Quelle: MEW 27 Briefe Februar 1842 bis Dezember 1851


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       #353# - 123 - Engels an Marx - 26. September 1851
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       123
       
       Engels an Marx
       in London
       
       [Manchester, 26. September 1851]
       Lieber Marx,
       Was die  Techowsche Kriegsgeschichte  1*) angeht, so ist sie auch
       militärisch ungeheuer flach und stellenweise direkt falsch. Abge-
       sehen von den tiefen Wahrheiten, daß gegen die Gewalt nur die Ge-
       walt hilft,  von den abgeschmackten Entdeckungen, daß die Revolu-
       tion nur dann siegen kann, wenn sie allgemein ist (also wörtlich,
       wenn sie  gar keinen  Widerstand findet, und dem Sinne nach, wenn
       sie eine Bourgeoisrevolution ist), abgesehn von der wohlmeinenden
       Absicht, die  fatale "innere Politik", die eigentliche Revolution
       also, durch  einen bis  jetzt, trotz  Cavaignac und Willich, noch
       nicht entdeckten  Militärdiktator zu  erdrücken, und abgesehn von
       dieser sehr  bezeichnenden politischen  Formulierung der  Ansicht
       dieser Herren über die Revolution, ist militärisch zu bemerken:
       1. Die eiserne  Disziplin, die  allein den Sieg verschaffen kann,
       ist genau  die Kehrseite  der "Vertagung  der innern Politik" und
       der Militärdiktatur.  Wo soll diese Disziplin herkommen? Die Her-
       ren sollten  doch in Baden und der Pfalz [276] einige Erfahrungen
       gemacht haben.  Es ist eine evidente Tatsache, daß die Desorgani-
       sation der  Armeen und  die gänzliche Lösung der Disziplin sowohl
       Bedingung wie  Resultat jeder  bisher siegreichen Revolution war.
       Frankreich brauchte  von 1789-92,  um  nur  eine  Armee  von  ca.
       60 000-80 000 Mann  - die Dumouriezsche - wieder zu organisieren,
       und selbst die zerfiel wieder, und es gab sozusagen keine organi-
       sierte Armee  in Frankreich  bis Ende  1793. Ungarn  brauchte von
       März 1848 bis Mitte 1849, eh' es eine ordentlich organisierte Ar-
       mee hatte. Und wer brachte in der ersten französischen Revolution
       die Disziplin  in die  Armee?: nicht  die Generäle, die erst nach
       einigen Siegen  in einer  Revolution, bei  improvisierten  Armeen
       Einfluß und  Autorität bekommen,  sondern die terreur 2*) der in-
       nern Politik, der Zivilgewalt.
       Streitkräfte der Koalition:
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       1*) Siehe vorl. Band, S. 347-351 - 2*) der Terror
       
