Quelle: MEW 27 Briefe Februar 1842 bis Dezember 1851
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#115# 26 - Engels an Marx - 8./ 9. März 1848
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Engels an Marx
in Paris [109]
Lieber Marx,
Ich hoffe, morgen einen Brief von Dir zu haben.
Hier ist alles ruhig. Sonntag abend hat Jottr[and] die Geschichte
mit Dir und Deiner Frau in der Association Démocratique 1*) er-
zählt. [110] Ich kam zu spät, um sie anzuhören, und hörte bloß
noch einige wütende flämische Bemerkungen von Pellering. Auch Gi-
got sprach und kam darauf zurück. In die "Émancipation" brachte
Lubliner einen Artikel deswegen. Die Advokaten hier sind wütend.
Maynz will, man soll die Sache gerichtlich verfolgen, und Du
sollst Dich als partie civile 2*) konstituieren, wegen der Domi-
zilverletzung pp. Auch Gig[ot] soll klagen. Es wäre sehr gut,
wenn man's täte, obwohl die Regierung hat sagen lassen, man würde
den Kerl absetzen. Castiau ist gestern von Maynz mit den nötigen
Akten versehen worden, um deswegen zu interpellieren, ich denke
morgen oder übermorgen kommt's vor. Die Sache hat große Sensation
gemacht und sehr geholfen, den Deutschenhaß zu besänftigen.
Lupus ist vorigen Sonntag 11 Uhr morgens auf die Eisenbahn ge-
bracht und nach Valenciennes besorgt, von wo aus er geschrieben
und wo er noch sein wird. Er war vor keinem Tribunal. Man hat ihn
nicht einmal zu Hause vorbeigeführt, um seine Sachen zu nehmen!
Mir hat man nichts getan. Nach Redensarten, die die Kerls haben
fallenlassen, scheuen sie sich, mich auszuweisen, weil sie mir
damals einen Paß gegeben haben, was man gegen sie geltend machen
könnte.
Die Geschichte in Köln ist unangenehm. Die 3 besten Leute sitzen.
[111] Ich hab' einen aktiven Teilnehmer an der Geschichte gespro-
chen. Sie wollten losschlagen, aber statt sich mit Waffen zu ver-
sehen, die leicht zu haben waren, gingen sie vors Rathaus, unbe-
waffnet, und ließen sich zernieren. Es wird behauptet, daß der
größte Teil der Truppen für sie war. Die Sache war unvernünftig
dumm angefangen; wenn die Berichte des Kerls richtig
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1*) Demokratischen Vereinigung - 2*) Zivilkläger
#116# 26 - Engels an Marx - 8./9.März 1848
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sind, so hätten sie ruhig losschlagen können und wären in 2 Stun-
den fertig gewesen. Aber schrecklich dumm war alles angelegt.
Unsre alten Freunde in Köln [112] scheinen sich sehr zurückgehal-
ten zu haben, obwohl sie mit beschlossen hatten loszubrechen. Der
kleine d'E[ster], D[aniels], B[ürgers] waren einen Augenblick da,
gingen aber gleich wieder fort, obwohl der kleine Dr. 3*) im
Stadtrat gerade nötig war.
Die Nachrichten aus Deutschland sind sonst famos. In Nassau eine
vollendete Revolution, in München die Studenten, Maler und Arbei-
ter in voller Insurrektion, in Kassel die Revolution vor der Tür,
in Berlin grenzenlose Angst und Zaudern, in ganz Westdeutschland
Preßfreiheit und Nationalgarde proklamiert; vorderhand ist das
genug.
Wenn doch der F[riedrich] W[ilhelm] IV. sich starrköpfig hielt!
Dann ist alles gewonnen, und wir haben in ein paar Monaten die
deutsche Revolution. Wenn er nur an seinen feudalen Formen
hielte! Aber der Teufel weiß, was dies launige und verrückte In-
dividuum tun wird.
In Köln ist die ganze kleine Bourgeoisie für Anschluß an die
französische Republik; die 1797er Erinnerungen herrschen augen-
blicklich vor. [113] Tedesco sitzt noch immer. [114] Ich weiß
nicht, wann er vor Gericht kommen wird.
Wegen Deiner Geschichte ist ein fulminanter Artikel 4*) an den
"Northern Star" abgegangen.
Sonntag abend in der Sitzung der demokratischen Gesellschaft
merkwürdige Ruhe. Eine Petition an die Kammern beschlossen wegen
sofortiger Auflösung und neuer Wahlen nach dem neuen Zensus. Die
Regierung will nicht auflösen, aber sie wird müssen. Morgen abend
wird die Petition angenommen und séance tenante 5*) gezeichnet
werden. - Die Jottr[and]-Petition an den Bürgermeister und Stadt-
rat hat eine sehr höflich ablehnende Antwort erhalten.
Von der Ruhe, die hier herrscht, hast Du keinen Begriff. Gestern
abend Karneval, ganz wie sonst; von der französischen Republik
ist kaum noch die Rede. Die französischen Blätter erhält man in
den Cafés fast ohne Schwierigkeiten und Warten. Wenn man nicht
wüßte, daß sie m ü s s e n, tant bien que mal 6*), so sollte
man glauben, hier sei alles aus.
Jottr[and] hat Sonntag - in seiner Wut über Deine Verfolgung -
eine recht gute Rede gehalten; die sévices 7*) des Rogier haben
ihn dahin gebracht, den Klassengegensatz anzuerkennen. Er
schimpfte sehr auf die großen
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3*) Karl Ludwig Johann d'Ester - 4*) "Brief an den Redakteur des
'Northern Star'" - 5*) während der Sitzung - 6*) wohl oder übel -
7*) Gewalttätigkeiten
#117# 26 - Engels an Marx - 8./9. März 1848
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Bourgeois und ließ sich in - allerdings ziem[lich] 8*) platte und
illusorische, aber doch ökonomische Detail[s ein] 8*), um der
kleinen Bourgeoisie zu beweisen, daß [eine]8 wohlbezahlte und
viel konsumierende Arbeiterklasse in einer Republik bessere Kun-
den für sie seien als ein Hof und eine wenig zahlreiche Aristo-
kratie. Ganz à la O'Connor.
Die Zeit ist vorbei, diesen Brief auf die Post zu geben - ich
schließe morgen.
Donnerstag.
Nichts Neues - Deinen Artikel 9*) hab' ich in der "Réforme" gese-
hen -in England ist ja auch Krawall, tant mieux 10*).
Wenn Du bei Ankunft dieses noch nicht geschrieben haben solltest,
so schreib mir doch gleich.
Eben kommt aus lauter Ironie meine Bagage von Paris an - kostet
mich 50 fr.! mit Zoll pp.
Adieu.
Dein Engels
[Brüssel] 13, rue Neuve Chaussée de Louvain, 9. März [1848]
Der Polizeikommissar-Adjoint, der zu Dir kam, soll schon abge-
setzt sein. Die Geschichte hat hier bei den Kleinbürgern große
Entrüstung gesetzt.
[Auf der Adreßseite]
Monsieur Charles Marx aux soins de Madame Gsell, 75, Boulevard
Beaumarchais, Paris
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8*) Papier beschädigt - 9*) "Brief an den Redakteur der Zeitung
'La Réforme'" - 10*) um so besser
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