Quelle: MEW 27 Briefe Februar 1842 bis Dezember 1851


       zurück

       #32# 7 - Engels an Marx - 19. August 1846
       -----
       7
       
       Engels an Marx
       in Brüssel
       
       Cercle Valois, Palais Royal,
       [Paris] 19. August 1846
       Lieber Marx,
       Samstag abend  nach einer strapaziösen Reise und viel Langerweile
       hier endlich  angekommen. [30]  Ew[erbeck] gleich  getroffen. Der
       Junge ist  sehr fidel,  vollständig traktabel,  empfänglicher wie
       je, kurz,  ich hoffe mit ihm in allen Dingen - mit einiger Geduld
       - ganz  gut herumzukommen.  Von Jammer  über Parteistreitigkeiten
       ist keine Rede mehr - aus dem einfachen Grunde, weil er selbst in
       die Notwendigkeit  versetzt ist,  hier einige  Weitlingianer  1*)
       herauszubugsieren. Was er mit Grün eigentlich gehabt hat, wodurch
       der Bruch mit ihm eintrat, darüber ist bis jetzt wenig verlautet;
       gewiß ist,  daß ihn  Grün durch  ein abwechselnd kriechendes, ab-
       wechselnd hochfahrendes  Betragen in einer gewissen respektvollen
       Zuneigung erhielt. Ew[erbeck] ist über Heß vollständig im klaren,
       il n'a  pas la  moindre sympathie pour cet homme-là 2*). Er hatte
       ohnehin noch so einen alten Privathaß gegen ihn von der Zeit her,
       da sie zusammenwohnten. Wegen der Westfalen [31] habe ich ihn ge-
       hörig gerüffelt.  Weyd[emeyer], dieser  Lump, hatte einen westfä-
       lisch tränenvollen  Brief an B[ernay]s geschrieben, worin die Ed-
       len M[eyer]  und R[empel]  als Märtyrer  der guten  Sache  darge-
       stellt, die  gern ihr Alles geopfert, die wir aber mit Verachtung
       zurückgestoßen hätten usw.; und die beiden leichtgläubigen Germa-
       nen, Ew[erbeck]  und B[ernay]s, setzen sich zusammen hin, jammern
       über unsre  Hartherzigkeit und  Krakeelerei und glauben dem Leut-
       nant aufs  Wort. Man  hält dergleichen  Aberglauben kaum für mög-
       lich. -  Grün hat  die Arbeiter  um ca. 300 fr. beschissen, unter
       dem Vorwande, eine Broschüre von - 1 1/2 Bogen in der Schweiz da-
       für drucken  zu lassen  3*). [32]  Jetzt kommen  die Gelder dafür
       ein, aber  die Arbeiter  erhalten keinen Heller davon. Sie fangen
       jetzt an,  ihm deswegen  auf die  Kneipe zu  steigen.  Ew[erbeck]
       sieht jetzt ein, was er für Unsinn
       -----
       1*) Siehe vorl.  Band, S.  36 -  2*) er hat  für diesen  Menschen
       nicht die geringste Sympathie - 3*) siehe vorl. Band, S. 38
       
       #33# 7 - Engels an Marx - 19. August 1846
       -----
       gemacht hat,  diesen Gr[ün]  unter die  Handwerker zu bringen. Er
       fürchtet jetzt eine öffentliche Anklage Grüns vor diesen, weil er
       ihn für  kapabel hält,  alles der Polizei zu denunzieren. Was der
       Kerl, der  E[werbeck], aber  leichtgläubig ist! Der pfiffige Grün
       hatte dem  Ew[erbeck]  s e l b s t  alle seine Lumpereien erzählt
       - aber  natürlich als  reine Heldentaten des Dévouements 4*), und
       Ew[erbeck] glaubt  ihm das  alles aufs  Wort.  Von  den  früheren
       Schweinereien dieses Kerls wußte er so nichts, als was der Delin-
       quent selbst darüber zu erzählen für gut befunden. Ew[erbeck] hat
       übrigens den Proudhon vor Gr[ün] gewarnt. Gr[ün] ist wieder hier,
       wohnt hinten auf dem Ménilmontant und schmiert die scheußlichsten
       Artikel in die "Trier'sche". Maurer hat dem Cabet die bezüglichen
       Stellen aus dem Grünschen Buche [33] übersetzt, Du kannst Dir Ca-
       bets Wut denken. Auch beim "National" ist er außer allem Kredit.
       Bei Cabet war ich. Der alte Knabe war recht kordial, ich ging auf
       all seinen Kram ein, erzählte ihm von Gott und dem Teufel pp. Ich
       werde öfter  hingehen. Aber mit der Korrespondenz [34] müssen wir
       ihm vom  Halse bleiben. Er hat erstens genug zu tun und ist zwei-
       tens zu  mißtrauisch. Il  y verrait un piège 5*), um seinen Namen
       zu mißbrauchen.
       Ich habe  in den  "Epigonen" "Das  Wesen der  Religion" von  Feu-
       erb[ach] etwas  durchgeblättert.  Abgesehen  von  einigen  netten
       Aperçus ist  das Ding  ganz im alten Stiefel. Anfangs, wo er sich
       rein auf  die Naturreligion  beschränkt, ist  er schon gezwungen,
       sich mehr  auf empirischem Boden zu verhalten, aber später wird's
       kunterbunt. Wieder  lauter Wesen,  Mensch pp.  Ich werde es genau
       lesen und  Dir in  kürzester Frist die Hauptstellen, wenn sie in-
       teressant sind, exzerpieren, damit Du es für den Feuerb[ach] [35]
       noch gebrauchen  kannst. Einstweilen  nur zwei Sätze. Das Ganze -
       ca. 60  Seiten -beginnt  mit folgender vom menschlichen Wesen un-
       terschiedenen Definition der Natur:
       
