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#320# 112 - Marx an Engels - 25. August 1851
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112
Marx an Engels
in Manchester
[London] 25. August 1851
28, Dean Street, Soho
Lieber Engels!
D'abord mes remercîments pour ton article. 1*) Trotz allem Bösen,
was Du ihm nachgesagt hast, war er famos und ist unverändert nach
New York gesegelt. Du hast ganz den Ton für die "Tribune" getrof-
fen. Sobald wir ihre erste Nummer erhalten, schicke ich sie Dir
zu und von da an regelmäßig.
Maintenant 2*) habe ich eine ganze Ladung Emigrationsmist an Dich
zu expedieren, und wenn Du einen farmer in der Umgegend kennst,
der den Guano dieser saubren Vögel zum Dünger braucht, so kannst
Du ein Geschäft machen.
Also, wie Dir schon bekannt, am Freitag, 8. August, fand die er-
ste o f f i z i e l l e Versammlung der verbrüderten Emigration
statt, worin bes. leuchteten: D e r "Damm", der präsidierte;
Schurz Sekretär, Goegg, zwei Sigel 3*), Fickler, Tausenau, Franck
(der Östreicher Biedermann), Willich, Borkheim, Schimmelpfennig,
Johannes Ronge, Meyen, Graf Reichenbach, Oppenheim, Bauer-Stolpe
4*), der Hanebuch Lüders, Haug, A. Ruge, Techow, Schmölze (bay-
rischer Lieutenant), Petzler, Böhler, Gehrke, Schärttner, Göhrin-
ger usw., Kinkel und Strodtmann natürlich nicht zu vergessen.
Also die Hauptcliquen: 1. Ruge-Fickler, 2. Kinkel, 3. Tausenau.
Die andern independenten literarischen Bummler und Vereinbarer
[266] dazwischen. Der eigentliche Knotenpunkt, um den es sich bei
dieser großen Haupt- und Staatsaktion handelte, folgender: Ruge-
Fickler-Tausenau-Goegg-Sigel-Haug etc. wollten die Erwählung
eines offiziellen Komitees, teils zur Denunziation der Missetaten
der Reaktion, teils zur Repräsentation der Emigration, teils zur
"Aktion"-Agitation Teutschland gegenüber. Der Idiot Ruge hatte
dabei noch den Haken, daß er Ledru-Mazzini gegenüber als
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1*) Zunächst meinen Dank für Deinen Artikel. ("Revolution und
Konterrevolution in Deutschland" : 1. Artikel) - 2*) Jetzt -
3*) Albert und Franz Sigel - 4*) Ludwig (Louis)
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bevollmächtigt anerkannt und außer seinem Namen nun auch wirklich
das Korpus der teutschen Flüchtlingsschaft als Armee ihnen zu Ge-
bot stellen könne. Herr Kinkel (mit ihm, außer seinem Retter
Schurz und seinem Biographen Furz 5*), bes. Willich, Techow,
Schmölze, Schimmelpfennig) dagegen wollte kein öffentliches In-
stitut der Art, teils um seine Stellung der Bourgeoisie hier zu
London gegenüber nicht zu gefährden - denn die Gülden sind maßge-
bend -, teils um den Ruge nicht mehr oder minder dem Mazzini-Le-
dru gegenüber anerkennen zu müssen. - Von vornherein war die Cli-
que Ruge-Fickler entrüstet, als sie den Versammlungssaal über die
Gebühr voll sah. Man war in geheimer Sitzung übereingekommen, nur
die Notabilitäten zu berufen. Die Clique Kinkel aber hatte le
menu peuple 6*) mitgebracht, um sich die Stimmenzahl zu sichern.
