Quelle: MEW 27 Briefe Februar 1842 bis Dezember 1851


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       #320# 112 - Marx an Engels - 25. August 1851
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       112
       
       Marx an Engels
       in Manchester
       
       [London] 25. August 1851
       28, Dean Street, Soho
       Lieber Engels!
       D'abord mes remercîments pour ton article. 1*) Trotz allem Bösen,
       was Du ihm nachgesagt hast, war er famos und ist unverändert nach
       New York gesegelt. Du hast ganz den Ton für die "Tribune" getrof-
       fen. Sobald  wir ihre  erste Nummer erhalten, schicke ich sie Dir
       zu und von da an regelmäßig.
       Maintenant 2*) habe ich eine ganze Ladung Emigrationsmist an Dich
       zu expedieren,  und wenn  Du einen farmer in der Umgegend kennst,
       der den  Guano dieser saubren Vögel zum Dünger braucht, so kannst
       Du ein Geschäft machen.
       Also, wie  Dir schon bekannt, am Freitag, 8. August, fand die er-
       ste   o f f i z i e l l e Versammlung der verbrüderten Emigration
       statt, worin  bes. leuchteten:   D e r   "Damm", der präsidierte;
       Schurz Sekretär, Goegg, zwei Sigel 3*), Fickler, Tausenau, Franck
       (der Östreicher  Biedermann), Willich, Borkheim, Schimmelpfennig,
       Johannes Ronge,  Meyen, Graf Reichenbach, Oppenheim, Bauer-Stolpe
       4*), der  Hanebuch Lüders,  Haug, A. Ruge, Techow, Schmölze (bay-
       rischer Lieutenant), Petzler, Böhler, Gehrke, Schärttner, Göhrin-
       ger usw.,  Kinkel und  Strodtmann natürlich  nicht zu  vergessen.
       Also die  Hauptcliquen: 1.  Ruge-Fickler, 2. Kinkel, 3. Tausenau.
       Die andern  independenten literarischen  Bummler und  Vereinbarer
       [266] dazwischen. Der eigentliche Knotenpunkt, um den es sich bei
       dieser großen  Haupt- und Staatsaktion handelte, folgender: Ruge-
       Fickler-Tausenau-Goegg-Sigel-Haug  etc.   wollten  die  Erwählung
       eines offiziellen Komitees, teils zur Denunziation der Missetaten
       der Reaktion,  teils zur Repräsentation der Emigration, teils zur
       "Aktion"-Agitation Teutschland  gegenüber. Der  Idiot Ruge  hatte
       dabei noch den Haken, daß er Ledru-Mazzini gegenüber als
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       1*) Zunächst meinen  Dank für  Deinen Artikel.  ("Revolution  und
       Konterrevolution in  Deutschland" :  1. Artikel)  -  2*) Jetzt  -
       3*) Albert und Franz Sigel - 4*) Ludwig (Louis)
       
       #321# 112 - Marx an Engels - 25. August 1851
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       bevollmächtigt anerkannt und außer seinem Namen nun auch wirklich
       das Korpus der teutschen Flüchtlingsschaft als Armee ihnen zu Ge-
       bot stellen  könne. Herr  Kinkel (mit  ihm, außer  seinem  Retter
       Schurz und  seinem Biographen  Furz 5*),  bes.  Willich,  Techow,
       Schmölze, Schimmelpfennig)  dagegen wollte  kein öffentliches In-
       stitut der  Art, teils  um seine Stellung der Bourgeoisie hier zu
       London gegenüber nicht zu gefährden - denn die Gülden sind maßge-
       bend -,  teils um den Ruge nicht mehr oder minder dem Mazzini-Le-
       dru gegenüber anerkennen zu müssen. - Von vornherein war die Cli-
       que Ruge-Fickler entrüstet, als sie den Versammlungssaal über die
       Gebühr voll sah. Man war in geheimer Sitzung übereingekommen, nur
       die Notabilitäten  zu berufen.  Die Clique  Kinkel aber  hatte le
       menu peuple 6*) mitgebracht, um sich die Stimmenzahl zu sichern.
