Quelle: MEW 27 Briefe Februar 1842 bis Dezember 1851
zurück
#347# 121 - Marx an Engels - 23. September 1851
-----
121
Marx an Engels
in Manchester
[London] 23. September 1851
28, Dean Street, Soho
Lieber Engels!
Mit dem Pariser Dokument [273], das ist sehr dumm. Die deutschen
Zeitungen, "Kölnische" und Augsburger 1*), schieben's uns, wie
sich von diesen kritiklosen Hunden erwarten läßt, in den Hals.
Andrerseits verbreitet der elende Willich et Co., wir hätten den
Dreck in Paris durch Bekannte von uns denunzieren lassen. Qu'en
dis-tu? 2*)
C. Schramm ist auch eingesteckt. Habeat sibi. 3*) Das nächste Mal
- nach Einziehungen noch einiger Nachrichten - schreib' ich Dir
weiter über den hiesigen Dreck. Für heute wirst Du regaliert mit
folgendem Resümee eines mehrspaltigen Manifests des Bürgers
Techow in der "New-Yorker Staatszeitung", benamset: "Umrisse des
kommenden Kriegs. London, 7. August." (Schlecht, doktrinär ge-
schrieben, allerlei Reminiszenzen aus unsrer "Revue"; scheinbar
verständig entwickelt, aber Inhalt platt, keine Bewegung in der
Form, nichts Schlagendes.) Ich schenke Dir, was Techow zunächst
über die Revolution von 1849 rezitiert. Er zieht sich daraus
zunächst folgende allgemeine Nutzanwendungen:
1. Gegen die Gewalt gibt es keinen andern Widerstand als die Ge-
walt.
2. Die Revolution kann nur dann siegen, wenn sie allgemein wird,
d.h. wenn sie in den großen Zentren der Bewegung zündet (Bayer-
Pfalz, Baden) und wenn sie ferner nicht der Ausdruck einer
e i n z e l n e n O p p o s i t i o n s f r a k t i o n ist.
(Beispiel: Juni-Insurrektion von 1848.)
3. Die Nationalkämpfe können zu keiner Entscheidung führen, weil
sie vereinzeln.
4. Die Barrikadenkämpfe haben keine andre Bedeutung, als den
Widerstand einer Bevölkerung zu signalisieren, diesem Widerstand
gegenüber die Gewalt der Regierungen, d.h. die Gesinnungen der
Truppen auf die Probe zu stellen. Wie diese Probe auch ausfallen
möge, Organisation für den Krieg,
-----
1*) "Allgemeine Zeitung" - 2*) Was sagst Du dazu? - 3*) Geschieht
ihm recht.
#348# 121 - Marx an Engels - 23. September 1851
-----
Aufstellung disziplinierter Armeen bleibt immer die erste und
wichtigste Maßregel der Revolution. Denn nur durch diese ist die
Offensive möglich, und nur in der Offensive liegt der Sieg.
5. Konstituierende Landesversammlungen sind nicht imstande, für
den Krieg zu organisieren. S i e v e r l i e r e n i h r e
Z e i t s t e t s an F r a g e n d e r i n n e r e n P o-
l i t i k, für deren L ö s u n g die Z e i t erst n a c h
d e m S i e g e gekommen ist.
6. Um für den Krieg organisieren zu können, muß die Revolution
Raum und Zeit gewinnen. Sie muß daher politisch angreifen, d.h.
soviel wie möglich Länderstrecken in ihren Bereich ziehen, weil
sie militärisch im Anfang stets auf die Defensive beschränkt ist.
7. Die Organisation für den Krieg kann in dem republikanischen
Lager so gut wie in dem royalistischen nur basiert sein auf
Zwang. Mit politischer Begeistrung und mit phantastisch aufge-
putzten Freischaren ist gegen Disziplin und gut geführte Soldaten
noch nie eine offne Feldschlacht gewonnen worden. Die militäri-
sche Begeistrung stellt sich erst nach einer Reihe von Erfolgen
ein. - Für diese Erfolge gibt es im Anfang keine beßre Grundlage
als eiserne Strenge der Disziplin. Mehr noch als in der innern
Organisation des Landes können demokratische Grundsätze in den
Armeen erst nach dem Siege der Revolution zur Anwendung kommen.
8. Der kommende Krieg ist seiner Natur nach ein Vernichtungskrieg
- Völker oder Ferschten. Folgt daraus die Anerkennung der politi-
schen und militärischen Solidarität aller Völker, d.h. der Inter-
vention.
9. Das Gebiet der kommenden Revolution liegt räumlich in densel-
ben Grenzen wie das der besiegten: Frankreich, Deutschland, Ita-
lien, Ungarn, Polen.
