Quelle: MEW 27 Briefe Februar 1842 bis Dezember 1851


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       #230# 79 - Engels an Marx - 3. April 1851
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       79
       
       Engels an Marx
       in London
       
       Lieber Marx,
       Die Geschichte  mit meinem  geöffneten Brief  ist sehr sonderbar.
       Auf dem  Comptoir kam  er nur  von unserm  Kommis geöffnet worden
       sein, und  dem trau'  ich die  Courage dazu  nicht  zu;  außerdem
       könnte er es nur während der Abwesenheit des alten Hill getan ha-
       ben, und ich glaube nicht, daß der einen Moment das Comptoir ver-
       ließ. Von  den Ermens  war keiner in der Stadt. Die Sache ist na-
       türlich nicht  zu ergründen,  da eine bedeutende Chance vorhanden
       ist -  vu 1*) die Interpellationen im Parlament wegen der Flücht-
       linge -, daß es auf der Post selbst geschehn. Daß ich dem Kommis,
       der mehr in Ermen Brothers' als in E[rmen] and E[ngels'] Diensten
       steht, in  der letzten  Zeit etwas  verdächtig geworden bin, fiel
       mir schon  früher auf;  aber von da bis zum Brieferbrechen il y a
       loin encore  2*). Jedenfalls werd' ich dem Ding in Zukunft vorzu-
       beugen wissen.  Wenn der  Narr den  Brief auch  gelesen hätte, so
       läge daran  nicht einmal  viel; denn wollte der Kerl jemals, z.B.
       wenn mein  Alter herkäme, von der information Gebrauch machen, so
       wäre er  so kompromittiert,  daß er sofort geschaßt würde. Indes,
       wie gesagt, ich trau' ihm die Courage nicht zu.
       Was die  Frage angeht, die Du in Deinem vorletzten Brief stellst,
       so ist  sie nicht ganz klar. Indes wird, denk' ich, folgendes ge-
       nügen.
       Der Kaufmann  als Firma,  als Profitmacher, und derselbe Kaufmann
       als Konsument  sind im  Commerce zwei  ganz verschiedne Personen,
       die sich  feindlich gegenüberstehn.  Der Kaufmann als Firma heißt
       Kapitalkonto, resp.  Gewinn- und  Verlustkonto. Der  Kaufmann als
       Fresser, Säufer,  Wohner und Kindermacher heißt Haushaltungsunko-
       stenkonto. Kapitalkonto  debitiert also dem Haushaltungsunkosten-
       konto jeden  Centime, der  aus  der  kommerziellen  in  die  Pri-
       vattasche wandert,  und da  Haushaltungsunkostenkonto nur ein De-
       bet, aber kein Kredit hat, also einer der schlechtesten Schuldner
       der Firma  ist, so ist am Ende des Jahrs die ganze Debetsumme von
       Haushaltungsunkostenkonto purer Verlust und wird vom Profit abge-
       schrieben.
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       1*) siehe - 2*) ist es noch weit
       
       #231# 79 - Engels an Marx - 3. April 1851
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       Bei der  Bilanz und  der Berechnung des Profitsprozent wird indes
       gewöhnlich die  Summe, die  für die  Haushaltung verbraucht wird,
       als noch  vorhanden, als  Teil des  Profits  angesehn;  z.B.  bei
       100 000 Taler  Kapital sind 10 000 Taler verdient, aber 5000 ver-
       jubelt worden,  so rechnet  man, 10% Profit gemacht zu haben, und
       nachdem alles  richtig gebucht  worden, figuriert Kapitalkonto im
       nächsten Jahr  mit einem  Debet von  105 000 Taler.  Die Prozedur
       selbst ist  etwas verwickelter, als ich sie hier darstelle, indem
       Kapitalkonto und  Haushaltungsunkostenkonto selten  oder nur beim
       Jahresabschluß in Berührung kommen, und Haushaltungsunkostenkonto
       gewöhnlich als  Debitor von  Kassakonto figuriert, das den Makler
       macht; aber es kommt schließlich auf dies hinaus.
       Bei mehreren  Associés ist  die Sache  sehr einfach.  Z.B. A  hat
       50 000 Taler  im Geschäft  und B  ebenfalls  50 000;  sie  machen
       10 000 Taler  Profit und verbrauchen jeder 2500 Taler. Die Kontos
       stellen sich  also am Ende des Jahrs - bei einfacher Buchhaltung,
       ohne die imaginären Kontos:
       
       A Kredit bei A & B - Kapitaleinschuß     50 000 Taler
       A   "     "  " " "   Profitanteil         5 000 " "
                                                ------------
                                                55 000 Taler
       Debet bei A & B - für Bar                 2 500   "
                                                ------------
                     A Kredit fürs nächste Jahr 52 500 Taler
       
