Quelle: MEW 27 Briefe Februar 1842 bis Dezember 1851
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1845
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Engels an Marx
in Paris
[Poststempel: Barmen, 20. Januar 1845]
Lieber Marx,
Wenn ich Dir nicht früher geantwortet habe, so liegt das haupt-
sächlich daran, daß ich auf das von Dir versprochene "Vorwärts"
wartete. Da das Ding indes bis jetzt noch nicht hier ist, so hab'
ich das Warten aufgegeben und ebenso das Warten auf die
"Kritische Kritik" 1*), von der ich weiter gar nichts höre. Was
den Stirner betrifft, so bin ich durchaus mit Dir einverstanden.
Als ich Dir schrieb, war ich noch zu sehr unter dem unmittelbaren
Eindruck des Buchs befangen, seitdem ich es hab' liegenlassen und
mehr durchdenken können, find' ich dasselbe, was Du findest. Heß,
der noch immer hier ist und den ich vor 14 Tagen in Bonn sprach,
ist nach einigen Meinungsschwankungen ebendahin gekommen wie Du;
er las mir einen Artikel über das Buch vor, den er bald drucken
lassen wird, worin er, ohne Deinen Brief gelesen zu haben, das-
selbe sagt. [17] Ich hab' ihm Deinen Brief dagelassen, weil er
noch einiges benutzen wollte, und muß ihn daher aus dem Gedächt-
nis beantworten. Was mein Herüberkommen betrifft, so ist daran
kein Zweifel, daß ich in etwa zwei Jahren dort sein werde, auch
bin ich darüber im reinen, daß ich um jeden Preis nächsten Herbst
auf 4-6 Wochen herüberkomme. Wenn die Polizei mir mein Wesen hier
legt, so komme ich ohnehin, und wie die Sachen hier stehen, kann
es dem Gesindel alle Tage einfallen, unsereins zu molestieren.
Wir werden an Püttmanns "Bürgerbuch" [18] sehen, wie weit man
etwa gehen darf, ohne gefaßt oder geschaßt zu werden. - Meine
Liebesgeschichte hat ein Ende mit Schrecken genommen. Erlaß mir
die langweilige Auseinandersetzung, es kann doch nichts
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1*) "Die heilige Familie"
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mehr helfen, und ich hab' so schon genug mit der Sache durchge-
macht. Ich bin froh, daß ich wenigstens wieder arbeiten kann, und
wenn ich Dir den ganzen Bettel erzählte, wär' ich für den Abend
verdorben.
Das Neuste ist, daß Heß und ich vom 1. April an bei Thieme & Butz
in Hagen eine Monatsschrift: "Gesellschaftsspiegel" [19] heraus-
geben und darin die soziale Misère und das Bourgeoisie-Regime
schildern werden. Prospektes etc. nächstens. Einstweilen wird es
gut sein, wenn sich der poetische "Ein Handwerker" [20] die Mühe
geben will, uns aus der d o r t i g e n Misère Material zuzu-
schicken. Besonders einzelne Fälle, das klappt für den auf den
Kommunismus vorzubereitenden Philister. Das Ding kann mit wenig
Mühe redigiert werden, für Material, um monatlich 4 Bogen zu fül-
len, werden sich Mitarbeiter genug finden - wir haben wenig Ar-
beit dabei und können viel wirken. Außerdem wird Püttmann bei
Leske eine Vierteljahrsschrift: "Rheinische Jahrbücher" [21]
überzensurgroß erscheinen lassen, worin lauter Kommunismus er-
scheinen soll. Du kannst Dich wohl auch dabei beteiligen. Es
schadet ohnehin nichts, wenn wir einen Teil unsrer Arbeiten zwei-
mal - erst in einer Zeitschrift und dann apart und im Zusammen-
hange - drucken lassen; die verbotenen Bücher zirkulieren doch
weniger frei, und wir haben so doppelte Chance, zu wirken. Du
siehst, wir haben hier in Deutschland genug zu tun, um alle diese
Geschichten mit Stoff zu versehen und dabei doch größere Sachen
auszuarbeiten - aber wir müssen doch klotzen, wenn wir was zu-
stande bringen wollen, und da ist's gut, wenn's einem etwas auf
den Fingern brennt. Mein Buch über die englischen Arbeiter 2*)
wird in 14 Tagen à 3 Wochen fertig, dann nehm' ich mir 4 Wochen
Zeit für kleinere Sachen, und dann geh' ich an die historische
Entwicklung Englands und des englischen Sozialismus [11].
