Quelle: MEW 27 Briefe Februar 1842 bis Dezember 1851


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       #19# 4 - Engels an Marx - 22.-26. Februar u. 7. März 1845
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       Engels an Marx
       in Brüssel
       
       Barmen, 22.-26. Febr. [und 7. März] 45
       Lieber Marx,
       Soeben erhalte ich nach langem Hin- und Herschreiben von Köln aus
       endlich Deine  Adresse und  setze mich  gleich hin,  an  Dich  zu
       schreiben. Sowie  die Nachricht  von der  Expulsion [24]  herkam,
       hielt ich  es für nötig, gleich eine Subskription zu eröffnen, um
       die Dir  dadurch verursachten  Extrakosten auf  uns alle kommuni-
       stisch zu  repartieren. Das  Ding hatte guten Fortgang, und vor 3
       Wochen schickte  ich 50  und einige  Taler an Jung, forderte auch
       die Düsseldorfer  auf, die ebensoviel zusammengebracht haben, und
       habe auch in Westfalen die deshalb nötige Agitation durch Heß an-
       stiften lassen. Hier ist die Zeichnung indes noch nicht geschlos-
       sen, der  Maler Köttgen  hat indes  die Sache verschleppt, und so
       bin ich  noch nicht  im Besitz aller zu erwartenden Gelder. Indes
       wird in  ein paar  Tagen alles  hoffentlich einkommen,  und  dann
       werde ich Dir einen Wechsel auf Brüssel schicken. Da ich übrigens
       nicht weiß,  ob das  genügen wird,  um Dir  Deine Einrichtung  in
       Brüssel zustande  zu bringen, so versteht es sich von selbst, daß
       mein Honorar  für das  erste englische Ding 1*), was ich hoffent-
       lich bald wenigstens teilweise ausbezahlt bekomme und für den Au-
       genblick entbehren  kann, da  mein Alter  mir pumpen muß, Dir mit
       dem größten Vergnügen zur Disposition steht. Die Hunde sollen we-
       nigstens das  Pläsier nicht haben, Dich durch ihre Infamie in pe-
       kuniäre Verlegenheit  zu bringen. Daß man Dich gezwungen hat, die
       Hausmiete für  die Zukunft  noch zu  bezahlen, ist doch die Krone
       der Scheußlichkeit.  Ich fürchte  aber, man  wird Dich am Ende in
       Belgien auch  molestieren, so  daß Dir zuletzt nur England übrig-
       bleibt.
       Doch kein Wort weiter von der ganzen niederträchtigen Geschichte.
       Kriege wird  bei Ankunft  dieses schon bei Dir sein. Der Kerl ist
       ein famoser  Agitator. Er wird Dir von Feuerbach viel erzählen, -
       den  Tag  nach  seiner  Abreise  von  hier  traf  ein  Brief  von
       F[euerbach] an mich ein, wir hatten dem
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       1*) "Die Lage der arbeitenden Klasse in England'
       