Die Sitzung wurde eröffnet mit dem Vorlesen des Schmierartikels
der "Lithographischen] C[orrespondenz] " durch General Haug, der
gleichzeitig erklärte, es müßten Spione in der Gesellschaft sein,
das Aktenstück könne mißbraucht werden etc. Willich unterstützte
dies mit damals noch ungebrochnem Pathos und forderte die Verbre-
cher auf, sich lieber zu nennen. Erhob sich darauf Bauer-Stolpe
(den ich übrigens für einen regulären Spion halte) und erklärte,
er begreife Willichs tugendhaftes Entsetzen nicht, da er in der
ersten vorbereitenden Sitzung Herrn Scheidler als Redakteur der
"Lithographischen] C[orrespondenz]" ohne Widerspruch eingeführt
habe. - Diesen Inzident erledigt, stellte Tausenau unter vielem
pathetischgemütlichem Ächzen und Krächzen, er glaubte sich vor
einem Wiener Publikum zu befinden, seinen Antrag auf die Kommis-
sionsernennung. Herr Meyen antwortete ihm, daß er keine Taten
wolle, aber freiwillige Vorträge. Melden sich abgekarteterweise
sofort Kinkel für Amerika und seine Zukunft, Oppenheim für Eng-
land, Schurz für Frankreich, Meyen für Preußen. Tausenaus Antrag
fällt mit Glanz durch, und er erklärt gerührt, daß er trotz sei-
nes Durchfallens seinen gerechten Zorn auf dem Altar des Vater-
landes opfern und im Schöße der Verbrüderten bleiben werde. -
Aber sofort nahm die Clique Fickler-Ruge die drohende und ge-
reizte Haltung geprellter schöner Seelen an.
Am Schluß der Sitzung kommt Kinkel auf Schabelitz zu (der hier
durchaus als unser Agent tätig war und als ein sehr nützlicher
Agent, da er das Vertrauen sämtlicher Biedermänner besaß), er-
klärt ihn für einen braven Demokraten, erklärt die "Basler Natio-
nal-Zeitung" für ein ausgezeichnetes demokratisches Blatt und er-
kundigt sich u.a. nach den Finanzen desselben.
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5*) Strodtmann - 6*) die kleinen Leute
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Schabelitz: Schlecht. Kinkel: Aber tun die Arbeiter denn nichts?
Schabelitz: Alles, was wir von ihnen verlangen, sie lesen das
Blatt. Kinkel: Die Arbeiter müßten mehr tun. Sie unterstützen
auch uns nicht, wie sie sollten. Und Sie wissen, wir tun doch so
viel für die Arbeiter. Wir tun alles, um sie zu "respektablen",
Sie verstehn mich wohl, um sie zu "ehrbaren Bürgern" zu machen.
En voilà une bonne. 7*)
Die Sitzung der Vereinbarer vom 15ten war wenig besucht und, wie
die Engländer sagen, indifferent.
Unterdessen hatten sich große" Dinge ereignet - am 17. -, und der
wahre Verlauf der Sache verlief sich, wie unser großer A. Ruge
sagen würde, wie folgt:
Herr Kinkel berief Willich, Techow, Goegg, Sigel und noch einige
zu sich und eröffnete ihnen, daß er 160 £ St. durch Fischer aus
New Orleans erhalten und beauftragt sei, diese Gelder zu verwen-
den unter Zuziehung der obenbenannten Männer und des Herrn "Fr.
