Quelle: MEW 27 Briefe Februar 1842 bis Dezember 1851
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#24# 5 - Engels an Marx - 17. März 1845
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Engels an Marx
in Brüssel
Lieber Marx,
Gestern gab mir Heß Deinen Brief. Was die Übersetzungen betrifft,
so ist das Ganze noch gar nicht organisiert. In Bonn wollte ich
den Fourier von einigen dortigen Leuten unter meinen Augen und
meiner Leitung übersetzen lassen, natürlich den kosmogonischen
Unsinn [26] weglassen, und wenn der Verleger einverstanden wäre,
das Ding als erste Sektion einer solchen Bibliothek herausgeben.
Ich sprach gelegentlich mit B[aedeker], dem Verleger des
"Gesellschaftsspiegels", darüber, und er schien nicht übel Lust
dazu zu haben, obgleich er zu einer g r ö ß e r n Bibliothek
nicht die Fonds hat. Geben wir aber das Ding in dieser Gestalt,
so wird es allerdings besser sein, es Leske oder sonst jemand zu
geben, der auch was dranwenden kann. Die Sachen s e l b s t zu
übersetzen, hab' ich für den Sommer durchaus keine Zeit, da ich
die englischen Sachen abschließen muß. Das erste Ding 1*) ist
diese Woche an Wigand abgegangen, und da ich mit ihm stipuliert
habe, daß er mir 100 Taler bei Empfang des Manuskripts auszahlen
soll, so denk' ich, in 8-12 Tagen Geld zu bekommen und Dir schic-
ken zu können. Einstweilen liegen fr. 122,22 c. per 26.März auf
Brüssel 2*).
Hierbei den Rest der Subskriptionen; wenn die Sache nicht durch
die Elberfelder so scheußlich verschleppt worden wäre, die von
ihren amis-bourgeois 3*) noch wenigstens zwanzig Taler hätten zu-
sammentreiben können, so wäre es eher und mehr gekommen.
Um auf die Bibliothek zurückzukommen, so weiß ich nicht, ob die
h i s t o r i s c h e Reihenfolge der Sachen die beste sein
würde. Da Franzosen und Engländer doch abwechseln müßten, so
würde der Zusammenhang der Entwicklung doch fortwährend unterbro-
chen werden. Ohnehin glaub' ich, daß es besser wäre, hierbei das
t h e o r e t i s c h e Interesse der praktischen Wirksamkeit
aufzuopfern und mit den Sachen anzufangen, die den Deutschen am
meisten Stoff geben und unsren Prinzipien am nächsten stehen;
also die besten Sachen von Fourier, Owen, den Saint-Simonisten
etc. - Morelly
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1*) "Die Lage der arbeitenden Klasse in England" - 2*) die Worte
"fr. 122,22 c. per 26. März auf Brüssel" wurden von Stephan Adolf
Naut hinzugefügt - 3*) Bourgeois-Freunden
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könnte auch ziemlich vornhin kommen. Die historische Entwicklung
könnte man ganz kurz in der Einleitung zum Ganzen geben, und so
würde sich auch bei einer solchen Anordnung jeder leicht zurecht-
finden. Die Einleitung könnten wir zusammen machen - Du Frank-
reich, ich England nehmen -, vielleicht ginge das schon, wenn
ich, wie ich vorhabe, in 3 Wochen herüberkomme - wenigstens könn-
ten wir das Ding besprechen -, jedenfalls scheint mir aber durch-
aus nötig, gleich von vornherein mit Sachen anzufangen, die von
praktischer, einschlagender Wirkung auf die Deutschen sind und
uns ersparen, das noch einmal zu sagen, was andre vor uns gesagt
haben. Wenn wir eine Quellensammlung zur Geschichte des So-
zialismus oder vielmehr die Geschichte in und durch die Quellen
geben wollten, so würden wir mit dem Ding, fürcht' ich, in langer
Zeit nicht fertig und obendrein langweilig werden. Deshalb bin
ich dafür, daß wir nur solche Sachen geben, deren positiver In-
halt wenigstens zum größten Teil heut noch zu brauchen ist. God-
wins "Political Justice" würde, als Kritik der Politik vom poli-
tischen und bürgerlich-gesellschaftlichen Standpunkte, trotz der
vielen famosen Sachen, in denen G[odwin] an den K[ommunismus] an-
streift, wegfallen, da Du doch die v o l l s t ä n d i g e Kri-
tik der Politik geben wirst. Um so eher, als G[odwin] am E n d e
seiner Schrift zum Resultate kommt, der Mensch habe sich mög-
lichst von der Gesellschaft zu emanzipieren und sie nur als einen
Luxusartikel zu gebrauchen ("P[olitical] J[ustice]", II, Buch 8,
Anhang zu Kapitel 8) und überhaupt in seinen Resultaten so ent-
schieden anti-sozial ist. Ich habe übrigens das Buch vor sehr
langer Zeit, wo ich noch arg im unklaren war, exzerpiert und muß
es jedenfalls noch einmal durchnehmen, deswegen ist es leicht
möglich, daß mehr in dem Ding steckt, als ich damals darin fand.
