Quelle: MEW 27 Briefe Februar 1842 bis Dezember 1851
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#121# 29 - Engels an Marx - 18. März 1848
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Engels an Marx
in Paris
Lieber Marx,
Ich werd' Deine Sachen besorgen.
Schreib ein paar Zeilen an M. Victor Faider, avocat 1*), entweder
direkt oder durch Einlage an Bloß : wodurch Du ihm dankst für die
Schritte, die er in Deinem und Deiner Frau Interesse getan hat,
und ihn autorisierst, fernere Schritte zu tun. Faider, der sich
plötzlich als eifriger Republikaner herausgebissen hat, hat sich
nämlich zu Deinem Verteidiger konstituiert und wird dem "Moniteur
Belge" [117] als solcher antworten und die Sache betreiben. Er
hofft, Du werdest ihn nicht desavouieren, und damit er ent-
schieden auftreten kann, ist es gut, daß er das Blättchen von Dir
bekommt. Es ist besser, daß ein Belgier die Sache betreibt, als
wenn Maynz es tut, und da er sich dazu angeboten, so wird er
seine Sache auch wohl ordentlich machen.
Die Feuille de Route 2*) schicke doch ja. Das Ding ist sehr
wünschenswert, Maynz fragt mich alle Tage danach.
Tedesco ist frei und gleich nach Lüttich fort, ohne einen Men-
schen zu sehen. Esselen war einige Tage hier, aber er hatte ihn
nicht gesehen.
Hier herrscht eine Finanz-, Börsen-, Industrie- und Handelskrisis
ohnegleichen. Der Commerce jammert arbeitslos auf dem Café Suisse
herum, die Herren Kauwerz, Lauffs und Konsorten schleichen umher
wie bepißte Pudel, die Arbeiter haben Rassemblements 3*) gemacht
und petitioniert, große Brotnot allgemein. Bares Geld nirgends zu
haben, und dabei ein emprunt forcé 4*) von 60 Millionen! Sie
kriegen hier die Republik durch die Börse aufgedrängt.
Lüning findet bei seiner Rückkehr hieher die Nachricht vor, daß
in Preußen auf ihn gefahndet wird; er wird seine Frau herkommen
lassen und nach Paris kommen.
Der Dronke war vor seiner Flucht durch Willich und Konsorten in
den Bund aufgenommen worden. Ich hab' ihn hier einem neuen Examen
unterworfen, ihm unsre Ansichten vorgetragen, und da er sich ein-
verstanden
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1*) Rechtsanwalt - 2*) Das Begleitschreiben - 3*) Kundgebungen -
4*) eine Zwangsanleihe
#122# 29 - Engels an Marx - 18. März 1848
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erklärte, ihn bestätigt: Man hätte nichts andres tun können,
selbst wenn mehr oder weniger Bedenken dagewesen wären. Indes ist
der Kerl sehr bescheiden, sehr jung und scheint sehr zugänglich,
so daß ich glaube, daß er mit einiger Aufsicht und einigem Stu-
dium gut werden wird. Er revozierte mir gegenüber alle seine frü-
heren Schriften. Er wohnt leider bei Moses, der ihn einstweilen
also bearbeiten wird, aber das hat bekanntlich nichts zu sagen.
Bei Lüning, an den er sich schrecklich angekittet hatte, bedurfte
es zweier Worte, um ihn aus dem Sattel zu heben.
Moses ist übrigens freundschaftlicher denn je - den Kerl begreif
einer!
Bei Cassel kann i c h nichts tun, da Maynz, nicht ich, Ordre
hat. Breyer beruft sich auf die Finanzkrisis, auf die Unmöglich-
keit, seine alten Wechselschulden jetzt prolongieren zu lassen,
auf die Zahlungsweigerung seiner gesamten Klientel. Er erklärt
sogar, sein einziges Roß verkaufen zu wollen. Ich werde indes se-
hen, was zu kriegen ist, denn mit dem Geld von Maynz komm' ich
kaum aus, und das von Heß, der zuerst gezahlt, ist bereits den
Weg alles Fleisches. Gigot ist auch in Schwulitäten. Ich werd'
noch heut mal zu Breyer gehen.
In den "Débat social" kommt morgen eine ausführliche Widerlegung,
mot pour mot 5*), des "Moniteurs".
Dem Faider füge noch hinzu: wenn er eine spezielle Vollmacht ha-
ben müsse, so werdest Du sie ihm schicken.
Schreib auch ein paar Zeilen an M. Bricourt, membre de la Chambre
des Représentants 6*), der sehr gut für Dich in der Kammer aufge-
treten ist und den Minister auf Maynz' Ansuchen scharf interpel-
liert und die enquête 7*) wegen der Geschichte durchgesetzt hat.
Er ist Repräsentant für Charleroi und nach Castiau der Beste. Ca-
stiau war grade in Paris.
Sieh den inliegenden Wisch 8*) durch und schick ihn an die
"Réforme". Die hiesigen Kerls müssen fortwährend geärgert werden.
Si c'est possible 9*), so reise ich Montag ab. [118] Aber die
Geldwirtschaft kommt mir immer in die Quere.
Von England hör' ich durchaus nichts, weder durch Briefe noch
"Stars".
In Deutschland geht die Sache wahrhaftig sehr schön, überall Er-
neuten, und die Preußen geben nicht nach. Tant mieux. 10*) Wir
werden hoffentlich nicht lange in Paris zu bleiben haben.
Daß ihr den Bornst[edt] hinauswerft, ist sehr gut. Der Kerl hat
sich so unzuverlässig bewiesen, daß man ihn wirklich beseitigen
muß aus dem Bund.
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5*) Wort für Wort - 6*) Mitglied der Deputiertenkammer -
7*) Untersuchung - 8*) "Die Lage in Belgien" -9*) Wenn es möglich
ist - 10*) Um so besser.
#123# 29 - Engels an Marx - 18. März 1848
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Er und Weerth sind jetzt all [...] 11*) und Weerth läuft als wü-
tender Republik[aner] 11*) hier herum.
Der Lamartine wird jeden T[ag] [lied]erlicher 11*). Dieser Mensch
wendet sich ja in allen seinen Reden nur an die Bourgeois und
sucht sie zu beruhigen. Auch die Wahlproklamation der Provisori-
schen Regierung ist ja ganz an die Bourgeois gerichtet, um sie zu
rassurieren. Kein Wunder, daß die Kerls dabei frech werden.
Adios, au revoir. 12*) F. E.
Alle Briefe hieher unter der angegebnen Adresse; Bl[oß] wird sie
en mon absence 13*) an Gi[got] geben.
[Brüssel] Samstag [18. März 1848]
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11*) "Papier beschädigt - 12*) Lebe wohl, auf Wiedersehen, -
13*) in meiner Abwesenheit
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