       Die Sitzung  wurde eröffnet  mit dem Vorlesen des Schmierartikels
       der "Lithographischen]  C[orrespondenz] " durch General Haug, der
       gleichzeitig erklärte, es müßten Spione in der Gesellschaft sein,
       das Aktenstück  könne mißbraucht werden etc. Willich unterstützte
       dies mit damals noch ungebrochnem Pathos und forderte die Verbre-
       cher auf,  sich lieber  zu nennen. Erhob sich darauf Bauer-Stolpe
       (den ich  übrigens für einen regulären Spion halte) und erklärte,
       er begreife  Willichs tugendhaftes  Entsetzen nicht, da er in der
       ersten vorbereitenden  Sitzung Herrn  Scheidler als Redakteur der
       "Lithographischen] C[orrespondenz]"  ohne Widerspruch  eingeführt
       habe. -  Diesen Inzident  erledigt, stellte Tausenau unter vielem
       pathetischgemütlichem Ächzen  und Krächzen,  er glaubte  sich vor
       einem Wiener  Publikum zu befinden, seinen Antrag auf die Kommis-
       sionsernennung. Herr  Meyen antwortete  ihm, daß  er keine  Taten
       wolle, aber  freiwillige Vorträge.  Melden sich abgekarteterweise
       sofort Kinkel  für Amerika  und seine Zukunft, Oppenheim für Eng-
       land, Schurz  für Frankreich, Meyen für Preußen. Tausenaus Antrag
       fällt mit  Glanz durch, und er erklärt gerührt, daß er trotz sei-
       nes Durchfallens  seinen gerechten  Zorn auf dem Altar des Vater-
       landes opfern  und im  Schöße der  Verbrüderten bleiben  werde. -
       Aber sofort  nahm die  Clique Fickler-Ruge  die drohende  und ge-
       reizte Haltung geprellter schöner Seelen an.
       Am Schluß  der Sitzung  kommt Kinkel  auf Schabelitz zu (der hier
       durchaus als  unser Agent  tätig war  und als ein sehr nützlicher
       Agent, da  er das  Vertrauen sämtlicher  Biedermänner besaß), er-
       klärt ihn für einen braven Demokraten, erklärt die "Basler Natio-
       nal-Zeitung" für ein ausgezeichnetes demokratisches Blatt und er-
       kundigt sich u.a. nach den Finanzen desselben.
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       5*) Strodtmann - 6*) die kleinen Leute
       
       #322# 112 - Marx an Engels - 25. August 1851
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       Schabelitz: Schlecht.  Kinkel: Aber tun die Arbeiter denn nichts?
       Schabelitz: Alles,  was wir  von ihnen  verlangen, sie  lesen das
       Blatt. Kinkel:  Die Arbeiter  müßten mehr  tun. Sie  unterstützen
       auch uns  nicht, wie sie sollten. Und Sie wissen, wir tun doch so
       viel für  die Arbeiter.  Wir tun alles, um sie zu "respektablen",
       Sie verstehn  mich wohl,  um sie zu "ehrbaren Bürgern" zu machen.
       En voilà une bonne. 7*)
       Die Sitzung  der Vereinbarer vom 15ten war wenig besucht und, wie
       die Engländer sagen, indifferent.
       Unterdessen hatten sich große" Dinge ereignet - am 17. -, und der
       wahre Verlauf  der Sache  verlief sich,  wie unser großer A. Ruge
       sagen würde, wie folgt:
       Herr Kinkel  berief Willich, Techow, Goegg, Sigel und noch einige
       zu sich  und eröffnete  ihnen, daß er 160 £ St. durch Fischer aus
       New Orleans  erhalten und beauftragt sei, diese Gelder zu verwen-
       den unter  Zuziehung der  obenbenannten Männer und des Herrn "Fr.