Was mir einen aparten Spaß macht, ist diese Einbürgerung der kom-
munistischen Literatur in Deutschland, die jetzt ein fait accom-
pli 3*) ist. Vor einem Jahr fing sie an, sich außer Deutschland
in Paris einzubürgern, eigentlich erst zu entstehen, und jetzt
sitzt sie dem deutschen Michel schon auf dem Nacken. Zeitungen,
Wochenblätter, Monats- und Vierteljahrsschriften und eine heran-
rückende Reserve von schwerem Geschütz ist alles in bester Ord-
nung. Es ist doch verflucht rasch gegangen! Die Propaganda unter-
derhand war auch nicht ohne Früchte - jedesmal, wenn ich nach
Köln, jedesmal, wenn ich hier in eine Kneipe komme, neue Fort-
schritte, neue Proselyten. Die Kölner Versammlung 4*) hat Wunder
getan - man entdeckt
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2*) "Die Lage der arbeitenden Klasse in England" - 3*) eine voll-
endete Tatsache - 4*) siehe vorl. Band. S. 10
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allmählich einzelne kommunistische Cliquen, die sich ganz im
stillen und ohne unser direktes Zutun entwickelt haben. - Auch
das "Gemeinnützige Wochenblatt", das früher mit der "Rheinischen
Zeitung" [22] zusammen ausgegeben, ist jetzt in unsern Händen.
D'Ester hat es übernommen und wird sehen, was zu machen ist. Was
uns jetzt aber vor allem not tut, sind ein paar größere Werke, um
den vielen Halbwissenden, die gern wollen, aber nicht allein fer-
tig werden können, einen gehörigen Anhaltspunkt zu geben. Mach,
daß Du mit Deinem nationalökonomischen Buch [6] fertig wirst,
wenn Du selbst auch mit vielem unzufrieden bleiben solltest, es
ist einerlei, die Gemüter sind reif, und wir müssen das Eisen
schmieden, weil es warm ist. Meine englischen Sachen werden zwar
auch ihre Wirkung nicht verfehlen, die Tatsachen sind zu schla-
gend, aber trotzdem wollt' ich, daß ich die Hände freier hätte,
um manches auszuführen, was für den jetzigen Augenblick und die
deutsche Bourgeoisie schlagender und wirksamer wäre. Wir theore-
tischen Deutschen - [es] 5*) ist lächerlich, aber ein Zeichen der
Zeit und der Auflösung des deutschen Nationaldrecks - können
[noch] 5*) gar nicht zur Entwicklung unsrer Theorie kommen, wir
haben noch nicht einmal die Kritik des Unsinns publizieren kön-
nen. Jetzt ist aber hohe Zeit. Darum mach, daß Du v o r April
fertig wirst, mach's wie ich, setz Dir eine Zeit, bis wohin Du
positiv f e r t i g s e i n w i l l s t, und sorge für einen
baldigen Druck. Kannst Du es da nicht drucken lassen, so laß in
Mannheim, Darmstadt oder so drucken. Aber heraus muß es bald.
Daß Du die "Kritische Kritik" bis auf 20 Bogen ausgedehnt, ist
mir allerdings verwunderlich genug gewesen. Es ist aber ganz gut,
es kommt so vieles schon jetzt an den Mann, was sonst wer weiß
wie lang noch in Deinem Sekretär gelegen hätte. Wenn Du aber mei-
nen Namen auf dem Titel hast stehenlassen, so wird das sich ku-
rios ausnehmen, wo ich kaum 1 1/2 Bogen geschrieben habe. Wie ge-
sagt, hab' ich von dem Löwenberg 6*) noch nichts gehört, auch
nichts vom Erscheinen des Buchs, auf das ich natürlich sehr be-
gierig bin. - Gestern bekam ich das "Vorwärts", von dem ich seit
meiner Abreise nichts gesehen. Einige Witze von Bernays haben
mich köstlich amüsiert, der Kerl kann einem so ein recht gründli-
ches Lachen abgewinnen, was mir sonst beim Lesen selten passiert.
Sonst ist es freilich schlecht und nicht interessant und beleh-
rend genug, als daß viele Deutsche es sich auf die Dauer halten
sollten. Wie steht es jetzt äußerlich, und ist es wahr, was ich
in Köln höre, daß es in eine Monatsschrift verwandelt werden
soll? Wir sind hier so fürchterlich mit Arbeit überladen,
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5*) Papier beschädigt - 6*) gemeint ist Löwenthal
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daß von hier aus nur gelegentlich Beiträge kommen können. Ihr
müßt Euch dort auch angreifen. Schreib doch alle 4-6 Wochen einen
Artikel dafür, laß Dich nicht von Deiner Stimmung "maßregeln".
Warum schreibt Bakunin nichts, und warum ist der Ewerbeck nicht
dazu zu kriegen, daß er wenigstens trivial schreibt? Der arme
Bernays wird jetzt wohl im Brummstall sitzen, grüß ihn von mir
und laß ihn sich den Dreck nicht zu sehr zu Herzen nehmen, zwei
Monat gehen auch herum, obwohl es scheußlich genug ist. Was ma-
chen überhaupt die Bengels? Du schreibst gar nichts darüber. Ist
Guerrier wieder dort, schreibt Bakunin französisch? Was treibt
die ganze Bande, die im August jeden Abend den Quai Voltaire fre-
quentierte? Und was fängst Du eigentlich an? Wie geht's mit Dei-
ner Stellung dort? Wohnt Fouine 7*) noch unter Deinen Füßen?
