das wäre
ganz gut. Du hältst in London eine französische Rede, die setzen
wir dann in die "Réforme". Die Deutschen müssen absolut irgend
etwas t u n, um bei den Franzosen auftreten zu können. Eine
einzige Rede wird mehr helfen als zehn Artikel und hundert Besu-
che.
Du wirst im "N[orthern] Star", 2. Oktober, die Aufforderung Har-
neys und der fraternals 17*) zu einem demokratischen Kongreß ge-
lesen haben. Unterstütze das. Ich werde es bei den Franzosen un-
terstützen. Man kann ihn womöglich nächstes Jahr in London abzu-
halten versuchen, vielleicht gleichzeitig mit dem unsrigen.
Kommt's zustande, so wird das auf die Franzosen einen sehr heil-
samen Effekt ausüben und sie etwas demütigen. Kommt's nicht zu-
sammen, so scheitert's an den Franzosen, und sie werden wenig-
stens gezwungen, sich zu erklären. Wenn's in Brüssel ginge, wär's
noch besser, in London könnte Feargus 18*) doch einigen Unsinn
anrichten.
Sonst nichts Neues. Gib Inliegendes an B[orn]st[e]dt und schreib
mir bald, ob Du nach London gehst.
Dein E.
[Paris, 14.-]15. Nov. 1847
Schreib an die Adresse des Malers 19*), wenn Du sie noch hast. Es
ist besser.
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16*) wenn dies der Fall - 17*) Brüderlichen (Demokraten) - 18
*) Feargus O'Connor - 19*) A.F. Körner
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Heine läßt grüßen. Ist äußerst schwach und etwas matt. Wer hat
Deinen Artikel eigentlich an L. Bl[anc] geschickt? Er sagt, es
hätte unter dem Brief ein wildfremder Name gestanden. Das war
auch wohl der Grund, warum er die Geschichte liegen ließ.
[Auf der Adreßseite]
Monsieur Charles Marx, 42, rue d'Orléans, Faubourg d'Ixelles,
Bruxelles
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