       Ebenso B.  Dabei rechnet  das Geschäft aber immer, 10% Profit ge-
       macht zu  haben. In einem Wort: die Kaufleute, bei der Berechnung
       der Profitprozente,  ignorieren die  Existenzkosten der Associés,
       dagegen bei  Berechnung der  Kapitalvermehrung durch  den  Profit
       bringen sie sie in Anschlag.
       Über die  ungarische Kampagne  - oder  noch besser, wenn's ginge,
       über sämtliche Kampagnen von 1848/50 zu schreiben, wär' mir schon
       recht, wenn  nur die  Quellen alle beizuschaffen wären. Die "Neue
       Rheinische Zeitung"  könnte mir zu nichts dienen als zur Verglei-
       chung der  östreichischen Bulletins, und wie lückenhaft die sind,
       weißt Du.  Ich müßte  wenigstens 10-12  Werke über diese Kampagne
       allein haben, und selbst dann fehlte mir noch die Hauptsache: der
       Kossuthsche "Közlöny"  ("Moniteur"). Bei nichts blamiert man sich
       so leicht wie bei der Kriegsgeschichte, wenn man räsonieren will,
       ohne die sämtlichen Data über Stärke, Verproviantierung und Muni-
       tionierung pp. zu haben. Alles das geht für eine Zeitung, wo alle
       Blätter gleich  schlecht unterrichtet  sind und  wo es darauf an-
       kommt, aus den paar Daten, die man hat, die richtigen Schlüsse zu
       ziehn. Aber  um post festum sagen zu können in allen entscheiden-
       den Fällen: hier hätte so
       
       #232# 79 - Engels an Marx - 3. April 1851
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       und so gehandelt werden müssen, und hier wurde richtig gehandelt,
       obwohl der  Erfolg dagegen zu sprechen scheint, dazu sind, glaub'
       ich, die  Materialien für  den ungarischen Krieg noch nicht genug
       vor dem  Publikum. Z.B.  wer schafft mir die Etats der östreichi-
       schen und  ungarischen Armeen und der verschiedenen Korps am Vor-
       abend jeder  Schlacht und  jeder wichtigen Bewegung? Kossuths und
       Görgeys Memoiren  müßten erst  heraus sein, und die von Dembinski
       vorgelegten Schlacht-  und Kampagnepläne in authentischer Gestalt
       vorliegen. Indes selbst mit dem existierenden Material ließe sich
       schon manches aufklären und vielleicht ein ganz interessanter Ar-
       tikel machen.  Soviel ist jetzt schon klar: die ungarische Insur-
       rektion, wie  die polnische  von 1830,  wie das  russische  Reich
       1812, ist  Anfang 1849  nur gerettet worden durch den Winter. Un-
       garn, Polen und Rußland sind die einzigen Länder Europas, wo eine
       Invasion im  Winter unmöglich ist. Es ist aber schon immer fatal,
       wenn eine Insurrektion nur durch den Dreck gerettet wird, der sie
       in unergründlicher  Tiefe umgibt.  Wäre die  Geschichte  zwischen
       östreich und  Ungarn im Mai statt im Dezember zum Eklat gekommen,
       so wäre  nie eine  ungarische Armee  organisiert worden  und  der
       ganze Quark  endigte wie Baden, ni plus ni moins 3*). Je mehr ich
       Krieg ochse,  desto stärker  wird meine Verachtung gegen den Hel-
       denmut -  eine abgeschmackte Phrase dieser Heldenmut, die ein or-
       dentlicher Soldat  nie in  den Mund  nimmt. Napoleon, wo er keine
       Proklamationen und  Tiraden macht,  sondern coolly  4*)  spricht,
       spricht nie  von glorieux  courage indomptable  5*) pp.,  sondern
       sagt höchstens: il s'est bien battu 6*).
       Wenn übrigens im nächsten Jahr eine Revolution in Frankreich aus-
       bricht, so  ist gar  kein Zweifel,  daß die Heilige Allianz [191]
       w e n i g s t e n s   bis vor Paris kommt. Und bei den merkwürdi-
       gen Kenntnissen  und der raren Energie unsrer französischen Revo-
       lutionäre ist  noch sehr die Frage, ob die Forts und die Enceinte
       von Paris auch nur bewaffnet und approviantiert sind. Sind aber 2
       Forts genommen,  z.B. St. Denis und das nächste nach Osten zu, so
       ist Paris  und die  Revolution jusqu'à nouvel ordre 7*) im Arsch.
       Ich werde Dir das nächstens einmal genau militärisch auseinander-
       setzen und  zugleich die  einzige Maßregel, die dagegen getroffen
       werden kann, um wenigstens die Invasion zu schwächen: die Okkupa-
       tion der belgischen Festungen durch die Franzosen und der rheini-
       schen durch  einen sehr  zweifelhaften insurrektionellen  coup de
       main 8*).
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       3*) nicht mehr  und nicht  weniger -  4*) nüchtern - 5*) ruhmrei-
       chem, unbezähmbarem  Mut -  6*) er  hat sich gut geschlagen - 7*)
       bis auf neue Order - 8*) Handstreich
       
