Quelle: MEW 27 Briefe Februar 1842 bis Dezember 1851
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#363# 126 - Marx an Engels - 19. Oktober 1851
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Marx an Engels
in Manchester
[London] 19. Oktober 1851 28, Dean Street, Soho
Lieber Engels!
Vor einigen Tagen erhielt ich einen Brief von Dronke, worin die-
ser - von wegen Ausweisung angeblich - seine Ankunft in London
für den 23. oder 24. dieses Monats ankündigt. Die Existenzfrage
wird ihm hier näher denn je auf den Leib rücken.
Eine noch fatalere Nachricht ist die: Ich führte seit letzter
Zeit die Korrespondenz mit Köln so, daß die Briefe an mich durch
den Eisenbahnkonduktor Schmidt nach Lüttich besorgt, ich andrer-
seits, unter einem Kuvert, ihm einen Brief nach Lüttich durch
eine dritte Person zuschickte. Dieser S[chmidt] ist nun verhaftet
worden, dann freigegeben, aber die Untersuchung dauert fort. In
dieser Sache scheint direkter Verrat im Spiel zu sein. Der Verab-
redung gemäß müßte Pieper übrigens längst Nachricht aus Köln, wo
Rothschilds sich einen Tag aufhielten, und aus Frankfurt ge-
schickt haben. Statt dessen ersehe ich aus einem Briefe Ebners
(aus F[rankfurt]) an Freiligrath, daß er, obgleich schon 8 Tage
in Frankfurt, noch nicht bei Ebner war, dem er einen Brief von
mir zu überbringen hatte. Unser großes Pech ist, daß unsre
Agenten höchst nachlässig die Sache immer betreiben, und stets
als Nebensache. Die andren sind unstreitig besser bedient.
In New York hat Kinkel, da ihm der Boden durch den Grobianus
Heinzen unterwühlt schien und er überhaupt nur aufzutreten weiß,
wo er unbestritten als Heiland gilt, kein Meeting gehalten und
keine "verzinslichen Schuldscheine" auf die zukünftige deutsche
Republik untergebracht [286]. Dagegen in Philadelphia, wie er an
den Emigrationsklub schreibt, deren für 4000 Dollars. In Pennsyl-
vanien überhaupt findet er die gehörige Masse lichtfreundlicher
Deutschkatholiken [287] vor. Kinkel hat nichts getan, als die
Erbschaft von Johannes Ronge angetreten. Dieser war der Johannes.
Er ist der Christ.
Mit Göhringer werde ich heute abend zusammenkommen. Die Sache
geht direkt aus von Willich et Co. Diesen Lumpen hat er nämlich
angeblich
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das ihm von mir geschuldete Geld geschenkt, auf deren dringendes
Anliegen. Ich werde ihm einen Wechsel auf 4 Wochen ausstellen.
Ich glaube, daß er darauf eingehn wird. Wenn nicht, so mag er vor
Gericht gehn. Ich habe alle Aussicht, in dieser Zeit den Kontrakt
mit dem Dessauer abgeschlossen zu haben, der natürlich eine Summe
pränumerando zahlen muß 1*).
Weerth ist wieder in Bradford. Il importe 2*), daß Du ihm
schreibst, ob er nicht einen Brief an Haupt p e r s ö n l i c h
besorgen könne. Die ganze Verleumdung scheint mir von 2 Quellen
auszugehn, einerseits Stechan-Dietz, andrerseits der Bettelvogt
Willich, der zuerst hier den Haupt als Spion bei Schärttners Pu-
blikum verdächtigte. Willich stand nämlich fortwährend in Zusam-
menhang mit dem expreußischen Unteroffizier Berthold. Haupt hatte
dieses Vieh in Hamburg bei einem Kaufmann untergebracht,
B[erthold] den Kaufmann bestohlen, wurde dann polizeilich ver-
folgt. Haupt zeugte natürlich gegen den Spitzbuben, der viel-
leicht den Ertrag mit seinem Freund Willich teilte. Und nun
schrie letztrer über den Verrat an "einem armen flüchtigen Pa-
trioten". Wenn man diese Geschichte ins Publikum bringt, wird der
"edle" Willich Augen machen. Nun wäre es wichtig, nicht nur den
Haupt aufzufordern, uns aufzuklären über die geheimen und öffent-
lichen Verdächtigungen gegen ihn; sondern, wenn er unschuldig
ist, muß er eine öffentliche Erklärung machen, erzählen, die
ganze Geschichte beruhe auf der Verleumdung von Willich, und
gleichzeitig dessen Zusammenhang, vielleicht als Partner, mit dem
Spitzbuben Berthold andeuten. Haupt weiß nämlich von dieser
W[illich]schen Gemeinheit, der Urquelle der Verdächtigungen gegen
ihn, noch nicht. Ist Weerth bereit, so könntest Du ihm einen in
diesem Sinn abgefaßten Brief an Haupt mitgeben. La chose presse.
