Quelle: MEW 27 Briefe Februar 1842 bis Dezember 1851


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       #226# 77 - Marx an Engels - 31. März 1851
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       77
       
       Marx an Engels
       in Manchester
       
       [London] 31. März 1851 28, Dean Street, Soho
       Lieber Engels!
       Während Du  Kriegsgeschichte treibst,  führe  ich  einen  kleinen
       Krieg, in  dem ich  by and by 1*) zu unterliegen drohe und woraus
       weder Napoleon  noch selbst Willich - der kommunistische Cromwell
       - einen Ausweg gefunden haben würden.
       Du weißt,  daß ich am 23. März 31 £ 10 sh. an den alten Bamberger
       und am  16. 10  £ an den Juden Stiebel zu zahlen hatte, alles auf
       kursierende Wechsel.  Ich hatte  erst bei  meiner Schwiegermutter
       2*) durch  Jenny direkt  anfragen lassen. Die Antwort darauf war,
       daß Herr Edgar 3*) mit dem Rest von  J e n n y s  G e l d  wieder
       nach Mexiko  expediert worden  ist und  ich  k e i n e n  Centime
       herauspressen konnte.
       Dann schrieb  ich an meine Mutter, drohte ihr, Wechsel auf sie zu
       ziehn und im Nichtzahlungsfall nach Preußen zu gehn und mich ein-
       sperren zu lassen. Letzteres hatte ich wirklich vor für den even-
       tuellen Fall, aber diese Ressource hörte natürlich von dem Augen-
       blick an  auf, wo  die Esel  in den Zeitungen über den Abfall der
       Arbeiter von  mir, den Verfall meiner Popularität und dergleichen
       zu heulen  begannen. Die  Sache hätte  sonst wie  ein politischer
       Theatercoup ausgesehn,  als eine mehr oder minder überlegte Nach-
       ahmung von  Jesus-Christus-Kinkel. Ich hatte meiner Alten den 20.
       März als Termin bekanntgemacht.
       Am 10. März schrieb sie mir, sie wollen den Verwandten schreiben;
       am 18.  März schreibt  sie, die Verwandten hätten  n i c h t  ge-
       schrieben, was  heißen sollte:  die Sache sei abgemacht. Ich ant-
       wortete ihr sofort: es bleibe bei meinem ersten Briefe.
       Dem Stiebel  zahlte ich  am 16.  März seine  10 £ durch Hülfe von
       Pieper. Am 23. März, nachdem ich eine Anzahl fruchtloser Schritte
       getan, mußte natürlich der Wechsel für den alten Bamberger prote-
       stiert werden.  Ich hatte  eine scheußliche  Szene mit dem Alten,
       der außerdem  bei dem  würdigen Seiler  scheußlich über  mich ge-
       schimpft hat.  Der Esel  hatte durch  seinen banker  4*) in Trier
       über mich bei dem Bankier Lautz Auskunft verlangt.
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       1*) allmählich -  2*) Karoline von  Westphalen  -  3*) Edgar  von
       Westphalen - 4*) Bankier
       
       #227# 77 - Marx an Engels - 31. März 1851
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       Dieser Kerl,  der B[ankier]  meiner Alten  und mein  persönlicher
       Feind, schrieb  natürlich die  größten Sottisen über mich hierhin
       und fanatisierte noch dazu meine Alte gegen mich.
       Dem alten  Bamberger gegenüber  blieb mir nichts übrig, als ihm 2
       Wechsel auszustellen, einen auf ihn für London, 4 Wochen nach dem
       24sten März,  den andern  auf 3 Wochen nach Trier auf meine Alte,
       um den  ersten zu  decken. Ich  machte der  Alten sofort Anzeige.
       Heute erhalte  ich gleichzeitig mit Deinem Brief einen von meiner
       Alten, worin  sie mir höchst impertinent und dabei voller morali-
       scher Entrüstung gegenübertritt und positivement erklärt, daß sie
       jeden von mir auf sie gezognen Wechsel protestiert.
       So habe  ich also  für den  21. April das Äußerste von dem wütend
       gewordenen alten Simon Bamberger zu gewärtigen.
       Gleichzeitig ist  meine Frau niedergekommen am 28. März. Die Ent-
       bindung war  leicht, dagegen  liegt sie jetzt sehr krank da, mehr
       aus bürgerlichen  als physischen Gründen. Dabei habe ich verbale-
       ment 5*) keinen farthing 6*) im Haus, um so mehr Rechnungen dage-
       gen von  dem kleinen  commerce 7*),  Metzger, Bäcker and so forth
       8*).
       Aus Schottland  das Testament  werde ich  in 7-8  Tagen in  Kopie
       hierhaben. Wenn irgend etwas damit zu machen ist, wird der kleine
       Bamberger es  tun, im  eignen Interesse.  Verlassen kann ich mich
       nicht darauf.
       Du wirst  zugeben, daß diese Gesamtscheiße passablement 9*) ange-
       nehm ist  und daß  ich bis an die Wirbelspitze meines Schädels im
       kleinbürgerlichen Dreck stecke. Und dabei hat man noch die Arbei-
       ter exploitiert!  und strebt  nach der  Diktatur! Quelle horreur.
       10*)
       Mais ce  n'est pas  tout. 11*)  Der Fabrikant, der mir in Brüssel
       Geld lieh  von Trier aus, tritt mich und verlangt es zurück, weil
       seine Eisenhütte  schlecht gehe. Tant pis pour lui. 12*) Dem kann
       ich nicht gerecht werden.
       Aber endlich,  um der  Sache eine  tragikomische Spitze zu geben,
       kömmt noch  ein mystère 13*) hinzu, das ich Dir jetzt en très peu
       de mots 14*) enthüllen werde. Doch eben werde ich gestört und muß
       zu meiner Frau zur Krankenleistung. Also das andre, worin Du auch
       eine Rolle spielst, das nächste Mal.
       Dein K. M.
       A p r o p o s.  Wie berechnen Kaufleute, fabricants usw. den Teil
       ihres Einkommens,  den sie  selbst verzehren? Wird dies Geld auch
       vom banker  geholt oder  wie wird  es damit gehalten? Darüber er-
       bitte ich Antwort.
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       5*) buchstäblich -  6*) Heller - 7*) Handel - 8*) und so weiter -
       9*) (hier:) wenig  - 10*) Entsetzlich.  - 11*) Aber das ist nicht
       alles. - 12*) Um so schlimmer für ihn. - 13*) eine geheimnisvolle
       Sache - 14*) in sehr wenigen Worten

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