Quelle: MEW 27 Briefe Februar 1842 bis Dezember 1851


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       #373# 130 - Engels an Marx - 27. November 1851
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       130
       
       Engels an Marx
       in London
       
       Lieber Marx,
       Meine paar  Zeilen von  vorgestern wirst  Du erhalten haben. Wenn
       Weerth das Nötige nicht gleich auftreiben kann, so will ich sehn,
       daß ich  übermorgen oder  spätestens Montag  die Sache  ins reine
       bringe. Im  Notfall wirst Du jedenfalls die Geschichte bis Diens-
       tag hinhalten können.
       Inliegend den  Brief von Meister Pieper zurück. Der Heine scheint
       ihm sehr  gelegen zu kommen, um die anstandsgemäßen 4 Seiten voll
       zu machen. [293] Ich hoffe, Du wirst ihm wegen des Pr[oudhon] 1*)
       einen zur  Tatkraft anspornenden  Brief geschrieben  haben,  denn
       wenn er  erst wieder  hier ist,  so hörst und siehst Du vom Manu-
       skript für  die erste Zeit kein Wort mehr. Wegen Löwenthal wider-
       sprechen sich  P[ieper] und  Ebner sehr,  jedenfalls ist aber dem
       letzteren mehr  zu trauen.  Ich glaube,  was das Anfangen mit der
       Geschichte der  Ökonomie betrifft,  wovon P[ieper]  spricht, daß,
       wenn L[öwenthal]  dies  wirklich  vorhat,  Ebner  ihm  am  besten
       Schwierigkeiten macht,  es ginge  nicht, Deinen ganzen Plan umzu-
       werfen, Du habest schon angefangen, die Kritik auszuarbeiten etc.
       Sollte es  aber nicht anders gehn, so müßte L[öwenthal] aber sich
       für zwei  Bände verpflichten, und Du würdest diesen Raum auch nö-
       tig haben,  teils wegen  des zu antizipierenden Kritischen, teils
       um die  Geschichte bei  dem am Ende doch keinenfalls für Londoner
       Kostenpreise berechneten  Honorar für  Dich einigermaßen rentabel
       zu machen.  Dann kämen als 3. Band die Sozialisten und als 4. die
       Kritik -  ce qu'il  en  resterait  2*)  -  und  das  vielberühmte
       "Positive", das,  was Du  "eigentlich" willst.  Die Sache  hat in
       dieser Form  ihre Schwierigkeiten,  aber sie  hat den Vorzug, daß
       man das  vielverlangte Geheimnis  erst ganz  am Schluß  sagt, und
       erst nachdem  die Neugier  des Bürgers  durch 3 Bände hindurch im
       Atem gehalten  worden, ihm  enthüllt, daß man keine Morisonpillen
       fabriziert. Für Leute von einigem Verstand werden die Andeutungen
       der ersten Bände, der Anti-Proudhon 3*), das "Manifest" 4*) genü-
       gen, um sie auf
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       1*) Siehe vorl. Band, S. 370 - 2*) das würde davon übrigbleiben -
       3*) "Misere de  la philosophie"  - 4*) "Manifest  der Kommunisti-
       schen Partei"
       
