Quelle: MEW 27 Briefe Februar 1842 bis Dezember 1851


       zurück

       #291# 104 - Marx an Engels - 31. Juli 1851
       -----
       104
       
       Marx an Engels in Manchester
       
       [London] 31 July 1851
       28, Soho, Dean Street
       Lieber Engels!
       Soeben bekomme  ich Deinen  Brief, der  sehr angenehme Aussichten
       zur Handelskrise eröffnet.
       Ich habe  seit ungefähr 14 Tagen nichts geschrieben, weil ich die
       Zeit, die ich nicht auf der Bibliothek zubringe, wie ein Hund ge-
       hetzt war,  und so  trotz dem  besten  Willen  immer  wieder  vom
       Schreiben abkam.
       Nachdem mich  die beiden  Bamberger, Vater und Sohn, von Woche zu
       Woche - erst von Monat zu Monat - hingezogen mit dem Versprechen,
       mir einen  Wechsel zu diskontieren, nachdem ich endlich zu diesem
       Zweck verfloßnen  Montag in  die Judenbude bestellt war und schon
       das stamped  paper 1*)  mitgebracht, eröffnet  mir der Junge, daß
       der Alte, der auch da war, nicht könne etc. etc.
       Daß ich  diesen beiden  Juden für dies infame Hinhalten, Zeitver-
       derben und mich Dritten gegenüber in fausse position 2*) bringen,
       nicht um die Ohren schlagen konnte, war höchst bedauerlich.
       Übrigens verdanke ich, wenn nicht die  T a t s a c h e,  doch das
       P r i n z i p   dieses wirklich à la Sancho erst seit Monaten und
       dann wieder  seit den  letzten 6 Wochen Geprelltwerdens dem Herrn
       Conrad Schramm.
       Du weißt,  daß dies  Subjekt seit 4-5 Wochen nach Paris aufgebro-
       chen ist.  Wie immer, von unsern edlen hiesigen Freunden, erfährt
       man erst  jetzt von  ihnen, z.B.  von dem  Tölpel Hain,  was  sie
       längst über  den Lumpen wußten. Ich verbiete ihnen aber jetzt das
       "Schreien", da es nur noch schaden kann, nichts mehr nützen. Also
       - ich weiß nicht, ob ich Dir das schon geschrieben habe - ich er-
       fahre von  Herrn Schramm  eines Abends,  daß er in 2 × 24 Stunden
       abreisen wolle.  Ich beschloß  also, die  nötigen Maßregeln wegen
       der Bundes-  und sonstigen  Papiere zu ergreifen, in deren Besitz
       Herr Conrad  sich noch  befand. Denselben Abend erfahre ich durch
       Liebknecht, daß Herr Conrad diese Papiere nicht herausgeben will,
       sondern sie  versiegelt Herrn  Louis Bamberger übergeben hat. Und
       was rasches Verfahren
       -----
       1*) Stempelpapier - 2*) eine falsche Lage
       
       #292# 104 - Marx an Engels - 31. Juli 1851
       -----
       noch nötiger  machte: als ich den  f o l g e n d e n  Tag aus dem
       Museum 3*) komme, ergibt sich, daß Herr Lumpazius nicht in 2 × 24
       Stunden, sondern  schon in  den ersten 24 Stunden, d.h. eben um 2
       Uhr nachts  des laufenden  Tags abreisen  wird. Der  edle  Conrad
       hatte mich für den Abend um ein Privatrendezvous gebeten, was ich
       ihm aber  vereitelte und  Lupus, Liebknecht, Pieper mitnahm. Kaum
       waren wir  in einer  insulated 4*)  Kneipe gesettled 5*), als ich
       den Herrn Conrad über sein Treiben mit den Papieren Aufklärung zu
       geben ersuchte  etc. Wie  immer, wenn  er einen faux pas gemacht,
       wird der  Kerl fuchswild,  erklärt, die Papiere nicht herausgeben
       zu wollen,  da er  sie zu seiner Rechtfertigung brauche und andre
       Albernheiten. Er  sei der  Bund so  gut wie  ich und  Du, auch er
       könne rettende Taten vollbringen. Er wisse gar nicht, ob ich Vor-
       steher des  Kreises in  London sei.  Dann Stirneriana  über seine
       Einzigkeit in der Partei. [252] Andere, besonders Lupus, brausten
       auf, er  droht aufzubrechen, schreit, tobt - alles connu 6*). Ich
       schlug den Tumult wieder nieder, und da ich weiß, wie der Bursche
       zu behandeln  ist, da aller Skandal nicht nützte, sondern es sich
       darum handelte, die Papiere zu haben, namentlich in diesem Augen-
       blicke -  so brachte  ich Herrn  Conrad durch  Drohung und glatte
       Worte dahin,  daß er mir einen Zettel an Bamberger ausstellte und
       diesen beauftragte, mir das versiegelte Paket abzuliefern.
       Das erhielt  ich auch  am folgenden Tag. Darin befand sich alles.
       Unter andrem  sogar Deine  und meine Erklärung gegen A. Ruge 7*),
       die der edle Conrad also nicht in die "Staatszeitung" abgeschickt
       hatte, wahrscheinlich weil er so viel bei seinem Bruder 8*) gelo-
       gen, daß er jede Aufklärung - öffentliche - fürchtete.
       Dieser Lump  also hat  zugleich -  er glaubte  dadurch seine  Ge-
       schäfte besser  machen [zu]  können -  die Bamberger  vor mir ge-
       warnt, ihnen  gesagt, ich  hätte meinen letzten Kredit erschöpft,
       um den  letzten Wechsel  zu zahlen  etc. etc. Überhaupt hat er in
       jeder, der  hundsföttischsten Weise gegen uns intrigiert, gelogen
       usw.
       Jetzt - da dies alles fait accompli - muß man nicht, wie die hie-
       sigen Tölpel  wollten und taten, schreien und sich biedermännisch
       entrüsten, sondern  den Lumpazius  einstweilen an sein Verhältnis
       mit uns fortglauben lassen, bis man die Macht und den Moment hat,
       den Kerl  aus dem  Wege zu  schaffen, d'une manière ou de l'autre
       9*). In  diesem Moment könnte der Bursche unsern deutschen Genos-
       sen durchaus gefährlich werden, wenn man ihm irgendwie als Kenner
       seiner ehrlosen Lumperei gegenüberträte.
       -----
       3*) British  Museum  -  4*) abgelegenen  -  5*) niedergesessen  -
       6*) bekannt. -  7*) siehe Band  7 unserer  Ausgabe  -  8*) Rudolf
       Schramm - 9*) auf die eine oder andere Art
       