Fouine hat sich ja neulich wieder im "Telegraphen" [23] losgelas-
sen. Wie sich von selbst versteht, über den Patriotismus. Es ist
groß, wie er den zu Tode reitet, wie ihm alles Wurst ist, wenn es
ihm nur gelingt, den Patriotismus zu vernichten. Wahrscheinlich
war das des Pudels Kern, den er Fröbeln nicht geben wollte. Die
deutschen Zeitungen ließen neulich Fouine nach Deutschland zu-
rückkehren wollen. Wenn's wahr ist, so gratuliere ich, aber es
kann nicht wahr sein, er müßte sich ja zum zweitenmal zur An-
schaffung eines Omnibus mit Abtritt verstehen, und das geht doch
nicht.
Ich sprach neulich einen, der von Berlin kam. Die Auflösung des
caput mortuum 8*) der "Freien" [15] scheint vollständig zu sein.
Außer den Bauers scheint auch Stirner keinen Umgang mehr mit ih-
nen zu haben. Der kleine Rest, Meyen, Rutenberg und Konsorten,
lassen sich durch nichts stören, gehen wie vor sechs Jahren täg-
lich 2 Uhr nachmittags zu Stehely und klugscheißen über die Zei-
tungen. Jetzt sind sie aber doch schon bei der "Organisation der
Arbeit" angelangt, und dabei wird's bleiben. Auch Herr Nauwerck
scheint diesen Schritt gewagt zu haben, denn er eifert ja in
Volksversammlungen. Ich sagte Dir ja, die Leute werden all Dé-
mocrates pacifiques [16]. Dabei haben sie aber die Klarheit usw.
unsrer Artikel in den "Jahrbüchern" sehr "anerkannt". Wenn mich
nächstens mal wieder der Teufel reitet, so setz ich mich mit dem
kleinen Meyen in Korrespondenz, man kann möglicherweise Spaß
v o n den Kerls haben, wenn auch keinen Spaß a n ihnen. Ohne-
hin fehlt einem hier alle Gelegenheit, seinen Übermut von Zeit zu
Zeit auszulassen, denn ich führe Dir hier ein Leben, wie es der
glänzendste Philister nur verlangen kann, ein stilles und geruhi-
ges Leben in aller Gottseligkeit und Ehrbarkeit, sitze auf meinem
Zimmer und arbeite, geh' fast
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7*) Arnold Ruge - 8*) Restbestands
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gar nicht aus, bin solide wie ein Deutscher; wenn das so fort-
geht, so fürcht' ich gar, daß der Herrgott mir meine Schriften
übersieht und mich in den Himmel läßt. Ich versichre Dich, ich
fange an, hier in Barmen in guten Ruf zu kommen. Ich bin's aber
auch leid, ich will Ostern weg von hier, wahrscheinlich nach
Bonn. Ich hatte mich durch die Zureden meines Schwagers 9*) und
die trübselgen Gesichter meiner beiden Alten noch einmal zu einem
Versuch mit dem Schacher bestimmen lassen und seit [14] 10*) Ta-
gen etwas auf dem Comptoir gearbeitet, auch die Aussicht wegen
der Liebesgeschichte veranlaßte mich mit dazu - aber ich war es
leid, eh' ich anfing zu arbeiten, der Schacher ist zu scheußlich.
Barmen ist zu scheußlich, die Zeitverschwendung ist zu scheuß-
lich, und besonders ist es zu scheußlich, nicht nur Bourgeois,
sondern sogar Fabrikant, aktiv gegen das Proletariat auftretender
Bourgeois zu bleiben. Ein paar Tage auf der Fabrik meines Alten
haben mich [daz]u 10*) gebracht, diese Scheußlichkeit, die ich
etwas übersehen hatte, mir wieder vor die Augen zu stellen. Ich
hatte natürlich darauf gerechnet, nur solange im Schacher zu
bleiben, als mir paßte, und dann irgend etwas Polizeiwidriges zu
schreiben, um mich mit guter Manier über die Grenze drücken zu
können, aber selbst bis dahin halt ich's nicht aus. Wenn ich
nicht täglich die scheußlichsten Geschichten aus der englischen
Gesellschaft hätte in mein Buch registrieren müssen, ich glaube,
ich wäre schon etwas versauert, aber das hat wenigstens meine Wut
im Kochen erhalten. Und man kann wohl als Kommunist der äußeren
Lage nach Bourgeois und Schachervieh sein, wenn man n i c h t
s c h r e i b t, aber kommunistische Propaganda im großen und
zugleich Schacher und Industrie treiben, das geht nicht. Genug,
Ostern geh' ich hier fort. Dazu das erschlaffende Leben in einer
ganz radikal-christlich-preußischen Familie - es geht nicht mehr,
ich würde auf die Dauer ein deutscher Philister werden können und
das Philisterium in den Kommunismus hineintragen.
Nun laß mich nicht so lange auf einen Brief von Dir warten, wie
ich Dich diesmal, grüß Deine Frau unbekannterweise und wer es
sonst wert ist. Einstweilen schreib noch hieher, man wird, falls
ich schon fort sein sollte, mir Deine Briefe nachschicken.
Dein F. E.
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9*) Emil Blank - 10*) Papier beschädigt
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