       Engels". Statt  des letztem hatte er Fickler eingeladen, der aber
       erklärt hatte,  er habe mit den "Lumpen" nichts zu schaffen. Herr
       Kinkel war  gezwungen, den  Brief vorzuzeigen, und da zeigte sich
       denn, daß  diese Gelder sich schon seit 3 Wochen anonym und inko-
       gnito in  seiner Wohnung befanden, unschlüssig, ob sie ihr großes
       Herz der  profanen Welt  erschließen sollten oder nicht. Obgleich
       Kinkel mit  Engelszungen sprach,  so half  das nichts. Die Clique
       Fickler sah  ein, daß  die Clique Kinkel bedeutend im stillen an-
       gelt und  die Gesamtemigrations-Klatschkrise  nur benutzen würde,
       um die  Goldfische unter  der Hand  zu ködern.  Und so  hatte der
       große Heinzen  umsonst so  liebeschmachtend und so redebieder mit
       den in  New Orleans gesammelten Pfunden geäugelt! Goegg und Sigel
       verließen das  Konklave. Es  fand eine  Separatsitzung der Clique
       Fickler-Ruge-Tausenau statt.  - Die  Süddeutschen hatten  nämlich
       unter der  Hand gefunden,  daß A.  Ruge ein  Imbécil 8*) ist. Sie
       brauchen ihn,  weil er  der Kanal  zu Ledru-Mazzini ist und diese
       Protektion den  Süddeutschen sehr  wichtig ist.  Tausenau scheint
       ihnen den Star gestochen zu haben, und er ist jetzt neben Fickler
       ihr eigentlicher  Leader 9*).  Tausenau  ist  überhaupt  ein  mit
       kleinjüdischer Kalkulationsgabe  ausgestatteter, diplomatisieren-
       der und  sehr klugtuender Intrigant, der an das Herannahn der Re-
       volution glaubt. Daher er jetzt in diesem Bunde. - Ruge in tiefem
       Grimme über  die verlornen  160 £ St. eröffnete nun den Freunden,
       daß vor mehr als 12 Monaten Willich-Kinkel den Schimmelpfennig zu
       Mazzini geschickt,  ihn als Emissär vorgestellt und zu einer Agi-
       tationsreise nach Deutschland
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       7*) Eine schöne  Geschichte ist das. - 8*) Schwachkopf - 9*) Füh-
       rer
       
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       um Geld angegangen hatten. Mazzini gab ihm 1000 fcs. bar und 5000
       fcs. in  seinen italienischen Scheinen, unter der Bedingung, nach
       12 Monaten  ihm die 1000 fcs. und 2/3 der untergebrachten italie-
       nischen Scheine  zurückzuerstatten. Davon  reiste Schimmelpfennig
       durch Frankreich  und Deutschland. Die 12 Monate waren vergangen,
       aber Kinkel-Schimmelpfennig,  die 1000 fcs. und die italienischen
       Scheine ließen  nichts mehr  von sich  hören. Jetzt,  nachdem das
       Geld aus  New Orleans  angekommen, hatte Kinkel seine Abgesandten
       an Mazzini  wieder geschickt,  nicht um  zu zahlen, sondern um zu
       renommieren und in eine Allianz mit ihm zu treten. Mazzini war zu
       delikat, sie  an ihre  Schuld zu  mahnen, erklärte ihnen aber, er
       habe seine  Verbindungen in  Deutschland, könne daher keine neuen
       eingehn. Die Herren hatten sich auch, erzählte A. Ruge weiter, zu
       Ledru-Rollin begeben.  Hier aber  war Ruge  zuvorgekommen, und da
