Quelle: MEW 27 Briefe Februar 1842 bis Dezember 1851
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#240# 83 - Engels an Marx - 1. Mai 1851
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Engels an Marx
in London
Lieber Marx,
In ein paar Tagen, längstens 8, erhältst Du weitere £ 5. -, ich
würde sie Dir schon heute schicken, hätte ich nicht soeben £ 10.-
auf einem Brett auszahlen müssen.
Ich habe seit ein paar Tagen den Brief von Lupus und den von
Dronke vergeblich gesucht. Du mußt sie beide mitgenommen haben.
Wenn Du sie findest, schick sie mir umgehend, ich schreibe dann
gleich. Auch den Brief von Fischer aus New Orleans finde ich
nicht.
Ne nous plaignons pas trop de la mauvaise queue. 1*) Ich hab
grade Savarys Memoiren [221] zu Haus. Napoleon hatte die seinige
- und welche! Dieser Savary ist ein famoses Exemplar davon. Etwas
Mittelmäßigeres als diesen Kerl gibt es nicht. Wenn gewisse Leute
glauben up to the mark 2*) zu sein und nicht einmal das
"Kommunistische Manifest" verstehn, so bildet sich dieser Savary
ein, Napoleon in der Tasche zu haben, einer der wenigen Auser-
wählten zu sein, die die ganze Größe des Kerls begreifen, und da-
bei hat er nicht einen einzigen Feldzugs- oder Schlachtplan be-
griffen. Als er diese Memoiren schrieb, war kaum eine einzige or-
dentliche Darstellung dieser Kampagnen geschrieben, er hätte
also, da das Ding apologetisch sowohl für Napoleon wie für ihn
selbst ist, gewiß nicht unterlassen, sein Bestes in dieser Bezie-
hung zu tun; statt dessen überall nur ein paar allgemeine Phrasen
und unzusammenhängende verworrene Details eines untergeordneten
Augenzeugen. Von Austerlitz [222] weiß der Kerl z.B. nur, daß der
Feind in einem Flankenmarsch überrascht und in so viel Stücke
zersplittert wurde, wie französische Kolonnen anrückten - wörtli-
che Kopie aus Napoleons Bulletin. Wie das aber geschah, davon
weiß er nichts. Im übrigen enorm viel Klatsch aus der Kaiserzeit
und dem Konsulat; ein wahrer Mustercrapaud 3*), renommierend,
verlogen, servil und sich mit wahrer
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1*) Beklagen wir uns nicht zu sehr über das schlechte Gefolge. -
2*) auf der Höhe - 3*) Musterphilister
#241# 83 - Engels an Marx - 1. Mai 1851
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Wollust in der edlen Tätigkeit des Polizisten ergehend, sowohl
was den Genuß der Autorität bei Verhaftungen als was die Freude
am Mouchardieren angeht; dabei brauchbar zu allerhand Allotriis
und Intrigen, aber doch überall so mittelmäßig, diensteifrig und
beschränkten Horizonts, daß er überall kurzgehalten und mit posi-
tiven Ordres versehen werden mußte. Enfin 4*), durchaus kein prä-
sentables Subjekt, au fond 5*) nicht besser und nicht schlechter,
nicht brauchbarer und nicht kompromittierlicher als gewisse amici
6*), und doch machte Napoleon mit der Zeit eine passable Ma-
schine, einen Herzog von Rovigo und einen Hof mann aus ihm, der
ihn beim Kaiser von Rußland 7*) nicht blamierte. Aber freilich,
solche Kerls muß man sich kaufen können, und dazu gehört vor al-
lem Geld und Macht.
Übrigens hat der edle Thiers den Savary, dessen Memoiren doch in
Frankreich bekannt genug waren, mit einer Unverschämtheit
abgeschrieben [196], die der der englischen Ökonomen im Plagiie-
ren nichts nachgibt, und das nicht bloß im Klatsch. Auch in Sa-
chen über Verwaltung pp. ist hier und da Herr Savary Hauptquelle.
Nach der "Times" zu urteilen, muß es jetzt in London fürchterlich
aussehn, da die Tataren, Franzosen, Russen und sonstige Barbaren
ganz Besitz davon genommen haben sollen. Dazu die Aussicht,
Mouchardsbrigaden von allen Weltteilen und sogar preußische Gens-
darmen hinzubekommen, ungerechnet die deutschen demokratischen
Freunde à la Otterberg, die im Juni kommen werden, um die große
Exhibition [184] und die großen Männer zu sehn, das wird schön
werden. Gib acht, man wird Dir Leute mit Empfehlungsbriefen, oder
auch ohne dergleichen, auf den Hals schicken, die von Dir verlan-
gen, daß Du ihnen Ledru, Mazzini, L. Blanc und Caussidière zeigen
sollst, und die in Deutschland furchtbar nachher räsonieren wer-
den, weil Du ihnen nicht eine Einladung zum Mittagessen von Fear-
gus O'Connor verschafft hast. Es werden Leute kommen, die sagen:
Herr Marx? - freut mich sehr - Sie werden mich kennen, ich bin
Neuhaus, der Chef der thüringischen Bewegung!
