Quelle: MEW 27 Briefe Februar 1842 bis Dezember 1851


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       #330# 114 - Marx an Engels - 31. August 1851
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       114
       
       Marx an Engels
       in Manchester
       
       [London] 31. August 1851
       28, Dean Street, Soho
       Lieber Engels!
       Man verrechnet sich immer sehr, wenn man auf entscheidende Krisen
       unter den demokratischen Heroen rechnet. Ein Skandal, wie der vor
       14 Tagen,  erheischt mehrwöchentliche  Erholung für diese perfor-
       mers 1*).  Und so  kam es  denn vorgestern,  Freitag den  29., zu
       nichts Bedeutendem.
       D'abord. 2*) Am Montag, 25. August, wie ich Dir schon mitgeteilt,
       drohten Willich  und Schapper  mit ihrem  Abtritt aus dem Flücht-
       lingskomitee der Great Windmill [158]. Am folgenden Dienstag tra-
       ten sie wirklich in offizieller Sitzung ab und löste sich das Ko-
       mitee überhaupt  in Wohlgefallen  auf. Bei dieser Gelegenheit kam
       es dann  zu bittern  Worten. Willich  moralisierte und sittenpre-
       digte, worauf  ihm  seine  Laster  entgegengehalten  wurden.  Der
       Hauptanklagepunkt gegen  ihn aber war der, daß diesmal, wie schon
       bei einer  frühern Gelegenheit,  wo Rechenschaft  abgelegt werden
       sollte über  die Zwanzige von Pfunden, die in die Bürstenmacherei
       gesteckt sind, dafür gesorgt worden, daß Herr Lüssel, verantwort-
       licher Gérant derselben, durchgebrannt war.
       Freitag hatte  sich General  Sigel 3*) in der allgemeinen Sitzung
       der Vereinbarungslustigen  eingefunden. Er hatte auf das Erschei-
       nen der  "niedern Emigration" gerechnet, für die er einige gewal-
       tige Lanzen  mit Willich  brach, der  seiner Entrüstung  über die
       sittenlose, früher  von ihm  uns gegenüber  apotheosierte Lumpen-
       herde freien  Lauf ließ. Wer aber nicht erschien, war das Lumpen-
       proletariat. Diejenigen,  die sich vor den Türen des Areopag ein-
       gefunden, waren zu wenig zahlreich, um auf Erfolg rechnen zu kön-
       nen und zogen sich deshalb zurück. Du weißt, daß es feige Kanail-
       len sind,  und jeder der Lumpenhunde hat ein zu schlechtes Gewis-
       sen, um  isoliert vor  einer größern Versammlung als öffentlicher
       Ankläger aufzutreten.
       In das Flüchtlingskomitee der "Gesamtdemokratie" waren einige Ru-
       gianer, wie Ronge, gewählt worden, 4 an der Zahl. Diese erklärten
       ihren
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       1*) Komödianten - 2*) Zunächst. - 3*) Franz Sigel
       