       Ledru-Rollin sich  schon als  Präsidenten der französischen Repu-
       blik betrachtet und entschlossen ist, sofort den Krieg nach außen
       zu führen, ihm Sigel als Obergeneral der teutschen Revolutionsar-
       mee vorgestellt, mit dem L[edru]-Rollin sich dann auch in strate-
       gische Gespräche eingelassen. Hier fuhr also Kinkel-Willich aber-
       mals ab. - Nach diesen Enthüllungen Ruges lag also die Verworfen-
       heit der Clique K[inkel]-W[illich] offen vor den Augen der betör-
       ten schönen  Seelen. Nun  mußte eine  Tat vollbracht  werden, und
       welche andre Taten kennt Ruge als neue Kombinationen und Permuta-
       tionen seines verschimmelten alten Zentralkomitees? Es wurde also
       die Bildung  eines   A g i t a t i o n s k l u b s   beschlossen,
       der kein  diskutierender, sondern    "w e s e n t l i c h    a r-
       b e i t e n d e r"   sein, nicht  words 10*),  sondern works 11*)
       liefern und  vor allem  die Gesinnungsgenossen  auffordern solle,
       Geldbeiträge  zu  liefern.  Zusammensetzung:  Fickler,  Tausenau,
       Franck, Goegg,  Sigel, Hertie,  J. Ronge, Haug, Ruge. Du erkennst
       sofort die  Umformation Ruge-Ronge-Haug. Aber bei näherer Ansicht
       zeigt sich,  daß der  wesentliche Bestandteil  des Klubs  1.  die
       westsüddeutschen Biedermänner  Fickler, Goegg,  Sigel, Hertie, 2.
       die ostsüddeutschen  Tausenau, Haug und Franck sind, daß der Klub
       also wesentlich  als  s ü d d e u t s c h e r  sich den "Preußen"
       gegenüber gebildet  hat und Ruge nur die Nabelschnur ist, die die
       Verbindung  mit   dem  europäischen   Zentralkomitee  [159]  auf-
       rechterhält. Auch  nennen sie  jetzt die andern Vereine schlecht-
       weg: "Die  Preußen". Dieser  Agitationsklub ernannte  Tausenau zu
       seiner Exekutivgewalt  und gleichzeitig  zu seinem  Minister  des
       Auswärtigen. Es  war  dies  also  eine    v o l l s t ä n d i g e
       A b s e t z u n g   des Zentral-Ruge.  Um ihm  aber die  Pille zu
       versüßen, wurde ihm als douceur 12*) gegeben die Anerkennung,
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       10*) Worte - 11*) Taten - 12*) Liebesgabe
       
       #324# 112 - Marx an Engels - 25. August 1851
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       daß man  seine Stellung beim Zentralkomitee anerkennt, seine bis-
       herige Tätigkeit  und seine  Vertretung des  teutschen  Volks  im
       Sinne des  teutschen Volks.  Dieses testimonium  paupertatis 13*)
       wirst Du  gedruckt gelesen  haben in  der in  fast alle englische
       Blätter gebrachten Notiz, worin der Agitationsverein seine Geburt
       dem europäischen  Publikum allerergebenst  anzeigt  und  um  gute
       Kundschaft bittet.  Selbst diese  douceur wurde dem unglücklichen
       Ruge verbittert,  indem die  Bauer-Fickler die unerträgliche con-
       ditio sine  qua non 14*) stellten, daß Ruge aufhöre, "sein dummes
       Zeug in die Welt zu schreiben".
