Quelle: MEW 27 Briefe Februar 1842 bis Dezember 1851
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#308# 108 - Engels an Marx - um den 11. August 1851
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Engels an Marx
in London
[Manchester, um den 11. August 1851]
Lieber Marx,
Gestern in meinen Glossen über Pr[oudhon] gestört, fahre ich
heute fort. Ich abstrahiere einstweilen von den vielen Lücken des
Rezepts, z.B., wie man nicht sieht, in welcher Weise die Fabriken
aus den Händen der Fabrikanten in die der compagnies ouvrières
1*) übergehn sollen, da zwar der Zins und die Grundrente, aber
nicht der Profit abgeschafft wird (die Konkurrenz bleibt ja be-
stehn); ferner, was aus den großen Grundbesitze[r]n werden soll,
die ihr Land durch Lohnarbeiter exploitieren lassen, und andre
dgl. Mängel. Um über das Ganze als theoretisches Ensemble urtei-
len zu können, müßte man das Buch [253] selbst hier haben. Ich
kann also nur insofern eine Meinung aussprechen, als ich die ein-
zelnen Maßregeln in ihrer Praktikabilität le cas échéant 2*) be-
trachte und zugleich untersuche, inwiefern sie zur Zentralisation
der gesamten Produktivkräfte geeignet sind. Und auch hierzu müßte
man eigtl. das Buch selbst haben, um alle développements 3*) zu
sehn.
Daß Herr Proudhon endlich zur Einsicht der Notwendigkeit der mehr
oder minder versteckten Konfiskation gekommen ist, ist, wie schon
gesagt, ein Fortschritt. Es fragt sich nur, ob sein Konfiskati-
onsvorwand praktikabel ist; denn wie bei allen diesen bornierten
Kerls, die sich selbst vorlügen, dgl. Gewaltmaßregeln seien keine
Konfiskation, ist eben dieser Vorwand der Pivot des Ganzen. "Der
Zins wird auf 1/2 oder 1/4 % erniedrigt." Wie, davon sagen Deine
Auszüge bloß, daß der Staat oder die unter der Hand und unter an-
derm Namen mit dem Staat verschmolzene Bank 500 Mill. fr. jähr-
lich auf Hypothek zu diesem Zins auspumpen soll. Ich schließe zu-
dem, daß diese Herabsetzung graduell geschehen soll. Ist der Zins
einmal so niedrig, so wäre die jährliche Abtragung aller Schulden
pp. mit 5 à 10% per annum natürlich leicht. Aber den Weg, um da-
hin zu kommen, gibt Herr P[roudhon] nicht an. Hierbei fällt mir
unsre neuliche
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1*) Arbeitergesellschaften - 2*) eintretendenfalls - 3*) Entwick-
lungen
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Debatte über Herabsetzung des Zinsfußes durch Deinen Plan ein,
eine ausschl. privilegierte Nationalbank mit Monopol der Papier-
currency 4*) und Ausschluß des Goldes und Silbers von der Zirku-
lation zu etablieren. Ich glaube, daß jeder Versuch, den Zinsfuß
rasch und stetig herunterzudrücken, scheitern muß an der in jeder
Revolution und Geschäftsstockung steigernden Notwendigkeit des
Wuchers, des Kreditgebens an momentan geklemmte, in Verlegenheit
schwebende, also momentan unsolide Leute. Wenn auch der Teil des
Zinsfußes, der für wirkliche Remuneration des Leihens gilt, durch
Masse von Kapital zu drücken ist, so bleibt der Teil, der die As-
sekuranz der Rückzahlung repräsentiert und der grade in der Kri-
sis enorm steigt. In jeder Revolution sind die Kaufleute der Re-
gierung dankbar, die ihnen, nicht zu 1/4 oder 1/2 %, sondern zu
5% pumpt. Vgl. 1848, Darlehnskassen pp. Der Staat und jede große
zentralisierte Staatsbank kann aber, solange sie ihre Zweigbanken
nicht bis in die kleinsten Nester organisiert und ihren Beamten
lange kommerzielle Praxis gegeben hat, nur dem großen Commerce
pumpen - sie pumpte sonst ins Blaue hinein. Und der kleine Com-
merce kann seine Waren ihr nicht verpfänden wie der große. Donc
5*), 1. Resultat jeder Herabsetzung des Zinses für die Regie-
rungsvorschüsse = Vergrößerung des Profits der großen Commerçants
und allgemeine Hebung dieser Klasse.
Der kleine Commerce würde nach wie vor gezwungen sein, sich an
Zwischenhändler zu wenden, denen die Regierung zu 1/2 % vor-
schösse, damit sie zu 5-10% wieder ausleihen könnten. Das ist un-
vermeidlich - der kleine Commerce bietet keine Garantie, kann
kein Pfand stellen. Also auch nach dieser Seite Hebung der großen
Bourgeoisie - indirekte Herstellung einer großen Wucherklasse,
Bankiers auf untergeordneter Stufe.