       
       #331# 114 - Marx an Engels - 31. August 1851
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       Austritt. Das  Komitee war  also aufgelöst.  Es wurde  ein  neues
       p r o v i s o r i s c h e s   gewählt, bestehend  aus  den  Herrn
       Kinkel, Graf Reichenbach 4*), Bucher und dem Sachsen Semper.
       Du siehst  hieraus, daß  man in eine neue Phase getreten ist. Man
       hat sich  in die Arme der respektabeln "hommes d'état" 5*) gewor-
       fen, da die bisherigen "Führer" als bürgerliche Lumpen kompromit-
       tiert sind.  Die "hommes  d'état" -  ihr Kern - sind die "wackern
       Volksmänner" Bucher  (Berliner Vereinbarer  [266]), Graf Reichen-
       bach 6*)  (Ritter vom  Geist und Frankfurter Reichskompromittier-
       ter, nicht der Berliner Bart der Partei) und der wichtige Stotte-
       rer "Rudolf Schramm" (connu 7*)).
       Lupus, der, aus alter Freundschaft zur Gräfin Reichenbach und ih-
       rem ebenfalls  hier anwesenden  Bruder, von Zeit zu Zeit das Haus
       des Reichenbach frequentiert, fand gestern daselbst Herrn Techow,
       den er  von der  Schweiz her kennt. Kurz nachher erschien Willich
       in eigner  Person und  in Gesellschaft  des  tiefsinnigen  Eduard
       Meyen. Lupus ging fort, als diese Größen Platz griffen.
       Voilà tout  ce que  j'ai à  rapporter pour le moment. 8*) Mit den
       160 amerikanischen  Pfunden hat  Kinkel  offenbar  teils  direkt,
       teils durch seine Anhänger den "Respektablen" und "hommes d'état"
       eine gewaltige  Meinung von  seiner Macht und seinen Verbindungen
       beizubringen gewußt.  Der edle  Willich aber  hat durch Auflösung
       des Windmill-Komitees  das solideste  Band zerrissen, das ihn mit
       der "Kanaille" verklitterte.
       Maintenant 9*),  was Dich  anbetrifft, so ist es positiv, daß Fi-
       scher Dich  ausdrücklich genannt unter den Paten der 160 £. Gene-
       ral Sigel  und Goegg  teilten das  angeblich au secret 10*) ihrem
       Freund Schabelitz mit, in der Tat aber, wie ich glaube, um es Dir
       zukommen zu  lassen. Nach  meiner Ansicht  hast Du nichts zu tun,
       als Herrn  Kinkel zu  schreiben, Du  habest aus  New Orleans  die
       Nachricht über  die Geldsendung  und Deine  Mitzurateziehung  bei
       Verwendung desselben  erhalten. Du  fragtest ihn simplement 11*),
       was mit dem Geld geschehn oder beabsichtigt sei. Die Adresse Kin-
       kels ist  "Dr. phil.  (so schreibt er sich auf seinen Visitenkar-
       ten) Kinkel, 1, Henstridge Villas, St. Johns Wood". Ich werde Dir
       zum Spaß einmal eine solche Visitenkarte zuschicken, die ganz In-
       halt und  Form einer Londoner Reklame für Heilung von Krähenaugen
       and so forth 12*) hat.
       Damit ich  das große  Ereignis nicht vergesse. In der Nummer 13*)
       vom 13. August kündet der unglückliche Heinzen an, daß Otto seine
       Kapitalien
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       4*) Oskar Reichenbach  - 5*) "Staatsmänner" - 6*) Eduard Reichen-
       bach -  7*) bekannt - 8*) Das ist alles, was ich im Moment zu be-
       richten habe.  - 9*) Jetzt  - 10*) vertraulich  - 11*) einfach  -
       12*) und so weiter - 13*) der "Deutschen Schnellpost"
       
       #332# 114 - Marx an Engels - 31. August 1851
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       zurückgezogen und  so er  allein mit seinem geistigen Kapital zu-
       rückbleibe, womit  in dem  industriellen Amerika  ein Blatt nicht
       marschieren könne.  Er schreibt  also eine  Elegie über  den Fall
       Hektors vor  der Zeit.  Und in  derselben Nummer fordern Hoff und
       Kapp zu  Aktienzeichnungen für  eine neue Zeitung auf, die an die
       Stelle der "Schnellpost" treten solle. Und wie das Schicksal wun-
       derliche Nucken  hat, macht  gleichzeitig die "Staatszeitung" dem
       edlen Heinzen - unter Enthüllung vieler seiner Geldgemeinheiten -
       einen Prozeß  wegen Verleumdung,  der ihn, wie er vorhersieht, in
       ein "Sittenverbesserungshaus"  bringen wird. Le pauvre 14*) Hein-
       zen! Auch  ist dieser  große Mann  jetzt moralisch entrüstet über
       Amerika und  die "gemütsarmen  Yankees" und die "Deutsch-Amerika-
       ner", die ihnen nachschlagen, statt an der "Humanisierung der Ge-
       sellschaft" zu  arbeiten und  für die  großen  politisch-sozialen
       Enthüllungen A. Ruges sich zu begeistern. So heißt es z.B. in be-
       sagter Nummer:
       "Jener freie  deutsche Geist, der die Welt erfüllen soll... jener
       Born, der  nun fast  zwei Jahrtausende  und immer  geistigreicher
       über die Erdteile fließt."
       "Wozu gibt es denn Deutsche in der Welt? Wozu ein deutsches Herz,
       wozu die deutsche Sprache? Wozu z.B. dieses Mittel, das der deut-
       sche Gutenberg erfand, den Geist zu bilden und aufzuklären? Alles
       dieses ist  da und  selbst der  Boden, worauf es sich begibt oder
       begeben sollte, dieses Amerika von Einem Deutschen entdeckt."
       "Die freien  Gemeinden, die gesund-kräftige deutsche Philosophie,
       die glänzende  deutsche Literatur,  herübergeleitet, und mit dem,
       was das  Land und seine Bewohner Treffliches, Haltbares besitzen,
       in geistige Wechselwirkung gesetzt - muß aus solchen Faktoren ein
       A m e r i k a n e r t u m   v o n  w e l t g e s c h i c h t l i-
       c h e r   B e d e u t u n g   entstehn,  eine  allgewaltighumane,
       geistige und  moralische Größe,  deren Herz das fort und fort in-
       fluierende Teutschtum,  deren Kopf  das veredelte  Yankeetum  und
       deren Arm beide in Verein in Bewegung setzen."
       "In der  Tat, ich behaupte, daß das teutsche Volk reifer zu einer
       demokratischen Republik  ist als das amerikanische... Wahrhaftig,
       wäre Deutschland  seiner Blutsauger  und seiner Fesseln ledig, es
       hat eher  das Zeug,  eine rein demokratische Republik zu 'fixen',
       wie der  Amerikaner sagt, und erfolgreicher durchzuführen als die
       Yankees, denn  sowie selbst  der politisch  gebildetste Teil  der
       Amerikaner noch  so befangen im Aberglauben, so unfrei in geisti-
       ger Hinsicht ist und so fern von jeder humanen Bildung steht, wie
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       14*) Der arme
       
