Quelle: MEW 27 Briefe Februar 1842 bis Dezember 1851
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#265# 93 - Engels an Marx - 23. Mai 1851
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Engels an Marx
in London [239]
Lieber Marx,
Ich habe mit Vergnügen aus den Blättern ersehn, daß die "Neue
Rheinische Zeitung" in Deiner Person auch auf dem Soyerschen Al-
lerweltspreß-Symposium vertreten war. Mögen Dir die homards à la
Washington 1*) und der champagne frappé 2*) geschmeckt haben. Wie
aber M. Soyer Deine Adresse aufgefunden hat, ist mir ein Geheim-
nis.
Weißt Du, was aus dem versoffenen Laroche aus der Great Windmill
Street [157] geworden ist? Derselbe ist, wie deutsche Blätter
melden, abgefangen und in Berlin zum Tode durch den Strang verur-
teilt worden. Es stellt sich heraus, daß dieser angebliche ehema-
lige preußische Husaren-lieutnant niemand anders ist als der
Schuhmacher August Friedrich Gottlieb Lehmann aus Triebel bei So-
rau in der oberschlesischen Wasserpolackei, Wehrmann 1. Aufge-
bots, durch Urteil vom 23. März 1842 wegen Desertion in Friedens-
zeit, Fälschung und unerlaubten Schuldenmachens zu den militä-
rischen Ehrenstrafen und 16 monatlicher Einstellung in eine
Strafsektion verurteilt. Ein neuer Beitrag zur Aufklärung über
unsre deutschen Revolutionshelden.
Daß die großen Krieger, Willich, Schimmelpfennig und Sigel, sich
mehr und mehr zusammenfinden, ist ganz gut. Dies Soldatenpack hat
einen unbegreiflich schmutzigen Esprit de corps 3*). Sie hassen
sich untereinander à mort 4*), beneiden sich gegenseitig wie
Schuljungen die kleinste Auszeichnung, aber gegen Leute vom
"Zivil" sind sie alle einig. Akkurat, nur in zwerghaft-karikier-
tem Maßstab, wie in den ersten französischen Armeen von
[17]92/93. Die Windmill-Street-Gesellschaft sehen sie alle für
ein Bataillon an, das fix und fertig und geschlossen herübermar-
schieren wird; es ist das einzig übrige, seit die in der Schweiz
gesprengt und fortspediert sind. Kein Wunder, daß sie sich alle
an dies edle Korps anhängen. Es ist sehr gut, daß man schon jetzt
auf diesen Offizierkorpsgeist aus der alten Kaserne und von der
Offizierstafel her aufmerksam gemacht wird, und daß man
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1*) Hummern à la Washington - 2*) Champagner auf Eis - 3*) Korps-
geist - 4*) tödlich
#266# - 93 - Engels an Marx - 23. Mai 1851
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schon jetzt sieht, wie diese Cliquenwirtschaft unter dem emi-
grierten Offiziersmaterial ebensosehr herrscht wie im herrlichen
Kriegsheer [240]. Wir wollen diesen Herren seinerzeit schon zei-
gen, was "d a s Zivil" zu bedeuten hat. Alle dgl. Geschichten
zeigen mir, daß ich gar nichts Besseres tun kann, als meine mili-
tärischen Studien fortzusetzen, damit wenigstens Einer vom
"Zivil" ihnen theoretisch die Stange halten kann. Jedenfalls will
ich's dahin bringen, daß solche Esel mich nicht niederschwatzen
sollen. Daß sie übrigens um 2000 Taler geprellt worden sind, ist
sehr erfreulich. Die Nachrichten aus Köln sind sehr angenehm, die
Leute dort mögen sich nur in acht nehmen.
Die edle Johanna 5*) schlägt im Bettel doch wirklich alles platt,
was bisher dagewesen. Heinzen kann sich hängen, zu der Unver-
schämtheit wie diese Frau, die obendrein noch häßlich sein soll
wie die Nacht, hat er's nie gebracht.
Daß Girardin den Cavaignac nicht unterstützt, ging schon aus den
englischen Blättern hervor. Aber daß er das Faktum konstatiert,
daß Cav[aignac]s Chancen so flott stehn, reicht hin, um die Si-
tuation zu charakterisieren. Wenn die Chance sich realisieren
sollte, von der Du sprichst, daß die Majorität und Bonaparte
einen Vertrag schlössen und die illegale Revision durchzuführen
versuchten, so geht's schief, glaub' ich. Das setzen sie nie
durch, solange Thiers, Changarnier und das "Débats" nebst ihren
resp. Schwänzen dagegen sind. Die Chance für Cavaignac wäre zu
schön; und in d[ie]sem 6*) Fall, glaub' ich, könnte er auf die
Armee rechnen.
Gibt es Krawall im nächsten Jahr, so ist Deutschland in einer
verfluchten Lage. Frankreich, Italien und Polen sind bei seiner
Zerstückelung interessiert. Mazzini hat sogar, wie Du gesehn
hast, den Tschechen Rehabilitierung versprochen. Außer Ungarn
hätte Deutschland nur einen möglichen Bundesgenossen, Rußland -
vorausgesetzt, daß dort eine Bauernrevolution durchgeführt worden
ist. Sonst kriegen wir eine guerre à mort 7*) mit unsern edlen
Freunden nach allen vier Winden hin, und es ist sehr fraglich,
wie diese Geschichte enden wird.
