Quelle: MEW 27 Briefe Februar 1842 bis Dezember 1851


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       #178# 57 - Engels an Marx - 5. Februar 1851
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       57
       
       Engels an Marx
       in London
       
       Lieber Marx,
       Inliegend das  restierende £  1 von dem Atlas, das ich Dir leider
       nicht früher schicken konnte.
       Sage Harney, wenn Du ihn siehst, daß er Ende dieser Woche von mir
       mindestens die  1. Hälfte einer Reihe von Artikeln über Continen-
       tal Democracy  [177] bekommt - die Artikel so eingeteilt, daß je-
       der  einzelne   nicht  mehr  als  2 - 2 1/2  Kolumnen  in  seinem
       "F[rien]d of  the People"  ausmacht. Ich  werde unter  dem obigen
       Vorwand die  gesamte offizielle Demokratie heruntermachen und sie
       beim englischen  Proletariat dadurch  verdächtigen, daß  ich sie,
       inkl. Mazzini,  L[edru]-Rollin pp.,  mit den  financial reformers
       [181] auf  dieselbe Stufe  stelle. Das  Europäische Komitee  will
       catch it nicely 1*). Die Herren werden einzeln durchgenommen wer-
       den, Mazz[inis] Schriften, L[edru]-Rollins famose Heldentaten vom
       Februar - Juni 1848, Herrn Ruge natürlich nicht zu vergessen. Den
       Italienern, Polen und Ungarn, werde ich deutlich genug sagen, daß
       sie in  allen modernen  Fragen das Maul zu halten haben. Das Ding
       mit dem  Humbug, den H[arney] mit den Bettelbriefen des Maz[zini]
       & Co.  treibt, wird zu arg, und da er sonst nicht zu bessern ist,
       so werde  ich genötigt sein, die Albernheit und Gemeinheit dieser
       Kerls in seinem eignen Blatt aufzudecken und den englischen Char-
       tisten die  Mysterien der  kontinentalen Demokratie zu enthüllen.
       Ein ausführlicher  polemischer Artikel  hilft bei  Hfarney] immer
       mehr als  alles Debattieren. Leider hab' ich hier verflucht wenig
       Material.
       Ich hab' jetzt hier Sarrans jeune 2*) "Lafayette et la révolution
       de Juillet".  Wüßte ich noch ein paar andre Quellen aufzutreiben,
       so könnte  ich für unsre "Revue" einen Artikel über die Julirevo-
       lution nebst  Fortspielung bis  zur Februarrevolution  machen und
       dabei die  "Histoire des  dix ans" [182] einer freundschaftlichen
       Kritik unterwerfen.  Diese "10 ans" 3*) stehen noch immer von den
       Weitergehenden unangegriffen  da und bilden in Deutschland wie in
       Frankreich ein sehr bedeutendes Bildungselement in der ganzen
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       1*) wird es  schön kriegen  - 2*) Sarrans  des Jüngeren - 3*) "10
       Jahre"
       
       #179# 57 - Engels an Marx - 5. Februar 1851
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       revolutionären Partei.  Ich glaube,  es könnte gar nicht schaden,
       den Einfluß dieses Buchs auf die gebührenden Grenzen zurückzufüh-
       ren; bis jetzt ist es unattackierte Autorität.
       Herr Russell,  der feige  Hund, hat  sich wieder  einmal glänzend
       blamiert. Erst speit er Feuer und Flammen gegen die papal aggres-
       sion [183],  dann sieht er, daß die Manchester men 4*) sich abso-
       lut nicht  in die Schmiere mischen wollen und akkouchiert nun mit
       seiner heroischen Maßregel, den katholischen Bischöfen das Tragen
       englischer Titel  verbieten zu wollen. Und dann die schöne Andeu-
       tung, die  er durch Herrn Peto machen läßt, es sei zwar sehr wün-
       schenswert gewesen, in dieser Session schon das Stimmrecht auszu-
       dehnen, aber da die law-reform 5*) diesmal vorkomme, so müsse man
       das Stimmrecht  bis nächstes Jahr verschieben! Echte Whig-Muster-
       logik. Übrigens sind die members 6*) sehr krittlich und unsicher,
       die Wahlen rücken heran, sie müssen liberale oder protektionisti-
       sche flourishes  7*) machen,  und wenn die Exhibition [184] nicht
       grade in die belebteste Zeit der sessionalen grande politique 8*)
       fiele, so  könnte es  dem kleinen Männchen 9*) schlecht gehn. Und
       auch so, qui sait 10*)!
       Das tägliche  politische Brot  wird überhaupt immer trockner. Die
       schöne Position,  in der  sich la belle France 11*) jetzt wohlge-
       fällt, ist  auch erbaulich.  Es läßt sich übrigens nicht leugnen,
       daß die  Herren Burggrafen  [186] mehr und mehr aufhören, die Re-
       präsentanten der  Bourgeoisfraktion zu sein, oder besser, daß die
       Bourgeois sich  von ihren  alten legitimistischen und orleanisti-
       schen Chefs mehr und mehr trennen. Erstens die bedeutende Minori-
       tät für Baroche in der Sitzung, wo die Koalition ihn stürzte, und
       die auch  aus sehr vielen Nichtbonapartisten, ehemaligen Orleani-
       sten pp.  bestand; dann  die offenbare Stimmung der konservativen
       Bourgeoisie en  masse 12*),  die weit  günstiger für den Napoleon
       ist wie früher. Die Masse dieser Kerls will jetzt unbedingt weder
       orleanistische noch  legitimistische  Restaurationsintrigen;  les
       solutions les  embêtent 13*), und was sie wollen, ist der Schlen-
       drian der präsidentiellen Gegenwart. Die Kerls sind weder royali-
       stisch, noch  republikanisch, noch  imperialistisch 14*), sondern
       präsidentiell; das  Schönste aber dabei ist, daß diese süße Unbe-
       stimmtheit nur  möglich ist  bei der  Masse selbst und daß jeder,
       der sich als offizieller Repräsentant dieser Richtung geltend ma-
       chen wollte, doch binnen 6 Monaten wieder aus der Neutralität und
       in eine  bestimmte royalistische  oder imperialistische  Fraktion
       getrieben
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       4*) Manchesterleute -  5*) Gesetzesreform  -  6*) Mitglieder  des
       Parlaments -  7*) Floskeln - 8*) hohen Politik - 9*) John Russell
       - 10*) wer  weiß -  11*) das schöne  Frankreich -  12*) in  ihrer
       Masse -13*) die Klärung ist ihnen zuwider - 14*) kaiserlich
       