       #333# 114 - Marx an Engels - 31. August 1851
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       kann sich  der Endzweck, der Demokratie, die wahre Humanität, die
       harmonische Ausbildung  der Menschheit,  in politischer, sozialer
       und moralischer oder geistiger Beziehung, verwirklichen?"
       Dies schreibt der teutsche Hanebuch 15*) oder läßt sich schreiben
       grade zur  Zeit, wo  die Amerikaner  glücklich den  Weg über  den
       Isthmus gemacht  haben. Der  Rüpel läßt  sich in derselben Nummer
       schreiben:
       "Sie geißeln  die amerikanischen Zustände so treffend, namentlich
       das deutsche Amerikanertum, daß jeder Urteilsfähige und Unpartei-
       ische Ihnen beistimmen muß. Es wäre wirklich ein rühmliches Werk,
       wenn Sie  durch Ihr Blatt die Veredlung und Bildung der Deutschen
       in Amerika  könnten sichern  helfen, und  sollte auch Ihre Stimme
       für die  rohe Masse  verlorengehn, so ist schon genug getan, wenn
       Sie einzelne  Deutsche von  der  affenartigen  und  verderblichen
       Sucht, den Amerikanern nachzuahmen, befreien."
       Und dahinter  brüllt dann  der Flegel  seine  ungewaschnen  geld-
       katzenjämmerlichen Jeremias-Orgellieder.
       Du hast  sicher schon längst aus den Journalen ersehn, daß Girar-
       din sich  mit Ledru-Rollin  liiert. Der  glaubte auch  schon, der
       künftige französische Großmogul zu sein. Nun hat sich aber in Pa-
       ris ein  Gegenkomitee  Lamennais-Michel  (de  Bourges)-Schoelcher
       gebildet, das  die "Vereinigten  Staaten von  Europa"  durch  die
       r o m a n i s c h e n   Völker -  Franzosen, Spanier, Italiener -
       bewirken will,  worum sich dann die Deutschen etc. anzukristalli-
       sieren. Also,  die Spanier!  sollen uns  zivilisieren!  Mon  Dieu
       16*), das  übertrifft noch  den K. Heinzen, der die Feuerbach und
       A. Ruge  unter die Yankee zur "Humanisierung" einführen will. Der
       "Proscrit" von  Ledru[-Rollin] attackierte bitter dies rivalisie-
       rende Komitee.  Sie antworteten  ihm mit gleicher Münze. Was aber
       noch bittrer  für den  Großmogul in  partibus 17*)  ist: In Paris
       fand ein  Konklave der  ganzen Presse  statt. Der  "Proscrit" war
       auch durch  einen Deputierten  vertreten.  Zweck:  Einigung  über
       einen gemeinschaftlichen Präsidenten. Der "Proscrit" fiel mit all
       seinen Anträgen  durch, und es wurde rein herausgesagt, die Herrn
       in London  hätten gut  schwatzen; aus Frankreich selbst müsse das
       Erforderliche für  Frankreich geschehn,  Ledru[-Rollin]  schneide
       sich sehr,  wenn er  sich für  "die wichtige Person" halte, wofür
       ihn Mazzini ausgibt.
       Übrigens trennte  sich das Konklave unter Skandal und ohne Resul-
       tat. Die einheitssüchtige Demokratie gleicht sich überall wie ein
       Ei dem andern.
       Ade Dein K. M.
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       15*) Karl Heinzen  - 16*) Mein Gott - 17*) (hier:) ohne wirkliche
       Macht

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