Quelle: MEW 27 Briefe Februar 1842 bis Dezember 1851
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#402# 4 - Marx an Arnold Ruge - 27. April 1842
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Marx an Arnold Ruge
in Dresden
Bei Maschinenmacher Krämer
Bonn, den 27. April [1842]
Lieber [...] 1*)
Sie müssen nicht ungeduldig werden, wenn meine Beiträge sich noch
einige Tage, aber n u r w e n i g e Tage noch verziehn. Bauer
2*) wird Ihnen vielleicht mündlich mitteilen, wie sehr dieser Mo-
nat durch allerlei äußeren Wirrwarr mir das Arbeiten fast unmög-
lich machte.
Dennoch bin ich beinahe fertig. Ich werde Ihnen vier Aufsätze
einsenden: 1. "über religiöse Kunst", 2. "über die Romantiker",
3. "das philosophische Manifest der historischen Rechtsschule",
4. "d i e p o s i t i v e n P h i l o s o p h e n", die ich
ein wenig gekitzelt habe. Die Aufsätze hängen dem Inhalt nach zu-
sammen. [319]
Den Aufsatz über religiöse Kunst erhalten Sie in einem Duodezaus-
zug, da die Sache unter der Hand beinahe zu einem Buch herange-
wachsen ist und ich in allerlei Untersuchungen hineingeraten bin,
die noch längere Zeit hinnehmen werden.
Meinen Plan, in Köln zu residieren, habe ich aufgegeben, da das
Leben mir dort zu geräuschvoll ist und man vor lauter guten
Freunden nicht zur bessern Philosophie kömmt.
Der "Rheinischen Zeitung" [22] habe ich einen langen Aufsatz über
unsren letzten rheinischen Landtag mit einer frivolen Introduk-
tion über die "Preußische Staats-Zeitung" zugesandt. 3*) Bei Ge-
legenheit der Preßdebatten komme ich wieder auf Zensur und Preß-
freiheit zurück von andren Gesichtspunkten aus.
Einstweilen wird also Bonn meine Stätte bleiben, und es wäre auch
schade, wenn niemand hierbliebe, an dem die Heiligen ein Ärgernis
nehmen.
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1*) Der Name ist im Original von unbekannter Hand unkenntlich ge-
macht - 2*) Bruno Bauer - 3*) "Die Verhandlungen des 6. rheini-
schen Landtags. Von einem Rheinländer. Erster Artikel: Debatten
über Preßfreiheit und Publikation der Landständischen Verhandlun-
gen"
#403# 4 - Marx an Arnold Ruge - 27. April 1842
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Gestern kam der Hasse aus Greifswald an, an dem ich nie etwas an-
dres als seine großen Landpfarrerstiefel bewundert habe. Er
sprach auch ganz wie ein Landpfarrerstiefel, wußte von Gott und
der Welt nichts, präpariert die Ausgabe eines mehrbändigen Buchs
über den langweiligen Anseimus von Canterbury, woran er 10 Jahre
gesessen [320], meint, die jetzige Kritik sei ein Moment, was
überwunden werden müsse, spricht von der Religiosität als einem
Produkt der Lebenserfahrung, worunter er wahrscheinlich seine ge-
deihliche Kinderzucht und seinen dicken Bauch versteht, denn
dicke Bäuche machen allerlei Erfahrungen und, sagt Kant, wenn's
nach hinten geht, wird's ein F., wenn nach oben, eine religiöse
Inspiration. Der fromme Hasse mit seinen religiösen Verstopfun-
gen!
Was wir hier aus Ihren Briefen über den Vatkeschen Mangel an
"vollem Herzen" erfahren haben, war uns höchst ergetzlich. Dieser
superkluge diplomatische Vatke, der so gern der größte Kritiker
und der größte Gläubige wäre, der es immer am besten weiß, hat
nun für die eine Partei kein Herz und für die andre keinen Kopf.
Hic jacet 4*) Vatke, ein denkwürdiges Beispiel, wohin die Sucht
zum Kartenspiel und zur religiösen Musik führt.
Der Fichte 5*), der sich hier in den Mantel seiner Unpopularität
einhüllt, hat das halb zweideutige Gerücht verbreitet, daß er
nach Tübingen berufen. Die Fakultät entspricht seinem Wunsche
nicht, ihn durch Gehaltszulage zu fesseln.
Sack reiste in aller Frömmigkeit nach Berlin, um auf die Ver-
rücktheit seines Bruders zu spekulieren und dessen Stelle zu ro-
gieren 6*).
Nichts als Krieg und Liederlichkeit, sagt Thersites, und wenn man
der hiesigen Universität keine Kriege vorzuwerfen hat, so fehlt's
wenigstens an Liederlichkeit nicht.
Wollen Sie Ihre Reise an den Rhein nicht einmal durchführen?
Ihr Marx
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4*) Hier ruht - 5*) Immanuel Hermann von Fichte - 6*) beantragen
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