       
       #233# 79 - Engels an Marx - 3. April 1851
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       Folgender Spaß  zur Charakteristik  des preußischen Kamaschenrit-
       tertums und  zur Erklärung  der späteren  Niederlage bei Jena pp.
       wird Dich  erfreuen: die scheinbar kühnen, au fond 9*) aber über-
       aus sichern  Coups Napoleons in der Kampagne von Marengo brachten
       den preußischen  General Bülow,  aus der  Schule des alten Fritz,
       Vater oder  Onkel des  späteren  Bülow  von  1813,  zu  folgender
       Einsicht: 1.  ein Kriegssystem,  basiert auf  das Absurde, aufzu-
       stellen, damit man den Gegner stets durch neue Verrücktheiten "in
       Verlegenheit setze",  und 2. anstatt des Bajonetts der Infanterie
       - Lanzen  zu geben wie im 30jährigen Krieg! Um Napoleon zu schla-
       gen, das Pulver abzuschaffen, qu'en dis-tu 10*)?
       Daß Du  trotz alledem Ende des Monats herkommst, freut mich sehr.
       Du mußt  mir aber  bei der  Gelegenheit das vollständige Exemplar
       der "Neuen  Rheinischen Zeitung"  mitbringen -  ich werde  daraus
       über sämtliche  deutschen demokratischen  Esel  und  desgl.  über
       französische Dossiers  anlegen -  eine Arbeit, die jedenfalls ge-
       schehen muß,  ehe wir wieder in irgendeinen Dreck hineingeschleu-
       dert werden.  Es wäre gut, wenn zu diesem Zweck der würdige Lieb-
       knecht, qui  est assez  bon pour cela 11*), aufs Museum ginge und
       dort die  Abstimmungen der  Berliner, Frankfurter und Wiener Ver-
       sammlungen, die  gewiß dort sind (in den stenographischen Berich-
       ten), nachläse und für die gesamten Linken exzerpierte.
       Du weißt,  ich habe  den Schluß  von Daniels nicht gelesen. [215]
       Daß sich  der Kerl  auf die  "Begriffe" als das Vermittelnde zwi-
       schen den  Menschen etc. steift, ist erklärlich; Du wirst das ei-
       nem über  Physiologie Schreibenden nicht ausreden. Er rettet sich
       immer schließlich  mit dem Argument, daß jede faktische Tatsache,
       die auf  die Menschen einwirkt, Begriffe in ihnen provoziert, und
       daß die  Reaktion gegen  diese Tatsache  also zwar in zweiter In-
       stanz eine  Folge der Tatsache, in erster aber eine Folge der Be-
       griffe ist. Gegen diese formelle Logik ist freilich nichts zu sa-
       gen, und  es kommt  dabei ganz  auf die Art seiner Darstellung im
       Manuskript an, die ich nicht kenne. Ich meine, es wäre am besten,
       ihm zu  schreiben, er wisse jetzt, welchen Mißdeutungen diese und
       jene Partien  ausgesetzt seien, und solle sie also so ändern, daß
       die "wahre"  Ansicht deutlich  hervortrete. Das ist alles, was Du
       tun kannst,  oder Du müßtest das Manuskript selbst umschreiben an
       den fraglichen Stellen, was doch auch nicht geht.
       Laß mich  wissen, wie's  Deiner Frau  geht, und grüß sie herzlich
       von mir.
       Ich bin  froh, daß  Du mit  der Ökonomie endlich fertig bist. Das
       Ding zog  sich wirklich zu sehr in die Länge, und solange Du noch
       ein für wichtig
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       9*) im  Grunde -10*) was sagst Du dazu - 11*) der dafür gut genug
       ist
       
       #234# 79 - Engels an Marx - 3. April 1851
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       gehaltnes Buch  ungelesen vor  Dir hast,  solange kommst  Du doch
       nicht zum Schreiben.
       Wie sieht's  mit einem  Verleger für Deine beabsichtigten 2 Bände
       in 60  Bogen aus? Wenn das all right wäre, so könnte man den Kerl
       schon dazu kriegen, daß er die nötigen Sachen für den ungarischen
       Artikel -  ich würde  sie schon angeben - beischaffte - au besoin
       12*) gegen  spätere Verrechnung beim Honorar. Notwendig wäre dann
       noch eine   s e h r  g u t e  Spezialkarte von Ungarn und Sieben-
       bürgen, womöglich  Schlachtpläne, die,  soviel ich  weiß, in  den
       bisherigen Werken  nicht enthalten  sind -  und die  Karte allein
       könnte auf ca. 15-20 Taler zu stehn kommen. Ich würde diese durch
       Weydemeyer aussuchen  lassen. Apropos, hast Du seine Adresse? Ich
       möchte ihn  wegen der  militärischen Abc-Bücher über Organisation
       und Taktik  befragen, grade  diesen Dreck kann ich hier nicht be-
       kommen. Sieh  auch, was  allenfalls von  der Beck für Bücher über
       Ungarn aufzutreiben  wären oder  durch sie.  Den Decker, der noch
       bei Dir ist, muß ich auch haben. [216]!
       Dein F. E.
       [Manchester] 3. April [1851]
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       12*) wenn nötig

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