Engels". Statt des letztem hatte er Fickler eingeladen, der aber
erklärt hatte, er habe mit den "Lumpen" nichts zu schaffen. Herr
Kinkel war gezwungen, den Brief vorzuzeigen, und da zeigte sich
denn, daß diese Gelder sich schon seit 3 Wochen anonym und inko-
gnito in seiner Wohnung befanden, unschlüssig, ob sie ihr großes
Herz der profanen Welt erschließen sollten oder nicht. Obgleich
Kinkel mit Engelszungen sprach, so half das nichts. Die Clique
Fickler sah ein, daß die Clique Kinkel bedeutend im stillen an-
gelt und die Gesamtemigrations-Klatschkrise nur benutzen würde,
um die Goldfische unter der Hand zu ködern. Und so hatte der
große Heinzen umsonst so liebeschmachtend und so redebieder mit
den in New Orleans gesammelten Pfunden geäugelt! Goegg und Sigel
verließen das Konklave. Es fand eine Separatsitzung der Clique
Fickler-Ruge-Tausenau statt. - Die Süddeutschen hatten nämlich
unter der Hand gefunden, daß A. Ruge ein Imbécil 8*) ist. Sie
brauchen ihn, weil er der Kanal zu Ledru-Mazzini ist und diese
Protektion den Süddeutschen sehr wichtig ist. Tausenau scheint
ihnen den Star gestochen zu haben, und er ist jetzt neben Fickler
ihr eigentlicher Leader 9*). Tausenau ist überhaupt ein mit
kleinjüdischer Kalkulationsgabe ausgestatteter, diplomatisieren-
der und sehr klugtuender Intrigant, der an das Herannahn der Re-
volution glaubt. Daher er jetzt in diesem Bunde. - Ruge in tiefem
Grimme über die verlornen 160 £ St. eröffnete nun den Freunden,
daß vor mehr als 12 Monaten Willich-Kinkel den Schimmelpfennig zu
Mazzini geschickt, ihn als Emissär vorgestellt und zu einer Agi-
tationsreise nach Deutschland
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7*) Eine schöne Geschichte ist das. - 8*) Schwachkopf - 9*) Füh-
rer
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um Geld angegangen hatten. Mazzini gab ihm 1000 fcs. bar und 5000
fcs. in seinen italienischen Scheinen, unter der Bedingung, nach
12 Monaten ihm die 1000 fcs. und 2/3 der untergebrachten italie-
nischen Scheine zurückzuerstatten. Davon reiste Schimmelpfennig
durch Frankreich und Deutschland. Die 12 Monate waren vergangen,
aber Kinkel-Schimmelpfennig, die 1000 fcs. und die italienischen
Scheine ließen nichts mehr von sich hören. Jetzt, nachdem das
Geld aus New Orleans angekommen, hatte Kinkel seine Abgesandten
an Mazzini wieder geschickt, nicht um zu zahlen, sondern um zu
renommieren und in eine Allianz mit ihm zu treten. Mazzini war zu
delikat, sie an ihre Schuld zu mahnen, erklärte ihnen aber, er
habe seine Verbindungen in Deutschland, könne daher keine neuen
eingehn. Die Herren hatten sich auch, erzählte A. Ruge weiter, zu
Ledru-Rollin begeben. Hier aber war Ruge zuvorgekommen, und da
Ledru-Rollin sich schon als Präsidenten der französischen Repu-
blik betrachtet und entschlossen ist, sofort den Krieg nach außen
zu führen, ihm Sigel als Obergeneral der teutschen Revolutionsar-
mee vorgestellt, mit dem L[edru]-Rollin sich dann auch in strate-
gische Gespräche eingelassen. Hier fuhr also Kinkel-Willich aber-
mals ab. - Nach diesen Enthüllungen Ruges lag also die Verworfen-
heit der Clique K[inkel]-W[illich] offen vor den Augen der betör-
ten schönen Seelen. Nun mußte eine Tat vollbracht werden, und
welche andre Taten kennt Ruge als neue Kombinationen und Permuta-
tionen seines verschimmelten alten Zentralkomitees? Es wurde also
die Bildung eines A g i t a t i o n s k l u b s beschlossen,
der kein diskutierender, sondern "w e s e n t l i c h a r-
b e i t e n d e r" sein, nicht words 10*), sondern works 11*)
liefern und vor allem die Gesinnungsgenossen auffordern solle,
Geldbeiträge zu liefern. Zusammensetzung: Fickler, Tausenau,
Franck, Goegg, Sigel, Hertie, J. Ronge, Haug, Ruge. Du erkennst
sofort die Umformation Ruge-Ronge-Haug. Aber bei näherer Ansicht
zeigt sich, daß der wesentliche Bestandteil des Klubs 1. die
westsüddeutschen Biedermänner Fickler, Goegg, Sigel, Hertie, 2.
