Quelle: MEW 27 Briefe Februar 1842 bis Dezember 1851


       zurück

       #284# 101 - Engels an Marx - 17. Juli 1851
       -----
       101
       
       Engels an Marx
       in London
       
       Manchester, 17. Juli 51
       Lieber Marx,
       Dem Klose  wird heute noch geschrieben - es ist gut, daß Du seine
       Adresse beifügst,  da ich  sie nicht  hatte. -  Daß Du arg in der
       Klemme bist,  glaub' ich  gern, und um so ärgerlicher ist es mir,
       daß ich  bis Anfang  nächsten Monats  über keinen Centime mehr zu
       disponieren habe.  Wenn Du bis dahin nicht warten kannst, wäre es
       nicht einzurichten,  daß Weerth Dir bis dahin einiges pumpte? Ich
       kann am  1. August  £ 5.- und am 1. Sept. wieder £ 5 - zurückzah-
       len, und das ist so sicher wie bar Geld.
       Die Zeitungsabonnements  sind hier endlich wieder in Ordnung, und
       so hab'  ich denn  endlich unser  altes  Aktenstück  1*)  in  der
       "K[ölnischen] Z[eitung]"  zu Gesicht  bekommen. Die  Augsb[urger]
       2*) erzählt  übrigens in einem sonst anscheinend gut unterrichte-
       ten Artikel  Dresden, man habe den Nothjung endlich durch schika-
       nöse Verhöre  breitgeschlagen, und  dieser habe die umfassendsten
       Geständnisse gemacht.  [248] Ich  halte es  allerdings für leicht
       möglich, daß  geschickte Inquirenten ihn bald in die Enge treiben
       und in  die tollsten  Widersprüche verwickeln können. Ein preußi-
       scher Beamter soll hingegangen sein, um noch mehr aus ihm heraus-
       zuquetschen. Der  König von  Hannover 3*) soll sich geweigert ha-
       ben, die  Verfolgungen in seinen Staaten zu betreiben, wenigstens
       in der  kruden Weise, wie dies in Preußen, Hamburg pp. geschieht.
       Der Brief Miquels scheint dies zu bestätigen. Daß Martens in Ham-
       burg verhaftet ist, weißt Du. Die Dummheit der Preußen geht übri-
       gens aus  nichts mehr hervor als aus der Haussuchung bei "Carl am
       Rhein", den  man ebenfalls  im Verdacht hatte, im kommunistischen
       Bund zu sein, und bei dem man nur Briefe von Raveaux fand!
       Das alte  Aktenstück kann  nur durch  die eine  Stelle  über  die
       "Exzesse" den  Verhafteten schädlich  sein, alle  übrigen Stellen
       gehn gegen die Demokraten
       -----
       1*) "Ansprache der  Zentralbehörde an  den Bund  vom März 1850" -
       2*) "Allgemeine Zeitung" - 3*) Ernst August
       
       #285# 101 - Engels an Marx - 17. Juli 1851
       -----
       und würden nur in dem Fall ihre Position erschweren, wenn sie vor
       eine halbdemokratische  Jury kämen; wie es aber den Anschein hat,
       wird man sie vor eine exquisite Spezial- oder Bundesjury stellen,
       wenn man  sie überhaupt davor stellt. Und selbst diese Sachen wa-
       ren schon  in dem Bürgersschen Dokument [244], das gleich anfangs
       gefaßt war, großenteils wieder verarbeitet. Dagegen ist es in je-
       der andern Beziehung von enormem Vorteil, daß das Ding publiziert
       und durch  alle Blätter  gegangen ist. Die einzelnen stillen Cli-
       quen von  angehenden Kommunisten, die man gar nicht kennt und die
       nach den bisherigen Erfahrungen in allen Teilen Deutschlands sit-
       zen müssen,  werden daran einen famosen Halt bekommen, und selbst
       dem Artikel  der Augsburger  sieht man  an, daß das Ding sie ganz
       anders affiziert  hat als die ersten Entdeckungen. Ihre Zusammen-
       stellung des  Inhalts zeigt,  daß sie  den "Wahnsinn"  nur zu gut
       verstanden hat - en effet il n'y avait pas moyen de s'y méprendre
       4*).
       Dabei galoppiert  die feudale  Reaktion so  toll  und  blindlings
       drauflos, daß  der ganze  Schreckschuß bei  der Bourgeoisie nicht
       den mindesten  Effekt macht.  Es ist  zu heiter, zu sehn, wie die
       "Köln. Ztg."  jetzt täglich  das il  faut passer par la mer rouge
       5*) predigt und alle Fehler der Konstitutionellen von 1848 einge-
       steht. Aber freilich, wenn man einen Kleist-Retzow zum Oberpräsi-
       denten nach  Koblenz bekommt,  und wenn  die unverschämte "Kreuz-
       Zeitung" in  ihren platten  Possen und  Knittelversen immer inju-
       riöser wird,  was soll da die gebildete und gesetzte konstitutio-
       nelle Opposition  anfangen! Es  ist schade,  daß wir die - Kreuz-
       Zeitung" nicht  hier haben.  Ich sehe allerlei Auszüge draus. Von
       dieser  hundsordinären,  gassenbuben-haften,  stinkenddummpreußi-
       schen Manier,  mit der  das Blättchen jetzt über die anständigen,
       wohlhabenden und  respektablen konstitutionellen Größen herfällt,
       hat man keine Vorstellung. Wenn man Kerlen wie Beckerath und Kon-
       sorten noch ein bißchen Selbstgefühl und Widerstandsfähigkeit zu-
       trauen könnte, sie müßten die Mißhandlungen und Schimpfereien ei-
       nes "Père  Duchesne" in Rheinschürgermanier und die ganze terreur
       rouge 6*)  einer Behandlung  vorziehn, wie  sie sie jetzt von den
       Junkern und der - Kreuz-Zeitung" täglich zu genießen haben.
       Und weiter sprach der Esel:
       Da ist auch der Gemeinderat von Wesel.
       Wenn ich nicht wär' ein Eselein,
       So möcht' ich wohl Gemeinderat von Wesel sein -
       -----
       4*) in der Tat, man konnte sich da auch gar nicht irren - 5*) man
       muß durch das Rote Meer hindurchgehen - 6*) den ganzen roten Ter-
       ror
       