Nehmen wir aber Godwin, so dürfen wir sein Supplement Bentham
auch nicht fehlen lassen, obwohl der Kerl arg langweilig und
theoretisch ist. - Schreib mir hierüber, und dann wollen wir wei-
ter sehen, was zu machen ist. Da diese Idee uns beiden gekommen
ist, so muß sie jedenfalls durchgeführt werden - ich meine die
Bibliothek. Heß wird sich gewiß mit Vergnügen dabei beteiligen
und ich desgleichen, sobald ich irgendwie Zeit habe - Heß hat
sie, da er augenblicklich außer der Redaktion des "G[esell-
schafts]s[piegels]" nichts im Schilde führt. - Sind wir über die
Grundlage einverstanden, so können wir bei meiner Dorthinkunft,
die ich wegen dieser Sache noch mehr betreiben werde, die Sache
vollständig ins reine bringen und gleich ans Werk gehen.
Die "Kritische Kritik" 4*) - ich glaube, ich schrieb Dir schon,
daß sie
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4*) "Die heilige Familie"
#26# 5 - Engels an Marx - 17. März 1845
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angekommen ist - ist ganz famos. Deine Auseinandersetzungen über
Judenfrage, Geschichte des Materialismus und mystères [14] sind
prächtig und werden von ausgezeichneter Wirkung sein. Aber bei
alledem ist das Ding zu groß. Die souveräne Verachtung, mit der
wir beide gegen die "Lit[eratur]-Z[eitung]" auftreten, bildet
einen argen Gegensatz gegen die 22 Bogen, die wir ihr dedizieren.
Dazu wird doch das meiste von der Kritik der Spekulation und des
abstrakten Wesens überhaupt dem größeren Publikum unverständlich
bleiben und auch nicht allgemein interessieren. Sonst aber ist
das ganze Buch prächtig geschrieben und zum Kranklachen. Die
B[auer]s werden kein Wort sagen können. Bürgers kann übrigens,
wenn er's im Püttm[ann]sch[en] ersten Heft [21] anzeigt, gele-
gentlich den Grund erwähnen, aus welchem ich nur wenig und nur
das, was ohne tieferes Eingehen auf die Sache geschrieben werden
konnte, bearbeitet habe - meine zehntägige kurze Anwesenheit in
Paris. Es sieht ohnehin komisch aus, daß ich vielleicht 1 1/2 Bo-
gen und Du über 20 drin hast. Das über die "Hurenverhältnisse"
hättest Du besser gestrichen. Es ist zu wenig und zu total un-
bedeutend.
Es ist merkwürdig, wie ich außer mit der Bibliothek noch in einem
andern Plan mit Dir zusammengekommen bin. Auch ich wollte für
Püttm[ann] eine Kritik Lists 5*) schreiben - glücklicherweise er-
fuhr ich durch P[üttmann] Deine Absicht früh genug. Da ich den
List übrigens p r a k t i s c h fassen wollte, die p r a k-
t i s c h e n Folgen seines Systems entwickeln, so werde ich
eine meiner Elberfelder Reden (die Verhandlungen werden im P[ütt-
mann]schen Ding gedruckt), worin ich dies unter andern in kurzem
tat, etwas weiter ausarbeiten [28] - ich vermute ohnehin nach dem
Bürgersschen Brief an Heß und nach Deiner Persönlichkeit, daß Du
Dich mehr auf seine V o r a u s s e t z u n g e n als auf
seine Konsequenzen einlassen wirst.