die ostsüddeutschen Tausenau, Haug und Franck sind, daß der Klub
also wesentlich als s ü d d e u t s c h e r sich den "Preußen"
gegenüber gebildet hat und Ruge nur die Nabelschnur ist, die die
Verbindung mit dem europäischen Zentralkomitee [159] auf-
rechterhält. Auch nennen sie jetzt die andern Vereine schlecht-
weg: "Die Preußen". Dieser Agitationsklub ernannte Tausenau zu
seiner Exekutivgewalt und gleichzeitig zu seinem Minister des
Auswärtigen. Es war dies also eine v o l l s t ä n d i g e
A b s e t z u n g des Zentral-Ruge. Um ihm aber die Pille zu
versüßen, wurde ihm als douceur 12*) gegeben die Anerkennung,
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10*) Worte - 11*) Taten - 12*) Liebesgabe
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daß man seine Stellung beim Zentralkomitee anerkennt, seine bis-
herige Tätigkeit und seine Vertretung des teutschen Volks im
Sinne des teutschen Volks. Dieses testimonium paupertatis 13*)
wirst Du gedruckt gelesen haben in der in fast alle englische
Blätter gebrachten Notiz, worin der Agitationsverein seine Geburt
dem europäischen Publikum allerergebenst anzeigt und um gute
Kundschaft bittet. Selbst diese douceur wurde dem unglücklichen
Ruge verbittert, indem die Bauer-Fickler die unerträgliche con-
ditio sine qua non 14*) stellten, daß Ruge aufhöre, "sein dummes
Zeug in die Welt zu schreiben".
Ehe ich weiter erzähle, muß ich bemerken, daß in dem gesamtdemo-
kratischen Verein wir o h n e W i s s e n d e r a n d e r n
durch einen zu unserm Bunde [83], aus Köln geflüchteten Arbeiter
namens Ulmer vertreten sind, ein Mensch, der bei uns sehr ruhig
und schweigsam ist und von dem wir nie geglaubt hätten, daß er
die Gesamtdemokratie im Schach halten würde. Aber indignatio fa-
cit poetam 15*), und der stille Ulmer hat, wie er mir sagt, das
"Genie", daß er leicht wütend wird, am ganzen Körper zittert und
dann wie ein Berserker losfährt. Trotz seiner schmächtigen
Schneiderfigur hat er zudem als bester Turner von Mainz ein be-
deutendes Bewußtsein physischer Kraft und Gewandtheit. Außerdem
den Kommunistenstolz der Unfehlbarkeit.
Am 22. August fand also die 3. Sitzung statt. Versammlung sehr
zahlreich, da großer Skandal von wegen des hochverräterischen
Agitationsvereins zu erwarten stand. Präsident: Meyen. Auch zuge-
gen: R. Schramm und Bucher. Die Clique Kinkel stellte den Antrag
auf Bildung eines Flüchtlingskomitees. Nämlich Herr Kinkel will
doch nicht als öffentlicher Mann von der Bühne treten. Er will
auch nicht sich bei den ästhetisch-liberalen Bürgern Englands
kompromittieren. Ein Flüchtlingskomitee ist politisch-philan-
thropisch, stellt außerdem Geldmittel zur Verfügung, vereinigt
also alle wünschenswerten Bedingungen. Dagegen wurde von einem
gewissen Hollinger und von Ulmer der Antrag gestellt, das
Flüchtlingskomitee in einer allgemeinen Generalversammlung der
Flüchtlinge zu wählen, worauf die Kinkel-Clique immer hinwies auf
die Gefahr des Skandals, den die Leute hinter dem Rücken der Ver-
sammlung (nämlich wir Anonymi) machen würden. Aber sie hatten
auch Feinde vor sich. Von dem Agitationsklub waren nur zugegen
Goegg, Sigel und sein Bruder. Goegg wurde in das Flüchtlingskomi-
tee gewählt. Dies gab eine Gelegenheit, 1. den Austritt
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13*) Armutszeugnis - 14*) unerläßliche Bedingung - 15*) der Zorn
macht den Poeten (Juvenal: Satira I)