Folgt aus allem: Die Frage der kommenden Revolution ist gleich-
bedeutend mit der eines europäischen Kriegs. Gegenstand des
Kriegs: Ob Europa kosakisch oder republikanisch. Schauplatz des
Kriegs - die alten: Oberitalien und Deutschland.
Herr Techow zählt nun auf: 1. die Streitkräfte der Kontrerevolu-
tion; 2. die Streitkräfte der Revolution.
I Streitkräfte der Kontrerevolution
1. Rußland. Gesetzt, es könne seine Streitkraft auf 300 000 brin-
gen. Das wäre sehr viel. In welcher Zeit und wie stark kann es
dann am Rhein oder in Italien erscheinen? Im besten Fall in 2 Mo-
naten. Mindestens 1/3 Abgang für Kranke und Besetzung der Etap-
penstraßen. Bleiben 200 000 Mann, die 2 Monate nach Ausbruch der
Bewegung auf den entscheidenden Punkten des Kriegsschauplatzes
erscheinen.
#349# 121 - Marx an Engels - 23. September 1851
-----
2. Östreich. Berechnet den Stand seiner Armee auf 600 000 Mann.
Brauchte 1848 und 49 in Italien 150 000 Mann. Diese Zahl verlangt
Radetzky auch jetzt in Friedenszeiten. In Ungarn braucht er jetzt
im Frieden 90 000 Mann. Im letzten Krieg reichten 200 000 nicht
aus. 1/3 dieser Armee besteht aus Ungarn und Italienern, die ab-
fallen werden. Im besten Fall, wenn der Aufstand in Ungarn und
Italien nicht gleichzeitig ausbricht, kann es - durch allerlei
Barrikadenkämpfe aufgehalten - in 6 Wochen mit 50 000 Mann am
Rhein erscheinen.
3. Preußen. Zählt 500 000 Mann, inkl. der Ersatzbataillons und
der Landwehr des ersten Aufgebots, die nicht mit ins Feld rücken.
Für die Operation im Felde 300 000 Mann, 1/2 Linie, 1/2 Landwehr.
Mobilisierung: 14 Tage bis 3 Wochen. Das Offizierskorps in der
preußischen Armee aristokratisch, die Unteroffiziere bürokra-
tisch, die Masse "durchaus demokratisch". Fernere Chance hat die
Revolution in der Mobilisierung der Landwehr. Desorganisation des
preußischen Heers durch die Revolution, deren der König nur unter
Schutz der russischen Armee soweit Herr wird, um mit den Russen
die Trümmer seines Heers gegen die Rebellen zu führen. Rheinpro-
vinz, Westfalen, Sachsen für ihn verloren, so die wichtigsten Fe-
stungslinien und mindestens 1/3 seiner Armee. 1/3 braucht er ge-
gen die Aufstände in Berlin, Breslau, Provinz Posen und Westpreu-
ßen. Bleibt höchstens 100 000, die nicht früher als die Russen
selbst auf dem Kampfplatz erscheinen können.
4. Die deutsche Bundesarmee. Das badische, schleswig-holstein-
sche, das kurhessische und die pfälzischen Regimenter gehören der
Revolution. Nur Trümmer der deutschen Bundesarmee werden, dem
Fliehen der Fürsten folgend, die Heere der Reaktion verstärken.
Ohne militärische Bedeutung.
5. Italien. Die einzige militärische Macht von Italien, das sar-
dinische Heer, gehört der Revolution.
Also summa summarum:
Kriegsschauplatz in Deutschland
150 000 Russen
100 000 Preußen
50 000 Östreicher 300 000 Mann
Kriegsschauplatz in Italien
150 000 4*) Östreicher
50 000 Russen 200 000 Mann
-------------------
Fazit: 500 000 Mann
-----
4*) im Original: 110 000
#350# 121 - Marx an Engels - 23. September 1851
-----
II. Streitkräfte der Revolution
1. Frankreich. 500 000 Mann schon in dem ersten Moment der Revo-
lution zur Verfügung. Davon 200 000 am Rhein, 100 000 in Italien
(Ober-) sichern der Revolution in Italien und Deutschland Raum
und Zeit zu ihrer Organisation.
2. Preußen. 50 000 } nämlich die Hälfte der abgefallnen Armeen
3. Östreich. 100 000 } organisiert.