       #20# 4 - Engels an Marx - 22.-26. Februar u. 7. März 1845
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       Kerl nämlich geschrieben. F[euerbach] sagt, er müsse erst den re-
       ligiösen Dreck gründlich vernichtet haben, eh' er sich so mit dem
       Kommunismus beschäftigen  könne, daß  er  ihn  schriftstellerisch
       vertrete. Auch  sei er in Bayern zu sehr von dem ganzen Leben ab-
       geschlossen, als daß er dazu kommen könne. Übrigens sei er Kommu-
       nist, und  es handle  sich für ihn nur um das Wie der Ausführung.
       Womöglich kommt  er diesen  Sommer an den Rhein, und dann soll er
       auch nach Brüssel, das wollen wir ihm schon beibringen.
       Hier in  Elberfeld geschehen  Wunderdinge. Wir  haben gestern  im
       größten Saale  und ersten Gasthof der Stadt unsre dritte kommuni-
       stische Versammlung abgehalten. Die erste 40, die zweite 130, die
       dritte wenigstens  200 Menschen stark. Ganz Elberfeld und Barmen,
       von der  Geldaristokratie bis  zur épicerie 2*), nur das Proleta-
       riat ausgeschlossen,  war vertreten. Heß hielt einen Vortrag. Ge-
       dichte von  Müller, Püttmann  und Stücke aus Shelley wurden gele-
       sen, ebenso  der Artikel über die bestehenden Kommunistenkolonien
       im "Bürgerbuch"  3*). Nachher  diskutiert bis  ein Uhr.  Das Ding
       zieht ungeheuer.  Man spricht von nichts als vom Kommunismus, und
       jeden Tag  fallen uns neue Anhänger zu. Der Wuppertaler Kommunis-
       mus ist  une vérité 4*), ja beinahe schon eine Macht. Was das für
       ein günstiger  Boden hier  ist, davon  hast Du keine Vorstellung.
       Das dümmste,  indolenteste, philisterhafteste  Volk, das sich für
       nichts in der Welt interessiert hat, fängt an, beinahe zu schwär-
       men für  den Kommunismus.  Wie lang  man dem Ding noch so zusehen
       wird, weiß  ich nicht,  aber die  Polizei ist  jedenfalls in  der
       höchsten Verlegenheit,  sie weiß selbst nicht, woran sie ist, und
       der Hauptschweinhund, der Landrat, ist grade in Berlin. Aber wenn
       man's auch  verbietet, so  umgehen wir  das, und  geht  das  auch
       nicht, so  haben wir jedenfalls so ungeheuer angeregt, daß alles,
       was in  unsrem Interesse  erscheint, hier furchtbar gelesen wird.
       Da ich nun Ostern weggehen werde, so ist es um so besser, daß Heß
       sich hier  ansiedelt und  zugleich bei Baedeker in Elberfeld eine
       Monatsschrift herausgibt  [19], wovon  Kriege, glaub'  ich, einen
       Prospektus hat.  Ich gehe, wie ich Dir wohl schon schrieb, jeden-
       falls nach  Bonn. Meine projektierte Reise nach Paris wird nun zu
       Wasser, da  ich dort nichts mehr zu suchen habe, dafür aber komm'
       ich jedenfalls  nach Brüssel,  um so  eher, als  meine Mutter und
       meine beiden  Schwestern im Sommer nach Ostende gehen werden. Ich
       muß außerdem  noch mal nach Bielefeld unter die dortigen Kommuni-
       sten, und wenn Feuerb[ach] nicht kommt, so geh' ich
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       2*) Krämerschaft -  3*) Friedrich Engels:  "Beschreibung  der  in
       neuerer Zeit  entstandenen und  noch bestehenden  kommunistischen
       Ansiedlungen" - 4*) eine Wirklichkeit
       
       #21# 4 - Engels an Marx - 22.-26. Februar u. 7. März 1845
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       zu ihm,  und dann,  wenn ich Geld und Zeit habe, auch noch einmal
       nach England.  Du siehst,  ich hab's gut vor. Bergenroth erzählte
       mir ebenfalls,  er werde wahrscheinlich in einigen Wochen oder so
       nach Brüssel kommen. Er war, nebst einigen Düsseldorfern, bei un-
       srer zweiten  Versammlung anwesend  und hat mitgesprochen. Es ist
       übrigens doch  ein ganz anderes Ding, da vor den wirklichen leib-
       haftigen Menschen zu stehen und ihnen direkt, sinnlich, unverhoh-
       len zu  predigen, als  dies verfluchte abstrakte Schreibertum mit
       seinem abstrakten  Publikum vor  den "Augen des Geistes" zu trei-
       ben.
       Ich soll  Dich nochmals  in Heß'  Namen - auch in dem meinigen tu
       ich es  - auffordern, dem Püttmann was für seine 1/4 jahrsschrift
       [21] zu  schicken. Wir müssen durchaus gleich im ersten Heft alle
       erscheinen, damit  das Ding  Charakter bekommt.  Ohnehin kommt es
       ohne uns gar nicht einmal zustande.
       
       25. Febr.
       Gestern abend kam die Nachricht an, daß unsre nächste Versammlung
       mit Gensd'armen  gesprengt und  die Redner verhaftet werden soll-
       ten.
       
       26. Febr.
       Gestern morgen  untersagte der  Oberbürgermeister  5*)  der  Frau
       Obermeyer, in ihrem Lokal solche Zusammenkünfte zu gestatten, und
       mir wurde  gesteckt, daß,  wenn trotzdem die Versammlung gehalten
       würde, eine  Verhaftung und Klage folgen würde. Wir haben's jetzt
       natürlich drangegeben  und müssen  erwarten, ob man uns einklagen
       wird, was aber kaum zu erwarten steht, da wir schlau genug waren,
       keine Handhabe  zu bieten, und der ganze Dreck nur in einer groß-
       artigen Blamage  der Regierung  endigen könnte. Ohnehin waren die
       Staatsanwälte und  das ganze  Landgericht  gegenwärtig,  und  der
       Oberprokurator hat selbst mitdiskutiert.
       