       "Das vom  menschlichen Wesen  o d e r  G o t t  (!!), dessen Dar-
       stellung das  'Wesen des Christentums' ist, unterschiedne und un-
       abhängige Wesen"  (1), "das  Wesen   o h n e  menschliches Wesen"
       (2), "menschliche  Eigenschaften " (3), "menschliche Individuali-
       tät" (4),   "i s t   in  Wahrheit nichts  andres als  - die  N a-
       t u r."
       Dies ist  doch das  Meisterstück einer mit Donnerton ausposaunten
       Tautologie. Dazu  kommt aber  noch, daß  er das religiöse, vorge-
       stellte  P h a n t o m  der Natur in diesem Satz vollständig hin-
       ten und  vorn mit  der wirklichen Natur identifiziert. Comme tou-
       jours. 6*) - Ferner, etwas weiter.
       -----
       4*) der Aufopferung  - 5*) Er  würde darin  eine  Falle  sehen  -
       6*) Wie immer.
       
       #34# 7 - Engels an Marx - 19. August 1846
       -----
       "Religion ist  die Beherzigung  und Bekennung dessen, was ich bin
       (!)... Die  Abhängigkeit von  der Natur sich zum Bewußtsein erhe-
       ben, sie  sich vorstellen,  beherzigen, bekennen,  heißt  s i c h
       z u r  R e l i g i o n  e r h e b e n."
       Der Minister  Dumon wurde dieser Tage im Hemde bei der Frau eines
       Präsidenten ertappt.  Der "Corsaire-Satan"  erzählt: Eine  Darne,
       die bei  Guizot suppliziert  hatte, sagte,  - es ist schade - daß
       ein so ausgezeichneter Mann wie Guizot, est toujours si sévère et
       boutonné jusqu'au cou 7*). Die Frau eines employé der travaux pu-
       blics 8*)  sagt: On  ne peut pas dire cela de M. Dumon, on trouve
       généralement qu'il  est un  peu trop déboutonné pour un ministre.
       9*)
       Quelques heures  après 10*)  , nachdem  ich dem Weillchen 11*) zu
       Gefallen umsonst  ins Café  Cardinal geloffen - das Weillchen ist
       etwas knurrig,  weil ihm  die "Démocratie  pacifique"  seine  Ho-
       norare, ca. 1000 fr., nicht zahlt, es scheint eine Art great cri-
       sis and  stopping of  cash payments  12*) bei  ihr eingetreten zu
       sein, und  Weillchen ist  zu sehr Jude, um sich mit Banknoten auf
       das erste  Phalanstère der Zukunft abfertigen zu lassen. Übrigens
       werden  die  Herren  Fourieristen  alle  Tage  langweiliger.  Die
       "Phalange" enthält  nichts als  Unsinn. Die Mitteilungen aus Fou-
       riers Nachlaß beschränken sich alle auf das mouvement aromal 13*)
       und die Begattung der Planeten, die plus ou moins 14*) von hinten
       zu geschehen  scheint. Aus  der Begattung  des Saturn  und Uranus
       entstehen die  Mistkäfer, welche jedenfalls die Fourieristen sel-
       ber sind,  - der  Hauptmistkäfer aber  ist der Herr Hugh Doherty,
       der Irländer, der eigentlich noch nicht einmal Mistkäfer, sondern
       erst Mistengerling,  Mistlarve ist  - das  arme Tier  wälzt  sich
       schon zum  zehnten Male (1Ome article 15*)) in der question reli-
       gieuse [36] herum und hat noch immer nicht heraus, wie er mit An-
       stand sein exit 16*) machen kann.
       Bernays hab'  ich noch  nicht gesehen.  Wie Ew[erbeck] aber sagt,
       ist es  so gar arg mit ihm nicht und sein größtes Leiden die Lan-
       geweile. Der  Mann soll  sehr robust  und gesund  geworden  sein,
       seine Hauptbeschäftigung, die Gärtnerei, scheint in Beziehung auf
       seinen Kadaverzustand  den Sieg  über seinen Kummer davongetragen
       zu haben.  Auch hält er, dit-on 17*), die Ziegen bei den Hörnern,
       wenn seine  - ?  Gattin? -, die nur zwischen zwei Fragezeichen zu
       denken ist,  sie melkt.  Der arme Teufel fühlt sich in seiner Um-
       gebung natürlich  unbehaglich, er sieht außer Ewerb[eck], der wö-
       chentlich
       -----
       7*) immer  so   streng  und   bis  zum  Halse  zugeknöpft  ist  -
       8*) Beamten der  öffentlichen Arbeiten  - 9*) Man  kann  das  von
       Herrn Dumon  nicht sagen,  man findet allgemein, daß er für einen
       Minister etwas zu aufgeknöpft ist. - 10*) Einige Stunden später -
       11*) Alexander Weill  - 12*) große Krise und Einstellung der Bar-
       zahlungen -  13*) die aromatische  Bewegung -  14*) mehr oder we-
       niger - 15*) zehnter Artikel - 16*) seinen Abgang - 17*) sagt man
       