Ich lebe Dir jetzt ein wahres Hundeleben. Durch die Versammlungs-
geschichten und die "Liederlichkeit" mehrerer unsrer hiesigen
Kommunisten, mit denen ich natürlich umgehe, ist der ganze reli-
giöse Fanatismus meines Alten wieder erweckt, durch meine Erklä-
rung, den Schacher definitiv dranzugehen, gesteigert - und durch
mein offnes Auftreten als Kommunist hat sich nebenbei noch ein
glänzender Bourgeoisfanatismus in ihm entwickelt. Jetzt denk Dir
meine Stellung. Ich mag, da ich in 14 Tagen oder so weggehe, kei-
nen Krakeel anfangen; ich lasse alles über mich ergehen, das sind
sie nicht gewohnt, und so wächst ihnen der Mut. Bekomm' ich einen
Brief, so wird er von allen Seiten beschnüffelt, eh' ich ihn er-
halte. Da man
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5*) siehe vorl. Band, S. 11
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weiß, daß es all Kommunistenbriefe sind, so wird dabei jedesmal
ein gottseliges Jammergesicht aufgesetzt, daß man meint, verrückt
zu werden. Geh' ich aus, dasselbe Gesicht. Sitz' ich auf meiner
Stube und arbeite, natürlich Kommunismus, das weiß man - dasselbe
Gesicht. Ich kann nicht essen, trinken, schlafen, keinen Furz
lassen oder dasselbe vermaledeite Kindergottesgesicht steht mir
vor der Nase. Ich mag ausgehen oder zuhause bleiben, stillschwei-
gen oder sprechen, lesen oder schreiben, lachen oder nicht, ich
mag tun, was ich will, gleich setzt mein Alter diese infame
Fratze auf. Dazu ist mein Alter so dumm, daß er Kommunismus und
Liberalismus als "revolutionär" in einen Kasten schmeißt und mich
z.B. trotz aller Gegenreden für die Infamien der englischen
B o u r g e o i s i e im Parlament fortwährend verantwortlich
macht! Und jetzt ist ohnehin die fromme Saison hier im Hause.
Heute vor acht Tagen sind zwei Geschwister von mir konfirmiert
6*), heute trollt die ganze Sippschaft zum Abendmahl - der Leib
des Herrn hat seine Wirkung getan, die Jammergesichter von heut
morgen übertrafen alles. Pour comble de malheur 7*) war ich ge-
stern abend mit Heß in Elberfeld, wo wir bis zwei Uhr Kommunismus
dozierten. Natürlich heute lange Gesichter über mein spätes Aus-
bleiben, Andeutungen, ich möchte wohl im Kasten gewesen sein.
Endlich faßt man Courage zu fragen, wo ich gewesen sei. - Bei
Heß. - "Bei Heß! Großer Gott!" - - Pause, Steigerung der christ-
lichen Verzweiflung im Gesicht - - "Was für eine Umgebung hast Du
Dir gewählt!" - Seufzen usw. Es ist rein zum Tollwerden. Von der
Malice dieser christlichen Hetzjagd nach meiner "Seele" hast Du
keine Ahnung. Dazu braucht mein Alter nur zu entdecken, daß die
"Kritische Kritik" existiert, und er ist imstande, mich vor die
Türe zu setzen. Und dabei der fortwährende Ärger, zu sehen, daß
bei diesen Leuten auch gar nichts hilft, daß sie sich platter-
dings mit ihren Höllenphantasien schinden und quälen wollen, daß
man ihnen nicht einmal die ledernsten Prinzipien der Billigkeit
beibringen kann. War's nicht um meiner Mutter willen, die einen
schönen menschlichen Fonds und nur meinem Vater gegenüber gar
keine Selbständigkeit hat, und die ich wirklich liebe, so würde
es mir keinen Augenblick einfallen, meinem fanatischen und despo-
tischen Alten auch nur die elendeste Konzession zu machen. Aber
so grämt sich meine Mutter ohnehin jeden Augenblick krank und hat
gleich jedesmal, wenn sie sich speziell über mich ärgert, acht
Tage Kopfschmerzen - es ist nicht mehr auszuhalten, ich muß fort
und weiß kaum, wie ich die paar Wochen, die ich hier bin, noch
aushalten soll. Doch das wird auch schon gehen.
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16*) Hedwig und Rudolf Engels - 7*) Um das Unglück voll zu machen
#28# 5 - Engels an Marx - 17. März 1845
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Im übrigen ist hier nichts Neues. Die Bourgeoisie politisiert und
geht in die Kirche, das Proletariat tut, wir wissen nicht was,
und können's kaum wissen. Die Adresse, an die Euer letzter Brief
abging, ist einstweilen noch sicher. Heute abend hoff' ich das
Geld zu bekommen - eben versichert mich Köttgen, daß er, sobald
er etwas mehr Zeit hat - in ein paar Tagen - noch etwas wird auf-
treiben können. Ich trau' dem Ding aber nicht recht, der
K[öttgen] ist bei der Hand, wo er sich hervortun kann, aber sonst
taugt er und tut er nichts. Adios.
Dein E.
Barmen, 17. März 45
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