       #374# 130 - Engels an Marx - 27. November 1851
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       die richtige  Fährte zu  leiten; der  Kauf- und Lesemob wird sich
       für die  Geschichte etc.  nicht mehr  interessieren, wenn  er das
       große Mysterium  schon im  I. Band enthüllt bekommen hat; er hat,
       wie Hegel  in der  "Phänomenologie" sagt,  "die Vorrede" gelesen,
       und da steht ja das Allgemeine drin.
       Du tust gewiß am besten, mit Anstand, aber bei irgend akzeptablen
       Bedingungen, jedenfalls mit L[öwenthal] abzuschließen und das Ei-
       sen zu  schmieden, weil es warm ist. Dabei verfährst Du am besten
       umgekehrt wie  die Sibylle.  Für jeden  Louis d'or, den er Dir am
       Bogen abzieht,  zwingst Du  ihm so  viel Bogen mehr auf, daß dies
       doch wieder  herauskommt und  füllst diese Extrabogen mit Zitaten
       etc., die  Dich nichts kosten. 20 Bogen à 3 £ oder 30 Bogen à 2 £
       machen immer  60 £,  und 10 Bogen kostenfrei und ohne Zeitverlust
       zusammenzubringen aus Petty, Stewart, Culpeper und andern Kerlen,
       das ist  doch wahrhaftig  leicht, und  Dein Buch  wird um  soviel
       "belehrender"...
       Die Hauptsache  ist, daß Du erst wieder mit einem dicken Buch vor
       dem Publikum debütierst, und am besten mit dem unverfänglichsten,
       der Historia.  Die mittelmäßigen  und lausigen Literaten Deutsch-
       lands wissen  sehr gut, daß sie ruiniert wären, wenn sie nicht 2-
       3mal des  Jahrs mit  irgendeinem Schund vor dem Publikum erschie-
       nen. Ihre  Zähigkeit hilft  ihnen durch; obwohl ihre Bücher wenig
       oder nur  mittelmäßig ziehen,  glauben schließlich doch die Buch-
       händler, sie müßten große Männer sein, weil sie in jedem Meßkata-
       log ein  paarmal vorkommen.  Dann ist es auch platterdings nötig,
       daß der  Bann gebrochen  wird, der  durch Deine lange Abwesenheit
       vom deutschen  Büchermarkt und durch den späteren Schiß der Buch-
       händler entstanden ist. Ist einmal erst ein oder zwei Bände lehr-
       reicher, gelehrter, gründlicher und zugleich interessanter Sachen
       von Dir  erschienen, alors  c'est tout  autre chose  5*), und  Du
       pfeifst den Buchhändlern was, wenn sie niedrig bieten.
       Es kommt noch das dazu, daß Du diese  G e s c h i c h t e  nur in
       London machen  kannst, während  Du Sozialisten und Kritik überall
       machen kannst.  Es wäre  also gut,  wenn Du die Gelegenheit jetzt
       noch benutztest, ehe die Crapauds 6*) irgendeinen Blödsinn machen
       und uns wieder auf das theatrum mundi 7*) versetzen.
       Die New-Yorker  "Schnellpost" kommt  morgen. - Den Löwenthal, wie
       gesagt, halte unter allen irgend angehenden Umständen fest. Ist's
       mit ihm nichts, so sind, wie P[ieper] schreibt, Ebners Ressourcen
       erschöpft. Mit Löwenthal ist ohnehin später immer mehr als mit
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       5*) das ist  schon eine  ganz  andere  Sache  -  6*) Philister  -
       7*) die Weltbühne
       
       #375# 130 - Engels an Marx - 27. November 1851
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       andern auszurichten, weil man den Ebner hat, der ihm in Frankfurt
       auf dem  Nacken sitzt. Bringt er mit dem L[öwenthal], den er tag-
       täglich persönlich  treten kann,  nichts fertig, so ist die Sache
       mit andern  nicht in Frankfurt befindlichen Kerlen noch viel pro-
       blematischer. Du  solltest dem  Ebner so  schreiben, daß er weite
       Vollmachten von  Dir hat  und sofort  abschließen kann; je länger
       die Sache  trainiert 8*) wird, desto eher wird der L[öwenthal] es
       leid, und  kommen politische Ängste wegen 1852 dazwischen. Bricht
       in Paris das geringste Vorspielchen los, so ist alle Aussicht auf
       Buchhändler klatsch,  und macht  der Bundestag  Preßgesetze,  ehe
       schwarz auf  weiß kontrahiert  ist, so  bist Du  auch am Ende. Du
       mußt mit  der Wurst nach dem Schinken werfen, oder - te résigner,
       ce qui n'est pas trop agréable 9*).
       Je mehr  ich mir  die Sache überlege, desto praktischer erscheint
       mir das  Anfangen mit  dem Historischen.  Sois donc  un peu  com-
       merçant, cette fois! 10*)
       Was meine  Proudhon-Glossen [260] angeht, so sind sie zu unbedeu-
       tend, als  daß damit  viel anzufangen  wäre. Es würde wieder gehn
       wie bei  der "Kritischen Kritik" 11*), wo ich auch ein paar Bogen
       schrieb, weil  auf eine  Broschüre gerechnet  wurde, und  Du  ein
       gründliches Buch  von 20 Bogen draus machtest, worin meine Wenig-
       keit sich  sehr komisch  ausnahm. Du  würdest doch wieder so viel
       dazu tun,  daß mein Anteil, ohnehin nicht der Rede wert, ganz vor
       Deiner schweren  Artillerie verschwände.  Sonst hätte  ich nichts
       dagegen, als  daß Deine Historie mit Löwenthal viel wichtiger und
       dringender ist.
       Dein F. E.
       [Manchester] 27.Nov. 51
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       8*) hinausgezögert -  9*) Dich dreinschicken, was nicht allzu an-
       genehm ist  - 10*) Sei  doch diesmal  ein wenig  Geschäftsmann! -
       11*) "Die heilige Familie"

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