Quelle: MEW 27 Briefe Februar 1842 bis Dezember 1851


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       #356# 124 - Marx an Engels - 13. Oktober 1851
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       124
       
       Marx an Engels
       in Manchester
       
       [London] 13. Oktober 1851
       28, Dean Street, Soho
       Lieber Engels!
       Du wirst  aus der  "K[ölnischen] Z[eitung]" ersehn haben, daß ich
       eine Erklärung  gegen den Klatsch der A[ugsburger] "A[llgemeinen]
       Z[eitung]" gemacht  habe. [278]  Das Geschwätz wurde zu toll. Was
       die Lümmel  mit den  letzten fortgesetzten  Attacken, die  sie in
       alle deutschen  Zeitungen brachten,  bezweckten, war, wie ich si-
       cher weiß,  mich in ein Dilemma einzuzwängen. Ich sollte entweder
       die  Konspiration  öffentlich  desavouieren  und  so  unsre  Par-
       teifreunde,  oder   sie  offen   anerkennen,  und   damit   einen
       "juristischen" Verrat begehn. Diese Herrn sind indes zu plump, um
       uns zu fangen.
       Weydemeyer ist  am 29.  September von Havre nach New York abgese-
       gelt. Er traf daselbst Reich, der auch über See ging nach den At-
       lanticis. Reich  war mit Schramm 1*) verhaftet worden und berich-
       tet, daß  die Polizei bei Schramm eine Kopie des Protokolls fand,
       worin sich die Verhandlungen befinden, die sein Duell mit Willich
       veranlaßten, das Protokoll desselben Abends, wo er Willich insul-
       tierte und  aus der  Sitzung lief. [279] Die Sache ist von seiner
       Hand geschrieben  und ohne Unterschrift. Die Polizei fand so her-
       aus, daß er S[chramm] heißt und nicht "Bamberger", auf dessen Paß
       er sich in Paris aufhielt. Andrerseits hat das Protokoll zur Ver-
       wirrung des  Herrn Stadthauptmann  Weiß u. Co. beigetragen, indem
       unsre Namen  so in den Dreck verwickelt wurden. Da Schramm einmal
       diese Dummheit  begangen, ist  es wenigstens  erfreulich, daß der
       Ehrenmann direkt dafür gezüchtigt wird.
       Kinkel hat  also die  von Amerika  gesandten 160  £ St. dazu ver-
       wandt, um  mit seinem  Retter Schurz persönlich nach Amerika kol-
       lektieren zu gehn. 2*) Ob er grade in diesem Augenblick der pres-
       sure on  the american  money-market 3*)  zur rechten  Zeit kömmt,
       scheint zweifelhaft. Er wählte den
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       1*) Conrad Schramm  - 2*) siehe  vorl. Band,  S.  363  -  3*) des
       Drucks auf dem amerikanischen Geldmarkt
       