       7. März
       Ich bin,  seitdem ich das Vorstehende schrieb, eine Woche in Bonn
       und Köln  gewesen. Die  Kölner dürfen  ihre Versammlung wegen des
       Vereins [10]  jetzt halten.  In unsrer hiesigen Angelegenheit ist
       ein Reskript  der Regierung  zu Düsseldorf  eingetroffen, wodurch
       fernere Versammlungen verboten werden. Heß und Köttgen haben pro-
       testiert. Nutzt  natürlich nichts,  aber die Leute werden aus der
       Haltung des  Protests ersehen, daß sie uns nichts anhaben können.
       Heß ist  wieder ungeheuer  sanguinisch, weil alles sonst so famos
       abläuft und  unsre Fortschritte wirklich ungeheuer sind, der gute
       Kerl
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       5*) Johann Adolph Carnap
       
       #22# 4 - Engels an Marx - 22-26. Februar u. 7.März 1845
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       macht sich  nur immer  Illusionen. - Unser "Gesellschaftsspiegel"
       wird prächtig,  der erste  Bogen ist  schon  zensiert  und  alles
       durch. Beiträge  in Masse.  H[eß] wohnt  in Barmen  in der "Stadt
       London".  Bergenr[oth]  wird  wahrscheinlich  doch  sobald  nicht
       dorthin kommen,  dagegen ein  andrer, den  ich nicht  nenne, weil
       dieser Brief doch wohl erbrochen wird. Wenn es irgend geht, komm'
       ich auch  noch einmal  im April  herüber. Der Geldpunkt ist jetzt
       die Hauptsache für mich, da ich infolge der Versammlung Familien-
       tuck gehabt  habe, wonach mein Alter resolviert ist, mich nur für
       meine "Studia",  nicht aber für kommunistische Zwecke irgendeiner
       Art zu unterstützen.
       Ich würde  Dir noch  eine Masse  Zeugs schreiben,  wenn ich  eine
       sichre Adresse  nach Brüssel  wüßte, die  Du mir  jedenfalls ver-
       schaffen mußt. Viele Sachen, die hier vorgefallen, könnten vielen
       schaden, wenn  sie in einem cabinet noir [25] gelesen würden. Ich
       bleibe nun  noch 4  Wochen hier und gehe anfangs April nach Bonn.
       Schreibe mir  jedenfalls nochmals  vorher, damit  man  weiß,  wie
       Dir's geht.  Die Gelder  sind so ziemlich zusammen, ich habe noch
       nicht erfahren,  wieviel es  ist, es  soll unverzüglich  abgehen.
       Mein Manuskript 6*) geht dieser Tage ab. - Die "Kritische Kritik"
       ist   n o c h   i m m e r   n i c h t   h i e r!  Der neue Titel:
       "Die heilige  Familie" wird  mich wohl  in Familienhäkeleien  mit
       meinem frommen, ohnehin jetzt höchst gereizten Alten bringen, das
       konntest Du  natürlich nicht wissen. Wie aus der Ankündigung her-
       vorgeht, hast  Du meinen Namen zuerst gesetzt, warum? Ich habe ja
       fast nichts [daran] 7*) gemacht, und [Dein]en 7*) Stil kennt doch
       jeder heraus.
       Schreibe mir nun umgehend, ob Du noch Geld nötig hast. Wigand muß
       mir in  ca. 14 Tagen was schicken, und dann hast Du nur zu dispo-
       nieren. Ich fürchte, die Rückstände der Subskription werden nicht
       über 120 bis 150 Franken betragen.
       Apropos. Wir  haben hier vor, den Fourier zu übersetzen und über-
       haupt womöglich  eine "Bibliothek  der vorzüglichsten sozialisti-
       schen Schriftsteller  des Auslandes"  zu geben.  Fourier wäre der
       beste, um anzufangen. Leute zum Übersetzen sind gefunden. Heß er-
       zählt mir soeben von einem in Frankreich herausgekommenen Wörter-
       buch zu  Fourier, von einem beliebigen Fourieristen. Du wirst da-
       von wissen.  Gib mir doch auch hierüber sogleich Auskunft und wo-
       möglich schick  ein Exemplar  per Post an mich. Empfiehl zu glei-
       cher Zeit die Sachen der Franzosen, von denen Du glaubst, daß sie
       sich zum Übersetzen in der Bibliothek eignen. Aber rasch, die Sa-
       che
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       6*) "Die Lage der arbeitenden Klasse in England" - 7*) Papier be-
       schädigt
       
       #23# 4 - Engels an Marx - 22.-26. Februar u. 7. März 1845
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       hat Eile,  da wir  schon mit  einem Verleger  8*) am Unterhandeln
       sind. Wie weit bist Du mit Deinem Buch? [6] Ich muß jetzt an mein
       Manuskript. Darum  leb einstweilen  wohl und schreib über die er-
       wähnten Punkte sogleich.
       Dein F. E.
       Grüß Kriege und Bürgers. Ist Bernays da?
       Barmen, 7. März 45
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       8*) Julius Theodor Baedeker

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