       #354# 123 - Engels an Marx - 26. September 1851
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       1. Rußland. Die  Annahme von  300 000 Mann  Effektivtruppen,  von
       denen 200 000  unter Gewehr  auf dem  Kriegsschauplatz, ist hoch.
       Passe encore.  3*) Aber  in 2  Monaten können  sie weder am Rhein
       (allenfalls die  Avantgarde am  Niederrhein, bei  Köln)  noch  in
       Oberitalien sein.  Um gleichzeitig  agieren zu  können, sich  mit
       Preußen, östreich pp. gehörig zu dislozieren, gehn 3 Monate hin -
       eine russische Armee marschiert nicht über 2-21/2 deutsche Meilen
       den Tag und ruht jeden dritten. Es dauerte fast 2 Monate, bis sie
       in Ungarn auf dem Kriegsschauplatz erschienen.
       2. Preußen. Mobilisierung: mindestens 4-6 Wochen. Die Spekulatio-
       nen auf  Abfallen, Aufstände  pp. sehr  riskiert. Kann  im besten
       Falle doch  150 000 Mann,  im schlechtesten aber vielleicht nicht
       50 000 disponibel machen. Da mit 1/3 und 1/4 zu rechnen, ist rei-
       ner Humbug, es kommt alles auf Zufälligkeiten an.
       3. Östreich. Ebenso  chanceux 4*),  noch  vertuckter  5*),  Wahr-
       scheinlichkeitsrechnung à la Techow hier außer aller Möglichkeit.
       Im besten Fall stellt es, wie T[echow] angibt, vielleicht 200 000
       Mann gegen  Frankreich, im  schlechtesten kommt  es  nicht  dazu,
       einen Mann  zu detachieren,  und kann  den  Franzosen  vielleicht
       100 000 Mann  h ö c h s t e n s  bei Triest entgegenstellen.
       4. Bundesarmee -  die bayrische geht gewiß zu 2/3 gegen die Revo-
       lution und  hie und da auch noch ein Stück. Mit 3 Monat Zeit läßt
       sich allenfalls  ein Korps  von 30 000-50 000 Mann daraus bilden,
       und gegen Revolutionssoldaten sind sie im Anfang gut genug.
       5. Dänemark stellt  gleich 40 000-50 000  Mann gute  Soldaten ins
       Feld, und wie 1813 werden die Schweden und auch die Norweger mit-
       müssen auf  den großen Kreuzzug. T[echow] denkt daran nicht, auch
       nicht an Belgien und Holland.
       Streitkräfte der Revolution.
       1. Frankreich. Hat  430 000 Mann  unter den Waffen. Davon 100 000
       in Algier.  90 000 nicht  présent sous  les armes  6*) -  1/4 des
       Rests. Bleiben 240 000 - von denen in 4-6 Wochen, trotz der jetzt
       bedeutend vervollständigten  Eisenbahnen, nicht über 100 000 Mann
       an der  belgisch-deutschen und  80 000 Mann an der savoyisch-pie-
       montesischen Grenze  erscheinen können.  Sardinien  wird  diesmal
       versuchen, wie Belgien 1848, den Fels im Meere zu spielen; ob da-
       her das  piemontesische Heer,  ohnehin voll sardinischer bigotter
       Bauernjungen -  wenigstens in seiner jetzigen Gestalt mit aristo-
       kratischen Offizieren  -,  der  Revolution  so  sicher  ist,  als
       T[echow] sich einbildet
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       3*) Aber das  ist noch  möglich. -  4*) vom Zufall abhängig - 5*)
       verwickelter - 6*) unter Waffen stehend
       
       #355# 123 - Engels an Marx - 26. September 1851
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       bildet, ist  sehr die  Frage. Viktor Emanuel hat sich Leopold zum
       Muster genommen, c'est dangereux 7*).
       2. Preußen  -? 3. Östreich -?, d.h. was regelmäßige, organisierte
       Soldaten angeht. Was Freischaren angeht, so werden sich ihrer Le-
       gion melden,  natürlich zu nichts zu brauchen: Wenn in den ersten
       Monaten aus den abgefallnen Truppen 50 000-60 000 brauchbare Sol-
       daten zu  machen sind,  so ist  das viel.  Wo sollen in so kurzer
       Zeit die Offiziere herkommen?
       Nach alledem ist es wahrscheinlicher, da gerade das, was Napoleon
       die rasche Formierung riesiger Armeen möglich machte, gute Cadres
       nämlich,  in   jeder  Revolution   notwendig  fehlen  (selbst  in
       Frankreich), daß  die Revolution,  wenn sie im nächsten Jahre zu-
       stande kommt,  vorderhand entweder auf der Defensive bleiben oder
       sich auf hohle Proklamationen von Paris aus und sehr ungenügende,
       blamable und  schädliche Risquons-Tout-Expeditionen [277] in grö-
       ßerem Maßstab  beschränken muß. Es sei denn, daß die Rheinfestun-
       gen im ersten Sturm übergehn, und daß das piemontesische Heer dem
       Aufruf des Bürgers Techow folgt; oder daß die Desorganisation der
       preußischen und  östreichischen Truppen sofort Berlin und Wien zu
       Zentren erhält,  und dadurch  Rußland auf die Defensive versetzt;
       oder daß  sonst Geschichten  passieren, die sich nicht vorhersehn
       lassen. Und darauf à la Techow zu spekulieren und wahrscheinlich-
       keitszurechnen ist  müßig und  willkürlich, wie ich das in meinen
       eignen Experimenten hinlänglich gesehn habe. Es läßt sich da bloß
       sagen, daß von der Rheinprovinz enorm viel abhängt.
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       7*) das ist gefährlich

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