       Ehe ich  weiter erzähle, muß ich bemerken, daß in dem gesamtdemo-
       kratischen Verein  wir   o h n e  W i s s e n  d e r  a n d e r n
       durch einen  zu unserm Bunde [83], aus Köln geflüchteten Arbeiter
       namens Ulmer  vertreten sind,  ein Mensch, der bei uns sehr ruhig
       und schweigsam  ist und  von dem  wir nie geglaubt hätten, daß er
       die Gesamtdemokratie  im Schach halten würde. Aber indignatio fa-
       cit poetam  15*), und  der stille Ulmer hat, wie er mir sagt, das
       "Genie", daß  er leicht wütend wird, am ganzen Körper zittert und
       dann  wie  ein  Berserker  losfährt.  Trotz  seiner  schmächtigen
       Schneiderfigur hat  er zudem  als bester Turner von Mainz ein be-
       deutendes Bewußtsein  physischer Kraft  und Gewandtheit. Außerdem
       den Kommunistenstolz der Unfehlbarkeit.
       Am 22.  August fand  also die  3. Sitzung statt. Versammlung sehr
       zahlreich, da  großer Skandal  von wegen  des  hochverräterischen
       Agitationsvereins zu erwarten stand. Präsident: Meyen. Auch zuge-
       gen: R.  Schramm und Bucher. Die Clique Kinkel stellte den Antrag
       auf Bildung  eines Flüchtlingskomitees.  Nämlich Herr Kinkel will
       doch nicht  als öffentlicher  Mann von  der Bühne treten. Er will
       auch nicht  sich bei  den ästhetisch-liberalen  Bürgern  Englands
       kompromittieren.  Ein  Flüchtlingskomitee  ist  politisch-philan-
       thropisch, stellt  außerdem Geldmittel  zur Verfügung,  vereinigt
       also alle  wünschenswerten Bedingungen.  Dagegen wurde  von einem
       gewissen  Hollinger  und  von  Ulmer  der  Antrag  gestellt,  das
       Flüchtlingskomitee in  einer allgemeinen  Generalversammlung  der
       Flüchtlinge zu wählen, worauf die Kinkel-Clique immer hinwies auf
       die Gefahr des Skandals, den die Leute hinter dem Rücken der Ver-
       sammlung (nämlich  wir Anonymi)  machen würden.  Aber sie  hatten
       auch Feinde  vor sich.  Von dem  Agitationsklub waren nur zugegen
       Goegg, Sigel und sein Bruder. Goegg wurde in das Flüchtlingskomi-
       tee gewählt. Dies gab eine Gelegenheit, 1. den Austritt
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       13*) Armutszeugnis -  14*) unerläßliche Bedingung - 15*) der Zorn
       macht den Poeten (Juvenal: Satira I)
       
       #325# 112 - Marx an Engels - 25. August 1851
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       Tausenaus zu erklären, 2. die Erklärung des Agitationsvereins ab-
       zulehnen, 3.  schließlich nach  Verlauf der Debatte ihren Gesamt-
       austritt  anzuzeigen.   Großer  Sturm.     T e c h o w      u n d
       S c h r a m m   h u n z t e n  d e n  A.  R u g e  s c h r e c k-
       l i c h  ab. Es wurde überhaupt sehr  g e s c h i m p f t.  Goegg
       antwortete den  andern überlegen,  griff den  zweideutigen Kinkel
       bitter an,  der nur  seine Trabanten  antworten  ließ,  sich  als
       Großmogul den  Bart strich  und durch  den stets um ihn wedelnden
       Schurz Zettel  schrieb, die  er, wie  die Vereinbarer  in Berlin,
       unter seinen  Getreuen zirkulieren  ließ und nach der Zirkulation
       sein Schlußvotum  niederschrieb. Nur  als Goegg  sagte,  daß  der
       Agitationsverein  seine  Erklärung  in  den  englischen  Blättern
       publizieren  werde,   antwortete    K i n k e l    m a j e s t ä-
       t i s c h,   d a ß   e r   j e t z t  s c h o n  d i e  g a n z e
       a m e r i k a n i s c h e     P r e s s e     b e h e r r s c h e
       u n d   d a ß   s c h o n  d i e  A n s t a l t e n  g e t r o f-
       f e n   s e i e n,   i n   k ü r z e s t e r   F r i s t  a u c h
       d i e     f r a n z ö s i s c h e     P r e s s e     s e i n e r
       H e r r s c h a f t  z u  u n t e r w e r f e n.