       #293# 104 - Marx an Engels - 31. Juli 1851
       -----
       Übrigens glaubst  Du mir  ohne weitre  Beteurung, daß  ich meiner
       Situation verdammt müd bin. Ich habe nach Amerika geschrieben, ob
       es möglich  ist, von hier aus eine Korrespondenz zusammen mit Lu-
       pus für ein paar Dutzend Journale zu machen, denn es ist impossi-
       ble 10*), so fortzuleben.
       Was die  Verhandlungen mit Ebner in Frankfurt angeht, so schreibt
       er, daß Cotta wahrscheinlich meine Ökonomie - deren Plan ich hin-
       geschickt -  nehmen wird,  und daß,  wenn nicht,  er einen andern
       Buchhändler auftreiben  wird. Ich  wäre längst auf der Bibliothek
       fertig. Aber  die Unterbrechungen und Störungen sind zu groß, und
       zu Haus, wo alles immer im Belagerungszustand sitzt und Tränenbä-
       che mich  ganze Nächte  durch ennuyieren  und wütend machen, kann
       ich natürlich  nicht viel  tun. Meine  Frau tut mir leid. Auf sie
       fällt der Hauptdruck, und au fond 11*) hat sie recht. Il faut que
       l'industrie soit plus productive que le mariage. 12*) Trotz alle-
       dem erinnerst  Du Dich,  daß ich von Natur très peu endurant 13*)
       bin und  sogar quelque peu dur 14*), so daß von Zeit zu Zeit mein
       Gleichmut verlorengeht.
       Julius ist  vor einer Woche ungefähr begraben worden. Ich war bei
       der Bestattung  zugegen. Der  edle Kinkel  hielt einen Seich über
       das Grab. Julius war der einzige in der Emigration, der studierte
       und mehr und mehr vom Idealismus auf unser Gebiet herübertrat.
       Der edle Dulon befindet sich hier.
       Heinzen und Ruge fahren fort, in der New-Yorker "Schnellpost" ge-
       gen die  Kommunisten und  uns speziell  zu poltern.  Das Zeug ist
       aber so  kreuzdumm, daß es unmöglich ist, anders drauf einzugehn,
       als bei  gelegner Zeit einmal aus Ruges Machwerken das Komischste
       zusammenzustellen und  den Deutschen  zu offenbaren,  von wem sie
       jetzt, malgré eux 15*), regiert werden.
       Hast Du vielleicht die neuste Schrift von Proudhon [253] gelesen?
       Weydemeyer hat  mir von  Zürich aus  geschrieben.  Karstens  16*)
       sitzt in  Mainz. Er  hatte einen  vergeblichen Fluchtversuch  ge-
       macht. Vale faveque. 17*)
       Dein K. M.
       Du wirst  übrigens sehr wohltun, wenn Du, womöglich mit Namensun-
       terschrift, einen  Aufsatz für Jones machst. Er geht fort in sei-
       nem Blatte,  er lernt. Ce n'est pas un Harney. 18*) Die "Notes to
       the People"  kommen daher auf, während der "Friend of the People"
       kaputtgeht.
       -----
       10*) unmöglich -  11*) im Grunde - 12*) Das Gewerbe muß produkti-
       ver sein als die Ehe. - 13*) sehr wenig geduldig - 14*) ein wenig
       hart - 15*) gegen ihren Willen - 16*) Friedrich Leßner - 17*) Le-
       be wohl und bleib mir zugetan. - 18*) Das ist kein Harney.

       zurück