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Tausenaus zu erklären, 2. die Erklärung des Agitationsvereins ab-
zulehnen, 3. schließlich nach Verlauf der Debatte ihren Gesamt-
austritt anzuzeigen. Großer Sturm. T e c h o w u n d
S c h r a m m h u n z t e n d e n A. R u g e s c h r e c k-
l i c h ab. Es wurde überhaupt sehr g e s c h i m p f t. Goegg
antwortete den andern überlegen, griff den zweideutigen Kinkel
bitter an, der nur seine Trabanten antworten ließ, sich als
Großmogul den Bart strich und durch den stets um ihn wedelnden
Schurz Zettel schrieb, die er, wie die Vereinbarer in Berlin,
unter seinen Getreuen zirkulieren ließ und nach der Zirkulation
sein Schlußvotum niederschrieb. Nur als Goegg sagte, daß der
Agitationsverein seine Erklärung in den englischen Blättern
publizieren werde, antwortete K i n k e l m a j e s t ä-
t i s c h, d a ß e r j e t z t s c h o n d i e g a n z e
a m e r i k a n i s c h e P r e s s e b e h e r r s c h e
u n d d a ß s c h o n d i e A n s t a l t e n g e t r o f-
f e n s e i e n, i n k ü r z e s t e r F r i s t a u c h
d i e f r a n z ö s i s c h e P r e s s e s e i n e r
H e r r s c h a f t z u u n t e r w e r f e n.
Außer diesem skandalschwangren Thema liefen noch andre durch, die
im Schöße der verbrüderten Demokraten selbst den gewaltigsten
Sturm erregten, so daß es zu Faustdrohungen kam, furchtbarem To-
ben und Geschrei, bis um 2 Uhr Mitternacht der Wirt durch Auslö-
schen der Lampen die Vereinbarungslustigen in undurchdringliche
Nacht versenkte. Die zwei Pivots des Skandals Schramm und Ulmer.
Schramm nämlich in seiner Diatribe gegen Ruge machte gleichzeitig
seinem Grimm gegen die Kommunisten Luft, was vielen Anklang fand,
griff den Willich aufs gehässigste an und erklärte die Arbeiter
für feig. Ulmer antwortete hierauf; verlangte aber seinerseits
mit Hollinger - Freund von Sigel - Berufung einer allgemeinen
Flüchtlingsversammlung zur Wahl eines Unterstützungskomitees. Er
schuldigte Willich etc. direkt der Verschweigung und Verschwen-
dung der Flüchtlingsgelder an. Unaussprechlicher Tumult. Der Ka-
kerlak Dietz springt vor, erklärt, er sei Kassierer des Flücht-
lingskomitees [158] der Great Windmill Street [157], und verlangt
Widerruf. Ulmer erklärt, wenn die Herrn es verlangten, werde er
Beweise beibringen. Er widerrufe nichts. Willich in seiner be-
kannten Manier sucht ihn zu beschwichtigen und ladet ihn zu einer
Privatauseinandersetzung auf seinem Zimmer ein. Aber Cato Ulmer
bleibt unerschütterlich und sprach nicht ohne Anhang. Nebenbei
bemerkt, hatte Schimmelpfennig, hinter Ulmer sitzend, während der
Rede Goeggs fortwährend gegrunzt und Lärm gemacht, als auf einmal
Ulmer von seinem "Genie" ergriffen wird, sich mit ausgestreckter
Faust umwendet und dem Sch[immelpfennig] zubrüllt: "Wenn Sie,
elender Pfennigfuchser, nicht endlich das Maul halten, schmeiße
ich Sie zum Fenster hinaus. " Sch[immelpfennig] wurde blaß wie
Kreide, aber, mit seiner preußischen Offizierscourage zu Rat ge-
hend, entfernte er sich in den äußersten Winkel.
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Willich war [in] dieser denkwürdigen séance 16*) zu verschiednen
Malen und von allen Seiten, Goegg, Schramm, Hollinger, Ulmer
etc., so derb gepackt worden, daß er 6 mal erklärte, er müsse
austreten, wenn man seine würdige Persönlichkeit nicht außer
Spiel ließe.
Nun aber neues Element des Skandals, von uns eigens zubereitet.