Je mehr ich über die Geschichte nachdenke, desto klarer wird es
mir, daß die Polen une nation foutue 8*) sind, die nur so lange
als Mittel zu brauchen sind, bis Rußland selbst in die agrarische
Revolution hineingerissen ist. Von dem Moment an hat Polen abso-
lut keine raison d'être 9*) mehr. Die Polen haben nie etwas an-
dres in der Geschichte getan, als tapfre krakeelsüchtige
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5*) Johanna Kinkel - 6*) Papier beschädigt - 7*) einen Krieg auf
Leben und Tod - 8*) eine erledigte Nation - 9*) Daseinsberech-
tigung
#267# 93 - Engels an Marx - 23. Mai 1851
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Dummheiten gespielt. Auch nicht ein einziger Moment ist anzuge-
ben, wo Polen, selbst nur gegen Rußland, den Fortschritt mit Er-
folg repräsentierte oder irgend etwas von historischer Bedeutung
tat. Rußland dagegen ist wirklich progressiv gegen den Osten. Die
russische Herrschaft mit all ihrer Gemeinheit, all ihrem slawi-
schen Schmutz, ist zivilisierend für das Schwarze und Kaspische
Meer und Zentralasien, für Baschkiren und Tataren, und Rußland
hat viel mehr Bildungselemente und besonders industrielle Ele-
mente aufgenommen, als das seiner ganzen Natur nach chevaleresk-
bärenhäuternde Polen. Schon daß der russische Adel fabriziert,
schachert, prellt, sich korrumpieren läßt und alle möglichen
christlichen und jüdischen Geschäfte macht, vom Kaiser 10*) und
Fürst Demidow bis herab zum lausigsten Bojaren 14. Klasse, der
nur blaharodno, wohlgeboren, ist, schon das ist ein Vorzug. Polen
hat nie fremde Elemente nationalisieren können - die Deutschen
der Städte sind und bleiben Deutsche. Wie Rußland Deutsche und
Juden zu russifizieren versteht, davon ist jeder Deutschrusse aus
zweiter Generation ein sprechendes Exempel. Selbst die Juden be-
kommen dort slawische Backenknochen.
Von der "Unsterblichkeit" Polens liefern Napoleons Kriege 1807
und 1812 schlagende Exempel. Unsterblich war bei den Polen bloß
ihre Krakeelerei ohne allen Gegenstand. Dazu kommt, daß der
größte Teil von Polen, das sog. Westrußland, d.h. Bjelostok,
Grodno, Wilna, Smolensk, Minsk, Mohilew, Wolhynien und Podolien
sich mit geringen Ausnahmen seit 1772 ruhig hat von den Russen
beherrschen lassen, ils n'ont pas bougé 11*), mit Ausnahme von
ein paar Bürgern und Edelleuten hier und da. 1/4 von Polen
spricht Litauisch, 1/4 Ruthenisch, ein kleiner Teil Halbrussisch,
und der eigentliche polnische Teil ist zu voll 1/3 germanisiert.
Glücklicherweise haben wir in der "Neuen Rheinischen Zeitung"
keine positiven Verpflichtungen gegen die Polen übernommen, als
die unvermeidliche der Wiederherstellung mit suitabler 12*)
Grenze - und auch die noch unter der Bedingung der agrarischen
Revolution. Ich bin sicher, daß diese Revolution in Rußland eher
vollständig zustande kommt als in Polen, wegen des Nationalcha-
rakters und wegen der entwickelteren Bourgeoiselemente in Ruß-
land. Was ist Warschau und Krakau gegen Petersburg, Moskau,
Odessa pp.!
Resultat: Den Polen im Westen abnehmen, was man kann, ihre
Festungen unter dem Vorwand des Schutzes mit Deutschen okkupie-
ren, besonders Posen, sie wirtschaften lassen, sie ins Feuer
schicken, ihr Land ausfressen,
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10*) Nikolaus I. - 11*) sie haben sich nicht gemuckst - 12*) pas-
sender
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sie mit der Aussicht auf Riga und Odessa abspeisen, und im Fall
die Russen in Bewegung zu bringen sind, sich mit diesen alliieren
und die Polen zwingen nachzugeben. Jeder Zoll, den wir an der
Grenze von Memel bis Krakau den Polen nachgeben, ruiniert diese
ohnehin schon miserabel schwache Grenze militärisch vollständig
und legt die ganze Ostseeküste bis nach Stettin bloß.
Ich bin übrigens überzeugt, daß bei dem nächsten Krawall die
ganze polnische Insurrektion sich auf Posener und galizische Ad-
lige nebst einigen Zuläufern aus dem Königreich beschränken wird,
da dies so scheußlich ausgesogen ist, daß es nichts mehr kann,
und daß die Prätensionen dieser Ritter, wenn sie nicht von Fran-
zosen, Italienern, Skandinaviern pp. unterstützt und durch
tschechoslawische Krawalle verstärkt werden, an der Erbärm-
lichkeit ihrer Leistungen scheitern werden. Eine Nation, die
20 000 bis 30 000 Mann höchstens stellt, hat nicht mitzusprechen.
Und viel mehr stellt Polen gewiß nicht.
Grüße Freiligrath, wenn Du ihn siehst, und Deine Familie, den
Bürger Müsch nicht zu vergessen. Ich komme ca. 8 Tage später nach
London als ich dachte, die Geschichte hängt von vielen kleinen
Lumpereien ab.
Apropos, von Köln noch keine Zeile. Hast Du geschrieben? Wenn ich
den Brief nicht b a l d erhalte, nützt er mir nichts. 13*) Ich
wüßte nicht, warum D[aniels] mir nicht den Gefallen tun sollte.
Kannst Du nicht noch einmal schreiben, der D[aniels] kann ja
rasch umgehend ein paar Zeilen hinschmieren und mir schicken. Ich
könnte sonst in höllische Verlegenheit kommen.
Dein F. E.
Manchester], 23. Mai 51
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13*) siehe vorl. Band, S. 242
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