       Außer diesem skandalschwangren Thema liefen noch andre durch, die
       im Schöße  der verbrüderten  Demokraten selbst  den  gewaltigsten
       Sturm erregten,  so daß es zu Faustdrohungen kam, furchtbarem To-
       ben und  Geschrei, bis um 2 Uhr Mitternacht der Wirt durch Auslö-
       schen der  Lampen die  Vereinbarungslustigen in undurchdringliche
       Nacht versenkte.  Die zwei Pivots des Skandals Schramm und Ulmer.
       Schramm nämlich in seiner Diatribe gegen Ruge machte gleichzeitig
       seinem Grimm gegen die Kommunisten Luft, was vielen Anklang fand,
       griff den  Willich aufs  gehässigste an und erklärte die Arbeiter
       für feig.  Ulmer antwortete  hierauf; verlangte  aber seinerseits
       mit Hollinger  - Freund  von Sigel  - Berufung  einer allgemeinen
       Flüchtlingsversammlung zur  Wahl eines Unterstützungskomitees. Er
       schuldigte Willich  etc. direkt  der Verschweigung und Verschwen-
       dung der  Flüchtlingsgelder an. Unaussprechlicher Tumult. Der Ka-
       kerlak Dietz  springt vor,  erklärt, er sei Kassierer des Flücht-
       lingskomitees [158] der Great Windmill Street [157], und verlangt
       Widerruf. Ulmer  erklärt, wenn  die Herrn es verlangten, werde er
       Beweise beibringen.  Er widerrufe  nichts. Willich  in seiner be-
       kannten Manier sucht ihn zu beschwichtigen und ladet ihn zu einer
       Privatauseinandersetzung auf  seinem Zimmer  ein. Aber Cato Ulmer
       bleibt unerschütterlich  und sprach  nicht ohne  Anhang. Nebenbei
       bemerkt, hatte Schimmelpfennig, hinter Ulmer sitzend, während der
       Rede Goeggs fortwährend gegrunzt und Lärm gemacht, als auf einmal
       Ulmer von  seinem "Genie" ergriffen wird, sich mit ausgestreckter
       Faust umwendet  und dem  Sch[immelpfennig] zubrüllt:  "Wenn  Sie,
       elender Pfennigfuchser,  nicht endlich  das Maul halten, schmeiße
       ich Sie  zum Fenster  hinaus. "  Sch[immelpfennig] wurde blaß wie
       Kreide, aber,  mit seiner preußischen Offizierscourage zu Rat ge-
       hend, entfernte er sich in den äußersten Winkel.
       
       #326# 112 - Marx an Engels - 25. August 1851
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       Willich war  [in] dieser denkwürdigen séance 16*) zu verschiednen
       Malen und  von allen  Seiten, Goegg,  Schramm,  Hollinger,  Ulmer
       etc., so  derb gepackt  worden, daß  er 6  mal erklärte, er müsse
       austreten, wenn  man seine  würdige  Persönlichkeit  nicht  außer
       Spiel ließe.
       Nun aber  neues Element  des Skandals, von uns eigens zubereitet.
       Nämlich die Herrn, die "höhern Flüchtlinge", wie sie sich nennen,
       hatten die  "niedre Emigration"  ganz außer acht gelassen. Dieser
       "niedern Emigration", der es sehr schlecht geht, ließen wir durch
       Ulmer, Rumpf,  Liebknecht mit  aufregender Zubereitung das Faktum
       wissen, daß  das Flüchtlingskomitee der Great Windmill Street 800
       Gulden aus  Württemberg erhalten  und daß sie schönstens geprellt
       werden. Gestern  also, in der Sitzung des Great-Wind-mill-Street-
       Komitee, praesidio  Schapperi 17*), Skandalszene. Die Flüchtlinge
       verlangen, die Briefe einzusehn, Rechnungen etc. Willich, der uns
       gegenüber diese  Ansprüche der  Esel aufgebracht,  erklärt  ihnen
       barsch, er  und Co.  seien nur der Arbeitergesellschaft [58] ver-
       antwortlich. Einem Flüchtling, der ihm zu nah auf den Leib rückt,
       sagt er,  er solle fernbleiben, damit er ihm nicht Läuse zuführe.