       #357# 124 - Marx an Engels - 13. Oktober 1851
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       Moment so,  daß er  v o r  Kossuth eintraf, und schmeichelt sich,
       letztern bei  irgendeiner Gelegenheit in dem Land der Zukunft öf-
       fentlich zu  umarmen und  in allen  Zeitungen gedruckt  zu lesen:
       Kossuth und Kinkel!
       Herr  Heinzen  hat,  durch  seine  Sklavenemanzipationsheulereien
       unterstützt, eine  neue Aktiengesellschaft  in New  York zustande
       gebracht und führt sein Blatt unter etwas verändertem Titel fort.
       Stechan -  traue keinem  Straubinger [47]  nicht -  befindet sich
       seit mehren  Wochen hier im Gefolge von Willich-Schapper. Während
       das factum  besteht, daß seine an den Kakerlak Dietz geschriebnen
       Briefe zu  Hannover auf  der Polizei  liegen, schreibt  St[echan]
       eine Korrespondenz in die "Norddeutsche Z[eitung]", worin er mel-
       det, Herrn  Dietz sei das Pult erbrochen (quelle bêtise! 4*)) und
       so die  Briefe entwendet worden. Der Spion sei, wie jetzt konsta-
       tiert, der  seit lange  im Dienste  der Polizei befindliche Haupt
       aus Hamburg.  Welch Glück,  daß ich  vor einigen Wochen jeden öf-
       fentlichen Schritt  in der Angelegenheit Dietz-Stechan verhindert
       habe. Was den Haupt betrifft, so habe ich nichts mehr von ihm ge-
       hört und  sinne vergebens  auf ein  Mittel, einen  Brief in seine
       Hand zu  spedieren, denn  H[aupt] muß  sich erklären.  Mit Weerth
       hab' ich's schon einmal versucht, aber die Hausleute H[aupt]s ha-
       ben ihn  immer abgewiesen unter dem Vorwand, er sei abwesend. Que
       penses-tu de  Haupt? 5*)  Ich bin  überzeugt, daß  er weder Spion
       ist, noch jemals Spion war.
       Edgar Bauer  soll auch hier sein. Ich habe ihn noch nicht gesehn.
       Vor einer  Woche traf  Blind hier mit Gattin (Madame Cohen) vor 8
       Tagen ein zum Besuch der Exhibition [184], ist vergangnen Sonntag
       wieder abgereist.  Ich habe  ihn seit  Montag nicht wiedergesehn,
       und zwar durch folgenden abgeschmackten Vorfall, der Dir beweist,
       wie sehr  der Unglückliche  unter dem  Pantoffel steht. Heute er-
       hielt ich  einen Stadtbrief,  worin er mir seine Abreise anzeigt.
       Am vergangnen  Montag nämlich war er bei mir mit Gattin. Außerdem
       anwesend Freiligrath, roter Wolff (der sich nebenbei bemerkt ganz
       stille wieder  herangeschlichen und  zudem noch  mit  einem  eng-
       lischen Blaustrumpf   v e r h e i r a t e t  hat), Liebknecht und
       der unglückliche  Pieper. Die  Frau ist  eine lebhafte Jüdin, und
       wir lachten  und schwatzten  ganz lustiglich, als der Vater aller
       Lügen die Sprache auf Religion brachte. Sie renommierte mit Athe-
       ismus, Feuerbach  etc. Ich griff F[euerbach]um an, aber natürlich
       sehr manierlich  und freundlichst. Im Anfang schien mir die Jüdin
       Spaß an  der Diskussion  zu haben, und das war natürlich der ein-
       zige Grund,  warum ich mich auf dies mir ennuyante Thema einließ.
       Dazwischen
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       4*) welche Dummheit! - 5*) Was hältst Du von Haupt?
       
       #358# 124 - Marx an Engels - 13. Oktober 1851
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       orakelte mein  doktrinärnaseweises Echo,  Herr Pieper, allerdings
       nicht grade  sehr taktvoll.  Plötzlich seh'  ich, daß die Frau in
       Tränen schwimmt.  Blind wirft  mir  melancholisch  ausdrucksvolle
       Blicke zu,  sie bricht  auf -  und ward nicht mehr gesehn, ni lui
       non plus  6*). Solch  Abenteuer habe  ich in meiner langen Praxis
       noch nicht erlebt.
       Pieper ist abgesegelt mit dem Haus Rothschild nach Frankfurt a.M.
       Er hat  sich die  sehr unangenehme Manier angewöhnt, wenn ich mit
       jemandem diskutiere,  sich in sehr albern schulmeisterlichem Tone
       einzumischen.
       Was sie eben gelernt, das wollen sie heute schon lehren.
       Ach, was haben die Herrn doch für ein kurzes Gedärm. [280]
       Der Ehren-Göhringer  hat mir einen summons 7*) auf den 22. dieses
       Monats zugeschickt  wegen der  alten Forderung.  Gleichzeitig ist
       der große Mann nach Southampton gereist, um Kossuth zu empfangen.
       Es scheint, daß ich die Empfangsfeierlichkeiten zahlen soll.
       Ich habe  aus Paris  2 Briefe  erhalten, einen  von Ewerbeck  und
       einen von Sasonow. Herr Ewerbeck gibt ein unsterbliches Werk her-
       aus : "L'Allemagne et les Allemands". Erstreckt sich von Arminius
       dem Cherusker  (so schreibt er mir wörtlich) bis auf das Jahr des
       Herrn 1850.  Er verlangt  von mir biographisch-literarhistorische
       Notizen über  die 3  Männer: F. Engels, K. Marx und B. Bauer. Die
       Scheiße hat  schon begonnen  mit dem  Druck. Que  faire? 8*)  Ich
       fürchte, wenn  man dem  Kerl gar  nicht antwortet,  bringt er den
       größten Unsinn  über uns  in die  Welt. Schreib mir, was Du davon
       denkst.
       An Sasonows  Brief ist  jedenfalls das  Interessanteste das Datum
       "Paris". Wie kommt S[asonow] in diesem diffizilen Augenblick nach
       Paris! Ich  werde ihn  um Aufschluß über dies mystère 9*) bitten.
       Er räsoniert  seinerseits sehr über Dronke, der ein fainéant 10*)
       sei und  sich von einigen Bourgeois "enjôler" 11*) lasse. Er habe
       die Hälfte des "Manifests" 12*) übersetzt. D[ronke] habe sich zur
       Übersetzung der andern Hälfte verpflichtet. Durch seine gewöhnli-
       che Nachlässigkeit  und Faulheit  sei aus  dem Ganzen  nichts ge-
       worden. Letztre  Sache sieht  unsrem D[ronke]  allerdings ähnlich
       wie ein Ei dem andern.
       Nachdem Herr  Campe meine  Anerbietung  zu  der  Broschüre  gegen
       Proudhon 13*),  Herr Cotta  und später Löwenthal die (durch Ebner
       in Frankfurt  vermittelte) wegen  meiner Ökonomie  ausgeschlagen,
       scheint sich  endlich für  letztere eine Aussicht zu eröffnen. In
       einer Woche werde ich wissen,
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       6*) er ebensowenig  - 7*) Zahlungsbefehl - 8*) Was tun? - 9*) Ge-
       heimnis -  10*) Faulenzer -  11*) "beschwatzen" -  12*) "Manifest
       der Kommunistischen Partei" - 13*) "Misère de la philosophie"
       
