Quelle: MEW 27 Briefe Februar 1842 bis Dezember 1851


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       #405# 6 - Marx an Arnold Ruge - 9. Juli 1842
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       Marx an Arnold Ruge
       in Dresden
       
       Trier, den 9ten Juli [1842]
       Lieber Freund!
       Wenn nicht  die Ereignisse  mich entschuldigten,  würde ich jeden
       Versuch einer  Exkuse aufgeben.  Es versteht sich von selbst, daß
       ich es  mir zur  Ehre anrechne,  an den "Anecdotis" mitzuarbeiten
       und nur durch unangenehme Äußerlichkeiten von der Einsendung mei-
       ner Beiträge kohibiert worden.
       Seit dem Monat April bis heute habe ich im ganzen vielleicht nur,
       aufs höchste,  4 Wochen,  und diese  nicht einmal ununterbrochen,
       arbeiten können.  6 Wochen mußte ich wegen eines neuen Todesfalls
       in Trier zubringen, die übrige Zeit war zerstückelt und verstimmt
       durch die  allerwidrigsten  Familienkontroversen.  Meine  Familie
       legte mir  Schwierigkeiten in den Weg, die mich trotz ihres Wohl-
       standes momentan  den drückendsten  Verhältnissen aussetzten. Ich
       kann Sie  unmöglich mit der Erzählung dieser Privatlumpereien be-
       lästigen; es  ist ein  wahres Glück,  daß die öffentlichen Lumpe-
       reien jede  mögliche Irritabilität für das Private einem Menschen
       von Charakter  unmöglich machen.  Während dieser Zeit schrieb ich
       für die  "Rheinische", der  ich schon lange die Einsendung meiner
       Artikel schuldig  war etc.  etc. Ich  hätte Sie längst von diesen
       Intermezzos benachrichtigt,  wenn ich  nicht gehofft,  von Augen-
       blick zu  Augenblick meine  Arbeiten selbst  beendigen zu können.
       Ich reise  in einigen  Tagen nach Bonn und werde nichts anrühren,
       bis ich  die Beiträge  für die  "Anekdota" beendigt.  Es versteht
       sich, daß  ich bei  dieser Sachlage  vorzugsweise das "über Kunst
       und Religion"  nicht so  gründlich ausarbeiten  konnte,  wie  der
       Stoff es erheischt.
       Glauben Sie übrigens nicht, daß wir am Rhein in einem politischen
       Eldorado leben.  Es gehört  die konsequenteste Zähigkeit dazu, um
       eine Zeitung  wie die  "Rheinische" durchzuschlagen. Mein zweiter
       Artikel über  den Landtag, betreffend die kirchlichen Wirren, ist
       gestrichen. [322]  Ich habe darin nachgewiesen, wie die Verteidi-
       ger des  Staats sich auf kirchlichen und die Verteidiger der Kir-
       che sich auf staatlichen Standpunkt gestellt. Dieser
       