       Dieser nennt  ihn einen  "hohlen  Strohkopf".  Schapper  wird  um
       Rechtfertigung seines  Hippopotamusbauchs ersucht und "Schnapper"
       angeredet. Willich  ruft den  Wirt und will einen der Flüchtlinge
       herauswerfen lassen.  Dieser sagt,er  wolle gehn,  wenn man einen
       Policeman rufe.  Die Herrn seien alle Spitzbuben. Dabei bleibt's.
       Willich und  Schapper erklären, unter diesen Umständen würden sie
       abtreten.
       Dieser "niedren  Emigration" haben  nun Rumpf  und Ulmer erklärt,
       nächsten Freitag  kämen ihre  Interessen vor  in dem  allgemeinen
       Emigrationsverein. Sie werden sich sämtlich, mit Knüppeln bewaff-
       net, dahin begeben, um ihre Ansprüche durchzusetzen. Ich habe sie
       nun durch  Ulmer wissen lassen, Kinkel habe 160 £ St. für sie er-
       halten, die er wochenlang verheimlicht und die er nun mit Willich
       zu teilen  gedenke. Sie  würden überhaupt  - et c'est vrai 18*) -
       nur als  Firma benutzt,  um die  Finanzen dieser Staatsmänner auf
       den Strumpf  zu bringen.  Ulmer wird  der  Redner  sein,  und  da
       Schramm usw.  nichts von  dieser Ovandoladung  wissen,  wird  der
       Skandal erbaulich werden von allen Seiten.
       Du darfst  erst einen - später aber notwendigen - Brief an Kinkel
       schreiben, sobald ich Dir über die Freitagssitzung berichtet. Was
       Du aber  gleich tun  mußt, ist,  an Fischer  nach New  Orleans zu
       schreiben, ihm  den ganzen  Dreck klarzumachen  und ihn wissen zu
       lassen, daß  er nur  noch unter der Firma "Freiligrath", die ganz
       populär ist, Geld sammelt. Unsre Partei
       -----
       16*) Sitzung -  17*) unter Vorsitz  Schappers -  18*) und das ist
       wahr
       
       #327# 112 - Marx an Engels - 25. August 1851
       -----
       braucht es notwendig. Sie ist die einzig aktiv, die einzig direkt
       mit Bundestag und Gott und Teufel im Kampf stehende, und es fehlt
       uns alles  Geld zur Agitation. Anderseits muß Geld geschafft wer-
       den für  unsre Eingekerkerten,  die zum großen Teil durchaus ohne
       Mittel sind. Diese 2 Gesichtspunkte scheinen mir leicht, dem Mann
       klarzumachen. Wenn  er kann,  soll  er  übrigens  die  Sammlungen
       g e h e i m   machen, da unsre Wirksamkeit nur gestört wird durch
       jeden Zeitungsklatsch.
       Vale faveque. 19*)
       Dein K. Marx
       25. August
       Bemerken muß  ich noch, daß der orthodoxe Stier Schapper durchaus
       nicht mit  den "Ungläubigen"  sich einläßt,  vielmehr Willich er-
       klärt hat, sie könnten ihm eher den Kopf einreißen, als daß er zu
       "den Hunden" gehe.
       Wenn manchmal  jetzt meine Briefe um ein paar Tage ausbleiben, so
       geschieht's, um vollständiger zu berichten.
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       19*) Lebe wohl und bleib mir zugetan.

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