3*) Auch auf den "Dietz" und seine zweideutige Pulteröffnung
müßte Haupt in seiner Erklärung hinweisen.
Was nun den Ewerbeck betrifft, so mußt Du mir wenigstens bis zum
Jahre 1845 die Dich betreffenden Notizen in etwelchen Zeilen
niederschreiben. 4*)
Die plötzliche Schwenkung des Herrn Louis Bonaparte, welche Kon-
sequenzen sie auch haben mag, ist ein Meisterstreich Girardins.
Du weißt, daß dieser Herr sich in London mit Ledru-Rollin verbun-
den hatte, und sein Blatt 5*) wurde eine Zeitlang auch wirklich
so dumm, wie es von einem Verbündeten Ledru[-RolIin]s und Mazzi-
nis zu erwarten steht. Unerwartet machte er den Zug mit dem suf-
frage universel 6*), wozu er mittelst seiner Artikel, des Dr. Vé-
ron und persönlicher entrevues 7*) den Bonaparte bestimmt
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1*) Siehe vorl. Band, S. 358/359 - 2*) Es ist wichtig - 3*) Die
Sache eilt. - 4*) siehe vorl. Band, S. 358, 361 - 5*) "La Presse"
- 6*) allgemeinen Wahlrecht - 7*) Zusammenkünfte
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hat. Die royalistische Konspiration ist so gebrochen. Die Wut des
sonst so diplomatischen "Journal des Débats" beweist dies am
klarsten. Aller stand unter einer Decke, Faucher, Carlier, Chan-
garnier und selbst der edle Berryer und Broglie, die scheinbar
sich mit Bonaparte ralliiert hatten. Jedenfalls ist jetzt die
"Revolution" - in dem Sinne des Losgehns - eskamotiert. Mit dem
suffrage universel ist nicht daran zu denken. Herr Girardin aber
liebt die revolutionäre Inszenesetzung nicht. Er hat die Royali-
sten und die Revolutionäre von Fach gleichmäßig düpiert, und es
ist sogar noch die Frage, ob er den Louis Bonaparte nicht auch
absichtlich düpiert. Denn das suffrage universel wieder einge-
setzt, wer bürgt dem Bonaparte für die Revision, und die Revision
erreicht, wer bürgt ihm dafür, daß sie in seinem Sinne ausfallen
wird? Dennoch, bei der naturwüchsigen Dummheit der französischen
Bauern fragt es sich, ob der Élu du suffrage universel 8*) als
Restaurator dieses suffrage nicht wiedergewählt wird aus Dankbar-
keit, namentlich wenn er by and by 9*) liberale Minister ernennt
und durch geschickte Pamphlets alles Unheil auf die konspirieren-
den Royalisten schiebt, die ihn gefangengehalten während 3 Jah-
ren. Es wird von seiner Geschicklichkeit abhängen. Bonaparte weiß
jetzt jedenfalls, daß ihm von der parti de l'ordre 10*) [238]
kein Weizen blüht.
Eines der komischsten Intermezzos in diesem Intrigenspiel ist die
melancholische Gebarung des "National" und des "Siècle", die
beide bekanntlich seit geraumer Zeit für das suffrage universel
geheult haben. Jetzt, wo Frankreich in Gefahr steht, es wieder
geschenkt zu erhalten, vermögen sie ihr Ressentiment nicht zu
verbergen. Wie nämlich die Royalisten mit dem suffrage restreint
11*) auf Changarniers, hatten sie mit demselben auf Cavaignacs
Wahl gerechnet. Girardin sagt ihnen gradezu, er wisse, daß sie
unter dem republikanischen Abscheu vor der Revision - die dem Bo-
naparte Aussicht auf Wiederwahl eröffne - nur ihren Haß gegen das
suffrage universel verbergen, das ihren Cavaignac und ihre ganze
Koterie unmöglich mache. Der arme "National" s'était déjà consolé
du départ du suffrage universel 12*).
Soviel ist sicher. Mit diesem Coup ist die Erneute für den Mai
1852 vereitelt 13*). Höchstens könnte sie jetzt früher ausbre-
chen, wenn eine von den herrschenden Koterien einen Coup d'état
14*) versuchte.
Dein K. M.
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8*) Erwählte des allgemeinen Wahlrechts - 9*) nach und nach -
10*) Ordnungspartei - 11*) beschränkten Wahlrecht - 12*) hatte
sich schon über den Hingang des allgemeinen Wahlrechts getröstet
-13*) siehe vorl. Band, S. 594 - 14*) Staatsstreich
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