       #406# 6 - Marx an Arnold Ruge - 9. Juli 1842
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       Inzident ist  der "Rheinischen"  um so  unlieber, als  die dummen
       kölnischen Katholiken  in die Falle gelaufen und die Verteidigung
       des Erzbischofs  1*) Abonnenten gelockt hätte. Sie haben übrigens
       schwerlich eine  Vorstellung, wie  niederträchtig die Gewaltleute
       und wie  dumm zugleich  sie mit dem orthodoxen Dickkopf 2*) umge-
       sprungen sind.  Aber der Erfolg hat das Werk gekrönt; Preußen hat
       dem Papst  3*) vor  aller Welt  die Pantoffel  geküßt, und  unsre
       Regierungsmaschinen gehn  über die  Straßen, ohne zu erröten. Die
       "Rheinische Zeitung" nimmt jetzt wegen des Artikels Rekurs. Über-
       haupt beginnt  der Kampf für sie. In der "Kölnischen Zeitung" hat
       der Schreiber der Leadingartikel, Hermes, Ex-Redakteur der ehema-
       ligen politischen  "Hannoverzeitung", die Partei des Christentums
       gegen die  philosophischen Zeitungen  in Königsberg  und Köln er-
       griffen. Wenn  der Zensor nicht wieder einen Streich spielt, wird
       in dem  nächsten Beiblatt eine Replik von mir erscheinen 4*). Die
       religiöse Partei  ist am  Rhein die gefährlichste. Die Opposition
       hat sich  letzter Zeit  zu sehr  gewöhnt, innerhalb der Kirche zu
       opponieren.
       Wissen Sie was Näheres von den sogenannten "Freien" [15]? Der Ar-
       tikel in  der "Königsberger"  war mindestens  nicht diplomatisch.
       [323] Ein anderes ist, seine Emanzipation erklären, was Gewissen-
       haftigkeit ist,  ein anderes,  sich im voraus als Propaganda aus-
       schreien, was  nach Renommisterei  klingt und  den Philister auf-
       bringt. Und  dann, bedenken  Sie diese  "Freien", ein  Meyen etc.
       Doch allerdings,  wenn eine  Stadt, ist Berlin zu dergleichen Un-
       ternehmungen geeignet.
       Der kölnische  Hermes wird  mich wohl in Polemik fortlaufend ver-
       wickeln, und so ignorant, seicht und trivial der Kerl ist, so ist
       er doch eben durch diese Qualitäten der Herold des Philistertums,
       und ich  habe vor, ihn nicht fortschwatzen zu lassen. Die Mittel-
       mäßigkeit darf  nicht länger das Privilegium der Unangreifbarkeit
       geben. Hermes wird mir auch mit den "Freien" auf den Hals rücken,
       von denen  ich leider  auch nicht  das geringste Sichere weiß. Es
       ist ein  Glück, daß  Bauer 5*)  in Berlin ist. Er wird wenigstens
       keine "Dummheiten"  begehn lassen, und das einzige, was in dieser
       Sache  (wenn   sie  wahr   ist  und   kein  bloßer  absichtlicher
       Zeitungsversuch) mich beunruhigt, ist die Wahrscheinlichkeit, daß
       die Berliner  Fadheit irgendwie  ihre gute Sache lächerlich macht
       und diverse  "Dummheiten" bei dem Ernst nicht entbehren kann. Wer
       so lang  unter diesen  Leuten war,  wie ich, wird diese Besorgnis
       nicht ungegründet finden.
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       1*) von Droste-Vischering - 2*) Friedrich Wilhelm III. - 3*) Gre-
       gor XVI.  - 4*) "Der  leitende Artikel in Nr. 179 der 'Kölnischen
       Zeitung'" - 5*) Bruno Bauer
       
       #407# 6 - Marx an Arnold Ruge - 9. Juli 1842
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       Was machen Ihre "Jahrbücher" ?
       Da Sie  mitten im  Fokus der  philosophischen  und  theologischen
       Neuigkeiten sitzen,  so wünschte  ich nichts  mehr, als von Ihnen
       einiges über  die gegenwärtige  Lage zu  erfahren. Man sieht hier
       zwar den Stunden-, aber nicht den Minutenzeiger.
       Der alte  Marheineke scheint  es für nötig gehalten zu haben, die
       gänzliche Impotenz des Althegeltums vor aller Welt zu dokumentie-
       ren. Sein Votum ist ein Schandvotum. [324]
       Werden die  Sassen auf  diesem Landtag nicht die Zensur denunzie-
       ren? Schöne Konstitutionalitäten.
       Mit der Hoffnung, bald von Ihnen zu hören
       Ihr Marx
       Der Rutenberg beschwert mein Gewissen. Ich habe ihn an die Redak-
       tion der  "Rheinischen" gebracht,  und er  ist gänzlich impotent.
       Über kurz oder lang wird man ihm den Weg weisen.
       Im Fall  der erzbischöfliche Aufsatz nicht das Imprimatur von der
       höheren Zensurpolizei erhält, was raten Sie? Gedruckt muß er wer-
       den, 1.  unsres Landtags,  2. der  Regierung, 3. des christlichen
       Staats wegen. Soll ich ihn vielleicht Hoffmann und Campe zuschic-
       ken? Für die "Anekdota" scheint er mir nicht geeignet.

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