Quelle: MEW 27 Briefe Februar 1842 bis Dezember 1851
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#360# 125 - Engels an Marx - 15. Oktober 1851
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Engels an Marx
in London
Lieber Marx,
Inliegend Post Office Order 1*) für zwei Pfund. Particulars 2*)
wie früher. Die Geschichte mit Göhringer ist sehr fatal. Du wirst
zahlen müssen; die gentlemen vom County Court 3*) machen kurzen
Prozeß, und die Handschrift ist da. Ich würde an Deiner Stelle so
rasch wie möglich das Geld nebst Summonskosten 4*) auftreiben und
dem Kerl zuschicken, il n'y à rien à faire 5*), und in den Ge-
richtshof zu gehn und sich verdonnern lassen, macht nur noch mehr
Kosten und ist nicht zu angenehm. Wieviel beträgt die Summe, und
was kannst Du auftreiben? Schreib mir möglichst genau darüber,
ich tu' gewiß mein möglichstes, um Dir die brokers 6*) aus dem
Haus zu halten, so knapp ich jetzt selbst bin.
Die Geschichte mit dem Schr[amm] 7*) ist nicht sehr angenehm, es
wäre besser gewesen, wenn wir aus dieser Sauerei ganz herausge-
halten worden wären. Das Protokoll mit den erbaulichen Zänkereien
wegen der Trustengelder von B[auer] 8*) und Pf[änder] [156] ist
gar nicht angenehm in den Händen dieser Herren, und Schr[amm]
verdient den Hintern ausgehauen dafür, daß er solche Sachen mit
sich herumschleppt. Jedenfalls ist es ihm recht, daß er proviso-
risch dafür brummen muß und 6 Monate wegen falschen Passes bekom-
men wird.
Was den Haupt angeht, so werd' ich ihn nicht eher für einen Spion
halten, bis ich die Beweise davon in der Hand habe. Der Kerl mag
im Cachot Bevuen 9*) gemacht haben, und verdächtig ist allerdings
die Geschichte mit Daniels, der auf seine Denunziation hin ver-
haftet sein soll. Aber dies Knotengeschwätz aus der Windmill
Street [157] ist um so alberner, als es zu gleicher Zeit mit der
Erbrechung des Dietzschen Pults laut wird. Wahrscheinlich hat
Haupt auch von Hamburg aus dem Kakerlaken das Pult aufgebrochen.
Warum klagt denn der edle Dietz nicht bei der englischen Polizei?
Übrigens wäre es allerdings sehr gut, wenn es ginge, den Haupt zu
einer Erklärung zu bringen. Wenn Du einen Brief an Weerth für ihn
schickst,
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1*) Postanweisung - 2*) Details - 3*) Grafschaftsgericht -
4*) Vorladungskosten - 5*) es ist nichts zu machen - 6*) Ge-
richtsvollzieher - 7*) siehe vorl. Band, S. 356 - 8*) Heinrich
Bauer - 9*) Gefängnis Dummheiten
#361# 125 - Engels an Marx - 15. Oktober 1851
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so sollte ich meinen, daß W[eerth] doch binnen 14 Tagen Gelegen-
heit finden müßte, ihn ihm selbst zu überliefern und im Notfall
ihm selbst aufs Comptoir zu rücken. Einen Kaufmann kann man immer
finden.
Die Geschichte mit Bl[ind] und Gattin ist allerdings noch nie da-
gewesen. Tränen zu vergießen und durchzubrennen, weil Monsieur
Pieper den Feuerbach schlecht macht, c'est fort 10*).
Gebrauchst Du das Wort "verheiratet" vom roten Wolff im engli-
schen, solid bürgerlichen Sinn? Ich muß es fast glauben, da Du es
unterstreichst. Das wäre doch über alle Bäume erhaben. M. Wolff
bon époux, peut-être même bon père de famille! 11*)
Ich glaube, Du tust am besten, den Ewerbeck mit einigen magern
Notizen abzuspeisen und ihn passablen Humors zu halten, es kann
zu nichts nützen, daß der Kerl in Frankreich gar zu großen Blöd-
sinn über uns verbreitet. Der Mensch hat übrigens eine Zähigkeit
in seinen Experimenten, ein großer Mann zu werden, die unbegreif-
lich ist, da sie sogar seinen Geiz überwindet; denn das neue
"Unsterbliche" geht doch unzweifelhaft wieder auf eigne Kosten,
mit Aussicht auf Absatz von 50 Exemplaren. [282]
Von Sasonow laß mich Weiteres hören, wenn Du von ihm hörst. Dies
Abenteuer ist pikant, und Mr. Sasonow wird äußerst verdächtig.
Ich bin grade dran, mir aus Proudhon die nötigen Zusammenstellun-
gen zu machen. [260] Warte bis Ende dieser Woche, und Du erhältst
ihn mit Glossen zurück. Die Rechnungen des Kerls sind wieder ka-
pital. Wo eine Zahl ist, da ist auch ein Schnitzer.
