Quelle: MEW 27 Briefe Februar 1842 bis Dezember 1851
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#399# 3 - Marx an Arnold Ruge - 20. März 1842
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Marx an Arnold Ruge
in Dresden
Trier, den 20ten März [1842]
Lieber Freund!
Die Novizen sind die Frömmsten, wie Sachsen ad oculos 1*) be-
weist.
Bauer 2*) hatte einmal in Berlin eine ähnliche Szene mit Eichhorn
wie Sie mit dem Minister des Innern 3*). Die oratorischen Figuren
dieser Herren sehn sich so ähnlich, wie ein Ei dem andern. Dage-
gen ist es eine Ausnahme, daß die Philosophie verständlich mit
der Staatsweisheit dieser hochbeteurenden Schurken spricht, und
selbst etwas Fanatismus schadet nichts. Nichts ist diesen weltli-
chen Vorsehungen schwerer glaublich zu machen als der Glauben an
die Wahrheit und die geistige Gesinnung. Es sind so skeptische
Staatsdandys, so routinierte Stutzer, daß sie nicht mehr an wahre
interesselose Liebe glauben. Wie soll man nun diesen Roués bei-
kommen als mit dem, was droben Fanatismus heißt? Ein Gardelieu-
tenant hält einen Liebhaber, der ehrliche Absichten hat, für
einen Fanatiker. Sollte man darum nicht mehr heiraten? Es ist
merkwürdig, wie der Glaube an die Vertierung der Menschen Regie-
rungsglauben und Regierungsprinzip geworden ist. Doch das wider-
spricht der Religiosität nicht, denn die Tierreligion ist wohl
die konsequenteste Existenz der Religion, und vielleicht wird es
bald nötig sein, statt von der religiösen Anthropologie von der
religiösen Zoologie zu sprechen.
Soviel wußte ich schon, als ich noch jung und gut war, daß die
Eier, die man in Berlin legt, keine Leda-Eier, sondern Gänse-Eier
sind. Etwas später kam die Einsicht, daß es Krokodilseier sind,
so z.B. das neueste Ei, wodurch angeblich auf Antrag der rheini-
schen Stände die ungesetzlichen Beschränkungen der französischen
Gesetzgebung betreffs Hochverrats etc. Beamtenvergehn aufgehoben
sind. [314] Diesmal aber, weil es sich von objektiven gesetzli-
chen Bestimmungen handelt, ist der Hokuspokus so dumm, daß die
dümmsten rheinischen Juristen ihn sofort durchschaut haben.
Zugleich hat Preußen das gewiß naive Bewußtsein ausgesprochen,
daß die Öffentlichkeit
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1*) augenfällig - 2*) Bruno Bauer - 3*) von Rochow
#400# 3 - Marx an Arnold Ruge - 20. März 1842
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der Gerichtsverhandlungen das Ansehn und den Kredit der preußi-
schen Beamten aufs Spiel setzen würde. Das ist doch einmal ein
rundes Bekenntnis. Unsere rheinischen Schreibereien über Öffent-
lichkeit und Mündlichkeit laborieren alle an einem Grundübel. Die
ehrlichen Leute beweisen fort und fort, daß dies keine politi-
schen, sondern bloß rechtliche Institutionen, daß sie Recht und
nicht Unrecht seien. Als wenn es sich darum handelte! Als wenn
das Schlimme an diesen Einrichtungen nicht eben darin bestände,
daß sie Recht sind! Ich hätte große Lust, das Gegenteil zu bewei-
sen, nämlich daß Preußen Öffentlichkeit und Mündlichkeit nicht
einführen darf, weil freie Gerichte und ein unfreier Staat sich
nicht entsprechen. Ebenso müßte man Preußen eine große Eloge von
wegen seiner Frömmigkeit halten, denn ein transzendenter Staat
und eine positive Religion gehören zusammen wie ein Taschengott
zu einem russischen Spitzbuben.
Der Bülow-Cummerow läßt, wie Sie aus den chinesischen Zeitungen
[315] ersehn haben werden, seine Feder mit seinem Pfluge koket-
tieren [316]. O über diese ländliche Kokette, die gemachte Blumen
trägt! Ich glaube, Schriftsteller von dieser irdischen Stellung,
die Stellung auf dem Acker ist doch wohl irdisch, wären er-
wünscht, noch erwünschter, wenn künftig der Pflug für die Feder
dächte und schriebe, die Feder dagegen Frondienste als Revanche
verrichtete. Vielleicht kömmt es dahin bei der jetzigen Uniformi-
tät der deutschen Regierungen, doch je uniformer die Regierungen,
je vielformiger sind heutzutage die Philosophen, und hoffentlich
besiegt das vielformige Heer das uniforme.