       #359# 124 - Marx an Engels - 13. Oktober 1851
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       ob sie  sich realisiert.  Es ist  ein Buchhändler in Dessau, auch
       durch Ebner  vermittelt. Dieser  Ebner ist ein Freund von Freili-
       grath.
       Von der  "Tribüne" habe  ich noch keinen Brief erhalten, sie auch
       noch nicht zu Gesicht bekommen, zweifle aber nicht, daß die Sache
       ihren Fortgang  hat. [281] Jedenfalls muß sich das in einigen Ta-
       gen aufklären.
       Du mußt mir übrigens endlich Deine vues 14*) über Proudhon [253],
       wenn noch  so kurz, mitteilen. Sie interessieren mich um so mehr,
       als ich jetzt in der Ausarbeitung der Ökonomie begriffen bin. Ich
       habe übrigens  in der  letzten Zeit  auf der  Bibliothek, die ich
       fortbesuche, hauptsächlich Technologie, die Geschichte derselben,
       und Agronomie  geochst, um wenigstens eine Art Anschauung von dem
       Dreck zu bekommen.
       Qu'est ce  que fait  la crise  commerciale? 15*)  Der "Economist"
       enthält die Tröstungen, Beteuerungen und Ansprachen, die den Kri-
       sen regelmäßig  vorausgehn. Man fühlt indessen seine Furcht, wäh-
       rend er den andern die Furcht auszuschwatzen sucht. Wenn Dir fol-
       gendes Buch in die Hand fällt: Johnston "Notes on North America",
       2. vol.  1851, so  wirst Du  allerlei interessante  Notizen darin
       finden. Dieser  J[ohnston] ist  nämlich der englische Liebig. Ein
       Atlas für physische Geographie von "Johnston", nicht mit dem Obi-
       gen zu  verwechseln, ist vielleicht in einer der Leihbibliotheken
       Manchesters zu  haben. Er enthält die Zusammenstellung sämtlicher
       neueren und  älteren Forschungen in diesem Gebiet. Kostet 10 Gui-
       neen. Also  nicht für Private berechnet. Von dem dear 16*) Harney
       verlautet nichts. Er scheint noch immer in Schottland zu hausen.
       Die Engländer  geben zu,  daß die  Amerikaner den  Preis  in  der
       Industrieausstellung davongetragen  und sie  in allem besiegt ha-
       ben. 1.  Guttapercha. Neuer  Stoff und neue Produktionen. 2. Waf-
       fen. Revolvers. 3. Maschinen. Mäh-, Säe- und Nähmaschinen. 4. Da-
       guerreotyps zum  erstenmal im großen angewandt. 5. Schiffahrt mit
       ihrer Jacht.  Endlich, um  zu zeigen,  daß sie  auch Luxusartikel
       liefern können, haben sie einen kolossalen Klumpen kalifornisches
       Golderz ausgestellt  und daneben  ein goldnes  service von virgin
       17*) Gold.
       Salut!
       D. K. Marx
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       14*) Ansichten - 15*) Was macht die Handelskrise? - 16*) teuren -
       17*) gediegenem

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