Die ganze ewige Dringerei der Sozialisten und Proudhons auf Her-
absetzung des Zinses ist meiner Ansicht nach ein verklärter from-
mer Bourgeois- und Kleinbürgerwunsch. Solange Zins und Profit in
umgekehrtem Verhältnis stehn, solange kann sie nur zur Steigerung
des Profits führen. Und solange es unsolide, garantielose und
grade deswegen erst recht geldbedürftige Leute gibt, solange kann
die Staatspumperei die Privatpumperei nicht aufheben, also nicht
den Zinsfuß herabsetzen für alle Transaktionen. Der Staat, der zu
pumpt, würde gradeso dastehn gegenüber dem Wucherer, den er mit
Geld versorgt, wie die französische Regierung von 1795, die 500
Mill. Steuern in Assignaten einnahm und sie für 3 Mill, wieder
ausgab und bloß um ihren "Kredit", der schon klatsch war, zu er-
halten,
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4*) (hier:) des Papiergeldes - 5*) Also
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die Assignaten in den Steuerzahlungen für voll, für das 200fache
ihres wirklichen Werts annahm - wie diese Regierung gegenüber den
Güterspekulanten und Agioteurs von damals.
Proudhon ist zu naiv. Der crédit personnel trouve oder doit trou-
ver son exercice dans les compagnies ouvrières 6*). D.h. das Di-
lemma entweder der Direktion und schließlich Administration und
Reglementierung dieser Kompanien durch den Staat, was Pr[oudhon]
doch nicht will, oder die Organisation des famosesten Assoziati-
onsschwindels, des Schwindels von 1825 und 1845, reproduziert auf
der Stufe des Proletariats, Lumpenproletariats und Kleinbürger-
tums.
Die allmähliche Herabsetzung des Zinsfußes durch kommerzielle und
Zwangsmaßregeln so zur Hauptsache machen zu wollen, daß durch
Verwandlung der Zinszahlung in Rückzahlung alle Schulden pp. li-
quidiert und alles reelle Vermögen in den Händen des Staats oder
der Kommunen zentralisiert wird, scheint mir vollständig imprak-
tikabel 1. aus den angeführten Gründen; 2. weil es viel zu lange
dauert; 3. weil das einzige Resultat, bei fortdauerndem Kredit
des Staatspapiers, die Verschuldung des Landes an Ausländer wer-
den müßte, da alles rückgezahlte Geld ins Ausland wandern würde;
4. weil es, selbst die Möglichkeit der Sache im Prinzip zugege-
ben, Unsinn wäre, zu glauben, Frankreich, la République, könne
dies gegen England und Amerika durchführen; 5. weil der auswär-
tige Krieg und die pressure of the moment 7*) im allgemeinen dgl.
systematische langsame, auf 20 bis 30 Jahre verteilte Maßregeln
und vollends Geldzahlungen rein unsinnig macht.
Praktisch scheint mir die Geschichte nur die Bedeutung zu haben,
daß man in einem gewissen Moment der revolutionären Entwicklung,
mit Hülfe einer Monopol-Staatsbank, allerdings dahin kommen kann,
zu dekretieren: Art. 1: der Zins ist aufgehoben oder auf be-
schränkt; Art. 2: die Zinsraten werden wie bisher fortbezahlt und
gelten als Rückzahlung; Art. 3: der Staat hat das Recht, alle
Immobilien pp. zum kuranten Taxwert zu kaufen und mit 5% in 20
Jahren abzuzahlen. Dergleichen k a n n vielleicht als direkter
letzter Vorläufer der unverhohlenen Konfiskation einmal brauchbar
werden; aber das ist reine Spekulation, darüber zu grübeln, wann,
wie und wo.
Jedenfalls ist dies Pr[oudhon]sche Buch, wie es scheint, viel ir-
discher als seine früheren - auch die Constitution de la valeur
8*) nimmt eine fleischlichere Gestalt an: die des juste prix des
boutiquiers. Quatre francs, Monsieur,
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6*) persönliche Kredit wird oder soll Anwendung finden in den Ar-
beitergesellschaften - 7*) der augenblickliche Druck - 8*) Kon-
stituierung des Wertes
#311# 108 - Engels an Marx - um den 11. August 1851
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c'est le plus juste prix! 9*) Was die Aufhebung der Douane und
die des Zinses miteinander zu tun haben, ist nicht klar. Daß
Pr[oudhon] seit 1847 den Übergang von Hegel zu Stirner so voll-
ständig gemacht hat, ist auch ein Fortschritt. Sage noch, daß er
die deutsche Philosophie nicht versteht, wenn er sie bis auf die
letzte Verfaulungsphase an seinem Kadaver durchmacht! Schreib
bald und sag, was Du von obigem hältst.
Dein F. E.
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9*) gerechten Preises des Krämers. Vier Franken, mein Herr, das
ist der gerechteste Preis!
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