Wie es hier mit der Krise gehn wird, ist noch nicht zu sagen. Vo-
rige Woche ist nichts gemacht worden wegen der Königin. [283]
Diese Woche auch noch nicht viel. Der Markt hat aber eine down-
ward tendency 12*) bei noch festen Preisen des Rohmaterials. In
einigen Wochen wird beides bedeutend heruntergehn, und wahr-
scheinlich, nach den jetzigen Aussichten, das Industrieprodukt
verhältnismäßig mehr als das Rohmaterial, der Spinner, Weber,
Drucker also wird mit geringerem Nutzen arbeiten müssen. Das ist
schon sehr verdächtig. Aber der amerikanische Markt droht
auszugehn, aus Deutschland sind die Berichte nicht übermäßig
günstig, und wenn das so fortgeht mit dem Absterben der Märkte,
so können wir den Anfang des Endes in ein paar Wochen erleben. In
Amerika ist schwer zu sagen, ob die pressure 13*) und die
Bankerotte (zusammen 16 Millionen Dollars Passiva) schon
wirklicher Anfang sind oder bloße Sturmvögel. Jedenfalls sind
hier schon sehr bedeutende Sturmvögel im Gang. Der iron trade
14*)
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10*) das ist stark - 11*) Herr Wolff als guter Ehemann, viel-
leicht sogar guter Familienvater! - 12*) fallende Tendenz -
13*) der Druck - 14*) das Eisengeschäft
#362# 125 - Engels an Marx - 15. Oktober 1851
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ist ganz paralysiert, und 2 der ihn besonders mit Geld versehen-
den Banken - die in Newport - sind kaputt; außer den neulichen
failures 15*) in London und Liverpool jetzt ein Talgspekulant in
Glasgow, und an der Londoner Stockexchange 16*) Herr Thomas All-
sop, Freund von O'Connor und Harney. Ich hab' heute die Berichte
aus den Woll-, Seiden- und Metallwarendistrikten nicht gesehn,
cela ne sera pas trop brillant non plus 17*). Jedenfalls sind die
Anzeichen jetzt gar nicht mehr zu verkennen, und die Aussicht, ja
fast die Gewißheit ist vorhanden, daß die kontinentalen Krämpfe
des nächsten Frühjahrs mit einer ganz hübschen Krise zusammenfal-
len. Selbst Australien scheint wenig tun zu können, das Goldfin-
den ist seit Kalifornien alt und die Welt darüber blasiert; es
fängt an, ein regular trade 18*) zu werden, und die umliegenden
Märkte sind selbst so überführt, daß sie, ohne ihrem eignen glut
19*) besondern Abbruch zu tun, unter den 150 000 Neusüdwalesern
einen extra glut zustande bringen können.
Enfin 20*) also hat Herr Louis-Napoleon sich entschlossen, Herrn
Faucher den Abschied zu geben. Es war zu erwarten, daß er die
Prorogation diesmal nicht vorübergehn lassen konnte, ohne den vo-
rigjährigen Coup mit Changarnier zu wiederholen - ob mit demsel-
ben Erfolg, wird sich zeigen. Er ist, um den Jägerausdruck zu ge-
brauchen, endlich von den Royalisten brought to bay 21*), kehrt
um und zeigt die Hörner. Wann er indes wieder den Schwanz zwi-
schen die Beine nehmen wird, werden wir sehn. Der elende Abenteu-
rer ist jedenfalls so herunter, daß er machen kann, was er will;
il est foutu 22*); aber interessant fängt die Geschichte jetzt an
zu werden. In einer Beziehung ist es schade, daß die famose Re-
pression Faucher-Carlier, der progressive Belagerungszustand, die
Gendarmentyrannei etc. so früh unterbrochen zu werden droht, und
wenn der feige Napoleon wirklich die Courage hat, das Wahlgesetz
ernsthaft zu attackieren, so kann er seine Abschaffung schon
durchsetzen, was auch schade wäre, indem es den legalen Fort-
schrittseseln vom 13. Juni [284] wieder ihren gesetzlichen Boden
gäbe - aber wer weiß, was bei diesen Franzosen gut und was
schlimm ist? Was hältst Du von
d[em D]reck 23*)? Du siehst dort mehr Blätter.
Dein F. E.
[Manchester] Mittwoch, 15. Okt. 51
Jones schickt mir ein Zirkular zu, er müsse noch 600 Subskriben-
ten haben oder kaputtgehn [285], mais que puis-je faire? 24*)
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15*) Bankrotten - 16*) Börse- 17*) das wird auch nicht allzu
glänzend sein- 18*) regelrechtes Gewerbe - 19*) Warenüberschuß -
20*) Endlich - 21*) gestellt - 22*) er ist hin - 23*) Papier be-
schädigt - 24*) aber was kann ich machen?
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