Ad rem 4*), denn die Politika gehören bei uns biedern moralischen
Deutschen zu den Formalia, woher Voltaire schon herleitet, daß
wir die gründlichsten Lehrbücher über öffentliches Recht besit-
zen.
Also was die Sache betrifft, so habe ich gefunden, daß der Auf-
satz "über christliche Kunst", der jetzt umgewandelt ist in "über
Religion und Kunst mit besondrer Beziehung auf christliche
Kunst", total zu reformieren ist, indem der Posaunenton, worin
ich redlich erfüllt hatte : "D e i n W o r t ist meines Fußes
Leuchte, und ein Licht auf meinem Wege. Du machst mich mit Deinem
Gebot weiser, denn meine Feinde sind, denn Deine Zeugnisse sind
meine Rede, und Er, der Herr wird aus Zion brüllen" [317], dieser
Posaunenton samt der lästigen Gefangenschaft in Hegels Darstel-
lung jetzt mit einer freieren, daher gründlicheren Darstellung zu
verwechseln ist. In einigen Tagen muß ich nun auch nach Köln rei-
sen, wo ich mein neues Domizil
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4*) Zur Sache
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aufschlage [318], da die Nähe der Bonner Professoren mir uner-
träglich ist. Wer will immer mit geistigen Stinktieren konversie-
ren, mit Leuten, die nur lernen, um neue Bretter an allen Ecken
der Welt zu finden!
Also aus diesen Umständen könnte ich die Kritik der Hegelschen
Rechtsphilosophie wohl für die nächsten "Anekdota" nicht mit-
schicken (da sie auch für die "Posaune" geschrieben war), die Ab-
handlung über religiöse Kunst verspreche ich bis Mitte April,
wenn Sie so lange warten wollen. Es wäre mir um so lieber, da ich
von neuem point de vue 5*) die Sache betrachte, auch als Anhangs-
kapitel einen Epilog de Romanticis 6*) gebe. Ich werde einstwei-
len tätigst, um goethisch zu sprechen, an der Sache fortarbeiten
und Ihre Bestimmung abwarten. Wollen Sie mir gefälligst hierüber
nach Köln schreiben, wo ich anfangs nächsten Monates sein werde.
Da ich daselbst noch kein bestimmtes Domizil habe, bitte ich, mir
den Brief unter der Adresse von Jung einzusenden.
In der Abhandlung selbst müßte ich notwendig über das allgemeine
Wesen der Religion sprechen, wo ich einigermaßen mit Feuerbach in
Kollision gerate, eine Kollision, die nicht das Prinzip, sondern
seine Fassung betrifft. Jedenfalls gewinnt die Religion nicht da-
bei.
Von Koppen habe ich lange nichts gehört. Haben Sie sich noch nie
an Christiansen in Kiel gewandt? Ich kenne ihn nur aus seiner rö-
mischen Rechtsgeschichte, die indes auch manches über Religion
und Philosophie überhaupt enthält. Er scheint ein sehr vorzügli-
cher Kopf, obgleich er damals, wenn er an eigentliches Philoso-
phieren kommt, ganz erschrecklich unverständlich und formell
schreibt. Vielleicht schreibt er jetzt auch Deutsch. Sonst
scheint er à la hauteur des principes 7*).
Ich freue mich sehr, Sie hier am Rhein zu sehn.
Ihr Marx
Bauer schreibt mir soeben, daß er wieder nach dem Norden will, in
der törichten Meinung, seinen Prozeß contra preußische Regierung
daselbst besser führen zu können. Berlin liegt zu nahe bei
Spandau. Jedenfalls ist es gut, daß Bauer die Sache nicht so hin-
gehn läßt. Wie ich hier von meinem künftigen Schwager 8*), einem
Aristokraten comme il faut 9*), erfahre, ärgert man sich in Ber-
lin am meisten über Bauers bonne foi 10*).
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5*) Standpunkt - 6*) über die Romantiker - 7*) auf der Höhe der
Prinzipien - 8*) Ferdinand von Westphalen - 9*) wie er sein muß -
10*) Vertrauensseligkeit
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