Nämlich die Herrn, die "höhern Flüchtlinge", wie sie sich nennen,
hatten die "niedre Emigration" ganz außer acht gelassen. Dieser
"niedern Emigration", der es sehr schlecht geht, ließen wir durch
Ulmer, Rumpf, Liebknecht mit aufregender Zubereitung das Faktum
wissen, daß das Flüchtlingskomitee der Great Windmill Street 800
Gulden aus Württemberg erhalten und daß sie schönstens geprellt
werden. Gestern also, in der Sitzung des Great-Wind-mill-Street-
Komitee, praesidio Schapperi 17*), Skandalszene. Die Flüchtlinge
verlangen, die Briefe einzusehn, Rechnungen etc. Willich, der uns
gegenüber diese Ansprüche der Esel aufgebracht, erklärt ihnen
barsch, er und Co. seien nur der Arbeitergesellschaft [58] ver-
antwortlich. Einem Flüchtling, der ihm zu nah auf den Leib rückt,
sagt er, er solle fernbleiben, damit er ihm nicht Läuse zuführe.
Dieser nennt ihn einen "hohlen Strohkopf". Schapper wird um
Rechtfertigung seines Hippopotamusbauchs ersucht und "Schnapper"
angeredet. Willich ruft den Wirt und will einen der Flüchtlinge
herauswerfen lassen. Dieser sagt,er wolle gehn, wenn man einen
Policeman rufe. Die Herrn seien alle Spitzbuben. Dabei bleibt's.
Willich und Schapper erklären, unter diesen Umständen würden sie
abtreten.
Dieser "niedren Emigration" haben nun Rumpf und Ulmer erklärt,
nächsten Freitag kämen ihre Interessen vor in dem allgemeinen
Emigrationsverein. Sie werden sich sämtlich, mit Knüppeln bewaff-
net, dahin begeben, um ihre Ansprüche durchzusetzen. Ich habe sie
nun durch Ulmer wissen lassen, Kinkel habe 160 £ St. für sie er-
halten, die er wochenlang verheimlicht und die er nun mit Willich
zu teilen gedenke. Sie würden überhaupt - et c'est vrai 18*) -
nur als Firma benutzt, um die Finanzen dieser Staatsmänner auf
den Strumpf zu bringen. Ulmer wird der Redner sein, und da
Schramm usw. nichts von dieser Ovandoladung wissen, wird der
Skandal erbaulich werden von allen Seiten.
Du darfst erst einen - später aber notwendigen - Brief an Kinkel
schreiben, sobald ich Dir über die Freitagssitzung berichtet. Was
Du aber gleich tun mußt, ist, an Fischer nach New Orleans zu
schreiben, ihm den ganzen Dreck klarzumachen und ihn wissen zu
lassen, daß er nur noch unter der Firma "Freiligrath", die ganz
populär ist, Geld sammelt. Unsre Partei
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16*) Sitzung - 17*) unter Vorsitz Schappers - 18*) und das ist
wahr
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braucht es notwendig. Sie ist die einzig aktiv, die einzig direkt
mit Bundestag und Gott und Teufel im Kampf stehende, und es fehlt
uns alles Geld zur Agitation. Anderseits muß Geld geschafft wer-
den für unsre Eingekerkerten, die zum großen Teil durchaus ohne
Mittel sind. Diese 2 Gesichtspunkte scheinen mir leicht, dem Mann
klarzumachen. Wenn er kann, soll er übrigens die Sammlungen
g e h e i m machen, da unsre Wirksamkeit nur gestört wird durch
jeden Zeitungsklatsch.
Vale faveque. 19*)
Dein K. Marx
25. August
Bemerken muß ich noch, daß der orthodoxe Stier Schapper durchaus
nicht mit den "Ungläubigen" sich einläßt, vielmehr Willich er-
klärt hat, sie könnten ihm eher den Kopf einreißen, als daß er zu
"den Hunden" gehe.
Wenn manchmal jetzt meine Briefe um ein paar Tage ausbleiben, so
geschieht's, um vollständiger zu berichten.
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19*) Lebe wohl und bleib mir zugetan.
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