       #35# 7 - Engels an Marx - 19. August 1846
       -----
       hinauskommt, keine  Seele, läuft  in einer Bauerjacke herum, geht
       nie aus  dem Sarcelles,  das das  elendeste Dorf der Welt ist und
       nicht einmal ein cabaret hat, heraus, kurz, er ennuyiert sich zum
       Sterben. Wir müssen sehen, daß wir ihn wieder nach Paris kriegen,
       dann ist er in 4 Wochen wieder der alte. Da der Börnstein in sei-
       ner Qualität als Mouchard nicht wissen soll, daß ich hier bin, so
       haben wir  dem B[ernay]s  erst geschrieben wegen eines Rendezvous
       in Montmorency  oder sonst in der Nähe, nachher schleifen wir ihn
       nach Paris  und wenden  ein paar Franken dran, ihn einmal tüchtig
       aufzuheitern. Dann  wird er schon anders werden. Übrigens laß ihn
       nicht merken, daß ich Dir so über ihn geschrieben habe, in seiner
       überspannten romantischen Stimmung könnte der gute Junge sich mo-
       ralisch verletzt fühlen.
       Das Schönste  ist, in dem Haus in Sarcelles sind 2 Weiber, 2 Män-
       ner, mehrere  Kinder, worunter ein zweifelhaftes, und trotz alle-
       dem on  n'y tire  pas un coup 18*). Nicht einmal Knabenschänderei
       wird darin getrieben. C'est un roman allemand. 19*)
       Madame Heß  cherche un  mari. Elle se fiche de Heß. S'il se trou-
       verait quelque  chose de  convenable, s'adresser  à Madame Gsell,
       Faubourg St.  Antoine. 20*)  Eile ist nicht nötig, da die Konkur-
       renz nicht groß ist. Antworte bald.
       Dein E.
       Adresse: 11, rue de l'arbre sec.
       
       Es  versteht  sich,  daß,  was  ich  Dir  hier  und  später  über
       Ew[erbeck], B[ernay]s  und andre Bekannte schreibe, strikt konfi-
       dentiell ist.
       Ich frankiere  nicht, da  ich knapp  bei Gelde bin und vor dem 1.
       Oktober nichts  zu erwarten habe. An selbigem Tage werde ich aber
       einen Wechsel  schicken, um meinen Anteil an den Portoauslagen zu
       decken.
       -----
       18*) ist da  nichts los  - 19*) Das  ist ein  deutscher Roman.  -
       20*) Frau Heß  sucht einen  Gatten. Sie  hat den  Heß satt. Falls
       sich etwas  Passendes findet,  wende man sich an Frau Gsell, Fau-
       bourg St. Antoine.

       zurück