4. Kleine deutsche Armeen: 100 000.
Macht dann folgende Rechnung:
Aktive französische Armee 300 000 Mann
Deutsches Revolutionsheer 150 000 "
Italien und Ungarn 200 000 "
------------
650 000 Mann
Also: Revolution führt 650 000 Mann gegen 500 000 des Absolutis-
mus. Er schließt damit:
"Welche nationalen, welche prinzipiellen Verschiedenheiten die
große Partei der Revolution immerhin spalten mögen - wir alle ha-
ben gelernt, daß zur Bekämpfung dieser verschiednen Ansichten un-
tereinander die Stunde erst nach dem Siege gekommen ist" etc.
etc.
Was meinst Du von dieser Berechnung? Techow setzt voraus, daß die
Desorganisation auf Seite der regulären Armeen und die Organisa-
tion auf Seite der revolutionären Streitkräfte sich befinden
wird. Das bildet die Basis seiner Rechnung. Doch Du wirst besser
über diese Statistik urteilen können als ich.
Was aber die eigentlich politische Tendenz des Aufsatzes ist, die
in der Ausführung noch klarer durchblickt, so ist sie die: Es
bricht gar keine Revolution aus, d. h. kein Parteikampf, kein
Bürgerkrieg, kein Klassenzwist, bis nach B e e n d i g u n g
d e s K r i e g s und dem Sturz Rußlands. Um aber diese Armeen
für diesen Krieg zu organisieren, da bedarf es der G e w a l t.
Und woher soll die G e w a l t k o m m e n? Vom General Ca-
vaignac oder einem ähnlichen militärischen Diktator in Frank-
reich, der seine Generale in Deutschland und Oberitalien hat.
Voilà la solution 5*), die nicht sehr weit von Willichs Ideen
abliegt. Der Weltkrieg, d.h. im Sinne der revolutionären preußi-
schen Lieutenants, die Herrschaft, wenigstens provisorisch, des
Militärs über das Zivil. Wie aber ein General quelconque 6*), und
stände der alte
-----
5*) Dies ist die Lösung - 6*) irgendeiner
#351# 121 - Marx an Engels - 23. September 1851
-----
Napoleon selbst aus dem Grab, nicht nur die Mittel, sondern auch
diesen Einfluß erhalten soll, ohne vorhergehende und gleichzei-
tige i n n e r e Kämpfe, ohne die verdammte "innere Politik",
darüber schweigt das Orakel. Wenigstens "der fromme Wunsch" der
künftigen Weltkriegler, der seinen angemeßnen politischen Aus-
druck exakt findet in den klassenlosen Politikern und Demokraten
als solchen, ist rein herausgesagt.
Leb wohl.
Dein K. M.
Soeben hab' ich Deinen Brief erhalten, was ich hier noch anzeige.
NB. Du weißt doch, daß der Stechahn oder Steckhahn 7*) in Hanno-
ver verhaftet war und, eh' er in unsre Verbindung trat, mit dem
Komitee Schapper etc. in Korrespondenz stand. Nun sind 2 Briefe,
die er an den Sekretär Dietz dieses Komitees schrieb - an den Ka-
kerlak - und die dieser erhalten hatte, jetzt befindlich auf dem
Büro des Polizeiinspektors in Hannover. Ulmer war nun von uns be-
auftragt, Herrn Dietz et Co. darüber zu interpellieren nächsten
Freitag in der öffentlichen Sitzung des "Flüchtlings- oder Emi-
grationsvereins". Wir haben wieder Kontreorder gegeben. Stechan
ist durchgebrannt, also auf dem Weg nach London oder schon hier.
Und wer bürgt uns dafür, daß St[echan] nicht zu unsern Feinden
geht, statt zu uns?
Die Straubinger [47] sind capables de tout 8*). Neuer Beweis:
Herr Paul Stumpf, der auf seinem kurzen Besuch hier in London
sich weder bei mir noch Lupus sehn ließ, sondern ausschließlich
mit den Lumpen verkehrte.
Deine Handelsnachrichten haben mich äußerst interessiert.
Was den C. Schramm angeht, so hatte er von mir ein kurzes
Legitimationsschreiben, eingetragen in seine Brieftasche. Diese
Zeilen könnten zum Uriasbrief an ihm geworden sein. Sie wurden
ihm damals gegeben, um ihm scheinbar Vertrauen zu zeigen und ihn
sicherzustellen, da der Kerl uns bedeutend schaden konnte.
Gleichzeitig aber wurde Reinhardt geschrieben, sich vor ihm -
falls er ihm sich präsentieren sollte mit dem a l l g e m e i n
gehaltenen Schreiben - in acht zu nehmen. Das Fatale ist, daß
mein Name drunter steht. Dem Schramm kann es 6 Monate einbringen.
Addio!
-----
7*) muß heißen: Stechan - 8*) zu allem fähig
zurück