Den Krawall unter dem Stadtrat in Köln wegen der Rede des Beige-
ordneten Schenk an den Prinzen von Preußen 8*) wirst Du gelesen
haben, sowie die unverschämte Rede dieses letzteren. "Die Presse
ist schlecht, die Kölnische Presse muß sich bessern!" [223] Ce
pauvre 9*) Brüggemann - er benutzt natürlich die Gelegenheit zu
einer Seichbeutelei, wie man sie unter der Zensur zu schreiben
bescheidenst und wohlmeinendst sich die große Freiheit nahm. Da-
für ist aber jetzt auch "unser Stupp" Bürgermeister und
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4*) Kurz - 5*) im Grunde - 6*) Freunde - 7*) Alexander I. -
8*) Wilhelm I. - 9*) Diese arme
#242# 83 - Engels an Marx - 1. Mai 1851
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der größte Mann in Köln, und Dein Schwager 10*) konfisziert Bü-
cher mit lobenswertem Eifer. Ich fürchte nur, er wird nächstens
en Brutus prusso-bureaucrate 11*) sich auch an Deinen Sachen ver-
greifen, und das wird die Honorarzahlungen unangenehm stoppen
können. Der andre Schwager dieses Edlen, der P.P. Florencourt,
ist ja, wie deutsche Blätter melden, tambour battant et mèche
allumée 12*) in den Schoß der katholischen Kirche übergegangen.
Deine Familie ist doch wenigstens interessant, in der meinigen
muß ich allein die affenteuerlichen Geschichten machen.
Apropos! Du würdest mir einen sehr großen Gefallen tun, wenn Du
mir von Daniels oder von wem Du sonst in Köln dafür passend
hältst, möglichst bald einen Brief (direkt hieher, also mit Köl-
ner Poststempel) verschaffen wolltest, worin er mir den Empfang
von zwei Fünfpfundnoten sowie von einer früher gesandten, also
zusammen £ 15.-, anzeigt und beifügt, daß er dies Geld nach mei-
ner Instruktion an die einzelnen Leute ausgezahlt habe und meine
Rechnung mit den verschiednen Leuten in Köln hierdurch vollstän-
dig erledigt sei. Er kann noch ein paar gleichgültige Dinge,
Grüße pp. hinzufügen, damit der Brief nicht gemacht aussieht. Ich
muß nämlich, da ich eine Unterhaltung über die erhobenen Gelder
voraussehe, irgendein Papier haben, womit ich im Notfall beweisen
kann, daß ich Schulden in Köln bezahlt habe. Je eher ich den
Brief habe, desto besser. Wie Du die Sache einleiten willst,
überlaß ich Dir gänzlich, und es ist mir lieber, daß Du mir das
Dokument verschaffst, da es niemand etwas angeht, was wir zwei
für Geschäfte machen. Du kannst meinetwegen schreiben, ich hätte
mich durch Frauenzimmer in Schulden geritten oder hätte mich frü-
her für Bundeszwecke für die Summe verbürgt und müßte sie jetzt
zahlen oder was Du sonst willst - n'importe 13*). Der Brief soll
übrigens im Monat Juni sofort an den Schreiber zurückgestellt
werden. Der Poststempel von Köln mit dem Datum aus der ersten
Hälfte des Mai ist die Hauptsache.
Wie geht's in Deinem Hause? Grüß Deine Frau und Kinder und
schreib bald.
Dein F. E.
[Manchester] 1. Mai 1851
Soeben find' ich die Briefe von Lupus und Fischer - den von
Dronke kann ich aber nicht finden. An Lupus schreib' ich noch
heute. 14*) Wenn Du nach Köln schreibst, war' es gut, wenn Du sie
wegen des Reisegelds für Lupus tratst - Du kennst ja die Kölner.
[224]
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10*) Ferdinand von Westphalen - 11*) als preußisch-bürokratischer
Brutus - 12*) mit fliegenden Fahnen - 13*) das ist egal -
14*) siehe vorl. Band S. 550-552
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