       #180# 57 - Engels an Marx - 5. Februar 1851
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       würde. Übrigens-hab'  ich hier von französischen Blättern nur die
       "Débats" und  den "Charivari", der einem indes hier leider Gottes
       wieder witzig  vorzukommen anfängt,  grâce à  l'esprit exquis  du
       peuple dans ces parages 15*).
       Von einem  stupiden ungarischen  Flüchtling, der  mir hier dieser
       Tage zwischen  die Beine  lief, hörte  ich, daß  diese edle Sorte
       wieder von  Mordkonspirationen und  Erneuten bei  Gelegenheit der
       great Exhibition faselt. Mir schien es fast, als vernähme ich aus
       diesem Gepolter die heroische Stimme der Stürmer von London, Wil-
       lich und  Barthélémy. Man  entrinnt übrigens  dem Gesindel nicht:
       neulich redet  mich ein Kerl auf der Straße an, und siehe, es war
       ein Great-Windmill-Street-Flüchtling [157], der in Liverpool eine
       Stelle hat.  "Und nähme  ich Flügel  der Morgenröte und flöge ans
       äußerste Meer" [186], so würde ich der Bande nicht entrinnen.
       Die hiesigen free-trader 16*) benutzen die Prosperität oder Halb-
       prosperität, um das Proletariat zu kaufen, und John Watts ist der
       Makler dabei. Du kennst den neuen Cobdenschen Plan: eine National
       Free School  Association 17*),  um eine  bill 18*) durchzusetzen,
       wodurch die townships 19*) bevollmächtigt werden sollen, sich Lo-
       kalsteuern aufzulegen  zur Errichtung  von Schulen. Das Ding wird
       famos poussiert.  In Salford ist außerdem schon eine Free Library
       20*) und Museum eingerichtet - Leihbibliothek und Lesezimmer gra-
       tis. In  Manchester ist  die Hall  of Science 21*) - und hier war
       Watts, wie  der Herr  Mayor 22*)  von Manchester  gnädigst  aner-
       kannte, wirklich  der Makler  - von einem Komitee aus dem Ertrage
       öffentlicher Sammlungen (ca. 7000 £ sind zusammen) aufgekauft und
       wird ebenfalls in Free Library verwandelt. Ende Juli soll die Ge-
       schichte -  mit 14  000 Bänden to begin with 23*) - eröffnet wer-
       den. Alle Meetings und Versammlungen zu diesen Zwecken erschallen
       vom Lobe der Arbeiter, und speziell von dem des braven, bescheid-
       nen, nützlichen  Watts, der  mit dem Bischof von Manchester jetzt
       auf dem  besten Fuß  steht. Ich freue mich schon auf den Ausbruch
       der Entrüstung  über den  Undank der  Arbeiter, der  beim  ersten
       shock 24*) von allen Seiten losplatzen wird.
       Mein Herr  Alter hat  mir  dieser  Tage  einen  angenehmen  Brief
       geschrieben, worin  er den  Wunsch ausspricht,  daß ich auf unbe-
       stimmte Zeit,  d.h. solange  der Tuck  mit den Ermens dauert (und
       das kann  bis 1854  sein), hier  bleibe. Mir natürlich sehr ange-
       nehm, s'il me paie bien mon ennui 25*). Ich laß mir das natürlich
       nicht merken, bringe dem "Geschäft" dies "Opfer" und
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       15*) dank dem  feinen Geist  des  Volkes  in  diesen  Gegenden  -
       16*) Freihändler - 17*) Nationale Freischulvereinigung - 18*) Ge-
       setzesvorlage - 19*) Stadtverwaltungen - 20*) öffentliche Biblio-
       thek - 21*) Haus der Wissenschaft - 22*) Bürgermeister - 23*) als
       Anfang -  24*) bei der  ersten Erschütterung  - 25*)  wenn er mir
       meine Langeweile gut bezahlt
       
       #181# 57 - Engels an Marx - 5. Februar 1851
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       erkläre mich  bereit, "die Entwicklung der Verhältnisse hier vor-
       derhand abzuwarten".  Nächsten Sommer kommt er her, und ich werde
       ihm dann mich so unentbehrlich zu machen suchen, daß er auf alles
       eingehen muß. Grüß Deine Frau und Kinder herzlich.
       Dein F. E.
       M[anchester], 5. Febr. 51
       Particulars bei der Post Office Order 26*) wie früher.
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       26*) Einzelheiten bei der Postanweisung

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