       #286# 101 - Engels an Marx - 17. Juli 1851
       -----
       in solchen  witzigen Reimen  bepißt die  "Kreuz-Ztg."  jetzt  der
       Reihe nach  sämtliche konstitutionellen  Koryphäen, und die Kerle
       lassen sich das ruhig gefallen. Es ist aber den Hunden recht, die
       die besten  Artikel der  "N[euen]  Rh[einischen]  Z[eitung]"  als
       "gemeine Schimpfereien" verschrieen, daß sie jetzt auf ihrem eig-
       nen feigen  Puckel den  Unterschied eingefuchtelt  bekommen.  Sie
       werden sich  zurücksehnen nach  den hiergegen unendlich attischen
       Verhöhnungen der "N. Rh. Z."
       Die Geschichte  mit Willich  7*) ist Trost in trüben Stunden. Der
       "populärste Mann"  ist also auch am Ziel seiner Popularität ange-
       langt und  kann jetzt  als verkannter  Menschheitsretter sich mit
       einem Pot  Bier und  Schappers Freundschaft  über den  Undank der
       Welt trösten. Ich kann mir seinen Kummer denken, da jetzt die Ar-
       mee der Zukunft, der "Kern", vernichtet ist, um den sich ganz Eu-
       ropa sammeln  sollte. Wo  wird der Edle neue "Männer von Prinzip"
       finden!
       Aus der  Geschichte mit  Fickler 8*)  werde ich nicht recht klug.
       Warum lief  Lupus auch  gleich zu Fickler hin und ließ nicht erst
       den Liebknecht sondieren, puisque celui-ce n'aurait compromis que
       lui-même 9*).  Es sieht  aus, als habe man Fickler keilen wollen.
       Und dann,  nachdem er dagewesen, war der Brief von Lupus zu sack-
       grob. Entweder  war der  Fickler überhaupt  nicht der  Mühe wert,
       oder -  nachdem in  der Unterhaltung selbst von Fickler und Goegg
       Ruge als  eine Art  lumen 10*)  schon hingestellt war, reichte es
       hin, daß man mit ihm abbrach, ohne grade ganz und grob mit ihm zu
       brechen. Es  war ein  gemeiner Streich  von Fickler,  c'est clair
       11*), indes  mußte man  nicht dgl. von süddeutschen Biedermännern
       von vornherein als möglich voraussetzen? Und er hatte ja aus sei-
       nem Respekt  vor Ruge kein Geheimnis gemacht. Die Zudringlichkeit
       des Ruge  ist freilich  namenlos. Aber grade diese ewig neuen Va-
       riationen sind  Beweis genug,  daß keine  auch nur  im geringsten
       ziehen will,  und daß das "comité allemand", an das Mazzini seine
       Römerbriefe [249]  schreibt, noch immer nur im Kopf von Ruge exi-
       stiert.
       Sorg ja dafür, daß Weerth hieherkommt, und schreib bald wieder.
       Dein F. E.
       -----
       7*) siehe vorl. Band, S. 279 - 8*) siehe vorl. Band, S. 279-282 -
       9*) weil dieser nur sich selbst kompromittiert hätte - 10*) Licht
       - 11*) das ist klar

       zurück